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Roundabout August II : mythen

*Stan Lafleur: Unter deutschen Dächern, 20.08.01
(Über eine moderne Heimatmythologie)

Unsere vom Atheismus stark beschädigte Religiosität hat sich erneut auf eine altbekannte Gottheit verlagert. Angebetet wird das Geld. Die nach Hitlers und Deutschlands Fall aufgestellten, ehrenhaft klingenden Werte der Verfassungsgeber werden in Zeiten radikalisierten & zunehmend terroristisch verwendeten Kapitalismus angekratzt und aufgeweicht, der überwiegende Teil der Gesellschaft kennt deren verbriefte Grundwerte garnicht, ein markiges Politikerwort gegen die Armen und Schwachen gehört wieder zum guten Ton. Nicht mehr lange, und deutlichere Taten als die bisherige Marginalisierung werden folgen. Leute, die vor dreißig Jahren gegen einen miefigen Staat angekämpft haben, würden sich heute am liebsten dafür erschießen. Das schlimme dabei ist: diese Leute sind heute an der Macht und sie haben genausowenig Ideen und Selbstachtung wie ihre einstigen Gegner.
Selbsthaß wurde lange als jüdisches Phänomen eingestuft. Es ist mindestens genauso deutsch, auch wenn es sich durch Sel!
bs!
tgenügsamkeit tarnt, ausgleicht oder überlagert. Es steht vielen Beamten im Gesicht geschrieben. Vielen Arbeitern. Leuten aus allen Bevölkerungsschichten. Auch vielen Autoren. Man versucht, diese komische Sinnleere wegzusaufen, -kiffen, -schniefen oder -vögeln, aber was soll man den Kindern noch beibringen, wenn man selber keine Ahnung mehr hat? Unsere Kinder werden uns bedauern. Bzw auch das Geld anbeten.
Das Niveau der deutschen Gegenwartsliteratur als mögliches Korrektiv wagt man vor lauter Scham garnicht anzusprechen. Die Leute gucken eh lieber Fernsehen, sie gucken dabei nicht minder in eine sinnentleerte Scheinwelt als an ihren Arbeitsplätzen, falls sie einen solchen haben. Wer will es ihnen verdenken, sie haben ja auch schon in der Schule nichts Wichtiges gelernt.
Der allgemeine Mangel an Bildung wird mit dem Verweis auf die Klassiker kompensiert. Dummheit wird zum Selbstzweck, öffentlich zur Schau gestellt und bejubelt. Wir verlieren uns und feiern das, bis wir umfallen. Das ist interessant. Und genau hier sehe ich einen entscheidenden Ansatz zu einer neuen deutschen Mythologie.
Der Mythos faßt seit jeher das Einfache und zugleich scheinbar Ungreifbare unter einen Hut. Mythen faszinieren und geben Orientierungslinien vor, die zwischen dem Menschlichen (Unzulänglichen) und Göttlichen (Unerreichbaren) vermitteln. Sie stehen für Vielheit und Kongruenz, für eine verschlossene Tür zum verlorenen Wissen. Sie sind in ihrer Ambivalenz immer Grundlage für Denksysteme gewesen. Der neue deutsche Mythos macht die Archaik menschlicher Verhaltensweisen wieder bewußt & zeigt wie der Mensch sich der ihn überholenden Moderne anzupassen versucht. Nehmen wir folgende Begebenheit, die sich tatsächlich so ähnlich abgespielt haben soll:In einer TV-Show können Paare ihr Traumhaus gewinnen. Sie müssen dafür einige Aufgaben gemeinsam lösen, wobei die Öffentlichkeit darauf hofft, daß das Paar sich blamiert, zerstreitet oder Blößen zeigt. Ursula und Horst sind nur noch eine Frage von ihrem Traumhaus entfernt. Das Paar wird getrennt und Horst bekommt folgende schwierige Frage gestellt: "Wo hatten Sie das letzte Mal Sex?" Wie aus der Pistole geschossen antwortet der: "Das war in der Küche." Jetzt wird Ursula herbeigeholt. Die Moderatorin erklärt ihr nochmals die Situation. Horst hat die letzte Frage beantwortet, nun wird auch Ursula dieselbe Frage vorgelegt: "Wo hatten Sie das letzte Mal Sex?" Stimmt ihre Antwort mit der von Horst überein, haben Ursula und Horst ihr Traumhaus gewonnen. Alle schauen gebannt auf Ursula. Was tut sie? Sie druckst herum. Die Moderatorin versucht sie zu ermuntern, denn Ursula scheint sich offensichtlich zu schämen. "Mensch Ursula, nur eine Antwort und Euer Traumhaus steht bereit!" Ab!
er!
Ursula druckst weiter herum, sagt, daß es ihr Alles sehr peinlich sei. Die Moderatorin gibt sich nachsichtig, versucht mit ihrer sanft-bestimmten Art auf Ursula einzuwirken, stellt die Frage noch einmal: "Es ist doch ganz einfach, Horst hat die Frage ja schon beantwortet, jetzt fehlt nur noch Deine Bestätigung, da braucht man sich doch nicht zu schämen, also: wo hattet ihr zum letzten Mal Sex?" Da fällt Ursulas Widerstand und sie antwortet schamesrot: "Also gut, in den Popo."

Mir wurde diese Geschichte über Dritte zugetragen und hat dadurch nach dem Stille Post-Prinzip mit Sicherheit ihre Gestalt verändert. Dennoch ist der Name der Moderatorin bekannt und somit ließe sich der Kern, der hier zugrunde liegt, auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen. Was aber zählt, ist daß diese Geschichte kursiert. Sie kommt uns zunächst unglaublich und dennoch zugleich glaubhaft/authentisch vor. Als neue Sagen- oder Mythengeschichte taugt diese kleine Widergabe insofern, als sie komprimiert Motive und Margen enthält, die dem klassischen Kanon zugehörig sind, eine Tragikomik, ungewolltes Wollen, das alles verpackt in die bloßstellerische Sensationsmaschinerie, die unserer Gegenwart den Hirnsaft auspreßt. Eine inszenierte Versuchung des Mammon. Wieviele Blickwinkel ließen sich noch finden? Sexualethik. Eine Aesthetik des Scheins. Bildungs- resp Sprachbarrieren. Also bitte, die Forschungssaison wäre eröffnet.

Nun handelt es sich hier um eine typische, aber bei weitem nicht die einzige Geschichte dieses Formats, die mir berichtet wurde bzw deren Zeuge ich selber sein durfte oder manchmal auch mußte. Das Aberwitzige spielt sich seit jeher im Privaten ab, das sich seiner Selbst zunehmend berauben läßt. Je mehr Transparenz, desto klarer scheinen die tatsächlichen Defizite auf.
Der Mensch ist in der Moderne, die er propagiert, bei weitem noch nicht angekommen. Er will unbedingt ein schickes Auto fahren, aber er fährt es zu schnell und landet vorm Baum. Was würde es bedeuten, einen Gang zurückzuschalten? Der Komplexität der Dinge mehr Spiel- und Gedankenraum zuzugestehen, die Geschwindigkeit und zunehmende Beschleunigung der Schnellebigkeit für eine Weile bewußt zu ignorieren und erstmal deren Rudimente zusammenzusetzen? Einen status quo ausfindig zu machen, der es einem erlaubt, sich zünftig zu definieren und eine klare Haltung zu gewinnen?


*Ingo Jacobs: Mythen (Antwort auf Stan), 22.08.01

1. der anfangsimpuls in stans text ist ein religiöser, es geht um eine kritik am glauben, am falschen glauben, am glauben an den schnöden mammon, das materielle, die kohle; dieser glaube an etwas materielles, so lese ich, sorgt, "auch bei autoren", für eine sinnleere. der schluss liegt nah, dass diese leere spiritueller natur ist, nicht etwa sozialer. auch mein denken ist extrem stark von solch religiös motivierter kulturkritik geprägt, komme ich doch aus einer katholischen gegend, war ich doch auf einem bischöflichen gymnasium, wollte ich doch als kind sogar einmal pater/priester werden. deswegen ist mir dieser reflex inhärent, deswegen spreche ich gerne von einem "metaphysischen bedürfnis"; was implizierte, dass das bedürfnis natürlich ist; ist es natürlich nicht: denn es gibt, gegenbeweis, schließlich atheisten, und denen ist eine religiöse sinnleere fremd. die kennen nur eine sozial-geistige leere, die darin besteht, seine potentiale nicht abrufen zu dürfen und ein ungenügen in so etwas wie ein miteinander empfinden: arbeitsknast, fremdbestimmte arbeit/inhalte. die argumentation geht also an der kernproblematik vorbei, auch wenn sie ein symptom derselben ist.

2. korrektivfunktion von literatur: sehr altes problem, das politische der kunst. ist die gretchenfrage nur: wie explizit darf's denn sein? denn mein politikbegriff ist alt-griechisch und deshalb weit gefasst (zoon politikon). oder ist es denn, stans anfangsthese folgend, so, dass der dichter wieder als genion, mittelsmann zwischen den menschen und den göttern, installiert werden soll?

3. scheinwelt des fernsehens: natürlich scheint so ein fernseher, bei gott, wie es flackert in einem fernsehlichtdurchfluteten raum. aber als primar materiell zu sehender gegenstand der welt ist so ein fernsehgerät und auch, was "darin" passiert, verdammt real; der scheinbegriff: meint er primär fiktion? oder sind auch nonfiction-formate teil des scheines? ist mithin alles vermittelte im grunde genommen nicht schein?

plötzlich landen wir in einer show, dort wird privates in die öffentlichkeit gestellt, ein phänomen, das mit den real-life-formaten extrem zugenommen hat; ein interessantes phänomen, das riesengewinne unter dem deckmantel der demokratisierung eingefahren hat. nun gut, wo finde ich da die verbindung zwischen der klage um den verlust der "richtigen"
religiosität und der um die "beschädigung", ach was, der "auslöschung des privaten".
ich kann nicht recht die argumentative linie für das finden, was schließlich als resultat dieser überlegungen präsentiert wird: die lust an der sammlung moderner mythen. auch was der gemeinsame aufhänger dieser mythen ist, was den mythischen kern ausmacht, bleibt im dunklen; der text deutet viel an, führt aber kaum etwas aus.


*Christian Jansen, Sammler und Jäger, 23.08.01

bei jeder krankheit, sei sie nun am leib des einzelnen oder an dem einer gesellschaft ausgebrochen, unterscheidet der mediziner zwischen ursache und symptom bzw. wirkung. mir ist nicht klar, was eine lange aufreihung von pestbeulen à la "ursula-erzählt-vor-5-millionen-zuschauern-vom-letzten-anal-fick-in-der-küche" bringen soll, gerade, wenn es littérature engagée sein will. eine solche auflistung von kuriositäten wirkt je nach naturell vielleicht belustigend oder schockierend, reiht sich aber im prinzip in die lange reihe niederster boulevard-medien ein, weil sie bei der schaffung von mythen, also unklarheit, mithilft - sie wirkt nicht aufklärerisch, sondern wird zum mittäter. von aufgeklärter, engagierter kulturkritik erwarte ich hingegen, dass sie mir die mechanismen aufzeigt, nach denen die massenmedien und die von ihnen gelenkten menschen funktionieren. wer oder was steckt dahinter, und in wessen und welchem interesse? um diese fragen zu beantworten, braucht es zunächst das gute auge des sammlers, nachher das scharfe messer des jägers. präsentier uns also nicht urulas arsch und belass es dabei (ärsche gibt's schon genug im fernsehn, dazu muss ich nicht noch ein buch oder einen aufsatz lesen), sondern schlitz ihn auf, und hernach den der moderatorin und den ihres chefs und lies in ihren eingeweiden: dort, und nur dort sind die antworten auf die wirklich interessanten fragen zu finden.

die technik, wie solche schnitte zu setzen sind, kann man seit spätestens 1962 bei h-m enzensberger ("einzelheiten I, bewusstseinsindustrie") nachlesen. die in diesem band versammelten essays sind maßgabe dessen, was engagierte kulturkritik zu leisten hat. bezeichnend ist übrigens, dass enzensberger eben nicht die bild-zeitung oder hans meiser zerpflückt, sondern die medien, die damals die intellektuelle meinungsführerschaft inne hatten (faz und spiegel, interessant fürs tv auch der aufsatz zur wochenschau).


*Stan Lafleur, Mythen in Tüten, 23.08.01

symptome & ursachen:
diese geschichten sind selbstverstaendlich krankheitssymptome einer gesellschaftsentwicklung. werden dadurch wieder zur ursache einer systematisierung & erforschung. die vektoren des blickes koennen in jede richtung weisen. ich habe darauf hingewiesen, dasz ich eine these habe, worin die ursachen liegen.
ich mache meinem boulevardblatt nicht den vorwurf, dasz ich es auf "unterstes niveau" stelle. ich lese regelmaeszig den EXPRESS (BILD lehne ich ab) & da musz man natuerlich schon sehr sieben & deuten, aber da kommen klare geschichten mit sprengkraft zutage, daneben eine offensichtliche widerspruechlichkeit in der behandlung von themen, die nur zwei seiten auseinanderliegen, der ganze EXPRESS ist sozusagen ein avantgarde-symptom-streuer, waehrend in den bildungsblaettern solche modernen mythenthemen derart haarstraeubend kaputtanalysiert werden, als haetten sie niemals stattgefunden. das liegt daran, dasz deren journalisten nicht wissen, wie es unten tatsaechlich aussieht. als weigerten sie sich, ein solches niveau, auf das sie sich niemals begeben wuerden, als existent anzuerkennen.
das mit dem aufklaeren ist so eine sache. eine sammlung ist erstmal eine sammlung & steht fuer sich & es ist fraglich, fuer wie bescheuert man den leser halten soll, ob man ihm eine analyse mitliefern musz, er blickt hypnotisiert auf meinen erhobenen zeigefinger & erkennt den tieferen sinn der geschichten. ich bin gegen zeigefinger!
auf mich wirken solche geschichten dermaszen stark & faszinierend & ich sehe sie in einem weitgefaszten kontext. ich dachte anfangs: ein paar davon, mit dem hinweis versehen, dasz ihnen wahre begebenheiten zugrundeliegen & der leser kriegt einen schock & faengt an nachzudenken. solche geschichten mit dem begriff "moderner dt mythos" zu belegen, dh ja, die modernen helden den nibelungenhelden gegenueberstellen. aber auch den langweiligen & sich wiederholenden schemen der sagengestalten.

mir war bewuszt, dasz ich wenig komplex argumentiert habe, es ging mir darum, ein gefuehl umzusetzen & zur diskussion zu stellen. ich bin atheist, aber an formen von religioesitaet interessiert, auch wenn ich nicht praktiziere. ich glaube, der spirituellen folgt die soziale leere. das ist verbandelt. sicher hat die zunehmende geldanbetung wesentlich staerker mit dem wegfall des kommunismus zu tun, da der staat nicht mehr beweisen musz, dasz in unserem system keiner auf der strecke bleibt.

zur korrektivfunktion von literatur: es ist schwierig, regeln aufzustellen, nur dasz sie derzeit fehlt, das steht auszer frage. es ist an den autoren, in solchen zeiten wieder eine politische funktion zu uebernehmen.
das tv hat seine eigene welt aufgebaut, praesentiert sie den leuten & fordert haeufiger & flaechendeckender dazu auf, sich zum affen zu machen. alle macht dem format! bin ich etwa der einzige, der das fuer kuenstlich & verlogen, wenn nicht sogar fuer gefaehrlich haelt? da kann man ueber realitaet & schein filosofieren wie man will. fuer mich ist es so: ich habe bewuszt seit 14 jahren keinen fernseher, reagiere anders als andere leute (wird mir gesagt, wenn ich mal was gucke) & habe zb einige tv-berichterstattung ueber meine veranstaltungen abgelehnt, weil sie dem schema der reporter angepaszt werden sollten. es ist immer wieder lustig zu sehen, wenn einer dieser strunzdoofen dauerlaechelnden scouts fuer irgendeine kandidatensendung "casten" will & man ihm rundweg sagt, dasz man solche inszenierten flirt-sendungen fuer scheisze haelt & sich niemals daran beteiligen wuerde. das kriegen die kaum umgesetzt.


*Rainer Junghardt: Moderne Mythen, 23.08.01

Mythen = Geschichten, die 1. Welt erklären sollen, 2. nicht überprüfbar sind.
Moderne Mythen = Mythen, die in einer Umgebung bestehen, die von Wissenschaft und Technik bestimmt ist.

Dass Horst und Ursula in der Küche Analverkehr haben, hat wenig Potential zum Mythos. Auch das Ursula im Fernsehen zu viel verrät, hat nicht den Gestus eines 'so ist es dazu geworden', oder 'darum ist es so'. Es ist schon hilfreich für den Zweck Medienkritik, wie durch ein Missverständnis eines offenbar recht schlichten Menschen das Ziel der Sendung, Selbstentblößung und Peinlichkeit, übererfüllt wird, über den angepeilten Grenzbereich der derzeitigen Konvention hinaus nämlich, womit die Technik, mit der derartige Formate Aufmerksamkeit auf sich ziehen, plötzlich in den Vordergrund gerät, der Gewöhnung entblößt. Will sagen, die Geschichte scheint mir mehr zu verdeutlichen als zu erklären.

Stan macht einige Überlegungen, ob sich die Geschichte so zugetragen hat und ob sie sich überprüfen lässt. Dabei ist der Mythos gerade unabhängig davon, ob es wirklich so gewesen ist. Mit dieser Geschichte scheint es auch so zu sein. Man kann sie als Gedankenexperiment verwenden. Das heißt, man macht akzeptierte Annahmen (so sieht eine Art Unterhaltungssendung aus, so könnte ein Kandidat aussehen) und führt ein zu untersuchendes Element ein. Entsteht die Veränderung (Übermäßige Peinlichkeit) aus dem Element, oder sagt sie etwas über das zuvor Angenommene aus (auf Peinlichkeit ist die Sendung bereits aus, das Element hebt dies nur noch einmal hervor).

Ich habe wie Ingo und Christian Zweifel, ob solche Geschichten für sich stehen können. Ich denke auch, dass man den berühmten Zeigefinger ganz gut vermeiden und die eigenen Kommentare als eine, nicht die Reflektion kennzeichnen kann.

Vier Bereiche, in denen es moderne Mythen geben könnte:
1. Im Bereich der Verbreitung, didaktischen Vereinfachung und Popularisierung wissenschaftlicher Theorien.
Hierher könnten Aussagen wie "Freud hat das Unterbewusste entdeckt" oder "Seit Darwin wissen wir, dass der Mensch vom Affen abstammt" fallen.
Schade eigentlich, dass wir nicht in einer Kultur bloß mündlicher Überlieferung leben, dann könnte solches allmählich zu richtigen Mythen interpoliert und verballhornt werden, am besten entstünde noch ein schöner Kult dazu. Z.B. jährliche Prozessionen in die Zoos zur Huldigung der den Urvateraffen repräsentierenden Primaten dort. Oder ein verbreiteter Wodu-Zauber, bei dem durch bloßes Besprechen ein behauptetes Unterbewusstes von bösen Dämonen oder Traumata befreit würde.
Klasse fände ich auch alljährliche Feuerwerke zum Gedenken des Urknalls. Aber in einer Umgebung bloß mündlicher Überlieferung wären es eben keine modernen Mythen mehr.

2. In der Aufnahme von Mythen aus nicht modernen Gesellschaften in eine moderne Gesellschaft.
Klingt paradox, denn solche wären ja gerade nicht modern. Der Trick läge in einem als modern akzeptierten Kriterium, das sie trotz ihrer mangelnden Überprüfbarkeit als akzeptabel ansehbar werden ließe. Z.B. könnte man schließen von der Gleichheit der Menschen auf eine gleichberechtigung aller Kulturen, auf eine Gleichwertigkeit aller kulturellen Leistungen, auf eine gleiche Gültigkeit von Mythen und Wissenschaften.
Zunächst würde demnach darauf verzichtet, etwa über einen Mythos eines brasilianischen Indianerstammes vom Großen Wildschwein, das mit dem Großen Adler die Große Mutter zeugte, von der dann alle Menschen usw., zu sagen, dass er die Entstehung des Menschen nicht plausibel erklärt. (Hieße kulturelle Leistungen, hieße eine Kultur, hieße deren Träger herabzusetzen.) Sodann könnte sich der eine oder andere derartige Mythen aneignen, da ja nichts mehr gegen sie zu sagen wäre. Aber so läuft es natürlich nicht. Außer vielleicht bei einigen, die Bäume umarmen.

3. Indem in einer modernen Gesellschaft die deren Grundlagen nicht mehr überprüft werden. Womit diese allmählich mythisch würden. Womit die Gesellschaft nicht-modern würde. Womit diese Mythen dann keine modernen mehr wären.

4. Indem die Moderne selbst Mythen hervorbrächte.
Sehe ich nicht: Aktiv nicht, sie ist kein Subjekt, handelt nicht.
Oder eine Entwicklung, dass irgendwas an ihr paradox, sich selbst aufhebend wäre.
Oder: Könnte es in einer modernen Gesellschaft ein Bedürfnis nach Mythen geben, das nicht ein Relikt einer vormodernen wäre?
Als gute Protestanten wissen wir ja, dass wir ohne irgendeine Vermittlung vor Gott stehen. Zumindest haben wir noch die Mitteilung der Offenbarung dabei. Als moderne Menschen stehen wir aber auch ohne jede Mitteilung vor einem letztlich-nicht-Wissen.
Was ja eigentlich eine spannende Sache ist. Man könnte sich strunzdoof mit irgendwelchen Mythen wegtrösten. Man könnte sich aber zumindest schon mal gegenseitig mitteilen, wie man die Dinge sieht.


*René Hamann: Angel of Death, 24.08.01

ich kann rainers ausführungen nur beipflichten und ziehe hiermit auch meinen hut vor seinen überlegungen. besonders lustig fand ich die analogie uraffe/prozession in den zoo und verdammt treffend die jährliche sylvesterböllerei als salut an den urknall. jawoll!

auch ich hatte schwierigkeiten mit stans text, den er ja gleichsam wieder zurücknahm (á la 'isnochnichfertig' - womit jede kritik halbwegs ins leere rutscht). ich habe mich gefragt: worauf will das hinaus? was ist der punkt? aber das ist nicht das, was ich daran kritisieren möchte. denn eigentlich ist das angeschlagene thema, schraubt man die anekdotenverwurstung auf normalmaß runter (ist nicht der EXPRESS jeden tag die reinste mythensammlung?), doch interessant. obschon ich grundsätzlich mit vielen punkten der anschließenden debatte nicht einverstanden bin, denn:

- sinn- oder existenzleere ist wie "gott" ein begriff, der alles und nichts beschreibt
- anti-intellektuelle polemik ist mir grundsätzlich zuwider, besonders schlimm wird es allerdings, wenn sie aus der tastatur eines intellektuellen kommt ("kaputtanalysiert")
- medienkritik müsste anders aussehen, mit enzensberger zu kommen, ist lächerlich, diese debatten hat es schon zwischen 1968 und '74 gegeben
- medienkritik von jemanden, der nicht einmal einen fernseher besitzt, kann ich nicht ernst nehmen
- es kann ja nicht mehr um medien 'an sich' gehen, siehe 68-74
- es müsste also eine andere form der medienkritik oder der kapitalismuskritik her, das wäre ein überlegenswerter punkt.


*Stan Lafleur: Re: Unter deutschen Dächern, 24.08.01
1. [zu rainer]
mir wird klar, dasz ich die begriffe "mythos" & "sage" zu fahrig als identisch angesehen habe, dabei gaelte es zwischen beiden begriffen zu differenzieren. ein grundsaetzliches problem ist dabei natuerlich: man kann von diesen begriffen erst reden, wenn sich die geschichten durchgesetzt haben. auch die sogenannten "urban legends" gehoeren in dieses spannungsfeld, geschichten wie "der tote taucher im wald", ohne explizit im namen darauf zu verweisen, als klassisch angesehen werden zu wollen. sehr aufschluszreich fand ich die hinweise auf freud & darwin bzw das "fest des affen(urvaters)" im zoo etc. das hat monty python-dimension.
rainers mythen-definition entspricht einer der allgemeingueltigen & der von mir im ersten text verwendeten. wo aber die zeit durch aufklaerung, die sich in wissenschaftlichen erfolgen wie dem zb duesenantrieb beweist, andrerseits wieder in frage gestellt werden musz, wie zb bei der so beachteten biotechnik derzeit, wo man sich fragen musz, was ist noch menschlich & was verweist auf eine womoeglich neue evolutionsstufe?, da kann es schon sein, dasz solche sachen mythenbildende qualitaet innehaben. natuerlich bin ich kein seher. ich will auch nicht die wissenschaft aufhalten. ich will mit diesen geschichten nur ein wenig herumdengeln am koerper des fortschritts. ich fuehl mich eben ueberholt & das will ich mit solchen stories laut

sagen: hey, wir haben uns ueberholt!
weiterhin hab ich diesen mythenbegriff in einen rein dt kontext gestellt. wir haben nicht viele dt/germanische mythen, die sind kanonisiert & die dt regionalsagen stammen weitgehend aus einer zeit, als es schon schriftkultur gab. wenn man sagen will, dasz mythen eben nur durch orale ueberlieferung mythen werden, dann gibt es keine modernen mehr & man musz den begriff ersetzen bzw nur fuer vergangenes verwenden. der begriff "moderner mythos" widerspraeche sich selbst. dennoch wird er haeufig benutzt, vor allem fuer heldenleistungen (atlantikueberquerung lindberghs zb). im lexikalischen weist der begriff mythos durch seine unterschiedliche benutzung mittlerweile ganz unterschiedliche bedeutungen/ebenen auf & insofern ist es nur legitim, ihn auf mein projekt anzuwenden & darueber neu(mit)zudefinieren.
es gibt zb aus solingen soviele geschichten, die in der stadt kursieren, muendlich, ohne jemals schriftlich gesammelt worden zu sein, geschichten, die aus einem defizit entstanden sind an bildung, bzw aus menschlicher triebhaftigkeit, kriminalgeschichten, drogen- & saufgeschichten oder wo einfach armut & dickkoepfigkeit pate standen, gesellschaftliche gruende, die fassungslos machen, auch wenn man sie sicher nach einzelnen motiven in akribie analysieren koennte, die aber, wo sie sich verselbstaendigt haben, in verschiedenen versionen kursieren, ich das als mythentraechtig bezeichnen wuerde, im sinne moderner dt mythen. da geht es nicht um den schwarzen hund oder sukkuben, sondern um anti-lifestyle. lévi-strauss hat ja unzaehlige mythen aus suedamerika gesammelt von buschvoelkern.!
d!
amit hat mein ansatz nur rudimentaer zu tun. es sind geschichten, in denen ich eine sprengkraft erkenne. mir ging es bei der fernsehstory um ein legendaeres miszverstaendnis. entbloeszung, die durch gier &/oder mediengeilheit bzw bildungsdefizite erklaerbar ist. in 45 minuten sich etwas verdienen zu koennen, wofuer man normalerweise sein leben lang sich abschuftet. in der kuerze, in der ich das widergegeben habe, ist jeder einzelne satz exemplarisch deutbar. ich seh das nicht als billige arschfick-geschichte. das ist nur ein teilaspekt. dasz die geschichte womoeglich ueberpruefbar ist, ist dabei sekundaer.
natuerlich taugt sie fuer medienkritik. aber dafuer taugt fast jede tv-sendung. was am meisten nachdenklich stimmt ist rainers aussage vom "strunzdoof-sich-mit-mythen-wegtroesten". das ist das staerkste argument, dasz man solche geschichten besser deuten (lassen) sollte. vielleicht fehlt der story das muendliche. weswegen viele schauersagen am kaminfeuer erzaehlt!
g!
anz anders wirken. & heut ham die meisten zentralheizung.

2. [zu rené]
dasz der text "sicher noch luecken & denkfehler aufweist" hab ich als schluszsatz zur vorstellung des themas neue mythen gebracht & insofern rutscht bei mir kritik natuerlich nicht ins leere, sondern im gegenteil. ich seh es nicht als schwaeche an, wie es allgemein in der gesellschaft gehalten wird, sondern als in miszkredit gebrachte staerke, sowas hinterherzuschicken. ich hab keine sorgen zu sagen, dasz ich mir einer sache, zu der ich ideen habe, unsicher bin & dennoch etwas dazu auszuformulieren. erstmal in die bevoelkerte leere greifen, etwas herauspicken & das als ansatz anbieten. es geht darum, dasz ich sehe, wie wenig gefestigt die meisten sind, das als defizit auffasse & mich dem annaehere, indem ich das, was ich gefunden habe, nuja, nicht vollblind, zur diskussion stelle.

dasz ich kein tv-geraet bei mir stehen hab, heiszt ja nicht, dasz ich nicht fernseh guck. ich bin im bilde ueber das, was da vonstatten geht.

auch habe ich nicht davon gesprochen, dasz die mythensache eine explizite medienkritik implizieren soll. vielmehr geantwortet, der begriff medienkritik wurde erst von christian geaeuszert, dasz diese veranschlagte story einen ansatz fuer sowas bietet. wofuer die essayform sicher geeigneter waere.
kapitalismus=gesellschaftskritik: das seh ich nicht zwingend wegargumentiert. - was heiszt kritik?: wenn kritik=analyse ist, dann nicht. wenn man aber so eine geschichte als die gegenwart anprangernd wahrzunehmen in der lage ist, dann doch.


*Ingo Jacobs: Lustige Mythen, 25.08.01
1
"Jedes Zeitalter hat seine eigenen Mythen: Die Ritter der Tafelrunde suchten den Heiligen Gral, die Alchemisten die Formel, mit der sich aus Dreck Gold machen lässt, und auch die High-Tech-Unternehmen der Gegenwart pflegen einen Mythos, der ähnlich wie die Alchemistenformel immensen Reichtum verheißt: "Killer-Application" heißt im schönsten Neudeutsch der Stoff, aus dem die Träume der Moderne sind. Gemeint sind Anwendungen, die noch keiner hat, aber jeder braucht, bzw. zu brauchen glaubt."
(Ingo Kuss, elektronik JOURNAL, Ausgabe 13/98).

2
"Mythos-Marketing oder - eng verwandt damit - Kult-Marketing - haben einen wachsenden Stellenwert erlangt. In besonderem Maße gilt dies für die Bereiche Medien, Entertainment, Sport und Trivialkultur. Aber auch in anderen Wirtschaftszweigen, im Handel und im Dienstleistungsgeschäft ist ein starkes Interesse an diesen neuen Marketing-Instrumenten zu spüren.
Der wachsende Stellenwert hat vornehmlich zwei Gründe: Zum einen gibt es mehrere Anzeichen dafür, daß die Empfänglichkeit von Konsumenten für moderne Mythen gestiegen ist. Dahinter steht offensichtlich ein zunehmendes Bedürfnis nach Gefühl, Erlebnis und Sinn, das sich auch in Konsumwelten deutlich bemerkbar macht. Für die Inszenierung von Konsumprodukten hat sich ein Mood-Management als sehr wirkungsvoll erwiesen. Und Mythos-Marketing ist einer der Wege, mit denen dies erreicht wird. Mythen - auch die modernen, häufig banalen und kurzlebigen "Mini-Mythen" - sind ein exzellentes Mittel, Bedürfnisse nach Gefühl, Erlebnis und Sinn zu befriedigen: Sie sprechen nicht nur die Emotions- und Erlebnisebene an, sondern liefern auch sinnstiftende Elemente. Und zwar in einer ebenso unmittelbaren wie überzeugenden Form, bei der die rationale und argumentative Ebene umgangen werden.
Daneben gibt es einen zweiten Grund, der dazu beiträgt, daß der Stellenwert eines Mythos-Marketing wächst und sich in Zukunft vermutlich noch weiter erhöhen wird: Auf den meisten Konsumfeldern wird es immer schwieriger, den Verbrauchern einen spezifischen, für eine Marke oder einen Anbieter charakteristischen Produktnutzen zu vermitteln, der sich deutlich von der Konkurrenz unterscheidet. Mythos-Marketing stellt ein wirkungsvolles Zusatzinstrument dar, trotz gleicher oder sehr ähnlicher Consumer Benefits, ein Eigenprofil aufzubauen und sich gegenüber Konkurrenten abzugrenzen. Für die Corporate Identity-Struktur eines Unternehmens hat die direkte oder indirekte Verbindung mit einem Mythos eine Reihe von positiven Konsequenzen. Sie wird dadurch insbesondere stabiler und ist durch vorübergehende negative Publizität weit br> schwerer zu erschüttern.
Vor allem für Global Players ist die gezielte Steuerung von Mythen, die ihre Produkte und Marken betreffen oder sich auf das gesamte Unternehmen beziehen, ein sehr interessantes Mittel, bei dem sie ihre Größe und ihre internationale Präsenz nutzen können. In den virtuellen Konsumwelten, die in Zukunft immer wichtiger werden, wird sehr wahrscheinlich der Stellenwert eines Mythos-Marketing sogar noch erheblich weiter ansteigen. Denn moderne elektronische Medien bieten besonders gute Voraussetzungen, mit Hilfe von raffinierten Simulationen, Inszenierungs- und Präsentationsstrategien Mythen zu vermitteln.
Was bisher allerdings fehlt, sind jedoch reliable, standardisierte Tests, mit denen ein vorhandener Mythos erfaßt werden kann, die eine Überprüfung von gezielt eingeleiteten oder auch unbeabsichtigten Veränderungen ermöglichen und die Anhaltspunkte über die Auswirkungen auf das Konsumverhalten liefern. Bei den bisherigen Versuchen, Tests dafür zu entwikkeln, wurden häufig die gleichen Instrumente eingesetzt, wie bei der Messung von Imageprofilen, von Corporate-Identity Merkmalen, von Einstellungen oder Stereotypen, die sich mit Produkten, Marken oder Firmen verbinden. Dies hängt häufig mit einer begrifflichen Unschärfe zusammen: Es bleibt im unklaren, was Mythos eigentlich gegenüber Imageaspekten oder gegenüber Corporate-Identity Merkmalen, die auf klischeehaften Einstellungen, Wertungen und Stereotypen beruhen, auszeichnet. Mythos wird häufig scheinbar nur als ein neuer Begriff für alte Inhalte verwendet. Hinzu kommt, daß bei den bisherigen Mythos-Tests zum Teil ein wesentlicher Aspekt nicht berücksichtigt wird: Der Mythos-Begriff hat in mehreren Punkten generell einen Bedeutungswandel durchgemacht. Das gilt insbesondere für die modernen, kommerziell oder wirtschaftlich nutzbaren Mythen in der Konsumwelt. Wenn man versucht, das, was den Mythos eines Produkts, einer Marke oder eines Unternehmens ausmacht, mit Hilfe von standardisierten Tests zu messen, spielt dieser Bedeutungswandel jedoch eine wichtige Rolle.
Das Konzept, das in diesem Treatment diskutiert wird, setzt an diesem Bedeutungswandel an und versucht gleichzeitig zu klären, was die profanen, kommerziell oder wirtschaftlich nutzbaren Mythen mit traditionellen Mythen gemeinsam haben. Die Antwort darauf lautet: mindestens die vier folgenden Punkte.
Erstens eine "Geschichte", die üblicherweise in symbolhafter, metaphorischer Weise zum Ausdruck gebracht wird und daher offen für immer wieder neue Interpretationen und Bestätigungen in der - tatsächlichen oder vermeintlichen - sozialen Wirklichkeit ist.
Diese Geschichte, dieses narrative Element, ist zugleich ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Image eines Produkts, einer Marke oder einer Firma. Es grenzt Mythen auch von charakteristischen Einstellungen, Wertungen oder Stereotypen ab, die sich auf Produkt, Marke oder Unternehmen beziehen.
Die zweite Gemeinsamkeit klassischer und moderner Mythen sind typische, immer wiederkehrende Symbolfelder oder metaphorische Themenbereiche, die sich trotz des eingetretenen Bedeutungswandels kaum verändert haben, allerdings in zeitgemäßer, aktueller Form interpretiert werden. Stärke und Überlegenheit, Siegen und Gewinnen sind Beispiele dafür. Aus dem umfangreichen Themenkatalog klassischer Mythen sind allerdings nur einige wenige für ein Mythos-Marketing sinnvoll und erfolgreich nutzbar.
Der erste Schritt bei der Entwicklung von standardisierten Mythos-Tests besteht daher darin, die grundsätzlich relevanten Symbolfelder oder metaphorischen Themenbereiche zu bestimmen. Sie bilden sozusagen den Ausgangspool für die konkrete Überprüfung des Mythos von Produkten, Marken oder Firmen, aber auch für eine Untersuchung des Mythos von Personen, Idolen und Stars, die damit verbunden sein können. Das gleiche gilt für den Mythos von bestimmten (Stand-)Orten oder Regionen oder den Mythos von bestimmten Ereignissen oder Veranstaltungen. Alle drei Punkte können mit dem Mythos von Produkten, Marken oder Unternehmen verknüpft und für eine Analyse wichtig sein.
Ein drittes gemeinsames Element ist die hohe Überzeugungskraft, die traditionelle, ebenso wie moderne Mythen, für diejenigen besitzen, die daran glauben. Und zwar eine Überzeugungskraft, die auf einem Credo beruht und keines Beweises oder einer rationalen Argumentation bedarf. Mythen können selbst dann noch aufrecht erhalten und mit Ad hoc-Strategien gerettet werden, wenn die tatsächlichen Verhältnisse in der sozialen Wirklichkeit scheinbar dagegen sprechen.
Klassische wie moderne Mythen sind um so wirkungsvoller, je stärker dieses Credo ist. Bei den modernen Varianten, die im Rahmen eines Mythos-Marketing genutzt werden können, ist allerdings die Gefahr eines Umkippens in eine Mythos-Lüge weit größer als bei den traditionellen Formen. Gerade deshalb ist es eine wichtige Teilfunktion für Mythos-Tests, das Credo und die damit verbundene Überzeugungskraft in den jeweiligen Zielgruppen zu ermitteln.
Eine vierte Gemeinsamkeit schließlich ist die stark wertende und emotionale Ladung von Mythen. Klassische und moderne Spielarten beinhalten deutlich ausgeprägte, meist überzogene oder übertriebene Wertungen. Und sie sprechen die Gefühlsebene an.
Mythoscontrolling sollten daher in jedem Fall so beschaffen sein, daß sie eine Überprüfung der emotional-evaluativen Reaktionen ermöglichen, die mit den Kernbotschaften des jeweiligen Mythos verbunden sind. Die evaluative Ladung ist im übrigen eng mit dem konnotativen Gehalt und den assoziativen Nebenbedeutungen der Kernbotschaften des Mythos verbunden."
Quelle: Institut für rationelle Psychologie, München. http://www.grp-net.com/

Moderne Mythen sollte man wohl tatsächlich im TV, bzw. in der popkultur schlechthin suchen -dort wird uns Stunde um Stunde von Menschen erzählt; dabei entstehen Mythen, oder sind als solche vorbereitet, um uns Sinn, Erlebnis, Dabeisein (urban myths and tribes) zu vermitteln, im Dienste der Konsumanreizbildung.


*Stan Lafleur: Re: Mythos-Fabrik, 25.08.01
das ist ein hochinteressanter bericht, dem genau der gegenteilige ansatz zu meinem innewohnt, auch wenn ich die grundlagen genauso sehe. mich interessieren hingegen die loser-geschichten. was hier analysiert/propagiert wird, die erfindung von mythen zur werbetechnischen umsetzung (kaufanreiz fuer damit kuenstlich konnotierte produkte) ist ua etwas, was ich mit den ausgewaehlten mythen/sagen bekaempfen will. entweder die leute haben keinen job oder einen schlechtbezahlten oder einen gutbezahlten, meist schwachsinnigen (also einen, auf den sich der text bezieht, wo er die bresche weiter oeffnen will: ihr macht doch schon sinnlose arbeit, das geld musz zurueck in die wirtschaft, also kauft euch auch sinnloses zeug, wie ihr damit angeben/euch gut dabei fuehlen koennt, diese anleitung liefern wir mit! ueberlaszt das denken mal schoen uns, wir kriegen das schon hin!). dasz ich ausgerechnet die einzige geschichte aus der sammlung praesentiert habe, die vor einer medienkulisse spielt (& funktioniert), war vielleicht etwas dumm/fahrlaessig, da die diskussion deswegen stark in diese richtung gegangen ist. andererseits kommen dadurch sehr interessante & bezeichnende haltungen zu tage. dieser artikel analysiert ja einen existierenden status quo, uebergeht "lediglich" jene bevoelkerungsgruppe, die keine kohle hat, & stellt sich in seiner absicht komplett in die von mir vorab dargestellte anbetung des geldes bzw aufbauschung von statussymbolen, die damit zu erwerben sind, ein moderner ablaszhandel. das ist ebenso geschickt wie leicht zu durchschauen. eurer kritik zufolge sind meine absichten weniger leicht zu durchschauen bzw laufen bloed ins leere/funktionieren nicht, wenn man das zuende spielt. das ist gut moeglich, aus dem einen grund, dasz sie sich eben nicht in den dienst des geldes im oben beschriebenen sinne stellen. damit diese mythen funktionieren, braeuchte es andere systemvoraussetzungen. fuer solche trete ich an. der uebliche kampf gegen windmuehlen?


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