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Roundabout April

Stan Lafleur: brasilianische fuszballer, 01.04.02

brasilianische fuszballer

seht, pelé spurtet vor dem ball
ueber den gekalkten rasen von maracaná
& hebt in einer alten s/w-aufnahme
erstmals die raumgesetze auf.
sechs seiner gegenspieler vermiszt!
der kleine garrincha, mit dem x-
& dem o-bein eines seltenen vogels
trinkt an der seitenauslinie palmwein
dessen macumba ihn befaehigt wirr
durch jubelnde alptraeume zu dribbeln.
mit dem wallenden haarschnitt
eines frischgeborenen engels
schieszt zico einen freistosz, der
in serpentinen auf das tor zieht
wo er gegen machtlose pfosten knallt.
aus den selvatischen hinterhoefen
der favelas schnellt, nur von derben
fouls unterbrochen, der athletische
ronaldo direkt in einen werbespot
seiner potenten ausruesterfirma.


altes foto von lew jaschin

lew jaschin, im flug, wie eine schwalbe
die schiebermuetze weich in seiner stirn
sinnbild russischer flugtechnik, vereint
mit der aesthetik sozialistischen realismus
lew jaschin, als finge er den globus ein
um ihn zu betrachten, sekundenlang
die erkenntnis unterbrochen vom pfiff
des referees: the show must go on


Rainer Junghardt: Einkäufers Traum, 04.04.02

Einkäufers Traum

Ich mach' Ablage und würde
mich am liebsten selbst ab
legen wo's schön ist und setzen
wo's warm ist geschmiegt an Kühler
grill zwischen was waren das noch
Hinges 's sind Scharniere solche
an Türen von Mondeos weltweiten
Wagen der Mittelklasse die nach
Brasilien fahren oder fährt oder
Argentinien fokussiert auf
weiße Strände gelegt fort
um noch mehr damit zu spielen
hell sich röten und gähnen
in einer Sonne angelehnt
an getriebene Träume

René Hamann: Der Ball ist rund, 05.04.02

nicht wirklich über Fußball, das Folgende, auch wenn sich - wie angeführt -Parallelen aufzeigen lassen. Fresh vom Bericht in die Mail geSTRG+Ct:

Allgemeinbildungsreserven, lustige Stammtischgespräche in der neuen Perspektive (#42, S.89-103), in der auch Sylvia Egger losposaunt ('diss me & don't miss me') und etwas zu viel Arno-Schmidt-Backlash herrscht. Selbst suche ich es - vor allem im Roundabout - zu vermeiden, die Klatschspalte zu bedienen, AutorInnengespräche aufs Persönliche zu reduzieren (sic!), aber: Warum eigentlich' Es macht Spaß, sowas zu lesen. Es lohnt sich wirklich.

Zunächst wird Luhmann zitiert:
'Man könnte vielleicht sagen: mißlungen ist ein Kunstwerk, wenn ein Beobachter die Kontrolle über das Zusammenspiel der Formen verliert; wenn er also nicht mehr erkennen kann, wie eine Formwahl über das, was sie vom Kunstwerk weiterhin fordert, mit den anderen zusammenhängt.' Hier also Analogie I - er spricht genauso vom Fußball wie von der
Dichtkunst. Das Mannschaftsgefüge muss stimmen, im Text, im Spiel, damit da was herauskommt - ein später Einwand zum Thema Ästhetik (bzw. Schönheit, lieber Tobias)!

Kommen wir aber zur Klatschspalte. Los geht's mit Lieblingskandidat Nr. 2 (Grünbein fällt nur in einem Nebenzusammenhang): 'Thomas Kling sollte man auch noch nennen. (...) Formal ist der die absolute Speerspitze. Der wird jetzt auch schon in der Zeit besprochen. Na und' Ich meine, das ist kein Zufall. Kling arbeitet seit Jahren darauf hin, in der Zeit besprochen zu werden. Das sind absolut Kanonisierungstendenzen. Für mich ist Kling ja kein Gegner. (...) Mein Vorwurf würde lauten: Ich glaube, ihm auf seine Masche gekommen zu sein, wie er seine Texte inhaltlich konzipiert. Er wird dabei immer plumper und fällt hinter sich selbst zurück. Er hat sich sozusagen selbst musealisiert.' Über sein Buch 'Botenstoffe': 'Das Interessante an dem Buch ist sein Versuch, sich so zu sehen, daß alle Wege auf ihn zulaufen - eine Linie von Oswald von Wolkenstein bis zu Thomas Kling! (...) Was gerade in den Botenstoffen unangenehm auffällt: Da ist ein relativ kleiner Klüngel, einige Namen sind schon gefallen, und man müßte beispielsweise noch Marcel Beyer nennen, und dieser Klüngel steht einander gegenseitig mit Lobhudelei zur Seite und betreibt eine doch sehr durchsichtige Lobbyarbeit. Das ist ein zu 100 Prozent vorhersehbares name dropping in diesen Aufsätzen. Es geht natürlich darum, kanonisiert zu werden.'

Dann wird auch mal so richtig daneben, d.h. ins Klo gegriffen:
'Was die deutsche Literatur in den Arsch getrieben hat, das sind doch eher Leute wie der Goetz, der schon froh ist, wenn er einem DJ den Plattenkoffer hinterhertragen darf und wenn auch mal ein Mädel für ihn abfällt. Abgesehen von der Popfraktion schleppst du als Autor eben nicht die geilen Weiber ab, genau das ist das Problem.' Unglaublich. Unglaublich dumm auch. Lustigerweise wird Goetz dann höchstpersönlich hintendran montiert: 'Jeden verstehe ich, mit allem bin ich einverstanden, alles ist toll.' Was wiederum sehr groß ist - der Humor einer solchen Äußerung scheint den Avantgardestammtischessern ab zu gehen. Ihnen fehlen die Frauen, die ihnen unten die Füße lecken. Aber zurück zum Innerbetrieblichen: 'Nachdem in den neunziger Jahren das Niveau in der Prosa so erbarmungslos gesenkt wurde, mit Texten, die angeblich wieder lesbar waren und diesen ganzen Popidioten, soll jetzt eine neue deutsche, 'lesbare' Lyrik auf dem Markt établiert werden. Einerseits sind diese Poetry-Slam-Affen im Kommen, die 'Lyrik' auf dem Niveau von deutschem Hiphop produzieren; für die, die's lieber schöngeistig haben, sind dann eben so Leute wie die Corino oder wie Jan Wagner zuständig.'

Also zuerst das übliche Poplitbashing, auch schon so eine Art Volkssport, der genauso ermüdend ist wie die Bücher von Stuckrad-Barre. Dass man auf die Slam-Affen haut, ist allerdings nachvollziehbar. Und Jan Wagner repräsentiert die 'neue lesbare Lyrik' - aha. Weiter geht's zum Ansatz 'Es gibt nur die Sprache, das Material': 'Die Sprache an sich ist doch überhaupt nichts, Sprache entsteht immer erst im Verhältnis zu einem Kontext. Die Sprache an sich ist nicht existent. Da kommt doch immer nur bürgerliche Klempnerei heraus - die Ödnis schlechthin; eine Haltung, die so konservativ ist wie ein Verein zur Wiedereinführung des Kaiserreichs.'

Juhu, es wird gehasst! Und tatsächlich noch ein Ansatz gefunden, der hoch gehalten wird: 'Mir hat mal jemand gesagt, in der perspektive seien verfeindete Lager nebeneinander präsent und das sei die Qualität der Zeitschrift. Wir versuchen eben, unsere Hefte lagerüberschreitend zu konzipieren, und auch unsere internen Debatten sind lange nicht so kuschelig (...) das Konzept perspektive wäre dann, unterschiedliche Schreibhaltungen einander zu konfrontieren. Mich hat die Fixierung (...) auf die eigene Nachbarschaft immer gestört. Was mir allzusehr benachbart ist, das hat mich eigentlich nie interessiert. Was macht eigentlich einer, der sich als Realist oder meinetwegen sogar als Popliterat versteht? Solche Fragen haben mich immer interessiert, diese Streubereiche.'

Kann ich unterschreiben. Gilt so meiner Meinung nach auch für das Roundabout. Das war die Idee, die dahinter steckte. Aber nach diesem kleinen Konsens-Intermezzo geht die Basherei weiter: 'Ich meine, wenn wir über Literatur sprechen, dann brauchen wir nicht über Stuckrad-Barre oder Tim Staffel oder weiß der Geier, wie die alle heißen, zu diskutieren. Ich diskutiere auch nicht über Karl Moik, wenn ich über zeitgenössische Musik diskutiere. Also diese Judith Hermann z.B., die ist einfach eine dumme Pute, die kann doch gar nichts dafür. Schlimm sind die Leute, die so einer 50.000 DM rüberschieben, die so eine Autorin 'machen'. Deine Rolle ist ja z.B. die des herausragenden Poeten, könnte man sagen. Da ist keine offensichtliche Widerständigkeit bei dir, sondern nur eine poetische. Du bist eine ehrliche Haut, du bewegst dich vorsichtig und du hast Angst vor Auseinandersetzungen. Du bist denen ungefährlich genug. So jemand wie Kling benutzt dich doch einfach.'

Dazu 2 Things:
1. Ich weiß gar nicht, was die alle gegen die Hermann haben. Dass sie nur ein Buch mit Erzählungen geschrieben hat, wird von beiden Seiten übersehen. Das Buch an sich ist gar nicht mal schlecht. Mir scheint: Es wurde nur auf den Hype geachtet - die eine, aktive Seite lobt Hermann in den Himmel, die andere Seite sieht den Hype und findet's scheiße, weil Hypes generell scheiße gefunden werden (müssen). Was hat das noch mit dem Buch zu tun' Nicht viel. Vielleicht hat außer Christian & mir hier noch jemand 'Sommerhaus, später' gelesen und weiß was darüber zu sagen'
2. 'Angst vor Auseinandersetzungen' etc.: Inwieweit erkennt man sich und seine Mitstreitenden da wieder' Eine Frage, die ich mir zuweilen - und inzwischen! - immer wieder stellen muss: Wo bleibt eigentlich der Hass' Aber weiter im perspektiven-Text (da wird er dann großartig serviert, ich lass das mal unkommentiert so stehen): 'Wir müssen jedenfalls damit rechnen, daß ein Christian Kracht einmal ein kanonisiertes Vorbild sein wird. So sieht es nämlich aus. Also, mir ist das Pathos dieser Idioten fremd, die glauben, sie müßten Friederike Mayröcker gegen Stuckrad-Barre verteidigen. Daß die Mayröcker den Büchnerpreis bekommen hat, ist doch in Ordnung! Ich glaube, ich wäre im Alter auch so.
Diese lächerliche Weinerlichkeit von dieser Frau halte ich nicht aus. Die ist einfach nur ein Messie. Ich würde die BSR (Berliner Stadtreinigung) rufen. Für 200 Mark räumen die dir die Wohnung aus. Wenn ich die Mayröcker wäre: Ich hätte in Darmstadt mit einem Diaprojektor den Sarg gezeigt, den ich mir jetzt mit dem Preisgeld kaufen kann. (...) Seht ihr denn keinen Wert darin, daß die Frau mit einem eisernen Willen durchhält' Die Frau kann nicht denken, das ist das Problem. Sie kann Zusammenhänge nicht erkennen, sondern nur poetisch verkleistern. Wenn ich Klings Preisrede höre, dann ist mir mittlerweile Reich-Ranicki lieber. (...) Ich meine, Darmstadt ist natürlich ein Pfuhl des Grauens, aber dann freut man sich doch, wenn's die Mayröcker wird. (...) Hauptsache Kanonisierung! Die sollen wissen, was Qualität ist! Die Kanonisierung betrifft doch den Text und nicht die Person. Bitte, davon können die doch leben. Wenn du vollständig kanonisiert bist, mußt du nie mehr bedienen gehen. Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, daß die Mayröcker wirklich am Hungertuch nagt, wie zu behaupten sie sich in Interviews nicht entblödet. Jetzt nach dem Büchnerpreis nicht mehr. Sie wollen da mitspielen um jeden Preis, sie wollen Bedeutung haben. Die Voraussetzung allerdings ist Kompatibilität zu den Spielbedingungen. Ich weiß nicht, das ist doch dieselbe Scheiße wie in einem Fußballverein.'

Womit der Anstoßkreis sich doch wieder geschlossen hätte. In der Verlängerung überreiche ich Stan Lafleur den Ror-Wolf-Gedächtniscup. Das macht ihm alle Ehre (vielleicht solltest du's tatsächlich mit einem Fußballgedichte-Band versuchen. So was verkauft sich immer). Auf mehr von den Fußballgedichten bin ich gespannt. Bis dahin verbleibe auch ich mit
einem Linktipp und wünsche weiterhin gutes Spiel,


Tobias Schoofs: futebol brasileiro, 06.04.02

das nächste gedicht ist immer das schwerste. allein das wiedererkennen, das zusammenpassen der dinge, die 'anschließbarkeit' machen einige zeilen aus stans fußballgedichten großartig. wie pelé die raumgesetze aufhebt z.b. oder die russische flugtechnik. aber insgesamt finde ich die texte doch schwach. mir missfällt der aufzählungsstil. v.a. der bolista brasileiro wirkt wie eine liste mit allem, was einem gerade zu brasilien und fußball einfäll. die poetik besteht nur darin, diese punkte nacheinander abzuarbeiten: palmwein, macumba, favela - fertig ist der erste text. elektrizität und sowjetmacht schon steht der zweite.

gut gefallen mir rainers getriebene träume von brasilien. das gedicht hat ein bescheidenes ziel und wird ihm gerecht. das gefällt mir. in anlehnung an mich selbst würde ich diese art zu schreiben marginalie nennen.

zurück zur schönheit des fußballs. ich nehme an, worauf rené anspielt, ist meine aussage, 'schönheit' sei nichts allgemein definierbares, sondern die begegnung eines individuellen blicks mit einer individuellen sache, die zusammen etwas schönes ergeben. dagegen kontert er jetzt ausgerechnet mit dem begriffskleid der systemtheorie. renés beobachtung, dass luhmann vom fußball genauso spricht wie von dichtkunst, ist richtig. luhmann spricht von allem gleich. ein rezensent des buches, aus dem das zitat, wie ich vermute, stammt, nämlich 'die kunst der gesellschaft', kam auf die witzige idee, luhmanns (übrigens extrem konservativen ansatz) auf den film 'from dusk till dawn' anzuwenden: '... wenn er also nicht mehr erkennen kann, wie eine formwahl über das, was sie vom kunstwerk weiterhin fordert, mit den anderen zusammenhängt.' soll luhmanns ansatz irgendwas bedeuten, gibt es gar keine möglichkeit als festzustellen, dass der film in dem moment die kontrolle über sich verliert, wo er sich von einem road- und gangstermovie in einen vampirfilm verwandelt. will man den film in luhmanns ansatz retten und eine innere stimmigkeit postulieren - weil so einfach ist ja gar nicht zu bestimmen, was eine erwartung über das nächste anzuschließende teil eigentlich erwartet und erwartenserwartet - erweist sich der ansatz als zu stark, um ein fußballspiel zu beschreiben. man müsste dann erwarten, dass mitten im spiel ein rennwagen auf den platz fährt, um mit karpow die eishockey weltmeisterschaft um die wette auszusmsen. dass es sich aufdrängt, die spielzüge eines mannschaftssports mit der generierung von sinn zu parallisieren, liegt m.e. darin begründet, dass beides von regeln, methoden und techniken sowie von zufall geprägt ist. ja: beides muss stimmen. und zwar IRGENDWIE. um andré breton anzuführen: 'zwischen dem was du wiedererkennst und dem was nicht: da ist dein ich.' die systeme, die so durch die weltgeschichte laufen, sind sehr verschieden. sie durch eine vereinheitlichte 'supertheorie' zu beschreiben, wird schnell langweilig und setzt den akzent einfach falsch. alles beginnt und lebt mit der differenz (hier bin ich ganz bei der systemtheorie), nicht mit der gemeinsamkeit.


UNKONZENTRIERTES GEDICHT
MIT CLAUDIA SCHIFFER

ich vögelte claudia schiffer von vorn
von hinten von seitlich von überall
her! sie hat soviele löcher - man wundert
sich dass da noch was zu fotografieren
bleibt! à propos: ich kenn jemand der wollte
foto-technik studiern ist aber dann nach
brasilien. ... claudia schiffer (räusper) war
mit mir auf der schule. da fällt mir ein
jemand den ich kenn hat denselben namen
wie jemand der mit mir zur schule ging.
... zurück zu claudia schiffer. wir vögelten
so geil! ich dacht dabei an jemand ganz
anders (den ich an dieser stelle auch
noch eben grüßen wollte: zwinker-zwinker)


EIN GLEICHES

schon lange lächelt sie nicht mehr von plakaten
auf uns herunter die titelseiten am kiosk
kommen ohne sie aus und neue stars
beleben die plätze auf denen sie jetzt fehlt

wie in andren sprachen der circonflexe
und das h wenn es nicht aspiriert wird. zeichen.
ein netz in dem ihr bild gefangen ist
oder ich. vermessene höllen. verweise.

die konnotationen ich weiß es hören nicht auf
als wenn sie mehr gewesen wär als mode
ein stern der über meinem leben stand

es ist als wenn sie ausgewandert wär
an orten wär wo's keine kameras gibt
irgendwo im hinterland brasiliens


Stan Lafleur, schlusz mit dem gewaesch, 07.04.02

tja, tobi, da musz ich mich wohl fragen, wie eine poetik des fuszballs aussaehe. tu ich aber nicht. den fuszball kapiert man entweder oder eben nicht. ich sage selten, dasz gedichte von mir wirklich gut sind, aber diese sinds. ich bin kein dichter der antritt theorien in verse umzumuenzen, sondern erlebte oder vorgestellte momente. leben. hier fuszball. hier geht es um magische momente & noch einiges mehr. ausblicke auf die gesellschaft/en. bis auf die paar brasilianischen begriffe/fremdwoerter sehr einfach & doch enorm poetisch ausgedrueckt & jedermann verstaendlich, der ein biszchen grips & sinn fuer fuszball & lyrik hat. diese gedichte sind schoen, auch wenn sie nicht auf jedes aesthetische konzept passen. da haben die poetologischen/aesthetischen konzepte fehler, nicht diese zeilen. & es lauern hinter manchen bezuegen krater, wie sie bernd schuster mit seinen paessen aufreiszen konnte.
warum aus groszartigen zeilen am ende doch schwache gedichte rauskommen: ich denke, es liegt an den lesern. ich kann mich nicht erinnern, im gedicht ueber lew jaschin von elektrizitaet geschrieben zu haben. aber herauslesen laeszt es sich offenbar. vielleicht im sinne von: vom gedicht (schwach) elektrifiziert werden' palmwein, macumba, favela waren spielern zugeordnet, auf die diese begriffe nach meinen informationen passen, nicht umgekehrt: irgendwelche brasilianischen stichworte ausm aermel geschuettelt & blind in die gegend gesetzt. dasz dir der aufzaehlungsstil miszfaellt, darueber kann ich nur milde laecheln. das ist so als wenn ich hingehen wuerde & sage: kein gedicht darf mehr als sieben mal den buchstaben o enthalten, sonst wirds automatisch zu rund.
nun ja, ich will dich wirklich nicht beleidigen, aber sobald du ans theoretisieren kommst, wird es fuer mich oft schwammig & unlogisch. dabei glaube ich nicht, dasz mir der intellekt abgeht, sondern vielmehr der wille, in jede theoretische fallgrube zu stuerzen. zb hier speziell zum thema fuszball: da muszt du schon ein biszchen mehr bringen, damit ich deine kritik ernstnehmen kann. das ist ein gebiet, das mich schon immer interessiert hat. das heiszt, wenn du denkst, dasz ich begriffe wie macumba, palmwein, favela hier dumm anwende, dann erzaehl mir warum garrincha & ronaldo damit nichts zu schaffen haben/hatten, anstatt einfach fahrlaessig ins blaue zu schieszen. dann kriegst du auch eine differenziertere erwiderung & am ende sehen wir, wer dem anderen noch was beibringen konnte. ich bin immer dankbar dafuer, was dazuzulernen. solang das nicht der fall ist, unterstellst du mir, dasz ich keine ahnung habe, wovon ich schreibe, ohne auch nur das geringste argument mitzuliefern. stattdessen stellst du nur falsche vermutungen an bzw behauptungen auf. das halte ich, gelinde gesagt, fuer nicht hilfreich.


Achim Wagner, mersey, 07.04.02

mersey
wracks torkeln
über den fluß
rostbraun
blättern
aus den gesichtern
bier und schläge
die werften still-
gelegt
vorbei an scheiben-
losen fenstern
an die anfield road
neunzig minuten
lieder
aus den großen sechzigern
für die reds
vom mersey
kick and ian
rush!
nach dem spiel
blutige schädel
zwischen den berittenen jungs
mit den knüppeln:
you'll never walk alone


Enno Stahl, Piplica, 08.04.02

vielleicht sollten wir einen kleinen harmlosen lyrik-wettbewerb starten, was piplica gedacht haben mochte in diesen momenten (kurz vor & waehrend des kopfballs & nachdem der ball im netz war).


Stan Lafleur: Piplicas Traum, 08.04.02

piplicas traum

als p. eines morgens erwachte
schwamm er in einem meer
aus siedend heiszem entenfett
man* hatte ihm mit franzbranntwein
die waden poliert, ihn in irgendsolche
langen fuszballerhosen gesteckt
& jetzt hiesz es fausten ums verrecken

* man (=kann hier wohl nur gott bedeuten)


Achim Wagner: Piplica, 10.04.02

der ball kommt hoch
fliegt wohl drüber
fliegt er nicht
senkt sich tief
was mach' ich
was mach' ich nur
ich
tor


Saskia Mackeben: Konterchance, 11.04.02

Konterchance

'Laß doch den Ball laufen!' schrie mein Onkel. Aber es war zu spät, mein 2. Cousin wollte das Tor selber schießen, verdribbelte sich, Konterchance. Meine drei Cousins und mein Onkel waren immer eine Mannschaft, die andere stellten mein Vater, mein Bruder, Heiko Siemers und ich. Heiko wohnte in der Nachbarschaft, er spielte im Verein und war ein Ausgleich für meine Anwesenheit im Team. Ich war zwar nur ein Jahr jünger als mein 3. Cousin, aber mit Abstand die Kleinste, und schien es auch irgendwie an den Füßen zu haben. Kein Ballgefühl. Obwohl mein Bruder und ich wirklich jede Sommerferien, und zumeist auch sonst an warmen Tagen, gegen Abend auf dem Bolzplatz rumlungerten und kickten, und uns über jeden weiteren Mannschaftskameraden, der auftauchte freuten, bis wir komplett waren, manchmal auch ohne die Väter, aber dann spielten wir eben drei gegen drei.

Die Straßenbahn biegt ratternd um die Ecke, wie eine verkrüppelte Schlange, mit eckigen Bewegungen. Linie 3, Stader Straße. Ich klettere in die Bahn, schiebe meine Fahrkarte in den Entwerter. 'Ey, Friedrichs!' ruft jemand, ich drehe mich um, und sehe im hinteren Teil der Bahn Nicole Merten und Meike Hanisch sitzen. Die sind in meiner Parallelklasse. 'Hi,' sage ich, die beiden kichern, ich räuspere mich, stolpere in der anfahrenden Bahn auf die beiden zu, frage, was sie so machen. 'Wir fahren zum Training,' Meike stiert unter ihrem Pony hervor und zupft sich an einem Ohrring. Sie trägt große silberne Creolen. 'Zum Training von Komet,' führt sie aus. 'Basti spielt da, weißte, aus der Zehnten.' 'Das ist Meikes Freund,' ergänzt Nicole. 'Ja, so...' sagt Meike unbestimmt, kichert und betrachtet die lackierten Nägel an ihrer linken Hand, die sie gespreizt vor ihr Gesicht hält. 'Kommste mit?'

Mein Vater spielte immer in der Abwehr. Ein vernünftiger Aufbau war in einer so kleinen Mannschaft schwierig. Ein Torwart konnte nicht erübrigt werden, da war es schon gut, wenn jemand im Feld mitspielte, aber in erster Linie den Kasten freihielt. Nicht dass es auf dem Bolzplatz wirklich einen Kasten gegeben hätte, nur so einen Metallbogen, ähnlich einer Teppichstange. Wenn uns vom Spielen warm wurde, zogen wir unsere Pullis oder Trainingsjacken aus, und legten sie an die Pfosten. Wir legten sie nie an den Rand, es war
nicht klar, wo das Spielfeld aufhörte, die alten Markierungen waren nur noch an den Ecken zu erkennen. Heiko durfte Stürmer sein. Mein Bruder und ich waren also das Mittelfeld. Wenn das Spiel gut lief, gab Heiko aber auch mal den Ball an mich ab, damit ich versuchen konnte, aufs Tor zu schießen. Meine Cousins dagegen gaben sich selten die Bälle ab. Sie trieben meinen Onkel zur Weißglut. 'Ballverliebt' nannte er das, ballverliebt, verdribbelt, vorbei. Das gab höchstens noch Ecke.

Das Vereinsheim von Komet ist dunkel vertäfelt, auch die Tische und Bänke sind aus dunklem Holz. Niemand steht hinter der Theke, es ist später Nachmittag. Das Training ist vorbei, wir haben am Spielfeldrand zugeguckt. Die Jungs holen sich Coladosen aus einem Automaten. Basti hat blonde Haare und einen langen Pony, ich finde er sieht gut aus. Meike setzt sich auf seinen Schoß. Meike und Nicole tragen beide Kapuzenpullis, bei denen man die Reißverschlüsse aufmachen kann, und darunter enge T-Shirts. Ich komme mir in meinem Wollpulli unförmig vor. 'Wer isn die Kleine,' fragt jemand Nicole. 'Mona,' sagt sie. 'Aus unserer Schule.' Sie rutscht auf der Bank weiter, und ich quetsche mich an den Rand. Ich bin wirklich klein für mein Alter. Dabei sind in meiner Familie alle normal oder groß, mein 1. und mein 2. Cousin sind beide über einsachtzig. Ich glaube, Nicole und Meike sind auch so nett zu mir, weil sie meine Cousins gut finden. Besonders mein 2. Cousin ist sehr beliebt, ich kenne drei Mädchen in meiner Klasse, die behaupten, dass sie in ihn verknallt sind. Nicole und Meike kichern beide, und zünden sich Zigaretten an. Der Junge neben Nicole sagt irgendwas und zupft ihr am T-Shirt. 'Ey!' sagt sie, aber sie lacht und knufft ihn zurück. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber es achtet auch keiner auf mich. Meike und Basti knutschen. Zwei Jungs gucken mich auf einmal an und grinsen. 'Ist das die kleine Schwester oder was,' sagt der eine. 'Musste auf die aufpassen?' der andere, ein schlaksiger Dunkelhaariger lacht in Nicoles Richtung. Die lacht auch, wuschelt sich durch ihre langen Haare. Mir wird heiß im Gesicht. Ich stehe auf und gucke den Typen an, sage 'ich hab dich vorhin schon beim Spiel gesehen.' 'Ach nee, echt,' sagt er herablassend, dreht sich halb weg. 'Ja' sage ich sehr laut, er schaut ein bisschen irritiert auf. 'Alles was du kannst, ist laufen, und auch das nicht besonders schnell. Du bist total ballverliebt, kannst nicht abgeben, auch wenn drei andere frei stehen, du verdribbelst dich jedesmal. Das gibt höchstens Ecke. Du machst nie 'n Tor, und darum wirst du auch nie 'n guter Stürmer.'

Genauso hätte mein Onkel es auch gesagt, wenn er diesen Jungen hätte spielen sehen. Mir fiel auf, dass ich meinen Onkel so etwas lange nicht hatte sagen hören. Wir hatten letzten Sommer gar nicht zusammen gespielt, und auch in diesem Jahr waren wir völlig darüber hinweggekommen. Meine Cousins spielten Volleyball, Faustball und Tennis, mein Bruder saß eigentlich immer auf seinem Zimmer und hörte Platten. Mein Onkel war jetzt zwar auf Kurzarbeit, aber er war wütend darüber, und abends stand er meistens an der Gartenhecke und redete mit Nachbarn oder meinem Vater über die Lage und die schweren Zeiten. Er machte nicht mehr viel mit seinen Söhnen.

Die Jungs im Vereinsheim fangen an zu lachen, dann lachen auch Meike und Nicole. 'Tschüß dann,' sage ich, während ich schon zur Tür gehe, ich laufe raus und jogge aus der Einfahrt, Richtung Bahnhaltestelle und lache mich selber kaputt, und finde den ganzen Haufen da drin so dumm in diesem Moment. Mir wird ziemlich warm in meinem Wollpulli, aber ich laufe die ganze Strecke, ich kann einfach nicht stehenbleiben.


Stan Lafleur: maedchenfuszball, 14.04.02
eine schoene, richtig echt wirkende fuszball-geschichte von saskia. das ende war mir zu konventionell. hab eine lesehaltung aufgebaut (der text machte schon spasz mit den ganzen cousins), die am schlusz enttaeuscht wurde, weil es halt im pubertaetsrahmen blieb. so ham wir wohl alle mal gekickt, nur bei/uns mir durften/wollten maedchen fast nie mitmachen, die standen auch meist nur im weg. weil sie die bewegungen nicht draufhatten. wie jutta haubold, da waren wir so 12, 13, bei einem was-weisz-ich-was-sie-vorhatte-versuch mir mit vollem schwung in die eier trat & danach knallrot anlief, was von ihren flachsblonden haaren enorm kontrastiert wurde & ich wurde eher weisz & gruen & kruemmte mich am boden. das war im schullandheim. jutta haubold hat meines wissens danach nur noch einmal ein fuszballfeld betreten, paar jahre spaeter, da hat sie dann nen weitschusz von mir an die birne gekriegt & ist umgefallen. ausgleichende gerechtigkeit. ich bin seitdem zeugungsunfaehig & sie kann nicht mehr denken. so saehe ein schlusz nach meinen trash-maszstaeben aus. natuerlich nicht ganz unbedingt & ist sowieso groszteils gelogen.

wollte noch anmerken, dasz ich mit meinem piplica-schusz ingos schnellgedichtrekord unterboten habe: 30-sekunden-schallmauer knapp durchbrochen - & koennte mir vorstellen, dasz achim nochmal drunterlag.


René Hamann: f-f, 24.04.02
da drüben leuchtet das abendliche spiel im fernseher auf, im loch in der wand des hauses gegenüber, ein junger mann sitzt wie ich an einem seperaten monitor und blickt gelegentlich zum apparat hin, muss sich aber beugen, verrenken, was ich dank ihm nicht tun muss. das bild ist sehr klein, zudem ist nur dreiviertel der fläche zu sehen, und auf ihr nur undeutlich die
köpfe vor grünem hintergrund und die werbetafeln laufen ad absurdum. ein stockwerk tiefer läuft auch ein fernseher, ein ganz kleiner sprichwörtlicher kasten, auch dort sind köpfe zu sehen, aber kein grüner, sondern matte raumhintergründe, ein spielfilm, eine abendserie nehme ich an. die zusehenden sind nicht zu sehen. was machen wir denn nun im mai? (thema)


Christan Jansen: mit brennender sorge, 25.04.02
am wochenende war a. da. als wir am sonntag morgen so gegen halb fünf die kneipenmeile 'oberkampf' verließen und durch die rue st. maur nach hause torkelten, sahen wir im neon-beleuchteten flur eines grossen wohnhauses hinter einer grossflächigen glasscheibe einen mann, etwa in der mitte seiner jahre. er war lediglich mit einer brille bekleidet, stand auf den zehnspitzen und masturbierte wild. mir scheint, das lateinische wort, abgeleitet von manus (hand) und stuprare (schänden) trifft den sachverhalt wirklich am besten, denn was er seinem schwanz antat, sah nach schmerzen aus. a. drückte sich dahingehend aus, dass der typ gummi gebe, ungeheuer beschleunige, sich gewaltig behämmere... unsere reaktion war dreigeteilt: zuerst waren wir ungläubig erstaunt und geschockt; dann machte sich eine grosse belustigung breit; schließlich gingen wir zu lauten anfeuerungsrufen und beifallklatschen über. erst nach sehr langen sekunden, vielleicht minuten, verschwand der mann in den hinteren, dunklen teil des flures und wir ins bett.

ich frage mich heute, ob es einen zusammenhang zwischen diesem ereignis und der tatsache gibt, dass die franzosen am gleichen tag - er war sehr sonnig und wir verbrachten den nachmittag im jardin de luxembourg, schauten den pariser damen nach und diskutierten, ob der typ a) ein klassischer exhibitionist war, b) an einer geisteskrankheit litt, c) den helm mit harten drogen vollgepumpt hatte oder d) einmal im leben cool sein wollte - le pen
in die endrunde des präsidentschaftswahlgangs votierten.

für mai schlage ich also entweder 'saufen bis der arzt kommt', 'masturbieren bis die leute lachen' oder 'mit der demokratie pokern und verlieren' vor.


Enno Stahl: f-f, 25.04.02
selbstmord ist doch cool. ich meine, als thema.


Adrian Kasnitz: zum ende des fußballmonats, 27.04.02

dezember im flutlicht

die spieler
die einem ausgleich zueilen
ihre überblendete verzweiflung
hinter den rängen
der himmel / die wolken ein
gebräu das (schnee)matsch verspricht
die erste kerze
eine zigarette um die klammen
finger zu entfachen.


beckham's foot

nach zwanzig jahren die rache
der falklandkrieger
eine blutgrätsche gegen den captain
& der captain kommt zu fall
die monitore flimmern
die röntgenaugen der nation
auf das wort metatarsal gerichtet
& millionen legen
ihre hand auf den nackten fuß
starschnitt in der sun.


Tobias Schoofs: Fußball und Selbstmord, 28.04.02
christians kellnerschlachtgeschichte hat mir wieder sehr gut gefallen. mehr tagebuch, maestro! auch saskias konterchance, die ich im urlaub gelesen habe, gefällt mir wirklich sehr gut. in sevilla war ich auf der feria, einem der größten volksfeste auf der iberischen halbinsel. so eine art riesenmegakirmes mit spanisch-andalusischer folklore. da kam mir der gedanke, man müsste mal versuchen eine kirmes zu beschreiben, so wie sie einem mit 13, 14 erschien. ich selbst, befürcht ich, kann sowas nicht. aber saskia hat den teenieton getroffen.

hier mein beitrag zum piplica-wettbewerb:

PIPLICA

ist der ball eine frage bin ich
die antwort dachte der torwart
und glaubte für sekunden nur
verstanden zu haben. manchmal
geht auch ein satz in die hose
ein ball nicht über die latte.


zwei kurze sequenzen aus Galeano, 'el fútbol a sol y sombra'; da ich das buch auf spanisch habe, hier eine stregreifübersetzung. falls sie sinnentstellend oder die deutsche ausgabe besser übersetzt ist, mag stan eingreifen. der erste abschnitt zur überleitung zum selbstmord, der zweite nur, weil er so schön ist:

'Tod auf dem Platz
Abdón Porte absolvierte im Trikot des uruguayischen Clubs Nacional in vier Jahren mehr als 200 Spiele, immer umjubelt, oft gefeiert, bis sein Stern eines Tages unterging. Er wurde nicht mehr aufgestellt. Er hoffte jedoch, er bat und bettelte, zurückkehren zu dürfen und er kehrte zurück. Doch die Negativserie riss nicht ab: In der Abwehr wurde er überrannt, im Sturm gelang ihm nichts. Die pfiffen ihn aus.

Am Ende des Sommers 1918, im Stadtion des Club Nacional, tötete sich Abdón Porte. Um Mitternacht erschoss er sich im Mittelkreis des Platzes, dort, wo er so gern gewesen wäre. Die Lichter waren aus. Niemand hörte den Schuss.

Man fand ihn im Morgengrauen. In einer Hand den Revolver, in der andern einen Brief.'

'Das Stadion
Sind Sie schon mal, bei irgendeiner Gelegenheit, in einem leeren Stadion gewesen? Versuchen Sie es. Stellen Sie sich in den Mittelkreis und lauschen Sie. Es gibt nichts, was weniger still wäre und nichts was weniger leer wäre als ein leeres Stadtion.

In Wembley tönen noch die Siegesschreie der Weltmeisterschaft 66, die England gewann, aber wenn Sie die Ohren spitzen hören Sie auch die Klagerufe von 53, als die Ungarn die englische Auswahl (7:1) niedermachten. Das Estadio Centenario in Montevideo seufzt in der Erinnerung an die glorreiche Zeit des uruguaischen Fußballs. Maracaná weint immer noch über die Niederlage in der Weltmeisterschaft von 1950. In der Bombonera in Buenos Aires ertönen seit einem halben Jahrhundert die Trommeln. Aus den Tiefen des Aztekenstadions hallen die Echos der Zeremonialgesänge des alten mexikanischen Ballspiels wider. Auf Katalanisch erzählt der Zement des Camp Nou in Barcelona und baskisch unterhalten sich die Ränge des San Mamés in Bilbao. In Mailand schießt der Geist Giuseppe Meazzas Tore, die das Stadion erzittern lassen, das seinen Namen trägt. Das Finale der Weltmeisterschaft 74, das Deutschland gewann, wird Tag für Tag und Nacht für Nacht im Olympiastadion in München ausgetragen. Das Stadion des Königs Fahd in Saudi Arabien hat Sitze aus Marmor und Gold und die Tribünen sind mit Teppich ausgelegt, doch es hat keine Erinnerung, nichts, was man erzählen könnte.'


Stan Lafleur: the goal, 29.04.02
schoene texte von adrian! den fuszball clever in den alltag transponiert, eine wechselwirkung, die stimmt. besonders die letzte strofe im beckham-gedicht gefaellt mir, die ist enorm stark. eigentlich find ich alles ok bis hervorragend, das erste (abzielen auf ein remis im winter) ist eher leise, aber vorortecht, das zweite kracht. lediglich die sache mit den falklandkriegern scheint mir ein klein wenig hoch gegriffen, gradezu trashig, also eher atypisch fuer das, was ich von dir, adrian, bisher kenne. aber auch das hat wieder was fuer mich/sich. es sind in beiden gute brueche, die verstoerend wirken, schalkimnackenartig. so ists recht!

zu tobi: die stellen aus galeano hatte ich nicht mehr so praesent, habe das nicht abgeglichen, aber tobis uebersetzungston trifft haargenau das, was ich in erinnerung habe. es sind tolle anekdoten. mir ist vor allem eine haften geblieben: ein argentinischer star kommt in einen supermarkt, der genau an der stelle liegt, wo vorher ein stadion stand, in dem er ein fantastisches tor erzielt hat. jemand erkennt ihn wieder & ploetzlich geht ein ruck durch den alten stuermer, er greift sich eine dose bohnen aus dem regal & kickt sie durch die gaenge, um nochmal diese situation zu demonstrieren, wie er damals an selber stelle sein tor gemacht hat.

die bisherigen piplica-texte sind alle sehr kurz, das paszt. dieser sekundentod. mit immerhin bereits drei gedichten zaehlt piplica inzw wohl zu den meistbedichtetsten unbedeutenden spielern aller zeiten. kommen noch ein paar texte, waere das fast schon eine eigene publikation wert, wir koennten ihn interviewen, wenn er mag, wie er die sache selber sah & was er von den gedichten haelt. fuer den wettbewerb gaebe es ja keinen besseren preisrichter als piplica selbst!


Christian Jansen: Brief aus einer großen Stadt, 29.04.2002

Geliebter FMS,
ich schreibe Dir diesen Brief, weil das Schreiben gerade ein Weg ist, mich zu versichern, dass ich noch am Leben bin.

Als ich heute aus der Metro aussteige, kommen sie mir entgegengestürmt, herbste Schimpfwörter schreiend, aber ich habe Glück, denn nicht auf mich haben sie es abgesehn. Sie laufen jetzt jeden Tag durch die Straßen. Sie demonstrieren. Sie demonstrieren gegen einen Mann: der heißt Jean-Marie Le Pen. Sie demonstrieren gegen etwas: das ist ihr schlechtes Gewissen. 40 Prozent der wahlberechtigten Jugendlichen haben am 21. April, einen Tag nach 'Führers' 103. Geburtstag, von ihrem Recht keinen Gebrauch gemacht. Der 21. April war ein sehr sonniger Tag mit Temperaturen über 20 Grad Celsius. Ich habe mir im Jardin de Luxembourg und später auf einer Terrasse der Rue Mouffetard den ersten Sonnenbrand des Jahres geholt.

Die Schreie vermischen sich mit dem Verkehrslärm, und als ich endlich zu Hause ankomme und das Fenster aufstoße, hallt es mir wie im Fußballstadion entgegen. Sie könnten ihre Mannschaft anfeuern, oder die gegnerische auspfeifen - es macht keinen Unterschied. Sie könnten auch eine verfeindete Stadt einnehmen, gemeinsam kämpfen, brandschatzen, vergewaltigen und morden. Sie marschieren zur Bastille.

Dagegen stehen die Einzelgänger: Am Abend des 26. März 2002 besucht ein 33 Jahre alter Mann eine Ratshaussitzung in Nanterre. Er wohnt der Versammlung mehrere Stunden lang
bei; als die Sitzung gegen 1h15 vorläufig geschlossen wird, zieht der Mann zwei Handfeuerwaffen, eine 9-Millimeter-Pistole und eine 375 Magnum, und schießt wahllos auf die Abgeordneten. Er tötet acht Menschen und verletzt 14 weitere schwer, bevor er von drei der Anwesenden überwältigt wird. Der Mann schreit, dass er sterben will. Die Polizei will ihn nicht sterben lassen und verhört ihn. Am Morgen des 27. März schreibt der Mann zwischen 9h40 und 10h50 einen vierseitigen Lebenslauf und gibt an, dass er einfach nur 'so viele Menschen wie möglich' habe töten wollen. Am nächsten Tag, Donnerstag den 28 März um 10h15, gelingt es dem Mann, sich während eines Verhörs und trotz der Anwesenheit zweier Beamter durch das Fenster aus dem vierten Stock des Polizeigebäudes in den Tod zu stürzen. Einen Tag später feiere ich meinen 26. Geburtstag. Ich gehe morgens joggen und spiele nachmittags Volleyball: Wir schlagen die Mannschaft aus Straßburg glatt mit 3 zu 0 Sätzen. Am Abend gehe ich mit J. in das äthiopische Restaurant essen, das nur 20 Meter vor unserer Haustüre liegt und in dem wir trotzdem noch nie gewesen sind. Wir essen mit den Händen, es ist wieder einmal eine neue kulturelle Erfahrung. Manchmal denke ich während des Essens daran zurück als ich in der vierten Klasse der Grundschule war: Da wurde nämlich immer für
die hungrigen Kinder in Äthiopien Geld gesammelt. Ich habe keine Lust zu Ende zu denken, ob diese Koinzidenz einen riesigen Zynismus in sich birgt. Noch am gleichen Abend spüre ich, wie eine Erkältung sich in meinem Hals auszubreiten beginnt.

Letzten Freitag, den 26. April 2002 um 11h, begeht ein 19 Jahre junger Mann eine Tat, die in den Medien als 'Untat' und 'Amoklauf' bezeichnet wird. In der Wochenzeitung 'Die Zeit' verweist man darauf, dass seine Tat mit einem Amoklauf nichts zu tun hat. Im Gegenteil ist der Mann offenbar sehr gut vorbereitet, sucht seine Opfer genau aus und exekutiert sie kaltblütig durch einen oder mehrere Schüsse in den Kopf. Er tötet ein Viertel des Lehrkörpers eines Erfurter Gymnasiums, insgesamt 18 Menschen, bevor er 'keine Lust mehr hat und sich selbst in den Kopf schießt. An diesem Freitag bin ich früh aufgestanden und habe das letzte Kapitel meines Volkswirtschaftslehrbuches gelesen (Emmanuel Combe: Précis d'Economie, PUF, 2000). Es handelt von der Verschuldung der armen Länder der Erde, die man euphemistisch 'pays en voie de développement' nennt, was ich noch viel zynischer finde als den deutschen Begriff 'Entwicklungsland'. 'En voie' - auf dem Weg - suggeriert, dass sie in dem großen 10 Kilometer Finallauf zwar hinter den 'pays industrialisés' liegen, das Rennen aber durchaus noch nicht entschieden ist. Ich esse wenig zu Mittag und wiederhole den ganzen Nachmittag lang spanische Grammatik und Vokabeln, die ich leider in den letzten Wochen etwas vernachlässigt habe. Um 16h25 verlasse ich die Wohnung und gehe zum Spanischkurs. Mein Lehrer hat schwarze Hautfarbe und erwähnt das Wahlergebnis vom letzten Sonntag mit keinem Wort. Um 19h muss ich mich dann beeilen, zum Volleyball Training zu kommen. Ich spiele schlecht, vor allem meine Annahme lässt sehr zu wünschen übrig. Die heiße Dusche nach dem Training, an einem Freitag Abend, ist immer die beste der ganzen Woche. Auf dem Nachhause-Weg rufe ich aus der RER-Station 'Nation' aus bei J.s Großeltern an, aber J. ist noch nicht in Perpignan angekommen. Noch während ich mit der Großmutter spreche, höre ich das Gezeter einer jungen schwarzen Frau, die schließlich in meiner Nähe Zuflucht sucht. Dann nähern sich zwei junge schwarze Männer, es kommt zu einem erregten Wortwechsel in einem Französisch, von dem ich nur die Hälfte verstehe. Die Frau geht weg und ich habe das Gefühl, dass ich mit ihr gehen sollte, denn die Männer folgen. Einer fragt mich, ob das meine Freundin sei. Ich sammle all meine Festigkeit, verneine und stammele einen Satz, in dem das Wort 'paix' Hauptbedeutungsträger ist. Man sagt, Hunde könnten Angst riechen. Ich habe großes Glück, dass die Männer keine Hunde sind, denn ich habe große Angst, und keiner der vorbeilaufenden Leute hat an der Auseinandersetzung Anteil genommen. Ich habe schließlich noch größeres Glück, denn einer von beiden ist deutlich weniger aggressiv als der andere, er wirkt schließlich sogar beschwichtigend auf ihn ein. Endlich hauen sie ab. Die Frau, ohne ein weiteres Wort, auch. In der Metro nach Hause sitze ich einem jungen Mann gegenüber, der offenbar stark unter Drogeneinfluss steht. Er sitzt in sich zusammengefallen auf einem Klappsitz, fragt alle Leute nach einer Zigarette - keiner gibt ihm eine - fällt wieder in sich zusammen und lässt dreimal Speichel aus seinem Mund auf den Boden des Abteils laufen. Ich frage mich - wie immer in solchen Situationen - ob ich ihm a) ohne Vorwarnung mit Anlauf und Vollspann ins Gesicht treten, b) verbal mein Missfallen zum Ausdruck bringen oder c) einfach, wie alle anderen auch, die Schnauze halten und so tun soll, als ob ich nichts bemerke. Ich entscheide mich - wie immer - für Option c). Zu Hause trinke ich einen Liter Wasser und danach eine Flasche Bier. Dazu sehe ich mir ungefähr 20 Minuten lang einen Auszug aus 'Dirty Argus spritzt zurück' an. Als ich der Erde leichter bin, lege ich die Kassette mit der Hamlet-Verfilmung von Kenneth Branagh ein, sehe mir zweimal den 'To be or not to be' Monolog des dritten Aktes erster Szene an (die Branagh in einem Spiegelsaal großartig inszeniert) und lese dabei - das Vokabular ist zu hart - im Buch mit. Anschließend vergleiche ich noch das Original mit der Schlegel-Übersetzung. Dann erst gehe ich zu Bett.




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