| Tobias
Schoofs: POETIK! (schoenheit), 6 Jun 2001
SCHÖNHEIT
traditionelle poetiken würden an dieser stelle von harmonie, formvollendung
und kunstfertigkeit reden. diese dinge, dazu kommen wir noch, möchte
ich nicht in bausch und bogen verwerfen. doch wird der akzent hier anders
gesetzt. nichts, was in einem bestimmten diskurs oder kontext, als schön
bewertet wird, muss bei seiner produktion dafür vorgesehen gewesen
sein, als schön betrachtet zu werden. die moderne hat techniken entwickelt,
auch dinge, die nicht "per se" in den kreis des schönen
gehören, dort aufzunehmen: das ready made, die zitat- und montagetechnik
usw. diese techniken sollen nicht nur geduldet sein, sondern als zentrale
techniken der dichtung gelten. sie sind besonders dazu in der lage, den
text zu kontextualisieren, ihn in seinen zusammenhang einzuordnen - und
das, ohne die illusion einer geschlossenheit heraufzubeschwören.
auch führt
die komplexität der intensionalen struktur zu einer gestalt der gebrochenheit.
die dinge sind, gerade wenn sie geordnet werden sollen, nicht klar, rein,
eindeutig, modellhaft usw., sondern druchmischt, abweichend, mehr- oder
nichtsdeutig, individuell etc. ich folge diesen überlegungen, übertrage
sie auf das problem des schönen, wenn ich daher folgere, dass auch
die schönheit einen hang zur gebrochenheit, zum offenen, zur disharmonie
- zum hässlichen hat. schön ist eine struktur, deren dominante
nicht eindeutig ist, nicht ununterbrochen und total regiert. schön
ist eine struktur, die in bewegung und veränderlich ist. schön
ist, wenn die widersprüche lebendig bleiben.
gebrochenheit
impliziert zusammenhang. es kann nicht darum gehen, zusammenhangloses
zeug aneinanderzureihen, vielmehr geht es gerade um den zusammenhang.
je ganauer der zusammenhang betrachtet wird, um so weniger lässt
er sich auf eine formel bringen. es geht darum, dinge so zusammenzustellen,
dass sie ihren zusammenhang zeigen.
die zusammenhänge
stiftet die intension. sie sind gerade nicht von vornherein "da".
d.h., eine persönliche beziehung des autors ist grundlage jedes zusammenhangs.
ihn anzudeuten ist schön. jedoch kann dies nur in einer ausgewogenen
topologie geschehen, in einer ausgewogenheit zwischen privater und allgemeiner
referenz, einer ausgewogenheit auf technischer ebene (die richtigen worte),
einer ausgewogenheit der themen und motive, einer ausgewogenheit der elemente
und ihrer zusammenhänge. im schatten dieser ausgewogenheit kann etwas
wie intimität entstehen: etwas kommt zum stehen, etwas ist unsichtbar,
unaufdringlich anwesend, etwas scheint authentisch zu sein, jemand spricht....
H
wege nein:
spurn
davon als flüstre
jemand französisch
dir nah am ohr:
HASCH: das signifiant
das fehlt wie
unterm schutz des
circonflex eine
sehnsucht entsteht
nach mehr oder un
deutigkeit im tot
gesprochnen medium.
ich suche H ...
H
Die missbildung tut den gebärden hortenses gewalt an. Ihre einsamtkeit
ist die erotische mechanik, ihre müdigkeit die dynamik der liebe.
Unter dem schutz der kindheit war sie, in diesen zahlreichen zeiten, die
heiße hygiene der rassen. Ihre tür ist dem elend geöffnet.
Da! die moral der gegenwärtigen wesen entleibt sich in ihrer passion
oder aktion - O! schauriges zittern der novizen der liebe über blutendem
boden und durch klaren wasserstoff [l'hydrogène clarteux ???].
sucht hortense. (arthur rimbaud)
Stan Lafleur:
poetik von unten, 6 Jun 2001
schoenheit
ist eine sache des augenblicks. (alte chinesische weisheit)
ueber schoenheit zu reden ist haeszlich. (stan lafleur)
Sylvia
Egger: vorstellung & eine schnelle reise, 13 Jun 2001
rené
hatte mich eingeladen. mit euch ideologienahen stuckisten <s> ueber
textgenerationen und deren betriebsnahe ursachen in forschung zu gehen.
ansonsten diskursiviere ich mit perspektive im eilverfahren ueber den
rest an avantgarde. die noch zu finden ist. erarbeite gerade fuers naechste
jahr ein heft ueber avantgarde im netz.
ich habe das stuckisten manifesto gelesen und haette schon lust ein wenig
ins detail zu diskutieren. vielleicht ist ja der rahmen dazu da. ansonsten
hake ich mich gerne ein und werde die bereits bestehenden beitraege ein
wenig kommentieren, wenns recht ist. :-)
Achim
Wagner: willkommen, 13 Jun 2001
surfgirl23
das t-shirt:
blau + eng beschriftet surfgirl23... chatterinnen-name... in der bahnhofsbuchhandlung
1 realer blick/wechsel... ausdruckslos fast... verschwimmende welten:
wie ein grenzgänger denkt der chatter atvec... das konstrukt aus
projektion & ahnung scheint bisweilen völligen wahnvorstellungen
als behausung zu dienen... irrwege ins netz... ((und draussen?))... simulierte
beziehungsstrukturen + -dramen... in ungebremster beschleunigung folgt
neu auf neu auf neu (goldene zeit dafür)... der zusammenbruch einer
traumwelt in sekunden baut sich die nächste auf... beliebige auswege
(ungezählt)... getauschte identitäten=sich selbst immer wieder
frisch & anders (&unschuldig) erschaffen... neuer name ((=nickname))=neues
wesen... aber der ausdruck im gesicht von surfgirl23 wird immer der ihre
sein... der monitor wird zum spiegel murmelt atvec... gaukelt + offenbart
(gleichzeitig)... ein verrat nach dem anderen an sich selbst dem gegenüber
den gegenübers... aber sich verlieren ist auch ein alter wunsch...
er=atvec steht auf einer brücke dazwischen in diesem moment... beobachtet...
weiß um keine wahrheit... das alte als nie im vorteil gegenüber
dem neuen... fehlen die vergleiche... & zweifelsohne ist sie hübsch...
die junge dame mit dem gesenkten blick... in realitas... hat die augen
nach innen & zurück: die photoserie (pics.jpeg) der prinzessin
mit den goldenen sandalen... zur stimme gewordene begegnung aus dem winter...
der gestrige abend: ein weisser ragga-toaster in einem kellerclub... danach
live-klänge einer punk-cover-band ein stadtviertel weiter... wiederbelebte
vergangenheit: letztes jahrhundert... //breaking the law//... auf engem
raum: geräuche nach schweiss + bier + joints... scheint alles nicht
minder verloren als in den virtuellen kammern... die bankgebäude
am morgen angestellte in ihren masken auf dem weg in ihre schließfächer
7 uhr ein junkie der das messer kaum halten kann mit dem er auf geldsuche
geht... für atvec: der cyberspace am mittag wieder geöffnet...
verlust der ruhe in den eigenen vier wänden... besitzlos + aufgegeben...
unbehaust... nach innen wieder nach aussen (wie man es gerne hätte)...
wer ist da? wer kommt? wer geht?... was kommt?... & verloren weiss
sich jede/r... folgt:--------------à raus!!... surfgirls hände:
schlank & eine zigarette zwischen zeige- & mittelfinger der rechten
hand... die blonden haare glatt auf den rücken... wolke aus ihrem
kleinen mund... momentaufnahme... im vorbeigehen... in atvec schillern
bunte gedanken + kleine hoffnungen: eine kurze sms... 4 i miss u... ((aber:
wen??))... schlendert profan weiter: die virtuellen hände in virtuellen
hosentaschen... an einer imaginären mauer entlang... ohne durchlass
heute... so viele sätze in kaum einer zeit... wie schnell man etwas
besonderes sein kann... wie schnell man jemand lächerliches werden
kann... (je nach erwünschter vorstellung des unsichtbaren konterparts)...
"alle sind austauschbar" ((zitat chatterin xxxxxxx))... war
es das immer?... zen: "das gegenteil einer großen wahrheit
ist auch immer wahr"... atvec wird zu einem lautklang ohne inneren
kern... eine zusammenfügung nichtssagender buchstaben... gelöst...aufgelöst...
wieder zusammengefügt... eine figur in einem schrank der ein kopf
ist... aufprall mit name um name im netz... ausgespu(c)kt... in die sonne
(bin ich ausserhalb?)...bewegte blätter... verwischte blicke... blinzelnd...
das scheinbare erkennen eines hellen nichts... epilog: der sich entfernende
rücken eines jungen blonden mädchens in einem engen blauen t-shirt...
Tobias
Schoofs: mai, 14 Jun 2001
zu den stuckisten:
ich finde das manifest ehrlich gesagt ziemlich blöd.
1. ich finde es unangebracht, den begriff "postmoderne" zum
kampfbegriff zu machen. er verwischt eher als zu präzisieren. was
ist gemeint? Die postmoderne literatur einschließlich der (v.a.
französischen) philosophie im anschluss an den strukturalismus? nur
die sog. cappuccino-literatur? oder was?
2. als heilmittel gegen flachheit und gefühlsarmut ausgerechnet die
verstaubte malerei zu wählen, scheint mir etwas steinzeit-kommunistisch.
gerade die malerei neigt dazu, langeweile zu produzieren.
3. ob bedeutende literatur subjektiv sein muss, weiß ich nicht.
mir ist ehrlich gesagt auch nicht klar, wie subjektiv hier gemeint sein
soll.
4. ebenso fraglich scheint mir das verbot, sich beim schreiben "als
autor zu entwerfen" und die empfohlene gegenstrategie, dass literatur
von "menschen" gemacht werden soll. steckt hier denn nicht eine
heimliche definition des menschen dahinter, der "den menschen an
sich" als ein so oder so funktionierendes wesen entwirft? ist das
nicht ödester humanismus?
5. überhaupt gefällt mir das herumreiten auf "echtem"
gefühl nicht. Entweder man sagt hier klar, was gemeint ist, oder
lässt es. sonst tritt man in die esoterikfallen.
und noch
zwei neuere texte von mir
der erste nach william carlos williams (TO MARK ANTHONY IN HEAVEN)
der zweite in stil und thema an catull angelehnt
AN MARK ANTON
IM HIMML
dies stille
morgnlicht
wie oft gespieglt
von gras und see und laub
betritt den raum
tastet die wände ab mit
gras und laub und see.
Antonius
see und gras und laub.
warum bist du bei Actium
mit deinen schiffn
dem körper gefolgt?
ich hoff es war weil
du ihn zentimeterweise kanntest
vom fuß hinauf
zur wurzl des haars
und wieder hinunter und dass
du sie sahst
über das schlachtgetümml weg -
laub und see und gras -
dann wirst
du vom
himml aus lauschn.
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wenn ich
das näste mal glaube schlafn zu müssn
damit mich der tag d.i.: mein arbeitgeber
aufgeweckt und munter in händn hält
dann leg nicht wie letzte nacht deinen kopf
auf meine schulter und schließe die augen und lass
mich schlafn. sondern: zieh mich am ohr aus dem bett
stell mich wenns nötig ist unter die dusche nur bring mir
verstand bei: schlafn kann ich wenns nötig ist
auch mit dem kopf auf dem schreibtisch. küssn aber
kann ich meinen chef selbst wenn ers wollte
nicht. wohl kaum auf den mund geschweige denn sonstwo.
René Hamann: check 15, 15 Jun 2001
ich glaube,
"surfgirl23" ist achims "interaktivster" text. sehe
recht viel hier besprochenes darin. von christians chat-berichten über
die diskussion über baudrillard. so wird etwas natürlich auch
gemeinplatz: der austausch der identitäten. dieses klaffen &
überlappen von virtualität & sog. realität. im text.
im prinzip auch eine antwort auf die stuckisten - willkommen in der postmoderne.
so sieht sie aus (mein handy klingelt). inkl. rückberufung auf "stream
of consciousness"-writing. mit einem touch von existenzialismus.
den drei pünktchen von céline (von einem chat zum anderen).
albert ostermeier. lacan: es gibt kein außerhalb in der sprache.
und nicht zuletzt die beach boys: surfmusik: die romantische seite des
rocknroll. wie kam es dazu, den begriff des surfens zu nehmen für
das was man im internetz tut? überhaupt surfen: einerseits ursprünglich
der beginn des hedonismus im pop? noch sehr männlich: mädchen,
steig in mein auto, wir fahren an den strand. sie trägt ein blaues
t-shirt. darunter einen schwarzen badeanzug (nicht: bikini! bikini ist
adenauermuffdeutsch. ist italien schlager 50er und nicht kalifornien 1960-66).
und dann können wir unschuldig surfen, weil ferien (oder feierabend),
auf jeden fall sommer ist. dagegen surfen in den 80ern: dekadenz. kinder
reicher eltern. die (wieder-) geburt des faschistoiden körperkults.
sixpack & sonnencreme. "ich mache jetzt den segelschein"
- bei mir wirkt das immer noch, bin sofort angeekelt wenn ich das höre.
die 90er: geht noch irgendwer real surfen? wer fährt noch nach ibiza
- außer den technoprolls & der ecstasy-house-szene? irgendwie
sehr fin-de-siecle das plötzlich. "hallo apokalypse". jetzt
also: bedruckte t-shirts. omnipräsente digitaltechnik. so omnipräsent,
dass es gar nicht mehr auffällt (gemeinplatz). befremdlich dann auch
so ein ist-text, der sich in den sekunden seiner übertragung in einen
war-text verwandelt. "die revolution ist passé": "die
kuh gemolken". "der fernseher steht im zimmer & hat alles
bereits im moment seines eintreffens verändert." wer massiert
die message?
sandalenlyrik
also das schiff des mark anton. 50 bildungsbürgerpunkte zu gewinnen.
& die genreliteratur: klar, sandalenlyrik. für den der den film
mit liz taylor als cleopatra nicht gesehen hat. kann das wirklich die
antwort sein? muss man das wirklich übertragen bzw. explizit darauf
hinweisen? mythos geschichte.geschichten des kinos. ist es nicht besser
catull zu übersetzen & da zu zeigen: der geht. der geht immer
noch gut. der ist nicht sandalenfilm. sondern gar kein genre. recht privat
statt dessen.
der capuccino
nicht nur die postmoderne kriegt ihr fett ab. sondern vor allem der capuccino.
ich schaue in die tasse & denke: womit hat er das verdient. und weiß
nicht wirklich was damit gemeint sein soll: capuccino-autor. mir schwebt
da entweder etwas sesselpupiges oder sowas kaffeehausmäßiges
vor. ok, schriftsteller im café: schwierige angelegenheit. auch
sehr 50er das, sehr sartre (an die surrealisten kann man sich schon gar
nicht mehr erinnern). coffee-writers: wäre schon was ähnliches.
& geht man von den substanzen aus müsste man meinen: so superhektische
menschen mit supernervösen texten. auch im cappucino ist koffein.
klar, könnte sein - melville, balzac & co. wirken eher wie lebertran
oder tee oder heiße milch oder so. eisteeschreiber: das wärs
doch. cool, fruchtig, spritzig. bierautoren dagegen: o no (die kann ja
wirklich keiner mehr ertragen). der öde humanismus: man fragt sich
wirklich was das nu wieder soll. wieso dergleichen ideologismen schon
wieder an die eigene haut gehen wollen. der paranoide autor denkt: auweia,
da finden welche leute doof, nur weil sie schreiben & capuccino trinken.
muss ich jetzt umsatteln, mir mein lieblingsheißgetränk versagen?
billig-manifeste: feindbild finden, dagegen sein. wie wärs einfach
mit: dafür sein? dafür sein ist toll. ist auch viel schwerer.
weil man ist ja immer nur dagegen.
intimacy
der franzosenfilm kommt nach england und wird sozialkino. intimacy - das
europäische kino findet sich. das ist vielleicht so groß wie
antonionis bewegung "blow up". der franzosenfilm: das überhöhte
private, vor allem die vita sexualis: wieso können das die franzosen
plötzlich: sex darstellen als nicht-sex, als konkret körperliches?
romance - intimacy. dazwischen steht nur noch eyes wide shut. und hoffnung
für die sexuelle revolution: sie hat den weg zurück zur leinwand
gefunden. & strahlt von da aus auf eure körper. vielleicht ist
das der weg, mit der nackten des tages & all den live-pinups aufzuräumen.
das sozialkino, englisch: mike leigh etc. nebenbei findet auch das theater
wieder den weg zurück. nervt zwar immer noch, aber nicht mehr so
stark wie früher. nur für das theatertheater sehe ich immer
noch keine rettung ("theater zu parkhäusern!", thomas meinecke).
Ingo Jacobs:
Juni, 16 Jun 2001
Stuck to
it?
Ungeordnete, eigentlich sehr persönliche Überlegungen
Manifeste: Einerseits mein dummes heißes Ja!. Attacke, ins Zentrum!,
Vorstoß: En garde, Avantgarde! ... Die Pose, Aufruhr, der Wille,
die Bündelung, das Zusammen, aus dem Dagegen ein Dafür, der
Prozesscharakter. Andrerseits nein: Das Zielhafte, das Erreichenwollen,
das Ankommen, das Reüssieren, die Ersetzung, der Generationen-, der
Machtwechsel - Künstlerlaufbahnen... Rainald Goetz sagt nach Jahren
JA zum gehassten Beruf: "Was muss ich tun, damit ich nicht auch so
ein Literatenblödel werde, der dumpf um dumpf Kunst um Kunst produziert."
Genau das tut er jetzt, mit seinem ihm eigenen "Stiehl", für
ein Stammpublikum, das seine Texte goutiert: Leitlinien. Und das ist gut
so - es gibt auch da kein Dagegen, nur die Beobachtung.* ... Auch Manifeste
entstehen aus Latenz: Ein psychologischer Beweggrund, oben seine Attribute.
Brauchen wir das? Ich glaube nicht. Nicht im inneren Kreis sein, nicht
am Machtpol sein wollen: Ist das nicht vielleicht eine Stärke? Bleibt
als beste Position nicht die bescheidene Stille eines Arbeitskreises?
Eine Art Literaturhedonismus, Vergnügen am Text, sozial geerdet.
Nicht laut, auch nicht Underground, keine blöd-neidischen Blicke
auf den Zirkus, den Betrieb, nicht abhängig von Ruhm, uneitel, weil
ein sich gegenseitig Sehen genügt.
Eine schöne
Vorstellung.
Mini-Manifest
(aaah, ein Paradox!, ein System entsteht!)
Ich brauche
weder ein Manifest noch "Huey Lewis an the News".
SURFBOY
formen elektronischer kommunikation üben auch auf mich ein immer
stärkeren reiz aus. mal trete ich als "agnes, 84 jahre alt,
erblindet" auf und schreie in den chatroom, dass ich ja leider gar
nichts lesen (verstehen kann) und mein chatten daher zu den schönsten
sinnlosen tätigkeiten gehört, die es je gab auf gottes hell
erleuchteten monitor. der chatter an sich findet das erst sehr spät
lustig, vor allem wenn er puberil und im RTL-chat ist. ich jedenfalls
habe meinen spaß, wenn ich - diesmal als "spinoza" - auffordere,
andere chatmodi anzunehmen. oder "lenin" mit "lenin, alter
kommi, was macht der dialektische materialsmus" oder "was macht
die revolution en pérmanance, gruß von trotzki" begrüße.
dessen antwort: "weiß ich doch net". virtuellen sex hat
auch schon mal jemand mit mir gehabt - glaube ich... naja, so weit meine
erfahrungen.
ist schon was dran: identitäten an- und ablegen. ein bedürfnis
wird war, eine psychische struktur zeigt sich: ich bin ein anderer, ich
bin viele, ich bin sonstwas. ein spiel, wohlgemerkt. der text, rené
(danke für die schöne begriffsgeschichte des surfen, sehr schön!),
bleibt übrigens gespeichert, auf der serverfestplatte. aus sicherheits-
und rechtsgründen: erst nach ablauf einer bestimmten frist wird er
gelöscht und ist dann vergangenheit.
achims text
finde ich leider sehr unfertig, gedankensammlung, zerhackt und undicht.
kann dem nicht folgen. die form soll ja wohl so sein, weil es ja um chatten
geht, nehme ich mal an, aber dann wäre ich auch näher an der
chattextform geblieben. hab gerade noch einmal reingelesen: sofortiger
reflex: nee, häppchen, stückchen, gedanke da, vielleicht auch
so, mmmh, reflektiönchen, salat, danke. dieser text ist noch nicht
fertig.
Tobias
Schoofs: 17. Juni
1. Badelatschen
was mich an autoren wie catull und properz interessiert, ist die art der
opposition, der literaturhedonismus - und zwar, obwohl gewalt (die verbannung
ovids) als auch bestechung (die rolle des maecenas) sie zu einer "staatskultur"
zwingen bzw. nötigen wollten. was die staatsmacht provozierte, das
war ihr provozierendes desinteresse am staat. dies lässt sich nicht
1:1 auf die jetzige politisch-kulturelle situation in europa übertragen
(obwohl es auch ähnlichkeiten gibt). ich sehe, wie du, rené,
probleme damit, dass die thematisch-stilistische ausprägung der texte
heute eher eine "privatistische"
lesart nahelegt. das man im liebesgedicht eher das private glück
des bürgers sieht als die jeder (staats)moral feindliche gesinnte
dekadenz. dennoch bin ich nicht damit einverstanden, die beschäftigung
mit den römischen autoren als "genre" à la sandalenfilm
abzutun. es fällt mir dabei, am rande bemerkt, auf, dass sich deine
kritik nur auf den ersten text bezieht, der ja keine catull-, sondern
eine wcw-übersetzung darstellt. die bildungsbürgerpunkte nehme
ich ferner deshalb nicht an, weil sich das bildungsbürgerliche längst
auf die popkultur ausgeweitet hat - und die intime kenntnis der texte
der quietschbois und die zwischen den zeilenherbeizitierten popsongs ebenfalls
"bildungsbürgerpunkte" verdienen (nur eben, dass sie meinen,
dabei nicht bildungsbürger-, sondern coolness- und stilpunkte zu
sein).
Die Versprechungen
des Internet
ich erlaube mir, ingos formulierung etwas ungenau zu lesen, und stelle
fest, dass er nicht sicher sagen kann, ob er virtuellen sex hatte oder
nicht. aus dem virtuellen wird so ein sex in virtu - und dieses verschieben
auf das rein mögliche erinnert mich an lilo wanders, wenn sie ihrem
beschränkten (so kommt es mir beim gucken der sendung zumindest vor)
publikum die unbegrenzten möglichkeiten der welt der liebe vorstellt
(85% der befragten gaben zu, beim chatten schon mal onaniert zu haben
...) das internet, wieder einmal, eröffnet auch hier nicht völlig
neues, sondern lediglich einen leichteren zugang. die neuerung hatten
wir schon vor 100 jahren: in form des telefons. mit dem internet gewinnen
die formen anonymen sexes jedoch einen anderen charakter: wer telefonsex
macht oder sich im stadtpark einen runter holt, ist krank und hat sexuelle
probleme, wer im chatraum, d.h. also vor dem bildschirm wixt, ist dem
neuen medium gegenüber aufgeschlossen.
ich weiß:
ich unke immer, wenns ums internet geht. das hängt damit zusammen,
dass die internet-begeisterung seit 10 jahren nicht mehr nachlassen will
- obwohl sich das ultimativ tolle nicht einstellen will. chaträume
sind blöd: dort wird immer derselbe belanglose und witzlose kram
dahergeschwatzt, für den ich in eine nicht-virtuelle lokalität
im leben nicht betreten würde. die begeisterung für das medium
geht weiter: das internet, jetzt allgemeiner "die formen elektronischer
kommunikation", schließlich will man sms und mobiltelefonnicht
ausschließen (und schon sind die börsianer auch nicht mehr
vom e- sondern vom m-commerce eingenommen), wird schlicht mit einem denkverbot
belegt. kritik wird ignoriert, stattdessen leuchtende augen bei der assoziation
der (nie aufgezählten) sog. möglichkeiten der virtuellen welt,
was sie immer schon über sex wissen wollten, aber nie zu praktizieren
wagten. romantik i.s. eines totalitären primats der phantasie über
die wirklichkeit. wir müssen es nicht mehr tun, wir träumen
davon - und zwar: eyes wide shut.
Julja Schneider: intimacy versus romance, 17 Jun 2001
wenn ich rené
hier richtig verstehe, betrachtet er die beiden filme als meilensteine
auf dem gleichen weg. habe ich das richtig verstanden?
intimacy versus romance. genau darüber habe ich in den letzten tagen
auch viel nachgedacht. warum zwischen den beiden filmen ein qualitativer
unterschied besteht, der größer nicht sein könnte.
um gleich mit dem preis rauszurücken, krachend mit der tür ins
haus zu fallen:
wie konnte ich es je zulassen, dass mir der grottenschlechte, miese, rtl
2-niveau- unterbietende film romance meine atem, -odem, -lebenspendenden
intimacy - bilder aus dem hirn vertreiben konnte? wie kann ich beide filme
überhaupt in einem atemzug nennen, ohne mich zu verschlucken? in
einem stimme ich rené zu. beide filme leben von der darstellung
von sex. das ist die einzige gemeinsamkeit.
intimacy - was ist dem film gelungen?
(oder sollte ich jetzt schreiben, was ist den grandiosen schauspielern
gelungen? dem regisseur? ich meine, was ist allen gelungen, die mitgemacht
haben?) sie haben geschafft, einen film zu drehen, der so verdammt erotisch
ist, dass es weh tut. und das haben sie geschafft, indem sie bilder ohne
fetisch produziert haben. es geht weder um schöne titten, noch um
ihren verruchten blick, noch um seinen tollen arsch, (übrigens alles
attribute, auf die romance nicht verzichten kann, natürlich nicht,
denn romance ist ein dummer, ein kleiner film). es geht um erregung, die
sich in den personen durch die personen aufbaut, und wir dürfen zusehen.
wir dürfen ungeschnitten dabei sein. und das ist ein nettes geschenk
an die zuschauer.
und hier liegt der punkt. diese scheinbar anonyme darstellung von sex
ist nicht anonym. sie könnte persönlicher nicht sein. denn um
die darsteller zu erregen (ich werfe jetzt mal absichtlich alles in einem
topf. die darsteller, die figuren. wer erregt war, ist egal) braucht es
kein zwischengeschaltetes etwas. keinen fetisch. keinen tollen wonderbra.
kein schlürfen von champagner als vorspiel. keine fesseln, keine
scheiße. also eben das alles nicht, was uns die ganze hysterische
sex-gesellschaft im moment weismachen will, was wir IN JEDEM FALL BRAUCHEN;
SONST KÖNNEN WIR NICHT GLÜCKLICH WERDEN. nein. nein. nein. sagt
der film und bedient sich eines klitze kleinen tricks. die erotik funktioniert,
weil die zwei sich nicht kennen. das ist natürlich auch ein fetisch.
aber zum glück ein unsichtbarer.
romance.
argh. der film läßt ja nichts aus, ne? lolitahafte hauptdarstellerin
die nicht spielen kann und sich deswegen die ganze scheiße lange
zeit auf die präsens ihres wunderschönen körpers verlassen
muß. der der haarstylist unentwegt zwei haarsträhnen in gesicht
zupft, um verruchtheit zu demonstrieren. grottenschlechter pseudo - junges
- mädchen - entdeckt - ihre - sexualität - text aus dem off.
ein bißchen die geschichte der o, je.
romance ist gut zum schnell mal drauf onanieren.
intimacy wärmt das herz.
Stan lafleur: manifeste/ruhige zirkel, 18 Jun 2001
"Auch
Manifeste entstehen aus Latenz..."
lieber ingo,
sicher ist
das eine staerke, wenn man gewillt ist, sein leben in den dienst eines
arbeitgebers zu stellen oder selbst ein unternehmen fuehrt oder das erbe
verpraszt. irgendwoher musz die knete ja kommen. also schreiben als hobby,
aesthetik, goutieren. da ist nichts gegen einzuwenden. das wenige von
deinen lyrischen texten, was ich bisher mitbekommen hab, schaetz ich sehr
hoch ein. & nun kommt dieses selbstgenuegsam-weise statement. fuer
jemand, dem das reicht, seine texte vor ein paar gleichgesinnten zu praesentieren,
das zu diskutieren: da zieh ich den hut, grad wenn da noch so hervorragende
sachen bei rauskommen. mir reicht das aber nicht. ich moechte gern berufsliterat
werden. mit dem betrieb hab ich ja bisher nichts zu tun & mir grausts
auch davor. ich bin von grund auf sehr naiv & mit groszen anspruechen
da rangegangen, eine selten dumme mischung, mein seinerzeit uebervolles
herz, ueberfuellt mit wut & funken, die nicht wuszten, wohin sie schlagen
sollen. einiges davon hat sich noch gehalten. ich hab auch mal (94) ein
manifest geschrieben, das aber nicht weiter verbreitet wurde, weil ich
einfach keine mittel sah. heut bin ich fast froh darueber. ich hab mir
damals davon kontakte/reibung erhofft, die sich dann auf anderem wege
bald von selbst ergeben haben. eine grundsaetzliche ironie, die manifesten
innezuwohnen haette, wie tobi das sagt, kann ich nicht als voraussetzung
nachvollziehen, das ist unterschiedlich von fall zu fall. was du zur ironie
der medien (privatfernsehen) sagst, halte ich allerdings fuer aeuszerst
bedenklich. nicht aus humorlosigkeit. in meinen augen ist das so eine
intellektuelle ausflucht fuer leute, die ueberhaupt dessen faehig sind
in diesem bereich, um vor sich selbst noch halbwegs sagen zu koennen,
dasz diese scheisze, die sie produzieren, sie nicht direkt erstickt. ich
hab ueberhaupt nichts gegen zynismus. aber da wird doch einer sache vorschub
geleistet, die weitreichende auswirkungen hat, ein bitteres laecheln ueber
die stumpfheit, die man produziert & die sich selber stuetzt &
in die breite wirkt. das fuehrt zur alten frage: wen erreicht man auf
welche weise & was bringt das? das ist & bleibt das schwierige
fuer den literaten, der noch etwas mehr will: er musz sich als donkey
shot akzeptieren. also bitte, es gibt auch noch genug sanchos. das macht
im endeffekt nichts besser oder schlechter. insofern hast du recht. es
ist lediglich eine einstellungssache. ich bleibe lieber der depp. mal
sehen, wie lange noch...
Christian
Jansen: irisch- und anderes, 23 Jun 2001
vorab: in
paris hörte man gerüchteweise (schon vor wochen), stan lafleur
habe den diesjährigen RDB-Preis erhalten. fernab allen literarischen
konkurrenzdenkens bin ich in der glücklichen position, dem frischgebackenen
herzlich gratulieren zu können und ihn im folgenden an seinem TEXT
zu messen:
"banagher
[siehe roundabout mai, 26.05.01]
der erklärende
zusatz zum titel ist viel sagend: es handelt sich um "eindruecke",
die vom autor in einem irischen kaff gesammelt und in reime geschmiedet
wurden. gelegenheits- bzw. erlebnislyrik also, o.k. gut gefällt mir
am text die metaphorische verwicklung des eingangsbildes der drossel,
die ein schneckenhaus zertrümmert, mit dem geDROSSELten mut der menschen,
die in diesem irischen kaff-schneckenhaus leben. ich habe bei dem text
jedoch auch schwerwiegende bedenken in mehrerlei hinsicht:
1) der reihenstil
des textes, der parataxen in loser semantischer folge aneinanderreiht,
ist seit dem deutschen expressionismus (jakob van hoddis: weltende) wohl
bekannt. der text versucht zwar einen (ebenfalls altbekannten) trick,
um diese reihungstechnik etwas aufzupeppen, indem er die beiden anfangsverse
am ende wiederholt und durch die drei punkte den sozusagen "ewigen"
fortlauf des textes evoziert; diese technik ist auch semantisch gerechtfertigt,
bildet sie doch die (vom autor implizierte) sich alltäglich monoton
wiederholende irische kaff-einsamkeit formal nach; - das ganze konzept
schlägt aber m.e. doch fehl. das hat mit der sprachverwicklung von
gälisch und deutsch zu tun. zuerst spricht ein autor-ich in deutsch;
dann proklamiert o'neill dasselbe auf gälisch, wiedergegeben wird
der text aber auch auf deutsch. Mir geht da die logik ab. ich frage mich:
ist die sprecherstimme des texts des gälischen mächtig, so dass
sie o'neill versteht? - offenbar nicht, wenn sein gälisch als rückwärts-sprechen
empfunden wird.
2) reime.
ich habe a priori nichts gegen reime. es gibt im gegenteil heute wieder
mehr autoren, die sich des traditionellen endreims bedienen. der reim
dient ihnen entweder zur ironisierung des wortmaterials und/oder der semantik
des textes, oder er soll unerwartete "NEUE" reimbindungen aufzeigen
und wirkt damit kreativ resp. produktiv (altes beispiel: rühmkorf:
"die schönsten verse der menschen / jetzt finden sie schon einen
reim! / das sind die gottfried bennschen / usw", wobei sowohl ironie
als auch neue reimbindung vorgeführt werden. genial, herr rühmkorf!).
mit der ausnahme der reimbindung "bekuht - mut" sind in stans
text die reime aber allesamt traditionell bis ausgelutscht (welt - gefaellt;
gedicht - spricht). solche reime will keiner mehr lesen! sie bilden bestenfalls
ästhetisierenden nachklapp, ein lyrisierendes parlando, welches am
ziel des gedichts, mir etwas neues, eine neue sicht- oder sagweise aufzuzeigen,
mit karacho ins nichts vorbei verpufft. diese kritik appliziert übrigens
m.e. für den gesamten formalen gehalt des textes, besonders auch
die metrik und den reihenstil.
3) gleiches
gilt für die bedeutungsebene des textes, o.k., nennen wir es beim
tradierten namen: die INTENTION (meinetwegen: intenSion) des autors. Meine
hauptkritik richtet sich gegen ein irland-bild, welches entweder nicht
mehr der wirklichkeit des jahres 2001 entspricht, oder, sollte dies vereinzelt
doch noch der fall sein, mit verlaub: kein schwein mehr interessiert.
stans irland-bild kann man vor - wieviel? 30, 40, 50 - Jahren in bölls
irischem tagebuch nachlesen. es interessiert mich dabei überhaupt
nicht, wenn der angegriffene autor sich gegen diesen vorwurf mit einem
"in branagher, wo ICH im jahre 2001 war, sah die WIRKLICHKEIT MEINER
EINDRUECKE aber SO aus!!" zu verteidigen gedächte: ich habe
10 monate in dublin gelebt und mir im laufe meines aufenthalts auch einige
christengott-verlassene käffer angesehen - aber selbst da gibts mittlerweile
ein internet-cafe hinter der scheune. im KLARTEXT: mit geht ein irland-bild
voller klischees (iren, die jeden sonntag morgen in die kirche gehn, ansonsten
sich im pub den lieben langen tag die birne zuschütten, eine fast
tote sprache daherbrabbeln, alles in allem also ziemlich komische käuze
sind und in einer grünen idylle aus kuhfladen und bärwurz leben)
ziemlich auf den keks, - selbst wenn es in WIRKLICHKEIT solche iren noch
irgendwo gibt. Es interessiert mich, seit ich mit 17 jahren böll
las, aber nicht mehr. was mich interessiert, sind die politischen probleme
der insel, der einfluss der neuen medien und der boomenden wirtschaft,
der dadurch entstandene neu-reichtum einer gewissen yuppie-klasse, der
umgang mit phänomenen also, die wir in kontinentaleuropa lange kennen,
die dem inselvolk aber absolut neu sind. Ich erinnere mich in diesem rahmen
auch lebhaft der debatte, die in den irischen medien anlässlich einer
um ein paar hundert % gestiegenen asylantragsstellerzahl (von ca. 100
pro jahr auf vielleicht 5000, bei einer gesamtbevölkerung von 3,5
Mio!!!) lanciert wurde. damit verbundener rassismus, etc...
ich bin mir
der gefahr bewusst, im anschluss an eine solche rezension einen
eigenen irland-zyklus nachzureichen.
EIRE
September
1999 - Juli 2000
1
stadtwald. abschied köln.
die tage wenden sich schneller
unter späten septembersonnen ab,
und zu letzte tanker. ein wald in der
stadt mit lichtung, die hohlwelttheorie
erscheint plausibel: so ein ganz
synthetischer glockenwald. dass hier
kein wirkliches land ist bemerkt sich
durch brandung des zentrums, was auch
kampf bedeuten könnte oder
schleichende plaque eines himmels,
die andeutung einer trübung die bald wie
frühnebel fällt.
die kindheitslichtungen be
lichten sich: das waren andere
landschaften, scheueres wild. hier
hingegen ist tony jetzt wohl wahnsinnig.
ein größeres exemplar hat jegliche
ambiguität verloren: ganz muttertier.
was das auge
leichter für wahr nimmt:
kontraste, wie lange kupferne haare
über milchiger haut auf letztem grün:
ich erinnere fahnen und flüchte bald
auf die fremde insel. vom verfall
einer familie lenken insekten mich ab:
die wespe
beißt der schnake die flügel ab
und fliegt mit ihr davon.
2
ab ovo: kaulquappige horden über der irischen see.
im fähr-tv: getraufte hoffnungen: und die koinzidenz
auf den scheiben: flinkes zucken, tropfen, vom wind
gepeitscht. oder im radio der ritt von walküren
gen folkestone: das meer unterhöhlend: getunnelte sinne.
also flucht allerorten nach vorne - parallelstrang im bord-tv:
eine autoverfolgungsjagd.
ab ovo: kaulquappige horden
über der irischen see: am himmel (wie mit schwerem öl
hingeworfen) verfließen licht und farben: nirgends
vergleichbare rasanz des wetterwechsels. schachbrettland:
darauf der regen gerastert fällt: ich unterfahre das wetter
in ein klischee namens ankunft:
ab ovo: perspektivenflucht allerorten:
hier: rotsprossiges alabasterfleisch, darein ich mich höhle.
also die unmöglichkeit wirklicher flucht, denn die lautlosigkeit
der zungen ist kompatibel und erinnert an heimat.
ab ovo:
kaulquappige horden: gepeitscht: am morgen züngelt mich
oktoberkälte an.
3
gestrandet, auf schmalem streifen land: hier
sei mehr leben im meter zum quadrat
als irgend sonst. dies geheimnis kitzelte mir
dein luftzug ins ohr. jetzt klemmt es
zwischen zwei schallwellenquellen, die stadt
rauschen und meereslärm heißen.
- ins auge
fällt sand aus den uhren der zärtlich
mir durch meine hände weicht: meine hand ist
ganz uhr:
zu lang fällt mein schatten schon
durch die tiefe mittagssonne auf den strand:
ich durchlaufe den sand wie das salzwasser.
von norden
her verschiebt sich eine wolkenfront
als schwarze decke über meinen himmel.
4
am seidenen faden hängt diese zunge
in die irische see: hier oben veranschaulicht
die topographie der halbinsel das wissen
um kreisrunde horizonte: zur eigenen ortung
such ich zwei punkte:
jonathan swift bewegt sich
durch den süden, läuft in dublin ein,
während im norden irlands
auge unbewegt stiert. -
weiter unten,
von einem felsvorsprung aus, erkennt man
die architektur des hafens: wie bunte murmeln
kullern touristen zum leuchtturm.
auf ihr beständiges
murmeln antworten die flugkurven der raubvögel.
5
hier landeten blonde bestien
mit blutigem gaumen.
war es diese landzunge,
keltisch, die sie schließlich verschlang?
heute kündet
hier nichts mehr vom kampf
zwischen menschen: die niederlage
auf diesem plateau besiegelt der wind. er nimmt
es mit den eingeweiden auf. die sprache
geht mit ihm: so das credo, das noch durch die ruine
einer klosterkirche klingt. -
der wind wächst sich aus:
mit ausgebreiteten armen halte ich mich
ihm über den klippen entgegen: ich stehe
im wind, der das gaumensegel blutig schneidet:
eine umkehrung
von luftströmen, die die sprache
zu ihren anfängen zurückverschlägt.
6
lokus amoenus. betuchter dezember 1999:
laufsteg grafton street wo fensterscheiben reizkauf
sudeln. darüber fensterln liebestolle weihnachts
männer. die toiletten der damen tragen das gepräge
festlicher duftigkeit, es weihnachtet sehr.
vorm eingang
des schnellfraßpalasts ein müllsackwall. niemand
hat mauernde absichten, es hilft nichts, die offene masse
walzt die barrikaden, sie wollen den whopper, das mordsding.
abortens
in gesichtshöhe monitore: ich piss auf nach
richten im lokus, kündend vom nächsten boom
geschluckter leiber, lügen, whoppern, industrien, massen
gräbern, fragen ("wird es genügend taxis ins neue jahr
tausend geben?").
abortens der tote soldat, ich seh
ihm pissend ins auge, erbrochen, geprägt von festlicher
duftigkeit. noch schnell ein schielender schwanzvergleich,
bevor er eingepackt wird, das mordsding, der whopper:
abschütteln, verpacken, vertuchen, fertig: lokus amoenus.
7
coolock, schokoladenfabrik. blick
über die straße: hier herrscht
verwirrung der sinne, industriell
indiziert: grauer star im auge, von
soviel staub und mauertrauer.
dagegen süßlichzarbittres,
das in die brust fährt:
hässliche vorstadtsynästhesie.
die straßenkinder: sie bewerfen
sich mit sprengkörpern, lachen und lungern.
dass ich
weder dazu noch hierher
gehöre, zeigt die zerbrochene tür
meines wagens am morgen.
8
belfast im dezember 99 war ein wenig
hoffnung, die aus den zeitungen kam. die luft
schnitt den atem ab dieser landschaft,
gespickt mit sarkasmen wie peace wall,
in deren stacheldraht plastiktüten aufgespießt
wehten im wind. liebe fand nicht statt, und es schmerzt,
kein gesicht zu erinnern,
nur die vergitterten fenster
der pubs mit alten gestalten im dunkel darinnen.
9
bildschirmtage, die einfach so weggehn, kühl
wie die zugluft im büro. die vernetzungen darin,
die knotenpunkte, sammelstellen, umschlagplätze:
schaltstellen im windows-explorer und grübchen
im gesicht der sekretärin - ein geheimer plan.
bildschirmtage, die einfach so weggehn, kühl,
mit der nase im abend, wo die lauben- und fabriklandschaft
von palmen gesäumt wird. und plötzlich wird zeit
ganz körperlich, der tanz des mückenwirbels über den sträuchern
misst sich in zigarettenlängen, rauchzeichen
aus dizzys trompete.
seit dem
gefühl, dass ich weg muss, schrieb ich
kein gedicht mehr, nur noch vokabeln.
manche denken ihr leben
lang daran, kühl, und gehen doch nie
einfach so
weg.
Sylvia
Egger: ideen sollen verquirlt werden. 23 Jun 2001
nochmals als
nachgereichte erklaerung - ich kannte die stuckisten nicht bis zu dem
zeitpunkt. als rené mich auf booksports.de hinwies und eingeladen
hatte. mich hier rhetorisch zu beteiligen. mache ich natuerlich meine
"hausaufgaben" und informiere mich ueber das manifest. das mir.
da tragend auf der homepage platziert. so wichtig erschien auch im zusammenhang.
dass ich nach euren bezuegen dazu gefragt habe.
rené meinte auch mir gegenueber. dass da durchaus bezuege seien.
daher mein nachfragen. zur bewegung der stuckisten selbst: die ironie
ergibt sich fuer mich aus dem "ruf nach authentiztiaet" und
der im gleichen atemzug genannten ablehnung der (britischen) konzeptkunst.
zum einen wird der authentische kuenstler/aussage gefordert. zum anderen
die sicherlich nicht missverstaendliche aussage einer britischen konzepterin
(tracey emin - everyone I have ever slept with - ein richtiges patchwork
zelt zum wohlfuehlen ;-)). die sehr "authentisch" rueber kommt.
naja. inkonsequenz kennzeichnet so manches manifest.
meiner meinung
nach - fordern die stuckisten dinge. die in den verschiedensten ismen
immer wieder aufs tapet gebracht wurden - raus aus dem atelier. und die
schreibmaschine in die naechste blume setzen usw. damit einhergeht die
reflektierung des jeweiligen stands der betrieblichen einbindung von kunst
und kuenstler.
die rueckbindung auf die staffelei als einziges werkzeug ist reaktionaer.
darueber laesst sich kaum streiten. jedoch sind die aspekte der betrieblichen
kritik - wie eh und je gefordert - eben immer aktuell. gegen die ready-mades
des betriebs. die einmal aufgestellt wie schon immer genuine pappkameraden
wirken. die darstellung der gegenwaertigen langlaeufig bekannten "jungen"
literatur laesst sich durchaus mit dem schema des "capuccino-writers"
der stuckisten fassen. die ex-pool-fraktion (reiche goeren buchstabensuppen
und so) hat sich gerne in der "airport"-novel gesonnt und glaubte
sich verspielt um den "blockbuster" charakter ihres "twelve
year old public" writings zu kaminieren. es ist eben nicht nur muessig.
sich um den mainstream zu scheren. sondern sich auch mal gedanken um die
ausstattung der jungen garde zu machen (cappuccino - valentino - e-ricchie).
oder wie bourdieu sehr schoen anhand von flauberts "erziehung des
herzens" auffiltert - wie die strukturen des literarischen feldes
ausgerichtet sind. wo die erste und wo die zweite boheme sozialisiert
wird. bis schliesslich die zweite in die erste aufsteigt. eben die schicke
und harte kultur der salons. die der betriebsfetischierung heutzutage
in nichts nachsteht. und wie so schoen im cappucino manifest steht: "writers
that have be interviewed by melvin bragg to be recognised as writers aren't
writers."
Stan Lafleur: irland/rdb-stipendium, 23 Jun 2001
christian:
ueber deine
ausfuehrliche kritik zu dem banagher-gedicht hab ich mich sehr gefreut.
natuerlich bleibt einiges zu beantworten, was ich anders sehe bzw ergaenzen
moechte. das erste ist schonmal: du hast zehn monate in dublin verbracht
- fuer mich war es ein erster aufenthalt von 12 tagen, da mein bruder
im februar nach irland ausgewandert ist - & ich bin dort in einem
klischee gelandet, das klang deutlich bei dir (& anderen irlandkennern)
durch & ich werde wohl erst bei/nach weiteren besuchen die gelegenheit
haben, das zu korrigieren, was mir insofern am herzen liegt, als ich in
dieser kurzen zeit doch hinweise gefunden habe, die darauf schlieszen
lassen, dasz es dort noch mehr gibt als das, was ich mitnehmen konnte,
& was alles in allem, in geistiger hinsicht, eher enttaeuschend zu
bezeichnen waere, haette ich denn etwas konkretes erwartet. dazu kam ich
im vorhinein gar nicht recht dazu mich naeher zu informieren, wohin ich
da gehe, da das alles sehr kurzfristig gelaufen ist. mir ist vollkommen
klar, dasz sich dieser banagher-text komplett in diesem auch von dir angesprochenen
klischee-rahmen bewegt & deine vermutung stimmt, dasz ich ihn damit
verteidige, dasz ich einfach DORT in banagher nichts anderes zu sehen
bekam. allerdings ist er auch nur teil eines (noch auf basis von notizen
entstehenden) zyklus, wo noch raum fuer abseitigere (modernere wie altbackene)
betrachtungen ist. weiterhin: ich fasse diesen banagher-text eher als
ein lied auf, denn als ein klassisches gedicht, das haette ich evtl dazu
sagen sollen. die von dir aufgestoeberten ungereimtheiten (gaelisch/dt)
stoeren mich allerdings nicht, das finde ich insofern zu spitzfindig,
als ich umgekehrt sagen kann: da fehlt dir die imaginationsbruecke/-faehigkeit
(musz denn ein text fuer dich 100% logisch sein? - dann wirst du mit meiner
lyrik wohl nie etwas anfangen koennen), andererseits konventionelle reime
& ein zwei eher ungewoehnliche in einem text: auch darueber bin ich
mir klar, aber ich sehe darin kein problem. jetzt hab ich zb grad flann
o`briens "aus dalkeys archiven" gelesen, wie mir seit meinem
aufenthalt ueberhaupt viel irisches zugetragen wird & ich bin, was
das land angeht ganz am anfang, bin mir klar darueber & masze mir
auch gar nicht an, da eine tiefe "wahrheit" zu vertreten in
diesem banagher-song/gedicht, hoffe vielmehr, das noch vertiefen zu koennen,
solang mein bruder dort bleibt, bei weiteren besuchen, denn interessante
ANSAETZE gibt es in irland noch & noecher. ich gebe dir darueberhinaus
vollkommen recht, denn das habe ich durchaus mitbekommen, dasz irland
ein new economy-problem hat, aber die zeit war einfach zu kurz, da eine
betrachtensweise mir anzueignen, die ich als fundiert vertreten koennte,
deswegen denke ich, dasz unter der praemisse "eindruecke" dieser
banagher-text, obwohl ich ihn selbst in mancher hinsicht bedenklich finde
(eben wg des christen/sauf/folklore-eindrucks) an sich so stehen bleiben
darf, zum thema "irland heute" allerdings nur flankiert von
anderen texten.
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