stan
lafleur
LETZTE
WORTE?
Für
sein Monologstück "Hitlers letzte Rede" läßt
der Karlsruher Autor und Liedermacher Heinz Ratz den großen seitengescheitelten
Diktator aus dem Zwielicht zeitgenössischer Demokratie ins Rampenlicht
treten, um ein paar jederzeit gern unterschlagene Gesellschafts-Phänomene
herauszuposaunen: Austauschbarkeit von Ideologien, Machtwillen versus
schäfisches Massenverhalten und willkürliche Dehnbarkeit von
Moralbegriffen sind die Themen dieses Einakters.
Klasse schon der Buchumschlag, gestaltet von Reinhard Kleist: Selbstbewußt,
mit konzentrierter Miene und knalliger Pappnase steht des gemäßigten
Deutschen Inbegriff vom Despoten hinterm Standmikro und fixiert - ja
wen eigentlich? Sich, uns? Vermutlich alle, mal abwechselnd, mal zusammen,
genau wie im Verlauf der eigenwilligen Rede, zu der das scheinbar abgetakelte
Phantom sogleich anhebt. Schließlich handelt es sich um eine Eroberernatur,
die vor nichts und niemand - mal abgesehen von sich selbst - haltmacht.
Also gibt Hitler eine scharfe Rede, mit Vokabeln der Moderne aufgefrischt,
eine Rede voller starker stichelnder Sätze, eine Rede, die man
deswegen ungern anhören mag. Allzuschnell fühlt man sich allzudirekt
angesprochen. Ein guter Schuß Wahnsinn macht die Chose bekömmlicher.
Folgende Szenerie gilt es sich vorzustellen: Auf der Suche nach einem
ebenbürtigen Gegner tourt Adolf Hitler ein letztes Mal durch die
heutige Bundesrepublik, das Kernland seines einstigen Reichs. Müde
gleichwie siegesgewiß ahnt Hitler, daß dieser Gegner "der
sagt: ich rette die Welt...!" ihm nirgendwo entgegentreten wird.
Wie einst im Mai analysiert er den Status quo der Gesellschaft: "Heißgelaufene
Fernseher, brave Studenten, Banklehrlinge, eine Ablenkungsindustrie
ohnegleichen und weil das nicht genügt: die Gehirne im Bierbad,
im Drogennebel, im übelsten Dunst esoterischer Selbstbeweihräucherung
(...). Und daraus (...) soll eine Idee geboren werden, mächtig
genug, den Absturz der Menschheit aufzuhalten? Ihre Jugend ist morbide,
kraftlos und ohne Einfälle. Sie gibt nicht im geringsten zu Hoffnungen
Anlaß!"
Unversehens findet sich das Publikum in der Defensivrolle. Mit Schwung
und gradezu aufs Ziel läßt Ratz seinen Hitler abledern, da
bekommt jeder sein Fett weg, natürlich auch der Deutsche an sich:
"Maschinenmensch oder Idealist! Diese Weißwurst- und Knödelfresser
und Bierschlürfer und Wirtsstubenhelden! Wie kann man behaupten
ich hätte die gemocht?"
Hitlers munteres Starkstrompalaver kurvt waghalsig voran, streift, was
zu streifen ist, der Meister aus Braunau sieht sich als universeller
Erneuerer und Verbesserer "(...) in eine Reihe zu stellen mit den
großen Wertschaffern und Wertzerstörern der Menschheit -
am besten gleich neben Christus", ein nietzscheanischer Großsprecher
und Blender, sich seiner Macht qua Rhetorik bewußt: Die Masse
ist bereit zu Folgsamkeit. Punkt. Doch gegen Ende gerät der Rhetor
ins Schlingern.
Daß das Stück mit einer gehörigen Portion politisch
motivierter Wut angemischt ist, macht es wuchtig. Hitlers gegen Redeschluß
zunehmende Verwirrtheit schwächt die darin enthaltenen Anklagen
auf ein Maß "menschlichen" Betrachtens ab. Die wirklich
großen Ideen bleiben Göttersache. Mit Menschen lassen sie
sich schonmal garnicht umsetzen.
Der Band ist ergänzt um ein fingiertes Interview, das den privaten
Blick des Autors auf sein Werk anbietet, sowie einen Essay "Von
der zuweilen notwendigen Obszönität historischen Begreifens"
von Alessandro Topa.
Heinz Ratz: Hitlers letzte Rede, Verlag Edition AV, Frankfurt am
Main 2003 (ISBN 3-936049-17-3)