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      Roundabout August



 

 

roundabout august

1 Jansen

Luis ARAGON, Georges BRASSENS : Il n'y a pas d'amour heureux.
Et quand il croit / Ouvrir ses bras son ombre est celle d'une croix.

Wie weit ich gegangen bin, die letzten zehn Jahre. Und doch schwebt das Kreuz des
Damokles noch heute über mir, nach dieser verpennten Messdienerjugend. So viele
beschlagene Stirnen, Brüste. Meine ersten Freundinnen habe ich vor Glück zermalmt. Wie
viel Zeit es brauchte, leben zu lernen. Wie weit ich gehen musste, um dich zu finden in dieser
Inselpinte, dich dem schwarzen Mann glatt von der Seite zu fegen... Dann durchfuhren wir
Landschaften, in denen es nur Himmel, Erde und Wasser gab, und uns darinnen, müßig.
Später fanden wir zuviel Wasser und zu wenig Menschen um uns herum. Was wir auf dem
Festland bezogen, nanntest du "nid d'amour". In diesem alten rissigen Gemäuer war nur das
Bad frisch gestrichen, und heute, nach zwei Jahren, sehe ich morgens unter der Dusche der
Farbe beim Abblättern zu. Katzenfrau, du, mit den großen Augen. Weißt du noch, wie du mir
von der Rettung eines Vogels aus dem Maul deines Kindheitskaters erzähltest: Gesund
gepflegt und wieder in die Freiheit eures Gartens entlassen, hatte der Kater dem Piepmatz
schon zwei Tage später das Genick durchgebissen... Was soll der Tibetteppich meiner Texte,
die ich um dich webe? Schließ die Augen und sprich mir nach: Es gibt keine großen
deutschen Worte, sehr stimmhaft und hochvokalisch, für das, was wir leben. Es gibt nur dies:
uns beide, Spätgeburten, auf 27 Quadratmetern im fünften Stock eines Pariser Wohnhauses,
darin wir nachts beisammen liegen, wenige hundert Meter von dem großen umfriedeten
Garten entfernt, in dessen Erde die Schatten der Dichter schlafen.


2 Schoofs

es gefällt mir sehr gut, wie die blumige sprache aragons ins konkrete gewendet wird. so wird
aus aragons schatten mit ausgebreiteten armen das kreuz des damokles, das in verbindung mit
der messdienerjugend nicht (nur) übertragen, sondern konkreter schatten (der vergangenheit)
ist. ähnlich die technik beim kindheitskater, wo der oiseau blessé als ein wirklich gesehener
und vergeblich reparierter vogel wieder auftaucht. bei aragon scheint mir problematisch, dass
die dinge ohne vorgeschichte sind, was sie sind: verletzter vogel, zermalmtes glück. und das
obwohl programmatisch verkündet wird, nichts sei angeboren. das hat alles seine geschichte,
hier bekommen die sätze fleisch. dass natürlich sie eine "katzenfrau" genannt wird,
unmittelbar bevor das von einem kater verletzte vögelchen in's bild hüpft, gehört eher zu den
dingen, die ich zurückstellen möchte.

unter der konkretisierung leidet die poetik aragons, nämlich die pathetische absolutheit - die
den text wohl auch für einen chanson geeignet macht. sie zerstört aber die metaphern nicht,
sondern bricht sie sozusagen auf, füllt sie mit eigener geschichte, in der farbe abblättert und es
fünfte stockwerke nahe dem père lachaise gibt. die bilder sind somit andere als im original,
aber trotzdem wiederzuerkennen - so wie das gemeinte in der übertragung der metapher
erkennbar bleibt.
es handelt sich nicht um destruktion, sondern um dekonstruktion, einen ab- und neuaufbau. im
text spricht daher eine andere, aber in jedem fall eine romantik.


3 Stahl

Orte 1. Das versunkene Feld

Versunken ist hier eigentlich nichts: aber so starr stehen Gestelle inmitten Gänseblumen...
Und die Gerüste mit Scheiben von hinten - es ist das Rätsel eines lokalen Sachverhalts, der
nur 5 Min. von zu Haus... früher war`s der Trainingsplatz unseres Fussballvereins:
Rasenplatz, 1. Demütigungen (nicht eingewechselt), 1. Erfolge (gut gespielt, auf dem Weg zur
Kreismeisterschaft)... So weit der Himmel, von Pappeln konturiert - ziemliche Ferne, nicht
ohne Ende, aber immerhin... Das Ganze jetzt ein Übungsplatz für Bogenschützen: Zen, Kunst,
die Sehne zu spannen: dieser Moment... der absoluten Stille: Selbstverlassenheit - indem man
das Ziel denkt. Diese Holzkreise sind verschieden & einzig: ihre Oberfläche perforiert:
gefräst: zu Mustern zerborsten - ein geheimer Zufallstakt/Code: direkt aus diesen
seinsversunkenen Augenblicken heraus - Abbild materialisierter Leere: eines Widerspruch
also, der sich aufs gesamte Terrain hin erweitert: mengt blasses Erinnern mit einem
verborgenen Jetzt - oder mehr: wird dieses dieses Jetzt vor der Folie des Vergangnen... Wir
ächzen auf Rädern über die tiefe Wiese, über die Mailüfte gehen, Wolken auch &
Pappelsamen...

Einige Vorworte

Rheindichtung, Dichtung über das Rheinland sind mit die unsäglichsten und unseligsten
Kapitel der deutschen Literaturgeschichte. Was einst mit Brentanos "Lorelei", seiner und
Arnims Volksliedsammlung begann, wurde zum düster-germanischen Nationalepos
umgeschmiedet ("Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein", "Teutschlands
Strom, aber nicht Teutschlands Gränze"), zur Zuckerwatten-Romantik aus Weib, Gesang &
Weinstube. Dem idealen Humus also für noch gruseligere Mythen & Filosofeme: für deutsche
Gesinnungshetze & Fantasien 1000jähriger Rheinreiche, die 's so nie gab: Blut, Boden,
Brauch & Kult - alte Sitten, Mutterschaft, Scholle, Krume, Erde, Blut, Mord, Tod - Bertram,
Brües, Steguweit, Seidenfaden...
"Heimat" ist seither im Deutschen ein verunstalteter Begriff, dabei lässt sich nicht daran
rütteln, dass man "von irgendwo weg" ist: wo alles bekannt & familiär aussieht und die Leute
denselben Dialekt sprechen wie man selbst.
Der deutsche "Patriotismus" ist unleugbar ein wildes Tier: auch jetzt in Reden von Politikern,
in Kommentaren von Publizisten, die sicher nicht undemokratischer Umtriebe zu
verdächtigen sind, blitzt sie wieder auf: die Großmannsgier: diese deutsche Variante von
Patriotismus, die Benedetto Croce bereits 1911 kennzeichnete: dieser infame Anspruch,
Primus der Völker zu sein: God `s own country: WIR GROSS DEUTSCH REICH EINZIG!...
Dem Regionalismus kommt daher eine bedeutende Rolle zu: nämlich die Zentralität durch
Neu-Definition & Eigenbewusstsein zu relativieren: die "Nation" zu einem Konglomerat
heterogener Einheiten umzucodieren, ja: sie aufzulösen im Ländermiteinander: allgemeine
Gleichheit herzustellen. Viel einfacher ist internationaler Kontakt im Kontext der Regionen,
also der Menschen, als auf Regierungsebene. Je mehr die Grenzen weg fallen, desto mehr
erkennt man wohl die Willkür ihrer Demarkation.
Wenn hier von Rheinland die Rede ist, meint das jene Gebiete links & rechts des Flusses, die
man heute zu Deutschland, Holland und Belgien rechnet.
Wenn hier von Erde die Rede ist, dann meint das geologische Formationen.
Wenn hier von Wurzeln die Rede ist, dann meint das simpel Herkunft und nicht zuletzt
Geschichte: jene Geschichte der Freiligrath, Kinkel, Schurz, Marx & Engels, Heine & Beuys
ganz besonders und vielleicht ein bisschen Heinrich Böll.
Es handelt sich um eine Vergewisserung: wo man war, wo man steht, wohin man geht - in
Europa, in der Welt.
Als Mittel dient die Aufmerksamkeit: für ORTE, die Bedeutung besitzen mögen: individuelle
oder allgemeine; für WEGE, die exemplarisch für (geografische oder psychische)
Bewegungen, Fortgang, Verkehr & Verbindung stehen, in der Vergangenheit, jetzt und in
Zukunft; für PFLANZEN, die uns charakteristisch umgeben: sollten sie nur hier vorkommen
oder auch hier: als das jedenfalls, was mit Plätzen & Wegen das Bild komplettiert.


4 Stahl

popmusik

hat mit poppen zu tun
das weiss jede/r
+ das geht rauh
+ sanft.
sagt jedenfalls tina t.
in der wh.
vom rockladen von 1971 auf bayern 3
sie wirds
schon wissen.
der mann ist als ebene
weich hinter sie
gezeichnet.
er singt auch.
der song verschnellert sich
um schnellpresse zu
werden.
4 schwarze glasfibern
lassen
durch + mit
schwimmbewegungen
ihre röcke
hüpfen.
dann wieder joe cocker.
so ist [das in]
deutschland.
es hört die musik
von damals, über die
"sicherheit des lachens", die
david bowie gerade erwähnte,
auf dem anderen sender,
sagt man hier besser nichts.
popmusik
kommt von poppen,
nicht von lachen +
poppen hat mit denken
zu tun.
das weiss jede/r.


5 Lafleur

gott auf der autobahn

ich schaue auf landparzellen
befriedet von autobahnen
auf lastkraftwagenkolonnen
fahrende waende an horizonten
bebruetet, gekuehlt & am garen

ich schaue auf guetertrassen
der luxus zerschneidet das land
in lauter regionen & klassen
& auf nietzsches scheiterhaufen
haben wir gott mitverbrannt

der qualmt noch & macht die luft schwer
suesz getraenkt von heiligem benzin
& zieht sich wie ewiger sommer
unterm dampfenden fernverkehr
ueber die deutsche autobahn hin


6 Lafleur

vogtlaendische huegel (thueringen)

der sommer drueckt seine faust ins tal
kornblume, klatschmohn, ackerwinde
& ein urangrundierter himmel
draeuendes blaues & graues portal

ein leib liegt im jungen weizen begraben
von hamstern zernagt im schillernden meer
von treckern gespurt vom wind zerfahren
erhabenes wogen natuerlicher drogen

in all der verschwendung: der blick ist leer
hat zuviel vom huegelland aufgesogen
den klaren farben gesprenkelter raine
gebuerstet vom wind, sauren regens gekuehlt

von lerchenmusik bis in die hirnrinde
ins innerste allen empfindens gespuelt
& mit ner digicam neusten standards
codiert & dem web-orkus untergewuehlt


7 Jansen

In der Provinz I (Normandie)

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust
Korn. Saaten. Und des Mittags roter SchweißAntennenkämme spalten kobaltblaues Himmel-
Plexi
Des Abends braun und blaue Farben.

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten
Fanden die Hirten den süßen Leib
Verwest im Dornbusch
O Nacht, ich nahm schon Kokain.

Der Blick stürzt ein, die Augen fallen um
Es ist nötig für uns, von der Natur einen sparsamen Gebrauch zu machen
Wenn es Herbst geworden ist / Zeigt sich nüchterne Klarheit im Hain
Es ist ein Stoppelfeld in das ein schwarzer Regen fällt.

Punkte die auf der Hirnrinde glimmen
im leeren Raum um Welt und Ich
Sogar Liebe - alles codiert
Klo, diese[r] Trichter, der in den Orkus mündet.


8 Lafleur

so ist es entstanden: ich bin am hellichten tag etwa eine halbe stunde auf einer asfaltierten
landstrasze gegangen, ohne einem menschen zu begegnen. die sonne knallt, aber eine frische
brise macht den tag ertraeglich. ich sitze mitten auf der strasze, denn andere sitzgelegenheiten
gibt es nicht. ich bin schwer verkatert. um mich rum wogt der gruene weizen im wind. die
natur macht eine gigantische show. das sieht alles so ein biszchen aus, wie von kirchner oder
nolde gemalt, nur eben nicht so statisch. ich sitze dort ziemlich lang. schreibe diesen text &
noch ein zwei andere. bis ich ploetzlich dabei gestoert werde. in meinem ruecken hat ein
wagen gehalten, denn ich versperre die strasze. ich habe ihn nicht bemerkt. ein typ steigt aus,
fragt lachend: "was machstn du hier?" "ich schreib hier gedichte." "no, does ist ne hoerrlische
goegend." nun, das ist kein wirklich modernes szenario. sein uralter kaefer haette auch ein
pferdewagen sein koennen. das dorf, in dem ich zu gast!
bin, liegt in einem toten tal & hat seine asfaltstrasze & elektrische beleuchtung auch erst seit
wenigen jahren. es saehe dort unglaublich idyllisch aus, haette man nicht in juengster zeit die
ganzen moeglichkeiten des betons entdeckt. ja, & dann steht da noch, ein paar kilometer
entfernt, die uranhalde, relikt sozialistischer abbau- & umweltpolitik. die umgebenden
straszen sollen alle uranbelastet sein. dann wieder die waelder: dort ziehen mufflonherden
herum, deren vorfahren goehring persoenlich aus korsika kommen liesz. auch hier begegnet
man auf kilometer keinem menschen. auch keinem mufflwild. die sollen sich wie geister
durch die waelder bewegen. die sonne macht verrueckte sachen mit dem unterholz. birken &
streichholzkiefern. im dorf ist man arbeitslos &/oder miteinander verfeindet. es gibt kein
gasthaus, natuerlich keinen lebensmittelladen, nichts (mehr seit man brdigt ist "das ist hier
jetzt alles westen"), ein einsamer zigarettenautomat ist tatsaechlich gefuellt m!
it marlboro & sorten, die sonst keiner kennen will. irgendwie!
nicht die gegend fuer ein modernes gedicht. oder etwa gerade? es gibt einen preisgekroenten
dichter aus dieser gegend, der seine heimat in verschluesselten sperrigen zeilen besingt, die
keine zwanzig leute verstehen. der wohnt aber nicht mehr dort.


(c) roundabout 2002
anne stoll, enno stahl, tobias schoofs, saskia mackeben, stan lafleur, adrian kasnitz, rainer junghardt, christian jansen, ingo jacobs, rené hamann.

 

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