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Roundabout August I - jacques brel

*Christian Jansen: Alte Liebe, 09.08.01
ich nehme renés englische pop-song-anregung auf und führe sie leicht variiert durch, da ich mit englischem
pop-song wenig am hut habe. im folgenden also:
A) originaltext: Jacques BREL : LA CHANSON DES VIEUX AMANTS
B) wörtliche übersetzung
C) versuch einer freien nachdichtung

dazu stelle ich die alte aber für mich unbeantwortete frage nach den möglichkeiten und grenzen von v.a. lyrischer übersetzungsarbeit in den raum. mir war es z.b. nie möglich, baudelaires böse blumen in übersetzung zu lesen, oder sagen wir, wertzuschätzen und zu lieben, weil - ich nehme die krassesten gegenpole - friedhelm kemps dtv-prosa-übersetzung zwar nah am text aber dadurch absolut ungenießbar ist, andererseits stefan georges nachdichtungen den ausgangstext nur noch periphär tangieren.

A)
Jacques BREL: LA CHANSON DES VIEUX AMANTS

Bien sûr nous eûmes des orages
Vingt ans d'amour c'est l'amour fol
Mille fois tu pris ton bagage
Mille fois je pris mon envol
Et chaque meuble se souvient
Dans cette chambre sans berceau
Des éclats des vieilles tempêtes
Plus rien ne ressemblait à rien
Tu avais perdu le goût de l'eau
Et moi celui de la conquête

Mais mon amour
Mon doux mon tendre mon merveilleux amour
De l'aube clair jusqu'à la fin du jour
Je t'aime encore tu sais je t'aime

Moi je sais tous tes sortilèges
Tu sais tous mes envoûtements
Tu m'as gardé de piège en piège
Je t'ai perdue de temps en temps
Bien sûr tu pris quelques amants
Il fallait bien passer le temps
Il faut bien que le corps exulte
Finalement finalement
Il nous fallut bien du talent
Pour être vieux sans être adultes

O mon amour

Et plus le temps nous fait cortège
Et plus le temps nous fait tourment
Mais n'est-ce pas le pire piège
Que vivre en paix pour des amants
Bien sûr tu pleures un peux moins tôt
Je me déchire un peu plus tard
Nous protégeons moins nos mystères
On laisse moins faire le hasard
On se méfie du fil de l'eau
Mais c'est toujours la tendre guerre

O mon amour

B)
DER CHANSON DER ALTEN LIEBENDEN

Natürlich hatten wir Gewitter
Zwanzig Jahre Liebe sind verrückte Liebe
Tausendmal nahmst du deine Koffer
Tausendmal bin ich davon geflogen
Und jedes Möbel erinnert sich
In diesem Zimmer ohne Wiege
Der Splitter alter Stürme
Nichts ähnelt mehr dem andern
Du hattest den Geschmack des Wassers verloren
Und ich den der Eroberung

Aber meine Liebe
Meine süße zärtliche wunderbare Liebe
Vom hellen Morgengrauen bis zum Ende des Tages
Liebe ich dich noch du weißt ich liebe dich

Ich kenne all deine Hexereien
Du kennst all meine Zaubereien
Du bewahrtest mich von Falle zu Falle
Ich habe dich von Zeit zu Zeit verloren
Natürlich nahmst du dir einige Liebhaber
Man musste die Zeit gut verleben
Der Körper muss sich austoben
Schließlich, schließlich
Brauchten wir einiges Talent
Um alt zu sein ohne erwachsen zu sein

O meine Liebe

Und je mehr die Zeit uns mitfolgt
Je mehr quält uns die Zeit
Ist es aber nicht die schlimmste Falle
Als zwei Liebende nur in Frieden zu leben
Natürlich weinst du ein bisschen weniger früher
Ich zerreiße mich ein wenig langsamer
Wir schützen unsere Geheimnisse weniger
Wir überlassen weniger dem Zufall
Wir misstrauen dem Lauf des Wassers
Aber es ist immer noch der zärtliche Krieg

O meine Liebe

C)
LIED DER ALTEN LIEBENDEN

Natürlich gab es Donnerkrachen,
Denn zwanzig Jahre Liebe sind verrückt viel Zeit.
Tausendmal wohl hast du deine Sachen
Gepackt. Auch ich bin oft und weit
Geflohen. Jedes Möbel hier gedenkt
In diesem kinderlosen Zimmer
Der Wunden, die der Sturm gehauen.
Und wahrlich haben wir uns nichts geschenkt:
Dich langweilte zum Schluss das Immer-
gleiche, mich der Kick, sogar mit fremden Frauen.

Doch Liebste mein,
Du süße, zarte, wunderbare Liebste mein,
Vom ersten Morgengraun zum letzten Mondenschein
Lieb ich dich noch, du weißt, ich liebe dich.

Ich kenne jeden einzel'n deiner alten
Tricks und Schmeichelein - wie du die meinen.
Du hast mich fallen lassen und mich so gehalten,
Ich hab dich manches Mal verlorn an einen
Andern Mann, den du erkoren. Seine
Zeit hieß es gut zu verbringen, reine
Freude für das Fleisch, ganz Körper sein.
Und schließlich,
Schließlich brauchte es sehr viel Talent allein
Um alt, aber nicht reif zu sein.

O Liebste mein

Die Zeit hält uns den Leichenzug
Und quält uns sehr mit ihrem Weben.
Doch ist es nicht der schlimmste Trug
Als Liebende nur immerfort in stillem Frieden leben?
Ein bisschen weniger früh laufen heute Tränen dir
Und mir will Wut sie später erst ins Antlitz treiben.
Unsre Geheimnisse behüten wir weit wen'ger sieg-
reich; was geschieht, wolln wir nicht mehr dem Zufall überschreiben.
Dem ew'gen Lauf der Zeit misstrauen wir,
Doch immer noch herrscht zwischen uns ein zarter Krieg.

O Liebste mein,


*Tobias Schoofs: Alte Sprache, 10.08.01
der chanson gefällt mir wirklich sehr gut. das will mir fast wie der unterschied des frz kinos im vergleich zum us-amerikanischen erscheinen: der chanson in texten moderner und intelligenter als das gros der popsongs.
die nachdichtung finde ich sehr misslungen. ich kann die register des frz. originals nicht beurteilen, schließe aber aus der nachdichtung, dass es sich um modernes, zeitgenössisches frz. handelt. demnach verwandelt die nachdichtung einen modernen frz. in einen altbackenen deutschen text ("o liebste mein", echt goethisch auch: "immer fort ..."). ich vermute, dies soll der poetische glamour sein, der der spröden interlinearübersetzung übergeworfen wird, halte das aber für ein katastrofales verständnis von poetik.


*Christian Jansen: Alte Sprachtradition, 10.08.01
ich warne dringend davor, den duktus und das niveau des BRELschen französisch zu unterschätzen, was ich in tobias' bemerkung bzgl des "heutigen gesprochenen frz" ein wenig durchhöre. denn brel benutzt durchaus antiquierte worte wie "fol" statt "fou",und seltenheiten wie "exulter". dazu kommt der durchgängige gebrauch des passé simple "nous eûmes" und "tu pris". wenn du so heute sprichst, läufst du gefahr, ausgelacht zu werden. einer deutschmächtigen französin, der ich die nachdichtung zeigte, missfiel eher der gebrauch von jargon wie "kick", denn der kommt im text nicht vor. ich bin auch sehr gespannt, wie tobias einen scheinbar simplen vers wie "o mon amour" übersetzen wird. es stimmt, dass mein vorschlag antiquiert klingt, was für die frz wendung nicht der fall ist. das problem liegt darin, dass in frankreich generell ein höheres, oder besser: antiquierteres sprachniveau vorherrscht. wer redet heute in deutschland einen unbekannten auf der straße mit "mein herr" an?
oder konkret: während "o liebste mein" vor 200 jahren ok, heute hingegen leicht lächerlich ist, war "o mon amour" vor 200 jahren ebenso gängig wie heute! dass man "o mon amour" also nicht mit "mein schatz" oder "hey babe" übersetzen kann, sollte damit klar sein. was bleibt? - "o mein liebling"?


*Ingo Jacobs: Brel, 11.08.01
bei dem namen brel kann nicht natürlich nicht stumm bleiben - auch wenn ich nur einige seiner lieder auf tonträger besitze; "la chanson des vieux amants" befindet sich nicht darunter. wenn ich brel höre, wird mir immer ganz anders: diese fast schon obszöne, ja pornografische vermittlung von GEFÜHL. (vgl. diedrichsen über sinead o'connors "nothing compares to you"-video; "ne me quitte pas" mit seinem gehauchten, 'authentischen' gewinsel am ende: hammer!) das muss man nicht mögen, aber jeder, der schon mal versucht hat, zeitgemäß über GEFÜHL zu schreiben/singen, weiß, wie verdammt schwierig das ist (gelungen ist es nur dem - frühen? - distelmeyer). brel war (in) seiner (jungen) zeit mit diesem vorhaben ganz weit vorne, da wo die existenzialisten lieber nach hause gingen, um sich hinter reflektion zu verstecken. wie intellektuelle das eben gerne tun: das unkontrollierbare kontrollieren wollen. ha! nun: vom heutigen standpunkt aus sind seine texte natürlich voller klischees und überkommener bilder; das liegt in der natur der geschichte von bildern. die von mir angefertigte nachdichtung versucht, diese bilder zu entschlacken (im gegensatz zu christian, der tatsächlich fast noch einen draufsetzt; was natürlich unfreiwillig komisch wirkt) und zu verschriftdichten (im ggs. zum versingdichten), kann aber nicht ganz auf sie verzichten.
sehr "jacobs", diese nachdichtung - was mich gestern abend wieder erkennen ließ: stil ist schein, ist blendwerk, stil ist das branding, die corporate identity des lyrikers.

ein altes paar
nach jacques brel

gewitter gab's: zwanzig jahre,
liebe um liebe. in deinen koffern
gepackt: mein verschwinden.

jedes möbel erinnert: die splitter,
die stürme. nichts gleicht hier
sich. du nicht, ich nicht.

was soll ich betteln, was soll ich
winseln? von morgens bis abends:
in unseren inseln. und: auch.

der trick ist: ein fallen. verlieren.
ein fremder fick? festkörperphysik.
diese liebesleichen: wie die zeit
sie vergisst, die brennende zeit!
doch klüger: werden wir nicht -

warum auch frieden? deine tränen:
mein erzürnter plan. der zufall: kein
geheimnis mehr. wir misstrauen dem
verströmen. doch ist es immer
zarter krieg.


*Tobias Schoofs: Brel, 12.08.01
ingo macht die brel-geschichte nun wirklich spannend. es treffen mit christians nachdichtung und ingos paraphrase allerdings
sehr unterschiedlich konzepte aufeinander. deshalb will ich meine mail etwas differenzieren:
1. übersetzung, nachdichtung und paraphrase
2. die alten liebenden des ingo jacobs und die alten liebenden des christian jansen (=poetik: schönheit II)
3. ein eigener versuch

1. übersetzung, nachdichtung und paraphrase
wie oft beim thema literatur befinden wir uns mitten im problemkreis "identität". die erlebnisdichtung hatte dieses problem immer schon gesehn - und zwar im bezug auf den gegenstand, das erzählte oder besungene erlebnis, das sich im text wiederherstellen soll, sich aber nur verschoben wieder herstellt: in einem andern medium, dem text, mit einer anderen perspektive, einer anderen akzentsetzung (der intension, wie ich in meinem jargon sagen würde). die übersetzung hat es statt mit einem erlebnis mit einem text zu tun, der das original zum text bildet. eine konventionelle übersetzungstheorie würde sagen, der originaltext soll mit den mitteln einer anderen sprache dasselbe darstellen wie das original, dabei metrum, reim, wortmaterial, syntax und natürlich den sinn beibehalten. ich möchte mich nicht damit aufhalten, dass natürlich jede übersetzung eine interpretation voraussetzt, infolgedessen keine kopie, kein getreues abbild des originials bildet, sondern eine ähnlichkeit, eine falte, die sich auf eine weitere falte legt - wir kennen diesen derrida-kram. ich möchte konkreter werden: der reim: dasselbe? das hieße: dasselbe wort mit selbem ausgang (klingend oder nicht klingend) möglichst mit demselben vokalklang muss im selben schema reimen und dabei den sinn erhalten. dass dies nicht möglich ist, ist klar. also macht man abstriche: das wort darf variieren oder darf der gleichklang variieren, das schema, der sinn? was ist substanz, die gleich bleiben muss, was ist parametrisierbar und darf sich ändern? m.e. handelt es sich um eine entscheidung, die man fällen muss: soll der text dem philologischen gebrauch dienen, erweist sich die interlinearübersetzung mit angabe von metrum, reimschema und einem umfangreichen apparat zum wortmaterial vielleicht als der beste weg. will ich aber aus dem originalgedicht ein deutschsprachiges gedicht machen, ist zu entscheiden, was mir wichtig ist: der sprachduktus - dann erhalten wir vielleicht etwas wie die bibelübersetzung von gershom scholem: deutsch mit hebräischer syntax. oder kommt es mir auf das schema des originals an, dann verwandelt sich das shakespearesonett in eine priessnitzsche sprachmaschine. der übergang von nachdichtung zur paraphrase verschwimmt - da die veränderungen auf der oberfläche, also in sachen metrum und reimschema, am einfachsten nachweisbar sind, setzt man das lineal hier an.

2. schönheit II
mit derselben naivität ließe sich aber auch das wortmaterial auf die oberfläche holen. ingos paraphrase geht genauso vor: sie behält naiv die wörter bei, nur setzt sie sie anders zusammen. das ergebnis hat soviel leichtigkeit! die semantik wird lebendig, wo sie in der interlinearübersetzung statisch schien. "nichts gleicht hier/ sich". ohne eine metaebene, ohne theorie bemühn zu müssen, reflektiert der text, führt er einen theoretischen diskurs. und erinnert, wo es ihm gefällt, wo es ihm gerade passt, wo er lust dazu hat, an die form des textes, von dem er sich ableitet: "was soll ich/ winseln? von morgens bis abends: in unseren inseln." "und: auch." das ist schön. das ist für sich schon schön. im verhältnis zum original, das er sich zu verändern traut, wird es aber doppelt schön. ingos text hebt auf die semantik des gleichen und andern ab, der auch in brels chanson herauszulesen ist. dass ingos gedicht bereit ist, das orginial zu verlieren, so wie die liebenden bei brel bereit sind, sich zu verlieren und wiederzufinden, unterstreicht sein verhältnis zum original als paraphrase: es ist ein liebesverhältnis.
christians nachdichtung ist das glatte gegenteil. sie hält sich sklavisch an die gezählten erbsen. es wirkt bemüht. es übersetzt das frz. chanson in ein ungedicht, das sich reimt, wenn damit der gleichklang einiger silben gemeint ist, doch mit nichts zusammenreimt. alles ist unpassend, es ist hölzern und statisch. es ruht sich auf dem kissen des feststehenden aus:
wenn nur der reim und die anzahl der zeilen pro strofe stimmen, dann wird es schon ein gedicht sein. was hat es für ein verhältnis zum original? ein sehr bemühtes. ein sehr pflichtbewusstes. das ist nicht schön.

3. ein eigener versuch
IN STAHLGEWITTERN
(Mais mon amour
Mon doux mon tendre mon merveilleux amour
De l'aube clair jusqu'à la fin du jour
Je t'aime encore tu sais je t'aime
- Jacques Brel)

zwanzig jahre stahlgewitter
kofferpacken und verschwinden
in den möbeln stecken splitter
und das gleiche will verschwinden
und verwässert war die lust

durch andre hast du mich ersetzt
und hast auch von mir gewusst
wir haben uns so oft verletzt
der tausch der körper hielt die lust
denn das gleiche will verschwinden

das vergehn der zeit bleibt bitter
wir wolln uns nicht mit frieden binden
konstant bleibt nur das stahlgewitter
denn das gleiche will verschwinden.


*Ingo Jacobs: Brel, 12.08.01
ich muss sagen: tobias' nachdichtung gefällt mir sehr gut - bis auf das stahlgewitter, natürlich. damit zieht er eine andere, schwer beladene kriegsmetapher ins geschehen, im prinzip natürlich auf brels spuren, denn er lobt und liebt die liebes-beziehung als zärtlichen kampf, krieg. nur: klar war und ist der jünger dabei, diese assoziation lässt sich nicht leicht entwerten, wir sind aufs literatur-historische getrimmt. warum stahl- ? das gewitter geht ja in ordnung... die zweite zeile der zweiten strophe reimhakt auch noch ein bisschen (metrum). vielleicht muss das stahlgewitter stärker aufgenommen und zusätzlich ironisiert werden, so dass das ganze zu einer art parodie wird, eine parodie, die den ernst des sujets bewahrt...
ein wegen des hinzuzugs der jüngerschen metapher ironisch-komisches, dennoch in seiner summe ernsthaft bleibendes gedicht.

für mich war die nachdichtung eine sehr erhellende übung, ekle (ekelte?) ich mich doch gerne vor dem, was eine ewigkeit lang als DIE domäne der lyrik (und vom mainstream immer noch) ausgemachte sache war/ist: der bericht über gefühl (die alte lyra/leier). das ist natürlich nicht modern: also, wie übersetzt man diesen text? ganz auf elemente, die GEFÜHL vermitteln, kann man nicht, sonst hat man keine nachdichtung mehr: winseln / brennende zeit / erzürnt / verströmen. kann man heute solche liebesgedichte schreiben?


*Christian Jansen: Äpfel, Birnen, Liebe und Senfgas, 13.08.01
1)
was haben "la chanson des vieux amants" und "ein altes paar - nach jacques brel" gemeinsam, abgesehen davon, dass sie von belgisch-stämmigen autoren verfasst wurden? der eine schreibt ein lied in drei großen strophen, jeder strophe folgt ein refrain, alles reimt sich zusammen, der sprachduktus gehört eindeutig der hohen stilebene an, das lied ist selbsverständlich singbar. und: ja, was ingo vermutet, stimmt. brel interpretiert tüchtig auf die gefühlsdrüse...
der andere schreibt eine montierte wortmaschine, wie's gerade wohl zeitgemäß ist, benutzt dazu einzelne bilder des vorbild-textes, den er nachzudichten vorgibt, diese bilder werden demontiert (oder nennt man das: dekonstruiert?) und ihr wortmaterial in einen sehr umgangssprachlichen duktus und zerhackte syntax wieder zusammengefügt (das nennt man wohl konstruiert). auch ich gratuliere ingo, denn sein vorhaben hat er gut umgesetzt - er hat ein schönes gedicht geschrieben, - allerdings keine übersetzung oder gar nachdichtung. dafür steht schon, dass er details sinnverändert: brel winselt ja tatsächlich ("es war hart und die splitter flogen, aber, baby, ich lieb dich immer noch", als müsse er die frau von ihrer liebe überzeugen, ergo: gewinsel) - bei ingo wird das gewinsel aber negiert. das hat mit "interpretation" nichts mehr zu tun. ingo schreibt ein neues gedicht, keine nachdichtung.

NACHDICHTUNG verstehe ich als eine form der übersetzung, die den formalen gehalt des ausgangstextes (reime, metrum, metaphern) in die zielsprache zu retten sucht und dabei den sinn nicht maßgeblich verändert. auch wenn es natürlich stimmt, was tobias über die möglichkeit der übersetzung von reimen schreibt, macht es doch einen unterschied, ob man wenigstens versucht, die form so nachzugestalten, dass der leser die idee vermittelt bekommt: aha, da hat einer im original ein gedicht mit drei strophen à 10 zeilen geschrieben, und nach jeder strophe folgt ein refrain zu je 4 zeilen. - das habe ich versucht.

das, was tobias "PARAPHRASE" genannt hat, ist ein neuer text, der vielleicht thematisch an den ausgangstext angelehnt ist, ihn aber durchaus gedanklich variiert, sich das heraussucht, was interessant erscheint, einzelne bilder und wörter übernimmt und/oder neu zusammensetzt. der ausgangstext dient nicht mehr als maßgabe, sondern als gedanklich-poetischer anstoß. - das haben ingo und tobias versucht.

2)
schönheits-kritik
man sollte nicht äpfel und birnen vergleichen und schließlich noch den birnen vorwerfen, sie seien nicht so schön rund wie ein apfel. wer meine nachdichtung laut scheiße findet, sollte eine bessere vorlegen, nicht eine paraphrase. ich will nicht breittreten, was es bedeutet, einen 30-plus-vier-mal-drei-zeilen-text auf ein sonnet runterzuschrumpfen. entweder unterstellt man dem ausgangstext damit, er sei nicht dicht(ung), sondern bestehe zur hälfte aus überfluss; oder man transportiert wissentlich eben nur die hälfte des ausgangstextes.
eine entsprechende technik gefällt sich vielleicht darin, zwei verse, in denen zwei verschiedene einzelheiten mitgeteilt werden, in einen einzigen vers zu verschmelzen ("und verwässert (gout de l'eau) war die lust" (conquete)), - allerdings wird damit nicht nur die lust (am lesen) sondern auch der sinn verwässert. solche sinnschrumpfung wird auch nicht gemildert, indem man den refrain, den man sich offensichtlich nicht zu übersetzen wagt, weil er zu sehr auf die gefühlsdrüse drückt (und über gefühle zu schreiben, ist wohl gerade nicht cool/pc (poetologisch correct)), unübersetzt als motto voranstellt.
davon abgesehen halte ich die durch "stahlgewitter" evozierte jünger-assoziation sehr misslungen. es geht an die grenze der geschmacklosigkeit, in DER deutschen übersetzung eines französischen liebeslieds einen konflikt herauf zu erinnern, in dem maßgeblich franzosen und deutsche sich gegenseitig mit senfgas wie die insekten vertilgten, einen konflikt, der den untergang europas einläutete. - da hätte man es doch besser bei klings radio CNN-verdun belassen sollen.

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