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Roundabout Januar

Ingo Jacobs: & aus dem augenwinkel

& aus dem augenwinkel

& aus dem augenwinkel seh ich die langen
schwarzen haare. wo sie mich hinziehen: in
den körper des körpers, da jedes wort versiegt -

"du hast den hörer endlich aufgelegt?", hör ich
aus ihm die stimme meines vaters. "das freut
mich: hier gibt es nichts zu hören. ich bin schon

lange tot". von dem geruch an ihrem hals hätt
ich ihm wohl berichtet, dort wo parfum mit
einem bild aus frühen tagen sich vermischte:

mit ihr im jugendbett, die eltern religiös & unten
vor dem fernseher, man kann es schallen hören.
& aus dem augenwinkel seh ich die langen

schwarzen haare, ich spüre ihre lippen & mein
vorwärtsdrängen. wo ich sie hinzieh, jetzt:
in mein gedankenloses fleisch.


Christian Jansen: Halb zog sie ihn, halb zog er sie

das frz substantiv "la drague" bezeichnet sowohl den bagger als auch, in der fischerei, das schleppnetz, welches der fischer hinter sich herzieht. mit dem verbum "draguer" konnotiert der franzose umgangssprachlich eine taetigkeit, die im deutschen mit "anbaggern" oder "abschleppen" wiedergegeben wird. seltsam, dass ich hier wieder beim fischen gelandet bin, hatte ich doch schon in meiner letzten textinterpretation zu tobias' "alba" auf die arme des kraken hingewiesen, das thunfischnetz, in dem sich der freie delphin verfaengt. warum soviel gewalt in der juengsten deutschen liebeslyrik? woher diese waidmannsromantik? und warum kann ich nicht mehr von schwarzen haaren lesen, ohne dass sie ergrauen, bis ich celans aschene holocausthaare auf den inneren bildschirm projiziere? sprich, sulamith!

bei goethes fischer ist es akkustik, die sein verderben einleitet: "Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm; / Da war's um ihn geschen: / Halb zog sie ihn, halb sank er hin, / Und ward nicht mehr gesehn", lauten die schon leicht angelutschen verse. welche haarfarbe das "feuchte Weib" hat, erfaehrt der leser nicht (ok, wird wohl eine kleine blonde bestie gewesen sein...). es war damals noch eine schriftkultur, da man mit worten zu werben verstand. heute laeuft es mehr ueber die optik, und manche lassen den mund lieber ganz zu (und tun vielleicht gut daran).
so schwimmt ingos text voll im zeitgeist und scheint vorwiegend an optischen reizen interessiert; synekdochisch komprimiert: das schwarze haar, welches sein ich aus dem augenwinkel sieht. die akkustik ist nur noch innenohrmelodik, ein ferner erinnerungssingsang des toten vaters (ein realer papa? kindheitsneurose? uebervater goethe?), wenige worte in einer optisch ueberreizten welt, "da jedes wort versiegt", und da "es nichts zu hoeren" mehr gibt. und warum taucht bei all dem baggern und fischen die stimme des toten vaters aus dem koerper des koerpers der schwarzhaarigen auf? die verbindung zwischen totem paps und feuchtem weib ist, dies eher wenig originell, ein "bild aus fruehen tagen". so, butter bei die fische, jetzt erfahren wir, was es mit dem vater und dem ficken auf sich hat: religioes waren die eltern also, und stellten den fernseher unten im wohnzimmer laut, damit man oben bei den ersten erotischen geh- und stehversuchen seine ruhe hatte und gleichzeitig schoen laut sein konnte. wie passt das zusammen? warum darueber neurotisch werden? ist doch nett, dass die eltern auf der volume-taste nach oben druecken, anstatt nach unten, damit sie auch ja alles mitkriegen. oder war es ein ablenkungsmanoever, und sie lauschten an der tuer?

ich interessiere mich fuer frauen: wie ist das jeweilige frauenbild? - beim uebervater: ein feuchtes weib, das dem wasser entsteigt; welch ein liquides lustobjekt! wie einfach es dem mann da gemacht wird, er muss nicht einmal mehr fuer den notwendigen feuchtigkeitsgrad sorgen, - er kann sofort hineinsinken, keine gleitcreme vonnoeten, keine butter (in welchem film war das?), prima, los gehts, heidewitzka, herr kapitaen! war's im 18. jh. noch die vertikale femme fatale, die dem wasser entsteigt und ihr maennliches opfer - zu oft zu dessen himmlischem vergnuegen - in den orkus saugt (engl. to suck), so wurde daraus im 19. jh. eine horizontale frau als lustobjekt, eine erotische spielwiese, darauf sich der maennliche blick in ganzer dargebotener laenge tummeln durfte. heute ist der weibliche koerper als projektionsflaeche und werbetraeger bekannter denn je.
und bei ingo? es reicht das optische signal, schluessel-schloss-prinzip und allez hopp! schon ziehen sie sich gegenseitig ueberall hin. ja, ja, gespuert wird auch, und gerochen, ein miniatursinnenfest, das mit sparsamsten mitteln auskommt, ein spritzer parfum, ein paar lippen, - aber das heisst wohl "dichten": ver-dichten, ab-dichten, ein-dichten, ...
und schoen, dass zuerst sie ihn in den koerper ihres koerpers zieht (was ist das? - organisch: das weibliche geschlechtsteil als koerper im koerper? metaneurophorisch: der vater in der frau?) - da freut sich der mann, wenn einmal er sich fischen lassen kann, und nicht selbst staendig mit der angel hantieren muss. na ja, zum schluss hilft er dann doch ein wenig mit; und schnell geht es dann, immer schnell schnell in einer beschleunigten welt: keine ruhe mehr zum sinken, nein, heutzutage wird gedraengelt, geschubst und gezogen. aber nicht mehr im wasser, dem weiblichen und lebensnotwendigen element endet die reise, sondern schlicht im gedankenlosen fleisch. fleisch. fleisch. jetzt weiss ich wieder, ingos text hat mich noch an etwas anderes erinnert, etwas eigenes (wenn man das bei soviel goethe behaupten darf):

Christian Jansen: ALBA

ALBA

Es schlug des Nachts dein Herz / Geschwind fuer Pferde: "Mach
Mir mal den Hengst!": Was schlug / war hartes Fleisch in weiches
Fleisch: verkeilt: Mein Herz / ist nur ein muskuloeser
Fleischtrog: dunkle Erde: / Endlos wechseln hier

Die Perspektivenbaelger: / Wie Vampirvisagen
Die im Morgenlicht / erweichen: Jetzt wird's wieder
Hart: Mein Schwanz schwillt wie / ein Keil zu ruhiger Flucht
Ins Herz: Du wachst getroffen / auf: So komm heraus

Aus diesem arg zerknautschten / Himmelbett und fluester'
Zaertlich Grausamkeiten / in mein Dunkel: Keine
Herzen sprechen mehr / aus deinem abgeschiednen
Blick: Was spricht ist Lippen- / rot auf Kissenweiß:

Sehr zaertlich ruht mein Metzger- / blick in deinem Schoß
Bis heute Abend: Warte nur: / Ich komme wieder: balde...

Tobias Schoofs: Es ha(c)kt

der verehrte Pariser Kollege hat im Zusammenhang mit Augenwinkeln schon mehr als überdeutlich auf die mehr als überdeutlich hervortretende (und doch versteckte) Tradition der Wasserleiche hingewiesen. Der Kollege Lafleur hebt, womit ich mir auch dies sparen kann, auf die geile atmosfärische Stimmung ab. Höchstens könnte ich noch ergänzen: Ja, eine wirklich stimmige Atmosphäre.

Zuletzt sprach Ingo von der Entgrenzung des Autor(begriffs) im dezentrierten, experimentierenden, herumschweifenden Text. Gleichzeitig präsentiert er seit zwei Jahren zunehmend begrenzende Texte. Der Vorteil dieses Schreibansatzes ist zweifellos, dass sich Aussagen unterschiedlicher, theoretischer wie praktischer, Art dichtgedrängt in ein atmosphärisch aufgeladenes und damit den Konnex zu Herz und Bauch herstellendes Szenenbild fassen lassen, das leicht zugänglich ist und die Dinge auf den Punkt bringt. Der Vater im Körper der Frau ruft den Sohn an und damit - natürlich - nach Freud. Der aber muss aufpassen, dass er hinter dem Vorhang, hinter dem das Gedicht ihn versteckt hält, nicht erstochen wird - von einem wütenden Sohn, dessen Schicksal es ist, sein aus den Fugen geratenes Liebesleben wieder in die Angeln zu setzen. Das Bild, so ungewöhnlich es zunächst scheint, wirkt auf mich seltsam vertraut: "'lange tot.' von dem Geruch an ihrem Hals " - ganz autmatisch will ich lesen: "aus ihrem Hals" - "hätt ich ihm wohl berichtet". Ich denke an Buffalo Bill, der seinem Opfer den Totenkopfschwärmer in den Hals setzt. Das sind die Bilder einer populär gewordenen Psychoanlayse. Dieses Schema wird verlängert: "die eltern religiös & unten / vor dem fernseher" etc. Mir wird unwohl bei dem Gedanken, dass hier nicht ausgesprochen wird, was gesagt werden soll, obwohl die Botschaft mit ihrem vernarbten Kiefer sich so deutlich hinter dem Vorhang abzeichnet. Um es böse zu sagen, dies ist Freudkitsch, psychoanalytischer Nippes. Um es etwas aufpolierter zu sagen: Der offensichtlich gewollte Ansatz, hinter den Dingen Frau - Mann - Vater die Struktur einer Theorie sich abzeichnen zu lassen, versumpft im gedankenlosen Fleisch. Es ist die immer selbe Rolle der Frau dort im Augenwinkel, die die Atmosfähre stimmig macht und das Gedicht zerstört. Die poetische Operation ist gelungen, der Gegenstand ist tot.

Dass das Ganze in gehobener Sprache, schon fast in Benn-Manier, daherkommt "da jedes wort versiegt" ("kann keine Trauer sein") scheint mir für diese Verbrämung typisch. Und hier hakt es auch an den Rändern, wo - da ich schon bei der Manier bin: nämlich bei Hummelt'scher - die Vögel zurückkehren. Aber leider nicht die Hitchcock'schen, womit wir wieder bei Freud wären, sondern die, die Botschaften transportieren, eine doch zu schwere Last. Sehr angenehm an diesem Text ist mir die Konfrontation dieser Uraltchiffre aus der Staubtruhe der poetologischen Schätze mit den prominentesten Botschaftstransportören der Gegenwart: den sog. Medien im Kostüm der Satellitenteller. Leider habe ich den Eindruck, dass sich der Text resigniert und somit nostalgisch nach der spinn- und staubfädenüberzogenen Truhe zurücksehnt. So zumindest deute ich den Trauerflor, der - unbegründet - durch den Text wedelt. Oder ist es, wie ich befürchte, auch hier der Schwanz, der mit dem Hund wedelt: Ist es die Atmosphäre, die eben nicht zweckdienlich, sondern aus einer Stimmung heraus, zum Text kam, die das Thema macht - und damit mir die Frage stellt: Soll ich der Schönheit wegen, mit der die Stimmung eingefangen ist, die Botschaft vergessen oder soll ich doch die Botschaft, die mir jener Schwarzvogel bringt, zur Kenntnis nehmen - dann lese ich hier: Scheiß Medienscheiß, alles scheiße! Ich bin lieber traurig und reaktionär.

Rainer Junghardt: Prosa

1
De Jong und Burgmann trafen sich regelmäßig. Sie besprachen dann ihre aktuellen Veröffentlichungen, gelegentlich auch zurückliegende Werke oder seltener auch, die anderer Autoren phantastischer Literatur.
Burgmann ging es mit seinem Schreiben voll absurder Labyrinthe und sprechender Tiger nicht um Wahrheit, sondern darum, zu verblüffen, letztlich also zu unterhalten, allerdings mit Gedankenspielen und philosophischen Spekulationen.
De Jong dagegen war es recht ernst mit seinen Titanen und seinen märchenhaften Geschichten. Sie verwiesen für ihn auf nicht Geringeres als eine höhere Wahrheit, die hinter den Dingen stehe.
Lange merkten beide nicht recht, dass ihnen das Phantastische etwas völlig Verschiedenes war, dem einen ein reines Spiel, dem anderen ein Werkzeug zur Erkenntnis.
Irgendwann aber, ich weiß nicht mehr, welche Antwort De Jongs es bewirkte, wurde Burgmann genau dieser Unterschied bewusst. Er blieb den Rest dieses Beisammenseins über recht einsilbig und verabschiedete sich dann früh. Burgmann beendete ihre Freundschaft mit einem völlig unangemessenen Verriss von De Jongs "Die blauen Hänge" in einer der größeren Literaturzeitschriften. Ich weiß nicht, ob De Jong je begriffen hat, was vorgefallen ist, jedenfalls würdigte er Burgmann nie wieder auch nur mit einem einzigen Wort.
2
In Trowengart ändern die Worte nie ihre Bedeutung. Und nur im äußersten Notfall werden neue eingeführt. Die Trowengarter kannten offensichtlich zunächst das Pferd nicht. Noch immer heißt es bei ihnen "das große Reh". "Das zweite große Reh" ist das Rind. "Der scharfe glitzernde Stein" ist das Messer. "Glitzernd" beschrieb in der Sprache Trowengarts zunächst die Lichtreflexe des Eises, dann wurde es zusätzlich zur Unterscheidung von Stein und Metall verwendet. Dies ist bis heute der äußerste Fall von Bedeutungswandel, den ein Trowengarter Wort je erlitten hat.
In gewisser Weise ist es einfach, die Sprache Trowengarts zu lernen, in gewisser weise ist es anstrengend, es ist witzlos, sich mit den Trowengartern zu unterhalten. Für alles fehlen ihnen die Worte. Worüber immer man mit ihnen sprechen will, ein neues Gesellschaftsspiel, einen Artikel aus der Tageszeitung, einen Spielfilm, es ist einigermaßen mühsam, dem Trowengarter auch nur das wenigste davon zu vermitteln. Man erinnere sich allein an den unglaublichen Trowengarter Ausdruck für "Kino"!
Die Trowengarter konnten denn auch nie etwas mit dem Christentum anfangen. Ihre Toten waren tot. Eine Auferstehung hat ihre Sprache nie zugelassen. Für den Trowengarter gibt es den Himmel, in dem gelegentlich Wolken und so weiter, der Gedanke eines Paradieses ist ihm nicht zu vermitteln.
Mit so etwas wie Weltall, Galaxie, Quasar oder Schwarzem Loch braucht man einem Trowengarter gar nicht erst zu kommen. Nicht leicht haben es auch die Ärzte, die sich in Trowengart niederlassen.
Ich habe nie verstanden, ob die Trowengarter wirklich niemals etwas neues Denken, oder ob sie sich nur weigern, darüber zu sprechen. Jedenfalls werden in Trowengart keine neuen Worte erfunden, auch keine von außen übernommen (ein-zwei Ausnahmen), auch die vorhandenen werden nie neu, auch nur wenig anders (abgesehen von "glitzern") definiert. Ein Trowengarter kommt so mit seinem Wissen nie über seine Sprache hinaus. Den jetzigen Stand seiner Sprache. Trowengart ist glaube ich das einzige Land, in dem nur so viel Wahrheit ist, wie in seiner Sprache - in dieser einen, beständigen, immergleichen, ewigen.
3
Nein, ich möchte hier wirklich keine Detektivgeschichte erzählen.
4
Das mit Burgmann und De Jong stimmt überhaupt nicht. In Wahrheit machte Burgmann De Jong sogleich auf ihr Missverständnis aufmerksam, und beide lachten herzlich darüber. Ihr neues Wissen vertiefte ihr Verständnis des anderen und seiner Arbeit, und beide schätzten sich glücklich ob der Fülle der Möglichkeiten, die ihnen die phantastische Literatur bot.
Und das mit Trowengart ist natürlich kein Schimpfen über das Unverständnis irgendwelcher Leute, sondern ein Loblied auf unsere Sprache und unser Denken.
5
Die NgungeSngengi kennen die Schrift. Das wird niemanden mehr überraschen, nachdem Jörg Schepers bereits die Mathematik der NgungeSngengi beschrieben hat (Schepers, Jörg: Rechnen wie die NgungeSngengi. Köln 1997). Außerdem gibt es dafür drei unwiderlegliche Beweise.
Zunächst zeigt ein NgungeSngengi des öfteren während er spricht auf den gemeinten Gegenstand, etwa einen Becher, den gereicht bekommen möchte, oder das Huhn, das er zu verkaufen gedenkt. Dabei wird der Gegenstand (Becher, Huhn) an die Stelle des lautlichen Ausdrucks gesetzt. Eben dies leistet in unserem Kulturkreis die Schrift, sie setzt den Buchstaben an Stelle der gesprochenen Rede.
Sodann ritzen (schreiben "scribere" ritzen!) die NgungeSngengi regelmäßig Bilder über die Türen ihrer Stangenhäuser (die ältere Forschung sprach abfällig von "Hütten"), die dazu dienen, böse Geister abzuwehren. In erster Linie verwenden die NgungeSngengi dafür Bilder von Löwen (NgungeSngengi: "UzganiW"). Hier steht immer wieder das gleiche bildhafte Zeichen für den gleichen Begriff, den gleichen "Namen", somit die gleiche Folge von Lauten: - Ein untrügliches Zeichen, dass wir es hier mit Schrift zu tun haben.
Drittens kennen die NgungeSngengi eine Reihe von Tabu-Worten. Die Namen ihrer verstorbenen Könige und Priester dürfen nicht mehr ausgesprochen werden. Damit haben wir das Dritte Merkmal der Schrift in der Kultur der NgungeSngengi angetroffen. Dies bedarf vielleicht einer gewissen Erläuterung: "An diesem Punkt nämlich des nicht mehr Aussprechens verselbständigt sich das sprachliche Gedächtnis gegenüber seiner Konkretisierung in der Rede. Die Gedächtnishaltigkeit des Auslassens schreibt sich eine Spur in das Zeichensystem der Spraache." (mit zwei a als Spraache der Differänz des Gesprochenseins zum als feste Ordnung gedachten üblichen System von Sprache, Anm. d. Hg., nach: Darredaux, Jean-Jaques: Tabu und Schrifft. Paries 1996.) Soweit dieser fachliche Exkurs.
Die Behauptung jedenfalls, dass Völker wie die NgungeSngengi nicht über eine Schrift verfügten, muss als einigermaßen chauvinistisch zurückgewiesen werden. Vielmehr zeigt sich bei den NgungeSngengi Schrift in einer Vielfältigkeit, Lebensnähe und Lebendigkeit, die sie in den meisten "modernen" Zivilisationen längst eingebüßt hat.
Anm. d. Hg.: Bei dem in der Transliteration, wenn diese Formulierung an dieser Stelle so überhaupt erlaubt ist, als "S" wiedergegebene Laut der NgungeSngengi stellt eigentlich einen Schnalzlaut dar, für den es im lateinischen Alphabet keine adäquate Entsprechung gibt. Ähnliches gilt für das "U" und das "W" in der mit "UzganiW" wiedergegebenen Lautfolge.
6
Hier muss mir der Leser nun ein wenig helfen, denn ich weiß wirklich nicht, ob es eben darum ging, nachzuweisen, dass die NgungeSngengi in Wahrheit eben doch keine Schrift haben oder eben doch. Oder um etwas ganz anderes.

Stan Lafleur: Wittgensteintraum

ich hatte immer so das grundgefuehl, dasz wittgenstein-lektuere ned wuerglich weiterhilft. fuer mich war immer mehr welt da, als die, die der fall ist/sei & dinge, die man nicht mit sprache ausdruecken kann, existier(t)en fuer mich dennoch. wittgenstein hab ich darob nie gelesen, nur ein paar hauptfloskeln aus seinem werk kenn ich, vielleicht ein groszer fehler/irrtum. klaert mich auf!
jetzt kommt rainers kleine amuesante sprachfilosofie mir grad recht, weil er das bildhaft ganz schoen darstellt, was das kernproblem dabei ist/mir zu sein scheint. ich hab mich dem stets ueber surrealistische/dadaistische methoden angenaehert, bin dabei aber immer daran gescheitert, das unsagbare zu sagen - falls das mein ziel war. (wenn, war es eher ein nebenziel.) anders gesagt (bsp): warum ist es ueberwiegend so langweilig, traum-realitaeten in sprache umzusetzen/zu lesen? die intensitaet von traumfilmen laeszt sich mit worten kaum adaequat widergeben. die anfangspassage von oswald wieners "nicht schon wieder..." ist das beste mir bekannte gegenbeispiel. worin wiener es fuer meine begriffe ganz gut hinbekommt, traumintensitaet in sprache/woerter umzusetzen. wiener ein typ, fuer den wittgenstein eine grosze rolle spielt/gespielt hat.
mehr will ich erstmal garnicht sagen. vielleicht hat rainer ja ein neues thema geliefert, das in meinen augen naehere beschaeftigung/meinungen aus dem rb verdient. falls ihrs aufnehmt, meld ich mich gerne auch detaillierter.

René Hamann: aus dem augenwinkel
"Wo ist mein Pfad, den sorglos ich verlor?
welch seltne Stimmen hör' ich in der Ferne?"
Goethe, Ilmenau, am 3. September 1783

das macht man ja gerne, ein gedicht lesen und dann endlos abschweifen, statt das gedicht konkret zu nehmen. konkret wie der körper des körpers. meist kommt dabei so ein geschwurbel heraus, das man von dichtern wie öffentlichen gedichtlesern kennt, da wird man schnell zu gustav seibt. man liest also lange schwarze haare und landet bei celan, so geht die eigene lektüre-erfahrung mit einem durch, dabei ist in celans todesfuge nur von aschenem haar die rede. oder man liest an den haaren gezogen und ist bei wasserleichen. sei's drum, ist ja auch interessant, welche bezüge sich auftun, wenn man sie reinlesen will. und über wasserleichen geht man dann zu schaumgeborenen frauen über, zu venetischen verlockungen, ganz wie der junge dichterfürst. passt das denn überhaupt alles zusammen?

Goethe: Der Fischer

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie 's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ewgen Tau?

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,
Netzt' ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da wars um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.

hinab in die meeresgruft, gelockt von der mutter der fischlein. die sehnsucht des schaums,die den angler hinabzieht, das umgedrehte bild, das den angler zum opfer macht, der verführer ist immer schon der verführte, meinte kierkegaard dazu. das singen der nymphe ist ein stärkerer köder als menschenwitz und -list, das kühle herz des verführers wird vom singsang der nymphe mit sehnsucht vollgepumpt. bis zur selbstaufgabe. ein kleiner freitod, da wären wir wieder bei den wasserleichen, nur dass es diesmal eine männliche wäre, von dem wiederhinaufziehen erzählt das gedicht nichts, der fischer ist völlig von der bildfläche verschwunden, die szene kommt erst nach dem abspann (man sähe: schwarze taucher, weiß gekleidete sanis, megafone schwingende polizisten, eine kleine gruppe sensationstouris. ist der weiße hai weiblich?). also eine menge film hier. vielleicht der, der über den elterlichen kasten unten im wohnzimmer flimmert. hemingway und brando spielen aber nicht mit.

zurück zum eigentlichen akt: der ja oben auf dem jugendbett statthat. aber ach, auch das ist nur ein film, ein erinnerungsfilm nämlich. der wird schnell noch eingelegt, bevor es endgültig in die wortlosen momente geht. dazwischen klingelt noch lynchesk ein gespenstertelefon. projiziert wird der film auf den hals der frau, das ist doch mal was anderes, ein parfum spielt madeleine. partialobjekte, dracula als schnüffler. ist das alles so schlimm, wie tobias es findet? ist meat wirklich murder?

Benn: Kann keine Trauer sein

In jenem kleinen Bett, fast Kinderbett, starb die Droste
(zu sehn in ihrem Museum in Meersburg),
auf diesem Sofa Hölderlin im Turm bei einem Schreiner,
Rilke, George wohl in Schweizer Hospitalbetten,
in Weimar lagen die großen schwarzen Augen
Nietzsches auf einem weißen Kissen
bis zum letzten Blick -
alles Gerümpel jetzt oder gar nicht mehr vorhanden,
unbestimmbar, wesenlos,
im schmerzlos ewigen Zerfall.

Wir tragen in uns Keime aller Götter,
das Gen des Todes und das Gen der Lust,
wer trennte sie: die Worte und die Dinge,
wer mischte sie: die Qualen und die Statt,
auf der sie enden, Holz mit Tränenbächen -
für kurze Stunden ein erbärmlich Heim.

Kann keine Trauer sein. Zu fern, zu weit,
zu unberührbar Bett und Tränen,
kein Nein, kein Ja,
Geburt und Körperschmerz und Glauben,
ein Wallen, namenlos, ein Huschen,
ein Überirdisches, im Schlaf sich regend,
bewegte Bett und Tränen -
schlafe ein!

verweishölle. im toten augenwinkel: die frau. so ist das leider alles, wenn man die interaktionen, die interpenetrationen nicht sieht, nicht sehen will. könnte ja sein, dass es auf der anderen seite genauso aussieht. oder eben anders, das wissen wir nicht, das erzählt das gedicht nicht. also noch mehr szenen, die fehlen. hier hätte ich jetzt gerne die stimme von annette brüggemann gehört, nach der lektüre dieses ingogedichts, atmosfärisch dicht, sprachlich verbrämt, die schemenhafte frau. das fleisch und die worte und dieser komische gegensatz: wer trennte worte und dinge? und muss man von den schweigsamen momenten reden?

René Hamann: 25 Lieder (8)
the night we met i knew i.
claudia ist eine chanteuse. kennengelernt hatte ich sie über eine casting-agentur. sie sang fortwährend im radio zu der zeit, hauptsächlich im seefunk: abschaffung der morsezeichen, ersetzung durch e-mail: frequenzfreiheit. oft saß ich vor dem transistor während ich melvilles Moby-Dick las; sie sang dazu von häfen, in denen sie wartete (manchmal schaute ich auf & fragte mich wo genau sie wartete: in runzeligen kaschemmen? zwischen den beinen von matrosen? auf frühschichten in verladestationen? als telefonistin in einer werft? oder, was ich favorisierte, schlief sie die tage weg, um abends in der kleinen radiostation am kai ihre liedchen zu trällern?). ein guter anfang für bekanntschaften: fand vor einem kaffeeautomaten statt, wir kamen sofort ins gespräch.
the supremes, be my baby

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