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Roundabout Dezember

René Hamann: 25 Lieder (5)

5 so jung kommen wir nicht mehr zusammen.

es gab eine band, die pubertärer war als ich selbst & deswegen habe ich sie gehasst: aber, vorgespielte dilemmas, bezogene befindlichkeiten, nun entspreche ich dem bild von ihr: zurückgelehnt auf sofas rauche ich billig-zigaretten. ich wurde zum causeur: "neulich traf ich einen naturkokainierten, weißt du, marke zapplig: schwafelte von cooler haus-mucke & so. er würde auch kein instrument spielen, weswegen er sich mit gitarrenmusik nicht identifizieren könne: ich weiß nicht genau, was ich nicht an ihm leiden konnte: die band habe er immer gehasst, ich klopfte ihm auf die schulter: & wollte nichts mit ihm zu tun haben."
tocotronic, so jung kommen wir nicht mehr zusammen


Stan Lafleur: 25 Lieder

ich verstehe nun immer besser, welche idee dahintersteckt & es gefaellt mir zunehmend besser. gefielen mir die ersten beiden noch nicht so recht, was mit der song-/themenauswahl (der begriff der hoelle, ueber depeche mode variiert zb, fuehre das hier nicht weiter aus) zusammengehangen haben mag, hab ich ab dem dritten aufgehorcht & die nummern 3,4,5 fand ich durchweg, na wie soll ich sagen, da ich ja keine wissenschaftlichen kriterien bemuehe, cool vielleicht, sympathisch, auf der einen seite, lyrisch hochwertig auf der andern, etwas retro vielleicht, aber dennoch immer in der zeit, die wir so in uns mitschleppen, somit durchaus meinen postulaten entsprechend, zudem trickreich & intelligent, fuer mich auch witzig formuliert & diese stimmungen der letzten drei lieder, die konnte ich miterleben, gleichzeitig nachdenken ein wenig, mehr hat lit fuer mich kaum zu bieten, das hat einige takte meines gefuehls zu den dingen angesprochen, manche wiedererweckt, die versackt waren, ein einziges bsp: mir klopfte vorgestern einer auf die schultern, mit dem ich nichts zu tun haben wollte, da war dieses bild aus lied fuenf von heut natuerlich sehr stark, wenn auch vice versa, es sind erinnerungen angesprochen in den letzten drei liedern, die ich in schnittmengen teile, die anekdotencharakter haben & sie sind sehr gut formuliert. weiter so, rené! (vielleicht ist das auch "intellektueller trash".)


Ingo Jacobs: An den Rändern des Rauschens

An den Rändern des Rauschens

& morgens auf dem vom
matten blick getrübten leicht
verbogenen dach ein rabe, erst

gegenüber, dann vis à vis,
brotstück im schnabel, das
er schüttelt wie eine doch zu

schwere last. er hat ein
herz, das keine angst denkt,
murmel ich leise in den

stadtrandhimmel, nachmittags.
& in der ferne: erheben sich die
satellitenteller, träge münder,

sie summen nicht, aber sie
wissen: an den rändern des
rauschens ändert sich nichts

René Hamann: kurze antwort an stan

die kollegin schneider hat mal ein hier vorgestelltes gedicht von mir gelobt
und war dann etwas beleidigt, weil ich nicht reagiert habe. wie reagiert man
auf lob, außer danke zu sagen? muss man noch etwas zum text erklären? nein,
muss man nicht. nur zwei kleine dinge: depeche mode & die hölle, das passt
auf der oberfläche nicht so, gebe ich zu. der text geht jedoch eher von den
songzeilen in der überschrift aus, als von den genannten bands. andererseits
wäre eine verbindung irgendeiner satan-gruftie-combo zum thema hades
vielleicht auch zu offensichtlich gewesen. und, "intellektueller trash", das
nehme ich schmunzelnd in kauf, warum nicht. also danke, ich freue mich über
reaktionen, übrigens jedwelcher art.


René Hamann: 25 Lieder (6)

JUST THINK ABOUT IT: YOU COULD WALK ME EVERYDAY.
dann wackelten riesenräder, mandolinen lagen im gras & zirpten. nichts besonderes also, befand ich mit den händen in den hosentaschen. & verabschiedete mich von den ketten: nur ein sitz für eine person, das war zu wenig. "jemanden gehen", dachte ich im getümmel meiner jugend, "wie sich entschließen: & ist es zu verläppschen?" zuckerwatte wollte freundin sein. mit luft gefüllte gummiblasen stiegen traurig dem himmel entgegen. ich stand und kartografierte: fand mich aber völlig ungeübt. "kommst du vorbei?" die sterne verharrten. die sterne, völlig ungeübt. "ICH BIN ODYSSEUS!" schrie ich in die flüssige nacht. die sirenen sanken von den schallplatten. "kommt herab!" die sirenen jedoch unterzeichneten verträge, trafen sich mit pr-managern, mit bookern & studiobossen. schmieriger verschleiß. ich war blind, pustete das wachs aus meinen ohren & überlegte: wie hieß gleich die tante, die daheim auf mich wartet? & was soll das eigentlich heißen: daheim?
volume all * star, alpo boy


René Hamann: Remix

1 original (tobias schoofs)
2 fälschung
3 sonstiges


1
im zug zwischen mehreren leben
nachts von schlaf benommen und gehölz ge
wunden von gedanken ragt in diesen
hohlraum holzraum in den kopf
und auf dem display neben mir
während ich den rechten weg verlor
zwischen mehreren leben navigation
ans andere ende; an den knotenpunkten
namen mehrerer städte (wetzlar,
treysa, marburg, gießen) lotte
rie geworfene münzen den er
innerungen aus dem mund unter der
zunge hervorgezerrt bestimmen die
ziele die gedanken die wachsenden
hölzer im stirnbogen; plötzlicher
lichtreflex aus dem mund dem
internet gebündelte zerstreutheit
zwischen diesen mehreren leben den
ganz verschiedenen mündern die mir
zureden mir von da und dort her
raten mich als einzige hier im
dornigen wald beim namen nennen.


2
nachtzug

im zug zwischen den mündern, nachts
der kopf vom schlaf zubetoniert,
schlagen sich erste gedankenwurzeln
im neonlicht durch den hölzernen turm.

auf dem display neben mir, während
ich den weg nicht finde, funkt sich
die navigation ans ende des bilds: doch
an den knotenpunkten nichts als namen.

die strecke drischt über wetzlar, treysa,
marburg & gießen im zufallsprinzip
starten wortjets von den mundrampen &
nur langsam mache ich formationen aus

erinnerungsschleifen. an der hirnrinde
schlagen die ersten gedanken aus, sie
stoßen löcher in die netzhaut, auch die
flaggen der evidenzlotsen schwanken noch

im bodenlicht. dann, langsam, kriechen
strahlen aus ihrem netz & zwischen
radarstationen gehen funksprüche hin & her:

sie raten mir, mich zu erkennen zu geben.

3
ein großtext will noch mal überarbeitet werden, eine erzählung soll fertig werden, zwei gedichte und 18 gesänge liegen hier noch herum, das jahr ist bald gelaufen, wieder nix geworden mit dem buch, ich gebe mir ein weiteres jahr und habe schon wieder 2 weitere projekte im kopf, die ich anfange. wie es auch mit den lektüren ist: obwohl ich es doch schaffe, zwei bücher im monat ZU ENDE zu lesen, liegen hier IMMER noch 4-5 andere herum, die ich entweder seit eben erst oder halt schon seit monaten lese, viel anfangen, kaum was zu ende bringen, das war früher anders herum. ist das schlimm? nein, das ist nicht schlimm. nur könnte jmd doch mal die zeit anhalten, dass man auch mal was geschafft kriegt, bevor man 33 oder 35 ist und alles aus ist von wegen junger autor etc.


Saskia Mackeben: es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt
es ist wohl so, zum jahresende wird der vergangenheit gedacht, und dessen, was wir so erreicht haben, und erreichen wollten. ich werde bei gelegenheit mal zwei prosatextchen ins roundabout stellen, die ich ungefähr mit 19, 20 geschrieben habe, die so ungefähr meine ersten prosaversuche waren, und die ich immer noch gut finde, was ich auch lange zeit geleugnet hätte, da ja die früheren texte -wg. weiterentwicklung- nicht besser sein dürfen als die späteren. ich bin ja literarisch ohnehin nicht besonders produktiv, und habe ziemlich oft die befürchtung, mir werde nie wieder etwas einfallen, und schon gar nichts, das besser ist, als das bisherige. zum thema zeit möchte ich sagen, ohne zu sehr nach "positiv denken" zu klingen: der tag hat für jeden nur 24 stunden, und andere hatten auch nicht mehr zeit, ihre ziele zu erreichen. ich nutze meine zeit bewußt, und halte es für eine gute und wertvolle freizeitgestaltung hochglanzzeitschriften zu lesen, oder in kneipen rumzuhängen. ich schaffe trotzdem noch eine ganze menge. mein erzählungs- oder romanfragment ist auch -noch- nichts geworden, aber -es fällt mir gerade ein, rené, über dieses thema haben wir auch mal gesprochen- was gut ist, ist auch in 10 jahren noch gut, und ich denke nicht, dass wir den jung-und-sexy-bonus brauchen. gut, ich sehe schreiben auch nicht als meinen haupt-lebensinhalt an. renés idee mit den popsongtextchen finde ich sehr schön, auch einige der texte. besonders text 4, der wohl kollektive kindheits- und jugenderinnerungen, wie große langeweile, der wunsch etwas aufregendes zu erleben, sei es durch den konsum von drogen, träumereien, enthält, gefällt mir ausgesprochen gut. zum text 5: naja rené, ich werde dir deine künstlerische freiheit natürlich nicht absprechen, aber leider rege ich mich immer noch über diesen text auf, in dem du ein gespräch, dass du mit einem guten freund von mir auf meiner geburtstagsfeier geführt hast, nebst wertung wiedergibst. an ihrem musikgeschmack werdet ihr sie erkennen. dass sich nicht jeder so gut ausdrücken kann wie du, berechtigt dich nicht, ihn derart in die pfanne zu hauen. wir hatten uns ja schon damals geeinigt, das ich jetzt berechtigt wäre, mich literarisch über dich lustig zu machen, aber so etwas vorsätzlich zu tun ist mir dann -mit verlaub- doch zu pubertär. nun gut, der text ist da, er ist wahrscheinlich auch gut, ich kann ihn bloß nicht objektiv beurteilen. ich packe ja auch selbsterlebtes in meine texte, wenn auch etwas verschlüsselter.


Saskia Mackeben: frühstücken

schneeregengrauen morgens,
du sitzt mit dem messer
am tisch, brotschmierend
eine textzeile im radio-
song, du lachst,
ich verstehe den witz nicht
wühle meine haare
die klumpen klatschen ans fenster,
meine orangefarbene lampe
gibt ein gefühl von sonne
und siebzigerjahrekindheit.


Christian Jansen: Zeit

heute ist der dunkelste tag des jahres. vorgestern abend habe ich mit wehem herzen renés letzte mail gelesen. schoene, traurige gedichte; schoen, wie original und nachginal sich wie zwei schnecken gegenseitig voegeln, und wie einsamkeit sehr kalt herueberweht. wie traurig muss man sein, um so traurige gedichte zu schreiben, fragte ich mich, und: vielleicht geht es mir gerade zu gut, wie mein vater frueher schon immmer annahm, und vielleicht ist dies der grund, warum ich keine schoenen, traurigen gedichte mehr schreibe. "wie traurig muss eine dichter sein" - wo habe ich das kuerzlich gelesen?
einmal von renés beginnender midlifecrisis infiziert, surfte ich heute morgen in der uni auf der seite meiner ehemaligen schuelerzeitung PRANKE (http://www.pranke.de/) herum; ich war 17 und 18 damals, 1993 und 1994, vor vielen jahren. und dann habe ich den fehler begangen, meine alten artikel nochmal zu lesen.
gruenbein schrieb im briefwechsel mit vladimir sorokin an sich selbst, als er 16 war; ein satz ist haengen geblieben, sinngemaess, wenigstens: er habe nichts wesentliches dazugelernt, was er nicht auch schon mit 16 gewusst habe. ich habe das damals, beim ersten lesen, nicht verstanden und hielt es fuer ueberheblich. - aber als ich eben meine alten schuelerzeitungsartikel nochmal las, hatte ich seltsamer weise genau dieses gefuehl. ganz im gegenteil zu ingo, der bei durchsicht seiner alten sachen kommentierte, das sei, aus heutiger sicht, wirres zeug, und er koenne sich selbst nicht mehr verstehn. ich hatte im gegenteil den eindruck, dass ich vieles damals freier, ehrlicher, unbedarfter geschrieben habe; und ich habe den eindruck, dass ich damals, mit 17 und 18, viel kreativer war als heute, spritziger. warum habe ich das verloren?
ich verdaechtige natuerlich den uni-diskurs und speziell das institut d'etudes politiques, das deine gedanken in einen plan aus zwei teilen mit je zwei unterteilen zwingt. ich habe in einem franzoesischkurs, vor einigen wochen, einen aufsatz zum thema "la culture est-elle un luxe?" schreiben muessen, und versucht spritzig, wie damals, ironisch, boese, scharf und beissend zu antworten. es handelte sich ja immerhin um einen franzoesischkurs, und nicht ums jura-seminar, dachte ich, die frz-lehrerin muesse das spiel mit sprache und bosheit doch gefallen, dachte ich. ich dachte. fakt ist, dass sie trotz weitgehender sprachlicher korrektheit, eine fette 6 druntersetzte. sie lenken die gedanken und implantieren etwas in die koepfe, dem niemand entgehen kann. einige straeuben sich noch (vor allem die deutschen, die ein humboldtsches bildungsideal verinnerlicht haben), bei den meisten ist es schon fest verwachsen. ich lerne hier leute kennen, ueber die ich gerne schreiben wuerde, wenn ich nur zeit haette, in prosa, nur in prosa, waere das wohl moeglich, leute, die von 8h morgens bis 24h abens arbeiten, leute, die gar nicht mehr im "wirklichen" leben sind, die sich z.b. ihre einkaeufe von anderen erledigen lassen, weil sie keine zeit dazu haben. wenn ich zeit haette. das gehoert auch in ihr konzept, dass sie dir keine zeit lassen zum atmen, dich am kopf zu kratzen. sie sind der erste teil einer maschinerie, die bestimmte menschen produziert. menschen, die schnell analysieren, die herrschen und befehlen, menschen die unter hohem stress, unter zeit- und leistungsdruck arbeiten koennen und deren lebensideal arbeit ist, und letztlich macht, die sie sich erarbeiten.


Stan Lafleur: Zeit

was christian da schreibt ist tatsaechlich ein paar gedanken wert. wenn ich meine alten sachen betrachte sehe ich da einerseits mehr wildheit, experimentierlust, andererseits schwaechen in der ausfuehrung, vor allem einseitigkeit & technische maengel. ab ende zwanzig hat die vernunft bei mir zunehmend eine groeszere rolle gespielt. akzeptieren, dasz man nicht immer nur fordern & bloszstellen kann. dasz gute literatur auch ausgleich transportieren kann (NICHT: musz!). reibung nuetzt sich nicht nur ab, sondern man schuerft & findet ploetzlich dinge, auf die man garnicht stoszen wollte. meine fruehe jugend war bis mitte 20 von starken depressionen durchsetzt, seit ein paar jahren tauchen sie seltener auf, bzw habe ich gelernt, sie schneller zu wenden. einen zusammenhang mit dem schreibverhalten sehe ich in dieser hinsicht ganz klar, auch wenn ich mich nach wie vor zunaechst auf kritisierenswerte umstaende stuerze. rueckblickend sehe ich auch, dasz das ganze etwas mit der rezeption zu tun hat. ich wollte ja immer vom schreiben leben & anfangs kam resonanz nur aus untergrundkreisen, wo man schon froh sein musz, wenn man nicht draufzahlt. von etablierteren kreisen wurde ich schlichtweg ignoriert oder miszverstanden. das hat sich zwar nicht entschieden geaendert, aber doch ein wenig. es ist ein langer weg, ich begreife das immer besser, zb mach ich mir keinen kopf, weil es vermutlich noch jahre, wenn nicht jahrzehnte dauern wird, bis ich den roman schreiben kann, den ich mir vorstelle. bei mir kommt hinzu, dasz ich am anfang sehr viel mit sprache experimentiert habe, ohne zu wissen, welche vorgaenger das schon erledigt hatten. dh, ich hab mich nicht auf eine bestimmte form des experiments versteift, sondern jeweils nur ein zwei texte geschrieben & bin das naechste experiment angegangen. irgendwann war ich mit dem grundsaetzlichen durch & durfte aber auch erfahren, dasz ich bei weitem nicht der erste war, der sich mit sowas beschaeftigt hat. in ddorf habe ich haenderingend nach leuten gesucht, die aehnliche dinge schreiben wie ich. das war einfach nicht moeglich, an die entsprechenden informationen zu kommen. als ich 94 nach koeln zog, aenderte sich das schlagartig. ploetzlich bekam ich kontakte zu sehr vielen gleichgesinnten im ganzen deutschsprachigen raum. allein das wissen, nicht allein auf weiter flur zu stehen, tat mir gut. der austausch florierte fortan. sichtweisen wurden erweitert. die gefahr des verflachens wuchs allerdings mit dem zunehmenden wissen, dem ich literarisch gerecht werden wollte. eine eigene handschrift war mir immer wichtig & je mehr man kennt, desto mehr vergleiche hat man, gegen die man sich um der originalitaet willen abgrenzen musz. dasz ich mein damaliges vorbild oswald wiener getroffen habe, hat mir viel geholfen. der mann ist mir sehr offen gegenuebergetreten & machte den eindruck, dasz er die gratwanderung aus altersstarrsinn & offenheit fuer junge bestrebungen gut auf die reihe bekommt. das treffen mit ihm hat mir enorm geholfen, uebertriebenen respekt abzubauen & durch gesunden respekt zu ersetzen. wenn ich mir mal nach einer flasche wein meine alten sachen angucke, hat das verschiedene effekte, aber es bleibt immer dabei, dasz ich durchaus noch kapiere, warum ich das damals gemacht habe. manche sachen kommen mir dann eher peinlich vor, andere finde ich groszartig wegen der groszen kraft, die bis heute darinsteckt. das ist stimmungssache. wenn man sich selber gegenueber ehrlich sein will, musz man einfach dazu stehen & korrekturen in der eigenen sichtweise akzeptieren bzw wenn man unzufrieden ist, die eigenen motivationen erneut ueberdenken. ich bin derzeit wie schon haeufiger an solch einem punkt in meinem leben angelangt, wo viele wege offenstehen. bisher war das immer ein streszfaktor fuer mich: nachhaltige entscheidungen treffen. gelassenheit hilft. & die kann man sich antrainieren, tatsaechlich. man musz es nur wollen. & bereit sein, entscheidungen zu treffen, die evtl den ganzen lebensweg veraendern.
so, ich denke, der kanzler haette es nicht besser ausdruecken koennen,


Ingo Jacobs: zeit, autor & stil / eure texte

zeit, autor & stil

nicht alle alten texte, die ich noch einmal lese, kommen mir wirr vor - einige, eine ganze menge, um ehrlich zu sein. das rührt vielleicht daher, dass ich beim verfassen eines textes schon nach der ersten niederschrift eine befriedigendes endergebnis brauche. m.a.w.: der text darf nur nur noch geringfügig geändert werden müssen. der eindruck von wirrnis ergibt sich vielleicht auch daraus, dass diese texte gescheiterte versuche waren, etwas im oszillierenden spiel von innerer welt und bedeutungs(-gebung) festzuhalten. ihr wisst schon: das berühmte gleiten des signifikanten. manchmal geht es mir aber auch wieder andersherum: ein alter ('wirrer') text erscheint mir faszinierend, gerade weil ich ihn nicht mehr nachvollziehen kann...
warum hat christian den eindruck, seine kreativität verloren zu haben? er beschreibt es ja weitgehend selbst - aber er ist sich nicht sicher: die äußeren umstände, die laufbahnzwänge, der fertigungsdruck. mir fällt da der vergleich eines gewissen politologen leithold ein, der in einer seiner vorlesungen (politische theorie war's, aber egal) einmal den wissenserwerb mit einem sich stetig vergrößernden tintenkleks verglich. ich erlaube mir zu verallgemeinern, euren widerspruch zu wecken: auch dem schreibenden wird der tintenkleks des gelesenen immer größer, und wenn er dabei stetig versucht, die poetologischen pros/cons der schriftkunstwerke für sich selbst (und die welt) zu definieren, wird er zwangsläufig entdecken, dass die zugeschriebene/unterstellte poetologie auch meistens politisch/gesellschaftlich ausgerichtet wird (bspw. ist "l'art pour l'art" auch ein politisches statement): wie man zur zeit schreiben muss, ist immer ein verhandlungsthema. die meisten autoren verteidigen in dieser angelegenheit ab einem bestimmten zeitpunkt das einmal erworbene poetologische terrain. der text hat also meistens einen therotischen (ich-)überbau, der ihn legitimieren kann; sonst hängt er ja im luftleeren raum. der jeweilige stil ist dann eine art poetologisches über-ich - eine unterwerfung unter die anforderung, bürgerliches, kunstschaffendes subjekt zu werden (sozusagen etwas konsistenzes, greifbares zu werden): selbstporträt des subjekts als autor (mit allen weiteren implikationen: dass der autor alles aus sich selbst erschaffen hat, autonom ist, einsam, weltschöpfer, etc.; die altchristliche vorstellung vom autor als genius, abgesandter gottes, verkünder göttlicher botschaften hängt da immer noch mit drin). die wenigsten künstler heutzutage ändern irgendwann ganz radikal ihren 'stil' (oder hören einfach auf zu schreiben) - man darf ja nicht mehr zurückfallen, in eine spielerische haltung z.b., man muss erwerben, entwickeln, dialektisch denken, immer noch einem ästhetischen fortschritt huldigen, den es seit geraumer zeit gar nicht mehr gibt. sonst wird man nicht zum künstler-subjekt, das ist ja auch rein ökonomisch gefährlich: verkaufende verlage leben immer noch von "dem autor", also dem autor-begriff alter prägung.

vor einigen monaten hatte ich für eine "kleine literatur" plädiert. hinter diesem konzept der kleinen literatur verbirgt sich natürlich nichts anderes als das gute alte projekt der postmoderne / des postmodernen schreibens und des als sprachlich strukturiert zu verstehenden subjektes (das ständig an allen ecken und enden auseinanderfällt, um sich umso mehr an die illusion seiner ganzheit zu klammern). mein peinlich-postpubertär sozial-kritisches gedichteschreiben kollidierte, um selbst einmal den blick in die vergangenheit schweifen zu lassen, anfang der neunziger auf einmal heftigst angenehm mit moderne und postmoderne, und alles fing an, ein großer, unernster text-spaß zu sein (ein sammeln, ordnen, verschieben; die montage-zeit). ich könnte in gleicher weise beklagen, dass mir dieser große text-spaß abhanden gekommen ist. aber dann hätte ich oben stehende kleine skizze (die kaum einem von uns etwas wirklich neues erzählt hat) völlig umsonst platziert. denn ehrlich gesagt würde ich zur zeit wieder lieber als alles andere zurückgreifen auf das konzept der ungeschlossenheit / des spiels, des offenen subjektes, des im-text-herumschweifens; mimetisch-nachahmend, auch stilistisch unfertig und ausprobierend, die texte, wörter, bilder durch mich hindurch wehen lassen. rein in die maschine - raus aus der maschine. und gucken, wie's aussieht, ob's was taugt...(ich deute schonmal ein contra an: stil heißt nur, eine eigene sprache zu finden, ist ergebnis einer harten arbeit, die nicht umsonst gewesen sein soll; gleichzeitig sichert sie das schreibende subjekt nach außen hin ab...)

eure texte

"bully" von achim und "in katrins wohnung" von saskia: vom konzept her sind sich beide gedichte/schreibweisen leicht ähnlich, wobei saskia das 'fotografische', die reine aufnahme bzw. wiedergabe, um ein moment von semantik, erinnerung und angedeutete gesellschaftsbeobachtung erweitert ("schlachterpalme, sagt meine mutter dazu" / " ... / jede familie eine wohnung / und ein bepflanzter balkon / ..). achims text ist nüchtern, spröde, kahl, kalt. wie die umgebung, die er beschreibt. reine beschreibung, kleines polaroid, fast ohne subjektives intermezzo: nur der körperliche zustand wird kurz angedeutet: "finger zittern klamm". ein weiterführendes bzw. auf weiteren text (welt) / bedeutungsmehrwert verweisendes ende gibt's auch nicht: "die rauchunterlegte stimme / eines alten stammgastes" will nicht in einen neuen bedeutungsraum einladen, öffnet keine tür, hinter der der leser irgendein geheimnis vermuten könnte. trotzdem finde ich den text gelungen, wenn ich davon ausgehe, dass er jene nachmittaglich verkaterte, unterkühlte, "klamme" stimmung einfangen will, die sich in solchen leeren, einem trostlos erscheinenden kneipen, meist in einer andren stadt einstellen. ich würd's natürlich rhythmisch noch etwas durchformen wollen. "in katrins wohnung" irritiert das fehlen eines verbes zu "alle menschen, die... , ...". da es sich nur um absicht handeln kann, würde ich diesen satz einer art abgebrochenem mütterlichen sprechen unterschieben wollen. aber ich stehe ein wenig ratlos da ( - obwohl ich gerne vor gedichten ratlos stehe). das ende des textes entspricht meinen persönl. präferenzen eher (im vgl. zu achims text): "und gieße wasser / in den aschenbecher, / damit es nicht brennt, / wenn ich jetzt gehe". eine übervorsichtsmaßnahme und gleichzeitig mehrdeutig: "damit es nicht brennt, / wenn ich jetzt gehe". als würde vielleicht eigentlich das weggehen des lyrischen ichs ein brennen der wohnung verursachen können.

"25 lieder" von rené
auch die texte aus der "25 lieder"-reihe von rené finde ich bisher alle toll. das dahinterstehende konzept ist stimmig: eine zeile oder zitat aus einem popstück wird zum anlass genommen, ein erlebnis aus kindheit/jugend/adoleszenz zu schildern. mit durchweg schönen sätzen, wie z.b. "die blase in meinem kopf hatte noch keinen namen". popsozialisationsminiaturen würde ich dem waschzettelschreiber ins ohr raunen wollen. schlage ich für eine veröffentlichung im rb-buch vor...

original und fälschung ("nachtzug")
renés fälschung finde ich auf anhieb besser als den ausgangstext. im ausgangstext verharren zu viele elemente in verweislosigkeit, bzw. machen die verweislage schwierig (holzraum, gehölz bäume?, display lyr. ich der lokfahrer?, plötzlicher lichtreflex aus dem mund?, etc.; kryptisch/hermetisch). in renés interpretation sind diverse wörter und begriffe zwar auch nicht direkt in so etwas wie vorstellbarer welt (situativer kontext) erdbar, werden aber durch den willen zur grammatikalisch-syntaktischen korrektheit intuitiv als metafern gelesen. ok, so: tobias' text ist doppelt schwer, da das metaforisch/symbolische flankiert wird vom unwillen zum geraden satz. das erschwert den zugang und macht das gedicht zu chicoree (schreibt man das so?). aber auch da muss ich ganz dumm fragen: hölzerner turm? auch unter "auf dem display neben mir, ... / ... , funkt sich die navigation ans ende des bilds" kann ich mir letztlich schwer etwas vorstellen. das ist dann weder sprachspiel noch weltreferenz. irgendwas dazwischen, das ich nicht deuten kann. ein surrealistisches gebrabbel, ein sprechen im schlaf? schön aber sätze wie: "(...). an der hirnrinde / schlagen die ersten gedanken aus, sie / stoßen löcher in die netzhaut, ...". kryptik (geheimniserzeugung) darf nur sehr sparsam eingesetzt werden, sonst vergällt es den leser. -> siehe oben: "wirrnis". und damit wäre auch der zwang zum einrahmen mal wieder voll befriedigt.


René Hamann: right wings
1 de juris
2 de facto
3 de kubitus

1
VOM RECHT, liebe saskia, verstehst du als angehende juristin sicherlich mehr als ich. insofern steht es dir frei, mir "berechtigungen" zu erteilen oder nicht, so wie es mir freisteht, auf der anklagebank mit zugebundenen augen die aussage zu verweigern. ich bitte darum, alles weitere mit meinen anwälten oder der rechtsabteilung des verlags zu klären.

2
sorry, aber ich kann deinen ärger nur zurückweisen. denn so sehr du dich über meinen text aufregst, so sehr habe ich mich damals über deinen guten freund aufgeregt. ja, so sehr, dass ich darüber einen text schreiben musste. und siehe da, auch ich schreibe (zuweilen) über selbsterlebtes, und verschlüssele das, wie es gerade passt. die rechtslage, ich wiederhole mich, ist mir dabei natürlich ziemlich schnuppe.

3
tja, doch noch misstöne am ende einer eigentlich sehr schönen runde, alle gehen in sich, lecken etwas speichel und blicken zurück, wie es sich zum ende eines jahres ja auch gehört. nur ist nostalgie gerade nicht so mein thema. ist es melancholie, lieber christian? ich weiß es nicht. ich habe nur seit dem kulturschock des jahres 1992 (umzug nach köln, studienbeginn, erster besuch der autorenwerkstatt) ständig das gefühl, dass die texte besser werden müssen. und sie werden auch immer besser, sind aber immer noch nicht perfekt. vielleicht zum glück, denn ansonsten müsste ich aufhören, zu schreiben.


René Hamann: 25 Lieder (7)

please mr postman.

statt dessen suchte ich den postboten auf. dieser hatte fünf kinder, allesamt mädchen, er jedoch hiess hermes: & die schönste seiner töchter claudia. ich traf sie zuerst auf einem lunch-in in einer rocknroll-besetzten zone. von überall schwappte sekt einher, wir hüteten die schatten im haus des gastgebers. die schatten lagen im stimmbruch; die trommeln kamen umso heftiger; ich nippte an einem nektar, lümmelte mich auf eine couch: später, es war schon die stunde vorbei, küsste ich die posttochter, umgeben von drei playmates: "wurde aber auch zeit" kommentierte sie & zitierte damit leute wie meinen vater oder eine andere dame in einem traum davor. so fing es an: wir suchten uns eine schlafstätte, einen platz zum vorsingen, doch wie gewöhnlich waren alle besetzt. auf dem heimweg von der hellweißen villa des gastgebers, den man auch den mogul nannte, hielt uns ein polizeischiff an. wir pusteten durch ein röhrchen, sie konnte es sehr gut: luft entwich kaum, nur schall.
the ronettes, please mr. postman

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