| *Julja
Schneider 07.03.01
DER HUNDEPHILOSOPH
Gestern Morgen
begegnete ich einem Stofftier aus Plüsch und bei näherem Hinsehen
erkannte ich den kleinen Hundephilosophen, ein Produkt aus der Serie "Die
Moonlightgang" der Spielzeugfirma Sigikid. Er sah mich und begann
sofort draufloszureden: Eh, du, kannst du mir helfen? Ich bin auf der
Flucht. Gestern saß ich noch friedlich beim Feldhaus im Regal der
höheren Preise. Heute wollten sie uns zu Rudis Resterampe bringen.
Du weißt schon, jeder Artikel 99 Pfennig und so. Als ich das geschnallt
habe, bin ich vom Lastwagen gesprungen. Jetzt weiß ich nicht wohin.
Ich nickte was signalisieren sollte, ich sei mit einer derartigen Problematik
vertraut, hatte in Wirklichkeit aber keine Ahnung, sondern starrte das
redende Tier an. Der Hund hatte durch ein Stück Süßholz,
welches aus seinem Mund hing, ein fehlerhafte Aussprache. Außerdem
ging ein eigentümlicher Geruch von ihm aus. Ich bin allein übrig,
der letzte aus meiner Gang, und mit einem türkischen Orca Wal aus
Polyester und zwei indonesischen Tänzerinnen in einen Sack gekommen.
Da hat mich die Panik gepackt. Weißt du wie schrecklich geistlos
indonesische Gespräche über Samba sind? Er unterbrach sich,
schaute, ob ich ihm noch zuhörte und zupfte an seinem Bauchfell.
Dann schob er sich ein weiteres Stück Süßholz in den Mund
und fuhr fort: In mir ist echte
kobaumwolle. Kannst du dir das vorstellen?
Mit zwei Asia-Tussen und einem anatolischer Säuger auf Rudis Resterampe
zum sterben verurteilt? Die letzten Worte nuschelte der Hund und ich bekam
Angst, er würde mitten auf der Straße in Tränen ausbrechen.
Endlich fand ich meine Sprache wieder: Und wenn du in einen Kindergarten
gehen würdest, schlug ich ihm vor, denn das war das erste was mir
einfiel, da wären bestimmt viele, die sich über dich freuen
würden. Der Hund stöhnte laut auf. Aha. In einen Kindergarten
soll ich gehen? Welch originelle Idee. Das ist so typisch für euch
Menschen. Logisch nachdenken und mit viel Liebe zur Kreatur herzlich handeln.
Die Verlorenen zu den Verlorenen, denn minus und minus, das macht plus,
nicht wahr? Warum nicht gleich in ein Kinderheim? Herausfordernd blickte
er mich an und trommelte dabei gereizt mit der linken Pfote auf seinen
kleinen dicken Bauch herum. Ich schwieg.
Weißt du was euer Problem ist? Wir sollen für euch die Wohltaten
verüben. Wenn euch das schlechte Gewissen drückt, packt ihr
uns in Kisten und schickt uns zu den armen Kinderleins oder in scheiß
Kriesengebiete. Ein super Vorschlag, wirklich. Es muss herrlich sein inmitten
von 30 kreischenden Monstern zu sitzen, die sich alle einbilden, du seist
ihr Eigentum. Ja, wo willst du denn hin, entgegnete ich gereizt, denn
ich fühlte mich ertappt. Was weiß ich? Gibt ja nicht viel.
Von mir aus noch mal Spielwareneinzelhandel. Vernünftige Preise,
nettes Personal. Oder ins Spielzeugmuseum nach Frankfurt. Frankfurt, prima
Pflaster, brummte ich, aber leise genug, dass der kleine Hundephilosoph
es nicht hören konnte. Dann fragte ich ihn etwas lauter: Magst du
denn vielleicht solange mit zu mir kommen? Er guckte mich misstrauisch
an. Hast du Kinder? Hm, naja, räusperte ich mich, eins, aber das
ist noch ganz klein.
Der Hund warf mir einen vernichtenden Blick zu. Du hast nichts begriffen.
Kinder zerren dich am Schwanz durch den Schnee. Werfen dich aus Betten
und Balkonen. Übergießen dich erst mit Kakao, später mit
Benzin. Hab schon von Kumpels gehört, die zu Molotowcocktails umgebaut
und im Wald gezündet worden sind. Ja bitte, nimm mich mit. Ich bin
gerne in der Hand von kleinen perversen Sadisten. Ich schwieg. Was sollte
ich darauf antworten? Unser Gespräch geriet ins Stocken. Umständlich
machte ich mir an meinen Schnürsenkeln zu schaffen. Dann stand ich
langsam auf, seufzte, hielt mir die Hände an den Rücken, um
Schmerzen zu signalisieren und warf einen langen, Nachdenklichkeit heuchelnden
Blick auf den Hund. Weißt du, Leuten wie dir kann man halt nicht
helfen, du willst ja, dass es dir schlecht geht. Jetzt hüpfte der
Hund vor Wut und Aufregung so hoch, dass er mir beinah ins Gesicht gucken
konnte. Ja, klar. Das ist ja eine spitzen Aussage. Dir fällt nichts
mehr ein, das ist es. Du hast einfach keinen Bock mehr, Dinge zu hören,
die dein kleines Weltbild sprengen. Hunde, die reden können, ist
fast schon zu viel. Aber Hunde, die eine eigene Meinung haben, das knallt
dich weg. Geh nur nach Hause und leg dich ins Bett. Von Menschen wie dir
nehme ich auch gar keine Hilfe an. Trau Leuten mit kurzen Ohren und du
bist verloren! Ich setzte mich in Bewegung. Ich war nicht mehr in Stimmung,
mir das weiter anzuhören. Der Hund brüllte noch lange hinter
mir her, ich vernahm nur noch Wortfetzen: Teutonische Kuh, Steiftierfickerin,
und so weiter. Zu Hause angekommen warf ich einen verstohlenen Blick ins
Kinderzimmer zu dem Regal hin, auf dem die Stofftiere aufgereiht saßen.
Es war verdächtig ruhig.
*René
Hamann 10.03.01
DIE INSEKTEN
kerfe, überwiegend
land & luft, viele
nur als jugendform im wasser. andere
schmarotzen als außenparasiten
auf höheren tieren oder in jugendform
als innenparasiten
bei anderen. ein
schnitte. drei paare. hinten segmen
tiert. artifizielle architektur, fürsorge.
brutzeit, staatenbildung.
*Tobias
Schoofs 11.03.01
ich habe renés gedicht gelesen. der ingo jacobs in mir sagt natürlich:
"das ist doch thomas kling" (beschäftige dich doch mal
mit dem 1. weltkrieg!). ich sage: rené hamann ist gott.
*Ingo
Jacobs 13.03.01
Re: Die Insekten
1
bei gott, tobias, du musst ziemlich betrunken gewesen sein. ich denke,
dass es von rené weitaus bessere texte gibt als "DIE INSEKTEN".
was ich dort über insekten lese, ist eher eine schlappe künstlerische
aufbereitung einer fürs fernsehen gedachten populärwissenschaftlichen
beschreibung von insektenstaaten:
- distanziert-kühle, knappe beschreibung: suggeriert präzision
und wissenschaftlichkeit;
- "andere schmarotzen": syntaktisch-logischer bruch zum vorherigen
("aber andere"); ohne
jegliche nachvollziehbare wirkung;
- "ein/ schnitte": ab diesem punkt wird eine mehrwertspannung
aufgebaut, die das symbolische kapital decodieren könnende publikum
evtl. lecker genießen kann (-> siehe auch: fetischcharakter des
gedichtes für das bildungsbürgerliche publikum - ok ok, ich
fordere das selbst ein; allerdings als ein tritt (ha, ha) in einen semantisch
mehrwertigen raum; -> siehe auch: literatur als "space" -
so ähnlich wie spice in "dune", diesem schaurig-ekelhaft
faszinierenden film);
- dann folgt oben erwähnte beschreibungstechnik. und dann sitzt der
ingo in mir da und denkt: aha. er denkt sich, dass er jetzt denken müsste:
oha. ein mehrwert. ein verweisen. eine moderne allegorie? (die wahrheit
ist ein hinten segmentiertes insekt, das als jugendform erst im trüben
wasser fischt und dann das soziale, den staat (INSEKTEN!!!!!!) als innenparasit
befällt etc. bla bla bla.) ich kann mit diesem gedicht schrecklich
wenig anfangen. deswegen: ABGELEHNT. um die toberei via selbstentblößung
einer ausgleichenden gerechtigkeit zuzuführen, dann noch ein gaaaaanz
schlechtes gedicht von mir, ich glaube 1995 in korea geschrieben. hat
auch insekten im titel. deshalb.
2
"... DIE INSEKTEN IM TEXT!"
poröse Gedichten, die
ich schreiben zu vorgab:
z.B. liest mich jetzt:
"was heißt hier
Bienensummen / jetzt
Terror totgeschwiegen"?:
die unbewußte Unterwäsche?
die Lust am Katzenquälen?
der Spaß von Mächtigenerschießen?
lästig, was da lauert, was
da Zwang sich jetzt dem Reim
vor kauert. "Ist dies das Ende
des Zitats?": Die Angst vor freier
Rede ist die Pointe im Gedicht.
(4.9.93)
*Stan
Lafleur 14.03.01
1
insekten: renés gedicht kommt mir vor, als waers direkt ausm tierlexikon
verschnitten. aufs erste lesen fand ich den text flach, nichtsdestotrotz
inspirierend, bei mehrmaligem lesen hat sich aber doch tiefe aufgebaut,
weil ein ganzer kleiner wertfreier kosmos entsteht, in den man sich geschichten
hineindenken kann. & das war mein ansatz: zum thema insekten hab ich
dann gleich einige sachen gemacht, die mir aber noch unausgegoren erscheinen
(themen zb: das auto als insekt, weil ja die metalliclackierungen von
insekten herruehren & autobahnen wie ameisenstraszen funktionieren,
oder weltsicht der eintagsfliege in etwa im sinne des hoehlengleichnisses
von platon oder bolfo-flohschutzpulver von bayer). insekten sind, wenn
ichs richtig weisz, mit riesigem abstand die meistvorkommende tierart
auf unserm planeten. das duerfte doch ein paar gedichte wert sein! zu
insekten gibt es viele viele kleine unbedeutende anekdoten, zb:
im radio kam vor einiger zeit ein interview mit dem ernaehrungsminister
thailands, wo er ausfuehrliche positive statements zum nahrungsmittel
kerbtiere (apropos: rené: was meint kerfe?) gab. in bangkok habe
ich zum ersten mal in meinem leben heuschrecken & ihre larven (gegrillt,
sic!) gegessen & horchte deswegen auf. die insektenfarmen boomen,
selbst kakerlaken stehen auf dem speiseplan. das meiste hab ich schon
wieder vergessen, am schlusz seiner kenntnisreichen auslassungen wurde
der minister gefragt, wie ihm denn insekten schmeckten & er antwortete:
"so etwas wuerde ich niemals essen!" im express las ich, dass
thailand ein neues gesetz verabschiedet hat: europaeern, die mit einem
wurstbrot in thailand landen & erwischt werden, bekommen ab sofort
direkt zwei jahre knast aufgebrummt. mit 2000 dollars kann man sich davon
freikaufen. also obacht!
2
remix
ZWISCHENSCHNITTE
wiegend land
& luft, intersektionen:
dornige pueppchen aus pappmaché
dringen direkt ins blut durch die haut
als botschafter ihrer legosteinstaaten
& verlieren ihre fuehlenden schaedel
wiegend land
& luft, intersektionen:
sie die parasiten, wir der hochadel
das kerbtier im champagnerkelch
bewerfen mit kuenstlichen kolibris
es stumm bejagen, zum zeitvertreib
wiegend land
& luft, intersektionen:
toeten, viele bereits als jugendform
im kalten klaren wasser, tempel
des zerknuellens & ausdehnens
im kreiszsaal der metamorfosen
*Rainer
Junghardt 15.03.01
PRÄSENTATION
Komme gerade vom Arbeitspädagogischen Seminar zur Einführung
in den Industriekaufmann bei Ford. Vier Tage Vier-Sterne-Hotel in Brün
im Sauerland. Fünfzehn Teilnehmer, jeder macht eine Präsentation
mit einfachsten Mitteln, Pappkarten, Overhead, Flip-Chart; so Produktpräsentation,
Gratulation zum Jubiläum, Aufruf, einen Hotelneubau zu verhindern,
verschiedenstes. Klar, dass ich die angehenden Kollegen zu Landwirten
der Region Olpe ernannt habe, und ihnen die Heizungsanlage "Biogas
10" der Firma Rotteck Maschinenbau (wer's noch nicht weiß:
aus meinem Roman) aus Köln angeboten habe. 1A Produktpräsentation,
sage ich euch.
*Tobias
Schoofs 16.03.01
INSEKT
vielleicht war es tatsächlich der alkohol, der die euphorie in die
insekten trieb. dennoch ist der text besser als ingos wütende kritik
an ihm lässt. wie ich ihn lese:
"kerfe" - mir fehlt jetzt ein gescheites herkunftswörterbuch,
assoziiere aber ähnlich wie stan kerben. vermute außerdem norddeutschen
dialekt, dann: "überwiegend land & luft" - aus dem
segmentierten körper des kerbentiers wird landschaft und zwar etwas
irgendwie norddeutsches mit viel wasser aber doch mit mehr zerklüftung.
"viele / nur als jugendform im wasser" in nämlicher landschaft.
hier also die beschreibung vom alltag jugendlicher in dieser gegend -
außer an mücken und libellen denke ich an "schwimmen gehen"
- was schlüpft mir aus dem literarischen archiv: "auch sie hatten
hier / eine schöne jugend verlebt."
"andere schmarotzen als außenparasiten / auf höhreren
tieren" wird die landschaft plötzlich lebendig, zu einem tier,
einem organismus, von dem man lebt - "oder in jugendform / als innenparasiten
bei anderen" z.b. in der schwangerschaft oder kleineren organismen
als die lebendige landschaft "höherer" tiere, also als
gliederungsebene etwa: "im innern der familie". "ein /
schnitte": die strukturierung der insektenkörper. in / sekt.
auch natürlich: historische / biografische einschnitte, dazu (wenn
ich mal springen darf) passend: "hinten segmen / tiert" nämlich
nicht nur am hintern, sondern auch hinten zeitlich = vergangenheit (=einschnitte).
nebenbei "tiert" (tier oder ver-tiert nämlich als höhere,
in denen jetzt wieder außen- oder innenparasiten usw.).
"drei paare": nämlich, nicht nur beine, sondern auch die
oben beschriebenen: die im wasser, die innen- und die außenparasiten.
die in mitten der landschaft als beispiele herausgelöst, die landschaft
jetzt als "artifizielle architektur" also auflösung der
"natur"bilder von oben. außerdem ruft eine stimme aus
den literarischen archiven - und zwar aus paris. wir betrachten das nun
nüchterner, soziologischer. mit dem blick der schon oben zitierten
morgue - nur, hier sieht kein arzt, sondern ein soziologe. die "fürsorge"
daher nicht romantisch, sondern als term. tech. zu verstehen. dieselbe
logik wie "brutzeit", "staatenbildung". ganz interessant:
zum schluss, durch die artifizierung der ursprünglichen naturbilder
entsteht tatsächlich etwas wie ein staat, nämlich aus der am
anfang noch "unschuldig" wirkenden landschaft.
darf ich das - vielleicht etwas wuchtig - eine entzauberung des familienbegriffs
nennen? gut, du
kannst sagen, entzauberung: hatten wir doch schon alles, kennen wir schon
alles: baudelaire + benn. richtig. ich antworte: 1. es ist nur ein kleines
gedicht. 2a. im gegensatz zu benn wird hier nicht medizinisch-vulgärmaterialistisch
entzaubert, und 2b. nicht ästhetizistisch wie bei baudelaire, sondern
soziologisch, 3. fehlt der kritische blick aufs eigene bildmaterial nicht:
die insekten als elemente des "naturbildhaften" geraten selbst
in den sog der artifizierung (am rande bemerkt: sehr gelungene selbstreferenz!)
4. auch das familienideal hatten wir schon, es war eine zeitlang sehr
angekratzt und ist seit gut 10 jahren wieder auf dem vormarsch. warum
also nicht eine inspektion der kasematten der zurückliegenden kulturkämpfe.
um beim militärischen bild zu bleiben: vielleicht müssen wir
dort nochmal rein.
*René Hamann 18.03.01
DIE INSEKTEN
tröstend kann ich sagen, dass noch eine fortsetzung folgt. dennoch
danke für kritik. diejenigen die auf lexikon als quelle getippt haben,
lagen richtig. natürlich halte auch ich den text nicht für meinen
gelungensten. das experiment aber scheint mir halbwegs geglückt.
tobias & stan haben das angefasst, was ich bieten wollte. von kafka,
jünger, nabokov, theweleit bzw. jack arnold & co. (tarantula!
them!) brauche ich also nicht anzufangen. wiese am baggerloch in norddeutschland
(eigentlich: west-) geht auch.
*Adrian
Kasnitz 31.03.01
RODRIGUEZ' VERHEXTES GEMISCH
Die Gebirgsblume
das ranzige Fett
der Kindernabel Johanniskraut am Morgen
das Harz für die Puppe ohne Arm
für Frauenhüften in Safran
in Distelöl in Pfeffer und Wein
nein, mein
Delirium ist kein Schwalbenschrei
ist nicht das Echo von ungelöschtem Kalk
mein Delirium heißt spotten
heißt tanzen saufen & pissen mit dir
an soviel Lüge und soviel Liebe
werden wir lange gebunden sein.
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