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      Roundabout Dezember



 

 

roundabout dezember

René Hamann

Sonntag, 1. Dezember, Köln.
Wunsch, auf dem Land zu leben. Eine gemütliche, blauäugige Beziehung. Die bayerische Volksmusik. Der erste Advent. Eine blattschwere Luft, nicht die benzingetränkte der Stadt. Und hinter den Gleisen, als ich nachmittags mich selbst spazieren führe: Sieht man das Verbaute, Kopf und Herz, das unschlüssig Stehende, die sich nach hinten verzogene Dienststelle der Polizei. Unter dem Rhein mag ich sein.
Jemand, mit dem es sehr oft sehr gut funktioniert: der GRUNDIG SUPER COLOR, mindestens mein Jahrgang, dank Schrittmacher und Beatmungsgerät toppfit. Getragen von einem unbekannten Holzstuhl, verziert durch ein Metronom und ein Stimmgerät. Als er die amerikanische Produktion einer Zukunftsserie mit hohem Albernheitsgrad für meine Erbauung und vorabendliche Hirnleere darbietet, tritt ein mit Jogginganzug bekleideter Körper ein und offeriert mir ein Telefon. Es ist der Gewinner, der vom Beschallen einer Bar des Abends spricht und von den Abenteuern der Zeugung, die im Hintergrund plärren.
Gedrucktes gab es auch. Ein blaues Buch mit einem Gewässerfoto, das ostbelgische Gedichte sein eigen nennt, ein nikotingelbes Taschenbuch mit den Vorlesungen eines im Exil verstorbenen Wiener Psychoanalytikers. Durch einiges konnte man schwimmen, anderes kam als Schiff. Eine Verschnürung löst sich, eine Erleichterung macht sich auf. Ein ruhiges, warmes Wasser mag ich sein.

Montag, 2. Dezember, Frankfurt.
Lichter in der Kälte. Sind hier die Lichter aus Büroräumen abends, Lichter der Straßenlampen, Lichter der Autos auf der Autobahn. Scheinwerferlicht in Kontrasten: Die Lichtflächen der Architektur, dieser hingehauenen Pompösität des Monitären, die bestrahlten Tannenbäume und Stromleitungen über den Einkaufspassagen, das bunte Licht auf das schwarze Holz einer Kleinkunstbühne in einer Kellerbar der Innenstadt.
Lichtjockeys. Gelbes Licht im chinesischen Imbiss, weißes Licht in hessischen Raststätten, in denen nachts kein Bier verkauft werden darf. Ein kleines Licht über meinen Kopf auf dem Kissen, das ich spät nachts ausschalten darf, um dem Inneren ohnmächtig zu folgen.

Dienstag, 3. Dezember, Köln.
Die Wände werden kahl. Gelernt habe ich: Dass Angst entsteht, wenn die Libido gestört ist oder keine Befriedigung findet. Dass, wenn ich weinen muss, nichts als ein Krampf dabei herauskommt.
Der härteste Tag des Jahres. Ein Tag, an dem ich nicht arbeiten muss.

Mittwoch, 4. Dezember, Köln.
Gehört habe ich: Das Klackern der Tastern, den dumpfen Aufprall einer Taube an einer Windschutzscheibe, das Klopfen an ein Seitenfenster, die eigene verstärkte Stimme.
Ich sehe dich, wenn du's nicht siehst.

Donnerstag, 5. Dezember, Köln.
"Was ich in diesem Leben noch erreichen möchte, ist, in einer Partnerschaft bedingungslos zu lieben. Das habe ich das erste Mal erfahren, als ich Kinder hatte. Liebe ohne Erwartungen oder Bedingungen, die von den Kindern kommt und die man auch als Mutter empfindet", sagt Nena in der Zeitung. Rührt Kinderwunsch daher? Ist "bedingungslose Liebe" nicht selbst in einem Mutter-Kind-Verhältnis eine Illusion?
Erinnerung an Abiturfeiern. Der einzige Wisch mit offiziell anerkannter Bedeutung. Mattblau. Als Frau verkleidet, als Frau Drabert, Englischlehrerin, mit Perücke, Haarklammern, Rock, Strumpfhosen. Es gibt ein Video davon, dass ich noch nie gesehen habe. Auch die Klausuren habe ich nie abgeholt. Abitur: Eine große Zeit, von der ich damals wusste, dass es bis dahin die größte war.
Nachtrag zu Gestern, Zeit für die Klatschspalte. Ron Winkler kennengelernt, sehr netter Mensch und bereits der zweite Berliner Schreiber, von dem ich das sagen kann. Lesung war gut gewesen, wenn auch brutalst unterbesucht (volles Rohr Minderheitenprogramm, auch dies nichts neues). Die Freunde, ein Trost - scheint sich was geändert zu haben, Missgunst und Neid sind gegenseitiger Sympathie, Kollegenschaft, Unterstützung gewichen. Vielleicht, weil es so klein ist. Vielleicht weil man als Schreiber inzwischen nach den kleinen Gemeinsamkeiten sucht und sich freut, davon so viele zu finden plötzlich.
Selbst das anschließende Slam-Spektakel im Sonic Ballroom konnte keinen Ärger mehr verursachen. Der durchweg schlichte Textaufbau, die madige, durchsichtige Konzeption, die Vulgärmethodik - geschenkt. Jemand wie Jan Off kann auch einfach lustig sein. (Eventuell Slam Poetry oder wie man das Kind sonst getauft haben möchte einfach als Genre behandeln? Eine Art Parallelcomedy, eigenes Universum, immer mit Blick auf Bildzeitung, Privatfernsehen, Boulevard, damit natürlich das, was "volksnah" genannt wird. Auch kommerzielles Comedy kann man lustig finden - wie das, was gemeinhin Popliteratur genannt wird, unterhaltend).
Über Frauen schreibe ich hier nichts (heute morgen Traum von F. Sanft, betörend, mutig).

Freitag, 6. Dezember, Köln.
In höherem Auftrag unterwegs. Weshalb ich nicht zum Schreiben komme. Was ein wenig stört. Was oft stört. Heute geht es ok, da es Spaß bereitet, Erfüllung bringt, Abwechslung, soziales Klima. Sogar mit angehängtem Ende auf einem Balkon, in einem fremden Wohnzimmer, an einem fremden Esstisch. Einblicke, Zublicke.
Hold on it hurts: Mach weiter, es tut weh. Heim flüstert der Fernseher.

Samstag, 7. Dezember, Regensburg.
Dezemberlarmoyanz. Ein neues Taxi wartet, wird weggeschickt. Ein Mietwagen zieht über bundesdeutsche Autobahnen an einen Ort, an dem es keine Rückzugsmomente gibt. Rückenschmerzen bis 14 Uhr, ab 18 Uhr leichte Kreislaufprobleme, Überreiztheit, ab 19 Uhr im linken Ohr ein stechender Schmerz. Taschentuch. Später, dank reichlichem Alkoholkonsum, gut, besser. Nachts jedoch: Kaum Schlaf. Trotz Ohropax.

Sonntag, 8. Dezember, Regensburg.
Junges Wohnen: Ein Appartment am Rande der Innenstadt einer Kleinstadt, Neubau, viele Fenster, Auslegeware. Junges Wohnen: Junggesellentum, d.h. nahezu leerer Kühlschrank, die Suche nach Kaffee ein Abenteuer, an den Wänden Plakate von Lieblingsbands, Halsbänder von besuchten Konzerten, ein gigantischer Fernseher thront im Raum, darauf Stapel mit Videokassetten, DVDs, darunter die zugehörigen Abspielgeräte, rechts der Wand CD-Meter. Junges Wohnen: Helles Holz, ein junges Wohnen-Katalog-Bett, ein bestellbares Ecksofa mit undefinierbarem, aber schrecklichem Muster, ein Hellholztisch, darauf veraltete Fernsehzeitschriften, immer aktuelle Musikzeitschriften (die wichtigen, die unwichtigen), abgepackte Schokolade, ein Kerzenkranz mit grünem Tannenimitat, die freilich roten Kerzen von Feuer unberührt. Junges Wohnen: Eine große Glasvitrine mit Hellholzschale, ein Regal mit nie benutzten, verzierten Gläsern, die restlichen Regale mit CDs belegt. Neben der Vitrine zwei Reihen Schallplatten, der Ältere schaut nach Vergleichen, findet drei Gemeinsamkeiten. Junges Wohnen: Ein natürlich prima aufgeräumtes, hygienisch korrektes Bad, Stehdusche, Plastiktaschen für Haarspray, Zahnpasta (aronal & elmex), Kamm, kein Gel. Durch das Tor in die Altstadt, es ist ein Sonntag, die Familien zeigen sich. Wandern durch die Einkaufsbühne, deren Zugänge verschlossen sind. Die Kleinwagen im Parkhaus gelassen. Das Lieblingsgesicht des vergangenen Abends bedient im heutigen Frühstückscafé (halb zwei, Müsli, Milchkaffee), das tatsächlich "Bett" heißt, Anlass für Wortspiele bietet, schön. Servantilismus Return. Aber die Zeit ist eine andere, die Umstände auch, im anschließenden Mietwagen geht es dieselbe Strecke über die Autobahn zurück, dabei werden vertonte Kindheitsziffern belauscht, dunkle Momente der Jugend (Tanzkurs) beleuchtet, man denkt sich Personen aus, die die anderen erraten müssen. Zuhause, im mittelalten Wohnen: Telefongestotter, kranke Musik, wieder Fernsehlicht. Viel und gut geschlafen.

Montag, 9. Dezember, Köln.
Von D. geträumt. Zwischen ihm und J. in einer Runde gesessen, sie haben sich in meinem Rücken miteinander unterhalten. Gewusst, dass D. tot ist, gewusst, dass es sich um eine Erinnerung, einen zwar nie erlebten, aber vergangenen Moment, handelt. D. irgendwas sagen wollen. Pelzmäntel, Silberschuhe, im Büro zieht in eine neue Mitarbeiterin ein, packt gleich ihren Wohlfühlpark aus, schmückt das Büro. Nach außen verlegte Innerlichkeit, Absteckung des eigenen Terrains, Überwindungsversuch entfremdeter Arbeit? Warum stimmt die Rechnung: Dass es sich dann grundsätzlich um Kitschutensilien handelt, eine Holzlok als Stifthalter, ein mit Diddle-Figuren-verunstalteter Wandkalender? Daneben drei Fotos: Das erste zeigt einen roten Rennwagen, das zweite ein Stillleben mit Palmen, das dritte einen orientalischen Tempel.
J. lügt nicht, J. verdeckt die Einzelheiten, J. klammert aus. Dachte kurz, es ist wieder nur meine Paranoia, aber meine Paranoia hat meistens Recht: E. erzählt mir abends am Telefon, dass sie auf einem Konzert war, das Konzert war klasse, anschließend ist sie mit J. im Sonic Ballroom gewesen, auf dem Weg dorthin dem Schlagzeuger über den Weg gelaufen. Ein Abend mit Ansage: Lange Nacht, früher Morgen, rumgeknutscht.
Wir sind frei und dürfen uns die Freiheit nicht nehmen lassen, verklickert mir anschließend I. im nachbarlichen Kubus. Ich bin froh, das zu hören, denn ich weiß, er hat Recht. Das gilt für alle.

Dienstag, 10. Dezember, Köln.
Ich schreibe um mein Leben. Hier fällt der schwere Regen. Trennungs- und Trauerphase, gewaltige Phantomschmerzen kommen auf, und die Gedanken sind graue Hasen. Ich klammere mich an die Mittagspause, Subroutinen laufen ab, andere entpuppen sich als gestört, abends verlässt man sich auf die Stimmen, die eigene, die andere(n), Gesang der Sirenen, Tinnitus. Viel Grübeltext, alles ganz finster, aber Sitcoms retten mein Leben, zumindest für einen kurzen Moment.
Albert Camus:
"Künstler und Kunstwerk. Das wahrhafte Kunstwerk ist das an Worten sparsamere. Es besteht ein ... Verhältnis zwischen der Gesamterfahrung eines Künstlers, seinem Denken + seinem Leben (seinem System - wenn wir beiseite lassen, was dieses Wort an Systematik enthält) und dem Werk, das diese Erfahrung widerspiegelt. Dieses Verhältnis ist schlecht, wenn das Kunstwerk die gesamte, literarisch verbrämte Erfahrung wiedergibt. Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet, ohne sich einzuschränken. Im ersten Fall herrscht Überladenheit und Literatur. Im zweiten ein fruchtbares Werk, weil es so viel unausgesprochene Erfahrung enthält, deren Reichtum man errät.
Das Problem besteht darin, jene Lebenskunst (...) zu erwerben, die über die Schreibkunst hinausgeht. Und letzten Endes ist der große Künstler vor allem einer, der lebt (wobei leben hier über das Leben nachdenken heißt - ja, es bedeutet die feine Beziehung zwischen der Erfahrung und dem Bewusstsein, das man von ihr gewinnt)."
Sattelschlepper und Leichenzüge. Ich schließe die Augen und sehe sie.

Mittwoch, 11. Dezember, Köln.
Thunder, Corruption & Lies. Da fiel der Satz: Dass Seifenopern die Realität nachahmen, nicht umgekehrt. Zurück zum Muster. Befall. Dieser volle Losercore hier. Der geringe Abstand zwischen den Satelliten der Schrift und der erdigen Aufgewühltheit ist der einzige, der im Moment möglich ist. "Nun müßte ich positiv sein wie eine offene / Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd" etc. Statt dessen: Dieses mürrische Lied von der Zeit, dem besten Handwerker.
I Want Out of the Circus. Auf der Galerie. Lahmes Kümmern, Ausgangssuche. Für diese Zeit möchte ich blind sein, die gereihten Bilder nicht sehen, die apokalyptischen Reiterinnen, die ihre Pirouetten drehen über dem Sand, die Hörner und Tiergeräusche der Beach Boys Zirkusband nicht hören, obwohl es die Musik der Stunde ist, Radio Orpheus mit den immer gleichen Ansagen (Film von Cocteau) ...

Freitag, 13. Dezember, Köln.
Das kalte Blinzeln der Bohéme. Position: Unklar. A. hat Geburtstag. Ich habe A. sehr lange nicht gesehen, ich hatte noch nie viel zu tun mit A., die als Szenegirl par excellance durchgeht, ein mädchenhaftes Gesicht, hohe Lächelfrequenz, blonde Haare, rundlich und selbstsicher mit eingebauter Falltüre zur Unsicherheit, sie ist gut im Projektionsfläche sein. Männerreihen, die ihr den Hof fegen, dabei ist sie zurückhaltend, ausblendend, bestimmt von Privatdogmen und Eigenpräferenzen. Gleichsam ein obskures Objekt der Angst, wie ich I. sage, dass ich nie einer von denen sein wollte, die hinter ihr her rennen. Serial Girlfiend.
Und auf A.s Party, die in einer riesenhaften Ehrenfelder Wohnung abgeht, Schläuche und Säle, lauter alte Bekannte, Abteilung junger Popjournalismus, Plattenmacher, Chefaufleger, Frei- wie VollzeitjournalistInnen, Lokalredakteure, Medienproletariat, gleichsam die sich selbst einbildende Elite, Diskurshöflinge, Spexfans, LangzeitstudentInnen, die bessere Seite, in allen Facetten, ich liege knapp unterhalb des Altersdurchschnitts. Freude. Leute, ich war eine Weile weg, untergetaucht in meinem Privatschlamassel, hiermit kündige ich mein langsames Comeback an. Cool, okay, Small-Talk-Freude, Bier steht auf dem Balkon, alles klar. C. kommt, vier Tage vor Deadline, Magisterarbeit, kurze Hektik, verschwindet wieder. K. ist da, erzählt von ihrem Job als Sekretärin fürs WDR Morgenmagazin, Studium abgebrochen, kleiner Austausch über C.s These von frei machender Arbeit, das Konto ist sicher usw., andererseits die Routinen, das Unerquickliche eines 40-Stunden-Jobs, Einschnitte ins Privatleben etc. Frage nach der Schreiberei, Zeugin eines anderen Tagebuchs, gemeinsame Bekannte auch in diesem Raum, A.W. nämlich, der jetzt endlich ein Stipendium in Berlin antreten darf, vollste Mitfreude. These der Christbaumkugeln, denen man mit Angeln nachhelfen muss, dass sie fallen. P., auch recht rundlich inzwischen, berichtet aus der Hauptstadt, in der sie einem Logopädinnenjob nachgeht an einer Geriatrie, aber eigentlich wollte sie immer Holzfällerin werden, jetzt sucht sie nach ihrem Platz im Medienbetrieb, den sie dank Plan B auch finden wird.
Schließlich sind noch J. und A.L. anwesend, deren Privatschlamasselzenit noch nicht überschritten ist, kurzer Bericht über den Stand der Undinge, S., schwerstes Opfer einer selbst zubereiteten Hölle, dabei hochgeradig verschnürt, nervt mit überflüssigen Gegendiskursen, als Wham!s Last Christmas läuft und ein Wiederfinden tröstlicher, subjektiver Kollektivität statt hatte. Plattenmacher R.W. findet sich auch für ein kurzes Gespräch, Lob der abgesungenen Band, Gegenlob des Franzosenpopsamplers, den er mitstemmte. Usw. usw.
Wo bleibe ich? Ich streue mich unter, sehe alte Bezüge funkeln, die ich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen baumeln ließ, zu viel Zweifelmaschine statt einem ordentlichen Let-Go. Selbst ins Eck gestellt und mich da eingerichtet, jetzt muss ich aus dem Staub, und teste das Wasser, fußzahm. Ja, ein Holzfäller! - Und was ist mit meinem Vogel?

Samstag, 14. Dezember, Köln.
Mein eigenes privates Lifestylemagazin. Sabine Scho: "ach gott, dachte ich, was für einen anstrengenden beruf habe ich gewählt! tag aus, tag ein am schreibtisch. die geschäftigen aufregungen, ohne mich vom fleck zu bewegen, und außerdem ist mir noch diese plage des grübelns auferlegt, die sorge, ob es die anstrengung lohnt, das unregelmäßige essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher verkehr."
Und klar ist das banal, und klar ist das langweilig, leider aber gerade das über dem Bett kurbelnde Schwert, das die Luft umwälzt. Ein herzliches Merry-Go-Round.
Und was ich erlebe: Ist davon getragen. Und ja, ich bin eingespannt, umwickelt im eigenen Kokon. Und den schleppe ich mit zur Freundin J., und ich schleppe ihn mit in einer verstört-verzweifelten Tournee durch die Bars ab vier Uhr, auf der Suche nach was? Einer Zeitmaschine" Selbstkritik ist ein Luxus. Und mein Konto ist so leer wie mein Bett. "angst, das kalte laken."

Donnerstag, 18. Dezember, Köln.
Die Nerven liegen also außen. Von hier aus finde ich nicht weiter. Plötzlich kommen Vermählungswünsche auf. Die Schattenseiten des R.H. als Falschspieler, Mogelpackung, Paranoiker. Die Bezüge sind alle verdreckt, müssten dringend in die Waschmaschine, aber leider kann ich nur meine eigenen Hälften dorthin tragen. Absetzung der Substanzen, um mich als Held zu fühlen, andere brauchen etwas, was ich nicht brauche. Gleichsam ist Trennung vom geliebten Objekt nichts anderes als härtester Drogenentzug. Was nicht schmeichelhaft ist: Das Objekt als Beruhigungsmittel. Übertriebene Analogie? Mitnichten: Das Gefühl ist zuvorderst ein körperliches, auf der anscheinend doch vorhandenen rationalen Ebene laufen Begleitprozesse, die wieder nach Zusammenhängen suchen, Ursachenforschung betreiben. Auch nicht falsch. Körperlich: Ausschüttung ungeheuerer körpereigener Substanzen, was genau? Adrenalin? Ich fühle mich wie amputiert: Ein Teil von mir fehlt. Einsatz von Gegengiften, Substituten, Betäubungshämmer, nutzen nichts. Ich will die Droge zurück. Daneben die Therapeuten, die von der Zeit sprechen, von der Geduld, von einem entfernt liegenden Zustand, den man erreicht, wenn der Entzug vorbei ist. Und wann ist er vorbei, kann man ihn beschleunigen? Nein, kann man nicht. Der nächste Käse, durch den man durch muss, dabei liegt noch der erste schwer im Magen. Für und Wider der Fluchttendenzen: Ja, man gebe mir bitte.

Montag, 23. Dezember, Köln.
Vollpanik. Das psychotische Summen. Von einem Arzt zum anderen, da natürlich alle heute ihren ersten Weihnachtsferientag haben, schließlich nach zweistündigem Fußmarsch bei Dr. Mondorf, dem Karnevalsprinzen und Hausarzt für Randexistenzen, gelandet. Vom seit gestern eingesetzten Johanniskraut gesprochen, das nur lähmt und runterzieht. Ein Arzt, dem die Apotheken vertrauen: Verschreibt ein ähnliches Mittel, das ich zwar kaufe, aber nicht nehme. Vom Ohrensausen erzählt, er lässt die Assistentinnen ran, die mir die Hörgänge freispülen mit warmem, klaren Wasser.
Er saß auf dem schalen Stuhl des Wartezimmers und überlegte: Sollte er zu seinem Vater fahren, um sich zurückzuziehen, gute Luft atmen, die Stille des Landes genießen, sich bekümmern lassen zu können? Und sich Preis zu geben als Opfer der Geschehnisse? Sollte er dem verständnislosen Arzt von seinen Depressionen erzählen, seinen Selbstzweifeln und Ängsten, seiner verloren gegangenen Liebe? Plötzlich kam er sich lächerlich vor. Klarer Fall von Überreiztheit, nervlicher Anstrengung, diagnostisierte er sich selbst auf dem Weg zur U-Bahn, leider fiel ihm die Therapie nicht ein, zunächst einmal sind Spaziergänge zu verschreiben. Aufbrechen des Umfelds.

Dienstag, 24. Dezember, Köln.
A Day to Remember. KAPUTTE SZENE. Wie war das gleich bei Goetz? Feierte er das nicht ab? Egal. Männerrunde, Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs, die Wissenschaft, das Rumgeklüngel, die Frauen. Egal, das alles, jetzt. Blut, Schweiß & Tränen, aber jede weitere Weiterbeschreibung wäre nur einerseits eine Überhöhung der emotionalen Geschehnisse, andererseits eine Verharmlosung, drittens nicht fair, den Deckel machen wir jetzt mal wieder zu. Privatkacke, halt.
- Die unterste Schublade sollte man nicht aufmachen.
- Ja, genau.

Auch die BILDER DES JAHRES spart er sich. Sie differieren von den öffentlich kursierenden, denn bei den öffentlich kursierenden hat er nicht viel gefühlt, hier und dort ein wenig Panik und Angst, Befremden, aber vor allem: Entertainment. Die Entertainmentmaschine, die alle Tasten bedienen kann. Nur ein Bild wird frei und schwimmt, bildet Blasen, wird zäh. Ihr eigenes privates Nevermind. Es ist dieses hier:


David H.W. Leder 1968-2002. In memoriam.

Dienstag, 31. Dezember, Köln.
Briefe schreiben, sie nicht abschicken. Frauen kennenlernen, nicht mit ihnen schlafen. Biere trinken, nicht blau werden. Fachlektüre lesen, nicht die Parallelen sehen, sondern die Unterschiede (High Fidelity). Billige Tricks und rotblonde Aussichten. Charme geht anders. Popzitate, von Haus aus allein, your own personal Jesus, Listenterror (bitte in SPEX nachlesen).
- Lass uns gehen.
- Warum?
- Eifersucht.

Narzissmus regiert wieder. Das ist der erste Ausblick. Ein letztes Mal schauen wir zurück im Zorn, ganz nach Freud; um den Stachel des Verdrängten zu ziehen, mussten wir noch einmal da durch. Ab morgen beginnt ein neues Jahr, also greifen wir diesen kollektiv konstruierten Zyklus auf, warum auch nicht. Der Postkartenblick von der Dachterrasse des Ehrenfelders Hauses (die Wohnung, in der die Party stattfand, nutzte einst der WDR, um WG Europa o.s.ä. zu drehen) ist zwar eigentlich der falsche, im Prinzip der vertauschte, denkt er, denn er steht an einer Stelle, an der jemand anderes stehen sollte, die jetzt an seiner Stelle steht, aber das ist wurscht, und auch nur ein Ausblick. Ein Ausblick auf einen neuen Zyklus, der gewiss noch durchtränkt sein wird vom Geschehenen in 2002, dem schlimmsten Jahr seines Lebens. Trotzdem wird es ein neuer Zyklus sein.Saskia Mackeben

02.12.2002
..die stadt ist auch schön und mild und weihnachtlich. alle arbeiten bei agilent (american company). ich spreche drei sätze spanisch und ein wort katalanisch: perdone. ich glaube, jenny bleibt hier.
wir essen um halb elf zu abend, jetzt (17.40 h) ist es schon bald dunkel. heizung muss kein luxus sein (werbung). in der wohnung ist mosaikboden, und es gibt drei balkone. andi spielt den ganzen tag playstation (fußball). astrid ist vor ihren problemen aus berlin geflohen. überraschung, hier ist es auch nicht besser für sie. lo siento.
jemand, den man anschaut, lächelt und sagt: hola. gestern brachte carlos zum frühstück klebrige croissants und schnecken (in köln würde man sagen: teilchen) mit. am strand war es bewölkt, wir sprachen über die vielen zuwanderer aus dem zusammengebrochenen argentinien. wer ein europäisches (eu) elterteil hat, darf ins land.
mir gelingt, die kellnerin zu rufen (hola). der kuchen ist mit mandel und kaneel. in köln gibt es gar keine kaneelbrötchen. bei uns zu hause schon: mohn, sesam, kaneel (standardauswahl in den zeiten vor vollkornbrötchen).vielleicht wegen des hafens in bremen. kaneel als exportschlager.
ich habe ein paar schöne schallplatten gekauft. herbie mann. jenny mag keinen jazz, weil das die musik ist. die ihr vater immer hört. chers version von needles and pins. + ein spanisches da doo ron ron.
ich muss die plaza catalunya gleich wiederfinden, wenn ich zur wohnung zurück will.
i picture myself. wie heißt das auf deutsch? ich stelle mir vor, wie ich aussehe? jenny: die sagrada familia ist unter konstruktion.

5.12.02
es ist wohl immer noch nicht kalt, aber ich bin müde, im liegen geistern noch die gestalten von letztem dezember als wiedergänger herum, ich träume auch einen schatten von jemand wichtigem. ich muss noch nicht ins büro, erst recherchieren.
die bibliothek ist im 14. stock, eine schöne aussicht auf eine hässliche stadt, kopieren, quittung, fertig.
ich fahre durch köln, durch die SCHÖNEN viertel, sülz, lindental, irgendjemand weiss bestimmt, woher der name sülz kommt. wohnen hier (lindental) die oberen zehntausend? ich sehe einen kronleuchter. t. hat geerbt, jetzt schrieb er mir eine mail. natürlich (moral) macht ihn die kohle nicht glücklich.
ich versuche, die ergebnisse in den rechner zu hacken, verabrede mit jörg, heute abend pizza zu essen. dieser fall muss heute fertig werden (betriebskostenabrechnung), am besten auch noch die herausgabeklage. der tag wird gar nichts mehr.

7.12.02
der wecker ist falsch gestellt, heute ausschlafen. es ist schneewetter. ich soll meine top-five-des-monats aufstellen, deshalb lese ich wieder high fidelity, aber ich überblättere die hälfte. meine mutter schickt seasonal decoration.
abends gehe ich einen film schauen."jeans". er erinnert an videoclips. nicolette krebitz klettert in einem minirock auf einen baum und lässt sich dabei von unten filmen. verkrampfter versuch, unabsichtlich sexy zu sein. es bleibt vom film nicht viel in erinnerung. einer der hauptdarsteller erinnert mich an einen bekannten, der auch seinen persönlichen ehrgeiz darauf richtet, jede frau ins bett zu quatschen. es gibt keine anzeichen dafür, dass der film von einer frau gemacht wurde. jasmin tabatabai hat zum glück nur eine sehr kleine rolle, in der sie nicht nerven kann.
ich gehe auf die party, frage mich, warum ich so müde bin. die feier zieht so vorbei. es ist heiß und rotes licht (i´ll be your seven day fool), ich denke an c., der nie hier sein würde. gedanken werden irreal.

8.12.02
zuviel, das wochenende ist zuviel. auf der zülpicher straße treffe ich eine kollegin, die bei hemmer den crashkurs zivilrecht macht. ich fühle noch nicht mal examenspanik, wahrscheinlich bin ich zu müde.
später ärgere ich mich, dass ich dieses wochenende keine klausur geschrieben habe. vielleicht morgen? bis wann muss die denn zur korrektur eingeschickt werden?
freundinnen zum kaffe. schöne ablenkung, wir sind alle gut drauf, es gibt anekdoten.
dann bin ich wieder 14, höre dasselbe lied 20mal (why can´t i stand up, and tell myself: be strong).

9.12.02
ich werde beim schlafen ständig geweckt, durch das telefon- und türklingeln. auf dem weg zu hanna finde ich es unerträglich kalt. es ist immer noch alles besser als letztes jahr. montag halt.

10.12.02
die arbeit geht mir wieder gut von der hand, markus will mit mir eine rauchen, wir planen die weihnachtsfeier, ich plane meine berufliche zukunft eher weniger.
ich überlege schwachsinn, z.b., dass ich c. die platte zurückschicken könnte, die er mir geschenkt hat. der andere referendar ist ein unglaublich typischer jurist, ein netter, konservativer soldat, der nicht zur weihnachtsfeier kommen kann, weil er jagen geht. er hätte auch lieber eine freundin, sagt er.
ich schmeiße meine sachen in den postausgang.

14.12.02
um neun uhr kommt constanze, ich sitze und warte darauf. die cds und platten von donnerstag liegen noch ungeordnet herum, wir haben getanzt und alle hits gehört. als ich marion das lied mit dem zitat vorspielte, hatte sie angst, dass sie weinen muss. wir fanden es aber dann nur schön.
constanze ruft an und fragt: beck´s oder kölsch. beck´s natürlich. ich mache mir unruhige/paranoide gedanken, weil ich immer allen leuten alles erzählen muss. ich frage mich, wie das wirkt.
die klausur heute: straßenverkehrsdelikte und beweisverwertungsverbote.

15.12.02
entspannter tag. germar kocht uns heiße schokolade. ein ruhiger abend in der scheinbar. ich erzähle, dass c. angerufen hat und mark verdreht die augen. aber hauptsache, roma gewinnt gegen turin.

16.12.02
ich bin so müde, der tag ist eine einzige dämmerung (metereologisch). die deutsche bahn hat neue fahrpläne, ich habe sieben punkte in der revisionsklausur.
später lese ich maxie wander "guten morgen, du schöne". meine augen kippen beim lesen manchmal weg, ich konzentriere mich so schwer, dass ich an meiner urteilsfähigkeit zweifle. wander erstellte nach aufgezeichneten, von ihr geführten interviews portraits von 19 frauen. (protokolle nach tonband -> untertitel) sie schreibt: "ich habe nicht nach äußerer dramatik gesucht oder nach persönlicher übereinstimmung. ich halte jedes leben für hinreichend interessant, um anderen mitgeteilt zu werden."
christa wolf schreibt im vorwort: "es zeigt sich: rückhaltlose subjektivität kann zum maß werden für das, was wir (ungenau, glaube ich) >objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann, wenn das subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern aktiven umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. das subjekt treibt sich selbst heraus, wenn es dazu beitragen kann, aus den gegebenen verhältnissen das äußerste herauszuholen. es wird in sich zurückgetrieben, wenn es auf entfremdete, destruktive strukturen, auf unüberwindliche tabus in entscheidenden bereichen stößt."
ich werde darüber nachdenken, wenn ich wieder wach bin.

19.12.02
es ist immer schlimm, wenn ich mich zurückgesetzt fühle. wenn ich das gefühl habe, oder weiß: für eine andere hat er das getan, und für mich macht er das nicht.
ich war gestern ganz normal, bei amely, beim adventsplätzchenbacken und glühweinkochen. das hat gepasst.

24.12.02
blitzeis. die äste sind wie in glas getaucht (frosting). alle bleiben zu hause.
ich bin noch wie zerschlagen von der klausur gestern.

25.12.02
ganz extreme träume. das ist bestimmt nur übertragung. die zugverbindungen sind sowieso still. selbst wenn ich fahren wollte. abwarten.
familie. oma erzählt geschichten, die ich noch nicht kannte. wie sie das bernsteinzimmer gesehen hat, und hans albers. nicht gleichzeitig, natürlich. später bei bianca + mit meinem cousin samt aufriss im "rosige zeiten" (just another fool), dann im römer: der idiot, der hässliche, der dicke + der filmvorführer geben sich die ehre. szenetypen aus biancas leben. sie kommt schlecht drauf, aber die machen hier jetzt auch sowieso zu.

28.12.02
zurück nach köln. die schmerzen (physisch) vom letzten jahr kommen wieder. die schöne landschaft zieht vorbei, furchen auf den feldern, es spiegelt sich etwas in den pfützen, tiefgrüne wiesen.
ich bin also nicht zu c. gefahren. ich habe nicht gefragt, und er...
c.: am sonntag ist unser konzert. ich habe die ganzen texte vergessen.
ich: das wird schon.
c.: ja, man darf sich nur nichts anmerken lassen.
ich: genau.
pause
ich: neulich war ich auf einem konzert von der band, von frank, meinem ex.
von denen der sänger spinnt auch. also, so meine ich das jetzt nicht. ich
meine: der spinnt halt. auf dich bezog sich das jetzt nicht.
c.: nee, klar.
und so weiter. hera lind könnte mitschreiben.
später sage ich zu bianca: kennst du das, wenn man den hörer auflegt und denkt: ich habe die ganze zeit nur scheiße geredet.
ich höre die fast perfekte kassette. wenn ich durchs zweite examen falle, werde ich djeuse.
draußen jetzt: eine landschaft von nachtwanderungen und moorwanderungen und somit von nostalgischem interesse. wie das rasierwasser desjenigen, der jetzt auf dem platz vor mir sitzt. issey miyake - thomas. wir werden uns wohl silvester sehen.
später videoschauen mit jörg (zur sache, schätzchen = film). ich bin mir sicher, das beck´s schmeckt in bremen anders. vielleicht liegt es an den kleineren flaschen.
es geht mir so unglaublich viel besser als vor einem jahr.

Rainer Junghardt
Eine Industriebrache
Sie sind nicht mehr da. Die Arbeiter kommen nicht mehr morgens um sechs an meinem Pförtnerhaus vorbei und rufen "Morgen!" oder schweigen, die Angestellten kommen nicht mehr um acht oder neun durch mein Pförtnerhaus in die Verwaltung und grüßen oder grüßen nicht. Niemand grüßt mehr. Die Vorstellung aber bedient sich ebenso gern der Erinnerung und Gewohnheit wie des Wissens und der Wahrnehmung, und lange hatte ich, während ich das Werk versicherungshalber weiter bewachte, das unbestimmte Gefühl, es müssten noch Menschen darin sein.
So hatte ich auch nach Wochen noch auf meinen Rundgängen den Eindruck, aus dieser oder jener Tür müssten jetzt Herr Boldt und Herr Esser stolpern. Die beiden waren als Mitarbeiter von Werkssicherheit und Instandhaltung ständig im Werk unterwegs und das so hastig, dass sie sich, obwohl nur zu zweit, vor jeder Tür zu stauen schienen, der eine den anderen geradezu anschob, während der öffnete. Sah man sie irgendwo herauskommen, so schien es, als müssten sie, da sie fast zugleich herausdrängten, stecken bleiben oder straucheln und fallen. Diese Auftritte wirkten um so unbeholfener, als Herr Boldt zwei Meter groß und überaus dick, Herr Esser aber ungefähr zwei Köpfe kleiner, mager und ausgezehrt war. Und eben weil ihr Auftauchen durch ihre Hast oft etwas überraschend es gehabt hatte, hätte es jetzt hierher gepasst, weil hier nun jedes Erscheinen überraschend sein musste.
Aus anderem Grund meinte ich gelegentlich, wenn ich meine Zeit so lesend und schreibend herumbrachte, eine marokkanische Auszubildende, die einer anderen Frau ziemlich ähnlich sah, und deren beider Vornamen netterweise mit den gleichen beiden Buchstaben begannen, die auch die einzige war, die nie "Mahlzeit" sondern immer "hi" sagte, und ich antwortete "hi", müsse gleich hereinkommen, weniger nämlich aus Gewohnheit als weil ich die Erinnerung an jene vermisste.
Allmählich gewöhnte sich meine Vorstellung daran, dass hier niemand mehr anzutreffen war, und wenn sie mir doch noch einmal diesen Eindruck aufdrängte, so griff sie auf Begegnungen zurück, die auch damals schon selten und unwahrscheinlich gewesen waren, und machte ihn damit wenn auch nicht glaubhaft, doch zumindest in dieser Hinsicht stimmig. Herr Scherdorf, der Werksleiter war fast nie zu sehen gewesen. Er fuhr morgens schnell an meinem Häuschen vorbei auf seinen rückwärtigen Parkplatz, kam durch den hinteren Eingang in die Verwaltung und verschwand sofort in seinem Büro. Waren alle anderen Angestellten immer wieder im Werk unterwegs, nahmen Dinge in Augenschein und trafen ihre Entscheidungen vor Ort, so gab er lediglich knappe telefonische Anweisungen. Nur kurz sahen ihn ein paar leitende Angestellte bei der mittäglichen Besprechung. Ansonsten schaute seine Sekretärin von Zeit zu Zeit in sein Büro, sich zu vergewissern, dass er immer noch da saß und nicht jemand anderes sich eingeschlichen hätte und heimlich von seinem Anschluss aus Anweisungen gäbe. Sehr spät noch, als der Zerfall schon überall deutlich sichtbar war, glaubte ich noch einmal, er werde mich gleich anrufen. Erst wenn auch solche versteckten, schattigen Existenzen nicht mehr darin vermutet werden, ist ein Ort endgültig verlassen, auch in der Vorstellung.
Von da an braucht es Anlässe für solche Wiederläufer der Einbildung. Ein Fremder hat die Erlaubnis, ein paar vergessene Ziegel aus einer Halle zu holen. Mit seiner Schubkarre fährt er gegen einen Türrahmen und stürzt. So fällt Herr Boldt doch noch über Herrn Esser.
Dann wird der Zerfall unumkehrbar. In den feuchten Büros fällt meterbreit die Tapete herunter und überlässt die Wände schwarzem Stock. Überall regnet es herein, in der Verwaltung wellen sich die Teppiche und faulen, in den Hallen steht das Wasser, schließlich dürfen sich nicht mehr betreten werden. Eine Brücke zwischen zwei Hallen bricht ein. Die Trümmer werden nach einer Woche zur Seite geschoben, oben klafft ein zwei Mann hohes Loch, die Stümpfe diverser Wasser-, Druckluft- und Abluftrohre und Strom- und Telefonleitungen ragen heraus wie Sehnen und Adern.
Durch den Zerfall werden abgelegene, dunkle Ecken, in denen Ausschuss und Reste abgestellt wurden, noch trostloser, verrotten um so mehr, hellere Winkel, in denen Bäume stehen und eine Bank, auf der man früher einmal in der Pause gesessen hat, werden fried-lich von Efeu und Moos überzogen um so angenehmer.
Es bleiben die Ablösungen. Klaus sitzt bereits im Wagen, wenn ich hereinfahre, hebt die Hand zum Gruß und fährt. Löst er mich ab, so sagt er, ich solle machen, dass ich fortkomme und noch etwas habe vom Tag. Arnold bleibt gern noch eine halbe Stunde und erzählt vom Urlaub und vom Einkaufen. Ich antworte ähnlich. Franz sehe ich nur sonntags. Er hat ein paar Illustrierte dabei, und wir machen Pförtnerwitze über Aufregung und Chancen im Beruf, die die Horoskope verheißen. Georg erzählt mir von Programmen und Anschlüssen seines Laptops, ich kenne weniger davon. Er macht eine ähnliche Weiterbildung wie ich und gelegentlich gehen wir ein paar Unterlagen durch. Entspanntes Rauchen, entspannte Übergabe.

14.12.
q&c. kommt h. abreißen. lange s. gesucht, der sich nicht blicken lassen wollte. dann das hallentor mit einem schraubenzieher geöffnet, damit q&c.s leute an ihre maschinen kommen. von der halle steht schnell nur noch ein geäst von stahlträgern, falzblechwände liegen wie laub an allen seiten ausgebreitet. von einer hebebühne aus zertrennt q&c die dachkrone mit einem schneidbrenner.
ich mache meinen rundgang auch um die arbeitenden herum und schaue die riesige pfütze an, die sich in einer senke auf dem parkplatz gebildet hat, vielleicht 5 mal 7 meter, vielleicht 40 cm tief, seit zwei jahren unverändert, bei heißem wetter wenige tage einmal ausgetrocknet, bei regen fließt ihr das wasser des halben parkplatzes zu, und was immer darauf verrottet, reste von blättern und blechen, abwechselnd von schauern gespült klar und von algen getrübt, auf ihrem grund ein fladiger grüner verseuchter morast, nun zum ersten mal in diesem jahr gefroren.
ich tippe mit der schuhspitze an das eis von pf., ein riss entsteht mit einem knacken. "der winter ist nur eine große desinfektionskampagne." das hat w. mir einmal gesagt. das macht mich traurig.
q&c. macht mit seinem kran einen weiteren stahlträger von h. sin-ken.
Dann kommt das Wachstum. Pflanzen breiten sich aus, ein Fasanenpaar siedelt sich an. Früher gleichmäßig zurückgeschnittene Hecken sprießen mühelos meterbreite Wege in einem halben Jahr zu und Bodendecker lassen ihre endlosen langen Ausleger über die Werksstraßen wachsen. Immer wieder stehen Unkräuter isoliert auf dem Asphalt wie aufgesetzt, erst wenn man sich tief zu ihnen hinabbeugt erkennt man den feinen Riss in der Fahrbahndecke, der ihnen genügt, sich dort zu ernähren. Eine Birke wurzelt in mehreren Metern Höhe im bloßen Mauerwerk. Jetzt reduziert der Winter die Vielfalt der Arten und Farben der Vegetation auf ähnliche Rückzugsformen von bloßen Stielen und Zweigen, demnächst aber beginnt wieder ihre genügsame und wuchernde Entfaltung.

Christian Jansen
Paris, im Dezember 2002.
McKinsey & Company ist laut Eigendarstellung der "Rolls Royce" unter den Unternehmensberatern. Dem BWL-Studenten müsste die nach diesem Kabinett benannte Matrix (neben der der Boston Consulting Group) ein Mindest-Begriff sein. McKinsey verfolgt zwecks Rekrutierung seines Nachwuchses eine Politik der Annäherung gegenüber bestimmten Pariser Universitäten. Und das geht so:
Der Rolls Royce bat an einem frostigen Donnerstag abend zu einem "Cocktail McKinsey" in sein Bureau auf den Champs Elysées. Die anderen Unternehmensberater (Pricewaterhouse Coopers, KPMG, Doilette & Touche, Andersen (als noch existent),...) sind regelmäßig auf den einschlägigen Forums des Entreprises vertreten - nicht so McKinsey. Hier bemüht man sich nicht selbst - man lässt bitten. Eine gelungene Marketing Strategie. Nachdem schriftlich und mit Anlage des Lebenslaufes das Ansuchen geäußert worden war, einen Cocktail auf den Champs Elysées schlürfen zu dürfen, kam einige Tage später das OK unserer Berufsorientierungs-Beauftragten: Rendez-vous um 17.45 Uhr vor Nummer 79, Avenue des Champs Elysées. Ich war 10 Minuten zu früh, hatte keine Lust, vor dem Eingangsportal zu frieren und verzog mich in eine Seitenstraße, wo ich in einem billigen Stehcafé die Zeit mit einem Espresso hinunter spülte. Als ich pünktlich wieder vor Nummer 79 ankam, stand schon ein Pulk von ca. 40 Studenten in der eisigen Pariser Winterluft. Ich erkannte niemand auf den ersten und nur einen einzigen Typen auf den zweiten Blick. Erleichterung und Small Talk. Wo absolviert dieser und jener sein Praktikum? Kommunikation für St. Gobain, Marketing für RTL, d'accord. Mein Name wird auf einer Liste abgehakt.
Man ließ bitten - man lässt warten. Schließlich werden wir von einem Livrierten durch einen Messing- und Marmorkorridor in die Messing- und Marmoreingangshalle gebeten. Alles riecht nach Diskretion. Außen war nicht einmal ein Firmenschild angebracht: Entweder, man weiß, WER hier logiert, oder man gehört eben nicht dazu. In Grüppchen zu sechst werden wir in die Aufzüge und bis zur siebten und letzten Etage befördert. Marmor, Messing, Palmen. Weitere Gänge, Büros, PCs, schließlich Menschen. Wir münden in einen Versammlungsraum: Ausblick auf die weihnachtsbeschmückte, hell belichterte Champs Elysées und den Arc de Triomphe, die aus der Pariser Nacht herausstechen: das ist wohl integraler Teil des Marketing-Konzeptes. Auf einem Tisch liegen Namensschilder, alphabetisch aufgereiht. Christian Jansen ist auch dabei und ich stecke mich mir ans Revers.
Thibault ist Directeur associé, verheiratet, 2 Kinder, 7 Jahre Investment Banking, seit 5 Jahren bei McKinsey, diplômé HEC und Sciences Po. Die Diplome - das ist so ein Tick bei diesen Leuten; genauer: das ist so ein Tick in Frankreich. Wer weit nach oben will, benötigt dazu das Diplom einer (besser: mehrerer) Grandes Ecoles. Man kann diese Kaderschmieden, fast alle in Paris, an zwei Händen abzählen: Für die wirtschaftliche Richtung gibt es HEC (Hautes Etudes de Commerce), ESSEC (Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales) und ESCP (Ecole Supérieure de Commerce de Paris). Für die im weitesten Sinne mathematisch-technische Ausbildung sind die renommierten Ingenieursschulen zuständig: Polytechnique, Ecole Supérieure des Mines und Ecole Centrale de Paris. Das sind jeweils die großen Drei. Die intellektuelle Elite der Geisteswissenschaften wird an der Ecole Normale Supérieure (drei Abteilungen: Rue d'Ulm in Paris; Cachan; Lyon) gezüchtet. Wer hier studiert, wird vom Staat dafür bezahlt. Sciences Po, d.i. das Institut d'Etudes Politiques de Paris, bezieht eine Sonderstellung zwischen den Grand Ecoles de Commerce und den Elite-Ingenieursschulen. Hier werden Allgemeinwissenschaftler herangezogen, von denen ein Großteil sich in wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen spezialisiert. Außerdem gilt das Diplom Sciences Po als Königsweg für die Aufnahme an DER Kaderschmiede der administrativen Eliten Frankreichs: die Ecole Nationale d'Administration, kurz: ENA, die 60 Leute pro Jahrgang diplomiert. Die politische Klasse Frankreichs hat fast ausnahmslos diese Schule durchschritten. Sciences Po liefert jedes Jahr 90% der an der ENA Aufgenommenen. Die "Enarques", wie man ihre Diplomanden leicht abfällig (weil neidisch) nennt, besetzen - nach einem Parcours im öffentlichen Dienst - auch Schlüsselpositionen in der französischen Wirtschaft. Die meisten Leute, die GANZ oben ankommen, haben oft mehrere dieser Eliteschulen besucht: Jacques Chirac ist diplômé Sciences Po und ENA, Jean-Marie Messier, der Ex-Chef von Vivendi Universal, hat Polytechnique und ENA absolviert, usw. Man muss den Klüngel der Diplomanden der verschiedenen Schulen verstehen, die ein Netzwerk bilden, soziale Kasten, die die Schlüsselpositionen des französischen Machtapparates besetzen und sich gegenseitig zuarbeiten. Bestimmte Firmen rekrutieren nur Absolventen dieser oder jener Grande Ecole - je nachdem, welche dieser Schulen die Entscheidungsträger des Unternehmens besucht haben. Ohne entsprechendes Diplom "Zutritt verboten". Wer das nicht weiß oder nicht zur Kenntnis nehmen will, der kann die französische Gesellschaft nicht verstehen.
In Deutschland ist der Irrglaube verbreitet, die Sorbonne sei der Hohe Tempel des französischen Bildungssystems. Das muss von Professor Sartre und einer langen Tradition herrühren. In Wirklichkeit blicken Schüler der Grandes Ecoles auf Kommilitonen der Universités herab - Sorbonne oder nicht: die Universités sind für den Pöbel, hier studiert der Rest. Auf der Party einer Kommilitonin (es waren fast nur Studenten von Sciences Po und Polytechnique anwesend) war diese Studentin, die Komplexe hatte, weil sie "nur" an der Sorbonne immatrikuliert war, und sich unter all diesen Grands Ecoliens mickrig vorkam.
Thibault, der Directeur associé des Pariser Büros, hat also HEC und Sciences Po absolviert - so wird ein Mann in Frankreich gestempelt: Das ist wie eine soziale Durchmarschbescheinigung. Ein Kommilitone nannte das Diplom der ENA einmal eine Lebensversicherung. Entsprechend lesen sich auf McKinsey's Webseite die Mitarbeiterprofile: Marc, 28, Mines de Paris; Sandrine, 28, HEC; Jacques, 30, Mines de Paris, ENA; Alexandre, 24, Polytechnique. Thibault macht auf kontaktfreudig und schüttelt einigen Studenten, die sich zu viert oder fünft um runde Tische versammelt haben, die Hände. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen und ihre Namensschilder angesteckt haben (weiß für die Scienes Po Studenten, blau für die McKinsey Mitarbeiter), stellen sich die blau Bekarteten der Reihe nach vor, und das geht so: "Guten Abend, ich heiße Jean-Baptiste, bin seit 3 Jahren bei McKinsey und diplômé ESSEC und Sciences Po. Letztes Jahr habe ich einen MBA in den Staaten gemacht. Was ich bei McKinsey so schätze ist, dass wir wirklich im Team zusammen arbeiten und es dabei absolut keine Hierarchie gibt. Jeder sagt offen, was er denkt. Dazu sind wir sogar verpflichtet: obligation to dissent, nennen wir das." So geht es weiter. Die meisten McKinsey Consultants haben Scienes Po und noch eine andere Grande Ecole absolviert, sind alle witzig, loben die tolle Arbeitsatmosphäre und hohe Professionalität.
Es folgt eine Powerpoint Presentation, deren erster Teil von Thibault übernommen wird. McKinsey, das sind die besten ihrer Spezies, bilden ein Weltweites Netz: "Wenn ich eine Problemstellung habe, konsultiere ich zuerst unser riesiges Archiv. Da sehe ich, wer in der Welt schon an ähnlichen Fällen gearbeitet hat. Dann rufe ich den Mann an und er wird mir bereitwillig und ausführlich seine Erfahrung vermitteln. Bei komplexeren Fällen fliege ich sofort hin." Zwei seiner jungen Wölfe übernehmen und schildern ihre Erfahrung bei McKinsey in schillernden Farben. Die Studenten beginnen zu träumen, die Augen färben sich weihnachtlich.
Der zweite Teil der Vorstellung besteht aus einem Gespräch am runden Tisch. Jeweils ein Consultant pro Kreis. Zu uns gesellt sich Charles, er trägt einen teuren Anzug, die Krawatte lässt allerdings etwas an Geschmackssinn vermissen. Ich schätze ihn Anfang dreißig, er trägt einen goldenen Ehering, das Kinn quillt ihm schon leicht über den Kragen. Die Standardfrage der französischen Kommilitonen, welche Schulen er denn besucht habe, beantwortet er mit einem Witz, jedenfalls denke ich, es müsse wohl witzig gemeint sein: Er habe zwar Sciences Po besucht, allerdings das Diplom nicht erhalten - Ungläubiges Staunen - Warum? - Weil er SCHON VOR dem Sciences Po Diplom an der ENA angenommen worden sei. - Bewunderndes Staunen der französischen Studenten. Um diesen "Witz" zu verstehen, muss man wissen, dass die meisten Sciences Po Studenten sich NACH dem Diplom meistens noch ein Jahr lang auf den Aufnahmetest der ENA vorbereiten.
Zum Firmen-Codex gehört, zuhören zu können: être toujours à l'écoute du client, nennt man das. Charles ist allerdings ziemlich monologisch veranlagt. Ich habe mich auf den Abend vorbereitet und den Aufsatz des HEC Direktors gelesen, der ein année sabbatique bei McKinsey absolviert hat. Ich wollte einen externen Blick auf die süßliche Selbstdarstellung. Da liest man denn, dass zum Firmen-Codex das Prinzip up or out (auch: grow or go) gehört: Wer nicht spätestens nach drei Jahren aufsteigt, steigt aus. Man fragt dann: "Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor", und ist bei der Umorientierung behilflich. Über Auf- oder Ausstieg entscheidet die Leistung (das nennt man im Firmenjargon meritocracy), die nach jeder Mission evaluiert wird: BS = below standard, S = standard, AS = above standard, O = outstanding; zweimal BS oder S = out. Das hört sich ziemlich rüde an, und mit der nicht-hierarchischen Arbeitsweise schwerlich zu vereinbaren. Ich erlaube mir, das schüchtern anzumerken und werde von Charles lächelnd belehrt, dass ein Consultant nicht am anderen gemessen wird und deshalb kein Konkurrenzdruck entstehe. Im Gegenteil werde die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen gefördert und berücksichtigt. Das sei eben wirklicher esprit d'équipe, und - er legt väterlich seine Hand auf meinen Unterarm - wer Konkurrenzdenken verhaftet sei, für den - er wirft mir lächelnd einen Seitenblick zu - sei bei McKinsey kein Platz. In ein anderes Fettnäpfchen trampelt mein Tischnachbar: Wie viel man den als Junior bei McKinsy so verdiene? Das wird übergangen, man hat genug Geld in der Tasche, kein Grund also, es in den Mund zu nehmen. In dem oben zitierten Aufsatz kommentiert der Professor lapidar: money is not a problem.
Endlich geht es in die dritte Runde: "lockeren Talk" am Buffet. Die Studenten freuen sich auf Champagner und feine Häppchen und gehen zum Nahangriff über: Es gilt, sich in Szene zu setzen und in der Erinnerung zu verhaken; Lebensläufe werden verteilt, Studentinnen mit aufregenden Décoltées hängen an den Lippen von Consultants mit feistem Kopf und Haarausfall.
Als ich im Büro erzählte, dass ich zu einem "Cocktail McKinsey" geladen sei, glänzten die Augen der jungen Kollegen, die keine Grande Ecole besucht haben und damit von vornherein ausscheiden: McKinsey, das sei ein Traum. Sofort wurde ich beraten, wie mich zu kleiden, wie mich in Szene zu setzen, worüber zu reden. In der nun auftretenden Situation solle ich möglichst den Kontakt mit weiblichen Mitarbeitern suchen: Es war genau ein weiblicher Consultant anwesend. Eine große, schlanke, rothaarige Frau, etwa meines Alters. Hier erfuhr ich, dass eine McKinsey-Woche normaler Weise zwischen 60 und 70 Stunden zähle, dass, sobald es dem Ende einer Mission entgegen gehe, allerdings auch schon mal die Nacht durchgearbeitet werde. An Diplomen hatte sie Sciences Po und ESCP zu verzeichnen, und mit meinem Décolltée fuhr ich frontal gegen einen Eisberg.
Später am Abend unterhielt ich mich noch mit einem Absolventen von ESSEC, Sciences Po und ENA, der nach einer kurzen Karriere als Beamter in der Finanzinspektion in die freie Wirtschaft gewechselt war - mehr Arbeit, lukrativere Vergütung. Die 60 bis 70 Wochenstunden seien zwar stressig, aber es gebe immerhin noch die Investment Banker, die ca. 80 Stunden pro Woche zu Gange seien. Verglichen mit denen, sei die Arbeitsfülle bei McKinsy doch noch ganz human. Wir unterhielten uns nicht sonderlich lange, weil ein widerlich stiefelleckender Kommilitone sich ziemlich unhöflich in die Diskussion drängelte. Bei dem Stichwort "ENA" war er hellhörig geworden - die drei Buchstaben üben auf viele Studenten eine ungeheure Anziehungskraft aus. Eine vergleichbare Anbiederung hatte ich tatsächlich selten erlebt: der Drängler quetschte sich frontal vor den begehrten Consultant (Absätze angeschlagen, Fußspitzen gespreizt, Oberkörper leicht vorgebeugt, Hände mit den Handflächen nach oben ineinander gefaltet, Froschmaulgrinsen) und teilte mit, dass er selbst, Normalien (d.h. Absolvent der Ecole Normale Supérieure) und nun Sciences Po, sich überlege, ob es denn wohl noch von Vorteil für seinen beruflichen Werdegang sein könne, das Diplom der ENA seinem Lebenslauf hinzuzufügen. Ich wäre vor Scham am liebsten im Holzparkett versunken. Anstatt diesen Schleimer allerdings eiskalt abzuservieren, stieg der Consultant ein und es folgte eine viertelstündige Diskussion über die Vorzüge der Ecole Nationale d'Administration.
Ich musste später an Ingo Jacobs schönes Wort von der "Ecole Infernale de comment on règne" denken: unter welche Menschen bin ich gefallen? Wer hilft mir in diesem Schneetreiben? Einen Arzt für diese Leute. Oder einen Henker. Ich nahm meinen Mantel, den Aufzug und einen Seitenausgang. Es war gegen 21 Uhr, als ich wieder auf die Straße trat und mich vor dem nun geschlossenen Billigimbiss fand, in dem ich vorher einen Café getrunken hatte. Ich lief noch ein paar hundert Meter die Champs Elysées hinab, in einer totalen American-Psycho-Stimmung: überall Touristen, Weihnachtslichterblitze, die Kälte der Luft, der Hass in der Metro, die Feindseligkeit der Menschen, ihre verhärmten Futterneid-Visagen, Nadelstiche in meine Nerven. Meine Lederhandschuhe, mit denen ich hätte würgen und töten können. Die Sehnsucht nach Wald und Feldern. Dann Zweifel: lüge ich nicht, wenn ich sage: Ich bin unter diese Menschen "gefallen"? Habe ich den Wahnsinn noch unter Kontrolle? Wie lange noch kann ich mir glauben: "Ich schaue mir das alles mal in Ruhe an"? Hätten sie mir einen Job geboten, ich hätte ihn genommen und mir in meinem Kopf zurecht gebogen, dass auch das nur eine Art gut bezahlter Recherche sei.

Tobias Schoofs
heute vormittag habe ich mich genötigt, die tagebücher von saskia und rené durchzulesen, die im laufe der letzten beiden wochen hier eingeplätschert sind und an denen ich nach den ersten einträgen die lust verloren habe. ihnen fehlt der kamm, dafür haben sie viel gel: young urban mehr oder weniger professionals langweilen sich zu tode und geben dies zu protokoll. ein kopfschmerz hier und da, ab und an ist jemand gut drauf. das interessiert den soziologen, wenn er gerade über leute promoviert, die sich zu tode langweilen. wen interessiert es noch? wie immer zeigen renés texte, dass an ihnen gearbeitet wurde. wie immer haben sie geschmack: von dem nicht zu viel und von diesem in ausreichendem maße. sie gehören in die bewerbungsmappe für das lifestylemagazin. wie oft zeigen saskias texte, dass an ihnen zu wenig gearbeitet wurde. "ich schmeiße meine sachen in den postausgang."
christian scheint weniger zu erleben als die beiden. er schreibt für den ganzen dezember nur einen einzigen eintrag, der sich auch nur auf einen einzigen abend bezieht. dass sein leben äußerlich mit dem von saskia und rené verwandt scheint, zeigt der kurze absatz, in dem es um das büro geht, das seinen alltag ausmacht. den rest büro, um ehrlich zu sein, kann ich mir denken.
an diesem einzigen abend im dezember hat christian (ich nenne die tagebucherzähler nach den namen der tagebuchautoren) jedoch um einiges mehr erlebt als die anderen beiden im ganzen dezember. denn er hat sich die eine oder andere frage gestellt, die mit ihm persönlich zu tun hat. in seinem text finden sich elemente der selbstkritik. dadurch wird sein text spannend. da er sein erleben gleichzeitig mit sehr viel information über die welt anreichert, in die sein tagebuch gehört, hat man auch das gefühl, nach der lektüre irgendwie mehr zu wissen als vorher. das ist ein schöner nebeneffekt: denn irgendwie fühle ich mich befriedigt, nachdem ich diesen text gelesen habe. das ist doch schonmal was.

Christian Jansen
da laufen sie wieder, jeder in seinem kleinen subjektivitaetsmikrokosmos. wie haben sie wohl ihren samstag morgen verbracht? im bett, oder im "bett"? vor dem pc? in ueberfuellten einkaufspassagen - ein hysterischer letzter samstag vor der geweihten nacht?
und warum kommt kein tagebuch mehr? ist rené beleidigt? und saskia, ist sie ironisch, selbstironisch, oder einfach gedankenlos / muede, wenn sie christa wolf zitiert. "es zeigt sich: rückhaltlose subjektivität kann zum maß werden für das, was wir (ungenau, glaube ich) >objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann, wenn das subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern aktiven umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. (...)"? da sollte man nicht schlafen, sondern hellhoerig werden.
wenn ich das, was ich von deutscher literatur und literaturkritik noch mitbekomme, richtig verstanden habe, dann wirft man der jungen dt. lit. NABELSCHAU vor.
nabelschau, leere selbstbespiegelung des subjekts also. und genau das ist es, was tobias den tagebuchtexten von rené und saskia vorwirft. ich neige dazu, seine auffassung zu teilen: was in diesen texten fehlt, ist der "aktive umgang mit gesellschaftlichen prozessen", wenn ich mal gerade wolfs holzklotzsprache benutzen darf. ohne jetzt wieder die leidige grundsatzdebatte "l'art pour l'art oder lit. engagée" lostreten zu wollen - mache ich es also lieber am konkreten textmaterial fest:
1) René
das sind kompositionen auf sprachlich hohem niveau. allerdings wuerde ich mir auf diesem niveau ein plus an inhalt wuenschen. soweit schoofs-text. warum dieser in sich und seine reflektion der aussen- und innenwelt eingekapselte erzaehler? der einzige "dialog" ist der mit einem nena zitat aus der zeitung. ein NENA zitat! hey leute, gibt es in deutschen zeitungen gerade nichts aufregenderes zu lesen? wenig dialog also, wenig austausch. - ansonsten treten koerper in jogginganzuegen auf. warum koerper? steckt da kein mensch drin? wenn ron winkler, der einzige mensch mit vollem namen, eingefuehrt wird, erfahre ich, dass er ein "sehr netter mensch" ist - punkt. warum ist er nett? was heisst das, "nett". wie und was schreibt denn dieser "schreiber"? - ich habe - nennt man das zufall? - die magisterarbeit dieses herrn winkler gelesen und fuer meine eigene benutzt. ich waere neugierig darauf, ihn kennen zu lernen. renés text laesst mich enttaeuscht. oder ist das seine strategie - seine leser zu enttaeuschen? wir haben es doch mit einem reisenden zu tun - koeln - frankfurt - regensburg: gibt es da nicht berichtenswerteres als die lichter auf der autobahn?
schoen die beschreibung des jungen wohnens; dagegen positioniert sich der scheiber in mittelaltem wohnen. ist das kritik? wie sieht mittelaltes wohnen denn aus? ist es besser als junges? und wenn ja, warum?
auch komfortabel zu lesen der blick auf die familien, die sich am sonntag "zeigen" (super!) und ihren - NATUERLICH! - KLEINwagen im parkhaus abgestellt haben. so klein wie der wagen der geist. diese art kritik erinnert mich an meine letzte stuckrad-barre lektuere, muss wohl "deutsches theater" gewesen sein: da macht sich dieser schnoesel ueber die fernsehsendung "scheibenwischer" lustig. ich fand das scheisse und dachte mir, dass man sich tatsaechlich ueber alles lustig machen kann, sogar ueber letzte inseln in einem meer aus merde. das mag auch eine lebenshaltung sein - und ich neige ihr zuzeiten zu - allerdings nervt mich bei den meisten dieser leute die nicht vorhandene selbtkritische oder wenigstens: -ironische haltung. konkret: sich ueber kleinbuerger mit kleinen autos oder kolleginnen, die ihren wohlfuehlpark ausbreiten (grossartig gesagt!) lustig machen ist eine sache (mitunter auch eine GEMUETLICH zu lesende) - sich dann aber im selbstmitleid suhlen, die nicht sehr komfortable situation des nicht-bestseller-schreibers zu schildern, ein schmerz im ohr hier, kreislaufprobleme da, die weinerliche demut ob des schreiber-mikrokosmos (und, zwischen den zeilen: ausbleibenden erfolges), so klein der kreis (nebenbei: ist das elitismus? - elitaer von exlegere: ausLESEN), die gereifte freude ob der kleinen gemeinsamkeiten, man ist keine 18 mehr, vorbei das stuermen und draengen, man wird realistischer, man hat sich eingerichtet im eigenen kleinen wohlfuehlpark, - - ist das nicht auch komisch, wert, einer kritik, polemie oder wenigstens ironie unterzogen zu werden?
2) Saskia
vieles, was ich an kritischem zu 1) schrieb, gilt hier. es gilt auch, was tobias schreibt: die texte sind weniger bearbeitet, sie wirken in der tat wie in den rechner gehauen und "in den postausgang geschmissen". das problem: die oft geaeusserte muedigkeit der erzaehlerin breitet sich leider oft auf die qualitaet des textes aus.
dabei gaebe es doch interessante themen in diesem von muedigkeit durchzogenen leben zwischen referendariat, examensstress, buero und party: "ich plane meine berufliche zukunft eher weniger." warum das alles? warum so leben und nicht anders? welche "gesellschaftlichen prozesse" wirken auf eine jurastudentin? sind sieben punkte in der revisionsklausur eine gute oder schlechte note? warum schmeckt ihr becks besser als frueh-koelsch? welche bedeutung hat die italienische fussballiga fuer die erzaehlerin, warum ist sie noch in c. verliebt? ist mark kein guter freund? warum diese leere selbstspiegelung? nach 20maligem hoeren muesste die botschaft doch angekommen sein: stand up, and tell yourself: be strong!

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