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Roundabout Juni

Tobias Schoofs: POETIK! (schoenheit), 6 Jun 2001

SCHÖNHEIT
traditionelle poetiken würden an dieser stelle von harmonie, formvollendung und kunstfertigkeit reden. diese dinge, dazu kommen wir noch, möchte ich nicht in bausch und bogen verwerfen. doch wird der akzent hier anders gesetzt. nichts, was in einem bestimmten diskurs oder kontext, als schön bewertet wird, muss bei seiner produktion dafür vorgesehen gewesen sein, als schön betrachtet zu werden. die moderne hat techniken entwickelt, auch dinge, die nicht "per se" in den kreis des schönen gehören, dort aufzunehmen: das ready made, die zitat- und montagetechnik usw. diese techniken sollen nicht nur geduldet sein, sondern als zentrale techniken der dichtung gelten. sie sind besonders dazu in der lage, den text zu kontextualisieren, ihn in seinen zusammenhang einzuordnen - und das, ohne die illusion einer geschlossenheit heraufzubeschwören.

auch führt die komplexität der intensionalen struktur zu einer gestalt der gebrochenheit. die dinge sind, gerade wenn sie geordnet werden sollen, nicht klar, rein, eindeutig, modellhaft usw., sondern druchmischt, abweichend, mehr- oder nichtsdeutig, individuell etc. ich folge diesen überlegungen, übertrage sie auf das problem des schönen, wenn ich daher folgere, dass auch die schönheit einen hang zur gebrochenheit, zum offenen, zur disharmonie - zum hässlichen hat. schön ist eine struktur, deren dominante nicht eindeutig ist, nicht ununterbrochen und total regiert. schön ist eine struktur, die in bewegung und veränderlich ist. schön ist, wenn die widersprüche lebendig bleiben.

gebrochenheit impliziert zusammenhang. es kann nicht darum gehen, zusammenhangloses zeug aneinanderzureihen, vielmehr geht es gerade um den zusammenhang. je ganauer der zusammenhang betrachtet wird, um so weniger lässt er sich auf eine formel bringen. es geht darum, dinge so zusammenzustellen, dass sie ihren zusammenhang zeigen.

die zusammenhänge stiftet die intension. sie sind gerade nicht von vornherein "da". d.h., eine persönliche beziehung des autors ist grundlage jedes zusammenhangs. ihn anzudeuten ist schön. jedoch kann dies nur in einer ausgewogenen topologie geschehen, in einer ausgewogenheit zwischen privater und allgemeiner referenz, einer ausgewogenheit auf technischer ebene (die richtigen worte), einer ausgewogenheit der themen und motive, einer ausgewogenheit der elemente und ihrer zusammenhänge. im schatten dieser ausgewogenheit kann etwas wie intimität entstehen: etwas kommt zum stehen, etwas ist unsichtbar, unaufdringlich anwesend, etwas scheint authentisch zu sein, jemand spricht....

H

wege nein: spurn
davon als flüstre
jemand französisch
dir nah am ohr:
HASCH: das signifiant
das fehlt wie
unterm schutz des
circonflex eine
sehnsucht entsteht
nach mehr oder un
deutigkeit im tot
gesprochnen medium.
ich suche H ...

H
Die missbildung tut den gebärden hortenses gewalt an. Ihre einsamtkeit ist die erotische mechanik, ihre müdigkeit die dynamik der liebe. Unter dem schutz der kindheit war sie, in diesen zahlreichen zeiten, die heiße hygiene der rassen. Ihre tür ist dem elend geöffnet. Da! die moral der gegenwärtigen wesen entleibt sich in ihrer passion oder aktion - O! schauriges zittern der novizen der liebe über blutendem boden und durch klaren wasserstoff [l'hydrogène clarteux ???]. sucht hortense. (arthur rimbaud)

Stan Lafleur: poetik von unten, 6 Jun 2001

schoenheit ist eine sache des augenblicks. (alte chinesische weisheit)
ueber schoenheit zu reden ist haeszlich. (stan lafleur)


Sylvia Egger: vorstellung & eine schnelle reise, 13 Jun 2001

rené hatte mich eingeladen. mit euch ideologienahen stuckisten <s> ueber textgenerationen und deren betriebsnahe ursachen in forschung zu gehen.

ansonsten diskursiviere ich mit perspektive im eilverfahren ueber den rest an avantgarde. die noch zu finden ist. erarbeite gerade fuers naechste jahr ein heft ueber avantgarde im netz.
ich habe das stuckisten manifesto gelesen und haette schon lust ein wenig ins detail zu diskutieren. vielleicht ist ja der rahmen dazu da. ansonsten hake ich mich gerne ein und werde die bereits bestehenden beitraege ein wenig kommentieren, wenns recht ist. :-)

Achim Wagner: willkommen, 13 Jun 2001

surfgirl23

das t-shirt: blau + eng beschriftet surfgirl23... chatterinnen-name... in der bahnhofsbuchhandlung 1 realer blick/wechsel... ausdruckslos fast... verschwimmende welten: wie ein grenzgänger denkt der chatter atvec... das konstrukt aus projektion & ahnung scheint bisweilen völligen wahnvorstellungen als behausung zu dienen... irrwege ins netz... ((und draussen?))... simulierte beziehungsstrukturen + -dramen... in ungebremster beschleunigung folgt neu auf neu auf neu (goldene zeit dafür)... der zusammenbruch einer traumwelt in sekunden baut sich die nächste auf... beliebige auswege (ungezählt)... getauschte identitäten=sich selbst immer wieder frisch & anders (&unschuldig) erschaffen... neuer name ((=nickname))=neues wesen... aber der ausdruck im gesicht von surfgirl23 wird immer der ihre sein... der monitor wird zum spiegel murmelt atvec... gaukelt + offenbart (gleichzeitig)... ein verrat nach dem anderen an sich selbst dem gegenüber den gegenübers... aber sich verlieren ist auch ein alter wunsch... er=atvec steht auf einer brücke dazwischen in diesem moment... beobachtet... weiß um keine wahrheit... das alte als nie im vorteil gegenüber dem neuen... fehlen die vergleiche... & zweifelsohne ist sie hübsch... die junge dame mit dem gesenkten blick... in realitas... hat die augen nach innen & zurück: die photoserie (pics.jpeg) der prinzessin mit den goldenen sandalen... zur stimme gewordene begegnung aus dem winter... der gestrige abend: ein weisser ragga-toaster in einem kellerclub... danach live-klänge einer punk-cover-band ein stadtviertel weiter... wiederbelebte vergangenheit: letztes jahrhundert... //breaking the law//... auf engem raum: geräuche nach schweiss + bier + joints... scheint alles nicht minder verloren als in den virtuellen kammern... die bankgebäude am morgen angestellte in ihren masken auf dem weg in ihre schließfächer 7 uhr ein junkie der das messer kaum halten kann mit dem er auf geldsuche geht... für atvec: der cyberspace am mittag wieder geöffnet... verlust der ruhe in den eigenen vier wänden... besitzlos + aufgegeben... unbehaust... nach innen wieder nach aussen (wie man es gerne hätte)... wer ist da? wer kommt? wer geht?... was kommt?... & verloren weiss sich jede/r... folgt:--------------à raus!!... surfgirls hände: schlank & eine zigarette zwischen zeige- & mittelfinger der rechten hand... die blonden haare glatt auf den rücken... wolke aus ihrem kleinen mund... momentaufnahme... im vorbeigehen... in atvec schillern bunte gedanken + kleine hoffnungen: eine kurze sms... 4 i miss u... ((aber: wen??))... schlendert profan weiter: die virtuellen hände in virtuellen hosentaschen... an einer imaginären mauer entlang... ohne durchlass heute... so viele sätze in kaum einer zeit... wie schnell man etwas besonderes sein kann... wie schnell man jemand lächerliches werden kann... (je nach erwünschter vorstellung des unsichtbaren konterparts)... "alle sind austauschbar" ((zitat chatterin xxxxxxx))... war es das immer?... zen: "das gegenteil einer großen wahrheit ist auch immer wahr"... atvec wird zu einem lautklang ohne inneren kern... eine zusammenfügung nichtssagender buchstaben... gelöst...aufgelöst... wieder zusammengefügt... eine figur in einem schrank der ein kopf ist... aufprall mit name um name im netz... ausgespu(c)kt... in die sonne (bin ich ausserhalb?)...bewegte blätter... verwischte blicke... blinzelnd... das scheinbare erkennen eines hellen nichts... epilog: der sich entfernende rücken eines jungen blonden mädchens in einem engen blauen t-shirt...

Tobias Schoofs: mai, 14 Jun 2001

zu den stuckisten: ich finde das manifest ehrlich gesagt ziemlich blöd.
1. ich finde es unangebracht, den begriff "postmoderne" zum kampfbegriff zu machen. er verwischt eher als zu präzisieren. was ist gemeint? Die postmoderne literatur einschließlich der (v.a. französischen) philosophie im anschluss an den strukturalismus? nur die sog. cappuccino-literatur? oder was?
2. als heilmittel gegen flachheit und gefühlsarmut ausgerechnet die verstaubte malerei zu wählen, scheint mir etwas steinzeit-kommunistisch. gerade die malerei neigt dazu, langeweile zu produzieren.
3. ob bedeutende literatur subjektiv sein muss, weiß ich nicht. mir ist ehrlich gesagt auch nicht klar, wie subjektiv hier gemeint sein soll.
4. ebenso fraglich scheint mir das verbot, sich beim schreiben "als autor zu entwerfen" und die empfohlene gegenstrategie, dass literatur von "menschen" gemacht werden soll. steckt hier denn nicht eine heimliche definition des menschen dahinter, der "den menschen an sich" als ein so oder so funktionierendes wesen entwirft? ist das nicht ödester humanismus?
5. überhaupt gefällt mir das herumreiten auf "echtem" gefühl nicht. Entweder man sagt hier klar, was gemeint ist, oder lässt es. sonst tritt man in die esoterikfallen.

und noch zwei neuere texte von mir
der erste nach william carlos williams (TO MARK ANTHONY IN HEAVEN)
der zweite in stil und thema an catull angelehnt

AN MARK ANTON IM HIMML

dies stille morgnlicht
wie oft gespieglt
von gras und see und laub
betritt den raum
tastet die wände ab mit
gras und laub und see.
Antonius
see und gras und laub.
warum bist du bei Actium
mit deinen schiffn
dem körper gefolgt?
ich hoff es war weil
du ihn zentimeterweise kanntest
vom fuß hinauf
zur wurzl des haars
und wieder hinunter und dass
du sie sahst
über das schlachtgetümml weg -
laub und see und gras -

dann wirst du vom
himml aus lauschn.

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wenn ich das näste mal glaube schlafn zu müssn
damit mich der tag d.i.: mein arbeitgeber
aufgeweckt und munter in händn hält
dann leg nicht wie letzte nacht deinen kopf
auf meine schulter und schließe die augen und lass
mich schlafn. sondern: zieh mich am ohr aus dem bett
stell mich wenns nötig ist unter die dusche nur bring mir
verstand bei: schlafn kann ich wenns nötig ist
auch mit dem kopf auf dem schreibtisch. küssn aber
kann ich meinen chef selbst wenn ers wollte
nicht. wohl kaum auf den mund geschweige denn sonstwo.


René Hamann: check 15, 15 Jun 2001

ich glaube, "surfgirl23" ist achims "interaktivster" text. sehe recht viel hier besprochenes darin. von christians chat-berichten über die diskussion über baudrillard. so wird etwas natürlich auch gemeinplatz: der austausch der identitäten. dieses klaffen & überlappen von virtualität & sog. realität. im text. im prinzip auch eine antwort auf die stuckisten - willkommen in der postmoderne. so sieht sie aus (mein handy klingelt). inkl. rückberufung auf "stream of consciousness"-writing. mit einem touch von existenzialismus. den drei pünktchen von céline (von einem chat zum anderen). albert ostermeier. lacan: es gibt kein außerhalb in der sprache. und nicht zuletzt die beach boys: surfmusik: die romantische seite des rocknroll. wie kam es dazu, den begriff des surfens zu nehmen für das was man im internetz tut? überhaupt surfen: einerseits ursprünglich der beginn des hedonismus im pop? noch sehr männlich: mädchen, steig in mein auto, wir fahren an den strand. sie trägt ein blaues t-shirt. darunter einen schwarzen badeanzug (nicht: bikini! bikini ist adenauermuffdeutsch. ist italien schlager 50er und nicht kalifornien 1960-66). und dann können wir unschuldig surfen, weil ferien (oder feierabend), auf jeden fall sommer ist. dagegen surfen in den 80ern: dekadenz. kinder reicher eltern. die (wieder-) geburt des faschistoiden körperkults. sixpack & sonnencreme. "ich mache jetzt den segelschein" - bei mir wirkt das immer noch, bin sofort angeekelt wenn ich das höre. die 90er: geht noch irgendwer real surfen? wer fährt noch nach ibiza - außer den technoprolls & der ecstasy-house-szene? irgendwie sehr fin-de-siecle das plötzlich. "hallo apokalypse". jetzt also: bedruckte t-shirts. omnipräsente digitaltechnik. so omnipräsent, dass es gar nicht mehr auffällt (gemeinplatz). befremdlich dann auch so ein ist-text, der sich in den sekunden seiner übertragung in einen war-text verwandelt. "die revolution ist passé": "die kuh gemolken". "der fernseher steht im zimmer & hat alles bereits im moment seines eintreffens verändert." wer massiert die message?

sandalenlyrik
also das schiff des mark anton. 50 bildungsbürgerpunkte zu gewinnen. & die genreliteratur: klar, sandalenlyrik. für den der den film mit liz taylor als cleopatra nicht gesehen hat. kann das wirklich die antwort sein? muss man das wirklich übertragen bzw. explizit darauf hinweisen? mythos geschichte.geschichten des kinos. ist es nicht besser catull zu übersetzen & da zu zeigen: der geht. der geht immer noch gut. der ist nicht sandalenfilm. sondern gar kein genre. recht privat statt dessen.

der capuccino
nicht nur die postmoderne kriegt ihr fett ab. sondern vor allem der capuccino. ich schaue in die tasse & denke: womit hat er das verdient. und weiß nicht wirklich was damit gemeint sein soll: capuccino-autor. mir schwebt da entweder etwas sesselpupiges oder sowas kaffeehausmäßiges vor. ok, schriftsteller im café: schwierige angelegenheit. auch sehr 50er das, sehr sartre (an die surrealisten kann man sich schon gar nicht mehr erinnern). coffee-writers: wäre schon was ähnliches. & geht man von den substanzen aus müsste man meinen: so superhektische menschen mit supernervösen texten. auch im cappucino ist koffein. klar, könnte sein - melville, balzac & co. wirken eher wie lebertran oder tee oder heiße milch oder so. eisteeschreiber: das wärs doch. cool, fruchtig, spritzig. bierautoren dagegen: o no (die kann ja wirklich keiner mehr ertragen). der öde humanismus: man fragt sich wirklich was das nu wieder soll. wieso dergleichen ideologismen schon wieder an die eigene haut gehen wollen. der paranoide autor denkt: auweia, da finden welche leute doof, nur weil sie schreiben & capuccino trinken. muss ich jetzt umsatteln, mir mein lieblingsheißgetränk versagen? billig-manifeste: feindbild finden, dagegen sein. wie wärs einfach mit: dafür sein? dafür sein ist toll. ist auch viel schwerer. weil man ist ja immer nur dagegen.

intimacy
der franzosenfilm kommt nach england und wird sozialkino. intimacy - das europäische kino findet sich. das ist vielleicht so groß wie antonionis bewegung "blow up". der franzosenfilm: das überhöhte private, vor allem die vita sexualis: wieso können das die franzosen plötzlich: sex darstellen als nicht-sex, als konkret körperliches? romance - intimacy. dazwischen steht nur noch eyes wide shut. und hoffnung für die sexuelle revolution: sie hat den weg zurück zur leinwand gefunden. & strahlt von da aus auf eure körper. vielleicht ist das der weg, mit der nackten des tages & all den live-pinups aufzuräumen. das sozialkino, englisch: mike leigh etc. nebenbei findet auch das theater wieder den weg zurück. nervt zwar immer noch, aber nicht mehr so stark wie früher. nur für das theatertheater sehe ich immer noch keine rettung ("theater zu parkhäusern!", thomas meinecke).

Ingo Jacobs: Juni, 16 Jun 2001

Stuck to it?
Ungeordnete, eigentlich sehr persönliche Überlegungen

Manifeste: Einerseits mein dummes heißes Ja!. Attacke, ins Zentrum!, Vorstoß: En garde, Avantgarde! ... Die Pose, Aufruhr, der Wille, die Bündelung, das Zusammen, aus dem Dagegen ein Dafür, der Prozesscharakter. Andrerseits nein: Das Zielhafte, das Erreichenwollen, das Ankommen, das Reüssieren, die Ersetzung, der Generationen-, der Machtwechsel - Künstlerlaufbahnen... Rainald Goetz sagt nach Jahren JA zum gehassten Beruf: "Was muss ich tun, damit ich nicht auch so ein Literatenblödel werde, der dumpf um dumpf Kunst um Kunst produziert." Genau das tut er jetzt, mit seinem ihm eigenen "Stiehl", für ein Stammpublikum, das seine Texte goutiert: Leitlinien. Und das ist gut so - es gibt auch da kein Dagegen, nur die Beobachtung.* ... Auch Manifeste entstehen aus Latenz: Ein psychologischer Beweggrund, oben seine Attribute. Brauchen wir das? Ich glaube nicht. Nicht im inneren Kreis sein, nicht am Machtpol sein wollen: Ist das nicht vielleicht eine Stärke? Bleibt als beste Position nicht die bescheidene Stille eines Arbeitskreises? Eine Art Literaturhedonismus, Vergnügen am Text, sozial geerdet. Nicht laut, auch nicht Underground, keine blöd-neidischen Blicke auf den Zirkus, den Betrieb, nicht abhängig von Ruhm, uneitel, weil ein sich gegenseitig Sehen genügt.

Eine schöne Vorstellung.

Mini-Manifest
(aaah, ein Paradox!, ein System entsteht!)

Ich brauche weder ein Manifest noch "Huey Lewis an the News".

SURFBOY

formen elektronischer kommunikation üben auch auf mich ein immer stärkeren reiz aus. mal trete ich als "agnes, 84 jahre alt, erblindet" auf und schreie in den chatroom, dass ich ja leider gar nichts lesen (verstehen kann) und mein chatten daher zu den schönsten sinnlosen tätigkeiten gehört, die es je gab auf gottes hell erleuchteten monitor. der chatter an sich findet das erst sehr spät lustig, vor allem wenn er puberil und im RTL-chat ist. ich jedenfalls habe meinen spaß, wenn ich - diesmal als "spinoza" - auffordere, andere chatmodi anzunehmen. oder "lenin" mit "lenin, alter kommi, was macht der dialektische materialsmus" oder "was macht die revolution en pérmanance, gruß von trotzki" begrüße. dessen antwort: "weiß ich doch net". virtuellen sex hat auch schon mal jemand mit mir gehabt - glaube ich... naja, so weit meine erfahrungen.
ist schon was dran: identitäten an- und ablegen. ein bedürfnis wird war, eine psychische struktur zeigt sich: ich bin ein anderer, ich bin viele, ich bin sonstwas. ein spiel, wohlgemerkt. der text, rené (danke für die schöne begriffsgeschichte des surfen, sehr schön!), bleibt übrigens gespeichert, auf der serverfestplatte. aus sicherheits- und rechtsgründen: erst nach ablauf einer bestimmten frist wird er gelöscht und ist dann vergangenheit.

achims text finde ich leider sehr unfertig, gedankensammlung, zerhackt und undicht. kann dem nicht folgen. die form soll ja wohl so sein, weil es ja um chatten geht, nehme ich mal an, aber dann wäre ich auch näher an der chattextform geblieben. hab gerade noch einmal reingelesen: sofortiger reflex: nee, häppchen, stückchen, gedanke da, vielleicht auch so, mmmh, reflektiönchen, salat, danke. dieser text ist noch nicht fertig.

Tobias Schoofs: 17. Juni

1. Badelatschen
was mich an autoren wie catull und properz interessiert, ist die art der opposition, der literaturhedonismus - und zwar, obwohl gewalt (die verbannung ovids) als auch bestechung (die rolle des maecenas) sie zu einer "staatskultur"
zwingen bzw. nötigen wollten. was die staatsmacht provozierte, das war ihr provozierendes desinteresse am staat. dies lässt sich nicht 1:1 auf die jetzige politisch-kulturelle situation in europa übertragen (obwohl es auch ähnlichkeiten gibt). ich sehe, wie du, rené, probleme damit, dass die thematisch-stilistische ausprägung der texte heute eher eine "privatistische"
lesart nahelegt. das man im liebesgedicht eher das private glück des bürgers sieht als die jeder (staats)moral feindliche gesinnte dekadenz. dennoch bin ich nicht damit einverstanden, die beschäftigung mit den römischen autoren als "genre" à la sandalenfilm abzutun. es fällt mir dabei, am rande bemerkt, auf, dass sich deine kritik nur auf den ersten text bezieht, der ja keine catull-, sondern eine wcw-übersetzung darstellt. die bildungsbürgerpunkte nehme ich ferner deshalb nicht an, weil sich das bildungsbürgerliche längst auf die popkultur ausgeweitet hat - und die intime kenntnis der texte der quietschbois und die zwischen den zeilenherbeizitierten popsongs ebenfalls "bildungsbürgerpunkte" verdienen (nur eben, dass sie meinen, dabei nicht bildungsbürger-, sondern coolness- und stilpunkte zu sein).

Die Versprechungen des Internet
ich erlaube mir, ingos formulierung etwas ungenau zu lesen, und stelle fest, dass er nicht sicher sagen kann, ob er virtuellen sex hatte oder nicht. aus dem virtuellen wird so ein sex in virtu - und dieses verschieben auf das rein mögliche erinnert mich an lilo wanders, wenn sie ihrem beschränkten (so kommt es mir beim gucken der sendung zumindest vor) publikum die unbegrenzten möglichkeiten der welt der liebe vorstellt (85% der befragten gaben zu, beim chatten schon mal onaniert zu haben ...) das internet, wieder einmal, eröffnet auch hier nicht völlig neues, sondern lediglich einen leichteren zugang. die neuerung hatten wir schon vor 100 jahren: in form des telefons. mit dem internet gewinnen die formen anonymen sexes jedoch einen anderen charakter: wer telefonsex macht oder sich im stadtpark einen runter holt, ist krank und hat sexuelle probleme, wer im chatraum, d.h. also vor dem bildschirm wixt, ist dem neuen medium gegenüber aufgeschlossen.

ich weiß: ich unke immer, wenns ums internet geht. das hängt damit zusammen, dass die internet-begeisterung seit 10 jahren nicht mehr nachlassen will - obwohl sich das ultimativ tolle nicht einstellen will. chaträume sind blöd: dort wird immer derselbe belanglose und witzlose kram dahergeschwatzt, für den ich in eine nicht-virtuelle lokalität im leben nicht betreten würde. die begeisterung für das medium geht weiter: das internet, jetzt allgemeiner "die formen elektronischer kommunikation", schließlich will man sms und mobiltelefonnicht ausschließen (und schon sind die börsianer auch nicht mehr vom e- sondern vom m-commerce eingenommen), wird schlicht mit einem denkverbot belegt. kritik wird ignoriert, stattdessen leuchtende augen bei der assoziation der (nie aufgezählten) sog. möglichkeiten der virtuellen welt, was sie immer schon über sex wissen wollten, aber nie zu praktizieren wagten. romantik i.s. eines totalitären primats der phantasie über die wirklichkeit. wir müssen es nicht mehr tun, wir träumen davon - und zwar: eyes wide shut.


Julja Schneider: intimacy versus romance, 17 Jun 2001


wenn ich rené hier richtig verstehe, betrachtet er die beiden filme als meilensteine auf dem gleichen weg. habe ich das richtig verstanden?
intimacy versus romance. genau darüber habe ich in den letzten tagen auch viel nachgedacht. warum zwischen den beiden filmen ein qualitativer unterschied besteht, der größer nicht sein könnte.
um gleich mit dem preis rauszurücken, krachend mit der tür ins haus zu fallen:
wie konnte ich es je zulassen, dass mir der grottenschlechte, miese, rtl 2-niveau- unterbietende film romance meine atem, -odem, -lebenspendenden intimacy - bilder aus dem hirn vertreiben konnte? wie kann ich beide filme überhaupt in einem atemzug nennen, ohne mich zu verschlucken? in einem stimme ich rené zu. beide filme leben von der darstellung von sex. das ist die einzige gemeinsamkeit.
intimacy - was ist dem film gelungen?
(oder sollte ich jetzt schreiben, was ist den grandiosen schauspielern gelungen? dem regisseur? ich meine, was ist allen gelungen, die mitgemacht haben?) sie haben geschafft, einen film zu drehen, der so verdammt erotisch ist, dass es weh tut. und das haben sie geschafft, indem sie bilder ohne fetisch produziert haben. es geht weder um schöne titten, noch um ihren verruchten blick, noch um seinen tollen arsch, (übrigens alles attribute, auf die romance nicht verzichten kann, natürlich nicht, denn romance ist ein dummer, ein kleiner film). es geht um erregung, die sich in den personen durch die personen aufbaut, und wir dürfen zusehen. wir dürfen ungeschnitten dabei sein. und das ist ein nettes geschenk an die zuschauer.
und hier liegt der punkt. diese scheinbar anonyme darstellung von sex ist nicht anonym. sie könnte persönlicher nicht sein. denn um die darsteller zu erregen (ich werfe jetzt mal absichtlich alles in einem topf. die darsteller, die figuren. wer erregt war, ist egal) braucht es kein zwischengeschaltetes etwas. keinen fetisch. keinen tollen wonderbra. kein schlürfen von champagner als vorspiel. keine fesseln, keine scheiße. also eben das alles nicht, was uns die ganze hysterische sex-gesellschaft im moment weismachen will, was wir IN JEDEM FALL BRAUCHEN; SONST KÖNNEN WIR NICHT GLÜCKLICH WERDEN. nein. nein. nein. sagt der film und bedient sich eines klitze kleinen tricks. die erotik funktioniert, weil die zwei sich nicht kennen. das ist natürlich auch ein fetisch. aber zum glück ein unsichtbarer.
romance.
argh. der film läßt ja nichts aus, ne? lolitahafte hauptdarstellerin die nicht spielen kann und sich deswegen die ganze scheiße lange zeit auf die präsens ihres wunderschönen körpers verlassen muß. der der haarstylist unentwegt zwei haarsträhnen in gesicht zupft, um verruchtheit zu demonstrieren. grottenschlechter pseudo - junges - mädchen - entdeckt - ihre - sexualität - text aus dem off. ein bißchen die geschichte der o, je.
romance ist gut zum schnell mal drauf onanieren.
intimacy wärmt das herz.



Stan lafleur: manifeste/ruhige zirkel, 18 Jun 2001

"Auch Manifeste entstehen aus Latenz..."

lieber ingo,

sicher ist das eine staerke, wenn man gewillt ist, sein leben in den dienst eines arbeitgebers zu stellen oder selbst ein unternehmen fuehrt oder das erbe verpraszt. irgendwoher musz die knete ja kommen. also schreiben als hobby, aesthetik, goutieren. da ist nichts gegen einzuwenden. das wenige von deinen lyrischen texten, was ich bisher mitbekommen hab, schaetz ich sehr hoch ein. & nun kommt dieses selbstgenuegsam-weise statement. fuer jemand, dem das reicht, seine texte vor ein paar gleichgesinnten zu praesentieren, das zu diskutieren: da zieh ich den hut, grad wenn da noch so hervorragende sachen bei rauskommen. mir reicht das aber nicht. ich moechte gern berufsliterat werden. mit dem betrieb hab ich ja bisher nichts zu tun & mir grausts auch davor. ich bin von grund auf sehr naiv & mit groszen anspruechen da rangegangen, eine selten dumme mischung, mein seinerzeit uebervolles herz, ueberfuellt mit wut & funken, die nicht wuszten, wohin sie schlagen sollen. einiges davon hat sich noch gehalten. ich hab auch mal (94) ein manifest geschrieben, das aber nicht weiter verbreitet wurde, weil ich einfach keine mittel sah. heut bin ich fast froh darueber. ich hab mir damals davon kontakte/reibung erhofft, die sich dann auf anderem wege bald von selbst ergeben haben. eine grundsaetzliche ironie, die manifesten innezuwohnen haette, wie tobi das sagt, kann ich nicht als voraussetzung nachvollziehen, das ist unterschiedlich von fall zu fall. was du zur ironie der medien (privatfernsehen) sagst, halte ich allerdings fuer aeuszerst bedenklich. nicht aus humorlosigkeit. in meinen augen ist das so eine intellektuelle ausflucht fuer leute, die ueberhaupt dessen faehig sind in diesem bereich, um vor sich selbst noch halbwegs sagen zu koennen, dasz diese scheisze, die sie produzieren, sie nicht direkt erstickt. ich hab ueberhaupt nichts gegen zynismus. aber da wird doch einer sache vorschub geleistet, die weitreichende auswirkungen hat, ein bitteres laecheln ueber die stumpfheit, die man produziert & die sich selber stuetzt & in die breite wirkt. das fuehrt zur alten frage: wen erreicht man auf welche weise & was bringt das? das ist & bleibt das schwierige fuer den literaten, der noch etwas mehr will: er musz sich als donkey shot akzeptieren. also bitte, es gibt auch noch genug sanchos. das macht im endeffekt nichts besser oder schlechter. insofern hast du recht. es ist lediglich eine einstellungssache. ich bleibe lieber der depp. mal sehen, wie lange noch...


Christian Jansen: irisch- und anderes, 23 Jun 2001

vorab: in paris hörte man gerüchteweise (schon vor wochen), stan lafleur habe den diesjährigen RDB-Preis erhalten. fernab allen literarischen konkurrenzdenkens bin ich in der glücklichen position, dem frischgebackenen herzlich gratulieren zu können und ihn im folgenden an seinem TEXT zu messen:

"banagher
[siehe roundabout mai, 26.05.01]

der erklärende zusatz zum titel ist viel sagend: es handelt sich um "eindruecke", die vom autor in einem irischen kaff gesammelt und in reime geschmiedet wurden. gelegenheits- bzw. erlebnislyrik also, o.k. gut gefällt mir am text die metaphorische verwicklung des eingangsbildes der drossel, die ein schneckenhaus zertrümmert, mit dem geDROSSELten mut der menschen, die in diesem irischen kaff-schneckenhaus leben. ich habe bei dem text jedoch auch schwerwiegende bedenken in mehrerlei hinsicht:

1) der reihenstil des textes, der parataxen in loser semantischer folge aneinanderreiht, ist seit dem deutschen expressionismus (jakob van hoddis: weltende) wohl bekannt. der text versucht zwar einen (ebenfalls altbekannten) trick, um diese reihungstechnik etwas aufzupeppen, indem er die beiden anfangsverse am ende wiederholt und durch die drei punkte den sozusagen "ewigen" fortlauf des textes evoziert; diese technik ist auch semantisch gerechtfertigt, bildet sie doch die (vom autor implizierte) sich alltäglich monoton wiederholende irische kaff-einsamkeit formal nach; - das ganze konzept schlägt aber m.e. doch fehl. das hat mit der sprachverwicklung von gälisch und deutsch zu tun. zuerst spricht ein autor-ich in deutsch; dann proklamiert o'neill dasselbe auf gälisch, wiedergegeben wird der text aber auch auf deutsch. Mir geht da die logik ab. ich frage mich: ist die sprecherstimme des texts des gälischen mächtig, so dass sie o'neill versteht? - offenbar nicht, wenn sein gälisch als rückwärts-sprechen empfunden wird.

2) reime. ich habe a priori nichts gegen reime. es gibt im gegenteil heute wieder mehr autoren, die sich des traditionellen endreims bedienen. der reim dient ihnen entweder zur ironisierung des wortmaterials und/oder der semantik des textes, oder er soll unerwartete "NEUE" reimbindungen aufzeigen und wirkt damit kreativ resp. produktiv (altes beispiel: rühmkorf: "die schönsten verse der menschen / jetzt finden sie schon einen reim! / das sind die gottfried bennschen / usw", wobei sowohl ironie als auch neue reimbindung vorgeführt werden. genial, herr rühmkorf!). mit der ausnahme der reimbindung "bekuht - mut" sind in stans text die reime aber allesamt traditionell bis ausgelutscht (welt - gefaellt; gedicht - spricht). solche reime will keiner mehr lesen! sie bilden bestenfalls ästhetisierenden nachklapp, ein lyrisierendes parlando, welches am ziel des gedichts, mir etwas neues, eine neue sicht- oder sagweise aufzuzeigen, mit karacho ins nichts vorbei verpufft. diese kritik appliziert übrigens m.e. für den gesamten formalen gehalt des textes, besonders auch die metrik und den reihenstil.

3) gleiches gilt für die bedeutungsebene des textes, o.k., nennen wir es beim tradierten namen: die INTENTION (meinetwegen: intenSion) des autors. Meine hauptkritik richtet sich gegen ein irland-bild, welches entweder nicht mehr der wirklichkeit des jahres 2001 entspricht, oder, sollte dies vereinzelt doch noch der fall sein, mit verlaub: kein schwein mehr interessiert. stans irland-bild kann man vor - wieviel? 30, 40, 50 - Jahren in bölls irischem tagebuch nachlesen. es interessiert mich dabei überhaupt nicht, wenn der angegriffene autor sich gegen diesen vorwurf mit einem "in branagher, wo ICH im jahre 2001 war, sah die WIRKLICHKEIT MEINER EINDRUECKE aber SO aus!!" zu verteidigen gedächte: ich habe 10 monate in dublin gelebt und mir im laufe meines aufenthalts auch einige christengott-verlassene käffer angesehen - aber selbst da gibts mittlerweile ein internet-cafe hinter der scheune. im KLARTEXT: mit geht ein irland-bild voller klischees (iren, die jeden sonntag morgen in die kirche gehn, ansonsten sich im pub den lieben langen tag die birne zuschütten, eine fast tote sprache daherbrabbeln, alles in allem also ziemlich komische käuze sind und in einer grünen idylle aus kuhfladen und bärwurz leben) ziemlich auf den keks, - selbst wenn es in WIRKLICHKEIT solche iren noch irgendwo gibt. Es interessiert mich, seit ich mit 17 jahren böll las, aber nicht mehr. was mich interessiert, sind die politischen probleme der insel, der einfluss der neuen medien und der boomenden wirtschaft, der dadurch entstandene neu-reichtum einer gewissen yuppie-klasse, der umgang mit phänomenen also, die wir in kontinentaleuropa lange kennen, die dem inselvolk aber absolut neu sind. Ich erinnere mich in diesem rahmen auch lebhaft der debatte, die in den irischen medien anlässlich einer um ein paar hundert % gestiegenen asylantragsstellerzahl (von ca. 100 pro jahr auf vielleicht 5000, bei einer gesamtbevölkerung von 3,5 Mio!!!) lanciert wurde. damit verbundener rassismus, etc...

ich bin mir der gefahr bewusst, im anschluss an eine solche rezension einen
eigenen irland-zyklus nachzureichen.

EIRE

September 1999 - Juli 2000

1
stadtwald. abschied köln.
die tage wenden sich schneller
unter späten septembersonnen ab,
und zu letzte tanker. ein wald in der
stadt mit lichtung, die hohlwelttheorie
erscheint plausibel: so ein ganz
synthetischer glockenwald. dass hier
kein wirkliches land ist bemerkt sich
durch brandung des zentrums, was auch
kampf bedeuten könnte oder
schleichende plaque eines himmels,
die andeutung einer trübung die bald wie
frühnebel fällt.
die kindheitslichtungen be
lichten sich: das waren andere
landschaften, scheueres wild. hier
hingegen ist tony jetzt wohl wahnsinnig.
ein größeres exemplar hat jegliche
ambiguität verloren: ganz muttertier.

was das auge leichter für wahr nimmt:
kontraste, wie lange kupferne haare
über milchiger haut auf letztem grün:
ich erinnere fahnen und flüchte bald
auf die fremde insel. vom verfall
einer familie lenken insekten mich ab:

die wespe beißt der schnake die flügel ab
und fliegt mit ihr davon.

2
ab ovo: kaulquappige horden über der irischen see.
im fähr-tv: getraufte hoffnungen: und die koinzidenz
auf den scheiben: flinkes zucken, tropfen, vom wind
gepeitscht. oder im radio der ritt von walküren
gen folkestone: das meer unterhöhlend: getunnelte sinne.
also flucht allerorten nach vorne - parallelstrang im bord-tv:
eine autoverfolgungsjagd.
ab ovo: kaulquappige horden
über der irischen see: am himmel (wie mit schwerem öl
hingeworfen) verfließen licht und farben: nirgends
vergleichbare rasanz des wetterwechsels. schachbrettland:
darauf der regen gerastert fällt: ich unterfahre das wetter
in ein klischee namens ankunft:
ab ovo: perspektivenflucht allerorten:
hier: rotsprossiges alabasterfleisch, darein ich mich höhle.
also die unmöglichkeit wirklicher flucht, denn die lautlosigkeit
der zungen ist kompatibel und erinnert an heimat.
ab ovo:
kaulquappige horden: gepeitscht: am morgen züngelt mich
oktoberkälte an.

3
gestrandet, auf schmalem streifen land: hier
sei mehr leben im meter zum quadrat
als irgend sonst. dies geheimnis kitzelte mir
dein luftzug ins ohr. jetzt klemmt es
zwischen zwei schallwellenquellen, die stadt
rauschen und meereslärm heißen.
- ins auge
fällt sand aus den uhren der zärtlich
mir durch meine hände weicht: meine hand ist
ganz uhr:
zu lang fällt mein schatten schon
durch die tiefe mittagssonne auf den strand:
ich durchlaufe den sand wie das salzwasser.

von norden her verschiebt sich eine wolkenfront
als schwarze decke über meinen himmel.

4
am seidenen faden hängt diese zunge
in die irische see: hier oben veranschaulicht
die topographie der halbinsel das wissen
um kreisrunde horizonte: zur eigenen ortung
such ich zwei punkte:
jonathan swift bewegt sich
durch den süden, läuft in dublin ein,
während im norden irlands
auge unbewegt stiert. -
weiter unten,
von einem felsvorsprung aus, erkennt man
die architektur des hafens: wie bunte murmeln
kullern touristen zum leuchtturm.
auf ihr beständiges
murmeln antworten die flugkurven der raubvögel.

5
hier landeten blonde bestien
mit blutigem gaumen.
war es diese landzunge,
keltisch, die sie schließlich verschlang?

heute kündet hier nichts mehr vom kampf
zwischen menschen: die niederlage
auf diesem plateau besiegelt der wind. er nimmt
es mit den eingeweiden auf. die sprache
geht mit ihm: so das credo, das noch durch die ruine
einer klosterkirche klingt. -
der wind wächst sich aus:
mit ausgebreiteten armen halte ich mich
ihm über den klippen entgegen: ich stehe
im wind, der das gaumensegel blutig schneidet:

eine umkehrung von luftströmen, die die sprache
zu ihren anfängen zurückverschlägt.

6
lokus amoenus. betuchter dezember 1999:
laufsteg grafton street wo fensterscheiben reizkauf
sudeln. darüber fensterln liebestolle weihnachts
männer. die toiletten der damen tragen das gepräge
festlicher duftigkeit, es weihnachtet sehr.
vorm eingang
des schnellfraßpalasts ein müllsackwall. niemand
hat mauernde absichten, es hilft nichts, die offene masse
walzt die barrikaden, sie wollen den whopper, das mordsding.

abortens in gesichtshöhe monitore: ich piss auf nach
richten im lokus, kündend vom nächsten boom
geschluckter leiber, lügen, whoppern, industrien, massen
gräbern, fragen ("wird es genügend taxis ins neue jahr
tausend geben?").
abortens der tote soldat, ich seh
ihm pissend ins auge, erbrochen, geprägt von festlicher
duftigkeit. noch schnell ein schielender schwanzvergleich,
bevor er eingepackt wird, das mordsding, der whopper:
abschütteln, verpacken, vertuchen, fertig: lokus amoenus.

7
coolock, schokoladenfabrik. blick
über die straße: hier herrscht
verwirrung der sinne, industriell
indiziert: grauer star im auge, von
soviel staub und mauertrauer.
dagegen süßlichzarbittres,
das in die brust fährt:
hässliche vorstadtsynästhesie.

die straßenkinder: sie bewerfen
sich mit sprengkörpern, lachen und lungern.

dass ich weder dazu noch hierher
gehöre, zeigt die zerbrochene tür
meines wagens am morgen.

8
belfast im dezember 99 war ein wenig
hoffnung, die aus den zeitungen kam. die luft
schnitt den atem ab dieser landschaft,
gespickt mit sarkasmen wie peace wall,
in deren stacheldraht plastiktüten aufgespießt
wehten im wind. liebe fand nicht statt, und es schmerzt,
kein gesicht zu erinnern,
nur die vergitterten fenster
der pubs mit alten gestalten im dunkel darinnen.

9
bildschirmtage, die einfach so weggehn, kühl
wie die zugluft im büro. die vernetzungen darin,
die knotenpunkte, sammelstellen, umschlagplätze:
schaltstellen im windows-explorer und grübchen
im gesicht der sekretärin - ein geheimer plan.

bildschirmtage, die einfach so weggehn, kühl,
mit der nase im abend, wo die lauben- und fabriklandschaft
von palmen gesäumt wird. und plötzlich wird zeit
ganz körperlich, der tanz des mückenwirbels über den sträuchern
misst sich in zigarettenlängen, rauchzeichen
aus dizzys trompete.

seit dem gefühl, dass ich weg muss, schrieb ich
kein gedicht mehr, nur noch vokabeln.
manche denken ihr leben
lang daran, kühl, und gehen doch nie
einfach so
weg.

Sylvia Egger: ideen sollen verquirlt werden. 23 Jun 2001

nochmals als nachgereichte erklaerung - ich kannte die stuckisten nicht bis zu dem zeitpunkt. als rené mich auf booksports.de hinwies und eingeladen hatte. mich hier rhetorisch zu beteiligen. mache ich natuerlich meine "hausaufgaben" und informiere mich ueber das manifest. das mir. da tragend auf der homepage platziert. so wichtig erschien auch im zusammenhang. dass ich nach euren bezuegen dazu gefragt habe.
rené meinte auch mir gegenueber. dass da durchaus bezuege seien. daher mein nachfragen. zur bewegung der stuckisten selbst: die ironie ergibt sich fuer mich aus dem "ruf nach authentiztiaet" und der im gleichen atemzug genannten ablehnung der (britischen) konzeptkunst. zum einen wird der authentische kuenstler/aussage gefordert. zum anderen die sicherlich nicht missverstaendliche aussage einer britischen konzepterin (tracey emin - everyone I have ever slept with - ein richtiges patchwork zelt zum wohlfuehlen ;-)). die sehr "authentisch" rueber kommt. naja. inkonsequenz kennzeichnet so manches manifest.

meiner meinung nach - fordern die stuckisten dinge. die in den verschiedensten ismen immer wieder aufs tapet gebracht wurden - raus aus dem atelier. und die schreibmaschine in die naechste blume setzen usw. damit einhergeht die reflektierung des jeweiligen stands der betrieblichen einbindung von kunst und kuenstler.
die rueckbindung auf die staffelei als einziges werkzeug ist reaktionaer. darueber laesst sich kaum streiten. jedoch sind die aspekte der betrieblichen kritik - wie eh und je gefordert - eben immer aktuell. gegen die ready-mades des betriebs. die einmal aufgestellt wie schon immer genuine pappkameraden wirken. die darstellung der gegenwaertigen langlaeufig bekannten "jungen" literatur laesst sich durchaus mit dem schema des "capuccino-writers" der stuckisten fassen. die ex-pool-fraktion (reiche goeren buchstabensuppen und so) hat sich gerne in der "airport"-novel gesonnt und glaubte sich verspielt um den "blockbuster" charakter ihres "twelve year old public" writings zu kaminieren. es ist eben nicht nur muessig. sich um den mainstream zu scheren. sondern sich auch mal gedanken um die ausstattung der jungen garde zu machen (cappuccino - valentino - e-ricchie).
oder wie bourdieu sehr schoen anhand von flauberts "erziehung des herzens" auffiltert - wie die strukturen des literarischen feldes ausgerichtet sind. wo die erste und wo die zweite boheme sozialisiert wird. bis schliesslich die zweite in die erste aufsteigt. eben die schicke und harte kultur der salons. die der betriebsfetischierung heutzutage in nichts nachsteht. und wie so schoen im cappucino manifest steht: "writers that have be interviewed by melvin bragg to be recognised as writers aren't writers."


Stan Lafleur: irland/rdb-stipendium, 23 Jun 2001

christian:
ueber deine ausfuehrliche kritik zu dem banagher-gedicht hab ich mich sehr gefreut. natuerlich bleibt einiges zu beantworten, was ich anders sehe bzw ergaenzen moechte. das erste ist schonmal: du hast zehn monate in dublin verbracht - fuer mich war es ein erster aufenthalt von 12 tagen, da mein bruder im februar nach irland ausgewandert ist - & ich bin dort in einem klischee gelandet, das klang deutlich bei dir (& anderen irlandkennern) durch & ich werde wohl erst bei/nach weiteren besuchen die gelegenheit haben, das zu korrigieren, was mir insofern am herzen liegt, als ich in dieser kurzen zeit doch hinweise gefunden habe, die darauf schlieszen lassen, dasz es dort noch mehr gibt als das, was ich mitnehmen konnte, & was alles in allem, in geistiger hinsicht, eher enttaeuschend zu bezeichnen waere, haette ich denn etwas konkretes erwartet. dazu kam ich im vorhinein gar nicht recht dazu mich naeher zu informieren, wohin ich da gehe, da das alles sehr kurzfristig gelaufen ist. mir ist vollkommen klar, dasz sich dieser banagher-text komplett in diesem auch von dir angesprochenen klischee-rahmen bewegt & deine vermutung stimmt, dasz ich ihn damit verteidige, dasz ich einfach DORT in banagher nichts anderes zu sehen bekam. allerdings ist er auch nur teil eines (noch auf basis von notizen entstehenden) zyklus, wo noch raum fuer abseitigere (modernere wie altbackene) betrachtungen ist. weiterhin: ich fasse diesen banagher-text eher als ein lied auf, denn als ein klassisches gedicht, das haette ich evtl dazu sagen sollen. die von dir aufgestoeberten ungereimtheiten (gaelisch/dt) stoeren mich allerdings nicht, das finde ich insofern zu spitzfindig, als ich umgekehrt sagen kann: da fehlt dir die imaginationsbruecke/-faehigkeit (musz denn ein text fuer dich 100% logisch sein? - dann wirst du mit meiner lyrik wohl nie etwas anfangen koennen), andererseits konventionelle reime & ein zwei eher ungewoehnliche in einem text: auch darueber bin ich mir klar, aber ich sehe darin kein problem. jetzt hab ich zb grad flann o`briens "aus dalkeys archiven" gelesen, wie mir seit meinem aufenthalt ueberhaupt viel irisches zugetragen wird & ich bin, was das land angeht ganz am anfang, bin mir klar darueber & masze mir auch gar nicht an, da eine tiefe "wahrheit" zu vertreten in diesem banagher-song/gedicht, hoffe vielmehr, das noch vertiefen zu koennen, solang mein bruder dort bleibt, bei weiteren besuchen, denn interessante ANSAETZE gibt es in irland noch & noecher. ich gebe dir darueberhinaus vollkommen recht, denn das habe ich durchaus mitbekommen, dasz irland ein new economy-problem hat, aber die zeit war einfach zu kurz, da eine betrachtensweise mir anzueignen, die ich als fundiert vertreten koennte, deswegen denke ich, dasz unter der praemisse "eindruecke" dieser banagher-text, obwohl ich ihn selbst in mancher hinsicht bedenklich finde (eben wg des christen/sauf/folklore-eindrucks) an sich so stehen bleiben darf, zum thema "irland heute" allerdings nur flankiert von anderen texten.

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