| *Ingo
Jacobs 01.04.01
OFF AIR II
Rückkopplung (3)
Ständig
und unentwegt redete er darüber. Mit sich, mit anderen. Und ging
schnell allen auf die Nerven. Meistens auch sich selbst. Wer waren die
anderen? Ständig hält er Monologe, hieß es. Die Dialogblasen
im Kopf zerknallen, heraus quillt ein endloser Faden, eine Verkettung
von Argumenten: Warum alles gut enden mußte. Warum er sich nicht
hatte täuschen können: R. sucht einen Liebesbeweis. Er fühlte
sich wohl dabei, als sei das Reden über sein Begehren das Begehren
selbst. Erst Brainsex, dann Mundsex. Erst nach Erschöpfung der Rede,
nach Abschluß der Kette: Ein Würgen am platzenden Ende. Plop.
Nichts. Leere. Da war gar nichts. Er hatte nur gesprochen. Konnte man
nicht darüber reden? Man konnte nicht, denn je mehr man darüber
redete, desto mehr verschwand sie. Um anschließend um so mächtiger
wieder aufzutauchen. Verbal nicht niederzuringen, eine solche Liebe. Was
verschwand? R. war aufgeregt, war aufgeregt wie lange nicht mehr. Dabei
würden bis zur Geburtstagsparty noch drei Wochen vergehen. Wenn er
aber nur daran dachte, war er gleich in heller Aufregung, er stellte sich
vor, wie die Party-Räumlichkeiten wohl aussehen könnten, wieviele
Gäste dort sein würden, welche Musik gespielt würde...
In erster Linie aber stellte er sich vor: Was er ihr alles erzählen
würde. Als handele es sich um eine Prüfung: Was ist potentiell
richtig, was ist potentiell falsch? Sogar Betonungen wurden einstudiert,
im Kopf. Er kannte das, aus Filmen. Dann merkte er, wie albern das war.
Sollte er ein Geburtstagsgeschenk besorgen? So gut kannte er sie nun doch
nicht. Blumen? Völlig wahnsinnig, wie kam er bloß darauf? Nein,
es würde wohl besser sein, einfach nur aufzukreuzen, Tag zu sagen,
sich erst einmal bedeckt zu halten, sich zurückzuziehen, ein Gespräch
zu suchen, um sich dann allmählich wieder auf den Weg zu machen,
auf den Weg zu dem Ort, an dem sie stand und plauderte, vermutlich. Vielleicht
würde es ja aber auch ganz anders kommen: Sie würde vielleicht
ihn suchen, nachdem sie sich erst einmal ihren anderen Gästen gewidmet
hatte, würde sich einen Moment aussuchen, an dem jeder schon mit
einer guten Portion Aufmerksamkeit bedacht worden wäre, um sich dann
schließlich ganz ihm zu widmen. Jahaa, so stellst du dir das vor!
Da entstand eine Welt, und eine Zeit vor seinem inneren Auge, in jedes
neue Engramm die Bewegung eines Wunsches eingraviert. Wer verschwand also,
wo doch niemand anwesend war? R. bewegte sich in einer unsicheren Fülle.
*Tobias
Schoofs 04.04.01
nässe, meinen karnickel im gras.
ich bin nicht clean, nicht trocken
hinter den ohren. geständnisse
beim tee, durchaus erregt, mein mund
ein wolkenbruch, & heftig
schmilzt der schnee, das
paradies erst heute morgen
unter die zunge gespritzt.
nässe, meinen skeptisch karnickel im gras.
alpträume manchmal, schweißausbrüche, die alles verschlingen,
von
der decke ein schnarchen zer
bricht die signifikate (der laut ist
dem laut ein wolf).
nässe, gebe ich zu, zur
beruhigung das alphabet auf
gesagt, glottal stop vor jedem
laut
*Ingo
Jacobs 05.04.01
FAZ SUBJEKT
kriegserklärungen
FAZ-Headline:
"Kein Waffenstillstand ... in Sicht"
vom 22.3.2001
verlierer
murmeln während die kugel
rollt. das spiel & die nachbarskinder:
grenzübertretung, staatengründung,
im vorgarten
die belgische flagge
gehisst & selbstgebastelte terrarien
in die neuen territorien genagelt -
kriegserklärungen
nachdem meine hand auf ihrer brust
beiseitegeschoben.
*Tobias
Schoofs 06.04.01
die blicke im bodn ver
senkt der vergebliche schau
lauf der landschaft ihr
hüftgewiege ihr winkn mit zweign
und gras eine clownerie der
verführungsgestn generv die texte
das wusst ich leistn
nur wenig simandln vor
verschlossnen ohrn dem mund
vergeht die herrlichkeit ein
stinkndes loch in der
landschaft ein höllntor
in das man besser rein
stopft als was raus
zu kitzln iss ritz
nicht noch mit dem besteck
deine zeichn ins tisch
tuch sie lockn nichts
aus eim trägn herzn.
*Ingo
Jacobs 07.04.01
EXPRESS SUBJEKT
die tote des tages
Express Nackte des Tages:
Nicht vorhanden / 29.3.2001
irgendwann
gibt es die ersten toten.
die zeitungen können darüber nichts
schreiben. es vollzieht sich jenseits
aller objektive:
die landschaften
unserer körper, als unbemannte
karten, im kopf. die spuren des
vergessens,
die eingestanzten.
*Tobias
Schoofs 20.04.01
1
ganz schön ruhig im roundabout. alle im urlaub? krank? im büro
des produzenten? soll ich mir eine provokative these ausdenken - sagen
wir mal, über norbert hummelt? à propos: habe in der aktuellen
edit (papier für neue texte) ein paar zeichen im schnee gelesen.
mindestens ein text gefiel mir ziemlich gut. +punkte sind: atmosfärische
dichte, thematische bescheidenheit, ein eleganter, fast subtiler stil,
v.a. was die reime angeht. -punkte: amsel, drossel, fink und star der
lyrikszene. die klassischen metafern kommen doch etwas fett aufgetragen
daher. kann mir auch vorstellen, dass man das ganz furchtbar zerlesen
kann. letztlich habe ich aber den eindruck, dass es nicht nur um karrierismus
geht, zu dessen gunsten norbert andere dinge aufgegeben hat (das klang
bei rené & ingo an). vielmehr habe ich den eindruck, dass es
eine orientierungslosigkeit gibt, die zu den guten alten (macht)polen
zurückzieht, also der romantik, klassik etc. (kennt sich jemand mit
polnischer klassik aus?) ich glaube, in derselben spannung stecken wir
alle mehr oder weniger.
2
INSEKTN
gekerbtes holz. der buchnbaum.
dies mein wie ganz zerpeitschter rückn.
worauf man staatsgebau errichtn
will wie in den sand gesetzt
und diese hingewürfltn zum
schriftverkehrt getauschtn oder
tauschgeschäft verkehrtn und zwar
in familiärer tracht wonach
mich niemand um erlaubnis fragte
und die liebesfähigkeit
die man somit bei mir entfachte
sei dahingestellt: die knochn.
so sprech ich selbst den kerb- und panzer
tieren gleich in tanz und samen.
*René
Hamann 21.04.01
führers geburtstag
wir feiern einjähriges jubiläum in einem
amerikanischen diner auf den
im raum verteilten zwanzig monitoren
läuft ein italienischer neorealismusfilm
das haben wir schon mal gesehen jetzt
sitzt der pilot alleine im wagen & fährt
die lauschigen landstraßen ab kein
gegenverkehr nichts der klassiksender
spielt fahrstuhlmusik aus den fünfzigern
der richtige soundtrack für diesen
prälibertinären plot
das erwischen
& erwischen lassen
hebt sich auf wir sitzen uns
gegenüber schlürfen an den shakes
mit drapierten mini-paraplus eine
weiß uniformierte bedienung po
sitioniert sich redet unablässig
in ein mikrofon fordert die gäste
zum karaoke auf singen wir doch
breaking up
*Christian
Jansen 24.04.01
BANLIEU
1. Darstellung
form und riegel: solche trabanten gibts sonst nur im kino,
oder im zug zu ikea und Charly dem Gallier.
zwischen tournante wie in den konstruiertesten aller realen
welten, z.B.
le monde und auch france info
rmiert jeden nächsten morgen, und viols en réunion sirren
die signifikaten: schwer zu übersetzendes
(z.b. taspé),
vielleicht: "ampschl", was aber zu sehr an Antschel
erinnert. so Abdel: will (19) mit 25 eine
junge frau ... zum fellatio gezwungen ... aber wo find ich
die noch?
in grenzenlosem michverschenken
etwa? meist praktiken die ... dem riss der apfelhäutchen (die
mussten erst zerspringen) auf sozialisation ...
folgt auf
den lippen gewimmert gewispert getrocknetes durch ent
sprechende videos schließen lassen ... wie überfüllt
dieser luftraum ist von stimmen, sperma und ackerschollen (die wollte
mich
doch mit
erfüllung tränken). form ist wollust:
http://www.fellation-gratuite.com/
was wir jetzt brauchen ist
form ist klare härte ohn erbarmen
2. Quellen
- "F. Ch.": "Les viols collectifs rélèvent
la misère affective et sexuelle des cités". In : le
monde, mardi, 24 avril 2001, p. 10.
- France Info: "les informations à 8 heures". 105,5.
- Grünbein, Durs : "Falten und Fallen". In: ders.: Falten
und Fallen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 11994. Hier: 61996. S. 97.
- Grünbein, Durs : "Variation auf kein Thema [39]". In:
ders.: Falten und Fallen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 11994. Hier: 61996.
S. 49.
- Nietzsche, Friedrich: Nachlass. Publiziert hier in: Ders.: Nachlass.
Fragmente Mai-Juni 1883. Heft Mai-Juni 1883. Hrsg. von: The Nietzsche
Channel. http://thenietzschechannel.fws1.com/nach78.htm.
- Stadler, Ernst: "Form ist Wollust". In: Das große deutsche
Gedichtbuch. Neu hrsg. u. aktualisiert von Karl Otto Conrady. München;
Zürich: Artemis und Winkler, 1991. Hier: 41995. S. 446.
- http://www.fellation-gratuite.com/
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