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Roundabout März

Roundabout März: Fernsehen

René Hamann, GRUSS AUS MALTA, 02.03.2002

GRUSS AUS MALTA, SEPTEMBER 2001
kalter schweiß auf den handinnenflächen
bevor es dann happi-happi gab im touriflieger
rumpelige landung um fünf uhr früh aber
die schwüle luft ende september mit dem bus
durch die maltesische mondlandschaft jedes
haus ein flachdach & eine übergroße antenne
im hotel new cartwheel pauschalreise pool
auf dem dach Kontrolliert gelesen auf der liege
neben der liebsten & den in den wolkenlosen
himmel ziehenden rückfliegern nachgeäugt wie sie
in die sonne jetteten abends bier & englisches essen
haut die brennt zuckelt & juckt & sex mit füßen
an schwülen nachmittagen & irrten durch den ort
auf der suche nach fastfood als überall wagen ge
waschen wurden & radios dröhnten & fernseher
rauschten in einer sprache die wir nicht verstanden


Christian Jansen, l'ennui, 02.03.2002
1. Nachträge
a) tagebuch /buecher:
frage: warum habe ich renés tagebuchauszuege gerne gelesen?
antwort: ich lese tagebuecher fremder leute grundsaetzlich gern. das oeffentliche tagebuch ist nichts weiter als eine degenerierte form des essays, eine mischung desselben mit kurzgeschichteartigen elementen. es entspricht mit seiner degeneration, die sich einem ueberschallgeschwindigkeits-tempo verdankt, natuerlich exakt der vielzitierten "schnelllebigkeit unserer gesellschaft":

ein gedanke, ein zitat (aus einem buch, kinofilm, aufsatz) wird kurz aufgegriffen, angerissen, amplifiziert, vielleicht noch thematisch leicht variiert und dann wieder fallen gelassen, alles schnellschnell, zeitistgeld - das ganze noch eingebettet in ein bestimmtes, persoenlichkeit und intimitaet suggerierendes setting (z.b. wir: berlin: kino: kaelte; oder koeln: wg: bier: fernsehn) - und fertig ist der tagebucheintrag.
dieses procedere laesst sich schon am ersten eintrag nachweisen. es beginnt mit einer kurzen EINLEITUNG (setting), die wie der anfang einer kurzgeschichte in medias res beginnt und ueber ort und zeit informiert, dabei schon eine bestimmte stimmung evozierend: berlin ist gross und gefaehrlich, berlin ist eine fabrik. es folgt das "thema", oder sagen wir: die THESE: hier der kinofilm "memento" mit kurzer kritik, stakkatohaft, sentenzen, schnitt. dann die erweiterung, das thema wird leicht geoeffnet, das konkrete (der film) mit einem zweiten gegenstand, der ANTITHESE, konfrontiert (hier: die aussage "Thorsten Krämer schrieb einmal" dies und das ueber filme im allgemeinen), schnitt. folgt kurzreflektion ueber die antithese als SYNTHESE ("wiedermal umsonst ins kino gegangen, gute filme gibts leider wenige"), SCHNITT, ende des HAUPTTEILS. folgt der SCHLUSS: ein einziger satz, der an die STIMMUNG der einleitung anknuepft, ein satz, der die kamera im abspann ueber eine riesige, dunkle und gefaehrliche landschaft fahren laesst, ein genialer satz: "Als wir den Saal verlassen, um in das staubige Berlin zurück zu irren, müssen wir frieren." - berlin ist "staubig" wie im western, jetzt spiel mir das lied vom tod, mundharmonika!, wie dantes wanderer "irren" sie, im dunklen grossstadtwald vom rechten wege abgekommen; und: "frieren muessen sie", denn: kalt ist es, bitterkalt, geradezu EXISTENTIELL KALT: "ich bin aus den schwarzen waeldern in die asphaltstadt verschlagen und die kaelte der waelder wird in mir bis zu meinem absterben sein" - wow, das alles packt er in einen einzigen satz: charles bronson, dante und bertolt brecht mit einem anklang sartreschen existentialisten-pathos. das ist stark gemacht, - aber: es ist eben sehr GEMACHT, vielleicht ein wenig zu sehr.

warum liest das dennoch jeder gern? - weil es ja doch immer mal wieder - seltener oder oefter - diesen tollen WIEDERERKENNUNGSEFFEKT gibt. und natuerlich bin ich auch gern voyeur. es tut mir gut zu lesen, dass auch andere menschen alle diese kleinsten, kleinen und groesseren problemchen haben, dass sie im prinzip nicht anders leben als ich: zwischen kino, bureau, kneipe, wg-bude und zugabteil laufen sie alle mit desillusionierter intellektuellen-brille herum, sind einsam in der masse und reich im alleinsein, tapfer nehmen sie ihr geworfen-sein in eine kalte, zerhackte, verbruchstückte postmodernisten-welt voller zersplitterter licht- und lautreize hin, haben immer genug zu essen aber nie genug erlebt, kennen den billigsten popsong ebenso gut wie das neuste luhmannsche theorem, lesen SPEX und FAZ, BRAVO und AKZENTE, schwimmen mit dem strom und gegen ihn, sind jung, sarkastisch, zynisch, ironisch und bestenfalls selbstironisch, jobben um zu leben, lohnarbeit ist ihnen natuerlich nicht sinngebung, sondern zu beklagende, materiell indizierte notwendigkeit, sie verdienen mal sehr gut und sind dann wieder zeitweise arbeitslos, egal: fuer ausgedehnte reisen reicht es irgendwie immer, man ist schliesslich kosmopolit und weltbuerger... es hat diese perspektive, dieses surrogat eines bestimmten life-styles, das sich in der mehrheit aller produkte findet, die zz auf den kulturmarkt kommen, eine drogenhafte, stark abhaengig machende wirkung: wir sind genial und traurig, geknechtete kuenstlerseelen, die welt tut uns weh und ist ungerecht, aber wir koennen nichts daran aendern... und noch eins: es ist eine PERSPEKTIVE, die in ihrer bissigkeit, in ihrem sarkasmus, in ihrer stillen wildheit des verwundeten, im demuetigen ertragen des auserwaehltseins, im vollen bewusstsein also, das kainsmal auf der stirne zu tragen, immer sehr VON OBEN HERAB schaut: machmal ist es nur der nonchalente mix der register und die demonstration des wissens (der macht) en passant, manchmal verraet es sich wortwoertlich: "die Handlungen kennt man schon" (und das am ersten januar, dem ersten tag eines neuen jahres!!) - der junge dandy leidet natuerlich - wie sollte es anders sein - vor allem an einem uebel: dem schmerz aller grossstadt-dandys seit ihrem uebervater baudelaire: "C'est l'Ennui - / Tu le connais, René, ce monstre délicat, / - Hypocrite René, - mon semblable, - mon frère!"
- ja, rené, ich lese dein tagebuch gern, es hat eine sehr beruhigende wirkung auf mich.

b) interprationsverfahren (anlaesslich ingos gedicht)
ich beziehe mich auf die kritischen stimmen zu meiner "interpretation" zu ingos letztem gedicht. im wesentlichen lautete der vorwurf ja: viel rumgelabere, uebertreibung und nicht-textimmanentes-von-aussen-in-den-text-hinein-geprojiziere, was im wesentlichen daran festgemacht wurde, dass ich celans "aschgraues haar" anlässlich ingos "schwarzen haaren" evozierte. ich bin mir der wissenschaftlich nicht vorhandenen wasserdichte eines solchen vergleichs sehr gut bewusst. es war allerdings nie mein anspruch, eine INTERPRETATION des textes zu schreiben (mein fehler, dass ich selbst mein geschreibe so nannte); es sei mir gestattet, die kommentare, die ich teilweise zu texten verfasse, in LESEPROTOKOLL umzutaufen. dann wird hoffentlich einiges klarer. ich will nicht den autor besser verstehen als er sich selbst, ich will eigentlich gar nichts vom autor. als alte egoistensau bin ich an dem verhaeltnis zwischen text und MIR selbst interessiert, was bewirkt der text beim lesen/r, meine leseprotokolle sagen wahrscheinlich mehr ueber mich als ueber den text, und wenn jetzt postmodernisten, (de)konstruktivisten und systemtheoretiker die haende ueberm kopf zusammenschlagen ob solch verjährter rezeptionsaesthetik, - dann, dann, ja dann seis halt.

hier noch ein nachtrag zu "text und koerper": mir wurde einmal berichtet, dr. juergen zenke, angesehner germanist und bemitleideswerter paedagoge am koelner deutsch-studenten-seminar, sei beim vortragen der todesfuge einmal vor seinen studentInnen in traenen ausgebrochen. die erzaehlung war mir ein wenig peinlich, denn mir selbst hat der text auch mal die traenen in die augen getrieben. doch weit schlimmer noch steht es um mich: auch zu schindlers liste habe ich salzwasser produziert, und von weniger starken koerperlichen reaktionen auf text-/filmmaterial will ich gar nicht erst handeln. hinzunehmen koennte ich noch den neuen film "amen.", den ich kuerzlich sah, ein film von herrn costa-gavras mit ulrich tukur und mathieu kassovitz nach dem stellvertreter von hochhuts ralf. ich weiss nicht, ob der streifen schon in deutschland zu sehn ist. es geht im wesentlichen um das leben kurt gersteins, chemiker und mitglied der waffen-ss, einer historisch belegten person, die die zyklon-b-lieferungen zu ueberwachen hatte und versuchte, im rahmen seiner moeglichkeiten widerstand zu leisten; die andere hauptperson ist ein junger jesuit, der pius 12. von der notwendigkeit zu ueberzeugen sucht, seine paepstliche stimme zu erheben. der film wuerde den qualitaetskriterien der meisten von euch wahrscheinlich nicht standhalten - und wahrscheinlich zu recht. mich hat allerdings ein - simples, in seiner simplizitaet vielleicht gar triviales - leitmotiv sehr bewegt, bewegt auf ganz emotionaler basis. man sieht dann zwischen 2 szenen immer diesen viehtransporter durch eine karge polnische winterlandschaft hin- und herfahren: einmal sind die tueren der waggons verschlossen, beim naechsten mal sind sie an beiden seiten geoeffnet, dergestalt, dass man durch das so entstandene loch mal auf den himmel, mal auf eine mauer sieht, die sich hell von den schwarzbraunen anhaengern abheben. und natuerlich produziert die lokomotive viel rauch, der aufsteigt zum himmel. muss man sich jetzt schaemen, bei so was feuchte augen zu kriegen? verraet es einen mangel an kritisch-interl-lläktuäller distanz? zeigt es, dass ich ein uebersensibles weichei ohne kunstverstand bin? anders formuliert: wird die gemeine seele durch gemeines zu traenen geruehrt, und nur die erhabene durch erhabenes?

2) Fußball
hier noch die wirtschaftswissenschaftler-11:
Marx - Smith, Ricardo, Malthus, Sismondi - Walras (65. Pareto), Marshall, Schumpeter - Keynes, Friedman, Hayek (89. Laffer). reservebank: Rueff, Menger, Hicks.


Stan Lafleur, goldene momente der tv-geschichte, 03.03.2002

um bei tv anzuknuepfen. renés gedicht hab ich mehr als reisegedicht gesehen, denn als tv-gedicht. klar: fernsicht steckt mit drin. im hotel new cartwheel waer ich auch beinah mal gelandet, dann war der sonnenbomber aber schon ausgebucht. weiter kommentiere ich den gruss aus malta erstmal nicht.
stattdessen was aus eigenproduktion, mit einer kurzen skizze der kulisse: das gedicht entstand auf la palma wie so manches andere, das ich hier schon vorgestellt habe. in meiner lieblingsbar in santa cruz, sputnik, laeuft den ganzen tag das tv-geraet. spanisch. dh: grandiose farben, die es bei uns garnicht gibt. grell. dazu die spanische sprache, ein maschinengewehrfeuer aus kurzen vokalen, mit rollenden rrrs verbunden. drauszen wedeln die palmen & topfpflanzen der uferpromenade so vor sich hin, dahinter rauscht der verkehr, dahinter das meer. ohne hektik.

goldene momente der tv-geschichte (32)

im palmerischen fernsehen das fluszschweben der fluszpferde
auf dasz erde als erde begriffen & nie mehr miszverstanden werde &
ein ausschnitt aus haut als stufenweise vergroeszerung: je
klarer der aufblick, desto kleiner das geschehen -
um die fluszpferde wehen elemente aus leuchtendem leben/
fisch, auf dem tisch vor mir steht ein kuehles flaschenbier,
der wind vom meer her neigt die bluetenkelche, welche
erdgeborne farben tragen: mittenrein ins pal-system


Tobias Schoofs, negativ I, 04.03.2002

schon beim ersten lesen hatte mich christians mail sehr amüsiert. nachdem rené heute nochmal explizit auf die mail hingewiesen hatte, musste ich sie mir zum abendessen nochmal durchlesen. und wieder: sie ist sehr amüsant. sie zeigt auch christians vorgehen, das ein typisches vorgehen eines modernen autors ist: es wird ein anderer text besprochen - in scheinbarer nüchternheit, scheinbarer objektivität. dann wird ein wort aufgegriffen, hektisch erst in diesen, dann in jenen kontext gezerrt und plötzlich ist alles ganz monströs und vor allem: man kennt es - nämlich von den texten dessen, den man gerade noch für einen unbeteiligten rezensenten oder essayisten hielt. ich folge seinem ersten absatz über die tagebücher, also der analyse. dann aber wird plötzlich aus einem kalten abend in berlin, die existientielle kälte, aus ein bisschen frösteln wird die eiszeit der postmodernen städte. wo gerade noch eine (und wie ich finde ehr ruhig sprechende) stimme war, wimmelt es plötzlich von genialen, traurigen und geknechteten künstlerseelen. eigentlich ist nur eine da: sie haust in paris. ihr leseprotokoll aber verbreitet das übel auf der ganzen welt, wie jener professor im tanz der vampire, der doch gekommen war, sie auszutreiben. ja, christian, ich genieße deine leseprotokolle sehr. sie haben eine beunruhigende wirkung auf mich. einmal im sinne einer freudigen erregung, dem amusement. zum anderen in einem weniger angenehmen sinn. denn ganz kann ich mir die frage, stimmt das denn, was der da sagt? nicht abgewöhnen. und eindeutig: es stimmt nicht. es ist deine stimmung, es sind deine texte, von denen du im gewand der rené?schen tagebücher sprichst. hier ist kein leichenbitter schwarz gekleideter baudelaire im spiel, dessen durch die straßen von paris schleichender dandysme darin besteht, sich täglich, nächtlich neu zu überlegen, wie er seine verachtung gegenüber all dem neuer, origineller und eleganter begründen kann. und da du den spiegel schon selbst aufs trapez bringst: sind wir so? sind wir die geknechteten künstlerseelen? natürlich ist nicht jeder knabenmorgenblütentraum gereift. aber deshalb in wüsten, äh, fortfahren ... von luhmann gibt es übrigens nichts neues mehr.
noch etwas drängt diese negativität auf. sie richtet sich am liebsten gegen sich selbst. nicht als selbstironie, sondern als selbsthass und selbstverachtung. höhepunkt des ganzen ist die intellektualitätsfeindlichkeit, deren zerstörungswut bei christian bis ins literale geht, so dass nicht einmal das wort mehr ausgeschrieben werden kann. aber alle wege der antiintellektualität münden in scheiße. die nicht-intellektualität ist nicht in der lage, brauchbare kulturgüter hervorzubringen. aber damit wäre ich schon bei der dichotomie, über die ich eigentlich reden wollte, nämlich der von geist und körper.
ein kurzer schluss noch, der einem benn-essay entlehnt ist, der sich nicht als angriff gegen eine spezifisch nicht- und anitiintellektuelle haltung, sondern gegen die kulturpolitik der nazis richtet. in den ersten zwei abschnitten des essays wird die kapitalistische kultur im europa des 19. und frühen 20. jahrhunderts beschrieben. diese ist brüchig und die großen künstler sind verzweifelt auf der suche nach neuem. jetzt kommen die deutschen, die antiintellektuellen: "nämlich Kleinbausiedlungen, darin subventierten, durch Steuergesetze vergünstigten Geschlechtsverkehr; in der Küche selbstgezogenes Rapsöl, selbstbebrüteten Eierkuchen, Eigengraupen; am Leibe Heimatkurkeln, Gauflanell und als Kunst und Innenleben funkisch gegrölte Sturmbannlieder. Darin erkennt sich ein Volk. Ein Turnreck im Garten und auf den Höhen Johannisfeuer - das ist der Vollgermane. Ein Schützenplatz und der zinnerne Humpen voll Bock, das sei sein Element. Und nun blicken sie fragend die gebildeten Nationen an und erwarten mit einer kindlich anmutenden Naivität deren bewunderndes Erstaunen."


Stan Lafleur, tv, 04.03.2002

fernsehfilm, rtl 2

der typ erschieszt voll krass mehrmals die lady
die glotzt noch starr mit premiere nachbearbeitet
so vier fuenf liter kunstblut. & rauscht dann ab
die fahrn ne a-klasse vor ne mauer
so ne scheisz mauer, weiszte
jagen das pyrotechnicmaeszig hoch
voll flammen & so, so n minihiroshima
& am schlusz kommt die lady als zombie wieder, voll absurd
mit tierischen reiszzaehnen. & dann kommen die nachrichten
& du merkst kein unterschied. & dann die boerse
sachma, weiszt du eigentlich so etwa genau, was da ablaeuft?
an der boerse mein ich, mit dem geld


Saskia Mackeben, vermischtes, 04.03.2002

tagebuchschreiben als literarische äußerung gefällt mir generell auch sehr gut, ich kann mich christian nur anschließen, es ist ein voyeuristischer genuss. allerdings läuft es auch gefahr, alltäglich oder beliebig zu werden. gerade den ersten eintrag über den kinofilm finde ich dann auch eher belanglos. im großen und ganzen ist es nett zu lesen. es ist eher ein tagebuch über inneres, gedanken, vor allem geistige entwicklung, als ein bericht über konkret erlebtes. dieses wird nur angerissen, ist teilweise auch unverständlich. warum wird nicht erwähnt, mit wem der autor durch berlin läuft, dafür aber namedropping in bezug auf menschen die geistige anstöße liefern betrieben? mir fehlt ein wenig das äußere, das geschehen, der zusammenhang. christian geht in seiner ausführung über zu tränen rührendes dagegen anhand eines gedankens, einer idee, auch emotional in die vollen. könnte einen interessanten gegensatz darstellen, wenn ihr beide damit so weitermacht. zufällig lese ich gerade unter anderem in den tagebüchern von anais nin. die beschreibt sehr detailliert was sie erlebt und dabei denkt und fühlt. ein weglassen bestimmter dinge, welches sicher auch stattfand, ist bei ihr nicht zu erkennen. ich finde es dennoch nicht langatmig, sondern unterhaltsam. interessant an dieser stelle vielleicht noch, dass meine prosa-texte mehrfach als "tagebuch-ähnlich" bezeichnet wurden, obwohl sie nicht meinem wirklichen leben entnommen sind. zudem war es wohl abwertend gemeint, mangelnde imaginationsfähigkeit unterstellend. stans gedicht über große momente der tv-geschichte gefällt mir sehr gut. der reim ist mir beim lesen bzw. inneren hören gar nicht aufgefallen. ist er beabsichtigt, bzw. soll er betont werden? ich fand das bild mit der bierflasche sehr stimmig, sommer-atmosphäre hervorrufend. das rtl2-gedicht erinnert mich an texte von astrid, bzw. aski elber. es ist ansonsten ungefähr das, was ich mir unter tv-gedichten vorgestellt hatte - nicht mein ding.
zuletzt noch ein eigenes gedicht, das ich vor ein paar wochen schrieb und
dachte, es passe zum thema: das ende der bilder. es passt allerdings auch
zum thema fernsehen oder tagebuch.

schnitt

im film
und rückblende
chirurgisches forschen
auf der anderen seite eines spiegels

schnitt
von der vorstellung
zur wirklichkeit
ich glaube an etwas anderes

mein tagebuch
daraus schreibe ich ab
und ändere meinen namen
als hauptdarstellerin

der film
schlägt seinen spannungsbogen
zu viele nebenrollen
ich trinke aus beschlagenen gläsern

der tatort
hat gewechselt
ich schneide mich nicht mehr
an scherben leerer getränke

im tagebuch
ziehe ich einen strich
der verläuft vertikal
unter unachtsam vergossener flüssigkeit


Christian Jansen, Blut im Munde, 05.03.2002

schön, dass im Roundabout Blutverteilung wieder im Gange ist. Und natürlich freue ich mich, zur allgemeinen Heiterkeit beigetragen zu haben: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ja, Tobias, ich bewundere deine Boshaftigkeit sehr, die ich nach den Ausführungen Settembrinis im Zauberberg als Zeichen wahrhaften Humanismus' und aufklärerischer, vielleicht sogar fast freundschaftlicher (aber das mag Wunschdenken sein) Bemühung lese. Und wer wollte mir kindlich anmutende Naivität und das Warten auf bewunderndes Erstaunen angesichts meiner genialen und geknechteten Künstlerseele vorwerfen? Schließlich bin ich das (zumindest männliche) Nesthäkchen im RB. Sei mir nicht böse, aber vor der Selbsthass-Analyse kann ich mich natürlich nur mit einem ganz flüchtigen Nicken verneigen; ich wies ja selbst ausdrücklich auf meinen rezeptionsästhetischen Ansatz hin. Sehr schön hingegen die Vampir-Allusion; es stimmt ja: weil ich seit geraumer Zeit unfähig bin, Eigenes zu schreiben, muss ich eben andere Texte aussaugen; ich weiß nicht, wann und warum genau ich mich in dieses ungeheure Ungeziefer verwandelt habe; es handelt sich tatsächlich um wahres Schmarotzertum, aber ich hoffe, dass die Leute, deren Texte ich bisher im RB ausgesogen habe, gegen mich keinen bleibenden Zorn im Busen tragen. Die Benn-Keule ist natürlich nicht nur sehr böse, sondern v.a. sehr effektiv. So wird jede Kritik an Intellektualität im Keim erstickt und als potentiell faschistoid sofort unmöglich gemacht. Deine Mail, Tobias, erstaunt mich. Das, was DU bei MIR als Zeichen vermeintlichen Selbsthasses konstatierst, das hektische ?erst in diesen, dann in jenen kontext"-Gezerre und vor allem das anschließende monströse Aufblähen, - das demonstrierst du ja selbst in monströsem Maße: Das wertfreie und in der Tat naive Konstatieren einer Dissonanz zwischen körperlichen und geistigen Regungen wird da zur "intellektualitätsfeindlichkeit": wer sich dagegen wehrt, im Kino über intellektuell vermeintlich Wertloses nicht flennen zu dürfen, wird wenn nicht als Nazi gestempelt, so doch wenigstens latent in deren Nähe gedrängt. Es ist dies leider, bei aller humanistischen Boshaftigkeit, selbst eine anti-intellektuelle Haltung, denn in geradezu hysterischer Manier schafft sie Tabus und Denkverbote, wacht mit dem Argus-Auge des Inquisitors über jeden sich regenden Widerspruch und stilisiert die eigene Haltung, die Intellektualität, zum Fetisch. Freiheit ist immer auch die Freiheit ist immer auch die Freiheit...

"alle wege der antiintellektualität münden in scheiße" - alle Denkverbote auch. Ich glaube nicht daran, dass es nur EINE geniale und geknechtete Künstlerseele gebe, die angeblich in Paris lebe. Exemplare dieser Gattung gibt?s ganz sicher auch in der Kölner Südstadt. Und bist nicht auch du, armer Hirnhund, "der Stirn so satt" in schwachen Stunden? Nimmt man nicht auch in Köln gern von Zeit zu Zeit den zinnernen Humpen Bock, und freut sich über Eierkuchen und kostenlosen Geschlechtsverkehr? Ach:
"Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt
das Herz sich nicht draus tot.
Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde."


Stan Lafleur, tv three, 05.03.2002

wenn in meinen texte reime auftauchen, ist das immer beabsichtigt! beim vorlesen betone ich sie, ebenso wie haeufungen gleicher vokale. eine zweite version:

nochn film auf rtl

knallt der typ die ische ab, voll krass
im hintergrund pumptn motörhead-bass.

auf hartem asfalt, cool, entsteht ne flut
ketchupn oder kunstblut. oder cochenille.

dann erstmal grausige stille. campari-
werbung. die stille kehrt zurueck & geht

nach einer viertel sekunde. mit premiere
bearbeitet klafft eine riesige wunde

vom mund der lady bis hin zum hirn
rotorblaetter schwirrn. es geht um dramatik

& ums happy end. & klaro: es kommt.
danach die boerse: obs leben sich lohnt.


Tobias Schoofs, negativ II, 06.03.2002

ich habe settembrini gesehen. er bat mich naphta zu grüßen. er sagte, naphta solle nicht traurig sein, wenn er das gefühl habe, sein denken werde verboten. schließlich wisse jedermann, dass er sich sowieso an keine verbote halte, dass sie ihn gerade zu dem verbotenen, und insbesondere, wenn es mit denken und reden zu tun haben, erst anstachelten. außerdem, wenn naphta das gefühl habe, dass er, settembrini, seine äußerungen für verbotswürdig hielte, so sei das ganz bestimmt nicht wahr. es sei, so settembrini, naphtas denken selbst, dass den anschein wecke, verboten zu sein. darüber hinaus gebe es keine anstrengungen oder prozesse, insbesondere keine juristischen.

auch ich will niemanden und nichts verbieten. genauso wenig, wie ich möchte, dass meine äußerungen verboten seien. etwa die folgende, dass mich schindlers liste schockiert hat, ähnlich wie zuvor die amerikanische fernsehserie holocaust, aus der unglückseligerweise der populäre name der schoah abgeleitet wurde. beide nämlich führten mir vor augen, dass auch die schoah vermarktbar ist. heute weiß ich das und wäre weniger schockiert von filmen solcher machart. eine der lustigsten stellen in walter moers? adolf finde ich übrigens, wie hitler erklärt, nicht nur prince, jetzt lovesymbol, habe einen neuen namen, sondern auch er selbst, er nenne sich jetzt nämlich oskar schindler.
dennoch finde ich filme wie schindlers liste nach wie vor abstoßend. es hat eine andere qualität, wenn zenke von der todesfuge oder ich von schindlers liste gerührt werde. obwohl mir auch die todesfuge nie sonderlich gefiel: dies ist eine andere auseinandersetzung mit dem thema als spielbergs historien-et. dass du, christian, persönlich von dem film gerührt bist, ist von mir aus völlig ok. mindestens genauso ok ist aber, dass ich diesen film - und auch die üblen beiträge in deutschen feuilletons dazu - unerträglich finde oder dieser film, um es mit theweleit zu sagen, mir körperliches unwohlsein bereitet.

aber, glaubt man den ausführungen von stan, körperliche reaktionen sind sicher besser als das, was jenseits des körpers ist, nämlich das nicht-erleben = das geistige = die langeweile. bildet bei ingo der körper noch einen relativ bescheidenen gegensatz, nämlich den zum sprachzentrum, alles andere ist dann körper, gibt es bei stan jenseits des körpers nur noch langeweile. obwohl hinreichend bekannt ist, dass die klassischen dichotomien (körper - seele - geist) wissenschaftlich keinen einfluss mehr haben, hinkt das alltagsbewusstsein weit hinterher. in irgend einem zusammenhang habe ich im roundabout mal auf benjamins these verwiesen, dass die bilder immer mindestens eine generation brauchen, um sich zu aktualisieren. in diesem fall geht es nicht anders. mir selbst ist es zuwider, mich ständig falsch auszudrücken, mir gefällt diese klassische entgegensetzung daher nicht. sie gefällt mir besonders dann nicht, wenn der geist als die wurzel allen übels ausgemacht wird. angeblich nämlich soll ?früher? (siehe aristoteles) der geist den führungsanspruch erhoben haben, in gestalt einer regulären körperverachtung soll er im ?mittelalter? (siehe kirche) diktatorische züge angenommen haben und erst im gesegneten 20. jahrhundert, dem zeitalter von genanalyse und computertomographie, wird der körper in sein eigentliches recht gesetzt (siehe sexuelle aufklärung und fußballstadion). es ist aber gerade die naturwissenschaft, die die unterscheidung, in der form, wie sie früher betrieben wurde, auslöscht. durs grünbein schreibt irgendwo, der künstler habe heute nur noch "nerven". dieser faszinierenden formulierung würde ich mich begeistert anschließen, würde grünbein sie nicht eben im sinne der geistverachtung interpretieren: nämlich als fehlen eines ideologischen korrektivs wiederum gegenüber dem KÖRPER. in allen diesen varianten ist es immer dasselbe bild des körpers: als des KÖRPERLICHEN, also anfassbaren, dessen, aus dem etwas herausfließt, des lebenssaftigen: der blut- und boden körpers. eine eingehende beschäftigung mit dem körper, des größten teils des körpers, würde aber ein ganz anderes bild ergeben. der körper präsentiert sich in seiner architektur, seinen überwiegend abstrakten und nur mit geistiger anstrengung nachvollziehbaren prozessen: die blutgerinnung, das alphabet der gene, das gehör sowie die reizübertragung - all das sind komplexe strukturen und prozesse. jetzt wird man einwenden, mein zugang zum körperlichen präsentiert sich hier geistig: nämlich als rein intellektuelle beschäftigung mit IHM, IHN müsse man aber aus dem bauch, d.h. mit seinem KÖRPERGEFÜHL, wahrnehmen. mit anderen worten, ich nun wieder, mit instanzen dessen, was man früher der geistigen welt hätte zuschlagen müssen. denn sinnesreize, schmerz, lust, gefühl etc., unterscheiden sich physisch nicht von gedanken. gedanken also sind körperlich. oder: der körper ist nur gedanklich. oder man zieht sich auf die fleischtrog vs. alles andere variante zurück, dann unterscheidet man aber tatsächlich wie im finstersten mittelalter, dreht nur alles um, findet gut, was sie damals doof fanden und doof, was damals gut gefunden wurde. zumindest von einigen.

ich weiß, dass diese ausführung nur wenig sinn hat, weil es eigentlich um etwas anderes geht. wenn stan sagt, die texte von dem und dem enthielten nichts "körperliches", ist etwas anderes gemeint. mir wäre völlig schleierhaft, wie man in hummelts texten das körperliche vermissen kann, da dies ein zentrales thema seiner arbeiten ist, wenn ich nicht davon ausginge, dass die formulierung in wirklichkeit etwas ganz anderes heißt. ich will ganz vorsichtig vermuten, dass "körperlich" eigentlich nur sowas heißt wie der ausdruck "schlumpf" bei den schlümpfen. der eine wird dann sagen: ja stimmt, da sind zu viel reime drin. ein anerer fühlt sich bestätigt, weil er auch immer schon gedacht hat, norberts gedichte wären zu kurz. und ein dritter wird schließlich denken: ich mag prosa auch lieber. es handelt sich um eine variante der vervollkommnung des gedanken bei der rede, bei der einfach kein gedanke herumkommen will. und hier ist man sich mit dem blut- und boden-körper einig: auch ihn interessieren keine gedanken. wenn ich weniger vorsichtig wäre, so würde ich sagen, dass der verweis aufs körperliche das totschlagargument in allen kulturellen debatten ist. ein roman muss "sinnlich" sein, ein philosophischer text erotisch - und wenn sich der körper selbst zeigt, wenn sich also, egal was, auf bühnen abspielt, so muss er sexy sein. alles andere ist zweitrangig. rené warf kürzlich die frage auf, ob meat murder ist. und ich würde sagen, wenn sonst nichts drin ist, als ein kotelett, dann ja. wenn nichts anderes mehr sichtbar wird als totes fleisch, dann ja.

in die nähe der nazis will ich diesen körperkult nicht rücken. aber wo immer das einzige argument auf einen gedanken der verweis auf einen diffusen, als träge masse verstandenen körper ist, erweist sich der körper als ein vampir, der tatsächlich nur verdorrtes zurücklässt, eine geistige wüste. und, um das noch zum abschluss zu bringen, christian: auch ich trinke gern schon mal ein bockbier (wenn auch nur selten aus zinnhumpen). nur gehe ich nicht hin und mache daraus ein gegenkonzept zur intellektualität. und sicher haben mich auch schon einfach gestrickte filme zu tränen gerührt. ich habe deshalb aber kein schlechtes gewissen, das zur triebfeder wird, mich gegen alle zu wehren, von denen ich meine, sie würden mich deshalb gering schätzen.


Ingo Jacobs, fferteB, 07.03.2002

der körper: natürlich geht es nicht darum, jetzt mal eben unser gutes altes mutiertes riechhirn a.k.a. neokortex wegzufräsen und dann ist gut fühlen. die hirnforschung erzählt bekanntlich mittlerweile mehr über die phänomenologie des geistes als ein plötzlich herbeigezerrter herr hegel es je gekonnt hätte. da muss man dann sezieren: von der erfahrung, übers bewusstsein gehts nach dem selbstbewusstsein dann ins idelogische: herr und knecht. vernunft. staat. religion. alles. alles nicht-körper: in dem sinne, dass es als gedicht via wort nicht fähig ist, einen hörerkörper in ein verhältnis zu etwas nicht-ideologischem zu setzen. also geht es mehr um den textkörper, die form: welche textkörperform kann was fassen idealerweise? was also kann ein gedichtkörper fassen, wäre mein fragender beitrag, der uns zurück zum thema führte.

stans ersten text aus der reihe "goldene momente", finde ich um längen besser als den (mit dem) zweiten (sieht man gar nichts). besonders gut gefällt mir, dass nicht klar wird, ob die blütenkelche nun (real)real oder (vermittelt)real sind: so verstehe ich das ende. oder wie kommen die farben sonst rein ins pal-system? desweiteren: ein ausschnitt aus haut? ich dachte, ein ausschnitt ist immer aus haut. oder soll zumindest haut zeigen? ist es also, wie ich denke, menschliche haut, der aufblick also der blick zum tv-gerät? und dann: wieso "leben/ fisch"? macht dieser (um)bruch dort sinn? irgendwie unausgegoren, aber appetitanregend. ich vergebe trotzdem nur einen michelin-stern.

"nochn film auf rtl" fängt als tom-gerhardt-double an. motörheadbass, kunstblut, mächtig kawumm, etc. was ist cochenille? ich kenn nur cauchemar. egal. logisch, dann campariwerbung, campari, was sonst? mit adobe premiere bearbeitete wunde, alles tot, gemetzel, blutreize, niedere instinkte werden befriedigt, entfremdete welt, böse böse, abgestumpfte subjekte laben sich an fiktionaler gewalt, haben kein respekt vor leben, logisch, leben sie doch in einer kapitalistischen welt, die leben mit geldbesitz verwechselt. schon von der sprachführung her kommt das nicht hin, erst dieser prollduktus, dann mehr oder minder gelungene szenische beschreibung, schließlich billige erstsemsterkritik.

saskias "schnitt" gefällt mir erstmal so làlà. "die andere seite eines spiegels" gerät in verdacht als ausgelutschtes lacanverweisbonbon gleich für verdruss zu sorgen, dann kommt der schnitt, na gut, vorstellung > < wirklichkeit, offensichtlich weder noch, daran wird nämlich nicht geglaubt (an die antipoden). imaginäres, reales, symbolisches. der borromäische knoten nämlich. das tagebuchkino: ändere meinen namen als hauptderstellerin? ?in den der hauptdarstellerin? lese ich, andernfalls wird befugnis suggeriert, als hauptdarstellerin habe ich das recht, meinen namen nach belieben zu ändern. from tagebuch to kino, zwei datenträger, der eine das imaginäre befriedigend, der andere das imaginäre symbolisch be- und verhandelnd. dann kommt das reale ins spiel, als sekret, als blut. wir sind nicht mehr im kino, nicht mehr in der schrift. an den "scherben leerer getränke" hatte der körper sich geschnitten. er vermeidet es nun, zieht sich vom realen zurück in die schrift, streicht sie durch, begießt sie mit realem. ooops. he did it again: er hat den lacan geritten bzw. das lacanverweisbonbon geschluckt. im ernst: je länger ich lese, desto mehr berührt und fängt mich der text.


Stan Lafleur, tv poetry, 10.03.2002

ich habe da bewuszt die von dir benannten uebergaenge unklar (mal scharf, mal unscharf) gestaltet. fading/ueberblenden/schnitte wie sie im tv alltaeglich sind. ein ausschnitt immer aus haut? nein, er kann ja auch aus fleisch sein zb, also dreidimensional. auszerdem arbeite ich gern mit vokal- oder diphtonghaeufungen. gleichzeitig ist wieder ein reales stueck menschenhaut mit drin, auf das das okular zoomt.
es funktioniert offensichtlich nicht, proll-sprache & vertracktere gedanken/fremdwoerter auf diese weise zusammenzuwuerfeln. die billige grundaussage, sowas faellt fuer mich unter grobe volksdichtung, dafuer schaem ich mich nicht, da der text m.e. doch anders klingt als das meiste aus dieser richtung. aber cochenille haett ich da nicht aufnehmen duerfen. es handelt sich dabei um laeuse, aus denen ein roter farbstoff gewonnen wurde (evtl immer noch wird). sie leben auf opuntien (feigenkakteen). waehrend meiner schulzeit ging das geruecht um, dasz campari mit cochenille eingefaerbt wuerde. also mit zerdroschenen laeusen. das war mein verdeckter gedankengang.


René Hamann, check einundzwanzig: sätze, 13.03.2002

eine menge text und eine weitere schale die ich von mir werfe. und etwas groll, etwas polemik, den/die ich wie immer bitte, nicht allzu persönlich zu nehmen. schließlich geht es um KRITIK hier. KRITIK der KRITIK anhand von acht aus den letzten mails herausgefuschten sätzen. die zuordnung der sätze zu den jeweiligen autorInnen kann ja jeder selbst erledigen, mir geht es wie gesagt nicht um eine persönliche ebene.

1. "es ist eben sehr GEMACHT"
was, bitteschön, ist nicht sehr gemacht. was ist denn das überhaupt für eine kritik. eine gemachte, haha. und die antithese lautet: wer nicht weiß, dass texte GEMACHT oder "konstruiert" werden, hat keine ahnung und muss draußen bleiben.

2. "immer sehr VON OBEN HERAB"
der schreiber als vogel, als hubschrauber, als hubschrauberkameramann. metafern der richtung (hier bitte fremdwort einsetzen). frage: wie sähe ein ausschnitt text aus, käme er von unten? aber die metafer will auf etwas anderes hinaus - wird ja auch erklärt, jaja - : vorwurf der ÜBERheblichkeit, der altklugheit, der arroganz etc. ÜBERBLICK wäre auch so eine metafer, nur in der wertung völlig konträr gerichtet. es ist ein einziges drunter und drüber, die gute alte evolutionstheorie, die hierarchien der wahrnehmung mit projektionen von allen seiten ... trotzdem: "sehr down-to-earth" hätte mir besser gefallen. ups.

3. "alle wege der antiintellektualität münden in scheiße"
das ist man wahr.

4. "& dann kommen die nachrichten/ & du merkst kein unterschied"
das stört, das stimmt nicht, das ist eine frage der perspektive. hier hat jemand offensichtlich keine ahnung von formaten. die sattsam bekannte gretchenfrage, ob nun das fernsehen die leute verdummt, oder das fernsehen so dumm ist wie die leute, die es schaun (á la ‚jedes volk hat das fernsehen, das es verdient'), gehört endgültig vom bildschirm verbannt. dieser theoriefaden zwirbelt sich endlos in die tiefe und führt doch nur ins nichts.

5. "allerdings läuft es auch gefahr, alltäglich oder beliebig zu werden"
mein leben läuft gefahr, alltäglich zu werden.

6. "es ist eher ein tagebuch über inneres, gedanken, vor allem geistige
entwicklung, als ein bericht über konkret erlebtes"
nein, es ist ein bericht über inneres, gedanken, vor allem geistige entwicklung, und damit ein bericht über konkret erlebtes.

7. "christian geht in seiner ausführung über zu tränen rührendes dagegen
anhand eines gedankens, einer idee, auch emotional in die vollen. könnte einen interessanten gegensatz darstellen, wenn ihr beide damit so weitermacht."
ich nehme an: ein bericht über erlebtes erscheint kühl, sofern es nicht von tränenbächen spricht. ich denke dazu: von mir aus. andererseits war es die überblendung, -schneidung, die projektion christians, die den mehrwert schaffte. und nicht der gegensatz.

8. "ich fand das bild mit der bierflasche sehr stimmig, sommer-atmosphäre hervorrufend"
ein satz wie aus der werbe-industrie. man stellt eine bierflasche hin und denkt gleich: sommer, ferien, partystimmung. es gibt leute, die stellen sich jeden tag mehrere bierflaschen ins bild. aber ich will gar nicht den moralischen machen, denn auf der anderen seite ist der satz sehr interessant. er zeigt tatsächlich auf, wie sehr die bilder des werbefernsehens ins kollektive bewusstsein graviert sind. damit müssen die bildhauer (=dichter) rechnen. (lernen von walter moers, teil 2: in "adolf ist wieder da" wird adi von außerirdischen entführt, die ihm die gesamte menschheitsgeschichte nach '45 beibringen müssen. u.a. muss er das werbungsraten spielen - die außerirdischen geben die marke vor, adi muss den dazugehörigen slogan wissen/singen).

FERNSEHER
ein kurzer abriss, das hellnwein-plakat
an der kalkwand schaut seit stunden
oder jahren auf ablaufende geschichte.
kleinkosmen, unsichtbare änderungen,
jetzt gibt es seinen geist auf.

der kleine weiße fernseher, der lange
auf der kommode stand, ist angeschaltet.
zu sehen ist nichts, etwas scham vielleicht,
die dir auf den schultern hockt & starr
in fremde zimmer blickt.


Stan Lafleur, saetze, 13.03.2002

"4. & dann kommen die nachrichten/ & du merkst kein unterschied"
ich habe diesen satz genauso oder sehr aehnlich bei meinem letzten job im lager vernommen. das ist also aus der echtwelt. die kollegen hatten auch noch jede menge anderer probleme, viele von ihnen konnten zb nur mit groszer muehe bis 20 zaehlen. dafuer konnten sie prima autos knacken.
ich kenne auszerdem weitere leute persoenlich, die zwischen den formaten garnicht oder nur mit groszer muehe unterscheiden koennen. die findet man an der uni eher nicht. auch selten im mittelstand. durchaus hinter fenstern im vierten stockwerk, wo schulze an der klingel steht. oder im knast. dort habe ich auch einige analfabeten kennengelernt. die gibts. es ist vielleicht schwer, sich vorzustellen, dasz es solche leute gibt, wenn man nichts mit ihnen zu tun hat, aber sie zaehlen allein in deutschland millionen.
der rest ist renés interpretation. sollte das die einzige reaktion sein, die das gedicht hervorruft, ist es verfehlt. davon gehe ich aus. meine klientel besteht ja nur zu einem kleinen teil aus germanisten & filosofen, denen ich zum thema tv nix vormachen kann. allerdings besteht sie so gut wie garnicht aus straeflingen & analfabeten.


Achim Wagner, Der alte Gusske, 14.03.2002

auf den alten gusske stieß ich bei einem meiner streifzüge durch die alten allmählich verfallenden mietshäuser des sogenannten schrägen viertels am östlichen stadtrand gelegen fast nur noch aus ruinen bestehend & kaum noch bewohnt das schräge viertel ist ein mehr als schauriger ort besonders nachts keine straßenlaterne brennt mehr es fahren keine busse oder andere fahrzeuge keine passanten die die gehsteige säumen nur aus vereinzelten fenstern sieht man noch etwas bläuliches fernseherlicht nach außen schimmern von morbiden szenerien magisch angezogen verbringe ich seit 1 jahr nacht um nacht in dieser gegend seitdem ich mit meinem schlafsack & wenigen klamotten eine der leerstehenden wohnungen bezogen habe

ich war mit meiner taschenlampe kreuz & quer durch die straßen gelaufen als ich in der ferne einen schatten an den hauswänden entlang gleiten sah der schatten verschwand in einen hauseingang & ich beschleunigte meine schritte bemerkte im vierten stock des betreffenden gebäudes blaues licht & versuchte mich an der haustür sie war offen die treppenstufen knarzten laut als ich mich die stockwerke hoch mühte

der anblick der jungen frau die auf mein kräftiges klopfen die wohnungstür öffnete traf mich wie ein blitz ich schaute in ein bildhübsches rundes gesicht mit blonder pagenkopffrisur ((liebe auf den ersten blick knallroter kopf hastig gesenkt)) hallo ich wohne in der nachbarschaft brachte ich stammelnd hervor verstohlen wagte sich mein blick langsam wieder vom boden hoch dabei ihren beinen folgend über die sichtlich kleinen brüste die sich nur leicht unter der gelben bluse abhoben erneut in ihr gesicht die ohren mit jeweils fünf kleinen silbernen ringen geschmückt sie wirkte keineswegs überrascht ob meines sicher nicht erwarteten besuchs & fuhr sich lächelnd mit ihren dünnen fingern durch die haare komm rein ich folgte ihr in eine kleine & schäbige wohnung du willst bestimmt zu dem alten gusske wandte sie sich im flur an mich äh nein ja ich weiß nicht um ehrlich zu sein ich kenne den alten gusske nicht ich bin lediglich neugierig einem schatten wohl deinem gefolgt wider erwarten warf sie mich nicht sofort raus sondern blieb eine weile wortlos vor mir stehen sarah streckte sie mir schließlich eine zierliche hand entgegen aleksander entfuhr es mir freudig & ich hielt ihre hand ziemlich lang bis sie mir sanft aber bestimmt wieder entzogen wurde sarah führte mich ins wohnzimmer & ich traf auf den alten gusske er ist wirklich alt mindestens 90 schlaff & in unterhosen + unterhemd keine haare mehr auf dem kopf saß er auf einer abgewetzten braunen couch zwei meter vor ihm der tonlos flimmernde fernseher meine anwesenheit schien er nicht wahrzunehmen als sarah mehrere kerzen angezündet hatte stellte ich an seinen armen zahlreiche runde & sehr tiefe alte + neuere narben fest es sah aus als sei er angebissen worden sarah bot mir einen platz auf dem boden an sie selbst setzte sich neben den alten auf die couch & fuhr ihm zärtlich über das gesicht er ist schon lange taub begründete sie den abgestellten ton des fernsehers altersmäßig hätte sarah gusskes urenkelin sein können ich schätzte sie auf mitte zwanzig seine arme was ist mit seinen armen sie warf mir einen strengen blick zu schüttelte ihren kopf was jede weitere frage unterband er ist zu alt um die strapazen eines umzugs aushalten zu können sonst hätte ich ihn längst bei mir aufgenommen so schaue ich jede woche bei ihm vorbei & versorge ihn mit dem nötigsten erzählte sie nach ein paar minuten die wir schweigend verbracht hatten glaubst du an liebe auf den ersten blick nahm ich all meinen mut zusammen sarahs große blaue augen funkelten mir fröhlich entgegen du bist ein ziemlich komischer kauz aber immerhin ganz amüsant anstatt mich beleidigt zu fühlen stotterte ich es ist mir ernst sie nickte schmunzelnd wir werden sehen aber jetzt mußt du gehen er ist müde & ich werde ihn ins bett bringen ich stand auf & sarah begleitete mich zur tür nächste woche um die gleiche zeit ließ sie in mir hoffnung keimen

sarah & der alte gusske verfolgten mich in meinen träumen ich spürte wie sich seine zähne fest in meinem rechten arm gruben während sich sarahs breite volle lippen auf die meinen wölbten schweißgebadet aufgeschreckt schien mir alles unwahr nicht geschehen & ich vergewisserte mich daß es das haus das ich zu betreten geglaubt hatte wirklich gab grau & verfallen wie die übrigen ringsum stand es vor mir die meisten scheiben eingeschlagen oder nicht mehr existent

die woche wollte nicht vergehen tag für tag stand ich vor dem haus sehnte sarah herbei & verlor das gefühl für zeit

monate schienen vergangen zu sein als sie unvermittelt nach einbruch der abenddämmerung einen rucksack auf dem rücken auf mich zu kam ich wußte daß du bereits hier auf mich warten würdest sie hauchte mir einen flüchtigen kuß auf die wange ich habe zwei wochen urlaub die ich hier verbringen werde sie mußte das freudige flackern in meinen augen erkannt haben denn sie fügte sofort hinzu erwarte nicht zu viel ich werde ihm viel zeit widmen sie deutete mit dem kopf nach oben

wieder saßen wir im wohnzimmer & ich bemerkte wie gusske mit den füßen wippte als sarah sich ihm zwischendurch zuneigte & anlächelte er ist damit einverstanden daß du heute hier übernachtest mein herz begann schnell & laut zu schlagen natürlich war es nicht besonders schwierig gewesen meine gedanken zu lesen aber daß sarah von sich aus dieses mir so wichtige thema anschnitt war ein grund zur freude die sie mir mit dem nächsten satz völlig zunichte machte es ist genügend platz für drei in gusskes bett der alte konnte nicht besonders schwer sein dennoch war ich erstaunt mit welcher leichtigkeit ihn sarah von seinem platz hob erst ins bad dann ins bett trug wir teilten uns ein großes hölzernes doppelbett in einem winzigen schlafzimmer dessen abgestandene luft verriet daß es schon lange nicht mehr gelüftet worden war gusske in einen hellen pyjama gesteckt lag rechts sarah in grauem nachthemd in der mitte ich in schwarzen shorts bekam die linke seite & hatte ein mehr als mulmiges gefühl im magen sarah küßte den alten herrn auf die stirn & wünschte ihm schöne träume ich wagte kaum mich zu bewegen lag fast regungslos auf dem rücken sarah atmete leise & gleichmäßig ich glaubte sie schon schlafend als sie mit ihrem linken fuß über meine beine streichelte ich drehte ihr meinen kopf zu & blickte in sarahs geöffnete augen er hat uns seinen segen gegeben du brauchst keine hemmungen zu haben knurrte sie

es gelang mir weder sarah dazu zu bewegen eine nacht bei mir zu verbringen noch etwas über ihr leben außerhalb dieser seltsamen wohnung zu erfahren auch die lebensgeschichte gusskes blieb im dunklen sie blockte alle diesbezüglichen fragen ab während ihrer zwei wochen urlaub durfte ich sie im ganzen dreimal aufsuchen & nur ein weiteres mal mit in dem bett übernachten unsere gespräche blieben oberflächlich & belanglos auch wenn ich jedes wort von ihr für ein unbezahlbares geschenk hielt natürlich war ich mir um das jämmerliche bild das ich besonders vor mir selbst abgab völlig im klaren ich begann mich zu hassen im gleichen zug befiehl mich eine rasende eifersucht auf den alten gusske ich mißgönnte ihm die zeit die sie ihm opferte & wünschte ihm einen raschen tod

sarahs letzter urlaubstag ging zu ende sie hatte mir strikt untersagt sie zu verabschieden von einem versteck aus beobachtete ich das gusske-haus bis sie am frühen abend die sonne war gerade dabei am horizont zu versinken in einem roten weiten kleid ihren rucksack aufgeschultert aus der tür auf die straße trat sarah wirkte müde ihre weiße haut bleicher als sonst die breite stirn zierten falten ich hatte geplant ihr heimlich zu folgen mehr über sie herauszufinden ich weiß daß du da bist rief sie laut & ich verließ unsicher + schuldbewußt mein versteck sarah ich liebe dich begann ich zu wimmern ihre mundwinkel zuckten verächtlich ich werde die nächsten wochen nicht kommen können schau du gelegentlich bei dem alten vorbei sie warf mir einen schlüsselbund zu drehte sich weg & ich wagte nicht ihr nachzuschleichen

der alte gusske widert mich an wie er da sitzt mit den narben an den armen es sind mehr geworden seit sie mir das erste mal auffielen an seinem linken oberarm klafft noch eine frische wunde von gebißabdrücken umrahmt ich glaube du frißt dich selbst auf oder macht sie das ich versuche ihm meine abneigung deutlich spüren zu lassen habe ihm den fernseher ausgestellt aber er starrt & starrt weiter in die richtung aus der keine bilder mehr gesendet werden


Christian Jansen, 3,5 Punkte, 14.03.2002
1) ad schoofs
schöne ausführungen über fleischtrog und co. auch settembrini soll sich keine sorgen machen: zum final shoot-down mit suizid wird es nicht kommen: man einigt sich besser, wie so oft, auf bockbierlevel, ohne sturmbannlieder, versteht sich. möchte vielleicht doch noch klarstellen, dass ich kein "gegenkonzept zur intellektualität" entwickeln wollte; konzept, das muss wohl streng durchdacht sein, und dazu habe ich gerade gar keine zeit; kann nur mit spontan ausgespucktem dienen; sollte mein sputum dennoch einen "mehrwert" produziert haben, so freut mich das umso mehr.

2.1) ad hamann und 2.2) ad fernsehn
renés mail, lange mit spannung erwartet, und fast vollmundig vom autor angekündigt - endlich war sie da: und hat mich doch etwas enttäuscht. statt einer den fehdehandschuh aufnehmenden synthese wurden zwei herausgepickte sätzchen kommentiert... - na ja. ich stell mal einen tagebuchauszug rein, der sowohl eine reaktion auf renés einlassung als auch einen reflex zum fernsehn darstellt:
Paris, Mittwoch, 13. März 2002, 7h56.
Einmal habe ich es geschafft, vor acht am Schreibtisch zu sitzen. Und R. steht sogar noch früher auf: seine Mail traf schon um 1h53 ein. Auch hier greift Technik in die Intimsphäre ein. Bei einem auf Papier geschriebenen Brief nehmen sich manche Menschen die Freiheit, nicht einmal ein Datum anzugeben; eine E-Mail ist immer auf die Sekunde datiert. Es ist furchtbar und spannend, wie einem solche Details Aufschluss über die Lebensgewohnheiten anderer Menschen verschaffen. Die besten Gedanken kommen am Morgen unter der Dusche.
Zum Beispiel der, dass R. nicht Recht hat. Auch wenn seine Kritik der Kritik sehr souverän daher kommt - sie ist es nicht, nicht immer, zumindest. Texte sind immer gemacht, ja, und wer das nicht weiß, wird ausgewechselt, richtig, aber ich glaube, dass man einem guten Text, einem wirklich guten, nicht anmerkt, dass oder wenigstens wie sehr er gemacht ist, man bekommt die Regieanweisung nicht auf dem Silberteller serviert; das ist wie bei Filmmusik, die schlecht ist, wenn man sie bewusst wahrnimmt, und gut, sofern sie das Unterbewusstsein manipuliert. Ich glaube weiterhin, dass auch R. das alles weiß und dass er mich absichtlich missverstanden hat. Egal, das sind kleine Stratagemchen, wie man sie aus dem politischen Leben kennt. Normalerweise bekommt man sie nicht direkt auf die Nase gebunden. In dieser Hinsicht ist die Marketing-Dozentin herzerweichend naiv. Ihr Hinweis, dass man niemals Unwissenheit eingestehen dürfe. Die Kunst der Antwort, die an der Frage vorbei ins Leere geht. Es ist eine Kunst, und die vielen "Lassen Sie mich bitte zuerst einmal festhalten" oder "Ich darf zunächst darauf hinweisen" sind die plumpsten und in dem Sinne Kitsch, weil ungeschickt. R. sollte Politiker werden, er ist geschickter. Es ist faszinierend zu sehn, wie Menschen - im französischen Präsidentschaftswahlkampf wird das gerade zu deutlich - nach exakt den gleichen Marketingstrategien verwurstet werden wie ein Joghurt oder ein Parfum. Chirac, von dem jeder weiß, dass er total korrupt ist, korrupt in einem Maße, dass Helmut Kohl neben ihm als honorige Persönlichkeit erscheint, - dieser Chirac also hat nichts, gar nichts an Programm zu bieten. Dank seiner Tochter Claude, einer MARKETING-Strategin, die ihn bestmöglich verkauft und intensiv an seinem Image arbeitet, hält er sich immer noch über Wasser. Der Kandidat der Passion, der Frankreich liebt - man kann das gar nicht ins Deutsche übersetzen, es ist zu absurd. Dennoch: fast die Hälfte der Franzosen finden ihn trotzdem sympathisch. Es ist dies ein Wunder angesichts bestochener oder bedrohter Richter, und angesichts der Tatsache, dass, als ihm die Richter zu dicht auf den Pelz rückten, Chirac auf höchster Ebene feststellen ließ, der Präsident der Republik sei kein Citoyen wie jeder andere, kurz: immun: Husch husch ins Körbchen, die Herren Richter! Ein Wunder, es zeigt die erschreckende faszinierende Macht des Marketings, der Massenmanipulation. Fernsehen. Ich kenne zwei Menschen, die in meiner UND der Fernsehwirklichkeit aufgetreten sind. Der eine ist A., der in Bärbel Schäfers Wirklichkeit nicht anders war als in meiner, vielleicht ein wenig zurückhaltender. Der andere ist Dominique Strauss-Kahn, der ehemalige Wirtschaftsminister in der Jospin-Regierung und jetzt Wahlkampfsprecher desselben und Dozent am IEP in Personalunion. Im Seminar hat er sehr dunkle Haut und eine tiefe, Respekt einflößende Stimme, er spricht sehr akzentuiert, operiert bewusst mit Tempowechseln: insgesamt ein beeindruckendes Beispiel eines Mannes, der in den französischen Kaderschmieden zum Orator geformt worden sein muss; oder wird einem so etwas in die Wiege gelegt? Ich bin noch nicht dahinter gekommen, ob er sich nur gut verkauft oder wirklich genial ist. Gestern fragte er (scheinbar?) unwissend, was denn heute verhandelt werde, und spulte dann zum Thema Agrarpolitik der EU ein unheimlich anmutendes Wissen verbunden mit beängstigend stichhaltiger Kritik ab. Die Angst, dass er mich in zwei Wochen anlässlich meines Referats zerfleischen wird. Meine Wirklichkeit, das. Die Fernsehwirklichkeit bot mir kürzlich in den Acht-Uhr-Nachrichten einen veränderten Strauss-Kahn. Er hatte eine hellere Haut - dies leicht zu erklären: man will dem Wähler ja nicht suggerieren, dass man gerade aus dem Urlaub kommt; im Gegenteil: die Blässe des unermüdlich für das Wohl der Republik arbeitenden - und, das erstaunte mich mehr, - eine hellere Stimme. Wie haben sie das gemacht? Ist auch das technisch lösbar? Flughundparanoia.

3) ad wagner
achims alter grusske gefiel mir auf anhieb sehr gut. die szene, wo die drei zusammen im bett liegen, hat mich an kafka erinnert, bei dem ja auch dauernd sich in betten die bizarrsten dinge abspielen. mir ging dennoch einiges zu schnell; die anlage der geschichte halte ich für ausbaufähig und denke, man sollte den text ruhig um einige seiten erweitern. der ganze "liebe auf den ersten blick"-kontext stieß mir ein wenig befremdlich auf, an den dialogen würde ich noch feilen. finde es weiterhin schade, dass die interpunktion ganz fehlt. das scheint persönliche vorliebe zu sein, aber an manchen stellen würde ein punkt dem satzrhythmus wohl tun, man müsste ein wenig bremsen - auch das knüpft daran an, dass es insgesamt etwas zu rasant vorwärts geht. an eine geschichte von judith hermann fühlte ich mich ebenfalls erinnert: da spielt auch
so eine bizarre liebesgeschichte, eine liebe die nicht richtig zum zuge kommt, so eine ganz befremdliche, kranke atmosfäre, wie bei achim, aber das ganze auf 20 seiten.


Tobias Schoofs, die schöne und das biest, 14.03.2002

zum ersten über den alten gusske.
100% genre. mir fallen tausend vergleiche aus der u-comix ecke ein. apokalypse, runtergekommene stadtviertel, die menschen hausen und es herrscht anarchie. früher mochte ich solche comix ganz gern. mir scheint aber auch, dass sie ein fänomen der 80er jahre sind. mir missfällt, dass apokalypse nur ein vorwand für das ganz grundsätzliche ist. menschliche beziehungen nicht als soziale beziehungen, sondern ganz ganz grundsätzlich. es gibt gründe dafür, warum mir dieses grundsätzliche früher gefiel. noch viel mehr gründe gibt es, warum es mir heute nicht mehr gefällt: es ist nicht nur grundsätzlich, sondern auch sehr einfach. statt grundsätzlich könnte man vielleicht sogar sagen: ganz ganz einfach. auch die eigenwilligkeit (keine satzzeichen) gehören zum genre. das kann man mögen oder nicht. so wie man western mag oder nicht. aufreizend wirkt die eigenwilligkeit deshalb auf mich, weil sie sich mit sehr einfachen strukturen verbündet. will sagen: es wirkt altklug.

zum zweiten über analfabeten.
ich weiß nicht, ob ich stans erwiderung auf rené verstehe. v.a. weiß ich nicht, worauf stan hinauswill. renés satzkritik würde ich so interpretieren: fernsehen ist ein medium. so wie man sich als medienprofi oder halbprofi oder hobbyist nach professionellen maßstäben mit poesie, zeitung oder kino auseinandersetzt, ist es auch sinnvoll, das fernsehen wahrzunehmen. eine auseinanderetzung mit fernsehen, die gleich auf die alten topoi geht (hier festgemacht am verschwinden der inhalte) ist langweilig und billig. jetzt kommt stan mit den kollegen aus der logistik, die nicht zählen und nicht lesen können, deren medienkompetenz schwach entwickelt ist. was ist zu schlussfolgern? ist fernsehen, einmal dafür festgeschrieben, in aller zukunft zur thematisierung mangelnder medienkompetenz ausersehen? oder müssen wir das thema des analfabetismus in alle unsere medienkritik einbeziehen? shakespeare jetzt immer aus der perspektive des analfabeten rezipieren? mir kam spontan der gedanke, literatur für analfabeten zu machen. in comicform mit ikonen statt schrift in den sprechblasen. die figuren könnten sich in gebärdensprache verständigen, so dass auch die gehörlosen einbezogen sind. was aber machen wir mit den blinden? die können hörbücher hören.


Ingo Jacobs, Koma, 14.03.2002

Koma.TV / Befeuerung

sagen sie a. sagen sie: nichts.
mein auge schaut zurück, aus
seinem blinden fleck. der
doktor weißer kittel, weiß

nichts, zuckt weiter: knopf.
knopf. & knopf. & auge,
der wellenmacher wirft mit
farben von den bildern,

hirnberuhigung. & knopf:
funktionenmenschen in
fiktionen. geschnitten &
am stück. es spuckt mit

worten. sagen sie a. sagen
sie nichts. in strahlgewittern,
körperlosen browserschnipseln
& die frequenzen eingekremt,

mein auge schaut zurück,
in seinen blinden fleck.
sehen sie nichts? doch:
syntax, grammatik, fülle,

ich


René Hamann, check zweiundzwanzig: gründe für sätze, 15.03.2002
1 das fernsehen. mit durs grünbein, christian jansen, stan lafleur u.a.
2 die avantgarde. mit greil marcus und achim wagner.

1
eine kleine sezierung unseres vorbilds d.g.: der schreibt nämlich über das fernsehen:
"Fernsehn: die tägliche Über-Ich-Dusche. Für das Bewußtsein spielt es mittlerweile dieselbe Rolle wie für die Körperhygiene das fließende Wasser aus dem Hahn. Zu den Gebühren in jedem Haushalt gehören die Kosten für den Wasserverbrauch ebenso wie die Pauschale für Rundfunk und Fernsehen."
die analogie gut eingeführt, die fortsetzung missraten. in unserer bescheidenen bleibe gibt es drei fernsehgeräte und drei videorekorder, alle mit kabelanschluss. des weiteren gibt es zwei radiowecker und zwei handelsübliche radiogeräte. angemeldet ist: ein fernseher. und wenn uns der gez-mann nicht einmal fast erwischt hätte, würden wir wohl zu den schwarzsehern der republik gehören. zweischneidiger topos: zum einen gehört das fernsehen zum recht auf information (fernsehgeräte dürfen auch nicht gepfändet werden), zum anderen sieht man sich verpflichtet, für ein staatliches monopol gebühren zu zahlen. diese gebührenzahlung beinhaltet auch die sogenannte alternative, das privatfernsehen. offene kanäle sind eher rar gesät, in köln gibt es keinen. im radio immerhin seit kürzlich: der unifunk, das campusradio. weiter grünbein: "Man bespült das Gehirn mit Bildschirmbildern, wie man sich wäscht oder ein Wannenbad nimmt. Daß die Massage der Hirnregionen (...) als Elementarbedürfnis eines jeden Mieters gilt, zeigt sich schon daran, daß zur Grundausstattung einer modernen Wohnung der Kabelanschluß gehört."
von der analogie zur evaluation. auch hier stimmt irgendwas nicht. bestimmt das bedürfnis das angebot oder wird das bedürfnis erst produziert? hat man früher, als es noch kein kabelfernsehen gab, tatsächlich was vermisst? ist es nicht eher anliegen der medienindustrie, im verbund mit staat und wirtschaft, ihre kabelprogramme an den mieter, die mieterin zu bringen? aber ja doch. wobei ich sagen muss: ich habe nichts gegen die 32 programme, die ich schneefrei empfangen kann. nichts gegen die "berieselung", "gehirnbespülung", "hirnberuhigung" oder "frequenzencréme" oder wie noch mehr der bei mcluhan entliehenen metafern ("das medium ist massage"). die analogie zum wannenbad ist da gar nicht unclever, an einer anderen stelle in grünbeins "Das erste Jahr" (Suhrkamp) heißt es:
"Mit Haut und Haar untertauchend im knisternden Schaum, versucht man sekundenlang abzuschalten, ein erwachsener Embryo, der nur noch eins will: Entspannung im uterinen Frieden." (252)
das fernsehen also als uterus fürs hirn oder so. wo hirn halt, bewusst oder unbewusst, wieder hin zurück will. eine ganz andere psychoanalytische theorie sprach übrigens von der mutterbrust als erste leinwand. auf die sich alle wünsche projizieren. weiter grünbein: "Neben all den Bewußtseinsformen, die den heutigen Menschen ausmachen, gibt es nun die des medialen Bewußtseins. Auch dieses teilt sich, analog zur klassischen Psyche (...) in mehrere Bereiche, die fließend ineinander übergehen. So gibt es das Medienbewußte und das Medienunbewußte. (...) Nicht das Medium an sich, erst seine psychische Allgegenwart verändert den Menschen. (...) Das Ich wird zum Exilanten in seiner ursprünglichen, begrenzten Lebenswelt. Heimatlos irrt es vor der eigenen Haustür umher. Wo immer es einkehrt, ob in nächster Nachbarschaft oder auf fernster Reise, empfängt ihn ein Studio (...) Das Fernseh-Ich kann sich gar nicht erinnern, ob die Welt ihm je fremd war." (28f.)
eine umkehrung: die vermittelte realität stülpt sich über die reale realität. so weit geht selbst baudrillard nicht, über den es mal lapidar hieß, dass er einfach zu viel glotze. hier also auch ein anderes "wissen vorab", "die handlungen kennen wir schon", die realen handlungen nämlich, die haben wir schon alle im fernsehen gesehen. stimmt das? woanders habe ich gelesen: dass man sofort zum schauspieler mutiert, ist eine kamera am ort. die kamera bestimmt also die situation, die zu einer inszenierung wird. politiker spielen politiker, talkshowgäste mimen talkshowgäste, passanten passanten. das reale ist also noch immer die basis, noch immer ist die struktur einer situation entscheidend, das medienbewusste oder -unbewusste bestimmt die wahrnehmung einer situation, die situation an sich gibt sich aber völlig unabhängig davon. in der realität wird also nicht das fernsehen nachgespielt, auch wenn das medien(un)bewusste uns das weismachen will. ich glaube auch, dass eine solche klarstellung wichtig ist. ansonsten geht es echt abwärts, leute. ansonsten redet man reaktionären medien-, fiktionsfeinden das wort.
zur medienkompetenz: mit dummheit muss man immer rechnen, andererseits kann dummheit oder unwissenheit nie ein argument sein. dass kritik oft sehr normativ daher kommt, liegt in der natur der sache. und wenn die perspektive nicht stimmt, muss die kritik das vorführen, und wenn es nur ein hinweis auf medienunkompetenz ist. und wozu gibt es noch reste von dialektik.
und dass kritik den mantel der souveränität trägt, dieser mantel allerdings auch mottenlöcher hat, das ist doch das schöne an kritik, an auseinandersetzung, an solcherlei debatten. insofern hatte ich den fehde-handschuh gar nicht als solchen gesehen, sondern eher als korrektiv, und korrektive mag ich.

2 greil marcus schreibt über ein indie-label:
"Die größten Gefahren für Rough Trade liegen auf der Hand: Manierismus, Solipsismus, moralisches Überlegenheitsgefühl, Snobismus - die klassischen Sackgassen einer Avantgarde." so klar und einfach räumt er mit der avantgarde auf. sofern es nicht zeichen sind, die in traditionen abgefedert sind (gedichte und e-mails schreibt man sehr häufig klein und ohne zeichensetzung, ohne dass von manierismus die rede ist), wirken antinorme zeichen eigenwillig und trotzig. natürlich kommt es dabei auf den jew. text an: der text bestimmt den kontext, der text kann diese zeichen rechtfertigen. ich glaube, "der alte gusske" schreit danach, in normaler rechtschreibung, sprich: interpunktion, groß- und kleinschreibung geschrieben zu sein. so behauptet der text etwas über seinen inhalt, das der inhalt nicht einzuhalten imstande ist. man denkt: wieso kommt der text so von unten, quasi-avantgardistisch daher, wo er in seiner erzählanlage eher konventionell ist? konventionell mit durchaus vorhandenen qualitäten: auch an russische romantik muss man denken (bizarrste wohnstuben, in die zufällig eingebrochen wird, dann entspinnt sich handlung usw.). kritikpunkte: psychologisch gehts nicht gerade in die tiefe, die figuren bleiben oberflächlich, die einzige handlungsmotivation bzw. das psychologische moment ist auch eher irrwitzig: ausgerechnet der mythos der "liebe auf den ersten blick" wird bemüht. aber auch nicht wirklich verhandelt: bloß hingestellt.


Tobias Schoofs, Ingo und ich, 15.03.2002
das formale: knopf, knopf und auge. schnitte, wellenmacher und strahlgewitter. in der autorenwerkstatt hätte jetzt jemand gefragt: was denn? was sind denn die inhalte der fiktionen? ich schließe mich dieser frage an. am schluss (syntax, grammatik, fülle) hebt sich der schleier der göttin zu sais - und was sieht man: novalis wohnt in zollstock. das ist sehr nett und könnte sehr schön sein. leider geht nichts zwingend aus dem anderen hervor, alles ist lieblos hingestreut. übergänge in semantik und alliteration deuten sich an, aber nur auf kleinem raum und werden selten ausgeführt, dafür häufig platt. gut gefallen mir ansätze wie: ?sagen sie a. sagen sie: nichts? ?mein auge schaut zurück, aus / seinem blinden fleck. der / doktor weißer kittel, weiß? usw. aber mehrfach wortausspuckungen: browserschnipsel, funktionenmenschen. metaforisch bleibts im bekannten: frequenzensalat, eingekremtes hirn. und leider gar keine argumentative hinführung zum schluss. zumindest sehe ich sie nicht. ich würde sagen: re-design.

DIE GROSSE ERWARTUNG

die entsetzten gesichter fliehender pali
stinenser es heulen geräte zur öffnung der körper
zu nicht medizinischen zwecken und schneiden die außen

hülle der twin towers auf auch bleistifte sind
der kriminalgeschichte als tatwaffen bestens
bekannt und funkboxen stehen über dem herd

und auf der spülschüssel jedes gemüse hat solche
gesichter die nachricht durch körper geschleust durch augen
und ohren durch wände und decken durch straßen und plätze

bleibt am bahnhof stehen und wundert sich
auch über sich selbst da auf der videoleinwand
hinter dem zaun aus großer erwartung aus rücken


Stan Lafleur, Der alte Gusske von Achim, 18.03.2002

ist die bisher beste short story, die ich im roundabout gelesen habe - ohne mit diesem urteil zuvor vorgestelltes in den orkus schicken zu wollen. wenn ueberhaupt kritik daran, dann wuerde ich mich einigen von christians punkten anschlieszen. ihr haengt euch alle an der liebe-auf-den-ersten-blick-chose auf. dies sei ein klischee. ich finde das hier einfach nur witzig. zu lang oder kurz ist die story nicht - im gegenteil! sie hat genau die richtige laenge. andernfalls/falls laenger haette sie andere elemente beinhalten muessen/sollen. mir paszt diese stimmung, die achim aufbaut, enorm in den kram. denke dabei an das wabern der vororte & meine nur mit einer tv-geschichte vorgestellten idee "neue dt mythen". an der glotze schlieszt sich der kreis. comichaft: ja, daran hatte ich zuvor nicht so gedacht: das stimmt. meine assoziationen gingen dahin, dasz das alles zwar ueberzeichnet erscheint, ich ansatzweise aber solche geschichten aus erfahrung kenne. das kaputte ist, was mich fasziniert. die vorgeschobenen winner-stories haben ihren ankerpunkt in achims altem gusske.
ingos neues: ganz hervorragend geschrieben & dennoch stoeszt mich etwas dabei ab. vielleicht ist es lediglich der banale schlusz: "ich".


Adrian Kasnitz, tivi, 19.03.2002

der nachrichtensprecherin

scheinwerfer lächeln lampenlicht erblühter mund
das auge ein wäßriges sternchen am abend (22:30)
himmel über serbien wo bomber sich
übergeben / aus müll scherb und schutt weist du
auf das menschliche hin auf den darunter ver-
grabenen körperteil / ein schluchzen dann off


Der Fernsehsprecherin U.

Scheinwerfer Lächeln Lampenlichterblühter Mund
Hier seht die Sonne Jetzt in Farbe Mühsam mit dem Hund
Wir scharrten sie aus Müll heraus aus Scherb und Schutt
Die liebe Sonne Kinderspielzeug arg kaputt
Ob du ihr näher bist ich frags nicht ohne Grund
(Adolf Endler, 1970)


Ingo Jacobs, dating.de, 22.03.2002
dating.de

kontaktimprovisationen
in der pixelwelt: schöne
profile, unscharfe augen
& liebesschwere -
einsetzende blicke
ins innere netz: ein
spaceracer jagt nervös
durch dark rooms.
die porenwelt:
hinter nicknamen
versteckte ein&
ausgänge.


Enno Stahl, tv, 25.03.2002

tv, wie wir es kennen und gekannt haben, ist durchgangsstadium. alles daran ist hinfällig: das starsystem, die senderbindung der menschen, das konzept unterhaltung. das ganze wird sich vielfach verästeln, sb-markt mit untergrund-produktions-möglichkeiten. werden sich internet und fernsehen als medien wirklich auseinander halten lassen? wird dieses (neue) medium den unmittelbaren wahrnehmungsbereich nicht noch weiter elektrifizieren/digitalisieren als jetzt, der mensch am draht, im elektro-feld? wird lit. das nicht formal und inhaltlich notwendig wiederspiegeln (müssen)? wie sieht solche lit. aus, könnte sie heute schon geschrieben werden? könnte sie heute einwirken auf die ausgestaltung des feldes (es besser machen oder zumindest literarischer)? könnte lit. egal werden oder wird sie bleiben, wie sie ist (formal und funktional)? oder wird sie eine ganz andere (mediale) form annehmen?


Stan Lafleur, tiwi rocks, 25.03.2002

die leiche & der gebuehrenzaehler

formal das uhrticken. kreislaufende linearitaet
jo deckarm knallt mit dem hinterkopf aus dem
rueckraum auf oestlichen beton. baeng! & aus

jetzt beginnen die visionen: lahme zungen/
schnecken verwachsen den muendern des volks
in den etagen lauern missionare, alte maenner

& junge frauen, die etwas tun wollen, weil
das so find ich nicht weitergehen kann
in meinen augen flimmern die screens:

forsythien fuer euch, knochige straeusze, ja
relative bukette von den gescannten weiden
bauluecken, hier spricht ein maroder verstand

euer held, der alle oberen stockwerke saemt
licher reihenhaeuser fuer sich reklamiert, im
clinch: der gebuehrenzahler kriegt aufs maul

vom gebuehrenzaehler. vitamintablette plus
sprudelt in den vermittelten seen der ferne
in der intensitaet der blasen im eigenen kopf

der pfirsichfarbene himmel, extrem bekernt
das sperma der stille, schleicht suprafluid
in die geschlossenen reihen der duplikation

morfing. wir waeren ja bloed, wenn wir das
auch nur ansatzweise glaubten, der fisch stinkt
vom kopf her, mensch zaeppdasweck, wir be

ewe geg gen uns nur inz zwi wis isch che hen
ens sil ilb ben. in den fiktiven parks werden
wir zusammengerecht & auf haufen geschippt

lose interessenverbaende mit modern/den, mit
mit dromolog, mit morddrogen, drohungen
der schnellen milch aus elektrogeraeten ge

raten: schisz vor den zombies unterm sofa?
den spektakulaeren toten, dem tagealten
leichensaft auf daemmerndem naehrboden

dann baeng baeng baeng & aus! aus!



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