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Roundabout Februar

Tobias Schoofs, Prosa und andere Sprachen, 7.2.2002

Für den Unkundigen an Land, sagt Stanislav Lem, sehen die Signalwimpel des Schiffes bunt und lustig aus. Er bleibt stehen, um dieses Schauspiel zu verfolgen. Nur wer die Codes gelernt hat weiß, dass der Kapitän des Schiffes signalisiert, dass an Bord die Pest ausgebrochen ist. Burgmann (Borges?) und De Jong (Lem?) geraten in einen Text von Rainer Junghardt. Der Text präsentiert uns ein Spiel, das daraus besteht, die Bedeutungsebenen zu wechseln. Für den Kundigen mag dieses Spiel auf der Oberfläche einen Ernst auf der Bedeutungsebene meinen. Die Heiterkeit, mit der der Text das präsentiert, tut nichts zur Sache: Ernst ist das Leben, heiter die Kunst. Außerdem präsentiert er uns ein Beispiel einer unmöglichken Sprache und die Persiflage einer Ethnologie / Sprachphilosophie. Herauszufinden, um was es geht, bleibt, wie immer, dem Leser überlassen. Für mich als Leser stellt sich die Frage nach der Bedeutung meistens so: Was geht es mich an? Ob einen Wittgenstein interessiert oder nicht, hängt somit ebenfalls davon ab, was er mich angeht. Die Sprache ist kein Werkzeug, sagt Wittgenstein z.B., sondern eher schon ein Werkzeugkasten. Man kann damit sehr viel machen. Und: sehr viel gleichzeitig. Daneben gibt es noch jede Menge Diskurse über Politik, Poetik und Moral. Die poetischen Fragen wären damit wohl ein für allemal geklärt. Bleibt die Frage nach den wirklichen Dingen. Doch zuvor noch ein Gedicht, das gerade hierher passt:

GEPIERCETE ZUNGE
mitten im bierdunst in
schon sterbender feier
blitzte mich dieser
redeschmuck an der mich
jedes mal egal was sie
sagte für sekunden
an fellatio denken
ließ die denotate
berührte das nicht
aber mich dafür
um so mehr


René Hamann, Januar-Bericht, 15.2.2002

Dienstag, 1. Januar, Berlin.
Das Jahr fing spät an. Durch die geraden Straßen Berlins gingen wir in Richtung Kinofabrik, in Begleitung der Reste der vergangenen Nacht, die auch dort noch sichtbar waren: 16 Tanzflure. Das neue Geld, man kommt nicht umhin, davon zu berichten, geben wir für Memento und Coca-Cola aus. Ein kleines Chaos. Memento ist einer dieser Filme, bei denen man nie sicher ist, erfordert postume Detektivarbeit: Die Fäden selbst wieder zusammen klamüsern, lästig und aufregend. Thorsten Krämer schrieb einmal, dass man nie genügend Filme gesehen habe, jetzt denke ich fast das Gegenteil: Irgendwann reicht es, vielleicht ist so ein Kinogang nur ein Relikt der Suburbia-Teeniezeit, liebgewonnene Zeitverschwendung, die Handlungen kennt man schon. Überhaupt sind die wichtigen Filme eines Jahres an ein, zwei Fingern abzuzählen. Memento wird nicht dazu gehören. Als wir den Saal verlassen, um in das staubige Berlin zurück zu irren, müssen wir frieren.

Donnerstag, 3. Januar, Köln.
Das schwarze Loch einer Wohnung im Prenzelmassiv, verlassene Blicke in einem Zugabteil später, nach Ostbahnhof und Geduldsstau. Dagegen die Brache namens Köln: Bälger und Zeitungslose. In der rumpeligen 60er-Jahre-Bahn, die vom Bahnhof nach Zollstock führt, lese ich erotische Geschichten in einem rororo-Band: Von Sinnen, Trivialschrott, von dem man nicht schreiben sollte. Hier textet der Wunsch, der Wunsch nach gelungenem Sex; leider schreibt hier auch die omnipräsente Oberfläche mit, der glänzende Alltag der stumpfen Körper: in privater Armseligkeit. Dagegen eine Antisex-Geschichte schreiben, gegen den Sex anschreiben. Ausrufezeichen setzen. Das kühle Herz. Oder doch lieber wieder ins Kino und die Schlachtbeschreibung eines Popsongs aus den 30er-Jahren schauen: Jeepers Creepers, ein rumpelnder Soundtrack, ein lächerliches Monster. Rote oder gelbe Orangina? Where did you get those eyes? Nie genügend Filme gesehen zu haben, bedeutet nichts anderes als: Immer schöne Schreibvorlagen, her damit, Bilderbilder, die übersetzen, bitte, ich vergaß. Besser als der Wunsch: die Bildwelt. Und nicht: "Mal schauen, was Handke dazu sagt."

Mittwoch, 16. Januar, Stuttgart.
Hochgewichtshäuser. Schülerbandkarrieren. Ich bin's, der Star. Na dann. Charlotte Roche auf dem Cover der Spex, die Halbwahrheiten und Lügen auf den Vorhang gedruckt. Davor: die Szene (ist es wahr, was man hört, oder ist es wahr, was man liest?). Kommaflut. Kleinszenen, zum Beispiel Abschiede, grauslich, lass uns doch einfach jetzt auseinander gehen, wir müssen nicht so tun, als ob ich in den Krieg zöge und du mit Tempo am Bahnhof schwankst.
Oder Gruppendynamik: Schwerfällig, enorme Verlangsamung, das hat nichts mit Radfahren zu tun. Denn meist ist es der/die Langsamste, der/die die Frequenz bestimmt.

Donnerstag, 17. Januar, Sonthofen.
Mit dem Auto durch die Carchitektur des Südens in die freundliche, von Bergen niedergestreckte Ortschaft. Hallende Schießgeräusche übender, unsichtbarer Soldaten (neue Taktik?), dazu apathisch käuende Kühe am Gartenzaun, keine zwei Meter von der Sonnenterrasse entfernt. Kaum ist das lästige Objekt aus der Stadt, kehrt Ruhe ein. Was so auch wieder nicht stimmt. In alten Briefen an alte Adressaten entdecke ich alte Schwächen: Die kalte Distanz, die hochnäsige Arroganz, der Schreiber spricht nicht wirklich zu einem Gegenüber, sondern hauptsächlich mit sich selbst. Ein abscheulich altkluges Gemurmel in einem Tonfall, der beleidigt klingt. Schon fast pietistisch. Und alles ist falsch: Grob falsch, keine Zeitungen zu lesen, das Fernsehprogramm zu eindimensional zu sehen. Oder die gotterbärmliche Lyrik als Ausdruck subjektiver Ansichten zu formulieren. Und die arme Sprache hockt verkümmert auf schlimm layouteten Seiten und hat Platzangst. Wie ein Kind im Laufstall: Eingepfercht in Floskeln, in sattbekannten Redewendungen, in mickrigen Ichbezogenheiten. Über Wald und Wiesen fluche ich, vor diesem Programm möchte ich flüchten: Ohne Punkt & Komma, die Welt ist schlecht und in der Eifel liegt winters Schnee - na und. Man nehme dieses Buch und gehe in allem vom glatten Gegenteil aus. Weggestellter Ärger.

Samstag, 19. Januar, Bretten.
Großes Comeback dagegen: Diedrich Diederichsen, Adornos Taschentuch: "Die heute noch übrig gebliebenen [linken] Gesten muss man sich vorstellen als reine Taschentücher, ohne Insel, ohne Schiff, ohne Winkende - nur noch das Taschentuch gibt es." Theorie als Comic-Strip, passgenau wie aus einer Roadrunner-Folge, zum schreien komisch und wahr. Überhaupt das Fernsehen: "Es ist kein Wunder, dass wir neue Subjektmodelle seit den Neunzigern nicht mehr in erster Linie durch neue Pop-Musik oder Kunst, sondern durch Fernsehserien kennenlernen und beschreiben. Diese Serien sind nicht nur durch bestimmte verbreitete neue Formen einer mit kognitiver Dissonanz souverän jonglierenden alltagsdandyistischen Angestelltensubjektivität auffällig, sie folgen auch bestimmten Regeln, die man für formatbedingt halten kann, aber die auch konstitutiv für die Plausibilität gerade dieser Bewusstseinstypen sind. Viel Studiodreh, wiederholte und meist kleine Innenräume, Stadtlandschaften, die meist zu stereotypen Establishing Shots gerinnen - all das macht die Welt sehr klein. Die Größe und Widersprüchlichkeit dieser neuen urbanen Innenwelten kann nur überleben, weil die Außenwelt in allen Aspekten auf wenige zusammenfassende Stereotypen zusammenschnurrt und jeder weitere Kontakt als psychotisch, angstbesetzt oder anderweitig verhängnisvoll erlebt wird. Auch wenn man darüber lachen
und die eigene soziale Unfähigkeit erfolgreich zur vielschichtigen narzisstischen Persönlichkeit schlagen kann."
Hier muss keiner zum Theweleit werden, das ist das Beste, gerade auf dem Hintergrund all der reaktionären (puha, bzw.: sic!) Hinterwäldler, die sich heutzutage auf dem Felde des literarischen Untergrundes tummeln, was sich seit langem über äh Politik und Fernsehen lesen ließ. Hängen wir uns das an die Antenne. Auf dem Weg durch die badensische Walachei.

Sonntag, 20. Januar, Köln.
Das Schlemmer-Programm, der Flow am Abend. Die Serie Friends hat die Räume:
Wohnung und Café. Auch hier werden die Zusammenhänge erst nach einigen Folgen klar. Und die Stereotypen werden geschätzt. Schimmernd unwirklich und komisch, dennoch beruhigend. In Sabrina sind es Hexenhaus und Schule. Vorteile gegenüber dem Zeichentrick: Die Figuren werden älter, das Publikum mit den Figuren, in den ersten Staffeln geht Sabrina in die Hi Skool, danach aufs College. Lachhaft dagegen die Meldungen über den 60. Geburtstag von Daisy Duck (nur die Simpsons versuchen, gelegentlich aus dem erstarrten Schema der Nichtprogression rauszukommen). Sabrina ist keusch, asexuell, selbst Britney Spears tritt auf. Danach Höhepunkt und Abschluss: Die Simpsons.

Der Flow am Spätabend, das Feierabendprogramm: Harald Schmidt, keine weiteren Kommentare, dann das Gleitmittel Die Nacht, endlich Frazier. Die intelligenteste Sitcom, Screwballkomödie, Theatereinfluss, ausdifferenziertere Stereotypie (die Intellektuellen, der Bier trinkende Daddy, die Engländerin etc.). Nie langweilig, immer in Entwicklung, immer zu kurz. Und das Allerbeste ist: Die Hauptfigur wurde aus der Sitcomgottmutter Cheers hinübergehievt. Gelegentlich sagen ehemalige Kollegen Hallo (Schwestercom Veronica dagegen ist zäh, albern, langweilig). Nach Frazier, Wohnung und Rundfunkanstalt, die Wohnung dehnt sich auf den Aufzug aus, kann man den Fernseher glücklich abschalten, noch etwas lesen, gut einschlafen, die Nacht ist gerettet, die Welt ist bunt.

Sonntag, 27. Januar, Köln.
Und das eigene Leben? Eine große WG, ein kleines Appartement. Überschaubar. Mit festen Figuren. Einer Kneipe. Die Außenszenen: Höninger Weg, Erledigungen, öffentlicher Nahverkehr. Manchmal Reiseberichte. Flottierender Soundtrack, wenig Handlung. Ein Kunstfilm? Was diese Staffel betrifft, vielleicht. Die nächste wird wieder DAS BÜRO featuren. Und die Kunst selbst: ein Kontrollverfahren. "Text ist ein nachwachsender Rohstoff. Jährlich wächst in Europa weit mehr Text nach, als verarbeitet werden kann. Prosa aus Massivtext ist ökologisch, natürlich und atmosphärisch", ruft mir Helmut Schranz zu (perspektive 33).

Donnerstag, 31. Januar, Köln.
Ein Tunnelblick an der Zülpicher Straße, das letzte örtliche Glied der Kinoweltkette spielt Mulholland Drive. 8 Euro die Karte wegen vermeintlicher Überlänge. "Vorsicht vor verunfallten Brünetten", schreibt Adrian Kasnitz, schreibt Achim Wagner. Polcharakter oder das Dilemma, aus einem Piloten eben nicht die Staffel zu machen, sondern eine Einheit. Zur Hälfte ein großartiger Film, Lynch lernt aus Straight Story, lässt die Figuren sich entfalten, entspinnt paar andlungsstränge, die wieder geknüpft werden könnten. Dann geht aber der Surrealismus mit ihm durch. Die Liebesszene zweier Frauen, blond und brünett, als Bruchpunkt: Danach klafft alles auseinander. Jetzt wird Lynch-Kitsch gekleistert, die Bilder verbrämt, die Figuren zu Bildmarionetten reduziert. Klar ließe sich ein Sinn rein konstruieren, aber vgl. Memento: Muss das sein? Ist dieser Trick nicht nur ein Armutszeugnis des Plots? Der Bilder selbst? Insgesamt enttäuschend. Lynch verlässt wegen akutem Harndrang den Platz, verpasst fast das Ende (macht nichts), wird durch Abel Ferrara ersetzt. Was das Spiel eindeutig belebt.


Stan Lafleur, tagebuchschreiben & was ist zu tun, 19.2.2002

tagebuchschreiben scheint einzureiszen. nachdem achim & enno bei satt.org sich zuletzt taeglich einen monat lang ausliessen, jetzt auch die ersten passagen von renés angekuendigtem tagebuch 2002. unfertig, rené, sagst du & so scheint es mir auch. aber ist das schlimm? tagebuch ist doch per se fragment, oder nicht? den focus kurz auf etwas gerichtet, vermischt mit persoenlichen empfindungen, kommt am ende bestenfalls ein origineller blickwinkel zum tragen. unter zeitdruck. da ist es ganz klar, dasz keine stabilitaet in puncto qualitaet zu erwarten ist. & wie schreibt man ein "oeffentliches tagebuch" im gegensatz zu einem privaten/verschlossenen? da sind doch wohl deutliche unterschiede? ich lese sowas gelegentlich ganz gerne & denke: damit bin ich nicht allein. ein oeffentlicher tagebuchschreiber fordert den voyeurismus seiner leser heraus. & macht sich zum objekt dieses voyeurismus. dankbar insofern, als jeder diesen voyeurismus in sich tr!aegt, umso dankbarer, je besser man die betreffende person kennt. preisgabe von privatem, privaten gedanken/weltanschauungen. eine unter vielen arten zu schreiben. als autor kann man kaum abschaetzen, was fuer den leser dabei interessant ist, es gibt ja kaum eine andere themenvorgabe als "wie ich die welt zur zeit sehe".


Ingo Jacobs, Meldung, 21.2.2002

die reaktionen auf meinen letzten text sind so ziemlich das letzte, woran ich mich aktiv erinnern kann. danach folgt rauschen, bilder, vorstellungen, denken, lavieren, wenden, projizieren und alkohol. irgendwann öffnet sich wieder ein auge und eine realität erscheint.

zu tobias kritik an "& aus dem augenwinkel": ja, poetologisch geht es hin und her, ich weiß es im moment nicht besser. der text sucht sicherlich die klassische geste, will in seiner sprachführung sehr einfach daherkommen, nur inhaltlich verstören (d.h. ohne formale mittel). verstörungspoesie en prose sozusagen. texte, die bewegen, sind gute texte.


Stan Lafleur, verfahren, 22.2.02

dasz texte koerperlich wirken sollen, ist auch mein ansatz. manchmal oder gar oft mit der brechstange vorgetragen, sicherlich. das, was ich immer "blutgeruch" nenne. etwas, das puls/lebenssaft erspueren, zumindest erahnen laeszt, den autor hinter dem text nicht als rein vergeistigten menschen, als geist, sondern als einen von uns wahrnehmbar werden laeszt, mit realer freude, realem aerger im gegensatz zu geistig konstruierten refugien.


René Hamann, the body lotion, 23.2.2002

körper und texte, ein thema der achtziger jahre. marcel beyer hat einen ganzen roman darüber geschrieben, dann noch zwei weitere. ich halte mich da an morrissey (s.u.): "does the mind rule the body or does the body rule the mind? i don't know" & erinnere mich an mein amüsement, als ich bei theweleit las, dass die lektüre von ernst-jünger-texten ihm körperliche schmerzen zufüge. die letzten konkret körperlichen effekte auf literatur konnte ich bei mir feststellen, als ich 20 war und "die fermate" von nicholson baker las.

eher angesprochen fühlte ich mich von thomas manns credo, dass "gedanken gefühle seien und gefühle gedanken". womit sich diese - im prinzip recht katholische - trennung zwischen körper und seele, verstand und herz etc. erledigt hätte. oder man könnte auch mit derrida sagen: alles ist text. dass man darüber überhaupt noch reden muss!
weil es passt: hier kommt 25 lieder, teil 9:

does the mind rule the body?.
dann traf ich sie häufiger in der stadt. wir gingen spazieren oder
einkaufen, schlürften ambrosia in studentencafés. sie erzählte von
freundinnen, die motive für postkarten suchten, von der universität, die sie
besuchte, von büchern & filmen. manchmal schaute sie mich direkt an,
fixierte mich, fragte mich irgendwas, merkte, dass ich stumm blieb.
streichelte mich dann kurz: ihre hand auf meiner wange. dann sprach sie
weiter, ich hörte zu, schaute, als ob ich sonnengläser aufhätte. was sie mir
erzählte, dröhnte vorbei wie englische popmusik. da sie mir bekannt war,
fragte ich nicht nach, gewissermaßen war sie einfach da. auf eine bemerkung
hätte ich unsicher reagieren müssen, aber ich reagierte selbstverständlich.
als ob ich mich am sinngehalt der aussage festgehalten & vergessen hätte,
wer spricht. sie war noch ein körper, der mich nicht interessierte.
(the smiths, still ill)


Stan Lafleur, diverses, 25.2.2002

koerper & texte: im grunde geb ich rené recht. auch wenn es bei mir nicht solang her ist, dasz ein text koerperlich bei mir gewirkt hat (zb ingos: zumindest vorgestellte gaensehaut, man wird abgebruehter). das ist empfindenssache wie alles. eine sache der persoenlichen praeferenzen.

fuer mich ist immer ein wenig befremdlich, wenn ein dichter sagt oder zu erkennen gibt: diese sorte dichtung schliesz ich fuer mich aus. je mehr man zu tun hat, desto mehr fokussiert man auch auf die vorgefassten eigenen interessen. zumindest gehts mir so.



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