| Stan Lafleur: brasilianische fuszballer, 01.04.02 brasilianische fuszballer seht, pelé
spurtet vor dem ball
lew jaschin,
im flug, wie eine schwalbe
Einkäufers Traum Ich mach'
Ablage und würde René Hamann: Der Ball ist rund, 05.04.02 nicht wirklich über Fußball, das Folgende, auch wenn sich - wie angeführt -Parallelen aufzeigen lassen. Fresh vom Bericht in die Mail geSTRG+Ct: Allgemeinbildungsreserven, lustige Stammtischgespräche in der neuen Perspektive (#42, S.89-103), in der auch Sylvia Egger losposaunt ('diss me & don't miss me') und etwas zu viel Arno-Schmidt-Backlash herrscht. Selbst suche ich es - vor allem im Roundabout - zu vermeiden, die Klatschspalte zu bedienen, AutorInnengespräche aufs Persönliche zu reduzieren (sic!), aber: Warum eigentlich' Es macht Spaß, sowas zu lesen. Es lohnt sich wirklich. Zunächst
wird Luhmann zitiert: Kommen wir aber zur Klatschspalte. Los geht's mit Lieblingskandidat Nr. 2 (Grünbein fällt nur in einem Nebenzusammenhang): 'Thomas Kling sollte man auch noch nennen. (...) Formal ist der die absolute Speerspitze. Der wird jetzt auch schon in der Zeit besprochen. Na und' Ich meine, das ist kein Zufall. Kling arbeitet seit Jahren darauf hin, in der Zeit besprochen zu werden. Das sind absolut Kanonisierungstendenzen. Für mich ist Kling ja kein Gegner. (...) Mein Vorwurf würde lauten: Ich glaube, ihm auf seine Masche gekommen zu sein, wie er seine Texte inhaltlich konzipiert. Er wird dabei immer plumper und fällt hinter sich selbst zurück. Er hat sich sozusagen selbst musealisiert.' Über sein Buch 'Botenstoffe': 'Das Interessante an dem Buch ist sein Versuch, sich so zu sehen, daß alle Wege auf ihn zulaufen - eine Linie von Oswald von Wolkenstein bis zu Thomas Kling! (...) Was gerade in den Botenstoffen unangenehm auffällt: Da ist ein relativ kleiner Klüngel, einige Namen sind schon gefallen, und man müßte beispielsweise noch Marcel Beyer nennen, und dieser Klüngel steht einander gegenseitig mit Lobhudelei zur Seite und betreibt eine doch sehr durchsichtige Lobbyarbeit. Das ist ein zu 100 Prozent vorhersehbares name dropping in diesen Aufsätzen. Es geht natürlich darum, kanonisiert zu werden.' Dann wird
auch mal so richtig daneben, d.h. ins Klo gegriffen: Also zuerst das übliche Poplitbashing, auch schon so eine Art Volkssport, der genauso ermüdend ist wie die Bücher von Stuckrad-Barre. Dass man auf die Slam-Affen haut, ist allerdings nachvollziehbar. Und Jan Wagner repräsentiert die 'neue lesbare Lyrik' - aha. Weiter geht's zum Ansatz 'Es gibt nur die Sprache, das Material': 'Die Sprache an sich ist doch überhaupt nichts, Sprache entsteht immer erst im Verhältnis zu einem Kontext. Die Sprache an sich ist nicht existent. Da kommt doch immer nur bürgerliche Klempnerei heraus - die Ödnis schlechthin; eine Haltung, die so konservativ ist wie ein Verein zur Wiedereinführung des Kaiserreichs.' Juhu, es wird gehasst! Und tatsächlich noch ein Ansatz gefunden, der hoch gehalten wird: 'Mir hat mal jemand gesagt, in der perspektive seien verfeindete Lager nebeneinander präsent und das sei die Qualität der Zeitschrift. Wir versuchen eben, unsere Hefte lagerüberschreitend zu konzipieren, und auch unsere internen Debatten sind lange nicht so kuschelig (...) das Konzept perspektive wäre dann, unterschiedliche Schreibhaltungen einander zu konfrontieren. Mich hat die Fixierung (...) auf die eigene Nachbarschaft immer gestört. Was mir allzusehr benachbart ist, das hat mich eigentlich nie interessiert. Was macht eigentlich einer, der sich als Realist oder meinetwegen sogar als Popliterat versteht? Solche Fragen haben mich immer interessiert, diese Streubereiche.' Kann ich unterschreiben. Gilt so meiner Meinung nach auch für das Roundabout. Das war die Idee, die dahinter steckte. Aber nach diesem kleinen Konsens-Intermezzo geht die Basherei weiter: 'Ich meine, wenn wir über Literatur sprechen, dann brauchen wir nicht über Stuckrad-Barre oder Tim Staffel oder weiß der Geier, wie die alle heißen, zu diskutieren. Ich diskutiere auch nicht über Karl Moik, wenn ich über zeitgenössische Musik diskutiere. Also diese Judith Hermann z.B., die ist einfach eine dumme Pute, die kann doch gar nichts dafür. Schlimm sind die Leute, die so einer 50.000 DM rüberschieben, die so eine Autorin 'machen'. Deine Rolle ist ja z.B. die des herausragenden Poeten, könnte man sagen. Da ist keine offensichtliche Widerständigkeit bei dir, sondern nur eine poetische. Du bist eine ehrliche Haut, du bewegst dich vorsichtig und du hast Angst vor Auseinandersetzungen. Du bist denen ungefährlich genug. So jemand wie Kling benutzt dich doch einfach.' Dazu 2 Things: Womit der
Anstoßkreis sich doch wieder geschlossen hätte. In der Verlängerung
überreiche ich Stan Lafleur den Ror-Wolf-Gedächtniscup. Das
macht ihm alle Ehre (vielleicht solltest du's tatsächlich mit einem
Fußballgedichte-Band versuchen. So was verkauft sich immer). Auf
mehr von den Fußballgedichten bin ich gespannt. Bis dahin verbleibe
auch ich mit
gut gefallen mir rainers getriebene träume von brasilien. das gedicht hat ein bescheidenes ziel und wird ihm gerecht. das gefällt mir. in anlehnung an mich selbst würde ich diese art zu schreiben marginalie nennen. zurück zur schönheit des fußballs. ich nehme an, worauf rené anspielt, ist meine aussage, 'schönheit' sei nichts allgemein definierbares, sondern die begegnung eines individuellen blicks mit einer individuellen sache, die zusammen etwas schönes ergeben. dagegen kontert er jetzt ausgerechnet mit dem begriffskleid der systemtheorie. renés beobachtung, dass luhmann vom fußball genauso spricht wie von dichtkunst, ist richtig. luhmann spricht von allem gleich. ein rezensent des buches, aus dem das zitat, wie ich vermute, stammt, nämlich 'die kunst der gesellschaft', kam auf die witzige idee, luhmanns (übrigens extrem konservativen ansatz) auf den film 'from dusk till dawn' anzuwenden: '... wenn er also nicht mehr erkennen kann, wie eine formwahl über das, was sie vom kunstwerk weiterhin fordert, mit den anderen zusammenhängt.' soll luhmanns ansatz irgendwas bedeuten, gibt es gar keine möglichkeit als festzustellen, dass der film in dem moment die kontrolle über sich verliert, wo er sich von einem road- und gangstermovie in einen vampirfilm verwandelt. will man den film in luhmanns ansatz retten und eine innere stimmigkeit postulieren - weil so einfach ist ja gar nicht zu bestimmen, was eine erwartung über das nächste anzuschließende teil eigentlich erwartet und erwartenserwartet - erweist sich der ansatz als zu stark, um ein fußballspiel zu beschreiben. man müsste dann erwarten, dass mitten im spiel ein rennwagen auf den platz fährt, um mit karpow die eishockey weltmeisterschaft um die wette auszusmsen. dass es sich aufdrängt, die spielzüge eines mannschaftssports mit der generierung von sinn zu parallisieren, liegt m.e. darin begründet, dass beides von regeln, methoden und techniken sowie von zufall geprägt ist. ja: beides muss stimmen. und zwar IRGENDWIE. um andré breton anzuführen: 'zwischen dem was du wiedererkennst und dem was nicht: da ist dein ich.' die systeme, die so durch die weltgeschichte laufen, sind sehr verschieden. sie durch eine vereinheitlichte 'supertheorie' zu beschreiben, wird schnell langweilig und setzt den akzent einfach falsch. alles beginnt und lebt mit der differenz (hier bin ich ganz bei der systemtheorie), nicht mit der gemeinsamkeit.
ich vögelte
claudia schiffer von vorn
mersey
piplicas traum als p. eines
morgens erwachte * man (=kann hier wohl nur gott bedeuten)
der ball
kommt hoch
Konterchance 'Laß doch den Ball laufen!' schrie mein Onkel. Aber es war zu spät, mein 2. Cousin wollte das Tor selber schießen, verdribbelte sich, Konterchance. Meine drei Cousins und mein Onkel waren immer eine Mannschaft, die andere stellten mein Vater, mein Bruder, Heiko Siemers und ich. Heiko wohnte in der Nachbarschaft, er spielte im Verein und war ein Ausgleich für meine Anwesenheit im Team. Ich war zwar nur ein Jahr jünger als mein 3. Cousin, aber mit Abstand die Kleinste, und schien es auch irgendwie an den Füßen zu haben. Kein Ballgefühl. Obwohl mein Bruder und ich wirklich jede Sommerferien, und zumeist auch sonst an warmen Tagen, gegen Abend auf dem Bolzplatz rumlungerten und kickten, und uns über jeden weiteren Mannschaftskameraden, der auftauchte freuten, bis wir komplett waren, manchmal auch ohne die Väter, aber dann spielten wir eben drei gegen drei. Die Straßenbahn biegt ratternd um die Ecke, wie eine verkrüppelte Schlange, mit eckigen Bewegungen. Linie 3, Stader Straße. Ich klettere in die Bahn, schiebe meine Fahrkarte in den Entwerter. 'Ey, Friedrichs!' ruft jemand, ich drehe mich um, und sehe im hinteren Teil der Bahn Nicole Merten und Meike Hanisch sitzen. Die sind in meiner Parallelklasse. 'Hi,' sage ich, die beiden kichern, ich räuspere mich, stolpere in der anfahrenden Bahn auf die beiden zu, frage, was sie so machen. 'Wir fahren zum Training,' Meike stiert unter ihrem Pony hervor und zupft sich an einem Ohrring. Sie trägt große silberne Creolen. 'Zum Training von Komet,' führt sie aus. 'Basti spielt da, weißte, aus der Zehnten.' 'Das ist Meikes Freund,' ergänzt Nicole. 'Ja, so...' sagt Meike unbestimmt, kichert und betrachtet die lackierten Nägel an ihrer linken Hand, die sie gespreizt vor ihr Gesicht hält. 'Kommste mit?' Mein Vater
spielte immer in der Abwehr. Ein vernünftiger Aufbau war in einer
so kleinen Mannschaft schwierig. Ein Torwart konnte nicht erübrigt
werden, da war es schon gut, wenn jemand im Feld mitspielte, aber in erster
Linie den Kasten freihielt. Nicht dass es auf dem Bolzplatz wirklich einen
Kasten gegeben hätte, nur so einen Metallbogen, ähnlich einer
Teppichstange. Wenn uns vom Spielen warm wurde, zogen wir unsere Pullis
oder Trainingsjacken aus, und legten sie an die Pfosten. Wir legten sie
nie an den Rand, es war Das Vereinsheim von Komet ist dunkel vertäfelt, auch die Tische und Bänke sind aus dunklem Holz. Niemand steht hinter der Theke, es ist später Nachmittag. Das Training ist vorbei, wir haben am Spielfeldrand zugeguckt. Die Jungs holen sich Coladosen aus einem Automaten. Basti hat blonde Haare und einen langen Pony, ich finde er sieht gut aus. Meike setzt sich auf seinen Schoß. Meike und Nicole tragen beide Kapuzenpullis, bei denen man die Reißverschlüsse aufmachen kann, und darunter enge T-Shirts. Ich komme mir in meinem Wollpulli unförmig vor. 'Wer isn die Kleine,' fragt jemand Nicole. 'Mona,' sagt sie. 'Aus unserer Schule.' Sie rutscht auf der Bank weiter, und ich quetsche mich an den Rand. Ich bin wirklich klein für mein Alter. Dabei sind in meiner Familie alle normal oder groß, mein 1. und mein 2. Cousin sind beide über einsachtzig. Ich glaube, Nicole und Meike sind auch so nett zu mir, weil sie meine Cousins gut finden. Besonders mein 2. Cousin ist sehr beliebt, ich kenne drei Mädchen in meiner Klasse, die behaupten, dass sie in ihn verknallt sind. Nicole und Meike kichern beide, und zünden sich Zigaretten an. Der Junge neben Nicole sagt irgendwas und zupft ihr am T-Shirt. 'Ey!' sagt sie, aber sie lacht und knufft ihn zurück. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber es achtet auch keiner auf mich. Meike und Basti knutschen. Zwei Jungs gucken mich auf einmal an und grinsen. 'Ist das die kleine Schwester oder was,' sagt der eine. 'Musste auf die aufpassen?' der andere, ein schlaksiger Dunkelhaariger lacht in Nicoles Richtung. Die lacht auch, wuschelt sich durch ihre langen Haare. Mir wird heiß im Gesicht. Ich stehe auf und gucke den Typen an, sage 'ich hab dich vorhin schon beim Spiel gesehen.' 'Ach nee, echt,' sagt er herablassend, dreht sich halb weg. 'Ja' sage ich sehr laut, er schaut ein bisschen irritiert auf. 'Alles was du kannst, ist laufen, und auch das nicht besonders schnell. Du bist total ballverliebt, kannst nicht abgeben, auch wenn drei andere frei stehen, du verdribbelst dich jedesmal. Das gibt höchstens Ecke. Du machst nie 'n Tor, und darum wirst du auch nie 'n guter Stürmer.' Genauso hätte mein Onkel es auch gesagt, wenn er diesen Jungen hätte spielen sehen. Mir fiel auf, dass ich meinen Onkel so etwas lange nicht hatte sagen hören. Wir hatten letzten Sommer gar nicht zusammen gespielt, und auch in diesem Jahr waren wir völlig darüber hinweggekommen. Meine Cousins spielten Volleyball, Faustball und Tennis, mein Bruder saß eigentlich immer auf seinem Zimmer und hörte Platten. Mein Onkel war jetzt zwar auf Kurzarbeit, aber er war wütend darüber, und abends stand er meistens an der Gartenhecke und redete mit Nachbarn oder meinem Vater über die Lage und die schweren Zeiten. Er machte nicht mehr viel mit seinen Söhnen. Die Jungs im Vereinsheim fangen an zu lachen, dann lachen auch Meike und Nicole. 'Tschüß dann,' sage ich, während ich schon zur Tür gehe, ich laufe raus und jogge aus der Einfahrt, Richtung Bahnhaltestelle und lache mich selber kaputt, und finde den ganzen Haufen da drin so dumm in diesem Moment. Mir wird ziemlich warm in meinem Wollpulli, aber ich laufe die ganze Strecke, ich kann einfach nicht stehenbleiben.
wollte noch anmerken, dasz ich mit meinem piplica-schusz ingos schnellgedichtrekord unterboten habe: 30-sekunden-schallmauer knapp durchbrochen - & koennte mir vorstellen, dasz achim nochmal drunterlag.
ich frage
mich heute, ob es einen zusammenhang zwischen diesem ereignis und der
tatsache gibt, dass die franzosen am gleichen tag - er war sehr sonnig
und wir verbrachten den nachmittag im jardin de luxembourg, schauten den
pariser damen nach und diskutierten, ob der typ a) ein klassischer exhibitionist
war, b) an einer geisteskrankheit litt, c) den helm mit harten drogen
vollgepumpt hatte oder d) einmal im leben cool sein wollte - le pen für mai schlage ich also entweder 'saufen bis der arzt kommt', 'masturbieren bis die leute lachen' oder 'mit der demokratie pokern und verlieren' vor.
dezember im flutlicht die spieler
nach zwanzig
jahren die rache
hier mein beitrag zum piplica-wettbewerb: PIPLICA ist der ball
eine frage bin ich
'Tod auf
dem Platz Am Ende des Sommers 1918, im Stadtion des Club Nacional, tötete sich Abdón Porte. Um Mitternacht erschoss er sich im Mittelkreis des Platzes, dort, wo er so gern gewesen wäre. Die Lichter waren aus. Niemand hörte den Schuss. Man fand ihn im Morgengrauen. In einer Hand den Revolver, in der andern einen Brief.' 'Das Stadion In Wembley tönen noch die Siegesschreie der Weltmeisterschaft 66, die England gewann, aber wenn Sie die Ohren spitzen hören Sie auch die Klagerufe von 53, als die Ungarn die englische Auswahl (7:1) niedermachten. Das Estadio Centenario in Montevideo seufzt in der Erinnerung an die glorreiche Zeit des uruguaischen Fußballs. Maracaná weint immer noch über die Niederlage in der Weltmeisterschaft von 1950. In der Bombonera in Buenos Aires ertönen seit einem halben Jahrhundert die Trommeln. Aus den Tiefen des Aztekenstadions hallen die Echos der Zeremonialgesänge des alten mexikanischen Ballspiels wider. Auf Katalanisch erzählt der Zement des Camp Nou in Barcelona und baskisch unterhalten sich die Ränge des San Mamés in Bilbao. In Mailand schießt der Geist Giuseppe Meazzas Tore, die das Stadion erzittern lassen, das seinen Namen trägt. Das Finale der Weltmeisterschaft 74, das Deutschland gewann, wird Tag für Tag und Nacht für Nacht im Olympiastadion in München ausgetragen. Das Stadion des Königs Fahd in Saudi Arabien hat Sitze aus Marmor und Gold und die Tribünen sind mit Teppich ausgelegt, doch es hat keine Erinnerung, nichts, was man erzählen könnte.'
zu tobi: die stellen aus galeano hatte ich nicht mehr so praesent, habe das nicht abgeglichen, aber tobis uebersetzungston trifft haargenau das, was ich in erinnerung habe. es sind tolle anekdoten. mir ist vor allem eine haften geblieben: ein argentinischer star kommt in einen supermarkt, der genau an der stelle liegt, wo vorher ein stadion stand, in dem er ein fantastisches tor erzielt hat. jemand erkennt ihn wieder & ploetzlich geht ein ruck durch den alten stuermer, er greift sich eine dose bohnen aus dem regal & kickt sie durch die gaenge, um nochmal diese situation zu demonstrieren, wie er damals an selber stelle sein tor gemacht hat. die bisherigen piplica-texte sind alle sehr kurz, das paszt. dieser sekundentod. mit immerhin bereits drei gedichten zaehlt piplica inzw wohl zu den meistbedichtetsten unbedeutenden spielern aller zeiten. kommen noch ein paar texte, waere das fast schon eine eigene publikation wert, wir koennten ihn interviewen, wenn er mag, wie er die sache selber sah & was er von den gedichten haelt. fuer den wettbewerb gaebe es ja keinen besseren preisrichter als piplica selbst!
Geliebter
FMS, Als ich heute aus der Metro aussteige, kommen sie mir entgegengestürmt, herbste Schimpfwörter schreiend, aber ich habe Glück, denn nicht auf mich haben sie es abgesehn. Sie laufen jetzt jeden Tag durch die Straßen. Sie demonstrieren. Sie demonstrieren gegen einen Mann: der heißt Jean-Marie Le Pen. Sie demonstrieren gegen etwas: das ist ihr schlechtes Gewissen. 40 Prozent der wahlberechtigten Jugendlichen haben am 21. April, einen Tag nach 'Führers' 103. Geburtstag, von ihrem Recht keinen Gebrauch gemacht. Der 21. April war ein sehr sonniger Tag mit Temperaturen über 20 Grad Celsius. Ich habe mir im Jardin de Luxembourg und später auf einer Terrasse der Rue Mouffetard den ersten Sonnenbrand des Jahres geholt. Die Schreie vermischen sich mit dem Verkehrslärm, und als ich endlich zu Hause ankomme und das Fenster aufstoße, hallt es mir wie im Fußballstadion entgegen. Sie könnten ihre Mannschaft anfeuern, oder die gegnerische auspfeifen - es macht keinen Unterschied. Sie könnten auch eine verfeindete Stadt einnehmen, gemeinsam kämpfen, brandschatzen, vergewaltigen und morden. Sie marschieren zur Bastille. Dagegen stehen
die Einzelgänger: Am Abend des 26. März 2002 besucht ein 33
Jahre alter Mann eine Ratshaussitzung in Nanterre. Er wohnt der Versammlung
mehrere Stunden lang Letzten Freitag,
den 26. April 2002 um 11h, begeht ein 19 Jahre junger Mann eine Tat, die
in den Medien als 'Untat' und 'Amoklauf' bezeichnet wird. In der Wochenzeitung
'Die Zeit' verweist man darauf, dass seine Tat mit einem Amoklauf nichts
zu tun hat. Im Gegenteil ist der Mann offenbar sehr gut vorbereitet, sucht
seine Opfer genau aus und exekutiert sie kaltblütig durch einen oder
mehrere Schüsse in den Kopf. Er tötet ein Viertel des Lehrkörpers
eines Erfurter Gymnasiums, insgesamt 18 Menschen, bevor er 'keine Lust
mehr hat und sich selbst in den Kopf schießt. An diesem Freitag
bin ich früh aufgestanden und habe das letzte Kapitel meines Volkswirtschaftslehrbuches
gelesen (Emmanuel Combe: Précis d'Economie, PUF, 2000). Es handelt
von der Verschuldung der armen Länder der Erde, die man euphemistisch
'pays en voie de développement' nennt, was ich noch viel zynischer
finde als den deutschen Begriff 'Entwicklungsland'. 'En voie' - auf dem
Weg - suggeriert, dass sie in dem großen 10 Kilometer Finallauf
zwar hinter den 'pays industrialisés' liegen, das Rennen aber durchaus
noch nicht entschieden ist. Ich esse wenig zu Mittag und wiederhole den
ganzen Nachmittag lang spanische Grammatik und Vokabeln, die ich leider
in den letzten Wochen etwas vernachlässigt habe. Um 16h25 verlasse
ich die Wohnung und gehe zum Spanischkurs. Mein Lehrer hat schwarze Hautfarbe
und erwähnt das Wahlergebnis vom letzten Sonntag mit keinem Wort.
Um 19h muss ich mich dann beeilen, zum Volleyball Training zu kommen.
Ich spiele schlecht, vor allem meine Annahme lässt sehr zu wünschen
übrig. Die heiße Dusche nach dem Training, an einem Freitag
Abend, ist immer die beste der ganzen Woche. Auf dem Nachhause-Weg rufe
ich aus der RER-Station 'Nation' aus bei J.s Großeltern an, aber
J. ist noch nicht in Perpignan angekommen. Noch während ich mit der
Großmutter spreche, höre ich das Gezeter einer jungen schwarzen
Frau, die schließlich in meiner Nähe Zuflucht sucht. Dann nähern
sich zwei junge schwarze Männer, es kommt zu einem erregten Wortwechsel
in einem Französisch, von dem ich nur die Hälfte verstehe. Die
Frau geht weg und ich habe das Gefühl, dass ich mit ihr gehen sollte,
denn die Männer folgen. Einer fragt mich, ob das meine Freundin sei.
Ich sammle all meine Festigkeit, verneine und stammele einen Satz, in
dem das Wort 'paix' Hauptbedeutungsträger ist. Man sagt, Hunde könnten
Angst riechen. Ich habe großes Glück, dass die Männer
keine Hunde sind, denn ich habe große Angst, und keiner der vorbeilaufenden
Leute hat an der Auseinandersetzung Anteil genommen. Ich habe schließlich
noch größeres Glück, denn einer von beiden ist deutlich
weniger aggressiv als der andere, er wirkt schließlich sogar beschwichtigend
auf ihn ein. Endlich hauen sie ab. Die Frau, ohne ein weiteres Wort, auch.
In der Metro nach Hause sitze ich einem jungen Mann gegenüber, der
offenbar stark unter Drogeneinfluss steht. Er sitzt in sich zusammengefallen
auf einem Klappsitz, fragt alle Leute nach einer Zigarette - keiner gibt
ihm eine - fällt wieder in sich zusammen und lässt dreimal Speichel
aus seinem Mund auf den Boden des Abteils laufen. Ich frage mich - wie
immer in solchen Situationen - ob ich ihm a) ohne Vorwarnung mit Anlauf
und Vollspann ins Gesicht treten, b) verbal mein Missfallen zum Ausdruck
bringen oder c) einfach, wie alle anderen auch, die Schnauze halten und
so tun soll, als ob ich nichts bemerke. Ich entscheide mich - wie immer
- für Option c). Zu Hause trinke ich einen Liter Wasser und danach
eine Flasche Bier. Dazu sehe ich mir ungefähr 20 Minuten lang einen
Auszug aus 'Dirty Argus spritzt zurück' an. Als ich der Erde leichter
bin, lege ich die Kassette mit der Hamlet-Verfilmung von Kenneth Branagh
ein, sehe mir zweimal den 'To be or not to be' Monolog des dritten Aktes
erster Szene an (die Branagh in einem Spiegelsaal großartig inszeniert)
und lese dabei - das Vokabular ist zu hart - im Buch mit. Anschließend
vergleiche ich noch das Original mit der Schlegel-Übersetzung. Dann
erst gehe ich zu Bett.
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