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René
Hamann
Sonntag, 1. Dezember, Köln.
Wunsch, auf dem Land zu leben. Eine gemütliche, blauäugige Beziehung.
Die bayerische Volksmusik. Der erste Advent. Eine blattschwere Luft, nicht
die benzingetränkte der Stadt. Und hinter den Gleisen, als ich nachmittags
mich selbst spazieren führe: Sieht man das Verbaute, Kopf und Herz,
das unschlüssig Stehende, die sich nach hinten verzogene Dienststelle
der Polizei. Unter dem Rhein mag ich sein.
Jemand, mit dem es sehr oft sehr gut funktioniert: der GRUNDIG SUPER COLOR,
mindestens mein Jahrgang, dank Schrittmacher und Beatmungsgerät toppfit.
Getragen von einem unbekannten Holzstuhl, verziert durch ein Metronom
und ein Stimmgerät. Als er die amerikanische Produktion einer Zukunftsserie
mit hohem Albernheitsgrad für meine Erbauung und vorabendliche Hirnleere
darbietet, tritt ein mit Jogginganzug bekleideter Körper ein und
offeriert mir ein Telefon. Es ist der Gewinner, der vom Beschallen einer
Bar des Abends spricht und von den Abenteuern der Zeugung, die im Hintergrund
plärren.
Gedrucktes gab es auch. Ein blaues Buch mit einem Gewässerfoto, das
ostbelgische Gedichte sein eigen nennt, ein nikotingelbes Taschenbuch
mit den Vorlesungen eines im Exil verstorbenen Wiener Psychoanalytikers.
Durch einiges konnte man schwimmen, anderes kam als Schiff. Eine Verschnürung
löst sich, eine Erleichterung macht sich auf. Ein ruhiges, warmes
Wasser mag ich sein.
Montag, 2. Dezember, Frankfurt.
Lichter in der Kälte. Sind hier die Lichter aus Büroräumen
abends, Lichter der Straßenlampen, Lichter der Autos auf der Autobahn.
Scheinwerferlicht in Kontrasten: Die Lichtflächen der Architektur,
dieser hingehauenen Pompösität des Monitären, die bestrahlten
Tannenbäume und Stromleitungen über den Einkaufspassagen, das
bunte Licht auf das schwarze Holz einer Kleinkunstbühne in einer
Kellerbar der Innenstadt.
Lichtjockeys. Gelbes Licht im chinesischen Imbiss, weißes Licht
in hessischen Raststätten, in denen nachts kein Bier verkauft werden
darf. Ein kleines Licht über meinen Kopf auf dem Kissen, das ich
spät nachts ausschalten darf, um dem Inneren ohnmächtig zu folgen.
Dienstag, 3. Dezember, Köln.
Die Wände werden kahl. Gelernt habe ich: Dass Angst entsteht, wenn
die Libido gestört ist oder keine Befriedigung findet. Dass, wenn
ich weinen muss, nichts als ein Krampf dabei herauskommt.
Der härteste Tag des Jahres. Ein Tag, an dem ich nicht arbeiten muss.
Mittwoch, 4. Dezember, Köln.
Gehört habe ich: Das Klackern der Tastern, den dumpfen Aufprall einer
Taube an einer Windschutzscheibe, das Klopfen an ein Seitenfenster, die
eigene verstärkte Stimme.
Ich sehe dich, wenn du's nicht siehst.
Donnerstag, 5. Dezember, Köln.
"Was ich in diesem Leben noch erreichen möchte, ist, in einer
Partnerschaft bedingungslos zu lieben. Das habe ich das erste Mal erfahren,
als ich Kinder hatte. Liebe ohne Erwartungen oder Bedingungen, die von
den Kindern kommt und die man auch als Mutter empfindet", sagt Nena
in der Zeitung. Rührt Kinderwunsch daher? Ist "bedingungslose
Liebe" nicht selbst in einem Mutter-Kind-Verhältnis eine Illusion?
Erinnerung an Abiturfeiern. Der einzige Wisch mit offiziell anerkannter
Bedeutung. Mattblau. Als Frau verkleidet, als Frau Drabert, Englischlehrerin,
mit Perücke, Haarklammern, Rock, Strumpfhosen. Es gibt ein Video
davon, dass ich noch nie gesehen habe. Auch die Klausuren habe ich nie
abgeholt. Abitur: Eine große Zeit, von der ich damals wusste, dass
es bis dahin die größte war.
Nachtrag zu Gestern, Zeit für die Klatschspalte. Ron Winkler kennengelernt,
sehr netter Mensch und bereits der zweite Berliner Schreiber, von dem
ich das sagen kann. Lesung war gut gewesen, wenn auch brutalst unterbesucht
(volles Rohr Minderheitenprogramm, auch dies nichts neues). Die Freunde,
ein Trost - scheint sich was geändert zu haben, Missgunst und Neid
sind gegenseitiger Sympathie, Kollegenschaft, Unterstützung gewichen.
Vielleicht, weil es so klein ist. Vielleicht weil man als Schreiber inzwischen
nach den kleinen Gemeinsamkeiten sucht und sich freut, davon so viele
zu finden plötzlich.
Selbst das anschließende Slam-Spektakel im Sonic Ballroom konnte
keinen Ärger mehr verursachen. Der durchweg schlichte Textaufbau,
die madige, durchsichtige Konzeption, die Vulgärmethodik - geschenkt.
Jemand wie Jan Off kann auch einfach lustig sein. (Eventuell Slam Poetry
oder wie man das Kind sonst getauft haben möchte einfach als Genre
behandeln? Eine Art Parallelcomedy, eigenes Universum, immer mit Blick
auf Bildzeitung, Privatfernsehen, Boulevard, damit natürlich das,
was "volksnah" genannt wird. Auch kommerzielles Comedy kann
man lustig finden - wie das, was gemeinhin Popliteratur genannt wird,
unterhaltend).
Über Frauen schreibe ich hier nichts (heute morgen Traum von F. Sanft,
betörend, mutig).
Freitag, 6. Dezember, Köln.
In höherem Auftrag unterwegs. Weshalb ich nicht zum Schreiben komme.
Was ein wenig stört. Was oft stört. Heute geht es ok, da es
Spaß bereitet, Erfüllung bringt, Abwechslung, soziales Klima.
Sogar mit angehängtem Ende auf einem Balkon, in einem fremden Wohnzimmer,
an einem fremden Esstisch. Einblicke, Zublicke.
Hold on it hurts: Mach weiter, es tut weh. Heim flüstert der Fernseher.
Samstag, 7. Dezember, Regensburg.
Dezemberlarmoyanz. Ein neues Taxi wartet, wird weggeschickt. Ein Mietwagen
zieht über bundesdeutsche Autobahnen an einen Ort, an dem es keine
Rückzugsmomente gibt. Rückenschmerzen bis 14 Uhr, ab 18 Uhr
leichte Kreislaufprobleme, Überreiztheit, ab 19 Uhr im linken Ohr
ein stechender Schmerz. Taschentuch. Später, dank reichlichem Alkoholkonsum,
gut, besser. Nachts jedoch: Kaum Schlaf. Trotz Ohropax.
Sonntag, 8. Dezember, Regensburg.
Junges Wohnen: Ein Appartment am Rande der Innenstadt einer Kleinstadt,
Neubau, viele Fenster, Auslegeware. Junges Wohnen: Junggesellentum, d.h.
nahezu leerer Kühlschrank, die Suche nach Kaffee ein Abenteuer, an
den Wänden Plakate von Lieblingsbands, Halsbänder von besuchten
Konzerten, ein gigantischer Fernseher thront im Raum, darauf Stapel mit
Videokassetten, DVDs, darunter die zugehörigen Abspielgeräte,
rechts der Wand CD-Meter. Junges Wohnen: Helles Holz, ein junges Wohnen-Katalog-Bett,
ein bestellbares Ecksofa mit undefinierbarem, aber schrecklichem Muster,
ein Hellholztisch, darauf veraltete Fernsehzeitschriften, immer aktuelle
Musikzeitschriften (die wichtigen, die unwichtigen), abgepackte Schokolade,
ein Kerzenkranz mit grünem Tannenimitat, die freilich roten Kerzen
von Feuer unberührt. Junges Wohnen: Eine große Glasvitrine
mit Hellholzschale, ein Regal mit nie benutzten, verzierten Gläsern,
die restlichen Regale mit CDs belegt. Neben der Vitrine zwei Reihen Schallplatten,
der Ältere schaut nach Vergleichen, findet drei Gemeinsamkeiten.
Junges Wohnen: Ein natürlich prima aufgeräumtes, hygienisch
korrektes Bad, Stehdusche, Plastiktaschen für Haarspray, Zahnpasta
(aronal & elmex), Kamm, kein Gel. Durch das Tor in die Altstadt, es
ist ein Sonntag, die Familien zeigen sich. Wandern durch die Einkaufsbühne,
deren Zugänge verschlossen sind. Die Kleinwagen im Parkhaus gelassen.
Das Lieblingsgesicht des vergangenen Abends bedient im heutigen Frühstückscafé
(halb zwei, Müsli, Milchkaffee), das tatsächlich "Bett"
heißt, Anlass für Wortspiele bietet, schön. Servantilismus
Return. Aber die Zeit ist eine andere, die Umstände auch, im anschließenden
Mietwagen geht es dieselbe Strecke über die Autobahn zurück,
dabei werden vertonte Kindheitsziffern belauscht, dunkle Momente der Jugend
(Tanzkurs) beleuchtet, man denkt sich Personen aus, die die anderen erraten
müssen. Zuhause, im mittelalten Wohnen: Telefongestotter, kranke
Musik, wieder Fernsehlicht. Viel und gut geschlafen.
Montag, 9. Dezember, Köln.
Von D. geträumt. Zwischen ihm und J. in einer Runde gesessen, sie
haben sich in meinem Rücken miteinander unterhalten. Gewusst, dass
D. tot ist, gewusst, dass es sich um eine Erinnerung, einen zwar nie erlebten,
aber vergangenen Moment, handelt. D. irgendwas sagen wollen. Pelzmäntel,
Silberschuhe, im Büro zieht in eine neue Mitarbeiterin ein, packt
gleich ihren Wohlfühlpark aus, schmückt das Büro. Nach
außen verlegte Innerlichkeit, Absteckung des eigenen Terrains, Überwindungsversuch
entfremdeter Arbeit? Warum stimmt die Rechnung: Dass es sich dann grundsätzlich
um Kitschutensilien handelt, eine Holzlok als Stifthalter, ein mit Diddle-Figuren-verunstalteter
Wandkalender? Daneben drei Fotos: Das erste zeigt einen roten Rennwagen,
das zweite ein Stillleben mit Palmen, das dritte einen orientalischen
Tempel.
J. lügt nicht, J. verdeckt die Einzelheiten, J. klammert aus. Dachte
kurz, es ist wieder nur meine Paranoia, aber meine Paranoia hat meistens
Recht: E. erzählt mir abends am Telefon, dass sie auf einem Konzert
war, das Konzert war klasse, anschließend ist sie mit J. im Sonic
Ballroom gewesen, auf dem Weg dorthin dem Schlagzeuger über den Weg
gelaufen. Ein Abend mit Ansage: Lange Nacht, früher Morgen, rumgeknutscht.
Wir sind frei und dürfen uns die Freiheit nicht nehmen lassen, verklickert
mir anschließend I. im nachbarlichen Kubus. Ich bin froh, das zu
hören, denn ich weiß, er hat Recht. Das gilt für alle.
Dienstag, 10. Dezember, Köln.
Ich schreibe um mein Leben. Hier fällt der schwere Regen. Trennungs-
und Trauerphase, gewaltige Phantomschmerzen kommen auf, und die Gedanken
sind graue Hasen. Ich klammere mich an die Mittagspause, Subroutinen laufen
ab, andere entpuppen sich als gestört, abends verlässt man sich
auf die Stimmen, die eigene, die andere(n), Gesang der Sirenen, Tinnitus.
Viel Grübeltext, alles ganz finster, aber Sitcoms retten mein Leben,
zumindest für einen kurzen Moment.
Albert Camus:
"Künstler und Kunstwerk. Das wahrhafte Kunstwerk ist das an
Worten sparsamere. Es besteht ein ... Verhältnis zwischen der Gesamterfahrung
eines Künstlers, seinem Denken + seinem Leben (seinem System - wenn
wir beiseite lassen, was dieses Wort an Systematik enthält) und dem
Werk, das diese Erfahrung widerspiegelt. Dieses Verhältnis ist schlecht,
wenn das Kunstwerk die gesamte, literarisch verbrämte Erfahrung wiedergibt.
Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück
ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet,
ohne sich einzuschränken. Im ersten Fall herrscht Überladenheit
und Literatur. Im zweiten ein fruchtbares Werk, weil es so viel unausgesprochene
Erfahrung enthält, deren Reichtum man errät.
Das Problem besteht darin, jene Lebenskunst (...) zu erwerben, die über
die Schreibkunst hinausgeht. Und letzten Endes ist der große Künstler
vor allem einer, der lebt (wobei leben hier über das Leben nachdenken
heißt - ja, es bedeutet die feine Beziehung zwischen der Erfahrung
und dem Bewusstsein, das man von ihr gewinnt)."
Sattelschlepper und Leichenzüge. Ich schließe die Augen und
sehe sie.
Mittwoch, 11. Dezember, Köln.
Thunder, Corruption & Lies. Da fiel der Satz: Dass Seifenopern die
Realität nachahmen, nicht umgekehrt. Zurück zum Muster. Befall.
Dieser volle Losercore hier. Der geringe Abstand zwischen den Satelliten
der Schrift und der erdigen Aufgewühltheit ist der einzige, der im
Moment möglich ist. "Nun müßte ich positiv sein wie
eine offene / Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd"
etc. Statt dessen: Dieses mürrische Lied von der Zeit, dem besten
Handwerker.
I Want Out of the Circus. Auf der Galerie. Lahmes Kümmern, Ausgangssuche.
Für diese Zeit möchte ich blind sein, die gereihten Bilder nicht
sehen, die apokalyptischen Reiterinnen, die ihre Pirouetten drehen über
dem Sand, die Hörner und Tiergeräusche der Beach Boys Zirkusband
nicht hören, obwohl es die Musik der Stunde ist, Radio Orpheus mit
den immer gleichen Ansagen (Film von Cocteau) ...
Freitag, 13. Dezember, Köln.
Das kalte Blinzeln der Bohéme. Position: Unklar. A. hat Geburtstag.
Ich habe A. sehr lange nicht gesehen, ich hatte noch nie viel zu tun mit
A., die als Szenegirl par excellance durchgeht, ein mädchenhaftes
Gesicht, hohe Lächelfrequenz, blonde Haare, rundlich und selbstsicher
mit eingebauter Falltüre zur Unsicherheit, sie ist gut im Projektionsfläche
sein. Männerreihen, die ihr den Hof fegen, dabei ist sie zurückhaltend,
ausblendend, bestimmt von Privatdogmen und Eigenpräferenzen. Gleichsam
ein obskures Objekt der Angst, wie ich I. sage, dass ich nie einer von
denen sein wollte, die hinter ihr her rennen. Serial Girlfiend.
Und auf A.s Party, die in einer riesenhaften Ehrenfelder Wohnung abgeht,
Schläuche und Säle, lauter alte Bekannte, Abteilung junger Popjournalismus,
Plattenmacher, Chefaufleger, Frei- wie VollzeitjournalistInnen, Lokalredakteure,
Medienproletariat, gleichsam die sich selbst einbildende Elite, Diskurshöflinge,
Spexfans, LangzeitstudentInnen, die bessere Seite, in allen Facetten,
ich liege knapp unterhalb des Altersdurchschnitts. Freude. Leute, ich
war eine Weile weg, untergetaucht in meinem Privatschlamassel, hiermit
kündige ich mein langsames Comeback an. Cool, okay, Small-Talk-Freude,
Bier steht auf dem Balkon, alles klar. C. kommt, vier Tage vor Deadline,
Magisterarbeit, kurze Hektik, verschwindet wieder. K. ist da, erzählt
von ihrem Job als Sekretärin fürs WDR Morgenmagazin, Studium
abgebrochen, kleiner Austausch über C.s These von frei machender
Arbeit, das Konto ist sicher usw., andererseits die Routinen, das Unerquickliche
eines 40-Stunden-Jobs, Einschnitte ins Privatleben etc. Frage nach der
Schreiberei, Zeugin eines anderen Tagebuchs, gemeinsame Bekannte auch
in diesem Raum, A.W. nämlich, der jetzt endlich ein Stipendium in
Berlin antreten darf, vollste Mitfreude. These der Christbaumkugeln, denen
man mit Angeln nachhelfen muss, dass sie fallen. P., auch recht rundlich
inzwischen, berichtet aus der Hauptstadt, in der sie einem Logopädinnenjob
nachgeht an einer Geriatrie, aber eigentlich wollte sie immer Holzfällerin
werden, jetzt sucht sie nach ihrem Platz im Medienbetrieb, den sie dank
Plan B auch finden wird.
Schließlich sind noch J. und A.L. anwesend, deren Privatschlamasselzenit
noch nicht überschritten ist, kurzer Bericht über den Stand
der Undinge, S., schwerstes Opfer einer selbst zubereiteten Hölle,
dabei hochgeradig verschnürt, nervt mit überflüssigen Gegendiskursen,
als Wham!s Last Christmas läuft und ein Wiederfinden tröstlicher,
subjektiver Kollektivität statt hatte. Plattenmacher R.W. findet
sich auch für ein kurzes Gespräch, Lob der abgesungenen Band,
Gegenlob des Franzosenpopsamplers, den er mitstemmte. Usw. usw.
Wo bleibe ich? Ich streue mich unter, sehe alte Bezüge funkeln, die
ich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen baumeln ließ,
zu viel Zweifelmaschine statt einem ordentlichen Let-Go. Selbst ins Eck
gestellt und mich da eingerichtet, jetzt muss ich aus dem Staub, und teste
das Wasser, fußzahm. Ja, ein Holzfäller! - Und was ist mit
meinem Vogel?
Samstag, 14. Dezember, Köln.
Mein eigenes privates Lifestylemagazin. Sabine Scho: "ach gott, dachte
ich, was für einen anstrengenden beruf habe ich gewählt! tag
aus, tag ein am schreibtisch. die geschäftigen aufregungen, ohne
mich vom fleck zu bewegen, und außerdem ist mir noch diese plage
des grübelns auferlegt, die sorge, ob es die anstrengung lohnt, das
unregelmäßige essen, ein immer wechselnder, nie andauernder,
nie herzlich werdender menschlicher verkehr."
Und klar ist das banal, und klar ist das langweilig, leider aber gerade
das über dem Bett kurbelnde Schwert, das die Luft umwälzt. Ein
herzliches Merry-Go-Round.
Und was ich erlebe: Ist davon getragen. Und ja, ich bin eingespannt, umwickelt
im eigenen Kokon. Und den schleppe ich mit zur Freundin J., und ich schleppe
ihn mit in einer verstört-verzweifelten Tournee durch die Bars ab
vier Uhr, auf der Suche nach was? Einer Zeitmaschine" Selbstkritik
ist ein Luxus. Und mein Konto ist so leer wie mein Bett. "angst,
das kalte laken."
Donnerstag, 18. Dezember, Köln.
Die Nerven liegen also außen. Von hier aus finde ich nicht weiter.
Plötzlich kommen Vermählungswünsche auf. Die Schattenseiten
des R.H. als Falschspieler, Mogelpackung, Paranoiker. Die Bezüge
sind alle verdreckt, müssten dringend in die Waschmaschine, aber
leider kann ich nur meine eigenen Hälften dorthin tragen. Absetzung
der Substanzen, um mich als Held zu fühlen, andere brauchen etwas,
was ich nicht brauche. Gleichsam ist Trennung vom geliebten Objekt nichts
anderes als härtester Drogenentzug. Was nicht schmeichelhaft ist:
Das Objekt als Beruhigungsmittel. Übertriebene Analogie? Mitnichten:
Das Gefühl ist zuvorderst ein körperliches, auf der anscheinend
doch vorhandenen rationalen Ebene laufen Begleitprozesse, die wieder nach
Zusammenhängen suchen, Ursachenforschung betreiben. Auch nicht falsch.
Körperlich: Ausschüttung ungeheuerer körpereigener Substanzen,
was genau? Adrenalin? Ich fühle mich wie amputiert: Ein Teil von
mir fehlt. Einsatz von Gegengiften, Substituten, Betäubungshämmer,
nutzen nichts. Ich will die Droge zurück. Daneben die Therapeuten,
die von der Zeit sprechen, von der Geduld, von einem entfernt liegenden
Zustand, den man erreicht, wenn der Entzug vorbei ist. Und wann ist er
vorbei, kann man ihn beschleunigen? Nein, kann man nicht. Der nächste
Käse, durch den man durch muss, dabei liegt noch der erste schwer
im Magen. Für und Wider der Fluchttendenzen: Ja, man gebe mir bitte.
Montag, 23. Dezember, Köln.
Vollpanik. Das psychotische Summen. Von einem Arzt zum anderen, da natürlich
alle heute ihren ersten Weihnachtsferientag haben, schließlich nach
zweistündigem Fußmarsch bei Dr. Mondorf, dem Karnevalsprinzen
und Hausarzt für Randexistenzen, gelandet. Vom seit gestern eingesetzten
Johanniskraut gesprochen, das nur lähmt und runterzieht. Ein Arzt,
dem die Apotheken vertrauen: Verschreibt ein ähnliches Mittel, das
ich zwar kaufe, aber nicht nehme. Vom Ohrensausen erzählt, er lässt
die Assistentinnen ran, die mir die Hörgänge freispülen
mit warmem, klaren Wasser.
Er saß auf dem schalen Stuhl des Wartezimmers und überlegte:
Sollte er zu seinem Vater fahren, um sich zurückzuziehen, gute Luft
atmen, die Stille des Landes genießen, sich bekümmern lassen
zu können? Und sich Preis zu geben als Opfer der Geschehnisse? Sollte
er dem verständnislosen Arzt von seinen Depressionen erzählen,
seinen Selbstzweifeln und Ängsten, seiner verloren gegangenen Liebe?
Plötzlich kam er sich lächerlich vor. Klarer Fall von Überreiztheit,
nervlicher Anstrengung, diagnostisierte er sich selbst auf dem Weg zur
U-Bahn, leider fiel ihm die Therapie nicht ein, zunächst einmal sind
Spaziergänge zu verschreiben. Aufbrechen des Umfelds.
Dienstag, 24. Dezember, Köln.
A Day to Remember. KAPUTTE SZENE. Wie war das gleich bei Goetz? Feierte
er das nicht ab? Egal. Männerrunde, Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs,
die Wissenschaft, das Rumgeklüngel, die Frauen. Egal, das alles,
jetzt. Blut, Schweiß & Tränen, aber jede weitere Weiterbeschreibung
wäre nur einerseits eine Überhöhung der emotionalen Geschehnisse,
andererseits eine Verharmlosung, drittens nicht fair, den Deckel machen
wir jetzt mal wieder zu. Privatkacke, halt.
- Die unterste Schublade sollte man nicht aufmachen.
- Ja, genau.
Auch die BILDER DES JAHRES spart er sich. Sie differieren von den öffentlich
kursierenden, denn bei den öffentlich kursierenden hat er nicht viel
gefühlt, hier und dort ein wenig Panik und Angst, Befremden, aber
vor allem: Entertainment. Die Entertainmentmaschine, die alle Tasten bedienen
kann. Nur ein Bild wird frei und schwimmt, bildet Blasen, wird zäh.
Ihr eigenes privates Nevermind. Es ist dieses hier:

David H.W. Leder 1968-2002. In memoriam.
Dienstag, 31. Dezember, Köln.
Briefe schreiben, sie nicht abschicken. Frauen kennenlernen, nicht mit
ihnen schlafen. Biere trinken, nicht blau werden. Fachlektüre lesen,
nicht die Parallelen sehen, sondern die Unterschiede (High Fidelity).
Billige Tricks und rotblonde Aussichten. Charme geht anders. Popzitate,
von Haus aus allein, your own personal Jesus, Listenterror (bitte in SPEX
nachlesen).
- Lass uns gehen.
- Warum?
- Eifersucht.
Narzissmus regiert wieder. Das ist der erste Ausblick. Ein letztes Mal
schauen wir zurück im Zorn, ganz nach Freud; um den Stachel des Verdrängten
zu ziehen, mussten wir noch einmal da durch. Ab morgen beginnt ein neues
Jahr, also greifen wir diesen kollektiv konstruierten Zyklus auf, warum
auch nicht. Der Postkartenblick von der Dachterrasse des Ehrenfelders
Hauses (die Wohnung, in der die Party stattfand, nutzte einst der WDR,
um WG Europa o.s.ä. zu drehen) ist zwar eigentlich der falsche, im
Prinzip der vertauschte, denkt er, denn er steht an einer Stelle, an der
jemand anderes stehen sollte, die jetzt an seiner Stelle steht, aber das
ist wurscht, und auch nur ein Ausblick. Ein Ausblick auf einen neuen Zyklus,
der gewiss noch durchtränkt sein wird vom Geschehenen in 2002, dem
schlimmsten Jahr seines Lebens. Trotzdem wird es ein neuer Zyklus sein.Saskia
Mackeben
02.12.2002
..die stadt ist auch schön und mild und weihnachtlich. alle arbeiten
bei agilent (american company). ich spreche drei sätze spanisch und
ein wort katalanisch: perdone. ich glaube, jenny bleibt hier.
wir essen um halb elf zu abend, jetzt (17.40 h) ist es schon bald dunkel.
heizung muss kein luxus sein (werbung). in der wohnung ist mosaikboden,
und es gibt drei balkone. andi spielt den ganzen tag playstation (fußball).
astrid ist vor ihren problemen aus berlin geflohen. überraschung,
hier ist es auch nicht besser für sie. lo siento.
jemand, den man anschaut, lächelt und sagt: hola. gestern brachte
carlos zum frühstück klebrige croissants und schnecken (in köln
würde man sagen: teilchen) mit. am strand war es bewölkt, wir
sprachen über die vielen zuwanderer aus dem zusammengebrochenen argentinien.
wer ein europäisches (eu) elterteil hat, darf ins land.
mir gelingt, die kellnerin zu rufen (hola). der kuchen ist mit mandel
und kaneel. in köln gibt es gar keine kaneelbrötchen. bei uns
zu hause schon: mohn, sesam, kaneel (standardauswahl in den zeiten vor
vollkornbrötchen).vielleicht wegen des hafens in bremen. kaneel als
exportschlager.
ich habe ein paar schöne schallplatten gekauft. herbie mann. jenny
mag keinen jazz, weil das die musik ist. die ihr vater immer hört.
chers version von needles and pins. + ein spanisches da doo ron ron.
ich muss die plaza catalunya gleich wiederfinden, wenn ich zur wohnung
zurück will.
i picture myself. wie heißt das auf deutsch? ich stelle mir vor,
wie ich aussehe? jenny: die sagrada familia ist unter konstruktion.
5.12.02
es ist wohl immer noch nicht kalt, aber ich bin müde, im liegen geistern
noch die gestalten von letztem dezember als wiedergänger herum, ich
träume auch einen schatten von jemand wichtigem. ich muss noch nicht
ins büro, erst recherchieren.
die bibliothek ist im 14. stock, eine schöne aussicht auf eine hässliche
stadt, kopieren, quittung, fertig.
ich fahre durch köln, durch die SCHÖNEN viertel, sülz,
lindental, irgendjemand weiss bestimmt, woher der name sülz kommt.
wohnen hier (lindental) die oberen zehntausend? ich sehe einen kronleuchter.
t. hat geerbt, jetzt schrieb er mir eine mail. natürlich (moral)
macht ihn die kohle nicht glücklich.
ich versuche, die ergebnisse in den rechner zu hacken, verabrede mit jörg,
heute abend pizza zu essen. dieser fall muss heute fertig werden (betriebskostenabrechnung),
am besten auch noch die herausgabeklage. der tag wird gar nichts mehr.
7.12.02
der wecker ist falsch gestellt, heute ausschlafen. es ist schneewetter.
ich soll meine top-five-des-monats aufstellen, deshalb lese ich wieder
high fidelity, aber ich überblättere die hälfte. meine
mutter schickt seasonal decoration.
abends gehe ich einen film schauen."jeans". er erinnert an videoclips.
nicolette krebitz klettert in einem minirock auf einen baum und lässt
sich dabei von unten filmen. verkrampfter versuch, unabsichtlich sexy
zu sein. es bleibt vom film nicht viel in erinnerung. einer der hauptdarsteller
erinnert mich an einen bekannten, der auch seinen persönlichen ehrgeiz
darauf richtet, jede frau ins bett zu quatschen. es gibt keine anzeichen
dafür, dass der film von einer frau gemacht wurde. jasmin tabatabai
hat zum glück nur eine sehr kleine rolle, in der sie nicht nerven
kann.
ich gehe auf die party, frage mich, warum ich so müde bin. die feier
zieht so vorbei. es ist heiß und rotes licht (i´ll be your
seven day fool), ich denke an c., der nie hier sein würde. gedanken
werden irreal.
8.12.02
zuviel, das wochenende ist zuviel. auf der zülpicher straße
treffe ich eine kollegin, die bei hemmer den crashkurs zivilrecht macht.
ich fühle noch nicht mal examenspanik, wahrscheinlich bin ich zu
müde.
später ärgere ich mich, dass ich dieses wochenende keine klausur
geschrieben habe. vielleicht morgen? bis wann muss die denn zur korrektur
eingeschickt werden?
freundinnen zum kaffe. schöne ablenkung, wir sind alle gut drauf,
es gibt anekdoten.
dann bin ich wieder 14, höre dasselbe lied 20mal (why can´t
i stand up, and tell myself: be strong).
9.12.02
ich werde beim schlafen ständig geweckt, durch das telefon- und türklingeln.
auf dem weg zu hanna finde ich es unerträglich kalt. es ist immer
noch alles besser als letztes jahr. montag halt.
10.12.02
die arbeit geht mir wieder gut von der hand, markus will mit mir eine
rauchen, wir planen die weihnachtsfeier, ich plane meine berufliche zukunft
eher weniger.
ich überlege schwachsinn, z.b., dass ich c. die platte zurückschicken
könnte, die er mir geschenkt hat. der andere referendar ist ein unglaublich
typischer jurist, ein netter, konservativer soldat, der nicht zur weihnachtsfeier
kommen kann, weil er jagen geht. er hätte auch lieber eine freundin,
sagt er.
ich schmeiße meine sachen in den postausgang.
14.12.02
um neun uhr kommt constanze, ich sitze und warte darauf. die cds und platten
von donnerstag liegen noch ungeordnet herum, wir haben getanzt und alle
hits gehört. als ich marion das lied mit dem zitat vorspielte, hatte
sie angst, dass sie weinen muss. wir fanden es aber dann nur schön.
constanze ruft an und fragt: beck´s oder kölsch. beck´s
natürlich. ich mache mir unruhige/paranoide gedanken, weil ich immer
allen leuten alles erzählen muss. ich frage mich, wie das wirkt.
die klausur heute: straßenverkehrsdelikte und beweisverwertungsverbote.
15.12.02
entspannter tag. germar kocht uns heiße schokolade. ein ruhiger
abend in der scheinbar. ich erzähle, dass c. angerufen hat und mark
verdreht die augen. aber hauptsache, roma gewinnt gegen turin.
16.12.02
ich bin so müde, der tag ist eine einzige dämmerung (metereologisch).
die deutsche bahn hat neue fahrpläne, ich habe sieben punkte in der
revisionsklausur.
später lese ich maxie wander "guten morgen, du schöne".
meine augen kippen beim lesen manchmal weg, ich konzentriere mich so schwer,
dass ich an meiner urteilsfähigkeit zweifle. wander erstellte nach
aufgezeichneten, von ihr geführten interviews portraits von 19 frauen.
(protokolle nach tonband -> untertitel) sie schreibt: "ich habe
nicht nach äußerer dramatik gesucht oder nach persönlicher
übereinstimmung. ich halte jedes leben für hinreichend interessant,
um anderen mitgeteilt zu werden."
christa wolf schreibt im vorwort: "es zeigt sich: rückhaltlose
subjektivität kann zum maß werden für das, was wir (ungenau,
glaube ich) >objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann,
wenn das subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern
aktiven umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. das subjekt treibt
sich selbst heraus, wenn es dazu beitragen kann, aus den gegebenen verhältnissen
das äußerste herauszuholen. es wird in sich zurückgetrieben,
wenn es auf entfremdete, destruktive strukturen, auf unüberwindliche
tabus in entscheidenden bereichen stößt."
ich werde darüber nachdenken, wenn ich wieder wach bin.
19.12.02
es ist immer schlimm, wenn ich mich zurückgesetzt fühle. wenn
ich das gefühl habe, oder weiß: für eine andere hat er
das getan, und für mich macht er das nicht.
ich war gestern ganz normal, bei amely, beim adventsplätzchenbacken
und glühweinkochen. das hat gepasst.
24.12.02
blitzeis. die äste sind wie in glas getaucht (frosting). alle bleiben
zu hause.
ich bin noch wie zerschlagen von der klausur gestern.
25.12.02
ganz extreme träume. das ist bestimmt nur übertragung. die zugverbindungen
sind sowieso still. selbst wenn ich fahren wollte. abwarten.
familie. oma erzählt geschichten, die ich noch nicht kannte. wie
sie das bernsteinzimmer gesehen hat, und hans albers. nicht gleichzeitig,
natürlich. später bei bianca + mit meinem cousin samt aufriss
im "rosige zeiten" (just another fool), dann im römer:
der idiot, der hässliche, der dicke + der filmvorführer geben
sich die ehre. szenetypen aus biancas leben. sie kommt schlecht drauf,
aber die machen hier jetzt auch sowieso zu.
28.12.02
zurück nach köln. die schmerzen (physisch) vom letzten jahr
kommen wieder. die schöne landschaft zieht vorbei, furchen auf den
feldern, es spiegelt sich etwas in den pfützen, tiefgrüne wiesen.
ich bin also nicht zu c. gefahren. ich habe nicht gefragt, und er...
c.: am sonntag ist unser konzert. ich habe die ganzen texte vergessen.
ich: das wird schon.
c.: ja, man darf sich nur nichts anmerken lassen.
ich: genau.
pause
ich: neulich war ich auf einem konzert von der band, von frank, meinem
ex.
von denen der sänger spinnt auch. also, so meine ich das jetzt nicht.
ich
meine: der spinnt halt. auf dich bezog sich das jetzt nicht.
c.: nee, klar.
und so weiter. hera lind könnte mitschreiben.
später sage ich zu bianca: kennst du das, wenn man den hörer
auflegt und denkt: ich habe die ganze zeit nur scheiße geredet.
ich höre die fast perfekte kassette. wenn ich durchs zweite examen
falle, werde ich djeuse.
draußen jetzt: eine landschaft von nachtwanderungen und moorwanderungen
und somit von nostalgischem interesse. wie das rasierwasser desjenigen,
der jetzt auf dem platz vor mir sitzt. issey miyake - thomas. wir werden
uns wohl silvester sehen.
später videoschauen mit jörg (zur sache, schätzchen = film).
ich bin mir sicher, das beck´s schmeckt in bremen anders. vielleicht
liegt es an den kleineren flaschen.
es geht mir so unglaublich viel besser als vor einem jahr.
Rainer Junghardt
Eine Industriebrache
Sie sind nicht mehr da. Die Arbeiter kommen nicht mehr morgens um sechs
an meinem Pförtnerhaus vorbei und rufen "Morgen!" oder
schweigen, die Angestellten kommen nicht mehr um acht oder neun durch
mein Pförtnerhaus in die Verwaltung und grüßen oder grüßen
nicht. Niemand grüßt mehr. Die Vorstellung aber bedient sich
ebenso gern der Erinnerung und Gewohnheit wie des Wissens und der Wahrnehmung,
und lange hatte ich, während ich das Werk versicherungshalber weiter
bewachte, das unbestimmte Gefühl, es müssten noch Menschen darin
sein.
So hatte ich auch nach Wochen noch auf meinen Rundgängen den Eindruck,
aus dieser oder jener Tür müssten jetzt Herr Boldt und Herr
Esser stolpern. Die beiden waren als Mitarbeiter von Werkssicherheit und
Instandhaltung ständig im Werk unterwegs und das so hastig, dass
sie sich, obwohl nur zu zweit, vor jeder Tür zu stauen schienen,
der eine den anderen geradezu anschob, während der öffnete.
Sah man sie irgendwo herauskommen, so schien es, als müssten sie,
da sie fast zugleich herausdrängten, stecken bleiben oder straucheln
und fallen. Diese Auftritte wirkten um so unbeholfener, als Herr Boldt
zwei Meter groß und überaus dick, Herr Esser aber ungefähr
zwei Köpfe kleiner, mager und ausgezehrt war. Und eben weil ihr Auftauchen
durch ihre Hast oft etwas überraschend es gehabt hatte, hätte
es jetzt hierher gepasst, weil hier nun jedes Erscheinen überraschend
sein musste.
Aus anderem Grund meinte ich gelegentlich, wenn ich meine Zeit so lesend
und schreibend herumbrachte, eine marokkanische Auszubildende, die einer
anderen Frau ziemlich ähnlich sah, und deren beider Vornamen netterweise
mit den gleichen beiden Buchstaben begannen, die auch die einzige war,
die nie "Mahlzeit" sondern immer "hi" sagte, und ich
antwortete "hi", müsse gleich hereinkommen, weniger nämlich
aus Gewohnheit als weil ich die Erinnerung an jene vermisste.
Allmählich gewöhnte sich meine Vorstellung daran, dass hier
niemand mehr anzutreffen war, und wenn sie mir doch noch einmal diesen
Eindruck aufdrängte, so griff sie auf Begegnungen zurück, die
auch damals schon selten und unwahrscheinlich gewesen waren, und machte
ihn damit wenn auch nicht glaubhaft, doch zumindest in dieser Hinsicht
stimmig. Herr Scherdorf, der Werksleiter war fast nie zu sehen gewesen.
Er fuhr morgens schnell an meinem Häuschen vorbei auf seinen rückwärtigen
Parkplatz, kam durch den hinteren Eingang in die Verwaltung und verschwand
sofort in seinem Büro. Waren alle anderen Angestellten immer wieder
im Werk unterwegs, nahmen Dinge in Augenschein und trafen ihre Entscheidungen
vor Ort, so gab er lediglich knappe telefonische Anweisungen. Nur kurz
sahen ihn ein paar leitende Angestellte bei der mittäglichen Besprechung.
Ansonsten schaute seine Sekretärin von Zeit zu Zeit in sein Büro,
sich zu vergewissern, dass er immer noch da saß und nicht jemand
anderes sich eingeschlichen hätte und heimlich von seinem Anschluss
aus Anweisungen gäbe. Sehr spät noch, als der Zerfall schon
überall deutlich sichtbar war, glaubte ich noch einmal, er werde
mich gleich anrufen. Erst wenn auch solche versteckten, schattigen Existenzen
nicht mehr darin vermutet werden, ist ein Ort endgültig verlassen,
auch in der Vorstellung.
Von da an braucht es Anlässe für solche Wiederläufer der
Einbildung. Ein Fremder hat die Erlaubnis, ein paar vergessene Ziegel
aus einer Halle zu holen. Mit seiner Schubkarre fährt er gegen einen
Türrahmen und stürzt. So fällt Herr Boldt doch noch über
Herrn Esser.
Dann wird der Zerfall unumkehrbar. In den feuchten Büros fällt
meterbreit die Tapete herunter und überlässt die Wände
schwarzem Stock. Überall regnet es herein, in der Verwaltung wellen
sich die Teppiche und faulen, in den Hallen steht das Wasser, schließlich
dürfen sich nicht mehr betreten werden. Eine Brücke zwischen
zwei Hallen bricht ein. Die Trümmer werden nach einer Woche zur Seite
geschoben, oben klafft ein zwei Mann hohes Loch, die Stümpfe diverser
Wasser-, Druckluft- und Abluftrohre und Strom- und Telefonleitungen ragen
heraus wie Sehnen und Adern.
Durch den Zerfall werden abgelegene, dunkle Ecken, in denen Ausschuss
und Reste abgestellt wurden, noch trostloser, verrotten um so mehr, hellere
Winkel, in denen Bäume stehen und eine Bank, auf der man früher
einmal in der Pause gesessen hat, werden fried-lich von Efeu und Moos
überzogen um so angenehmer.
Es bleiben die Ablösungen. Klaus sitzt bereits im Wagen, wenn ich
hereinfahre, hebt die Hand zum Gruß und fährt. Löst er
mich ab, so sagt er, ich solle machen, dass ich fortkomme und noch etwas
habe vom Tag. Arnold bleibt gern noch eine halbe Stunde und erzählt
vom Urlaub und vom Einkaufen. Ich antworte ähnlich. Franz sehe ich
nur sonntags. Er hat ein paar Illustrierte dabei, und wir machen Pförtnerwitze
über Aufregung und Chancen im Beruf, die die Horoskope verheißen.
Georg erzählt mir von Programmen und Anschlüssen seines Laptops,
ich kenne weniger davon. Er macht eine ähnliche Weiterbildung wie
ich und gelegentlich gehen wir ein paar Unterlagen durch. Entspanntes
Rauchen, entspannte Übergabe.
14.12.
q&c. kommt h. abreißen. lange s. gesucht, der sich nicht blicken
lassen wollte. dann das hallentor mit einem schraubenzieher geöffnet,
damit q&c.s leute an ihre maschinen kommen. von der halle steht schnell
nur noch ein geäst von stahlträgern, falzblechwände liegen
wie laub an allen seiten ausgebreitet. von einer hebebühne aus zertrennt
q&c die dachkrone mit einem schneidbrenner.
ich mache meinen rundgang auch um die arbeitenden herum und schaue die
riesige pfütze an, die sich in einer senke auf dem parkplatz gebildet
hat, vielleicht 5 mal 7 meter, vielleicht 40 cm tief, seit zwei jahren
unverändert, bei heißem wetter wenige tage einmal ausgetrocknet,
bei regen fließt ihr das wasser des halben parkplatzes zu, und was
immer darauf verrottet, reste von blättern und blechen, abwechselnd
von schauern gespült klar und von algen getrübt, auf ihrem grund
ein fladiger grüner verseuchter morast, nun zum ersten mal in diesem
jahr gefroren.
ich tippe mit der schuhspitze an das eis von pf., ein riss entsteht mit
einem knacken. "der winter ist nur eine große desinfektionskampagne."
das hat w. mir einmal gesagt. das macht mich traurig.
q&c. macht mit seinem kran einen weiteren stahlträger von h.
sin-ken.
Dann kommt das Wachstum. Pflanzen breiten sich aus, ein Fasanenpaar siedelt
sich an. Früher gleichmäßig zurückgeschnittene Hecken
sprießen mühelos meterbreite Wege in einem halben Jahr zu und
Bodendecker lassen ihre endlosen langen Ausleger über die Werksstraßen
wachsen. Immer wieder stehen Unkräuter isoliert auf dem Asphalt wie
aufgesetzt, erst wenn man sich tief zu ihnen hinabbeugt erkennt man den
feinen Riss in der Fahrbahndecke, der ihnen genügt, sich dort zu
ernähren. Eine Birke wurzelt in mehreren Metern Höhe im bloßen
Mauerwerk. Jetzt reduziert der Winter die Vielfalt der Arten und Farben
der Vegetation auf ähnliche Rückzugsformen von bloßen
Stielen und Zweigen, demnächst aber beginnt wieder ihre genügsame
und wuchernde Entfaltung.
Christian Jansen
Paris, im Dezember 2002.
McKinsey & Company ist laut Eigendarstellung der "Rolls Royce"
unter den Unternehmensberatern. Dem BWL-Studenten müsste die nach
diesem Kabinett benannte Matrix (neben der der Boston Consulting Group)
ein Mindest-Begriff sein. McKinsey verfolgt zwecks Rekrutierung seines
Nachwuchses eine Politik der Annäherung gegenüber bestimmten
Pariser Universitäten. Und das geht so:
Der Rolls Royce bat an einem frostigen Donnerstag abend zu einem "Cocktail
McKinsey" in sein Bureau auf den Champs Elysées. Die anderen
Unternehmensberater (Pricewaterhouse Coopers, KPMG, Doilette & Touche,
Andersen (als noch existent),...) sind regelmäßig auf den einschlägigen
Forums des Entreprises vertreten - nicht so McKinsey. Hier bemüht
man sich nicht selbst - man lässt bitten. Eine gelungene Marketing
Strategie. Nachdem schriftlich und mit Anlage des Lebenslaufes das Ansuchen
geäußert worden war, einen Cocktail auf den Champs Elysées
schlürfen zu dürfen, kam einige Tage später das OK unserer
Berufsorientierungs-Beauftragten: Rendez-vous um 17.45 Uhr vor Nummer
79, Avenue des Champs Elysées. Ich war 10 Minuten zu früh,
hatte keine Lust, vor dem Eingangsportal zu frieren und verzog mich in
eine Seitenstraße, wo ich in einem billigen Stehcafé die
Zeit mit einem Espresso hinunter spülte. Als ich pünktlich wieder
vor Nummer 79 ankam, stand schon ein Pulk von ca. 40 Studenten in der
eisigen Pariser Winterluft. Ich erkannte niemand auf den ersten und nur
einen einzigen Typen auf den zweiten Blick. Erleichterung und Small Talk.
Wo absolviert dieser und jener sein Praktikum? Kommunikation für
St. Gobain, Marketing für RTL, d'accord. Mein Name wird auf einer
Liste abgehakt.
Man ließ bitten - man lässt warten. Schließlich werden
wir von einem Livrierten durch einen Messing- und Marmorkorridor in die
Messing- und Marmoreingangshalle gebeten. Alles riecht nach Diskretion.
Außen war nicht einmal ein Firmenschild angebracht: Entweder, man
weiß, WER hier logiert, oder man gehört eben nicht dazu. In
Grüppchen zu sechst werden wir in die Aufzüge und bis zur siebten
und letzten Etage befördert. Marmor, Messing, Palmen. Weitere Gänge,
Büros, PCs, schließlich Menschen. Wir münden in einen
Versammlungsraum: Ausblick auf die weihnachtsbeschmückte, hell belichterte
Champs Elysées und den Arc de Triomphe, die aus der Pariser Nacht
herausstechen: das ist wohl integraler Teil des Marketing-Konzeptes. Auf
einem Tisch liegen Namensschilder, alphabetisch aufgereiht. Christian
Jansen ist auch dabei und ich stecke mich mir ans Revers.
Thibault ist Directeur associé, verheiratet, 2 Kinder, 7 Jahre
Investment Banking, seit 5 Jahren bei McKinsey, diplômé HEC
und Sciences Po. Die Diplome - das ist so ein Tick bei diesen Leuten;
genauer: das ist so ein Tick in Frankreich. Wer weit nach oben will, benötigt
dazu das Diplom einer (besser: mehrerer) Grandes Ecoles. Man kann diese
Kaderschmieden, fast alle in Paris, an zwei Händen abzählen:
Für die wirtschaftliche Richtung gibt es HEC (Hautes Etudes de Commerce),
ESSEC (Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales)
und ESCP (Ecole Supérieure de Commerce de Paris). Für die
im weitesten Sinne mathematisch-technische Ausbildung sind die renommierten
Ingenieursschulen zuständig: Polytechnique, Ecole Supérieure
des Mines und Ecole Centrale de Paris. Das sind jeweils die großen
Drei. Die intellektuelle Elite der Geisteswissenschaften wird an der Ecole
Normale Supérieure (drei Abteilungen: Rue d'Ulm in Paris; Cachan;
Lyon) gezüchtet. Wer hier studiert, wird vom Staat dafür bezahlt.
Sciences Po, d.i. das Institut d'Etudes Politiques de Paris, bezieht eine
Sonderstellung zwischen den Grand Ecoles de Commerce und den Elite-Ingenieursschulen.
Hier werden Allgemeinwissenschaftler herangezogen, von denen ein Großteil
sich in wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen spezialisiert. Außerdem
gilt das Diplom Sciences Po als Königsweg für die Aufnahme an
DER Kaderschmiede der administrativen Eliten Frankreichs: die Ecole Nationale
d'Administration, kurz: ENA, die 60 Leute pro Jahrgang diplomiert. Die
politische Klasse Frankreichs hat fast ausnahmslos diese Schule durchschritten.
Sciences Po liefert jedes Jahr 90% der an der ENA Aufgenommenen. Die "Enarques",
wie man ihre Diplomanden leicht abfällig (weil neidisch) nennt, besetzen
- nach einem Parcours im öffentlichen Dienst - auch Schlüsselpositionen
in der französischen Wirtschaft. Die meisten Leute, die GANZ oben
ankommen, haben oft mehrere dieser Eliteschulen besucht: Jacques Chirac
ist diplômé Sciences Po und ENA, Jean-Marie Messier, der
Ex-Chef von Vivendi Universal, hat Polytechnique und ENA absolviert, usw.
Man muss den Klüngel der Diplomanden der verschiedenen Schulen verstehen,
die ein Netzwerk bilden, soziale Kasten, die die Schlüsselpositionen
des französischen Machtapparates besetzen und sich gegenseitig zuarbeiten.
Bestimmte Firmen rekrutieren nur Absolventen dieser oder jener Grande
Ecole - je nachdem, welche dieser Schulen die Entscheidungsträger
des Unternehmens besucht haben. Ohne entsprechendes Diplom "Zutritt
verboten". Wer das nicht weiß oder nicht zur Kenntnis nehmen
will, der kann die französische Gesellschaft nicht verstehen.
In Deutschland ist der Irrglaube verbreitet, die Sorbonne sei der Hohe
Tempel des französischen Bildungssystems. Das muss von Professor
Sartre und einer langen Tradition herrühren. In Wirklichkeit blicken
Schüler der Grandes Ecoles auf Kommilitonen der Universités
herab - Sorbonne oder nicht: die Universités sind für den
Pöbel, hier studiert der Rest. Auf der Party einer Kommilitonin (es
waren fast nur Studenten von Sciences Po und Polytechnique anwesend) war
diese Studentin, die Komplexe hatte, weil sie "nur" an der Sorbonne
immatrikuliert war, und sich unter all diesen Grands Ecoliens mickrig
vorkam.
Thibault, der Directeur associé des Pariser Büros, hat also
HEC und Sciences Po absolviert - so wird ein Mann in Frankreich gestempelt:
Das ist wie eine soziale Durchmarschbescheinigung. Ein Kommilitone nannte
das Diplom der ENA einmal eine Lebensversicherung. Entsprechend lesen
sich auf McKinsey's Webseite die Mitarbeiterprofile: Marc, 28, Mines de
Paris; Sandrine, 28, HEC; Jacques, 30, Mines de Paris, ENA; Alexandre,
24, Polytechnique. Thibault macht auf kontaktfreudig und schüttelt
einigen Studenten, die sich zu viert oder fünft um runde Tische versammelt
haben, die Hände. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen und ihre
Namensschilder angesteckt haben (weiß für die Scienes Po Studenten,
blau für die McKinsey Mitarbeiter), stellen sich die blau Bekarteten
der Reihe nach vor, und das geht so: "Guten Abend, ich heiße
Jean-Baptiste, bin seit 3 Jahren bei McKinsey und diplômé
ESSEC und Sciences Po. Letztes Jahr habe ich einen MBA in den Staaten
gemacht. Was ich bei McKinsey so schätze ist, dass wir wirklich im
Team zusammen arbeiten und es dabei absolut keine Hierarchie gibt. Jeder
sagt offen, was er denkt. Dazu sind wir sogar verpflichtet: obligation
to dissent, nennen wir das." So geht es weiter. Die meisten McKinsey
Consultants haben Scienes Po und noch eine andere Grande Ecole absolviert,
sind alle witzig, loben die tolle Arbeitsatmosphäre und hohe Professionalität.
Es folgt eine Powerpoint Presentation, deren erster Teil von Thibault
übernommen wird. McKinsey, das sind die besten ihrer Spezies, bilden
ein Weltweites Netz: "Wenn ich eine Problemstellung habe, konsultiere
ich zuerst unser riesiges Archiv. Da sehe ich, wer in der Welt schon an
ähnlichen Fällen gearbeitet hat. Dann rufe ich den Mann an und
er wird mir bereitwillig und ausführlich seine Erfahrung vermitteln.
Bei komplexeren Fällen fliege ich sofort hin." Zwei seiner jungen
Wölfe übernehmen und schildern ihre Erfahrung bei McKinsey in
schillernden Farben. Die Studenten beginnen zu träumen, die Augen
färben sich weihnachtlich.
Der zweite Teil der Vorstellung besteht aus einem Gespräch am runden
Tisch. Jeweils ein Consultant pro Kreis. Zu uns gesellt sich Charles,
er trägt einen teuren Anzug, die Krawatte lässt allerdings etwas
an Geschmackssinn vermissen. Ich schätze ihn Anfang dreißig,
er trägt einen goldenen Ehering, das Kinn quillt ihm schon leicht
über den Kragen. Die Standardfrage der französischen Kommilitonen,
welche Schulen er denn besucht habe, beantwortet er mit einem Witz, jedenfalls
denke ich, es müsse wohl witzig gemeint sein: Er habe zwar Sciences
Po besucht, allerdings das Diplom nicht erhalten - Ungläubiges Staunen
- Warum? - Weil er SCHON VOR dem Sciences Po Diplom an der ENA angenommen
worden sei. - Bewunderndes Staunen der französischen Studenten. Um
diesen "Witz" zu verstehen, muss man wissen, dass die meisten
Sciences Po Studenten sich NACH dem Diplom meistens noch ein Jahr lang
auf den Aufnahmetest der ENA vorbereiten.
Zum Firmen-Codex gehört, zuhören zu können: être
toujours à l'écoute du client, nennt man das. Charles ist
allerdings ziemlich monologisch veranlagt. Ich habe mich auf den Abend
vorbereitet und den Aufsatz des HEC Direktors gelesen, der ein année
sabbatique bei McKinsey absolviert hat. Ich wollte einen externen Blick
auf die süßliche Selbstdarstellung. Da liest man denn, dass
zum Firmen-Codex das Prinzip up or out (auch: grow or go) gehört:
Wer nicht spätestens nach drei Jahren aufsteigt, steigt aus. Man
fragt dann: "Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor",
und ist bei der Umorientierung behilflich. Über Auf- oder Ausstieg
entscheidet die Leistung (das nennt man im Firmenjargon meritocracy),
die nach jeder Mission evaluiert wird: BS = below standard, S = standard,
AS = above standard, O = outstanding; zweimal BS oder S = out. Das hört
sich ziemlich rüde an, und mit der nicht-hierarchischen Arbeitsweise
schwerlich zu vereinbaren. Ich erlaube mir, das schüchtern anzumerken
und werde von Charles lächelnd belehrt, dass ein Consultant nicht
am anderen gemessen wird und deshalb kein Konkurrenzdruck entstehe. Im
Gegenteil werde die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen gefördert
und berücksichtigt. Das sei eben wirklicher esprit d'équipe,
und - er legt väterlich seine Hand auf meinen Unterarm - wer Konkurrenzdenken
verhaftet sei, für den - er wirft mir lächelnd einen Seitenblick
zu - sei bei McKinsey kein Platz. In ein anderes Fettnäpfchen trampelt
mein Tischnachbar: Wie viel man den als Junior bei McKinsy so verdiene?
Das wird übergangen, man hat genug Geld in der Tasche, kein Grund
also, es in den Mund zu nehmen. In dem oben zitierten Aufsatz kommentiert
der Professor lapidar: money is not a problem.
Endlich geht es in die dritte Runde: "lockeren Talk" am Buffet.
Die Studenten freuen sich auf Champagner und feine Häppchen und gehen
zum Nahangriff über: Es gilt, sich in Szene zu setzen und in der
Erinnerung zu verhaken; Lebensläufe werden verteilt, Studentinnen
mit aufregenden Décoltées hängen an den Lippen von
Consultants mit feistem Kopf und Haarausfall.
Als ich im Büro erzählte, dass ich zu einem "Cocktail McKinsey"
geladen sei, glänzten die Augen der jungen Kollegen, die keine Grande
Ecole besucht haben und damit von vornherein ausscheiden: McKinsey, das
sei ein Traum. Sofort wurde ich beraten, wie mich zu kleiden, wie mich
in Szene zu setzen, worüber zu reden. In der nun auftretenden Situation
solle ich möglichst den Kontakt mit weiblichen Mitarbeitern suchen:
Es war genau ein weiblicher Consultant anwesend. Eine große, schlanke,
rothaarige Frau, etwa meines Alters. Hier erfuhr ich, dass eine McKinsey-Woche
normaler Weise zwischen 60 und 70 Stunden zähle, dass, sobald es
dem Ende einer Mission entgegen gehe, allerdings auch schon mal die Nacht
durchgearbeitet werde. An Diplomen hatte sie Sciences Po und ESCP zu verzeichnen,
und mit meinem Décolltée fuhr ich frontal gegen einen Eisberg.
Später am Abend unterhielt ich mich noch mit einem Absolventen von
ESSEC, Sciences Po und ENA, der nach einer kurzen Karriere als Beamter
in der Finanzinspektion in die freie Wirtschaft gewechselt war - mehr
Arbeit, lukrativere Vergütung. Die 60 bis 70 Wochenstunden seien
zwar stressig, aber es gebe immerhin noch die Investment Banker, die ca.
80 Stunden pro Woche zu Gange seien. Verglichen mit denen, sei die Arbeitsfülle
bei McKinsy doch noch ganz human. Wir unterhielten uns nicht sonderlich
lange, weil ein widerlich stiefelleckender Kommilitone sich ziemlich unhöflich
in die Diskussion drängelte. Bei dem Stichwort "ENA" war
er hellhörig geworden - die drei Buchstaben üben auf viele Studenten
eine ungeheure Anziehungskraft aus. Eine vergleichbare Anbiederung hatte
ich tatsächlich selten erlebt: der Drängler quetschte sich frontal
vor den begehrten Consultant (Absätze angeschlagen, Fußspitzen
gespreizt, Oberkörper leicht vorgebeugt, Hände mit den Handflächen
nach oben ineinander gefaltet, Froschmaulgrinsen) und teilte mit, dass
er selbst, Normalien (d.h. Absolvent der Ecole Normale Supérieure)
und nun Sciences Po, sich überlege, ob es denn wohl noch von Vorteil
für seinen beruflichen Werdegang sein könne, das Diplom der
ENA seinem Lebenslauf hinzuzufügen. Ich wäre vor Scham am liebsten
im Holzparkett versunken. Anstatt diesen Schleimer allerdings eiskalt
abzuservieren, stieg der Consultant ein und es folgte eine viertelstündige
Diskussion über die Vorzüge der Ecole Nationale d'Administration.
Ich musste später an Ingo Jacobs schönes Wort von der "Ecole
Infernale de comment on règne" denken: unter welche Menschen
bin ich gefallen? Wer hilft mir in diesem Schneetreiben? Einen Arzt für
diese Leute. Oder einen Henker. Ich nahm meinen Mantel, den Aufzug und
einen Seitenausgang. Es war gegen 21 Uhr, als ich wieder auf die Straße
trat und mich vor dem nun geschlossenen Billigimbiss fand, in dem ich
vorher einen Café getrunken hatte. Ich lief noch ein paar hundert
Meter die Champs Elysées hinab, in einer totalen American-Psycho-Stimmung:
überall Touristen, Weihnachtslichterblitze, die Kälte der Luft,
der Hass in der Metro, die Feindseligkeit der Menschen, ihre verhärmten
Futterneid-Visagen, Nadelstiche in meine Nerven. Meine Lederhandschuhe,
mit denen ich hätte würgen und töten können. Die Sehnsucht
nach Wald und Feldern. Dann Zweifel: lüge ich nicht, wenn ich sage:
Ich bin unter diese Menschen "gefallen"? Habe ich den Wahnsinn
noch unter Kontrolle? Wie lange noch kann ich mir glauben: "Ich schaue
mir das alles mal in Ruhe an"? Hätten sie mir einen Job geboten,
ich hätte ihn genommen und mir in meinem Kopf zurecht gebogen, dass
auch das nur eine Art gut bezahlter Recherche sei.
Tobias Schoofs
heute vormittag habe ich mich genötigt, die tagebücher von saskia
und rené durchzulesen, die im laufe der letzten beiden wochen hier
eingeplätschert sind und an denen ich nach den ersten einträgen
die lust verloren habe. ihnen fehlt der kamm, dafür haben sie viel
gel: young urban mehr oder weniger professionals langweilen sich zu tode
und geben dies zu protokoll. ein kopfschmerz hier und da, ab und an ist
jemand gut drauf. das interessiert den soziologen, wenn er gerade über
leute promoviert, die sich zu tode langweilen. wen interessiert es noch?
wie immer zeigen renés texte, dass an ihnen gearbeitet wurde. wie
immer haben sie geschmack: von dem nicht zu viel und von diesem in ausreichendem
maße. sie gehören in die bewerbungsmappe für das lifestylemagazin.
wie oft zeigen saskias texte, dass an ihnen zu wenig gearbeitet wurde.
"ich schmeiße meine sachen in den postausgang."
christian scheint weniger zu erleben als die beiden. er schreibt für
den ganzen dezember nur einen einzigen eintrag, der sich auch nur auf
einen einzigen abend bezieht. dass sein leben äußerlich mit
dem von saskia und rené verwandt scheint, zeigt der kurze absatz,
in dem es um das büro geht, das seinen alltag ausmacht. den rest
büro, um ehrlich zu sein, kann ich mir denken.
an diesem einzigen abend im dezember hat christian (ich nenne die tagebucherzähler
nach den namen der tagebuchautoren) jedoch um einiges mehr erlebt als
die anderen beiden im ganzen dezember. denn er hat sich die eine oder
andere frage gestellt, die mit ihm persönlich zu tun hat. in seinem
text finden sich elemente der selbstkritik. dadurch wird sein text spannend.
da er sein erleben gleichzeitig mit sehr viel information über die
welt anreichert, in die sein tagebuch gehört, hat man auch das gefühl,
nach der lektüre irgendwie mehr zu wissen als vorher. das ist ein
schöner nebeneffekt: denn irgendwie fühle ich mich befriedigt,
nachdem ich diesen text gelesen habe. das ist doch schonmal was.
Christian Jansen
da laufen sie wieder, jeder in seinem kleinen subjektivitaetsmikrokosmos.
wie haben sie wohl ihren samstag morgen verbracht? im bett, oder im "bett"?
vor dem pc? in ueberfuellten einkaufspassagen - ein hysterischer letzter
samstag vor der geweihten nacht?
und warum kommt kein tagebuch mehr? ist rené beleidigt? und saskia,
ist sie ironisch, selbstironisch, oder einfach gedankenlos / muede, wenn
sie christa wolf zitiert. "es zeigt sich: rückhaltlose subjektivität
kann zum maß werden für das, was wir (ungenau, glaube ich)
>objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann, wenn das
subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern aktiven
umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. (...)"? da sollte man
nicht schlafen, sondern hellhoerig werden.
wenn ich das, was ich von deutscher literatur und literaturkritik noch
mitbekomme, richtig verstanden habe, dann wirft man der jungen dt. lit.
NABELSCHAU vor.
nabelschau, leere selbstbespiegelung des subjekts also. und genau das
ist es, was tobias den tagebuchtexten von rené und saskia vorwirft.
ich neige dazu, seine auffassung zu teilen: was in diesen texten fehlt,
ist der "aktive umgang mit gesellschaftlichen prozessen", wenn
ich mal gerade wolfs holzklotzsprache benutzen darf. ohne jetzt wieder
die leidige grundsatzdebatte "l'art pour l'art oder lit. engagée"
lostreten zu wollen - mache ich es also lieber am konkreten textmaterial
fest:
1) René
das sind kompositionen auf sprachlich hohem niveau. allerdings wuerde
ich mir auf diesem niveau ein plus an inhalt wuenschen. soweit schoofs-text.
warum dieser in sich und seine reflektion der aussen- und innenwelt eingekapselte
erzaehler? der einzige "dialog" ist der mit einem nena zitat
aus der zeitung. ein NENA zitat! hey leute, gibt es in deutschen zeitungen
gerade nichts aufregenderes zu lesen? wenig dialog also, wenig austausch.
- ansonsten treten koerper in jogginganzuegen auf. warum koerper? steckt
da kein mensch drin? wenn ron winkler, der einzige mensch mit vollem namen,
eingefuehrt wird, erfahre ich, dass er ein "sehr netter mensch"
ist - punkt. warum ist er nett? was heisst das, "nett". wie
und was schreibt denn dieser "schreiber"? - ich habe - nennt
man das zufall? - die magisterarbeit dieses herrn winkler gelesen und
fuer meine eigene benutzt. ich waere neugierig darauf, ihn kennen zu lernen.
renés text laesst mich enttaeuscht. oder ist das seine strategie
- seine leser zu enttaeuschen? wir haben es doch mit einem reisenden zu
tun - koeln - frankfurt - regensburg: gibt es da nicht berichtenswerteres
als die lichter auf der autobahn?
schoen die beschreibung des jungen wohnens; dagegen positioniert sich
der scheiber in mittelaltem wohnen. ist das kritik? wie sieht mittelaltes
wohnen denn aus? ist es besser als junges? und wenn ja, warum?
auch komfortabel zu lesen der blick auf die familien, die sich am sonntag
"zeigen" (super!) und ihren - NATUERLICH! - KLEINwagen im parkhaus
abgestellt haben. so klein wie der wagen der geist. diese art kritik erinnert
mich an meine letzte stuckrad-barre lektuere, muss wohl "deutsches
theater" gewesen sein: da macht sich dieser schnoesel ueber die fernsehsendung
"scheibenwischer" lustig. ich fand das scheisse und dachte mir,
dass man sich tatsaechlich ueber alles lustig machen kann, sogar ueber
letzte inseln in einem meer aus merde. das mag auch eine lebenshaltung
sein - und ich neige ihr zuzeiten zu - allerdings nervt mich bei den meisten
dieser leute die nicht vorhandene selbtkritische oder wenigstens: -ironische
haltung. konkret: sich ueber kleinbuerger mit kleinen autos oder kolleginnen,
die ihren wohlfuehlpark ausbreiten (grossartig gesagt!) lustig machen
ist eine sache (mitunter auch eine GEMUETLICH zu lesende) - sich dann
aber im selbstmitleid suhlen, die nicht sehr komfortable situation des
nicht-bestseller-schreibers zu schildern, ein schmerz im ohr hier, kreislaufprobleme
da, die weinerliche demut ob des schreiber-mikrokosmos (und, zwischen
den zeilen: ausbleibenden erfolges), so klein der kreis (nebenbei: ist
das elitismus? - elitaer von exlegere: ausLESEN), die gereifte freude
ob der kleinen gemeinsamkeiten, man ist keine 18 mehr, vorbei das stuermen
und draengen, man wird realistischer, man hat sich eingerichtet im eigenen
kleinen wohlfuehlpark, - - ist das nicht auch komisch, wert, einer kritik,
polemie oder wenigstens ironie unterzogen zu werden?
2) Saskia
vieles, was ich an kritischem zu 1) schrieb, gilt hier. es gilt auch,
was tobias schreibt: die texte sind weniger bearbeitet, sie wirken in
der tat wie in den rechner gehauen und "in den postausgang geschmissen".
das problem: die oft geaeusserte muedigkeit der erzaehlerin breitet sich
leider oft auf die qualitaet des textes aus.
dabei gaebe es doch interessante themen in diesem von muedigkeit durchzogenen
leben zwischen referendariat, examensstress, buero und party: "ich
plane meine berufliche zukunft eher weniger." warum das alles? warum
so leben und nicht anders? welche "gesellschaftlichen prozesse"
wirken auf eine jurastudentin? sind sieben punkte in der revisionsklausur
eine gute oder schlechte note? warum schmeckt ihr becks besser als frueh-koelsch?
welche bedeutung hat die italienische fussballiga fuer die erzaehlerin,
warum ist sie noch in c. verliebt? ist mark kein guter freund? warum diese
leere selbstspiegelung? nach 20maligem hoeren muesste die botschaft doch
angekommen sein: stand up, and tell yourself: be strong!
oben
roundabout
dezember
René
Hamann
Sonntag, 1. Dezember, Köln.
Wunsch, auf dem Land zu leben. Eine gemütliche, blauäugige Beziehung.
Die bayerische Volksmusik. Der erste Advent. Eine blattschwere Luft, nicht
die benzingetränkte der Stadt. Und hinter den Gleisen, als ich nachmittags
mich selbst spazieren führe: Sieht man das Verbaute, Kopf und Herz,
das unschlüssig Stehende, die sich nach hinten verzogene Dienststelle
der Polizei. Unter dem Rhein mag ich sein.
Jemand, mit dem es sehr oft sehr gut funktioniert: der GRUNDIG SUPER COLOR,
mindestens mein Jahrgang, dank Schrittmacher und Beatmungsgerät toppfit.
Getragen von einem unbekannten Holzstuhl, verziert durch ein Metronom
und ein Stimmgerät. Als er die amerikanische Produktion einer Zukunftsserie
mit hohem Albernheitsgrad für meine Erbauung und vorabendliche Hirnleere
darbietet, tritt ein mit Jogginganzug bekleideter Körper ein und
offeriert mir ein Telefon. Es ist der Gewinner, der vom Beschallen einer
Bar des Abends spricht und von den Abenteuern der Zeugung, die im Hintergrund
plärren.
Gedrucktes gab es auch. Ein blaues Buch mit einem Gewässerfoto, das
ostbelgische Gedichte sein eigen nennt, ein nikotingelbes Taschenbuch
mit den Vorlesungen eines im Exil verstorbenen Wiener Psychoanalytikers.
Durch einiges konnte man schwimmen, anderes kam als Schiff. Eine Verschnürung
löst sich, eine Erleichterung macht sich auf. Ein ruhiges, warmes
Wasser mag ich sein.
Montag, 2. Dezember, Frankfurt.
Lichter in der Kälte. Sind hier die Lichter aus Büroräumen
abends, Lichter der Straßenlampen, Lichter der Autos auf der Autobahn.
Scheinwerferlicht in Kontrasten: Die Lichtflächen der Architektur,
dieser hingehauenen Pompösität des Monitären, die bestrahlten
Tannenbäume und Stromleitungen über den Einkaufspassagen, das
bunte Licht auf das schwarze Holz einer Kleinkunstbühne in einer
Kellerbar der Innenstadt.
Lichtjockeys. Gelbes Licht im chinesischen Imbiss, weißes Licht
in hessischen Raststätten, in denen nachts kein Bier verkauft werden
darf. Ein kleines Licht über meinen Kopf auf dem Kissen, das ich
spät nachts ausschalten darf, um dem Inneren ohnmächtig zu folgen.
Dienstag, 3. Dezember, Köln.
Die Wände werden kahl. Gelernt habe ich: Dass Angst entsteht, wenn
die Libido gestört ist oder keine Befriedigung findet. Dass, wenn
ich weinen muss, nichts als ein Krampf dabei herauskommt.
Der härteste Tag des Jahres. Ein Tag, an dem ich nicht arbeiten muss.
Mittwoch, 4. Dezember, Köln.
Gehört habe ich: Das Klackern der Tastern, den dumpfen Aufprall einer
Taube an einer Windschutzscheibe, das Klopfen an ein Seitenfenster, die
eigene verstärkte Stimme.
Ich sehe dich, wenn du's nicht siehst.
Donnerstag, 5. Dezember, Köln.
"Was ich in diesem Leben noch erreichen möchte, ist, in einer
Partnerschaft bedingungslos zu lieben. Das habe ich das erste Mal erfahren,
als ich Kinder hatte. Liebe ohne Erwartungen oder Bedingungen, die von
den Kindern kommt und die man auch als Mutter empfindet", sagt Nena
in der Zeitung. Rührt Kinderwunsch daher? Ist "bedingungslose
Liebe" nicht selbst in einem Mutter-Kind-Verhältnis eine Illusion?
Erinnerung an Abiturfeiern. Der einzige Wisch mit offiziell anerkannter
Bedeutung. Mattblau. Als Frau verkleidet, als Frau Drabert, Englischlehrerin,
mit Perücke, Haarklammern, Rock, Strumpfhosen. Es gibt ein Video
davon, dass ich noch nie gesehen habe. Auch die Klausuren habe ich nie
abgeholt. Abitur: Eine große Zeit, von der ich damals wusste, dass
es bis dahin die größte war.
Nachtrag zu Gestern, Zeit für die Klatschspalte. Ron Winkler kennengelernt,
sehr netter Mensch und bereits der zweite Berliner Schreiber, von dem
ich das sagen kann. Lesung war gut gewesen, wenn auch brutalst unterbesucht
(volles Rohr Minderheitenprogramm, auch dies nichts neues). Die Freunde,
ein Trost - scheint sich was geändert zu haben, Missgunst und Neid
sind gegenseitiger Sympathie, Kollegenschaft, Unterstützung gewichen.
Vielleicht, weil es so klein ist. Vielleicht weil man als Schreiber inzwischen
nach den kleinen Gemeinsamkeiten sucht und sich freut, davon so viele
zu finden plötzlich.
Selbst das anschließende Slam-Spektakel im Sonic Ballroom konnte
keinen Ärger mehr verursachen. Der durchweg schlichte Textaufbau,
die madige, durchsichtige Konzeption, die Vulgärmethodik - geschenkt.
Jemand wie Jan Off kann auch einfach lustig sein. (Eventuell Slam Poetry
oder wie man das Kind sonst getauft haben möchte einfach als Genre
behandeln? Eine Art Parallelcomedy, eigenes Universum, immer mit Blick
auf Bildzeitung, Privatfernsehen, Boulevard, damit natürlich das,
was "volksnah" genannt wird. Auch kommerzielles Comedy kann
man lustig finden - wie das, was gemeinhin Popliteratur genannt wird,
unterhaltend).
Über Frauen schreibe ich hier nichts (heute morgen Traum von F. Sanft,
betörend, mutig).
Freitag, 6. Dezember, Köln.
In höherem Auftrag unterwegs. Weshalb ich nicht zum Schreiben komme.
Was ein wenig stört. Was oft stört. Heute geht es ok, da es
Spaß bereitet, Erfüllung bringt, Abwechslung, soziales Klima.
Sogar mit angehängtem Ende auf einem Balkon, in einem fremden Wohnzimmer,
an einem fremden Esstisch. Einblicke, Zublicke.
Hold on it hurts: Mach weiter, es tut weh. Heim flüstert der Fernseher.
Samstag, 7. Dezember, Regensburg.
Dezemberlarmoyanz. Ein neues Taxi wartet, wird weggeschickt. Ein Mietwagen
zieht über bundesdeutsche Autobahnen an einen Ort, an dem es keine
Rückzugsmomente gibt. Rückenschmerzen bis 14 Uhr, ab 18 Uhr
leichte Kreislaufprobleme, Überreiztheit, ab 19 Uhr im linken Ohr
ein stechender Schmerz. Taschentuch. Später, dank reichlichem Alkoholkonsum,
gut, besser. Nachts jedoch: Kaum Schlaf. Trotz Ohropax.
Sonntag, 8. Dezember, Regensburg.
Junges Wohnen: Ein Appartment am Rande der Innenstadt einer Kleinstadt,
Neubau, viele Fenster, Auslegeware. Junges Wohnen: Junggesellentum, d.h.
nahezu leerer Kühlschrank, die Suche nach Kaffee ein Abenteuer, an
den Wänden Plakate von Lieblingsbands, Halsbänder von besuchten
Konzerten, ein gigantischer Fernseher thront im Raum, darauf Stapel mit
Videokassetten, DVDs, darunter die zugehörigen Abspielgeräte,
rechts der Wand CD-Meter. Junges Wohnen: Helles Holz, ein junges Wohnen-Katalog-Bett,
ein bestellbares Ecksofa mit undefinierbarem, aber schrecklichem Muster,
ein Hellholztisch, darauf veraltete Fernsehzeitschriften, immer aktuelle
Musikzeitschriften (die wichtigen, die unwichtigen), abgepackte Schokolade,
ein Kerzenkranz mit grünem Tannenimitat, die freilich roten Kerzen
von Feuer unberührt. Junges Wohnen: Eine große Glasvitrine
mit Hellholzschale, ein Regal mit nie benutzten, verzierten Gläsern,
die restlichen Regale mit CDs belegt. Neben der Vitrine zwei Reihen Schallplatten,
der Ältere schaut nach Vergleichen, findet drei Gemeinsamkeiten.
Junges Wohnen: Ein natürlich prima aufgeräumtes, hygienisch
korrektes Bad, Stehdusche, Plastiktaschen für Haarspray, Zahnpasta
(aronal & elmex), Kamm, kein Gel. Durch das Tor in die Altstadt, es
ist ein Sonntag, die Familien zeigen sich. Wandern durch die Einkaufsbühne,
deren Zugänge verschlossen sind. Die Kleinwagen im Parkhaus gelassen.
Das Lieblingsgesicht des vergangenen Abends bedient im heutigen Frühstückscafé
(halb zwei, Müsli, Milchkaffee), das tatsächlich "Bett"
heißt, Anlass für Wortspiele bietet, schön. Servantilismus
Return. Aber die Zeit ist eine andere, die Umstände auch, im anschließenden
Mietwagen geht es dieselbe Strecke über die Autobahn zurück,
dabei werden vertonte Kindheitsziffern belauscht, dunkle Momente der Jugend
(Tanzkurs) beleuchtet, man denkt sich Personen aus, die die anderen erraten
müssen. Zuhause, im mittelalten Wohnen: Telefongestotter, kranke
Musik, wieder Fernsehlicht. Viel und gut geschlafen.
Montag, 9. Dezember, Köln.
Von D. geträumt. Zwischen ihm und J. in einer Runde gesessen, sie
haben sich in meinem Rücken miteinander unterhalten. Gewusst, dass
D. tot ist, gewusst, dass es sich um eine Erinnerung, einen zwar nie erlebten,
aber vergangenen Moment, handelt. D. irgendwas sagen wollen. Pelzmäntel,
Silberschuhe, im Büro zieht in eine neue Mitarbeiterin ein, packt
gleich ihren Wohlfühlpark aus, schmückt das Büro. Nach
außen verlegte Innerlichkeit, Absteckung des eigenen Terrains, Überwindungsversuch
entfremdeter Arbeit? Warum stimmt die Rechnung: Dass es sich dann grundsätzlich
um Kitschutensilien handelt, eine Holzlok als Stifthalter, ein mit Diddle-Figuren-verunstalteter
Wandkalender? Daneben drei Fotos: Das erste zeigt einen roten Rennwagen,
das zweite ein Stillleben mit Palmen, das dritte einen orientalischen
Tempel.
J. lügt nicht, J. verdeckt die Einzelheiten, J. klammert aus. Dachte
kurz, es ist wieder nur meine Paranoia, aber meine Paranoia hat meistens
Recht: E. erzählt mir abends am Telefon, dass sie auf einem Konzert
war, das Konzert war klasse, anschließend ist sie mit J. im Sonic
Ballroom gewesen, auf dem Weg dorthin dem Schlagzeuger über den Weg
gelaufen. Ein Abend mit Ansage: Lange Nacht, früher Morgen, rumgeknutscht.
Wir sind frei und dürfen uns die Freiheit nicht nehmen lassen, verklickert
mir anschließend I. im nachbarlichen Kubus. Ich bin froh, das zu
hören, denn ich weiß, er hat Recht. Das gilt für alle.
Dienstag, 10. Dezember, Köln.
Ich schreibe um mein Leben. Hier fällt der schwere Regen. Trennungs-
und Trauerphase, gewaltige Phantomschmerzen kommen auf, und die Gedanken
sind graue Hasen. Ich klammere mich an die Mittagspause, Subroutinen laufen
ab, andere entpuppen sich als gestört, abends verlässt man sich
auf die Stimmen, die eigene, die andere(n), Gesang der Sirenen, Tinnitus.
Viel Grübeltext, alles ganz finster, aber Sitcoms retten mein Leben,
zumindest für einen kurzen Moment.
Albert Camus:
"Künstler und Kunstwerk. Das wahrhafte Kunstwerk ist das an
Worten sparsamere. Es besteht ein ... Verhältnis zwischen der Gesamterfahrung
eines Künstlers, seinem Denken + seinem Leben (seinem System - wenn
wir beiseite lassen, was dieses Wort an Systematik enthält) und dem
Werk, das diese Erfahrung widerspiegelt. Dieses Verhältnis ist schlecht,
wenn das Kunstwerk die gesamte, literarisch verbrämte Erfahrung wiedergibt.
Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück
ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet,
ohne sich einzuschränken. Im ersten Fall herrscht Überladenheit
und Literatur. Im zweiten ein fruchtbares Werk, weil es so viel unausgesprochene
Erfahrung enthält, deren Reichtum man errät.
Das Problem besteht darin, jene Lebenskunst (...) zu erwerben, die über
die Schreibkunst hinausgeht. Und letzten Endes ist der große Künstler
vor allem einer, der lebt (wobei leben hier über das Leben nachdenken
heißt - ja, es bedeutet die feine Beziehung zwischen der Erfahrung
und dem Bewusstsein, das man von ihr gewinnt)."
Sattelschlepper und Leichenzüge. Ich schließe die Augen und
sehe sie.
Mittwoch, 11. Dezember, Köln.
Thunder, Corruption & Lies. Da fiel der Satz: Dass Seifenopern die
Realität nachahmen, nicht umgekehrt. Zurück zum Muster. Befall.
Dieser volle Losercore hier. Der geringe Abstand zwischen den Satelliten
der Schrift und der erdigen Aufgewühltheit ist der einzige, der im
Moment möglich ist. "Nun müßte ich positiv sein wie
eine offene / Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd"
etc. Statt dessen: Dieses mürrische Lied von der Zeit, dem besten
Handwerker.
I Want Out of the Circus. Auf der Galerie. Lahmes Kümmern, Ausgangssuche.
Für diese Zeit möchte ich blind sein, die gereihten Bilder nicht
sehen, die apokalyptischen Reiterinnen, die ihre Pirouetten drehen über
dem Sand, die Hörner und Tiergeräusche der Beach Boys Zirkusband
nicht hören, obwohl es die Musik der Stunde ist, Radio Orpheus mit
den immer gleichen Ansagen (Film von Cocteau) ...
Freitag, 13. Dezember, Köln.
Das kalte Blinzeln der Bohéme. Position: Unklar. A. hat Geburtstag.
Ich habe A. sehr lange nicht gesehen, ich hatte noch nie viel zu tun mit
A., die als Szenegirl par excellance durchgeht, ein mädchenhaftes
Gesicht, hohe Lächelfrequenz, blonde Haare, rundlich und selbstsicher
mit eingebauter Falltüre zur Unsicherheit, sie ist gut im Projektionsfläche
sein. Männerreihen, die ihr den Hof fegen, dabei ist sie zurückhaltend,
ausblendend, bestimmt von Privatdogmen und Eigenpräferenzen. Gleichsam
ein obskures Objekt der Angst, wie ich I. sage, dass ich nie einer von
denen sein wollte, die hinter ihr her rennen. Serial Girlfiend.
Und auf A.s Party, die in einer riesenhaften Ehrenfelder Wohnung abgeht,
Schläuche und Säle, lauter alte Bekannte, Abteilung junger Popjournalismus,
Plattenmacher, Chefaufleger, Frei- wie VollzeitjournalistInnen, Lokalredakteure,
Medienproletariat, gleichsam die sich selbst einbildende Elite, Diskurshöflinge,
Spexfans, LangzeitstudentInnen, die bessere Seite, in allen Facetten,
ich liege knapp unterhalb des Altersdurchschnitts. Freude. Leute, ich
war eine Weile weg, untergetaucht in meinem Privatschlamassel, hiermit
kündige ich mein langsames Comeback an. Cool, okay, Small-Talk-Freude,
Bier steht auf dem Balkon, alles klar. C. kommt, vier Tage vor Deadline,
Magisterarbeit, kurze Hektik, verschwindet wieder. K. ist da, erzählt
von ihrem Job als Sekretärin fürs WDR Morgenmagazin, Studium
abgebrochen, kleiner Austausch über C.s These von frei machender
Arbeit, das Konto ist sicher usw., andererseits die Routinen, das Unerquickliche
eines 40-Stunden-Jobs, Einschnitte ins Privatleben etc. Frage nach der
Schreiberei, Zeugin eines anderen Tagebuchs, gemeinsame Bekannte auch
in diesem Raum, A.W. nämlich, der jetzt endlich ein Stipendium in
Berlin antreten darf, vollste Mitfreude. These der Christbaumkugeln, denen
man mit Angeln nachhelfen muss, dass sie fallen. P., auch recht rundlich
inzwischen, berichtet aus der Hauptstadt, in der sie einem Logopädinnenjob
nachgeht an einer Geriatrie, aber eigentlich wollte sie immer Holzfällerin
werden, jetzt sucht sie nach ihrem Platz im Medienbetrieb, den sie dank
Plan B auch finden wird.
Schließlich sind noch J. und A.L. anwesend, deren Privatschlamasselzenit
noch nicht überschritten ist, kurzer Bericht über den Stand
der Undinge, S., schwerstes Opfer einer selbst zubereiteten Hölle,
dabei hochgeradig verschnürt, nervt mit überflüssigen Gegendiskursen,
als Wham!s Last Christmas läuft und ein Wiederfinden tröstlicher,
subjektiver Kollektivität statt hatte. Plattenmacher R.W. findet
sich auch für ein kurzes Gespräch, Lob der abgesungenen Band,
Gegenlob des Franzosenpopsamplers, den er mitstemmte. Usw. usw.
Wo bleibe ich? Ich streue mich unter, sehe alte Bezüge funkeln, die
ich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen baumeln ließ,
zu viel Zweifelmaschine statt einem ordentlichen Let-Go. Selbst ins Eck
gestellt und mich da eingerichtet, jetzt muss ich aus dem Staub, und teste
das Wasser, fußzahm. Ja, ein Holzfäller! - Und was ist mit
meinem Vogel?
Samstag, 14. Dezember, Köln.
Mein eigenes privates Lifestylemagazin. Sabine Scho: "ach gott, dachte
ich, was für einen anstrengenden beruf habe ich gewählt! tag
aus, tag ein am schreibtisch. die geschäftigen aufregungen, ohne
mich vom fleck zu bewegen, und außerdem ist mir noch diese plage
des grübelns auferlegt, die sorge, ob es die anstrengung lohnt, das
unregelmäßige essen, ein immer wechselnder, nie andauernder,
nie herzlich werdender menschlicher verkehr."
Und klar ist das banal, und klar ist das langweilig, leider aber gerade
das über dem Bett kurbelnde Schwert, das die Luft umwälzt. Ein
herzliches Merry-Go-Round.
Und was ich erlebe: Ist davon getragen. Und ja, ich bin eingespannt, umwickelt
im eigenen Kokon. Und den schleppe ich mit zur Freundin J., und ich schleppe
ihn mit in einer verstört-verzweifelten Tournee durch die Bars ab
vier Uhr, auf der Suche nach was? Einer Zeitmaschine" Selbstkritik
ist ein Luxus. Und mein Konto ist so leer wie mein Bett. "angst,
das kalte laken."
Donnerstag, 18. Dezember, Köln.
Die Nerven liegen also außen. Von hier aus finde ich nicht weiter.
Plötzlich kommen Vermählungswünsche auf. Die Schattenseiten
des R.H. als Falschspieler, Mogelpackung, Paranoiker. Die Bezüge
sind alle verdreckt, müssten dringend in die Waschmaschine, aber
leider kann ich nur meine eigenen Hälften dorthin tragen. Absetzung
der Substanzen, um mich als Held zu fühlen, andere brauchen etwas,
was ich nicht brauche. Gleichsam ist Trennung vom geliebten Objekt nichts
anderes als härtester Drogenentzug. Was nicht schmeichelhaft ist:
Das Objekt als Beruhigungsmittel. Übertriebene Analogie? Mitnichten:
Das Gefühl ist zuvorderst ein körperliches, auf der anscheinend
doch vorhandenen rationalen Ebene laufen Begleitprozesse, die wieder nach
Zusammenhängen suchen, Ursachenforschung betreiben. Auch nicht falsch.
Körperlich: Ausschüttung ungeheuerer körpereigener Substanzen,
was genau? Adrenalin? Ich fühle mich wie amputiert: Ein Teil von
mir fehlt. Einsatz von Gegengiften, Substituten, Betäubungshämmer,
nutzen nichts. Ich will die Droge zurück. Daneben die Therapeuten,
die von der Zeit sprechen, von der Geduld, von einem entfernt liegenden
Zustand, den man erreicht, wenn der Entzug vorbei ist. Und wann ist er
vorbei, kann man ihn beschleunigen? Nein, kann man nicht. Der nächste
Käse, durch den man durch muss, dabei liegt noch der erste schwer
im Magen. Für und Wider der Fluchttendenzen: Ja, man gebe mir bitte.
Montag, 23. Dezember, Köln.
Vollpanik. Das psychotische Summen. Von einem Arzt zum anderen, da natürlich
alle heute ihren ersten Weihnachtsferientag haben, schließlich nach
zweistündigem Fußmarsch bei Dr. Mondorf, dem Karnevalsprinzen
und Hausarzt für Randexistenzen, gelandet. Vom seit gestern eingesetzten
Johanniskraut gesprochen, das nur lähmt und runterzieht. Ein Arzt,
dem die Apotheken vertrauen: Verschreibt ein ähnliches Mittel, das
ich zwar kaufe, aber nicht nehme. Vom Ohrensausen erzählt, er lässt
die Assistentinnen ran, die mir die Hörgänge freispülen
mit warmem, klaren Wasser.
Er saß auf dem schalen Stuhl des Wartezimmers und überlegte:
Sollte er zu seinem Vater fahren, um sich zurückzuziehen, gute Luft
atmen, die Stille des Landes genießen, sich bekümmern lassen
zu können? Und sich Preis zu geben als Opfer der Geschehnisse? Sollte
er dem verständnislosen Arzt von seinen Depressionen erzählen,
seinen Selbstzweifeln und Ängsten, seiner verloren gegangenen Liebe?
Plötzlich kam er sich lächerlich vor. Klarer Fall von Überreiztheit,
nervlicher Anstrengung, diagnostisierte er sich selbst auf dem Weg zur
U-Bahn, leider fiel ihm die Therapie nicht ein, zunächst einmal sind
Spaziergänge zu verschreiben. Aufbrechen des Umfelds.
Dienstag, 24. Dezember, Köln.
A Day to Remember. KAPUTTE SZENE. Wie war das gleich bei Goetz? Feierte
er das nicht ab? Egal. Männerrunde, Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs,
die Wissenschaft, das Rumgeklüngel, die Frauen. Egal, das alles,
jetzt. Blut, Schweiß & Tränen, aber jede weitere Weiterbeschreibung
wäre nur einerseits eine Überhöhung der emotionalen Geschehnisse,
andererseits eine Verharmlosung, drittens nicht fair, den Deckel machen
wir jetzt mal wieder zu. Privatkacke, halt.
- Die unterste Schublade sollte man nicht aufmachen.
- Ja, genau.
Auch die BILDER DES JAHRES spart er sich. Sie differieren von den öffentlich
kursierenden, denn bei den öffentlich kursierenden hat er nicht viel
gefühlt, hier und dort ein wenig Panik und Angst, Befremden, aber
vor allem: Entertainment. Die Entertainmentmaschine, die alle Tasten bedienen
kann. Nur ein Bild wird frei und schwimmt, bildet Blasen, wird zäh.
Ihr eigenes privates Nevermind. Es ist dieses hier:

David H.W. Leder 1968-2002. In memoriam.
Dienstag, 31. Dezember, Köln.
Briefe schreiben, sie nicht abschicken. Frauen kennenlernen, nicht mit
ihnen schlafen. Biere trinken, nicht blau werden. Fachlektüre lesen,
nicht die Parallelen sehen, sondern die Unterschiede (High Fidelity).
Billige Tricks und rotblonde Aussichten. Charme geht anders. Popzitate,
von Haus aus allein, your own personal Jesus, Listenterror (bitte in SPEX
nachlesen).
- Lass uns gehen.
- Warum?
- Eifersucht.
Narzissmus regiert wieder. Das ist der erste Ausblick. Ein letztes Mal
schauen wir zurück im Zorn, ganz nach Freud; um den Stachel des Verdrängten
zu ziehen, mussten wir noch einmal da durch. Ab morgen beginnt ein neues
Jahr, also greifen wir diesen kollektiv konstruierten Zyklus auf, warum
auch nicht. Der Postkartenblick von der Dachterrasse des Ehrenfelders
Hauses (die Wohnung, in der die Party stattfand, nutzte einst der WDR,
um WG Europa o.s.ä. zu drehen) ist zwar eigentlich der falsche, im
Prinzip der vertauschte, denkt er, denn er steht an einer Stelle, an der
jemand anderes stehen sollte, die jetzt an seiner Stelle steht, aber das
ist wurscht, und auch nur ein Ausblick. Ein Ausblick auf einen neuen Zyklus,
der gewiss noch durchtränkt sein wird vom Geschehenen in 2002, dem
schlimmsten Jahr seines Lebens. Trotzdem wird es ein neuer Zyklus sein.Saskia
Mackeben
02.12.2002
..die stadt ist auch schön und mild und weihnachtlich. alle arbeiten
bei agilent (american company). ich spreche drei sätze spanisch und
ein wort katalanisch: perdone. ich glaube, jenny bleibt hier.
wir essen um halb elf zu abend, jetzt (17.40 h) ist es schon bald dunkel.
heizung muss kein luxus sein (werbung). in der wohnung ist mosaikboden,
und es gibt drei balkone. andi spielt den ganzen tag playstation (fußball).
astrid ist vor ihren problemen aus berlin geflohen. überraschung,
hier ist es auch nicht besser für sie. lo siento.
jemand, den man anschaut, lächelt und sagt: hola. gestern brachte
carlos zum frühstück klebrige croissants und schnecken (in köln
würde man sagen: teilchen) mit. am strand war es bewölkt, wir
sprachen über die vielen zuwanderer aus dem zusammengebrochenen argentinien.
wer ein europäisches (eu) elterteil hat, darf ins land.
mir gelingt, die kellnerin zu rufen (hola). der kuchen ist mit mandel
und kaneel. in köln gibt es gar keine kaneelbrötchen. bei uns
zu hause schon: mohn, sesam, kaneel (standardauswahl in den zeiten vor
vollkornbrötchen).vielleicht wegen des hafens in bremen. kaneel als
exportschlager.
ich habe ein paar schöne schallplatten gekauft. herbie mann. jenny
mag keinen jazz, weil das die musik ist. die ihr vater immer hört.
chers version von needles and pins. + ein spanisches da doo ron ron.
ich muss die plaza catalunya gleich wiederfinden, wenn ich zur wohnung
zurück will.
i picture myself. wie heißt das auf deutsch? ich stelle mir vor,
wie ich aussehe? jenny: die sagrada familia ist unter konstruktion.
5.12.02
es ist wohl immer noch nicht kalt, aber ich bin müde, im liegen geistern
noch die gestalten von letztem dezember als wiedergänger herum, ich
träume auch einen schatten von jemand wichtigem. ich muss noch nicht
ins büro, erst recherchieren.
die bibliothek ist im 14. stock, eine schöne aussicht auf eine hässliche
stadt, kopieren, quittung, fertig.
ich fahre durch köln, durch die SCHÖNEN viertel, sülz,
lindental, irgendjemand weiss bestimmt, woher der name sülz kommt.
wohnen hier (lindental) die oberen zehntausend? ich sehe einen kronleuchter.
t. hat geerbt, jetzt schrieb er mir eine mail. natürlich (moral)
macht ihn die kohle nicht glücklich.
ich versuche, die ergebnisse in den rechner zu hacken, verabrede mit jörg,
heute abend pizza zu essen. dieser fall muss heute fertig werden (betriebskostenabrechnung),
am besten auch noch die herausgabeklage. der tag wird gar nichts mehr.
7.12.02
der wecker ist falsch gestellt, heute ausschlafen. es ist schneewetter.
ich soll meine top-five-des-monats aufstellen, deshalb lese ich wieder
high fidelity, aber ich überblättere die hälfte. meine
mutter schickt seasonal decoration.
abends gehe ich einen film schauen."jeans". er erinnert an videoclips.
nicolette krebitz klettert in einem minirock auf einen baum und lässt
sich dabei von unten filmen. verkrampfter versuch, unabsichtlich sexy
zu sein. es bleibt vom film nicht viel in erinnerung. einer der hauptdarsteller
erinnert mich an einen bekannten, der auch seinen persönlichen ehrgeiz
darauf richtet, jede frau ins bett zu quatschen. es gibt keine anzeichen
dafür, dass der film von einer frau gemacht wurde. jasmin tabatabai
hat zum glück nur eine sehr kleine rolle, in der sie nicht nerven
kann.
ich gehe auf die party, frage mich, warum ich so müde bin. die feier
zieht so vorbei. es ist heiß und rotes licht (i´ll be your
seven day fool), ich denke an c., der nie hier sein würde. gedanken
werden irreal.
8.12.02
zuviel, das wochenende ist zuviel. auf der zülpicher straße
treffe ich eine kollegin, die bei hemmer den crashkurs zivilrecht macht.
ich fühle noch nicht mal examenspanik, wahrscheinlich bin ich zu
müde.
später ärgere ich mich, dass ich dieses wochenende keine klausur
geschrieben habe. vielleicht morgen? bis wann muss die denn zur korrektur
eingeschickt werden?
freundinnen zum kaffe. schöne ablenkung, wir sind alle gut drauf,
es gibt anekdoten.
dann bin ich wieder 14, höre dasselbe lied 20mal (why can´t
i stand up, and tell myself: be strong).
9.12.02
ich werde beim schlafen ständig geweckt, durch das telefon- und türklingeln.
auf dem weg zu hanna finde ich es unerträglich kalt. es ist immer
noch alles besser als letztes jahr. montag halt.
10.12.02
die arbeit geht mir wieder gut von der hand, markus will mit mir eine
rauchen, wir planen die weihnachtsfeier, ich plane meine berufliche zukunft
eher weniger.
ich überlege schwachsinn, z.b., dass ich c. die platte zurückschicken
könnte, die er mir geschenkt hat. der andere referendar ist ein unglaublich
typischer jurist, ein netter, konservativer soldat, der nicht zur weihnachtsfeier
kommen kann, weil er jagen geht. er hätte auch lieber eine freundin,
sagt er.
ich schmeiße meine sachen in den postausgang.
14.12.02
um neun uhr kommt constanze, ich sitze und warte darauf. die cds und platten
von donnerstag liegen noch ungeordnet herum, wir haben getanzt und alle
hits gehört. als ich marion das lied mit dem zitat vorspielte, hatte
sie angst, dass sie weinen muss. wir fanden es aber dann nur schön.
constanze ruft an und fragt: beck´s oder kölsch. beck´s
natürlich. ich mache mir unruhige/paranoide gedanken, weil ich immer
allen leuten alles erzählen muss. ich frage mich, wie das wirkt.
die klausur heute: straßenverkehrsdelikte und beweisverwertungsverbote.
15.12.02
entspannter tag. germar kocht uns heiße schokolade. ein ruhiger
abend in der scheinbar. ich erzähle, dass c. angerufen hat und mark
verdreht die augen. aber hauptsache, roma gewinnt gegen turin.
16.12.02
ich bin so müde, der tag ist eine einzige dämmerung (metereologisch).
die deutsche bahn hat neue fahrpläne, ich habe sieben punkte in der
revisionsklausur.
später lese ich maxie wander "guten morgen, du schöne".
meine augen kippen beim lesen manchmal weg, ich konzentriere mich so schwer,
dass ich an meiner urteilsfähigkeit zweifle. wander erstellte nach
aufgezeichneten, von ihr geführten interviews portraits von 19 frauen.
(protokolle nach tonband -> untertitel) sie schreibt: "ich habe
nicht nach äußerer dramatik gesucht oder nach persönlicher
übereinstimmung. ich halte jedes leben für hinreichend interessant,
um anderen mitgeteilt zu werden."
christa wolf schreibt im vorwort: "es zeigt sich: rückhaltlose
subjektivität kann zum maß werden für das, was wir (ungenau,
glaube ich) >objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann,
wenn das subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern
aktiven umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. das subjekt treibt
sich selbst heraus, wenn es dazu beitragen kann, aus den gegebenen verhältnissen
das äußerste herauszuholen. es wird in sich zurückgetrieben,
wenn es auf entfremdete, destruktive strukturen, auf unüberwindliche
tabus in entscheidenden bereichen stößt."
ich werde darüber nachdenken, wenn ich wieder wach bin.
19.12.02
es ist immer schlimm, wenn ich mich zurückgesetzt fühle. wenn
ich das gefühl habe, oder weiß: für eine andere hat er
das getan, und für mich macht er das nicht.
ich war gestern ganz normal, bei amely, beim adventsplätzchenbacken
und glühweinkochen. das hat gepasst.
24.12.02
blitzeis. die äste sind wie in glas getaucht (frosting). alle bleiben
zu hause.
ich bin noch wie zerschlagen von der klausur gestern.
25.12.02
ganz extreme träume. das ist bestimmt nur übertragung. die zugverbindungen
sind sowieso still. selbst wenn ich fahren wollte. abwarten.
familie. oma erzählt geschichten, die ich noch nicht kannte. wie
sie das bernsteinzimmer gesehen hat, und hans albers. nicht gleichzeitig,
natürlich. später bei bianca + mit meinem cousin samt aufriss
im "rosige zeiten" (just another fool), dann im römer:
der idiot, der hässliche, der dicke + der filmvorführer geben
sich die ehre. szenetypen aus biancas leben. sie kommt schlecht drauf,
aber die machen hier jetzt auch sowieso zu.
28.12.02
zurück nach köln. die schmerzen (physisch) vom letzten jahr
kommen wieder. die schöne landschaft zieht vorbei, furchen auf den
feldern, es spiegelt sich etwas in den pfützen, tiefgrüne wiesen.
ich bin also nicht zu c. gefahren. ich habe nicht gefragt, und er...
c.: am sonntag ist unser konzert. ich habe die ganzen texte vergessen.
ich: das wird schon.
c.: ja, man darf sich nur nichts anmerken lassen.
ich: genau.
pause
ich: neulich war ich auf einem konzert von der band, von frank, meinem
ex.
von denen der sänger spinnt auch. also, so meine ich das jetzt nicht.
ich
meine: der spinnt halt. auf dich bezog sich das jetzt nicht.
c.: nee, klar.
und so weiter. hera lind könnte mitschreiben.
später sage ich zu bianca: kennst du das, wenn man den hörer
auflegt und denkt: ich habe die ganze zeit nur scheiße geredet.
ich höre die fast perfekte kassette. wenn ich durchs zweite examen
falle, werde ich djeuse.
draußen jetzt: eine landschaft von nachtwanderungen und moorwanderungen
und somit von nostalgischem interesse. wie das rasierwasser desjenigen,
der jetzt auf dem platz vor mir sitzt. issey miyake - thomas. wir werden
uns wohl silvester sehen.
später videoschauen mit jörg (zur sache, schätzchen = film).
ich bin mir sicher, das beck´s schmeckt in bremen anders. vielleicht
liegt es an den kleineren flaschen.
es geht mir so unglaublich viel besser als vor einem jahr.
Rainer Junghardt
Eine Industriebrache
Sie sind nicht mehr da. Die Arbeiter kommen nicht mehr morgens um sechs
an meinem Pförtnerhaus vorbei und rufen "Morgen!" oder
schweigen, die Angestellten kommen nicht mehr um acht oder neun durch
mein Pförtnerhaus in die Verwaltung und grüßen oder grüßen
nicht. Niemand grüßt mehr. Die Vorstellung aber bedient sich
ebenso gern der Erinnerung und Gewohnheit wie des Wissens und der Wahrnehmung,
und lange hatte ich, während ich das Werk versicherungshalber weiter
bewachte, das unbestimmte Gefühl, es müssten noch Menschen darin
sein.
So hatte ich auch nach Wochen noch auf meinen Rundgängen den Eindruck,
aus dieser oder jener Tür müssten jetzt Herr Boldt und Herr
Esser stolpern. Die beiden waren als Mitarbeiter von Werkssicherheit und
Instandhaltung ständig im Werk unterwegs und das so hastig, dass
sie sich, obwohl nur zu zweit, vor jeder Tür zu stauen schienen,
der eine den anderen geradezu anschob, während der öffnete.
Sah man sie irgendwo herauskommen, so schien es, als müssten sie,
da sie fast zugleich herausdrängten, stecken bleiben oder straucheln
und fallen. Diese Auftritte wirkten um so unbeholfener, als Herr Boldt
zwei Meter groß und überaus dick, Herr Esser aber ungefähr
zwei Köpfe kleiner, mager und ausgezehrt war. Und eben weil ihr Auftauchen
durch ihre Hast oft etwas überraschend es gehabt hatte, hätte
es jetzt hierher gepasst, weil hier nun jedes Erscheinen überraschend
sein musste.
Aus anderem Grund meinte ich gelegentlich, wenn ich meine Zeit so lesend
und schreibend herumbrachte, eine marokkanische Auszubildende, die einer
anderen Frau ziemlich ähnlich sah, und deren beider Vornamen netterweise
mit den gleichen beiden Buchstaben begannen, die auch die einzige war,
die nie "Mahlzeit" sondern immer "hi" sagte, und ich
antwortete "hi", müsse gleich hereinkommen, weniger nämlich
aus Gewohnheit als weil ich die Erinnerung an jene vermisste.
Allmählich gewöhnte sich meine Vorstellung daran, dass hier
niemand mehr anzutreffen war, und wenn sie mir doch noch einmal diesen
Eindruck aufdrängte, so griff sie auf Begegnungen zurück, die
auch damals schon selten und unwahrscheinlich gewesen waren, und machte
ihn damit wenn auch nicht glaubhaft, doch zumindest in dieser Hinsicht
stimmig. Herr Scherdorf, der Werksleiter war fast nie zu sehen gewesen.
Er fuhr morgens schnell an meinem Häuschen vorbei auf seinen rückwärtigen
Parkplatz, kam durch den hinteren Eingang in die Verwaltung und verschwand
sofort in seinem Büro. Waren alle anderen Angestellten immer wieder
im Werk unterwegs, nahmen Dinge in Augenschein und trafen ihre Entscheidungen
vor Ort, so gab er lediglich knappe telefonische Anweisungen. Nur kurz
sahen ihn ein paar leitende Angestellte bei der mittäglichen Besprechung.
Ansonsten schaute seine Sekretärin von Zeit zu Zeit in sein Büro,
sich zu vergewissern, dass er immer noch da saß und nicht jemand
anderes sich eingeschlichen hätte und heimlich von seinem Anschluss
aus Anweisungen gäbe. Sehr spät noch, als der Zerfall schon
überall deutlich sichtbar war, glaubte ich noch einmal, er werde
mich gleich anrufen. Erst wenn auch solche versteckten, schattigen Existenzen
nicht mehr darin vermutet werden, ist ein Ort endgültig verlassen,
auch in der Vorstellung.
Von da an braucht es Anlässe für solche Wiederläufer der
Einbildung. Ein Fremder hat die Erlaubnis, ein paar vergessene Ziegel
aus einer Halle zu holen. Mit seiner Schubkarre fährt er gegen einen
Türrahmen und stürzt. So fällt Herr Boldt doch noch über
Herrn Esser.
Dann wird der Zerfall unumkehrbar. In den feuchten Büros fällt
meterbreit die Tapete herunter und überlässt die Wände
schwarzem Stock. Überall regnet es herein, in der Verwaltung wellen
sich die Teppiche und faulen, in den Hallen steht das Wasser, schließlich
dürfen sich nicht mehr betreten werden. Eine Brücke zwischen
zwei Hallen bricht ein. Die Trümmer werden nach einer Woche zur Seite
geschoben, oben klafft ein zwei Mann hohes Loch, die Stümpfe diverser
Wasser-, Druckluft- und Abluftrohre und Strom- und Telefonleitungen ragen
heraus wie Sehnen und Adern.
Durch den Zerfall werden abgelegene, dunkle Ecken, in denen Ausschuss
und Reste abgestellt wurden, noch trostloser, verrotten um so mehr, hellere
Winkel, in denen Bäume stehen und eine Bank, auf der man früher
einmal in der Pause gesessen hat, werden fried-lich von Efeu und Moos
überzogen um so angenehmer.
Es bleiben die Ablösungen. Klaus sitzt bereits im Wagen, wenn ich
hereinfahre, hebt die Hand zum Gruß und fährt. Löst er
mich ab, so sagt er, ich solle machen, dass ich fortkomme und noch etwas
habe vom Tag. Arnold bleibt gern noch eine halbe Stunde und erzählt
vom Urlaub und vom Einkaufen. Ich antworte ähnlich. Franz sehe ich
nur sonntags. Er hat ein paar Illustrierte dabei, und wir machen Pförtnerwitze
über Aufregung und Chancen im Beruf, die die Horoskope verheißen.
Georg erzählt mir von Programmen und Anschlüssen seines Laptops,
ich kenne weniger davon. Er macht eine ähnliche Weiterbildung wie
ich und gelegentlich gehen wir ein paar Unterlagen durch. Entspanntes
Rauchen, entspannte Übergabe.
14.12.
q&c. kommt h. abreißen. lange s. gesucht, der sich nicht blicken
lassen wollte. dann das hallentor mit einem schraubenzieher geöffnet,
damit q&c.s leute an ihre maschinen kommen. von der halle steht schnell
nur noch ein geäst von stahlträgern, falzblechwände liegen
wie laub an allen seiten ausgebreitet. von einer hebebühne aus zertrennt
q&c die dachkrone mit einem schneidbrenner.
ich mache meinen rundgang auch um die arbeitenden herum und schaue die
riesige pfütze an, die sich in einer senke auf dem parkplatz gebildet
hat, vielleicht 5 mal 7 meter, vielleicht 40 cm tief, seit zwei jahren
unverändert, bei heißem wetter wenige tage einmal ausgetrocknet,
bei regen fließt ihr das wasser des halben parkplatzes zu, und was
immer darauf verrottet, reste von blättern und blechen, abwechselnd
von schauern gespült klar und von algen getrübt, auf ihrem grund
ein fladiger grüner verseuchter morast, nun zum ersten mal in diesem
jahr gefroren.
ich tippe mit der schuhspitze an das eis von pf., ein riss entsteht mit
einem knacken. "der winter ist nur eine große desinfektionskampagne."
das hat w. mir einmal gesagt. das macht mich traurig.
q&c. macht mit seinem kran einen weiteren stahlträger von h.
sin-ken.
Dann kommt das Wachstum. Pflanzen breiten sich aus, ein Fasanenpaar siedelt
sich an. Früher gleichmäßig zurückgeschnittene Hecken
sprießen mühelos meterbreite Wege in einem halben Jahr zu und
Bodendecker lassen ihre endlosen langen Ausleger über die Werksstraßen
wachsen. Immer wieder stehen Unkräuter isoliert auf dem Asphalt wie
aufgesetzt, erst wenn man sich tief zu ihnen hinabbeugt erkennt man den
feinen Riss in der Fahrbahndecke, der ihnen genügt, sich dort zu
ernähren. Eine Birke wurzelt in mehreren Metern Höhe im bloßen
Mauerwerk. Jetzt reduziert der Winter die Vielfalt der Arten und Farben
der Vegetation auf ähnliche Rückzugsformen von bloßen
Stielen und Zweigen, demnächst aber beginnt wieder ihre genügsame
und wuchernde Entfaltung.
Christian Jansen
Paris, im Dezember 2002.
McKinsey & Company ist laut Eigendarstellung der "Rolls Royce"
unter den Unternehmensberatern. Dem BWL-Studenten müsste die nach
diesem Kabinett benannte Matrix (neben der der Boston Consulting Group)
ein Mindest-Begriff sein. McKinsey verfolgt zwecks Rekrutierung seines
Nachwuchses eine Politik der Annäherung gegenüber bestimmten
Pariser Universitäten. Und das geht so:
Der Rolls Royce bat an einem frostigen Donnerstag abend zu einem "Cocktail
McKinsey" in sein Bureau auf den Champs Elysées. Die anderen
Unternehmensberater (Pricewaterhouse Coopers, KPMG, Doilette & Touche,
Andersen (als noch existent),...) sind regelmäßig auf den einschlägigen
Forums des Entreprises vertreten - nicht so McKinsey. Hier bemüht
man sich nicht selbst - man lässt bitten. Eine gelungene Marketing
Strategie. Nachdem schriftlich und mit Anlage des Lebenslaufes das Ansuchen
geäußert worden war, einen Cocktail auf den Champs Elysées
schlürfen zu dürfen, kam einige Tage später das OK unserer
Berufsorientierungs-Beauftragten: Rendez-vous um 17.45 Uhr vor Nummer
79, Avenue des Champs Elysées. Ich war 10 Minuten zu früh,
hatte keine Lust, vor dem Eingangsportal zu frieren und verzog mich in
eine Seitenstraße, wo ich in einem billigen Stehcafé die
Zeit mit einem Espresso hinunter spülte. Als ich pünktlich wieder
vor Nummer 79 ankam, stand schon ein Pulk von ca. 40 Studenten in der
eisigen Pariser Winterluft. Ich erkannte niemand auf den ersten und nur
einen einzigen Typen auf den zweiten Blick. Erleichterung und Small Talk.
Wo absolviert dieser und jener sein Praktikum? Kommunikation für
St. Gobain, Marketing für RTL, d'accord. Mein Name wird auf einer
Liste abgehakt.
Man ließ bitten - man lässt warten. Schließlich werden
wir von einem Livrierten durch einen Messing- und Marmorkorridor in die
Messing- und Marmoreingangshalle gebeten. Alles riecht nach Diskretion.
Außen war nicht einmal ein Firmenschild angebracht: Entweder, man
weiß, WER hier logiert, oder man gehört eben nicht dazu. In
Grüppchen zu sechst werden wir in die Aufzüge und bis zur siebten
und letzten Etage befördert. Marmor, Messing, Palmen. Weitere Gänge,
Büros, PCs, schließlich Menschen. Wir münden in einen
Versammlungsraum: Ausblick auf die weihnachtsbeschmückte, hell belichterte
Champs Elysées und den Arc de Triomphe, die aus der Pariser Nacht
herausstechen: das ist wohl integraler Teil des Marketing-Konzeptes. Auf
einem Tisch liegen Namensschilder, alphabetisch aufgereiht. Christian
Jansen ist auch dabei und ich stecke mich mir ans Revers.
Thibault ist Directeur associé, verheiratet, 2 Kinder, 7 Jahre
Investment Banking, seit 5 Jahren bei McKinsey, diplômé HEC
und Sciences Po. Die Diplome - das ist so ein Tick bei diesen Leuten;
genauer: das ist so ein Tick in Frankreich. Wer weit nach oben will, benötigt
dazu das Diplom einer (besser: mehrerer) Grandes Ecoles. Man kann diese
Kaderschmieden, fast alle in Paris, an zwei Händen abzählen:
Für die wirtschaftliche Richtung gibt es HEC (Hautes Etudes de Commerce),
ESSEC (Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales)
und ESCP (Ecole Supérieure de Commerce de Paris). Für die
im weitesten Sinne mathematisch-technische Ausbildung sind die renommierten
Ingenieursschulen zuständig: Polytechnique, Ecole Supérieure
des Mines und Ecole Centrale de Paris. Das sind jeweils die großen
Drei. Die intellektuelle Elite der Geisteswissenschaften wird an der Ecole
Normale Supérieure (drei Abteilungen: Rue d'Ulm in Paris; Cachan;
Lyon) gezüchtet. Wer hier studiert, wird vom Staat dafür bezahlt.
Sciences Po, d.i. das Institut d'Etudes Politiques de Paris, bezieht eine
Sonderstellung zwischen den Grand Ecoles de Commerce und den Elite-Ingenieursschulen.
Hier werden Allgemeinwissenschaftler herangezogen, von denen ein Großteil
sich in wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen spezialisiert. Außerdem
gilt das Diplom Sciences Po als Königsweg für die Aufnahme an
DER Kaderschmiede der administrativen Eliten Frankreichs: die Ecole Nationale
d'Administration, kurz: ENA, die 60 Leute pro Jahrgang diplomiert. Die
politische Klasse Frankreichs hat fast ausnahmslos diese Schule durchschritten.
Sciences Po liefert jedes Jahr 90% der an der ENA Aufgenommenen. Die "Enarques",
wie man ihre Diplomanden leicht abfällig (weil neidisch) nennt, besetzen
- nach einem Parcours im öffentlichen Dienst - auch Schlüsselpositionen
in der französischen Wirtschaft. Die meisten Leute, die GANZ oben
ankommen, haben oft mehrere dieser Eliteschulen besucht: Jacques Chirac
ist diplômé Sciences Po und ENA, Jean-Marie Messier, der
Ex-Chef von Vivendi Universal, hat Polytechnique und ENA absolviert, usw.
Man muss den Klüngel der Diplomanden der verschiedenen Schulen verstehen,
die ein Netzwerk bilden, soziale Kasten, die die Schlüsselpositionen
des französischen Machtapparates besetzen und sich gegenseitig zuarbeiten.
Bestimmte Firmen rekrutieren nur Absolventen dieser oder jener Grande
Ecole - je nachdem, welche dieser Schulen die Entscheidungsträger
des Unternehmens besucht haben. Ohne entsprechendes Diplom "Zutritt
verboten". Wer das nicht weiß oder nicht zur Kenntnis nehmen
will, der kann die französische Gesellschaft nicht verstehen.
In Deutschland ist der Irrglaube verbreitet, die Sorbonne sei der Hohe
Tempel des französischen Bildungssystems. Das muss von Professor
Sartre und einer langen Tradition herrühren. In Wirklichkeit blicken
Schüler der Grandes Ecoles auf Kommilitonen der Universités
herab - Sorbonne oder nicht: die Universités sind für den
Pöbel, hier studiert der Rest. Auf der Party einer Kommilitonin (es
waren fast nur Studenten von Sciences Po und Polytechnique anwesend) war
diese Studentin, die Komplexe hatte, weil sie "nur" an der Sorbonne
immatrikuliert war, und sich unter all diesen Grands Ecoliens mickrig
vorkam.
Thibault, der Directeur associé des Pariser Büros, hat also
HEC und Sciences Po absolviert - so wird ein Mann in Frankreich gestempelt:
Das ist wie eine soziale Durchmarschbescheinigung. Ein Kommilitone nannte
das Diplom der ENA einmal eine Lebensversicherung. Entsprechend lesen
sich auf McKinsey's Webseite die Mitarbeiterprofile: Marc, 28, Mines de
Paris; Sandrine, 28, HEC; Jacques, 30, Mines de Paris, ENA; Alexandre,
24, Polytechnique. Thibault macht auf kontaktfreudig und schüttelt
einigen Studenten, die sich zu viert oder fünft um runde Tische versammelt
haben, die Hände. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen und ihre
Namensschilder angesteckt haben (weiß für die Scienes Po Studenten,
blau für die McKinsey Mitarbeiter), stellen sich die blau Bekarteten
der Reihe nach vor, und das geht so: "Guten Abend, ich heiße
Jean-Baptiste, bin seit 3 Jahren bei McKinsey und diplômé
ESSEC und Sciences Po. Letztes Jahr habe ich einen MBA in den Staaten
gemacht. Was ich bei McKinsey so schätze ist, dass wir wirklich im
Team zusammen arbeiten und es dabei absolut keine Hierarchie gibt. Jeder
sagt offen, was er denkt. Dazu sind wir sogar verpflichtet: obligation
to dissent, nennen wir das." So geht es weiter. Die meisten McKinsey
Consultants haben Scienes Po und noch eine andere Grande Ecole absolviert,
sind alle witzig, loben die tolle Arbeitsatmosphäre und hohe Professionalität.
Es folgt eine Powerpoint Presentation, deren erster Teil von Thibault
übernommen wird. McKinsey, das sind die besten ihrer Spezies, bilden
ein Weltweites Netz: "Wenn ich eine Problemstellung habe, konsultiere
ich zuerst unser riesiges Archiv. Da sehe ich, wer in der Welt schon an
ähnlichen Fällen gearbeitet hat. Dann rufe ich den Mann an und
er wird mir bereitwillig und ausführlich seine Erfahrung vermitteln.
Bei komplexeren Fällen fliege ich sofort hin." Zwei seiner jungen
Wölfe übernehmen und schildern ihre Erfahrung bei McKinsey in
schillernden Farben. Die Studenten beginnen zu träumen, die Augen
färben sich weihnachtlich.
Der zweite Teil der Vorstellung besteht aus einem Gespräch am runden
Tisch. Jeweils ein Consultant pro Kreis. Zu uns gesellt sich Charles,
er trägt einen teuren Anzug, die Krawatte lässt allerdings etwas
an Geschmackssinn vermissen. Ich schätze ihn Anfang dreißig,
er trägt einen goldenen Ehering, das Kinn quillt ihm schon leicht
über den Kragen. Die Standardfrage der französischen Kommilitonen,
welche Schulen er denn besucht habe, beantwortet er mit einem Witz, jedenfalls
denke ich, es müsse wohl witzig gemeint sein: Er habe zwar Sciences
Po besucht, allerdings das Diplom nicht erhalten - Ungläubiges Staunen
- Warum? - Weil er SCHON VOR dem Sciences Po Diplom an der ENA angenommen
worden sei. - Bewunderndes Staunen der französischen Studenten. Um
diesen "Witz" zu verstehen, muss man wissen, dass die meisten
Sciences Po Studenten sich NACH dem Diplom meistens noch ein Jahr lang
auf den Aufnahmetest der ENA vorbereiten.
Zum Firmen-Codex gehört, zuhören zu können: être
toujours à l'écoute du client, nennt man das. Charles ist
allerdings ziemlich monologisch veranlagt. Ich habe mich auf den Abend
vorbereitet und den Aufsatz des HEC Direktors gelesen, der ein année
sabbatique bei McKinsey absolviert hat. Ich wollte einen externen Blick
auf die süßliche Selbstdarstellung. Da liest man denn, dass
zum Firmen-Codex das Prinzip up or out (auch: grow or go) gehört:
Wer nicht spätestens nach drei Jahren aufsteigt, steigt aus. Man
fragt dann: "Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor",
und ist bei der Umorientierung behilflich. Über Auf- oder Ausstieg
entscheidet die Leistung (das nennt man im Firmenjargon meritocracy),
die nach jeder Mission evaluiert wird: BS = below standard, S = standard,
AS = above standard, O = outstanding; zweimal BS oder S = out. Das hört
sich ziemlich rüde an, und mit der nicht-hierarchischen Arbeitsweise
schwerlich zu vereinbaren. Ich erlaube mir, das schüchtern anzumerken
und werde von Charles lächelnd belehrt, dass ein Consultant nicht
am anderen gemessen wird und deshalb kein Konkurrenzdruck entstehe. Im
Gegenteil werde die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen gefördert
und berücksichtigt. Das sei eben wirklicher esprit d'équipe,
und - er legt väterlich seine Hand auf meinen Unterarm - wer Konkurrenzdenken
verhaftet sei, für den - er wirft mir lächelnd einen Seitenblick
zu - sei bei McKinsey kein Platz. In ein anderes Fettnäpfchen trampelt
mein Tischnachbar: Wie viel man den als Junior bei McKinsy so verdiene?
Das wird übergangen, man hat genug Geld in der Tasche, kein Grund
also, es in den Mund zu nehmen. In dem oben zitierten Aufsatz kommentiert
der Professor lapidar: money is not a problem.
Endlich geht es in die dritte Runde: "lockeren Talk" am Buffet.
Die Studenten freuen sich auf Champagner und feine Häppchen und gehen
zum Nahangriff über: Es gilt, sich in Szene zu setzen und in der
Erinnerung zu verhaken; Lebensläufe werden verteilt, Studentinnen
mit aufregenden Décoltées hängen an den Lippen von
Consultants mit feistem Kopf und Haarausfall.
Als ich im Büro erzählte, dass ich zu einem "Cocktail McKinsey"
geladen sei, glänzten die Augen der jungen Kollegen, die keine Grande
Ecole besucht haben und damit von vornherein ausscheiden: McKinsey, das
sei ein Traum. Sofort wurde ich beraten, wie mich zu kleiden, wie mich
in Szene zu setzen, worüber zu reden. In der nun auftretenden Situation
solle ich möglichst den Kontakt mit weiblichen Mitarbeitern suchen:
Es war genau ein weiblicher Consultant anwesend. Eine große, schlanke,
rothaarige Frau, etwa meines Alters. Hier erfuhr ich, dass eine McKinsey-Woche
normaler Weise zwischen 60 und 70 Stunden zähle, dass, sobald es
dem Ende einer Mission entgegen gehe, allerdings auch schon mal die Nacht
durchgearbeitet werde. An Diplomen hatte sie Sciences Po und ESCP zu verzeichnen,
und mit meinem Décolltée fuhr ich frontal gegen einen Eisberg.
Später am Abend unterhielt ich mich noch mit einem Absolventen von
ESSEC, Sciences Po und ENA, der nach einer kurzen Karriere als Beamter
in der Finanzinspektion in die freie Wirtschaft gewechselt war - mehr
Arbeit, lukrativere Vergütung. Die 60 bis 70 Wochenstunden seien
zwar stressig, aber es gebe immerhin noch die Investment Banker, die ca.
80 Stunden pro Woche zu Gange seien. Verglichen mit denen, sei die Arbeitsfülle
bei McKinsy doch noch ganz human. Wir unterhielten uns nicht sonderlich
lange, weil ein widerlich stiefelleckender Kommilitone sich ziemlich unhöflich
in die Diskussion drängelte. Bei dem Stichwort "ENA" war
er hellhörig geworden - die drei Buchstaben üben auf viele Studenten
eine ungeheure Anziehungskraft aus. Eine vergleichbare Anbiederung hatte
ich tatsächlich selten erlebt: der Drängler quetschte sich frontal
vor den begehrten Consultant (Absätze angeschlagen, Fußspitzen
gespreizt, Oberkörper leicht vorgebeugt, Hände mit den Handflächen
nach oben ineinander gefaltet, Froschmaulgrinsen) und teilte mit, dass
er selbst, Normalien (d.h. Absolvent der Ecole Normale Supérieure)
und nun Sciences Po, sich überlege, ob es denn wohl noch von Vorteil
für seinen beruflichen Werdegang sein könne, das Diplom der
ENA seinem Lebenslauf hinzuzufügen. Ich wäre vor Scham am liebsten
im Holzparkett versunken. Anstatt diesen Schleimer allerdings eiskalt
abzuservieren, stieg der Consultant ein und es folgte eine viertelstündige
Diskussion über die Vorzüge der Ecole Nationale d'Administration.
Ich musste später an Ingo Jacobs schönes Wort von der "Ecole
Infernale de comment on règne" denken: unter welche Menschen
bin ich gefallen? Wer hilft mir in diesem Schneetreiben? Einen Arzt für
diese Leute. Oder einen Henker. Ich nahm meinen Mantel, den Aufzug und
einen Seitenausgang. Es war gegen 21 Uhr, als ich wieder auf die Straße
trat und mich vor dem nun geschlossenen Billigimbiss fand, in dem ich
vorher einen Café getrunken hatte. Ich lief noch ein paar hundert
Meter die Champs Elysées hinab, in einer totalen American-Psycho-Stimmung:
überall Touristen, Weihnachtslichterblitze, die Kälte der Luft,
der Hass in der Metro, die Feindseligkeit der Menschen, ihre verhärmten
Futterneid-Visagen, Nadelstiche in meine Nerven. Meine Lederhandschuhe,
mit denen ich hätte würgen und töten können. Die Sehnsucht
nach Wald und Feldern. Dann Zweifel: lüge ich nicht, wenn ich sage:
Ich bin unter diese Menschen "gefallen"? Habe ich den Wahnsinn
noch unter Kontrolle? Wie lange noch kann ich mir glauben: "Ich schaue
mir das alles mal in Ruhe an"? Hätten sie mir einen Job geboten,
ich hätte ihn genommen und mir in meinem Kopf zurecht gebogen, dass
auch das nur eine Art gut bezahlter Recherche sei.
Tobias Schoofs
heute vormittag habe ich mich genötigt, die tagebücher von saskia
und rené durchzulesen, die im laufe der letzten beiden wochen hier
eingeplätschert sind und an denen ich nach den ersten einträgen
die lust verloren habe. ihnen fehlt der kamm, dafür haben sie viel
gel: young urban mehr oder weniger professionals langweilen sich zu tode
und geben dies zu protokoll. ein kopfschmerz hier und da, ab und an ist
jemand gut drauf. das interessiert den soziologen, wenn er gerade über
leute promoviert, die sich zu tode langweilen. wen interessiert es noch?
wie immer zeigen renés texte, dass an ihnen gearbeitet wurde. wie
immer haben sie geschmack: von dem nicht zu viel und von diesem in ausreichendem
maße. sie gehören in die bewerbungsmappe für das lifestylemagazin.
wie oft zeigen saskias texte, dass an ihnen zu wenig gearbeitet wurde.
"ich schmeiße meine sachen in den postausgang."
christian scheint weniger zu erleben als die beiden. er schreibt für
den ganzen dezember nur einen einzigen eintrag, der sich auch nur auf
einen einzigen abend bezieht. dass sein leben äußerlich mit
dem von saskia und rené verwandt scheint, zeigt der kurze absatz,
in dem es um das büro geht, das seinen alltag ausmacht. den rest
büro, um ehrlich zu sein, kann ich mir denken.
an diesem einzigen abend im dezember hat christian (ich nenne die tagebucherzähler
nach den namen der tagebuchautoren) jedoch um einiges mehr erlebt als
die anderen beiden im ganzen dezember. denn er hat sich die eine oder
andere frage gestellt, die mit ihm persönlich zu tun hat. in seinem
text finden sich elemente der selbstkritik. dadurch wird sein text spannend.
da er sein erleben gleichzeitig mit sehr viel information über die
welt anreichert, in die sein tagebuch gehört, hat man auch das gefühl,
nach der lektüre irgendwie mehr zu wissen als vorher. das ist ein
schöner nebeneffekt: denn irgendwie fühle ich mich befriedigt,
nachdem ich diesen text gelesen habe. das ist doch schonmal was.
Christian Jansen
da laufen sie wieder, jeder in seinem kleinen subjektivitaetsmikrokosmos.
wie haben sie wohl ihren samstag morgen verbracht? im bett, oder im "bett"?
vor dem pc? in ueberfuellten einkaufspassagen - ein hysterischer letzter
samstag vor der geweihten nacht?
und warum kommt kein tagebuch mehr? ist rené beleidigt? und saskia,
ist sie ironisch, selbstironisch, oder einfach gedankenlos / muede, wenn
sie christa wolf zitiert. "es zeigt sich: rückhaltlose subjektivität
kann zum maß werden für das, was wir (ungenau, glaube ich)
>objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann, wenn das
subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern aktiven
umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. (...)"? da sollte man
nicht schlafen, sondern hellhoerig werden.
wenn ich das, was ich von deutscher literatur und literaturkritik noch
mitbekomme, richtig verstanden habe, dann wirft man der jungen dt. lit.
NABELSCHAU vor.
nabelschau, leere selbstbespiegelung des subjekts also. und genau das
ist es, was tobias den tagebuchtexten von rené und saskia vorwirft.
ich neige dazu, seine auffassung zu teilen: was in diesen texten fehlt,
ist der "aktive umgang mit gesellschaftlichen prozessen", wenn
ich mal gerade wolfs holzklotzsprache benutzen darf. ohne jetzt wieder
die leidige grundsatzdebatte "l'art pour l'art oder lit. engagée"
lostreten zu wollen - mache ich es also lieber am konkreten textmaterial
fest:
1) René
das sind kompositionen auf sprachlich hohem niveau. allerdings wuerde
ich mir auf diesem niveau ein plus an inhalt wuenschen. soweit schoofs-text.
warum dieser in sich und seine reflektion der aussen- und innenwelt eingekapselte
erzaehler? der einzige "dialog" ist der mit einem nena zitat
aus der zeitung. ein NENA zitat! hey leute, gibt es in deutschen zeitungen
gerade nichts aufregenderes zu lesen? wenig dialog also, wenig austausch.
- ansonsten treten koerper in jogginganzuegen auf. warum koerper? steckt
da kein mensch drin? wenn ron winkler, der einzige mensch mit vollem namen,
eingefuehrt wird, erfahre ich, dass er ein "sehr netter mensch"
ist - punkt. warum ist er nett? was heisst das, "nett". wie
und was schreibt denn dieser "schreiber"? - ich habe - nennt
man das zufall? - die magisterarbeit dieses herrn winkler gelesen und
fuer meine eigene benutzt. ich waere neugierig darauf, ihn kennen zu lernen.
renés text laesst mich enttaeuscht. oder ist das seine strategie
- seine leser zu enttaeuschen? wir haben es doch mit einem reisenden zu
tun - koeln - frankfurt - regensburg: gibt es da nicht berichtenswerteres
als die lichter auf der autobahn?
schoen die beschreibung des jungen wohnens; dagegen positioniert sich
der scheiber in mittelaltem wohnen. ist das kritik? wie sieht mittelaltes
wohnen denn aus? ist es besser als junges? und wenn ja, warum?
auch komfortabel zu lesen der blick auf die familien, die sich am sonntag
"zeigen" (super!) und ihren - NATUERLICH! - KLEINwagen im parkhaus
abgestellt haben. so klein wie der wagen der geist. diese art kritik erinnert
mich an meine letzte stuckrad-barre lektuere, muss wohl "deutsches
theater" gewesen sein: da macht sich dieser schnoesel ueber die fernsehsendung
"scheibenwischer" lustig. ich fand das scheisse und dachte mir,
dass man sich tatsaechlich ueber alles lustig machen kann, sogar ueber
letzte inseln in einem meer aus merde. das mag auch eine lebenshaltung
sein - und ich neige ihr zuzeiten zu - allerdings nervt mich bei den meisten
dieser leute die nicht vorhandene selbtkritische oder wenigstens: -ironische
haltung. konkret: sich ueber kleinbuerger mit kleinen autos oder kolleginnen,
die ihren wohlfuehlpark ausbreiten (grossartig gesagt!) lustig machen
ist eine sache (mitunter auch eine GEMUETLICH zu lesende) - sich dann
aber im selbstmitleid suhlen, die nicht sehr komfortable situation des
nicht-bestseller-schreibers zu schildern, ein schmerz im ohr hier, kreislaufprobleme
da, die weinerliche demut ob des schreiber-mikrokosmos (und, zwischen
den zeilen: ausbleibenden erfolges), so klein der kreis (nebenbei: ist
das elitismus? - elitaer von exlegere: ausLESEN), die gereifte freude
ob der kleinen gemeinsamkeiten, man ist keine 18 mehr, vorbei das stuermen
und draengen, man wird realistischer, man hat sich eingerichtet im eigenen
kleinen wohlfuehlpark, - - ist das nicht auch komisch, wert, einer kritik,
polemie oder wenigstens ironie unterzogen zu werden?
2) Saskia
vieles, was ich an kritischem zu 1) schrieb, gilt hier. es gilt auch,
was tobias schreibt: die texte sind weniger bearbeitet, sie wirken in
der tat wie in den rechner gehauen und "in den postausgang geschmissen".
das problem: die oft geaeusserte muedigkeit der erzaehlerin breitet sich
leider oft auf die qualitaet des textes aus.
dabei gaebe es doch interessante themen in diesem von muedigkeit durchzogenen
leben zwischen referendariat, examensstress, buero und party: "ich
plane meine berufliche zukunft eher weniger." warum das alles? warum
so leben und nicht anders? welche "gesellschaftlichen prozesse"
wirken auf eine jurastudentin? sind sieben punkte in der revisionsklausur
eine gute oder schlechte note? warum schmeckt ihr becks besser als frueh-koelsch?
welche bedeutung hat die italienische fussballiga fuer die erzaehlerin,
warum ist sie noch in c. verliebt? ist mark kein guter freund? warum diese
leere selbstspiegelung? nach 20maligem hoeren muesste die botschaft doch
angekommen sein: stand up, and tell yourself: be strong!
oben
roundabout
dezember
René
Hamann
Sonntag, 1. Dezember, Köln.
Wunsch, auf dem Land zu leben. Eine gemütliche, blauäugige Beziehung.
Die bayerische Volksmusik. Der erste Advent. Eine blattschwere Luft, nicht
die benzingetränkte der Stadt. Und hinter den Gleisen, als ich nachmittags
mich selbst spazieren führe: Sieht man das Verbaute, Kopf und Herz,
das unschlüssig Stehende, die sich nach hinten verzogene Dienststelle
der Polizei. Unter dem Rhein mag ich sein.
Jemand, mit dem es sehr oft sehr gut funktioniert: der GRUNDIG SUPER COLOR,
mindestens mein Jahrgang, dank Schrittmacher und Beatmungsgerät toppfit.
Getragen von einem unbekannten Holzstuhl, verziert durch ein Metronom
und ein Stimmgerät. Als er die amerikanische Produktion einer Zukunftsserie
mit hohem Albernheitsgrad für meine Erbauung und vorabendliche Hirnleere
darbietet, tritt ein mit Jogginganzug bekleideter Körper ein und
offeriert mir ein Telefon. Es ist der Gewinner, der vom Beschallen einer
Bar des Abends spricht und von den Abenteuern der Zeugung, die im Hintergrund
plärren.
Gedrucktes gab es auch. Ein blaues Buch mit einem Gewässerfoto, das
ostbelgische Gedichte sein eigen nennt, ein nikotingelbes Taschenbuch
mit den Vorlesungen eines im Exil verstorbenen Wiener Psychoanalytikers.
Durch einiges konnte man schwimmen, anderes kam als Schiff. Eine Verschnürung
löst sich, eine Erleichterung macht sich auf. Ein ruhiges, warmes
Wasser mag ich sein.
Montag, 2. Dezember, Frankfurt.
Lichter in der Kälte. Sind hier die Lichter aus Büroräumen
abends, Lichter der Straßenlampen, Lichter der Autos auf der Autobahn.
Scheinwerferlicht in Kontrasten: Die Lichtflächen der Architektur,
dieser hingehauenen Pompösität des Monitären, die bestrahlten
Tannenbäume und Stromleitungen über den Einkaufspassagen, das
bunte Licht auf das schwarze Holz einer Kleinkunstbühne in einer
Kellerbar der Innenstadt.
Lichtjockeys. Gelbes Licht im chinesischen Imbiss, weißes Licht
in hessischen Raststätten, in denen nachts kein Bier verkauft werden
darf. Ein kleines Licht über meinen Kopf auf dem Kissen, das ich
spät nachts ausschalten darf, um dem Inneren ohnmächtig zu folgen.
Dienstag, 3. Dezember, Köln.
Die Wände werden kahl. Gelernt habe ich: Dass Angst entsteht, wenn
die Libido gestört ist oder keine Befriedigung findet. Dass, wenn
ich weinen muss, nichts als ein Krampf dabei herauskommt.
Der härteste Tag des Jahres. Ein Tag, an dem ich nicht arbeiten muss.
Mittwoch, 4. Dezember, Köln.
Gehört habe ich: Das Klackern der Tastern, den dumpfen Aufprall einer
Taube an einer Windschutzscheibe, das Klopfen an ein Seitenfenster, die
eigene verstärkte Stimme.
Ich sehe dich, wenn du's nicht siehst.
Donnerstag, 5. Dezember, Köln.
"Was ich in diesem Leben noch erreichen möchte, ist, in einer
Partnerschaft bedingungslos zu lieben. Das habe ich das erste Mal erfahren,
als ich Kinder hatte. Liebe ohne Erwartungen oder Bedingungen, die von
den Kindern kommt und die man auch als Mutter empfindet", sagt Nena
in der Zeitung. Rührt Kinderwunsch daher? Ist "bedingungslose
Liebe" nicht selbst in einem Mutter-Kind-Verhältnis eine Illusion?
Erinnerung an Abiturfeiern. Der einzige Wisch mit offiziell anerkannter
Bedeutung. Mattblau. Als Frau verkleidet, als Frau Drabert, Englischlehrerin,
mit Perücke, Haarklammern, Rock, Strumpfhosen. Es gibt ein Video
davon, dass ich noch nie gesehen habe. Auch die Klausuren habe ich nie
abgeholt. Abitur: Eine große Zeit, von der ich damals wusste, dass
es bis dahin die größte war.
Nachtrag zu Gestern, Zeit für die Klatschspalte. Ron Winkler kennengelernt,
sehr netter Mensch und bereits der zweite Berliner Schreiber, von dem
ich das sagen kann. Lesung war gut gewesen, wenn auch brutalst unterbesucht
(volles Rohr Minderheitenprogramm, auch dies nichts neues). Die Freunde,
ein Trost - scheint sich was geändert zu haben, Missgunst und Neid
sind gegenseitiger Sympathie, Kollegenschaft, Unterstützung gewichen.
Vielleicht, weil es so klein ist. Vielleicht weil man als Schreiber inzwischen
nach den kleinen Gemeinsamkeiten sucht und sich freut, davon so viele
zu finden plötzlich.
Selbst das anschließende Slam-Spektakel im Sonic Ballroom konnte
keinen Ärger mehr verursachen. Der durchweg schlichte Textaufbau,
die madige, durchsichtige Konzeption, die Vulgärmethodik - geschenkt.
Jemand wie Jan Off kann auch einfach lustig sein. (Eventuell Slam Poetry
oder wie man das Kind sonst getauft haben möchte einfach als Genre
behandeln? Eine Art Parallelcomedy, eigenes Universum, immer mit Blick
auf Bildzeitung, Privatfernsehen, Boulevard, damit natürlich das,
was "volksnah" genannt wird. Auch kommerzielles Comedy kann
man lustig finden - wie das, was gemeinhin Popliteratur genannt wird,
unterhaltend).
Über Frauen schreibe ich hier nichts (heute morgen Traum von F. Sanft,
betörend, mutig).
Freitag, 6. Dezember, Köln.
In höherem Auftrag unterwegs. Weshalb ich nicht zum Schreiben komme.
Was ein wenig stört. Was oft stört. Heute geht es ok, da es
Spaß bereitet, Erfüllung bringt, Abwechslung, soziales Klima.
Sogar mit angehängtem Ende auf einem Balkon, in einem fremden Wohnzimmer,
an einem fremden Esstisch. Einblicke, Zublicke.
Hold on it hurts: Mach weiter, es tut weh. Heim flüstert der Fernseher.
Samstag, 7. Dezember, Regensburg.
Dezemberlarmoyanz. Ein neues Taxi wartet, wird weggeschickt. Ein Mietwagen
zieht über bundesdeutsche Autobahnen an einen Ort, an dem es keine
Rückzugsmomente gibt. Rückenschmerzen bis 14 Uhr, ab 18 Uhr
leichte Kreislaufprobleme, Überreiztheit, ab 19 Uhr im linken Ohr
ein stechender Schmerz. Taschentuch. Später, dank reichlichem Alkoholkonsum,
gut, besser. Nachts jedoch: Kaum Schlaf. Trotz Ohropax.
Sonntag, 8. Dezember, Regensburg.
Junges Wohnen: Ein Appartment am Rande der Innenstadt einer Kleinstadt,
Neubau, viele Fenster, Auslegeware. Junges Wohnen: Junggesellentum, d.h.
nahezu leerer Kühlschrank, die Suche nach Kaffee ein Abenteuer, an
den Wänden Plakate von Lieblingsbands, Halsbänder von besuchten
Konzerten, ein gigantischer Fernseher thront im Raum, darauf Stapel mit
Videokassetten, DVDs, darunter die zugehörigen Abspielgeräte,
rechts der Wand CD-Meter. Junges Wohnen: Helles Holz, ein junges Wohnen-Katalog-Bett,
ein bestellbares Ecksofa mit undefinierbarem, aber schrecklichem Muster,
ein Hellholztisch, darauf veraltete Fernsehzeitschriften, immer aktuelle
Musikzeitschriften (die wichtigen, die unwichtigen), abgepackte Schokolade,
ein Kerzenkranz mit grünem Tannenimitat, die freilich roten Kerzen
von Feuer unberührt. Junges Wohnen: Eine große Glasvitrine
mit Hellholzschale, ein Regal mit nie benutzten, verzierten Gläsern,
die restlichen Regale mit CDs belegt. Neben der Vitrine zwei Reihen Schallplatten,
der Ältere schaut nach Vergleichen, findet drei Gemeinsamkeiten.
Junges Wohnen: Ein natürlich prima aufgeräumtes, hygienisch
korrektes Bad, Stehdusche, Plastiktaschen für Haarspray, Zahnpasta
(aronal & elmex), Kamm, kein Gel. Durch das Tor in die Altstadt, es
ist ein Sonntag, die Familien zeigen sich. Wandern durch die Einkaufsbühne,
deren Zugänge verschlossen sind. Die Kleinwagen im Parkhaus gelassen.
Das Lieblingsgesicht des vergangenen Abends bedient im heutigen Frühstückscafé
(halb zwei, Müsli, Milchkaffee), das tatsächlich "Bett"
heißt, Anlass für Wortspiele bietet, schön. Servantilismus
Return. Aber die Zeit ist eine andere, die Umstände auch, im anschließenden
Mietwagen geht es dieselbe Strecke über die Autobahn zurück,
dabei werden vertonte Kindheitsziffern belauscht, dunkle Momente der Jugend
(Tanzkurs) beleuchtet, man denkt sich Personen aus, die die anderen erraten
müssen. Zuhause, im mittelalten Wohnen: Telefongestotter, kranke
Musik, wieder Fernsehlicht. Viel und gut geschlafen.
Montag, 9. Dezember, Köln.
Von D. geträumt. Zwischen ihm und J. in einer Runde gesessen, sie
haben sich in meinem Rücken miteinander unterhalten. Gewusst, dass
D. tot ist, gewusst, dass es sich um eine Erinnerung, einen zwar nie erlebten,
aber vergangenen Moment, handelt. D. irgendwas sagen wollen. Pelzmäntel,
Silberschuhe, im Büro zieht in eine neue Mitarbeiterin ein, packt
gleich ihren Wohlfühlpark aus, schmückt das Büro. Nach
außen verlegte Innerlichkeit, Absteckung des eigenen Terrains, Überwindungsversuch
entfremdeter Arbeit? Warum stimmt die Rechnung: Dass es sich dann grundsätzlich
um Kitschutensilien handelt, eine Holzlok als Stifthalter, ein mit Diddle-Figuren-verunstalteter
Wandkalender? Daneben drei Fotos: Das erste zeigt einen roten Rennwagen,
das zweite ein Stillleben mit Palmen, das dritte einen orientalischen
Tempel.
J. lügt nicht, J. verdeckt die Einzelheiten, J. klammert aus. Dachte
kurz, es ist wieder nur meine Paranoia, aber meine Paranoia hat meistens
Recht: E. erzählt mir abends am Telefon, dass sie auf einem Konzert
war, das Konzert war klasse, anschließend ist sie mit J. im Sonic
Ballroom gewesen, auf dem Weg dorthin dem Schlagzeuger über den Weg
gelaufen. Ein Abend mit Ansage: Lange Nacht, früher Morgen, rumgeknutscht.
Wir sind frei und dürfen uns die Freiheit nicht nehmen lassen, verklickert
mir anschließend I. im nachbarlichen Kubus. Ich bin froh, das zu
hören, denn ich weiß, er hat Recht. Das gilt für alle.
Dienstag, 10. Dezember, Köln.
Ich schreibe um mein Leben. Hier fällt der schwere Regen. Trennungs-
und Trauerphase, gewaltige Phantomschmerzen kommen auf, und die Gedanken
sind graue Hasen. Ich klammere mich an die Mittagspause, Subroutinen laufen
ab, andere entpuppen sich als gestört, abends verlässt man sich
auf die Stimmen, die eigene, die andere(n), Gesang der Sirenen, Tinnitus.
Viel Grübeltext, alles ganz finster, aber Sitcoms retten mein Leben,
zumindest für einen kurzen Moment.
Albert Camus:
"Künstler und Kunstwerk. Das wahrhafte Kunstwerk ist das an
Worten sparsamere. Es besteht ein ... Verhältnis zwischen der Gesamterfahrung
eines Künstlers, seinem Denken + seinem Leben (seinem System - wenn
wir beiseite lassen, was dieses Wort an Systematik enthält) und dem
Werk, das diese Erfahrung widerspiegelt. Dieses Verhältnis ist schlecht,
wenn das Kunstwerk die gesamte, literarisch verbrämte Erfahrung wiedergibt.
Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück
ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet,
ohne sich einzuschränken. Im ersten Fall herrscht Überladenheit
und Literatur. Im zweiten ein fruchtbares Werk, weil es so viel unausgesprochene
Erfahrung enthält, deren Reichtum man errät.
Das Problem besteht darin, jene Lebenskunst (...) zu erwerben, die über
die Schreibkunst hinausgeht. Und letzten Endes ist der große Künstler
vor allem einer, der lebt (wobei leben hier über das Leben nachdenken
heißt - ja, es bedeutet die feine Beziehung zwischen der Erfahrung
und dem Bewusstsein, das man von ihr gewinnt)."
Sattelschlepper und Leichenzüge. Ich schließe die Augen und
sehe sie.
Mittwoch, 11. Dezember, Köln.
Thunder, Corruption & Lies. Da fiel der Satz: Dass Seifenopern die
Realität nachahmen, nicht umgekehrt. Zurück zum Muster. Befall.
Dieser volle Losercore hier. Der geringe Abstand zwischen den Satelliten
der Schrift und der erdigen Aufgewühltheit ist der einzige, der im
Moment möglich ist. "Nun müßte ich positiv sein wie
eine offene / Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd"
etc. Statt dessen: Dieses mürrische Lied von der Zeit, dem besten
Handwerker.
I Want Out of the Circus. Auf der Galerie. Lahmes Kümmern, Ausgangssuche.
Für diese Zeit möchte ich blind sein, die gereihten Bilder nicht
sehen, die apokalyptischen Reiterinnen, die ihre Pirouetten drehen über
dem Sand, die Hörner und Tiergeräusche der Beach Boys Zirkusband
nicht hören, obwohl es die Musik der Stunde ist, Radio Orpheus mit
den immer gleichen Ansagen (Film von Cocteau) ...
Freitag, 13. Dezember, Köln.
Das kalte Blinzeln der Bohéme. Position: Unklar. A. hat Geburtstag.
Ich habe A. sehr lange nicht gesehen, ich hatte noch nie viel zu tun mit
A., die als Szenegirl par excellance durchgeht, ein mädchenhaftes
Gesicht, hohe Lächelfrequenz, blonde Haare, rundlich und selbstsicher
mit eingebauter Falltüre zur Unsicherheit, sie ist gut im Projektionsfläche
sein. Männerreihen, die ihr den Hof fegen, dabei ist sie zurückhaltend,
ausblendend, bestimmt von Privatdogmen und Eigenpräferenzen. Gleichsam
ein obskures Objekt der Angst, wie ich I. sage, dass ich nie einer von
denen sein wollte, die hinter ihr her rennen. Serial Girlfiend.
Und auf A.s Party, die in einer riesenhaften Ehrenfelder Wohnung abgeht,
Schläuche und Säle, lauter alte Bekannte, Abteilung junger Popjournalismus,
Plattenmacher, Chefaufleger, Frei- wie VollzeitjournalistInnen, Lokalredakteure,
Medienproletariat, gleichsam die sich selbst einbildende Elite, Diskurshöflinge,
Spexfans, LangzeitstudentInnen, die bessere Seite, in allen Facetten,
ich liege knapp unterhalb des Altersdurchschnitts. Freude. Leute, ich
war eine Weile weg, untergetaucht in meinem Privatschlamassel, hiermit
kündige ich mein langsames Comeback an. Cool, okay, Small-Talk-Freude,
Bier steht auf dem Balkon, alles klar. C. kommt, vier Tage vor Deadline,
Magisterarbeit, kurze Hektik, verschwindet wieder. K. ist da, erzählt
von ihrem Job als Sekretärin fürs WDR Morgenmagazin, Studium
abgebrochen, kleiner Austausch über C.s These von frei machender
Arbeit, das Konto ist sicher usw., andererseits die Routinen, das Unerquickliche
eines 40-Stunden-Jobs, Einschnitte ins Privatleben etc. Frage nach der
Schreiberei, Zeugin eines anderen Tagebuchs, gemeinsame Bekannte auch
in diesem Raum, A.W. nämlich, der jetzt endlich ein Stipendium in
Berlin antreten darf, vollste Mitfreude. These der Christbaumkugeln, denen
man mit Angeln nachhelfen muss, dass sie fallen. P., auch recht rundlich
inzwischen, berichtet aus der Hauptstadt, in der sie einem Logopädinnenjob
nachgeht an einer Geriatrie, aber eigentlich wollte sie immer Holzfällerin
werden, jetzt sucht sie nach ihrem Platz im Medienbetrieb, den sie dank
Plan B auch finden wird.
Schließlich sind noch J. und A.L. anwesend, deren Privatschlamasselzenit
noch nicht überschritten ist, kurzer Bericht über den Stand
der Undinge, S., schwerstes Opfer einer selbst zubereiteten Hölle,
dabei hochgeradig verschnürt, nervt mit überflüssigen Gegendiskursen,
als Wham!s Last Christmas läuft und ein Wiederfinden tröstlicher,
subjektiver Kollektivität statt hatte. Plattenmacher R.W. findet
sich auch für ein kurzes Gespräch, Lob der abgesungenen Band,
Gegenlob des Franzosenpopsamplers, den er mitstemmte. Usw. usw.
Wo bleibe ich? Ich streue mich unter, sehe alte Bezüge funkeln, die
ich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen baumeln ließ,
zu viel Zweifelmaschine statt einem ordentlichen Let-Go. Selbst ins Eck
gestellt und mich da eingerichtet, jetzt muss ich aus dem Staub, und teste
das Wasser, fußzahm. Ja, ein Holzfäller! - Und was ist mit
meinem Vogel?
Samstag, 14. Dezember, Köln.
Mein eigenes privates Lifestylemagazin. Sabine Scho: "ach gott, dachte
ich, was für einen anstrengenden beruf habe ich gewählt! tag
aus, tag ein am schreibtisch. die geschäftigen aufregungen, ohne
mich vom fleck zu bewegen, und außerdem ist mir noch diese plage
des grübelns auferlegt, die sorge, ob es die anstrengung lohnt, das
unregelmäßige essen, ein immer wechselnder, nie andauernder,
nie herzlich werdender menschlicher verkehr."
Und klar ist das banal, und klar ist das langweilig, leider aber gerade
das über dem Bett kurbelnde Schwert, das die Luft umwälzt. Ein
herzliches Merry-Go-Round.
Und was ich erlebe: Ist davon getragen. Und ja, ich bin eingespannt, umwickelt
im eigenen Kokon. Und den schleppe ich mit zur Freundin J., und ich schleppe
ihn mit in einer verstört-verzweifelten Tournee durch die Bars ab
vier Uhr, auf der Suche nach was? Einer Zeitmaschine" Selbstkritik
ist ein Luxus. Und mein Konto ist so leer wie mein Bett. "angst,
das kalte laken."
Donnerstag, 18. Dezember, Köln.
Die Nerven liegen also außen. Von hier aus finde ich nicht weiter.
Plötzlich kommen Vermählungswünsche auf. Die Schattenseiten
des R.H. als Falschspieler, Mogelpackung, Paranoiker. Die Bezüge
sind alle verdreckt, müssten dringend in die Waschmaschine, aber
leider kann ich nur meine eigenen Hälften dorthin tragen. Absetzung
der Substanzen, um mich als Held zu fühlen, andere brauchen etwas,
was ich nicht brauche. Gleichsam ist Trennung vom geliebten Objekt nichts
anderes als härtester Drogenentzug. Was nicht schmeichelhaft ist:
Das Objekt als Beruhigungsmittel. Übertriebene Analogie? Mitnichten:
Das Gefühl ist zuvorderst ein körperliches, auf der anscheinend
doch vorhandenen rationalen Ebene laufen Begleitprozesse, die wieder nach
Zusammenhängen suchen, Ursachenforschung betreiben. Auch nicht falsch.
Körperlich: Ausschüttung ungeheuerer körpereigener Substanzen,
was genau? Adrenalin? Ich fühle mich wie amputiert: Ein Teil von
mir fehlt. Einsatz von Gegengiften, Substituten, Betäubungshämmer,
nutzen nichts. Ich will die Droge zurück. Daneben die Therapeuten,
die von der Zeit sprechen, von der Geduld, von einem entfernt liegenden
Zustand, den man erreicht, wenn der Entzug vorbei ist. Und wann ist er
vorbei, kann man ihn beschleunigen? Nein, kann man nicht. Der nächste
Käse, durch den man durch muss, dabei liegt noch der erste schwer
im Magen. Für und Wider der Fluchttendenzen: Ja, man gebe mir bitte.
Montag, 23. Dezember, Köln.
Vollpanik. Das psychotische Summen. Von einem Arzt zum anderen, da natürlich
alle heute ihren ersten Weihnachtsferientag haben, schließlich nach
zweistündigem Fußmarsch bei Dr. Mondorf, dem Karnevalsprinzen
und Hausarzt für Randexistenzen, gelandet. Vom seit gestern eingesetzten
Johanniskraut gesprochen, das nur lähmt und runterzieht. Ein Arzt,
dem die Apotheken vertrauen: Verschreibt ein ähnliches Mittel, das
ich zwar kaufe, aber nicht nehme. Vom Ohrensausen erzählt, er lässt
die Assistentinnen ran, die mir die Hörgänge freispülen
mit warmem, klaren Wasser.
Er saß auf dem schalen Stuhl des Wartezimmers und überlegte:
Sollte er zu seinem Vater fahren, um sich zurückzuziehen, gute Luft
atmen, die Stille des Landes genießen, sich bekümmern lassen
zu können? Und sich Preis zu geben als Opfer der Geschehnisse? Sollte
er dem verständnislosen Arzt von seinen Depressionen erzählen,
seinen Selbstzweifeln und Ängsten, seiner verloren gegangenen Liebe?
Plötzlich kam er sich lächerlich vor. Klarer Fall von Überreiztheit,
nervlicher Anstrengung, diagnostisierte er sich selbst auf dem Weg zur
U-Bahn, leider fiel ihm die Therapie nicht ein, zunächst einmal sind
Spaziergänge zu verschreiben. Aufbrechen des Umfelds.
Dienstag, 24. Dezember, Köln.
A Day to Remember. KAPUTTE SZENE. Wie war das gleich bei Goetz? Feierte
er das nicht ab? Egal. Männerrunde, Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs,
die Wissenschaft, das Rumgeklüngel, die Frauen. Egal, das alles,
jetzt. Blut, Schweiß & Tränen, aber jede weitere Weiterbeschreibung
wäre nur einerseits eine Überhöhung der emotionalen Geschehnisse,
andererseits eine Verharmlosung, drittens nicht fair, den Deckel machen
wir jetzt mal wieder zu. Privatkacke, halt.
- Die unterste Schublade sollte man nicht aufmachen.
- Ja, genau.
Auch die BILDER DES JAHRES spart er sich. Sie differieren von den öffentlich
kursierenden, denn bei den öffentlich kursierenden hat er nicht viel
gefühlt, hier und dort ein wenig Panik und Angst, Befremden, aber
vor allem: Entertainment. Die Entertainmentmaschine, die alle Tasten bedienen
kann. Nur ein Bild wird frei und schwimmt, bildet Blasen, wird zäh.
Ihr eigenes privates Nevermind. Es ist dieses hier:

David H.W. Leder 1968-2002. In memoriam.
Dienstag, 31. Dezember, Köln.
Briefe schreiben, sie nicht abschicken. Frauen kennenlernen, nicht mit
ihnen schlafen. Biere trinken, nicht blau werden. Fachlektüre lesen,
nicht die Parallelen sehen, sondern die Unterschiede (High Fidelity).
Billige Tricks und rotblonde Aussichten. Charme geht anders. Popzitate,
von Haus aus allein, your own personal Jesus, Listenterror (bitte in SPEX
nachlesen).
- Lass uns gehen.
- Warum?
- Eifersucht.
Narzissmus regiert wieder. Das ist der erste Ausblick. Ein letztes Mal
schauen wir zurück im Zorn, ganz nach Freud; um den Stachel des Verdrängten
zu ziehen, mussten wir noch einmal da durch. Ab morgen beginnt ein neues
Jahr, also greifen wir diesen kollektiv konstruierten Zyklus auf, warum
auch nicht. Der Postkartenblick von der Dachterrasse des Ehrenfelders
Hauses (die Wohnung, in der die Party stattfand, nutzte einst der WDR,
um WG Europa o.s.ä. zu drehen) ist zwar eigentlich der falsche, im
Prinzip der vertauschte, denkt er, denn er steht an einer Stelle, an der
jemand anderes stehen sollte, die jetzt an seiner Stelle steht, aber das
ist wurscht, und auch nur ein Ausblick. Ein Ausblick auf einen neuen Zyklus,
der gewiss noch durchtränkt sein wird vom Geschehenen in 2002, dem
schlimmsten Jahr seines Lebens. Trotzdem wird es ein neuer Zyklus sein.Saskia
Mackeben
02.12.2002
..die stadt ist auch schön und mild und weihnachtlich. alle arbeiten
bei agilent (american company). ich spreche drei sätze spanisch und
ein wort katalanisch: perdone. ich glaube, jenny bleibt hier.
wir essen um halb elf zu abend, jetzt (17.40 h) ist es schon bald dunkel.
heizung muss kein luxus sein (werbung). in der wohnung ist mosaikboden,
und es gibt drei balkone. andi spielt den ganzen tag playstation (fußball).
astrid ist vor ihren problemen aus berlin geflohen. überraschung,
hier ist es auch nicht besser für sie. lo siento.
jemand, den man anschaut, lächelt und sagt: hola. gestern brachte
carlos zum frühstück klebrige croissants und schnecken (in köln
würde man sagen: teilchen) mit. am strand war es bewölkt, wir
sprachen über die vielen zuwanderer aus dem zusammengebrochenen argentinien.
wer ein europäisches (eu) elterteil hat, darf ins land.
mir gelingt, die kellnerin zu rufen (hola). der kuchen ist mit mandel
und kaneel. in köln gibt es gar keine kaneelbrötchen. bei uns
zu hause schon: mohn, sesam, kaneel (standardauswahl in den zeiten vor
vollkornbrötchen).vielleicht wegen des hafens in bremen. kaneel als
exportschlager.
ich habe ein paar schöne schallplatten gekauft. herbie mann. jenny
mag keinen jazz, weil das die musik ist. die ihr vater immer hört.
chers version von needles and pins. + ein spanisches da doo ron ron.
ich muss die plaza catalunya gleich wiederfinden, wenn ich zur wohnung
zurück will.
i picture myself. wie heißt das auf deutsch? ich stelle mir vor,
wie ich aussehe? jenny: die sagrada familia ist unter konstruktion.
5.12.02
es ist wohl immer noch nicht kalt, aber ich bin müde, im liegen geistern
noch die gestalten von letztem dezember als wiedergänger herum, ich
träume auch einen schatten von jemand wichtigem. ich muss noch nicht
ins büro, erst recherchieren.
die bibliothek ist im 14. stock, eine schöne aussicht auf eine hässliche
stadt, kopieren, quittung, fertig.
ich fahre durch köln, durch die SCHÖNEN viertel, sülz,
lindental, irgendjemand weiss bestimmt, woher der name sülz kommt.
wohnen hier (lindental) die oberen zehntausend? ich sehe einen kronleuchter.
t. hat geerbt, jetzt schrieb er mir eine mail. natürlich (moral)
macht ihn die kohle nicht glücklich.
ich versuche, die ergebnisse in den rechner zu hacken, verabrede mit jörg,
heute abend pizza zu essen. dieser fall muss heute fertig werden (betriebskostenabrechnung),
am besten auch noch die herausgabeklage. der tag wird gar nichts mehr.
7.12.02
der wecker ist falsch gestellt, heute ausschlafen. es ist schneewetter.
ich soll meine top-five-des-monats aufstellen, deshalb lese ich wieder
high fidelity, aber ich überblättere die hälfte. meine
mutter schickt seasonal decoration.
abends gehe ich einen film schauen."jeans". er erinnert an videoclips.
nicolette krebitz klettert in einem minirock auf einen baum und lässt
sich dabei von unten filmen. verkrampfter versuch, unabsichtlich sexy
zu sein. es bleibt vom film nicht viel in erinnerung. einer der hauptdarsteller
erinnert mich an einen bekannten, der auch seinen persönlichen ehrgeiz
darauf richtet, jede frau ins bett zu quatschen. es gibt keine anzeichen
dafür, dass der film von einer frau gemacht wurde. jasmin tabatabai
hat zum glück nur eine sehr kleine rolle, in der sie nicht nerven
kann.
ich gehe auf die party, frage mich, warum ich so müde bin. die feier
zieht so vorbei. es ist heiß und rotes licht (i´ll be your
seven day fool), ich denke an c., der nie hier sein würde. gedanken
werden irreal.
8.12.02
zuviel, das wochenende ist zuviel. auf der zülpicher straße
treffe ich eine kollegin, die bei hemmer den crashkurs zivilrecht macht.
ich fühle noch nicht mal examenspanik, wahrscheinlich bin ich zu
müde.
später ärgere ich mich, dass ich dieses wochenende keine klausur
geschrieben habe. vielleicht morgen? bis wann muss die denn zur korrektur
eingeschickt werden?
freundinnen zum kaffe. schöne ablenkung, wir sind alle gut drauf,
es gibt anekdoten.
dann bin ich wieder 14, höre dasselbe lied 20mal (why can´t
i stand up, and tell myself: be strong).
9.12.02
ich werde beim schlafen ständig geweckt, durch das telefon- und türklingeln.
auf dem weg zu hanna finde ich es unerträglich kalt. es ist immer
noch alles besser als letztes jahr. montag halt.
10.12.02
die arbeit geht mir wieder gut von der hand, markus will mit mir eine
rauchen, wir planen die weihnachtsfeier, ich plane meine berufliche zukunft
eher weniger.
ich überlege schwachsinn, z.b., dass ich c. die platte zurückschicken
könnte, die er mir geschenkt hat. der andere referendar ist ein unglaublich
typischer jurist, ein netter, konservativer soldat, der nicht zur weihnachtsfeier
kommen kann, weil er jagen geht. er hätte auch lieber eine freundin,
sagt er.
ich schmeiße meine sachen in den postausgang.
14.12.02
um neun uhr kommt constanze, ich sitze und warte darauf. die cds und platten
von donnerstag liegen noch ungeordnet herum, wir haben getanzt und alle
hits gehört. als ich marion das lied mit dem zitat vorspielte, hatte
sie angst, dass sie weinen muss. wir fanden es aber dann nur schön.
constanze ruft an und fragt: beck´s oder kölsch. beck´s
natürlich. ich mache mir unruhige/paranoide gedanken, weil ich immer
allen leuten alles erzählen muss. ich frage mich, wie das wirkt.
die klausur heute: straßenverkehrsdelikte und beweisverwertungsverbote.
15.12.02
entspannter tag. germar kocht uns heiße schokolade. ein ruhiger
abend in der scheinbar. ich erzähle, dass c. angerufen hat und mark
verdreht die augen. aber hauptsache, roma gewinnt gegen turin.
16.12.02
ich bin so müde, der tag ist eine einzige dämmerung (metereologisch).
die deutsche bahn hat neue fahrpläne, ich habe sieben punkte in der
revisionsklausur.
später lese ich maxie wander "guten morgen, du schöne".
meine augen kippen beim lesen manchmal weg, ich konzentriere mich so schwer,
dass ich an meiner urteilsfähigkeit zweifle. wander erstellte nach
aufgezeichneten, von ihr geführten interviews portraits von 19 frauen.
(protokolle nach tonband -> untertitel) sie schreibt: "ich habe
nicht nach äußerer dramatik gesucht oder nach persönlicher
übereinstimmung. ich halte jedes leben für hinreichend interessant,
um anderen mitgeteilt zu werden."
christa wolf schreibt im vorwort: "es zeigt sich: rückhaltlose
subjektivität kann zum maß werden für das, was wir (ungenau,
glaube ich) >objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann,
wenn das subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern
aktiven umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. das subjekt treibt
sich selbst heraus, wenn es dazu beitragen kann, aus den gegebenen verhältnissen
das äußerste herauszuholen. es wird in sich zurückgetrieben,
wenn es auf entfremdete, destruktive strukturen, auf unüberwindliche
tabus in entscheidenden bereichen stößt."
ich werde darüber nachdenken, wenn ich wieder wach bin.
19.12.02
es ist immer schlimm, wenn ich mich zurückgesetzt fühle. wenn
ich das gefühl habe, oder weiß: für eine andere hat er
das getan, und für mich macht er das nicht.
ich war gestern ganz normal, bei amely, beim adventsplätzchenbacken
und glühweinkochen. das hat gepasst.
24.12.02
blitzeis. die äste sind wie in glas getaucht (frosting). alle bleiben
zu hause.
ich bin noch wie zerschlagen von der klausur gestern.
25.12.02
ganz extreme träume. das ist bestimmt nur übertragung. die zugverbindungen
sind sowieso still. selbst wenn ich fahren wollte. abwarten.
familie. oma erzählt geschichten, die ich noch nicht kannte. wie
sie das bernsteinzimmer gesehen hat, und hans albers. nicht gleichzeitig,
natürlich. später bei bianca + mit meinem cousin samt aufriss
im "rosige zeiten" (just another fool), dann im römer:
der idiot, der hässliche, der dicke + der filmvorführer geben
sich die ehre. szenetypen aus biancas leben. sie kommt schlecht drauf,
aber die machen hier jetzt auch sowieso zu.
28.12.02
zurück nach köln. die schmerzen (physisch) vom letzten jahr
kommen wieder. die schöne landschaft zieht vorbei, furchen auf den
feldern, es spiegelt sich etwas in den pfützen, tiefgrüne wiesen.
ich bin also nicht zu c. gefahren. ich habe nicht gefragt, und er...
c.: am sonntag ist unser konzert. ich habe die ganzen texte vergessen.
ich: das wird schon.
c.: ja, man darf sich nur nichts anmerken lassen.
ich: genau.
pause
ich: neulich war ich auf einem konzert von der band, von frank, meinem
ex.
von denen der sänger spinnt auch. also, so meine ich das jetzt nicht.
ich
meine: der spinnt halt. auf dich bezog sich das jetzt nicht.
c.: nee, klar.
und so weiter. hera lind könnte mitschreiben.
später sage ich zu bianca: kennst du das, wenn man den hörer
auflegt und denkt: ich habe die ganze zeit nur scheiße geredet.
ich höre die fast perfekte kassette. wenn ich durchs zweite examen
falle, werde ich djeuse.
draußen jetzt: eine landschaft von nachtwanderungen und moorwanderungen
und somit von nostalgischem interesse. wie das rasierwasser desjenigen,
der jetzt auf dem platz vor mir sitzt. issey miyake - thomas. wir werden
uns wohl silvester sehen.
später videoschauen mit jörg (zur sache, schätzchen = film).
ich bin mir sicher, das beck´s schmeckt in bremen anders. vielleicht
liegt es an den kleineren flaschen.
es geht mir so unglaublich viel besser als vor einem jahr.
Rainer Junghardt
Eine Industriebrache
Sie sind nicht mehr da. Die Arbeiter kommen nicht mehr morgens um sechs
an meinem Pförtnerhaus vorbei und rufen "Morgen!" oder
schweigen, die Angestellten kommen nicht mehr um acht oder neun durch
mein Pförtnerhaus in die Verwaltung und grüßen oder grüßen
nicht. Niemand grüßt mehr. Die Vorstellung aber bedient sich
ebenso gern der Erinnerung und Gewohnheit wie des Wissens und der Wahrnehmung,
und lange hatte ich, während ich das Werk versicherungshalber weiter
bewachte, das unbestimmte Gefühl, es müssten noch Menschen darin
sein.
So hatte ich auch nach Wochen noch auf meinen Rundgängen den Eindruck,
aus dieser oder jener Tür müssten jetzt Herr Boldt und Herr
Esser stolpern. Die beiden waren als Mitarbeiter von Werkssicherheit und
Instandhaltung ständig im Werk unterwegs und das so hastig, dass
sie sich, obwohl nur zu zweit, vor jeder Tür zu stauen schienen,
der eine den anderen geradezu anschob, während der öffnete.
Sah man sie irgendwo herauskommen, so schien es, als müssten sie,
da sie fast zugleich herausdrängten, stecken bleiben oder straucheln
und fallen. Diese Auftritte wirkten um so unbeholfener, als Herr Boldt
zwei Meter groß und überaus dick, Herr Esser aber ungefähr
zwei Köpfe kleiner, mager und ausgezehrt war. Und eben weil ihr Auftauchen
durch ihre Hast oft etwas überraschend es gehabt hatte, hätte
es jetzt hierher gepasst, weil hier nun jedes Erscheinen überraschend
sein musste.
Aus anderem Grund meinte ich gelegentlich, wenn ich meine Zeit so lesend
und schreibend herumbrachte, eine marokkanische Auszubildende, die einer
anderen Frau ziemlich ähnlich sah, und deren beider Vornamen netterweise
mit den gleichen beiden Buchstaben begannen, die auch die einzige war,
die nie "Mahlzeit" sondern immer "hi" sagte, und ich
antwortete "hi", müsse gleich hereinkommen, weniger nämlich
aus Gewohnheit als weil ich die Erinnerung an jene vermisste.
Allmählich gewöhnte sich meine Vorstellung daran, dass hier
niemand mehr anzutreffen war, und wenn sie mir doch noch einmal diesen
Eindruck aufdrängte, so griff sie auf Begegnungen zurück, die
auch damals schon selten und unwahrscheinlich gewesen waren, und machte
ihn damit wenn auch nicht glaubhaft, doch zumindest in dieser Hinsicht
stimmig. Herr Scherdorf, der Werksleiter war fast nie zu sehen gewesen.
Er fuhr morgens schnell an meinem Häuschen vorbei auf seinen rückwärtigen
Parkplatz, kam durch den hinteren Eingang in die Verwaltung und verschwand
sofort in seinem Büro. Waren alle anderen Angestellten immer wieder
im Werk unterwegs, nahmen Dinge in Augenschein und trafen ihre Entscheidungen
vor Ort, so gab er lediglich knappe telefonische Anweisungen. Nur kurz
sahen ihn ein paar leitende Angestellte bei der mittäglichen Besprechung.
Ansonsten schaute seine Sekretärin von Zeit zu Zeit in sein Büro,
sich zu vergewissern, dass er immer noch da saß und nicht jemand
anderes sich eingeschlichen hätte und heimlich von seinem Anschluss
aus Anweisungen gäbe. Sehr spät noch, als der Zerfall schon
überall deutlich sichtbar war, glaubte ich noch einmal, er werde
mich gleich anrufen. Erst wenn auch solche versteckten, schattigen Existenzen
nicht mehr darin vermutet werden, ist ein Ort endgültig verlassen,
auch in der Vorstellung.
Von da an braucht es Anlässe für solche Wiederläufer der
Einbildung. Ein Fremder hat die Erlaubnis, ein paar vergessene Ziegel
aus einer Halle zu holen. Mit seiner Schubkarre fährt er gegen einen
Türrahmen und stürzt. So fällt Herr Boldt doch noch über
Herrn Esser.
Dann wird der Zerfall unumkehrbar. In den feuchten Büros fällt
meterbreit die Tapete herunter und überlässt die Wände
schwarzem Stock. Überall regnet es herein, in der Verwaltung wellen
sich die Teppiche und faulen, in den Hallen steht das Wasser, schließlich
dürfen sich nicht mehr betreten werden. Eine Brücke zwischen
zwei Hallen bricht ein. Die Trümmer werden nach einer Woche zur Seite
geschoben, oben klafft ein zwei Mann hohes Loch, die Stümpfe diverser
Wasser-, Druckluft- und Abluftrohre und Strom- und Telefonleitungen ragen
heraus wie Sehnen und Adern.
Durch den Zerfall werden abgelegene, dunkle Ecken, in denen Ausschuss
und Reste abgestellt wurden, noch trostloser, verrotten um so mehr, hellere
Winkel, in denen Bäume stehen und eine Bank, auf der man früher
einmal in der Pause gesessen hat, werden fried-lich von Efeu und Moos
überzogen um so angenehmer.
Es bleiben die Ablösungen. Klaus sitzt bereits im Wagen, wenn ich
hereinfahre, hebt die Hand zum Gruß und fährt. Löst er
mich ab, so sagt er, ich solle machen, dass ich fortkomme und noch etwas
habe vom Tag. Arnold bleibt gern noch eine halbe Stunde und erzählt
vom Urlaub und vom Einkaufen. Ich antworte ähnlich. Franz sehe ich
nur sonntags. Er hat ein paar Illustrierte dabei, und wir machen Pförtnerwitze
über Aufregung und Chancen im Beruf, die die Horoskope verheißen.
Georg erzählt mir von Programmen und Anschlüssen seines Laptops,
ich kenne weniger davon. Er macht eine ähnliche Weiterbildung wie
ich und gelegentlich gehen wir ein paar Unterlagen durch. Entspanntes
Rauchen, entspannte Übergabe.
14.12.
q&c. kommt h. abreißen. lange s. gesucht, der sich nicht blicken
lassen wollte. dann das hallentor mit einem schraubenzieher geöffnet,
damit q&c.s leute an ihre maschinen kommen. von der halle steht schnell
nur noch ein geäst von stahlträgern, falzblechwände liegen
wie laub an allen seiten ausgebreitet. von einer hebebühne aus zertrennt
q&c die dachkrone mit einem schneidbrenner.
ich mache meinen rundgang auch um die arbeitenden herum und schaue die
riesige pfütze an, die sich in einer senke auf dem parkplatz gebildet
hat, vielleicht 5 mal 7 meter, vielleicht 40 cm tief, seit zwei jahren
unverändert, bei heißem wetter wenige tage einmal ausgetrocknet,
bei regen fließt ihr das wasser des halben parkplatzes zu, und was
immer darauf verrottet, reste von blättern und blechen, abwechselnd
von schauern gespült klar und von algen getrübt, auf ihrem grund
ein fladiger grüner verseuchter morast, nun zum ersten mal in diesem
jahr gefroren.
ich tippe mit der schuhspitze an das eis von pf., ein riss entsteht mit
einem knacken. "der winter ist nur eine große desinfektionskampagne."
das hat w. mir einmal gesagt. das macht mich traurig.
q&c. macht mit seinem kran einen weiteren stahlträger von h.
sin-ken.
Dann kommt das Wachstum. Pflanzen breiten sich aus, ein Fasanenpaar siedelt
sich an. Früher gleichmäßig zurückgeschnittene Hecken
sprießen mühelos meterbreite Wege in einem halben Jahr zu und
Bodendecker lassen ihre endlosen langen Ausleger über die Werksstraßen
wachsen. Immer wieder stehen Unkräuter isoliert auf dem Asphalt wie
aufgesetzt, erst wenn man sich tief zu ihnen hinabbeugt erkennt man den
feinen Riss in der Fahrbahndecke, der ihnen genügt, sich dort zu
ernähren. Eine Birke wurzelt in mehreren Metern Höhe im bloßen
Mauerwerk. Jetzt reduziert der Winter die Vielfalt der Arten und Farben
der Vegetation auf ähnliche Rückzugsformen von bloßen
Stielen und Zweigen, demnächst aber beginnt wieder ihre genügsame
und wuchernde Entfaltung.
Christian Jansen
Paris, im Dezember 2002.
McKinsey & Company ist laut Eigendarstellung der "Rolls Royce"
unter den Unternehmensberatern. Dem BWL-Studenten müsste die nach
diesem Kabinett benannte Matrix (neben der der Boston Consulting Group)
ein Mindest-Begriff sein. McKinsey verfolgt zwecks Rekrutierung seines
Nachwuchses eine Politik der Annäherung gegenüber bestimmten
Pariser Universitäten. Und das geht so:
Der Rolls Royce bat an einem frostigen Donnerstag abend zu einem "Cocktail
McKinsey" in sein Bureau auf den Champs Elysées. Die anderen
Unternehmensberater (Pricewaterhouse Coopers, KPMG, Doilette & Touche,
Andersen (als noch existent),...) sind regelmäßig auf den einschlägigen
Forums des Entreprises vertreten - nicht so McKinsey. Hier bemüht
man sich nicht selbst - man lässt bitten. Eine gelungene Marketing
Strategie. Nachdem schriftlich und mit Anlage des Lebenslaufes das Ansuchen
geäußert worden war, einen Cocktail auf den Champs Elysées
schlürfen zu dürfen, kam einige Tage später das OK unserer
Berufsorientierungs-Beauftragten: Rendez-vous um 17.45 Uhr vor Nummer
79, Avenue des Champs Elysées. Ich war 10 Minuten zu früh,
hatte keine Lust, vor dem Eingangsportal zu frieren und verzog mich in
eine Seitenstraße, wo ich in einem billigen Stehcafé die
Zeit mit einem Espresso hinunter spülte. Als ich pünktlich wieder
vor Nummer 79 ankam, stand schon ein Pulk von ca. 40 Studenten in der
eisigen Pariser Winterluft. Ich erkannte niemand auf den ersten und nur
einen einzigen Typen auf den zweiten Blick. Erleichterung und Small Talk.
Wo absolviert dieser und jener sein Praktikum? Kommunikation für
St. Gobain, Marketing für RTL, d'accord. Mein Name wird auf einer
Liste abgehakt.
Man ließ bitten - man lässt warten. Schließlich werden
wir von einem Livrierten durch einen Messing- und Marmorkorridor in die
Messing- und Marmoreingangshalle gebeten. Alles riecht nach Diskretion.
Außen war nicht einmal ein Firmenschild angebracht: Entweder, man
weiß, WER hier logiert, oder man gehört eben nicht dazu. In
Grüppchen zu sechst werden wir in die Aufzüge und bis zur siebten
und letzten Etage befördert. Marmor, Messing, Palmen. Weitere Gänge,
Büros, PCs, schließlich Menschen. Wir münden in einen
Versammlungsraum: Ausblick auf die weihnachtsbeschmückte, hell belichterte
Champs Elysées und den Arc de Triomphe, die aus der Pariser Nacht
herausstechen: das ist wohl integraler Teil des Marketing-Konzeptes. Auf
einem Tisch liegen Namensschilder, alphabetisch aufgereiht. Christian
Jansen ist auch dabei und ich stecke mich mir ans Revers.
Thibault ist Directeur associé, verheiratet, 2 Kinder, 7 Jahre
Investment Banking, seit 5 Jahren bei McKinsey, diplômé HEC
und Sciences Po. Die Diplome - das ist so ein Tick bei diesen Leuten;
genauer: das ist so ein Tick in Frankreich. Wer weit nach oben will, benötigt
dazu das Diplom einer (besser: mehrerer) Grandes Ecoles. Man kann diese
Kaderschmieden, fast alle in Paris, an zwei Händen abzählen:
Für die wirtschaftliche Richtung gibt es HEC (Hautes Etudes de Commerce),
ESSEC (Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales)
und ESCP (Ecole Supérieure de Commerce de Paris). Für die
im weitesten Sinne mathematisch-technische Ausbildung sind die renommierten
Ingenieursschulen zuständig: Polytechnique, Ecole Supérieure
des Mines und Ecole Centrale de Paris. Das sind jeweils die großen
Drei. Die intellektuelle Elite der Geisteswissenschaften wird an der Ecole
Normale Supérieure (drei Abteilungen: Rue d'Ulm in Paris; Cachan;
Lyon) gezüchtet. Wer hier studiert, wird vom Staat dafür bezahlt.
Sciences Po, d.i. das Institut d'Etudes Politiques de Paris, bezieht eine
Sonderstellung zwischen den Grand Ecoles de Commerce und den Elite-Ingenieursschulen.
Hier werden Allgemeinwissenschaftler herangezogen, von denen ein Großteil
sich in wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen spezialisiert. Außerdem
gilt das Diplom Sciences Po als Königsweg für die Aufnahme an
DER Kaderschmiede der administrativen Eliten Frankreichs: die Ecole Nationale
d'Administration, kurz: ENA, die 60 Leute pro Jahrgang diplomiert. Die
politische Klasse Frankreichs hat fast ausnahmslos diese Schule durchschritten.
Sciences Po liefert jedes Jahr 90% der an der ENA Aufgenommenen. Die "Enarques",
wie man ihre Diplomanden leicht abfällig (weil neidisch) nennt, besetzen
- nach einem Parcours im öffentlichen Dienst - auch Schlüsselpositionen
in der französischen Wirtschaft. Die meisten Leute, die GANZ oben
ankommen, haben oft mehrere dieser Eliteschulen besucht: Jacques Chirac
ist diplômé Sciences Po und ENA, Jean-Marie Messier, der
Ex-Chef von Vivendi Universal, hat Polytechnique und ENA absolviert, usw.
Man muss den Klüngel der Diplomanden der verschiedenen Schulen verstehen,
die ein Netzwerk bilden, soziale Kasten, die die Schlüsselpositionen
des französischen Machtapparates besetzen und sich gegenseitig zuarbeiten.
Bestimmte Firmen rekrutieren nur Absolventen dieser oder jener Grande
Ecole - je nachdem, welche dieser Schulen die Entscheidungsträger
des Unternehmens besucht haben. Ohne entsprechendes Diplom "Zutritt
verboten". Wer das nicht weiß oder nicht zur Kenntnis nehmen
will, der kann die französische Gesellschaft nicht verstehen.
In Deutschland ist der Irrglaube verbreitet, die Sorbonne sei der Hohe
Tempel des französischen Bildungssystems. Das muss von Professor
Sartre und einer langen Tradition herrühren. In Wirklichkeit blicken
Schüler der Grandes Ecoles auf Kommilitonen der Universités
herab - Sorbonne oder nicht: die Universités sind für den
Pöbel, hier studiert der Rest. Auf der Party einer Kommilitonin (es
waren fast nur Studenten von Sciences Po und Polytechnique anwesend) war
diese Studentin, die Komplexe hatte, weil sie "nur" an der Sorbonne
immatrikuliert war, und sich unter all diesen Grands Ecoliens mickrig
vorkam.
Thibault, der Directeur associé des Pariser Büros, hat also
HEC und Sciences Po absolviert - so wird ein Mann in Frankreich gestempelt:
Das ist wie eine soziale Durchmarschbescheinigung. Ein Kommilitone nannte
das Diplom der ENA einmal eine Lebensversicherung. Entsprechend lesen
sich auf McKinsey's Webseite die Mitarbeiterprofile: Marc, 28, Mines de
Paris; Sandrine, 28, HEC; Jacques, 30, Mines de Paris, ENA; Alexandre,
24, Polytechnique. Thibault macht auf kontaktfreudig und schüttelt
einigen Studenten, die sich zu viert oder fünft um runde Tische versammelt
haben, die Hände. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen und ihre
Namensschilder angesteckt haben (weiß für die Scienes Po Studenten,
blau für die McKinsey Mitarbeiter), stellen sich die blau Bekarteten
der Reihe nach vor, und das geht so: "Guten Abend, ich heiße
Jean-Baptiste, bin seit 3 Jahren bei McKinsey und diplômé
ESSEC und Sciences Po. Letztes Jahr habe ich einen MBA in den Staaten
gemacht. Was ich bei McKinsey so schätze ist, dass wir wirklich im
Team zusammen arbeiten und es dabei absolut keine Hierarchie gibt. Jeder
sagt offen, was er denkt. Dazu sind wir sogar verpflichtet: obligation
to dissent, nennen wir das." So geht es weiter. Die meisten McKinsey
Consultants haben Scienes Po und noch eine andere Grande Ecole absolviert,
sind alle witzig, loben die tolle Arbeitsatmosphäre und hohe Professionalität.
Es folgt eine Powerpoint Presentation, deren erster Teil von Thibault
übernommen wird. McKinsey, das sind die besten ihrer Spezies, bilden
ein Weltweites Netz: "Wenn ich eine Problemstellung habe, konsultiere
ich zuerst unser riesiges Archiv. Da sehe ich, wer in der Welt schon an
ähnlichen Fällen gearbeitet hat. Dann rufe ich den Mann an und
er wird mir bereitwillig und ausführlich seine Erfahrung vermitteln.
Bei komplexeren Fällen fliege ich sofort hin." Zwei seiner jungen
Wölfe übernehmen und schildern ihre Erfahrung bei McKinsey in
schillernden Farben. Die Studenten beginnen zu träumen, die Augen
färben sich weihnachtlich.
Der zweite Teil der Vorstellung besteht aus einem Gespräch am runden
Tisch. Jeweils ein Consultant pro Kreis. Zu uns gesellt sich Charles,
er trägt einen teuren Anzug, die Krawatte lässt allerdings etwas
an Geschmackssinn vermissen. Ich schätze ihn Anfang dreißig,
er trägt einen goldenen Ehering, das Kinn quillt ihm schon leicht
über den Kragen. Die Standardfrage der französischen Kommilitonen,
welche Schulen er denn besucht habe, beantwortet er mit einem Witz, jedenfalls
denke ich, es müsse wohl witzig gemeint sein: Er habe zwar Sciences
Po besucht, allerdings das Diplom nicht erhalten - Ungläubiges Staunen
- Warum? - Weil er SCHON VOR dem Sciences Po Diplom an der ENA angenommen
worden sei. - Bewunderndes Staunen der französischen Studenten. Um
diesen "Witz" zu verstehen, muss man wissen, dass die meisten
Sciences Po Studenten sich NACH dem Diplom meistens noch ein Jahr lang
auf den Aufnahmetest der ENA vorbereiten.
Zum Firmen-Codex gehört, zuhören zu können: être
toujours à l'écoute du client, nennt man das. Charles ist
allerdings ziemlich monologisch veranlagt. Ich habe mich auf den Abend
vorbereitet und den Aufsatz des HEC Direktors gelesen, der ein année
sabbatique bei McKinsey absolviert hat. Ich wollte einen externen Blick
auf die süßliche Selbstdarstellung. Da liest man denn, dass
zum Firmen-Codex das Prinzip up or out (auch: grow or go) gehört:
Wer nicht spätestens nach drei Jahren aufsteigt, steigt aus. Man
fragt dann: "Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor",
und ist bei der Umorientierung behilflich. Über Auf- oder Ausstieg
entscheidet die Leistung (das nennt man im Firmenjargon meritocracy),
die nach jeder Mission evaluiert wird: BS = below standard, S = standard,
AS = above standard, O = outstanding; zweimal BS oder S = out. Das hört
sich ziemlich rüde an, und mit der nicht-hierarchischen Arbeitsweise
schwerlich zu vereinbaren. Ich erlaube mir, das schüchtern anzumerken
und werde von Charles lächelnd belehrt, dass ein Consultant nicht
am anderen gemessen wird und deshalb kein Konkurrenzdruck entstehe. Im
Gegenteil werde die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen gefördert
und berücksichtigt. Das sei eben wirklicher esprit d'équipe,
und - er legt väterlich seine Hand auf meinen Unterarm - wer Konkurrenzdenken
verhaftet sei, für den - er wirft mir lächelnd einen Seitenblick
zu - sei bei McKinsey kein Platz. In ein anderes Fettnäpfchen trampelt
mein Tischnachbar: Wie viel man den als Junior bei McKinsy so verdiene?
Das wird übergangen, man hat genug Geld in der Tasche, kein Grund
also, es in den Mund zu nehmen. In dem oben zitierten Aufsatz kommentiert
der Professor lapidar: money is not a problem.
Endlich geht es in die dritte Runde: "lockeren Talk" am Buffet.
Die Studenten freuen sich auf Champagner und feine Häppchen und gehen
zum Nahangriff über: Es gilt, sich in Szene zu setzen und in der
Erinnerung zu verhaken; Lebensläufe werden verteilt, Studentinnen
mit aufregenden Décoltées hängen an den Lippen von
Consultants mit feistem Kopf und Haarausfall.
Als ich im Büro erzählte, dass ich zu einem "Cocktail McKinsey"
geladen sei, glänzten die Augen der jungen Kollegen, die keine Grande
Ecole besucht haben und damit von vornherein ausscheiden: McKinsey, das
sei ein Traum. Sofort wurde ich beraten, wie mich zu kleiden, wie mich
in Szene zu setzen, worüber zu reden. In der nun auftretenden Situation
solle ich möglichst den Kontakt mit weiblichen Mitarbeitern suchen:
Es war genau ein weiblicher Consultant anwesend. Eine große, schlanke,
rothaarige Frau, etwa meines Alters. Hier erfuhr ich, dass eine McKinsey-Woche
normaler Weise zwischen 60 und 70 Stunden zähle, dass, sobald es
dem Ende einer Mission entgegen gehe, allerdings auch schon mal die Nacht
durchgearbeitet werde. An Diplomen hatte sie Sciences Po und ESCP zu verzeichnen,
und mit meinem Décolltée fuhr ich frontal gegen einen Eisberg.
Später am Abend unterhielt ich mich noch mit einem Absolventen von
ESSEC, Sciences Po und ENA, der nach einer kurzen Karriere als Beamter
in der Finanzinspektion in die freie Wirtschaft gewechselt war - mehr
Arbeit, lukrativere Vergütung. Die 60 bis 70 Wochenstunden seien
zwar stressig, aber es gebe immerhin noch die Investment Banker, die ca.
80 Stunden pro Woche zu Gange seien. Verglichen mit denen, sei die Arbeitsfülle
bei McKinsy doch noch ganz human. Wir unterhielten uns nicht sonderlich
lange, weil ein widerlich stiefelleckender Kommilitone sich ziemlich unhöflich
in die Diskussion drängelte. Bei dem Stichwort "ENA" war
er hellhörig geworden - die drei Buchstaben üben auf viele Studenten
eine ungeheure Anziehungskraft aus. Eine vergleichbare Anbiederung hatte
ich tatsächlich selten erlebt: der Drängler quetschte sich frontal
vor den begehrten Consultant (Absätze angeschlagen, Fußspitzen
gespreizt, Oberkörper leicht vorgebeugt, Hände mit den Handflächen
nach oben ineinander gefaltet, Froschmaulgrinsen) und teilte mit, dass
er selbst, Normalien (d.h. Absolvent der Ecole Normale Supérieure)
und nun Sciences Po, sich überlege, ob es denn wohl noch von Vorteil
für seinen beruflichen Werdegang sein könne, das Diplom der
ENA seinem Lebenslauf hinzuzufügen. Ich wäre vor Scham am liebsten
im Holzparkett versunken. Anstatt diesen Schleimer allerdings eiskalt
abzuservieren, stieg der Consultant ein und es folgte eine viertelstündige
Diskussion über die Vorzüge der Ecole Nationale d'Administration.
Ich musste später an Ingo Jacobs schönes Wort von der "Ecole
Infernale de comment on règne" denken: unter welche Menschen
bin ich gefallen? Wer hilft mir in diesem Schneetreiben? Einen Arzt für
diese Leute. Oder einen Henker. Ich nahm meinen Mantel, den Aufzug und
einen Seitenausgang. Es war gegen 21 Uhr, als ich wieder auf die Straße
trat und mich vor dem nun geschlossenen Billigimbiss fand, in dem ich
vorher einen Café getrunken hatte. Ich lief noch ein paar hundert
Meter die Champs Elysées hinab, in einer totalen American-Psycho-Stimmung:
überall Touristen, Weihnachtslichterblitze, die Kälte der Luft,
der Hass in der Metro, die Feindseligkeit der Menschen, ihre verhärmten
Futterneid-Visagen, Nadelstiche in meine Nerven. Meine Lederhandschuhe,
mit denen ich hätte würgen und töten können. Die Sehnsucht
nach Wald und Feldern. Dann Zweifel: lüge ich nicht, wenn ich sage:
Ich bin unter diese Menschen "gefallen"? Habe ich den Wahnsinn
noch unter Kontrolle? Wie lange noch kann ich mir glauben: "Ich schaue
mir das alles mal in Ruhe an"? Hätten sie mir einen Job geboten,
ich hätte ihn genommen und mir in meinem Kopf zurecht gebogen, dass
auch das nur eine Art gut bezahlter Recherche sei.
Tobias Schoofs
heute vormittag habe ich mich genötigt, die tagebücher von saskia
und rené durchzulesen, die im laufe der letzten beiden wochen hier
eingeplätschert sind und an denen ich nach den ersten einträgen
die lust verloren habe. ihnen fehlt der kamm, dafür haben sie viel
gel: young urban mehr oder weniger professionals langweilen sich zu tode
und geben dies zu protokoll. ein kopfschmerz hier und da, ab und an ist
jemand gut drauf. das interessiert den soziologen, wenn er gerade über
leute promoviert, die sich zu tode langweilen. wen interessiert es noch?
wie immer zeigen renés texte, dass an ihnen gearbeitet wurde. wie
immer haben sie geschmack: von dem nicht zu viel und von diesem in ausreichendem
maße. sie gehören in die bewerbungsmappe für das lifestylemagazin.
wie oft zeigen saskias texte, dass an ihnen zu wenig gearbeitet wurde.
"ich schmeiße meine sachen in den postausgang."
christian scheint weniger zu erleben als die beiden. er schreibt für
den ganzen dezember nur einen einzigen eintrag, der sich auch nur auf
einen einzigen abend bezieht. dass sein leben äußerlich mit
dem von saskia und rené verwandt scheint, zeigt der kurze absatz,
in dem es um das büro geht, das seinen alltag ausmacht. den rest
büro, um ehrlich zu sein, kann ich mir denken.
an diesem einzigen abend im dezember hat christian (ich nenne die tagebucherzähler
nach den namen der tagebuchautoren) jedoch um einiges mehr erlebt als
die anderen beiden im ganzen dezember. denn er hat sich die eine oder
andere frage gestellt, die mit ihm persönlich zu tun hat. in seinem
text finden sich elemente der selbstkritik. dadurch wird sein text spannend.
da er sein erleben gleichzeitig mit sehr viel information über die
welt anreichert, in die sein tagebuch gehört, hat man auch das gefühl,
nach der lektüre irgendwie mehr zu wissen als vorher. das ist ein
schöner nebeneffekt: denn irgendwie fühle ich mich befriedigt,
nachdem ich diesen text gelesen habe. das ist doch schonmal was.
Christian Jansen
da laufen sie wieder, jeder in seinem kleinen subjektivitaetsmikrokosmos.
wie haben sie wohl ihren samstag morgen verbracht? im bett, oder im "bett"?
vor dem pc? in ueberfuellten einkaufspassagen - ein hysterischer letzter
samstag vor der geweihten nacht?
und warum kommt kein tagebuch mehr? ist rené beleidigt? und saskia,
ist sie ironisch, selbstironisch, oder einfach gedankenlos / muede, wenn
sie christa wolf zitiert. "es zeigt sich: rückhaltlose subjektivität
kann zum maß werden für das, was wir (ungenau, glaube ich)
>objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann, wenn das
subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern aktiven
umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. (...)"? da sollte man
nicht schlafen, sondern hellhoerig werden.
wenn ich das, was ich von deutscher literatur und literaturkritik noch
mitbekomme, richtig verstanden habe, dann wirft man der jungen dt. lit.
NABELSCHAU vor.
nabelschau, leere selbstbespiegelung des subjekts also. und genau das
ist es, was tobias den tagebuchtexten von rené und saskia vorwirft.
ich neige dazu, seine auffassung zu teilen: was in diesen texten fehlt,
ist der "aktive umgang mit gesellschaftlichen prozessen", wenn
ich mal gerade wolfs holzklotzsprache benutzen darf. ohne jetzt wieder
die leidige grundsatzdebatte "l'art pour l'art oder lit. engagée"
lostreten zu wollen - mache ich es also lieber am konkreten textmaterial
fest:
1) René
das sind kompositionen auf sprachlich hohem niveau. allerdings wuerde
ich mir auf diesem niveau ein plus an inhalt wuenschen. soweit schoofs-text.
warum dieser in sich und seine reflektion der aussen- und innenwelt eingekapselte
erzaehler? der einzige "dialog" ist der mit einem nena zitat
aus der zeitung. ein NENA zitat! hey leute, gibt es in deutschen zeitungen
gerade nichts aufregenderes zu lesen? wenig dialog also, wenig austausch.
- ansonsten treten koerper in jogginganzuegen auf. warum koerper? steckt
da kein mensch drin? wenn ron winkler, der einzige mensch mit vollem namen,
eingefuehrt wird, erfahre ich, dass er ein "sehr netter mensch"
ist - punkt. warum ist er nett? was heisst das, "nett". wie
und was schreibt denn dieser "schreiber"? - ich habe - nennt
man das zufall? - die magisterarbeit dieses herrn winkler gelesen und
fuer meine eigene benutzt. ich waere neugierig darauf, ihn kennen zu lernen.
renés text laesst mich enttaeuscht. oder ist das seine strategie
- seine leser zu enttaeuschen? wir haben es doch mit einem reisenden zu
tun - koeln - frankfurt - regensburg: gibt es da nicht berichtenswerteres
als die lichter auf der autobahn?
schoen die beschreibung des jungen wohnens; dagegen positioniert sich
der scheiber in mittelaltem wohnen. ist das kritik? wie sieht mittelaltes
wohnen denn aus? ist es besser als junges? und wenn ja, warum?
auch komfortabel zu lesen der blick auf die familien, die sich am sonntag
"zeigen" (super!) und ihren - NATUERLICH! - KLEINwagen im parkhaus
abgestellt haben. so klein wie der wagen der geist. diese art kritik erinnert
mich an meine letzte stuckrad-barre lektuere, muss wohl "deutsches
theater" gewesen sein: da macht sich dieser schnoesel ueber die fernsehsendung
"scheibenwischer" lustig. ich fand das scheisse und dachte mir,
dass man sich tatsaechlich ueber alles lustig machen kann, sogar ueber
letzte inseln in einem meer aus merde. das mag auch eine lebenshaltung
sein - und ich neige ihr zuzeiten zu - allerdings nervt mich bei den meisten
dieser leute die nicht vorhandene selbtkritische oder wenigstens: -ironische
haltung. konkret: sich ueber kleinbuerger mit kleinen autos oder kolleginnen,
die ihren wohlfuehlpark ausbreiten (grossartig gesagt!) lustig machen
ist eine sache (mitunter auch eine GEMUETLICH zu lesende) - sich dann
aber im selbstmitleid suhlen, die nicht sehr komfortable situation des
nicht-bestseller-schreibers zu schildern, ein schmerz im ohr hier, kreislaufprobleme
da, die weinerliche demut ob des schreiber-mikrokosmos (und, zwischen
den zeilen: ausbleibenden erfolges), so klein der kreis (nebenbei: ist
das elitismus? - elitaer von exlegere: ausLESEN), die gereifte freude
ob der kleinen gemeinsamkeiten, man ist keine 18 mehr, vorbei das stuermen
und draengen, man wird realistischer, man hat sich eingerichtet im eigenen
kleinen wohlfuehlpark, - - ist das nicht auch komisch, wert, einer kritik,
polemie oder wenigstens ironie unterzogen zu werden?
2) Saskia
vieles, was ich an kritischem zu 1) schrieb, gilt hier. es gilt auch,
was tobias schreibt: die texte sind weniger bearbeitet, sie wirken in
der tat wie in den rechner gehauen und "in den postausgang geschmissen".
das problem: die oft geaeusserte muedigkeit der erzaehlerin breitet sich
leider oft auf die qualitaet des textes aus.
dabei gaebe es doch interessante themen in diesem von muedigkeit durchzogenen
leben zwischen referendariat, examensstress, buero und party: "ich
plane meine berufliche zukunft eher weniger." warum das alles? warum
so leben und nicht anders? welche "gesellschaftlichen prozesse"
wirken auf eine jurastudentin? sind sieben punkte in der revisionsklausur
eine gute oder schlechte note? warum schmeckt ihr becks besser als frueh-koelsch?
welche bedeutung hat die italienische fussballiga fuer die erzaehlerin,
warum ist sie noch in c. verliebt? ist mark kein guter freund? warum diese
leere selbstspiegelung? nach 20maligem hoeren muesste die botschaft doch
angekommen sein: stand up, and tell yourself: be strong!
oben
roundabout
dezember
René
Hamann
Sonntag, 1. Dezember, Köln.
Wunsch, auf dem Land zu leben. Eine gemütliche, blauäugige Beziehung.
Die bayerische Volksmusik. Der erste Advent. Eine blattschwere Luft, nicht
die benzingetränkte der Stadt. Und hinter den Gleisen, als ich nachmittags
mich selbst spazieren führe: Sieht man das Verbaute, Kopf und Herz,
das unschlüssig Stehende, die sich nach hinten verzogene Dienststelle
der Polizei. Unter dem Rhein mag ich sein.
Jemand, mit dem es sehr oft sehr gut funktioniert: der GRUNDIG SUPER COLOR,
mindestens mein Jahrgang, dank Schrittmacher und Beatmungsgerät toppfit.
Getragen von einem unbekannten Holzstuhl, verziert durch ein Metronom
und ein Stimmgerät. Als er die amerikanische Produktion einer Zukunftsserie
mit hohem Albernheitsgrad für meine Erbauung und vorabendliche Hirnleere
darbietet, tritt ein mit Jogginganzug bekleideter Körper ein und
offeriert mir ein Telefon. Es ist der Gewinner, der vom Beschallen einer
Bar des Abends spricht und von den Abenteuern der Zeugung, die im Hintergrund
plärren.
Gedrucktes gab es auch. Ein blaues Buch mit einem Gewässerfoto, das
ostbelgische Gedichte sein eigen nennt, ein nikotingelbes Taschenbuch
mit den Vorlesungen eines im Exil verstorbenen Wiener Psychoanalytikers.
Durch einiges konnte man schwimmen, anderes kam als Schiff. Eine Verschnürung
löst sich, eine Erleichterung macht sich auf. Ein ruhiges, warmes
Wasser mag ich sein.
Montag, 2. Dezember, Frankfurt.
Lichter in der Kälte. Sind hier die Lichter aus Büroräumen
abends, Lichter der Straßenlampen, Lichter der Autos auf der Autobahn.
Scheinwerferlicht in Kontrasten: Die Lichtflächen der Architektur,
dieser hingehauenen Pompösität des Monitären, die bestrahlten
Tannenbäume und Stromleitungen über den Einkaufspassagen, das
bunte Licht auf das schwarze Holz einer Kleinkunstbühne in einer
Kellerbar der Innenstadt.
Lichtjockeys. Gelbes Licht im chinesischen Imbiss, weißes Licht
in hessischen Raststätten, in denen nachts kein Bier verkauft werden
darf. Ein kleines Licht über meinen Kopf auf dem Kissen, das ich
spät nachts ausschalten darf, um dem Inneren ohnmächtig zu folgen.
Dienstag, 3. Dezember, Köln.
Die Wände werden kahl. Gelernt habe ich: Dass Angst entsteht, wenn
die Libido gestört ist oder keine Befriedigung findet. Dass, wenn
ich weinen muss, nichts als ein Krampf dabei herauskommt.
Der härteste Tag des Jahres. Ein Tag, an dem ich nicht arbeiten muss.
Mittwoch, 4. Dezember, Köln.
Gehört habe ich: Das Klackern der Tastern, den dumpfen Aufprall einer
Taube an einer Windschutzscheibe, das Klopfen an ein Seitenfenster, die
eigene verstärkte Stimme.
Ich sehe dich, wenn du's nicht siehst.
Donnerstag, 5. Dezember, Köln.
"Was ich in diesem Leben noch erreichen möchte, ist, in einer
Partnerschaft bedingungslos zu lieben. Das habe ich das erste Mal erfahren,
als ich Kinder hatte. Liebe ohne Erwartungen oder Bedingungen, die von
den Kindern kommt und die man auch als Mutter empfindet", sagt Nena
in der Zeitung. Rührt Kinderwunsch daher? Ist "bedingungslose
Liebe" nicht selbst in einem Mutter-Kind-Verhältnis eine Illusion?
Erinnerung an Abiturfeiern. Der einzige Wisch mit offiziell anerkannter
Bedeutung. Mattblau. Als Frau verkleidet, als Frau Drabert, Englischlehrerin,
mit Perücke, Haarklammern, Rock, Strumpfhosen. Es gibt ein Video
davon, dass ich noch nie gesehen habe. Auch die Klausuren habe ich nie
abgeholt. Abitur: Eine große Zeit, von der ich damals wusste, dass
es bis dahin die größte war.
Nachtrag zu Gestern, Zeit für die Klatschspalte. Ron Winkler kennengelernt,
sehr netter Mensch und bereits der zweite Berliner Schreiber, von dem
ich das sagen kann. Lesung war gut gewesen, wenn auch brutalst unterbesucht
(volles Rohr Minderheitenprogramm, auch dies nichts neues). Die Freunde,
ein Trost - scheint sich was geändert zu haben, Missgunst und Neid
sind gegenseitiger Sympathie, Kollegenschaft, Unterstützung gewichen.
Vielleicht, weil es so klein ist. Vielleicht weil man als Schreiber inzwischen
nach den kleinen Gemeinsamkeiten sucht und sich freut, davon so viele
zu finden plötzlich.
Selbst das anschließende Slam-Spektakel im Sonic Ballroom konnte
keinen Ärger mehr verursachen. Der durchweg schlichte Textaufbau,
die madige, durchsichtige Konzeption, die Vulgärmethodik - geschenkt.
Jemand wie Jan Off kann auch einfach lustig sein. (Eventuell Slam Poetry
oder wie man das Kind sonst getauft haben möchte einfach als Genre
behandeln? Eine Art Parallelcomedy, eigenes Universum, immer mit Blick
auf Bildzeitung, Privatfernsehen, Boulevard, damit natürlich das,
was "volksnah" genannt wird. Auch kommerzielles Comedy kann
man lustig finden - wie das, was gemeinhin Popliteratur genannt wird,
unterhaltend).
Über Frauen schreibe ich hier nichts (heute morgen Traum von F. Sanft,
betörend, mutig).
Freitag, 6. Dezember, Köln.
In höherem Auftrag unterwegs. Weshalb ich nicht zum Schreiben komme.
Was ein wenig stört. Was oft stört. Heute geht es ok, da es
Spaß bereitet, Erfüllung bringt, Abwechslung, soziales Klima.
Sogar mit angehängtem Ende auf einem Balkon, in einem fremden Wohnzimmer,
an einem fremden Esstisch. Einblicke, Zublicke.
Hold on it hurts: Mach weiter, es tut weh. Heim flüstert der Fernseher.
Samstag, 7. Dezember, Regensburg.
Dezemberlarmoyanz. Ein neues Taxi wartet, wird weggeschickt. Ein Mietwagen
zieht über bundesdeutsche Autobahnen an einen Ort, an dem es keine
Rückzugsmomente gibt. Rückenschmerzen bis 14 Uhr, ab 18 Uhr
leichte Kreislaufprobleme, Überreiztheit, ab 19 Uhr im linken Ohr
ein stechender Schmerz. Taschentuch. Später, dank reichlichem Alkoholkonsum,
gut, besser. Nachts jedoch: Kaum Schlaf. Trotz Ohropax.
Sonntag, 8. Dezember, Regensburg.
Junges Wohnen: Ein Appartment am Rande der Innenstadt einer Kleinstadt,
Neubau, viele Fenster, Auslegeware. Junges Wohnen: Junggesellentum, d.h.
nahezu leerer Kühlschrank, die Suche nach Kaffee ein Abenteuer, an
den Wänden Plakate von Lieblingsbands, Halsbänder von besuchten
Konzerten, ein gigantischer Fernseher thront im Raum, darauf Stapel mit
Videokassetten, DVDs, darunter die zugehörigen Abspielgeräte,
rechts der Wand CD-Meter. Junges Wohnen: Helles Holz, ein junges Wohnen-Katalog-Bett,
ein bestellbares Ecksofa mit undefinierbarem, aber schrecklichem Muster,
ein Hellholztisch, darauf veraltete Fernsehzeitschriften, immer aktuelle
Musikzeitschriften (die wichtigen, die unwichtigen), abgepackte Schokolade,
ein Kerzenkranz mit grünem Tannenimitat, die freilich roten Kerzen
von Feuer unberührt. Junges Wohnen: Eine große Glasvitrine
mit Hellholzschale, ein Regal mit nie benutzten, verzierten Gläsern,
die restlichen Regale mit CDs belegt. Neben der Vitrine zwei Reihen Schallplatten,
der Ältere schaut nach Vergleichen, findet drei Gemeinsamkeiten.
Junges Wohnen: Ein natürlich prima aufgeräumtes, hygienisch
korrektes Bad, Stehdusche, Plastiktaschen für Haarspray, Zahnpasta
(aronal & elmex), Kamm, kein Gel. Durch das Tor in die Altstadt, es
ist ein Sonntag, die Familien zeigen sich. Wandern durch die Einkaufsbühne,
deren Zugänge verschlossen sind. Die Kleinwagen im Parkhaus gelassen.
Das Lieblingsgesicht des vergangenen Abends bedient im heutigen Frühstückscafé
(halb zwei, Müsli, Milchkaffee), das tatsächlich "Bett"
heißt, Anlass für Wortspiele bietet, schön. Servantilismus
Return. Aber die Zeit ist eine andere, die Umstände auch, im anschließenden
Mietwagen geht es dieselbe Strecke über die Autobahn zurück,
dabei werden vertonte Kindheitsziffern belauscht, dunkle Momente der Jugend
(Tanzkurs) beleuchtet, man denkt sich Personen aus, die die anderen erraten
müssen. Zuhause, im mittelalten Wohnen: Telefongestotter, kranke
Musik, wieder Fernsehlicht. Viel und gut geschlafen.
Montag, 9. Dezember, Köln.
Von D. geträumt. Zwischen ihm und J. in einer Runde gesessen, sie
haben sich in meinem Rücken miteinander unterhalten. Gewusst, dass
D. tot ist, gewusst, dass es sich um eine Erinnerung, einen zwar nie erlebten,
aber vergangenen Moment, handelt. D. irgendwas sagen wollen. Pelzmäntel,
Silberschuhe, im Büro zieht in eine neue Mitarbeiterin ein, packt
gleich ihren Wohlfühlpark aus, schmückt das Büro. Nach
außen verlegte Innerlichkeit, Absteckung des eigenen Terrains, Überwindungsversuch
entfremdeter Arbeit? Warum stimmt die Rechnung: Dass es sich dann grundsätzlich
um Kitschutensilien handelt, eine Holzlok als Stifthalter, ein mit Diddle-Figuren-verunstalteter
Wandkalender? Daneben drei Fotos: Das erste zeigt einen roten Rennwagen,
das zweite ein Stillleben mit Palmen, das dritte einen orientalischen
Tempel.
J. lügt nicht, J. verdeckt die Einzelheiten, J. klammert aus. Dachte
kurz, es ist wieder nur meine Paranoia, aber meine Paranoia hat meistens
Recht: E. erzählt mir abends am Telefon, dass sie auf einem Konzert
war, das Konzert war klasse, anschließend ist sie mit J. im Sonic
Ballroom gewesen, auf dem Weg dorthin dem Schlagzeuger über den Weg
gelaufen. Ein Abend mit Ansage: Lange Nacht, früher Morgen, rumgeknutscht.
Wir sind frei und dürfen uns die Freiheit nicht nehmen lassen, verklickert
mir anschließend I. im nachbarlichen Kubus. Ich bin froh, das zu
hören, denn ich weiß, er hat Recht. Das gilt für alle.
Dienstag, 10. Dezember, Köln.
Ich schreibe um mein Leben. Hier fällt der schwere Regen. Trennungs-
und Trauerphase, gewaltige Phantomschmerzen kommen auf, und die Gedanken
sind graue Hasen. Ich klammere mich an die Mittagspause, Subroutinen laufen
ab, andere entpuppen sich als gestört, abends verlässt man sich
auf die Stimmen, die eigene, die andere(n), Gesang der Sirenen, Tinnitus.
Viel Grübeltext, alles ganz finster, aber Sitcoms retten mein Leben,
zumindest für einen kurzen Moment.
Albert Camus:
"Künstler und Kunstwerk. Das wahrhafte Kunstwerk ist das an
Worten sparsamere. Es besteht ein ... Verhältnis zwischen der Gesamterfahrung
eines Künstlers, seinem Denken + seinem Leben (seinem System - wenn
wir beiseite lassen, was dieses Wort an Systematik enthält) und dem
Werk, das diese Erfahrung widerspiegelt. Dieses Verhältnis ist schlecht,
wenn das Kunstwerk die gesamte, literarisch verbrämte Erfahrung wiedergibt.
Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück
ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet,
ohne sich einzuschränken. Im ersten Fall herrscht Überladenheit
und Literatur. Im zweiten ein fruchtbares Werk, weil es so viel unausgesprochene
Erfahrung enthält, deren Reichtum man errät.
Das Problem besteht darin, jene Lebenskunst (...) zu erwerben, die über
die Schreibkunst hinausgeht. Und letzten Endes ist der große Künstler
vor allem einer, der lebt (wobei leben hier über das Leben nachdenken
heißt - ja, es bedeutet die feine Beziehung zwischen der Erfahrung
und dem Bewusstsein, das man von ihr gewinnt)."
Sattelschlepper und Leichenzüge. Ich schließe die Augen und
sehe sie.
Mittwoch, 11. Dezember, Köln.
Thunder, Corruption & Lies. Da fiel der Satz: Dass Seifenopern die
Realität nachahmen, nicht umgekehrt. Zurück zum Muster. Befall.
Dieser volle Losercore hier. Der geringe Abstand zwischen den Satelliten
der Schrift und der erdigen Aufgewühltheit ist der einzige, der im
Moment möglich ist. "Nun müßte ich positiv sein wie
eine offene / Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd"
etc. Statt dessen: Dieses mürrische Lied von der Zeit, dem besten
Handwerker.
I Want Out of the Circus. Auf der Galerie. Lahmes Kümmern, Ausgangssuche.
Für diese Zeit möchte ich blind sein, die gereihten Bilder nicht
sehen, die apokalyptischen Reiterinnen, die ihre Pirouetten drehen über
dem Sand, die Hörner und Tiergeräusche der Beach Boys Zirkusband
nicht hören, obwohl es die Musik der Stunde ist, Radio Orpheus mit
den immer gleichen Ansagen (Film von Cocteau) ...
Freitag, 13. Dezember, Köln.
Das kalte Blinzeln der Bohéme. Position: Unklar. A. hat Geburtstag.
Ich habe A. sehr lange nicht gesehen, ich hatte noch nie viel zu tun mit
A., die als Szenegirl par excellance durchgeht, ein mädchenhaftes
Gesicht, hohe Lächelfrequenz, blonde Haare, rundlich und selbstsicher
mit eingebauter Falltüre zur Unsicherheit, sie ist gut im Projektionsfläche
sein. Männerreihen, die ihr den Hof fegen, dabei ist sie zurückhaltend,
ausblendend, bestimmt von Privatdogmen und Eigenpräferenzen. Gleichsam
ein obskures Objekt der Angst, wie ich I. sage, dass ich nie einer von
denen sein wollte, die hinter ihr her rennen. Serial Girlfiend.
Und auf A.s Party, die in einer riesenhaften Ehrenfelder Wohnung abgeht,
Schläuche und Säle, lauter alte Bekannte, Abteilung junger Popjournalismus,
Plattenmacher, Chefaufleger, Frei- wie VollzeitjournalistInnen, Lokalredakteure,
Medienproletariat, gleichsam die sich selbst einbildende Elite, Diskurshöflinge,
Spexfans, LangzeitstudentInnen, die bessere Seite, in allen Facetten,
ich liege knapp unterhalb des Altersdurchschnitts. Freude. Leute, ich
war eine Weile weg, untergetaucht in meinem Privatschlamassel, hiermit
kündige ich mein langsames Comeback an. Cool, okay, Small-Talk-Freude,
Bier steht auf dem Balkon, alles klar. C. kommt, vier Tage vor Deadline,
Magisterarbeit, kurze Hektik, verschwindet wieder. K. ist da, erzählt
von ihrem Job als Sekretärin fürs WDR Morgenmagazin, Studium
abgebrochen, kleiner Austausch über C.s These von frei machender
Arbeit, das Konto ist sicher usw., andererseits die Routinen, das Unerquickliche
eines 40-Stunden-Jobs, Einschnitte ins Privatleben etc. Frage nach der
Schreiberei, Zeugin eines anderen Tagebuchs, gemeinsame Bekannte auch
in diesem Raum, A.W. nämlich, der jetzt endlich ein Stipendium in
Berlin antreten darf, vollste Mitfreude. These der Christbaumkugeln, denen
man mit Angeln nachhelfen muss, dass sie fallen. P., auch recht rundlich
inzwischen, berichtet aus der Hauptstadt, in der sie einem Logopädinnenjob
nachgeht an einer Geriatrie, aber eigentlich wollte sie immer Holzfällerin
werden, jetzt sucht sie nach ihrem Platz im Medienbetrieb, den sie dank
Plan B auch finden wird.
Schließlich sind noch J. und A.L. anwesend, deren Privatschlamasselzenit
noch nicht überschritten ist, kurzer Bericht über den Stand
der Undinge, S., schwerstes Opfer einer selbst zubereiteten Hölle,
dabei hochgeradig verschnürt, nervt mit überflüssigen Gegendiskursen,
als Wham!s Last Christmas läuft und ein Wiederfinden tröstlicher,
subjektiver Kollektivität statt hatte. Plattenmacher R.W. findet
sich auch für ein kurzes Gespräch, Lob der abgesungenen Band,
Gegenlob des Franzosenpopsamplers, den er mitstemmte. Usw. usw.
Wo bleibe ich? Ich streue mich unter, sehe alte Bezüge funkeln, die
ich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen baumeln ließ,
zu viel Zweifelmaschine statt einem ordentlichen Let-Go. Selbst ins Eck
gestellt und mich da eingerichtet, jetzt muss ich aus dem Staub, und teste
das Wasser, fußzahm. Ja, ein Holzfäller! - Und was ist mit
meinem Vogel?
Samstag, 14. Dezember, Köln.
Mein eigenes privates Lifestylemagazin. Sabine Scho: "ach gott, dachte
ich, was für einen anstrengenden beruf habe ich gewählt! tag
aus, tag ein am schreibtisch. die geschäftigen aufregungen, ohne
mich vom fleck zu bewegen, und außerdem ist mir noch diese plage
des grübelns auferlegt, die sorge, ob es die anstrengung lohnt, das
unregelmäßige essen, ein immer wechselnder, nie andauernder,
nie herzlich werdender menschlicher verkehr."
Und klar ist das banal, und klar ist das langweilig, leider aber gerade
das über dem Bett kurbelnde Schwert, das die Luft umwälzt. Ein
herzliches Merry-Go-Round.
Und was ich erlebe: Ist davon getragen. Und ja, ich bin eingespannt, umwickelt
im eigenen Kokon. Und den schleppe ich mit zur Freundin J., und ich schleppe
ihn mit in einer verstört-verzweifelten Tournee durch die Bars ab
vier Uhr, auf der Suche nach was? Einer Zeitmaschine" Selbstkritik
ist ein Luxus. Und mein Konto ist so leer wie mein Bett. "angst,
das kalte laken."
Donnerstag, 18. Dezember, Köln.
Die Nerven liegen also außen. Von hier aus finde ich nicht weiter.
Plötzlich kommen Vermählungswünsche auf. Die Schattenseiten
des R.H. als Falschspieler, Mogelpackung, Paranoiker. Die Bezüge
sind alle verdreckt, müssten dringend in die Waschmaschine, aber
leider kann ich nur meine eigenen Hälften dorthin tragen. Absetzung
der Substanzen, um mich als Held zu fühlen, andere brauchen etwas,
was ich nicht brauche. Gleichsam ist Trennung vom geliebten Objekt nichts
anderes als härtester Drogenentzug. Was nicht schmeichelhaft ist:
Das Objekt als Beruhigungsmittel. Übertriebene Analogie? Mitnichten:
Das Gefühl ist zuvorderst ein körperliches, auf der anscheinend
doch vorhandenen rationalen Ebene laufen Begleitprozesse, die wieder nach
Zusammenhängen suchen, Ursachenforschung betreiben. Auch nicht falsch.
Körperlich: Ausschüttung ungeheuerer körpereigener Substanzen,
was genau? Adrenalin? Ich fühle mich wie amputiert: Ein Teil von
mir fehlt. Einsatz von Gegengiften, Substituten, Betäubungshämmer,
nutzen nichts. Ich will die Droge zurück. Daneben die Therapeuten,
die von der Zeit sprechen, von der Geduld, von einem entfernt liegenden
Zustand, den man erreicht, wenn der Entzug vorbei ist. Und wann ist er
vorbei, kann man ihn beschleunigen? Nein, kann man nicht. Der nächste
Käse, durch den man durch muss, dabei liegt noch der erste schwer
im Magen. Für und Wider der Fluchttendenzen: Ja, man gebe mir bitte.
Montag, 23. Dezember, Köln.
Vollpanik. Das psychotische Summen. Von einem Arzt zum anderen, da natürlich
alle heute ihren ersten Weihnachtsferientag haben, schließlich nach
zweistündigem Fußmarsch bei Dr. Mondorf, dem Karnevalsprinzen
und Hausarzt für Randexistenzen, gelandet. Vom seit gestern eingesetzten
Johanniskraut gesprochen, das nur lähmt und runterzieht. Ein Arzt,
dem die Apotheken vertrauen: Verschreibt ein ähnliches Mittel, das
ich zwar kaufe, aber nicht nehme. Vom Ohrensausen erzählt, er lässt
die Assistentinnen ran, die mir die Hörgänge freispülen
mit warmem, klaren Wasser.
Er saß auf dem schalen Stuhl des Wartezimmers und überlegte:
Sollte er zu seinem Vater fahren, um sich zurückzuziehen, gute Luft
atmen, die Stille des Landes genießen, sich bekümmern lassen
zu können? Und sich Preis zu geben als Opfer der Geschehnisse? Sollte
er dem verständnislosen Arzt von seinen Depressionen erzählen,
seinen Selbstzweifeln und Ängsten, seiner verloren gegangenen Liebe?
Plötzlich kam er sich lächerlich vor. Klarer Fall von Überreiztheit,
nervlicher Anstrengung, diagnostisierte er sich selbst auf dem Weg zur
U-Bahn, leider fiel ihm die Therapie nicht ein, zunächst einmal sind
Spaziergänge zu verschreiben. Aufbrechen des Umfelds.
Dienstag, 24. Dezember, Köln.
A Day to Remember. KAPUTTE SZENE. Wie war das gleich bei Goetz? Feierte
er das nicht ab? Egal. Männerrunde, Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs,
die Wissenschaft, das Rumgeklüngel, die Frauen. Egal, das alles,
jetzt. Blut, Schweiß & Tränen, aber jede weitere Weiterbeschreibung
wäre nur einerseits eine Überhöhung der emotionalen Geschehnisse,
andererseits eine Verharmlosung, drittens nicht fair, den Deckel machen
wir jetzt mal wieder zu. Privatkacke, halt.
- Die unterste Schublade sollte man nicht aufmachen.
- Ja, genau.
Auch die BILDER DES JAHRES spart er sich. Sie differieren von den öffentlich
kursierenden, denn bei den öffentlich kursierenden hat er nicht viel
gefühlt, hier und dort ein wenig Panik und Angst, Befremden, aber
vor allem: Entertainment. Die Entertainmentmaschine, die alle Tasten bedienen
kann. Nur ein Bild wird frei und schwimmt, bildet Blasen, wird zäh.
Ihr eigenes privates Nevermind. Es ist dieses hier:

David H.W. Leder 1968-2002. In memoriam.
Dienstag, 31. Dezember, Köln.
Briefe schreiben, sie nicht abschicken. Frauen kennenlernen, nicht mit
ihnen schlafen. Biere trinken, nicht blau werden. Fachlektüre lesen,
nicht die Parallelen sehen, sondern die Unterschiede (High Fidelity).
Billige Tricks und rotblonde Aussichten. Charme geht anders. Popzitate,
von Haus aus allein, your own personal Jesus, Listenterror (bitte in SPEX
nachlesen).
- Lass uns gehen.
- Warum?
- Eifersucht.
Narzissmus regiert wieder. Das ist der erste Ausblick. Ein letztes Mal
schauen wir zurück im Zorn, ganz nach Freud; um den Stachel des Verdrängten
zu ziehen, mussten wir noch einmal da durch. Ab morgen beginnt ein neues
Jahr, also greifen wir diesen kollektiv konstruierten Zyklus auf, warum
auch nicht. Der Postkartenblick von der Dachterrasse des Ehrenfelders
Hauses (die Wohnung, in der die Party stattfand, nutzte einst der WDR,
um WG Europa o.s.ä. zu drehen) ist zwar eigentlich der falsche, im
Prinzip der vertauschte, denkt er, denn er steht an einer Stelle, an der
jemand anderes stehen sollte, die jetzt an seiner Stelle steht, aber das
ist wurscht, und auch nur ein Ausblick. Ein Ausblick auf einen neuen Zyklus,
der gewiss noch durchtränkt sein wird vom Geschehenen in 2002, dem
schlimmsten Jahr seines Lebens. Trotzdem wird es ein neuer Zyklus sein.Saskia
Mackeben
02.12.2002
..die stadt ist auch schön und mild und weihnachtlich. alle arbeiten
bei agilent (american company). ich spreche drei sätze spanisch und
ein wort katalanisch: perdone. ich glaube, jenny bleibt hier.
wir essen um halb elf zu abend, jetzt (17.40 h) ist es schon bald dunkel.
heizung muss kein luxus sein (werbung). in der wohnung ist mosaikboden,
und es gibt drei balkone. andi spielt den ganzen tag playstation (fußball).
astrid ist vor ihren problemen aus berlin geflohen. überraschung,
hier ist es auch nicht besser für sie. lo siento.
jemand, den man anschaut, lächelt und sagt: hola. gestern brachte
carlos zum frühstück klebrige croissants und schnecken (in köln
würde man sagen: teilchen) mit. am strand war es bewölkt, wir
sprachen über die vielen zuwanderer aus dem zusammengebrochenen argentinien.
wer ein europäisches (eu) elterteil hat, darf ins land.
mir gelingt, die kellnerin zu rufen (hola). der kuchen ist mit mandel
und kaneel. in köln gibt es gar keine kaneelbrötchen. bei uns
zu hause schon: mohn, sesam, kaneel (standardauswahl in den zeiten vor
vollkornbrötchen).vielleicht wegen des hafens in bremen. kaneel als
exportschlager.
ich habe ein paar schöne schallplatten gekauft. herbie mann. jenny
mag keinen jazz, weil das die musik ist. die ihr vater immer hört.
chers version von needles and pins. + ein spanisches da doo ron ron.
ich muss die plaza catalunya gleich wiederfinden, wenn ich zur wohnung
zurück will.
i picture myself. wie heißt das auf deutsch? ich stelle mir vor,
wie ich aussehe? jenny: die sagrada familia ist unter konstruktion.
5.12.02
es ist wohl immer noch nicht kalt, aber ich bin müde, im liegen geistern
noch die gestalten von letztem dezember als wiedergänger herum, ich
träume auch einen schatten von jemand wichtigem. ich muss noch nicht
ins büro, erst recherchieren.
die bibliothek ist im 14. stock, eine schöne aussicht auf eine hässliche
stadt, kopieren, quittung, fertig.
ich fahre durch köln, durch die SCHÖNEN viertel, sülz,
lindental, irgendjemand weiss bestimmt, woher der name sülz kommt.
wohnen hier (lindental) die oberen zehntausend? ich sehe einen kronleuchter.
t. hat geerbt, jetzt schrieb er mir eine mail. natürlich (moral)
macht ihn die kohle nicht glücklich.
ich versuche, die ergebnisse in den rechner zu hacken, verabrede mit jörg,
heute abend pizza zu essen. dieser fall muss heute fertig werden (betriebskostenabrechnung),
am besten auch noch die herausgabeklage. der tag wird gar nichts mehr.
7.12.02
der wecker ist falsch gestellt, heute ausschlafen. es ist schneewetter.
ich soll meine top-five-des-monats aufstellen, deshalb lese ich wieder
high fidelity, aber ich überblättere die hälfte. meine
mutter schickt seasonal decoration.
abends gehe ich einen film schauen."jeans". er erinnert an videoclips.
nicolette krebitz klettert in einem minirock auf einen baum und lässt
sich dabei von unten filmen. verkrampfter versuch, unabsichtlich sexy
zu sein. es bleibt vom film nicht viel in erinnerung. einer der hauptdarsteller
erinnert mich an einen bekannten, der auch seinen persönlichen ehrgeiz
darauf richtet, jede frau ins bett zu quatschen. es gibt keine anzeichen
dafür, dass der film von einer frau gemacht wurde. jasmin tabatabai
hat zum glück nur eine sehr kleine rolle, in der sie nicht nerven
kann.
ich gehe auf die party, frage mich, warum ich so müde bin. die feier
zieht so vorbei. es ist heiß und rotes licht (i´ll be your
seven day fool), ich denke an c., der nie hier sein würde. gedanken
werden irreal.
8.12.02
zuviel, das wochenende ist zuviel. auf der zülpicher straße
treffe ich eine kollegin, die bei hemmer den crashkurs zivilrecht macht.
ich fühle noch nicht mal examenspanik, wahrscheinlich bin ich zu
müde.
später ärgere ich mich, dass ich dieses wochenende keine klausur
geschrieben habe. vielleicht morgen? bis wann muss die denn zur korrektur
eingeschickt werden?
freundinnen zum kaffe. schöne ablenkung, wir sind alle gut drauf,
es gibt anekdoten.
dann bin ich wieder 14, höre dasselbe lied 20mal (why can´t
i stand up, and tell myself: be strong).
9.12.02
ich werde beim schlafen ständig geweckt, durch das telefon- und türklingeln.
auf dem weg zu hanna finde ich es unerträglich kalt. es ist immer
noch alles besser als letztes jahr. montag halt.
10.12.02
die arbeit geht mir wieder gut von der hand, markus will mit mir eine
rauchen, wir planen die weihnachtsfeier, ich plane meine berufliche zukunft
eher weniger.
ich überlege schwachsinn, z.b., dass ich c. die platte zurückschicken
könnte, die er mir geschenkt hat. der andere referendar ist ein unglaublich
typischer jurist, ein netter, konservativer soldat, der nicht zur weihnachtsfeier
kommen kann, weil er jagen geht. er hätte auch lieber eine freundin,
sagt er.
ich schmeiße meine sachen in den postausgang.
14.12.02
um neun uhr kommt constanze, ich sitze und warte darauf. die cds und platten
von donnerstag liegen noch ungeordnet herum, wir haben getanzt und alle
hits gehört. als ich marion das lied mit dem zitat vorspielte, hatte
sie angst, dass sie weinen muss. wir fanden es aber dann nur schön.
constanze ruft an und fragt: beck´s oder kölsch. beck´s
natürlich. ich mache mir unruhige/paranoide gedanken, weil ich immer
allen leuten alles erzählen muss. ich frage mich, wie das wirkt.
die klausur heute: straßenverkehrsdelikte und beweisverwertungsverbote.
15.12.02
entspannter tag. germar kocht uns heiße schokolade. ein ruhiger
abend in der scheinbar. ich erzähle, dass c. angerufen hat und mark
verdreht die augen. aber hauptsache, roma gewinnt gegen turin.
16.12.02
ich bin so müde, der tag ist eine einzige dämmerung (metereologisch).
die deutsche bahn hat neue fahrpläne, ich habe sieben punkte in der
revisionsklausur.
später lese ich maxie wander "guten morgen, du schöne".
meine augen kippen beim lesen manchmal weg, ich konzentriere mich so schwer,
dass ich an meiner urteilsfähigkeit zweifle. wander erstellte nach
aufgezeichneten, von ihr geführten interviews portraits von 19 frauen.
(protokolle nach tonband -> untertitel) sie schreibt: "ich habe
nicht nach äußerer dramatik gesucht oder nach persönlicher
übereinstimmung. ich halte jedes leben für hinreichend interessant,
um anderen mitgeteilt zu werden."
christa wolf schreibt im vorwort: "es zeigt sich: rückhaltlose
subjektivität kann zum maß werden für das, was wir (ungenau,
glaube ich) >objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann,
wenn das subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern
aktiven umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. das subjekt treibt
sich selbst heraus, wenn es dazu beitragen kann, aus den gegebenen verhältnissen
das äußerste herauszuholen. es wird in sich zurückgetrieben,
wenn es auf entfremdete, destruktive strukturen, auf unüberwindliche
tabus in entscheidenden bereichen stößt."
ich werde darüber nachdenken, wenn ich wieder wach bin.
19.12.02
es ist immer schlimm, wenn ich mich zurückgesetzt fühle. wenn
ich das gefühl habe, oder weiß: für eine andere hat er
das getan, und für mich macht er das nicht.
ich war gestern ganz normal, bei amely, beim adventsplätzchenbacken
und glühweinkochen. das hat gepasst.
24.12.02
blitzeis. die äste sind wie in glas getaucht (frosting). alle bleiben
zu hause.
ich bin noch wie zerschlagen von der klausur gestern.
25.12.02
ganz extreme träume. das ist bestimmt nur übertragung. die zugverbindungen
sind sowieso still. selbst wenn ich fahren wollte. abwarten.
familie. oma erzählt geschichten, die ich noch nicht kannte. wie
sie das bernsteinzimmer gesehen hat, und hans albers. nicht gleichzeitig,
natürlich. später bei bianca + mit meinem cousin samt aufriss
im "rosige zeiten" (just another fool), dann im römer:
der idiot, der hässliche, der dicke + der filmvorführer geben
sich die ehre. szenetypen aus biancas leben. sie kommt schlecht drauf,
aber die machen hier jetzt auch sowieso zu.
28.12.02
zurück nach köln. die schmerzen (physisch) vom letzten jahr
kommen wieder. die schöne landschaft zieht vorbei, furchen auf den
feldern, es spiegelt sich etwas in den pfützen, tiefgrüne wiesen.
ich bin also nicht zu c. gefahren. ich habe nicht gefragt, und er...
c.: am sonntag ist unser konzert. ich habe die ganzen texte vergessen.
ich: das wird schon.
c.: ja, man darf sich nur nichts anmerken lassen.
ich: genau.
pause
ich: neulich war ich auf einem konzert von der band, von frank, meinem
ex.
von denen der sänger spinnt auch. also, so meine ich das jetzt nicht.
ich
meine: der spinnt halt. auf dich bezog sich das jetzt nicht.
c.: nee, klar.
und so weiter. hera lind könnte mitschreiben.
später sage ich zu bianca: kennst du das, wenn man den hörer
auflegt und denkt: ich habe die ganze zeit nur scheiße geredet.
ich höre die fast perfekte kassette. wenn ich durchs zweite examen
falle, werde ich djeuse.
draußen jetzt: eine landschaft von nachtwanderungen und moorwanderungen
und somit von nostalgischem interesse. wie das rasierwasser desjenigen,
der jetzt auf dem platz vor mir sitzt. issey miyake - thomas. wir werden
uns wohl silvester sehen.
später videoschauen mit jörg (zur sache, schätzchen = film).
ich bin mir sicher, das beck´s schmeckt in bremen anders. vielleicht
liegt es an den kleineren flaschen.
es geht mir so unglaublich viel besser als vor einem jahr.
Rainer Junghardt
Eine Industriebrache
Sie sind nicht mehr da. Die Arbeiter kommen nicht mehr morgens um sechs
an meinem Pförtnerhaus vorbei und rufen "Morgen!" oder
schweigen, die Angestellten kommen nicht mehr um acht oder neun durch
mein Pförtnerhaus in die Verwaltung und grüßen oder grüßen
nicht. Niemand grüßt mehr. Die Vorstellung aber bedient sich
ebenso gern der Erinnerung und Gewohnheit wie des Wissens und der Wahrnehmung,
und lange hatte ich, während ich das Werk versicherungshalber weiter
bewachte, das unbestimmte Gefühl, es müssten noch Menschen darin
sein.
So hatte ich auch nach Wochen noch auf meinen Rundgängen den Eindruck,
aus dieser oder jener Tür müssten jetzt Herr Boldt und Herr
Esser stolpern. Die beiden waren als Mitarbeiter von Werkssicherheit und
Instandhaltung ständig im Werk unterwegs und das so hastig, dass
sie sich, obwohl nur zu zweit, vor jeder Tür zu stauen schienen,
der eine den anderen geradezu anschob, während der öffnete.
Sah man sie irgendwo herauskommen, so schien es, als müssten sie,
da sie fast zugleich herausdrängten, stecken bleiben oder straucheln
und fallen. Diese Auftritte wirkten um so unbeholfener, als Herr Boldt
zwei Meter groß und überaus dick, Herr Esser aber ungefähr
zwei Köpfe kleiner, mager und ausgezehrt war. Und eben weil ihr Auftauchen
durch ihre Hast oft etwas überraschend es gehabt hatte, hätte
es jetzt hierher gepasst, weil hier nun jedes Erscheinen überraschend
sein musste.
Aus anderem Grund meinte ich gelegentlich, wenn ich meine Zeit so lesend
und schreibend herumbrachte, eine marokkanische Auszubildende, die einer
anderen Frau ziemlich ähnlich sah, und deren beider Vornamen netterweise
mit den gleichen beiden Buchstaben begannen, die auch die einzige war,
die nie "Mahlzeit" sondern immer "hi" sagte, und ich
antwortete "hi", müsse gleich hereinkommen, weniger nämlich
aus Gewohnheit als weil ich die Erinnerung an jene vermisste.
Allmählich gewöhnte sich meine Vorstellung daran, dass hier
niemand mehr anzutreffen war, und wenn sie mir doch noch einmal diesen
Eindruck aufdrängte, so griff sie auf Begegnungen zurück, die
auch damals schon selten und unwahrscheinlich gewesen waren, und machte
ihn damit wenn auch nicht glaubhaft, doch zumindest in dieser Hinsicht
stimmig. Herr Scherdorf, der Werksleiter war fast nie zu sehen gewesen.
Er fuhr morgens schnell an meinem Häuschen vorbei auf seinen rückwärtigen
Parkplatz, kam durch den hinteren Eingang in die Verwaltung und verschwand
sofort in seinem Büro. Waren alle anderen Angestellten immer wieder
im Werk unterwegs, nahmen Dinge in Augenschein und trafen ihre Entscheidungen
vor Ort, so gab er lediglich knappe telefonische Anweisungen. Nur kurz
sahen ihn ein paar leitende Angestellte bei der mittäglichen Besprechung.
Ansonsten schaute seine Sekretärin von Zeit zu Zeit in sein Büro,
sich zu vergewissern, dass er immer noch da saß und nicht jemand
anderes sich eingeschlichen hätte und heimlich von seinem Anschluss
aus Anweisungen gäbe. Sehr spät noch, als der Zerfall schon
überall deutlich sichtbar war, glaubte ich noch einmal, er werde
mich gleich anrufen. Erst wenn auch solche versteckten, schattigen Existenzen
nicht mehr darin vermutet werden, ist ein Ort endgültig verlassen,
auch in der Vorstellung.
Von da an braucht es Anlässe für solche Wiederläufer der
Einbildung. Ein Fremder hat die Erlaubnis, ein paar vergessene Ziegel
aus einer Halle zu holen. Mit seiner Schubkarre fährt er gegen einen
Türrahmen und stürzt. So fällt Herr Boldt doch noch über
Herrn Esser.
Dann wird der Zerfall unumkehrbar. In den feuchten Büros fällt
meterbreit die Tapete herunter und überlässt die Wände
schwarzem Stock. Überall regnet es herein, in der Verwaltung wellen
sich die Teppiche und faulen, in den Hallen steht das Wasser, schließlich
dürfen sich nicht mehr betreten werden. Eine Brücke zwischen
zwei Hallen bricht ein. Die Trümmer werden nach einer Woche zur Seite
geschoben, oben klafft ein zwei Mann hohes Loch, die Stümpfe diverser
Wasser-, Druckluft- und Abluftrohre und Strom- und Telefonleitungen ragen
heraus wie Sehnen und Adern.
Durch den Zerfall werden abgelegene, dunkle Ecken, in denen Ausschuss
und Reste abgestellt wurden, noch trostloser, verrotten um so mehr, hellere
Winkel, in denen Bäume stehen und eine Bank, auf der man früher
einmal in der Pause gesessen hat, werden fried-lich von Efeu und Moos
überzogen um so angenehmer.
Es bleiben die Ablösungen. Klaus sitzt bereits im Wagen, wenn ich
hereinfahre, hebt die Hand zum Gruß und fährt. Löst er
mich ab, so sagt er, ich solle machen, dass ich fortkomme und noch etwas
habe vom Tag. Arnold bleibt gern noch eine halbe Stunde und erzählt
vom Urlaub und vom Einkaufen. Ich antworte ähnlich. Franz sehe ich
nur sonntags. Er hat ein paar Illustrierte dabei, und wir machen Pförtnerwitze
über Aufregung und Chancen im Beruf, die die Horoskope verheißen.
Georg erzählt mir von Programmen und Anschlüssen seines Laptops,
ich kenne weniger davon. Er macht eine ähnliche Weiterbildung wie
ich und gelegentlich gehen wir ein paar Unterlagen durch. Entspanntes
Rauchen, entspannte Übergabe.
14.12.
q&c. kommt h. abreißen. lange s. gesucht, der sich nicht blicken
lassen wollte. dann das hallentor mit einem schraubenzieher geöffnet,
damit q&c.s leute an ihre maschinen kommen. von der halle steht schnell
nur noch ein geäst von stahlträgern, falzblechwände liegen
wie laub an allen seiten ausgebreitet. von einer hebebühne aus zertrennt
q&c die dachkrone mit einem schneidbrenner.
ich mache meinen rundgang auch um die arbeitenden herum und schaue die
riesige pfütze an, die sich in einer senke auf dem parkplatz gebildet
hat, vielleicht 5 mal 7 meter, vielleicht 40 cm tief, seit zwei jahren
unverändert, bei heißem wetter wenige tage einmal ausgetrocknet,
bei regen fließt ihr das wasser des halben parkplatzes zu, und was
immer darauf verrottet, reste von blättern und blechen, abwechselnd
von schauern gespült klar und von algen getrübt, auf ihrem grund
ein fladiger grüner verseuchter morast, nun zum ersten mal in diesem
jahr gefroren.
ich tippe mit der schuhspitze an das eis von pf., ein riss entsteht mit
einem knacken. "der winter ist nur eine große desinfektionskampagne."
das hat w. mir einmal gesagt. das macht mich traurig.
q&c. macht mit seinem kran einen weiteren stahlträger von h.
sin-ken.
Dann kommt das Wachstum. Pflanzen breiten sich aus, ein Fasanenpaar siedelt
sich an. Früher gleichmäßig zurückgeschnittene Hecken
sprießen mühelos meterbreite Wege in einem halben Jahr zu und
Bodendecker lassen ihre endlosen langen Ausleger über die Werksstraßen
wachsen. Immer wieder stehen Unkräuter isoliert auf dem Asphalt wie
aufgesetzt, erst wenn man sich tief zu ihnen hinabbeugt erkennt man den
feinen Riss in der Fahrbahndecke, der ihnen genügt, sich dort zu
ernähren. Eine Birke wurzelt in mehreren Metern Höhe im bloßen
Mauerwerk. Jetzt reduziert der Winter die Vielfalt der Arten und Farben
der Vegetation auf ähnliche Rückzugsformen von bloßen
Stielen und Zweigen, demnächst aber beginnt wieder ihre genügsame
und wuchernde Entfaltung.
Christian Jansen
Paris, im Dezember 2002.
McKinsey & Company ist laut Eigendarstellung der "Rolls Royce"
unter den Unternehmensberatern. Dem BWL-Studenten müsste die nach
diesem Kabinett benannte Matrix (neben der der Boston Consulting Group)
ein Mindest-Begriff sein. McKinsey verfolgt zwecks Rekrutierung seines
Nachwuchses eine Politik der Annäherung gegenüber bestimmten
Pariser Universitäten. Und das geht so:
Der Rolls Royce bat an einem frostigen Donnerstag abend zu einem "Cocktail
McKinsey" in sein Bureau auf den Champs Elysées. Die anderen
Unternehmensberater (Pricewaterhouse Coopers, KPMG, Doilette & Touche,
Andersen (als noch existent),...) sind regelmäßig auf den einschlägigen
Forums des Entreprises vertreten - nicht so McKinsey. Hier bemüht
man sich nicht selbst - man lässt bitten. Eine gelungene Marketing
Strategie. Nachdem schriftlich und mit Anlage des Lebenslaufes das Ansuchen
geäußert worden war, einen Cocktail auf den Champs Elysées
schlürfen zu dürfen, kam einige Tage später das OK unserer
Berufsorientierungs-Beauftragten: Rendez-vous um 17.45 Uhr vor Nummer
79, Avenue des Champs Elysées. Ich war 10 Minuten zu früh,
hatte keine Lust, vor dem Eingangsportal zu frieren und verzog mich in
eine Seitenstraße, wo ich in einem billigen Stehcafé die
Zeit mit einem Espresso hinunter spülte. Als ich pünktlich wieder
vor Nummer 79 ankam, stand schon ein Pulk von ca. 40 Studenten in der
eisigen Pariser Winterluft. Ich erkannte niemand auf den ersten und nur
einen einzigen Typen auf den zweiten Blick. Erleichterung und Small Talk.
Wo absolviert dieser und jener sein Praktikum? Kommunikation für
St. Gobain, Marketing für RTL, d'accord. Mein Name wird auf einer
Liste abgehakt.
Man ließ bitten - man lässt warten. Schließlich werden
wir von einem Livrierten durch einen Messing- und Marmorkorridor in die
Messing- und Marmoreingangshalle gebeten. Alles riecht nach Diskretion.
Außen war nicht einmal ein Firmenschild angebracht: Entweder, man
weiß, WER hier logiert, oder man gehört eben nicht dazu. In
Grüppchen zu sechst werden wir in die Aufzüge und bis zur siebten
und letzten Etage befördert. Marmor, Messing, Palmen. Weitere Gänge,
Büros, PCs, schließlich Menschen. Wir münden in einen
Versammlungsraum: Ausblick auf die weihnachtsbeschmückte, hell belichterte
Champs Elysées und den Arc de Triomphe, die aus der Pariser Nacht
herausstechen: das ist wohl integraler Teil des Marketing-Konzeptes. Auf
einem Tisch liegen Namensschilder, alphabetisch aufgereiht. Christian
Jansen ist auch dabei und ich stecke mich mir ans Revers.
Thibault ist Directeur associé, verheiratet, 2 Kinder, 7 Jahre
Investment Banking, seit 5 Jahren bei McKinsey, diplômé HEC
und Sciences Po. Die Diplome - das ist so ein Tick bei diesen Leuten;
genauer: das ist so ein Tick in Frankreich. Wer weit nach oben will, benötigt
dazu das Diplom einer (besser: mehrerer) Grandes Ecoles. Man kann diese
Kaderschmieden, fast alle in Paris, an zwei Händen abzählen:
Für die wirtschaftliche Richtung gibt es HEC (Hautes Etudes de Commerce),
ESSEC (Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales)
und ESCP (Ecole Supérieure de Commerce de Paris). Für die
im weitesten Sinne mathematisch-technische Ausbildung sind die renommierten
Ingenieursschulen zuständig: Polytechnique, Ecole Supérieure
des Mines und Ecole Centrale de Paris. Das sind jeweils die großen
Drei. Die intellektuelle Elite der Geisteswissenschaften wird an der Ecole
Normale Supérieure (drei Abteilungen: Rue d'Ulm in Paris; Cachan;
Lyon) gezüchtet. Wer hier studiert, wird vom Staat dafür bezahlt.
Sciences Po, d.i. das Institut d'Etudes Politiques de Paris, bezieht eine
Sonderstellung zwischen den Grand Ecoles de Commerce und den Elite-Ingenieursschulen.
Hier werden Allgemeinwissenschaftler herangezogen, von denen ein Großteil
sich in wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen spezialisiert. Außerdem
gilt das Diplom Sciences Po als Königsweg für die Aufnahme an
DER Kaderschmiede der administrativen Eliten Frankreichs: die Ecole Nationale
d'Administration, kurz: ENA, die 60 Leute pro Jahrgang diplomiert. Die
politische Klasse Frankreichs hat fast ausnahmslos diese Schule durchschritten.
Sciences Po liefert jedes Jahr 90% der an der ENA Aufgenommenen. Die "Enarques",
wie man ihre Diplomanden leicht abfällig (weil neidisch) nennt, besetzen
- nach einem Parcours im öffentlichen Dienst - auch Schlüsselpositionen
in der französischen Wirtschaft. Die meisten Leute, die GANZ oben
ankommen, haben oft mehrere dieser Eliteschulen besucht: Jacques Chirac
ist diplômé Sciences Po und ENA, Jean-Marie Messier, der
Ex-Chef von Vivendi Universal, hat Polytechnique und ENA absolviert, usw.
Man muss den Klüngel der Diplomanden der verschiedenen Schulen verstehen,
die ein Netzwerk bilden, soziale Kasten, die die Schlüsselpositionen
des französischen Machtapparates besetzen und sich gegenseitig zuarbeiten.
Bestimmte Firmen rekrutieren nur Absolventen dieser oder jener Grande
Ecole - je nachdem, welche dieser Schulen die Entscheidungsträger
des Unternehmens besucht haben. Ohne entsprechendes Diplom "Zutritt
verboten". Wer das nicht weiß oder nicht zur Kenntnis nehmen
will, der kann die französische Gesellschaft nicht verstehen.
In Deutschland ist der Irrglaube verbreitet, die Sorbonne sei der Hohe
Tempel des französischen Bildungssystems. Das muss von Professor
Sartre und einer langen Tradition herrühren. In Wirklichkeit blicken
Schüler der Grandes Ecoles auf Kommilitonen der Universités
herab - Sorbonne oder nicht: die Universités sind für den
Pöbel, hier studiert der Rest. Auf der Party einer Kommilitonin (es
waren fast nur Studenten von Sciences Po und Polytechnique anwesend) war
diese Studentin, die Komplexe hatte, weil sie "nur" an der Sorbonne
immatrikuliert war, und sich unter all diesen Grands Ecoliens mickrig
vorkam.
Thibault, der Directeur associé des Pariser Büros, hat also
HEC und Sciences Po absolviert - so wird ein Mann in Frankreich gestempelt:
Das ist wie eine soziale Durchmarschbescheinigung. Ein Kommilitone nannte
das Diplom der ENA einmal eine Lebensversicherung. Entsprechend lesen
sich auf McKinsey's Webseite die Mitarbeiterprofile: Marc, 28, Mines de
Paris; Sandrine, 28, HEC; Jacques, 30, Mines de Paris, ENA; Alexandre,
24, Polytechnique. Thibault macht auf kontaktfreudig und schüttelt
einigen Studenten, die sich zu viert oder fünft um runde Tische versammelt
haben, die Hände. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen und ihre
Namensschilder angesteckt haben (weiß für die Scienes Po Studenten,
blau für die McKinsey Mitarbeiter), stellen sich die blau Bekarteten
der Reihe nach vor, und das geht so: "Guten Abend, ich heiße
Jean-Baptiste, bin seit 3 Jahren bei McKinsey und diplômé
ESSEC und Sciences Po. Letztes Jahr habe ich einen MBA in den Staaten
gemacht. Was ich bei McKinsey so schätze ist, dass wir wirklich im
Team zusammen arbeiten und es dabei absolut keine Hierarchie gibt. Jeder
sagt offen, was er denkt. Dazu sind wir sogar verpflichtet: obligation
to dissent, nennen wir das." So geht es weiter. Die meisten McKinsey
Consultants haben Scienes Po und noch eine andere Grande Ecole absolviert,
sind alle witzig, loben die tolle Arbeitsatmosphäre und hohe Professionalität.
Es folgt eine Powerpoint Presentation, deren erster Teil von Thibault
übernommen wird. McKinsey, das sind die besten ihrer Spezies, bilden
ein Weltweites Netz: "Wenn ich eine Problemstellung habe, konsultiere
ich zuerst unser riesiges Archiv. Da sehe ich, wer in der Welt schon an
ähnlichen Fällen gearbeitet hat. Dann rufe ich den Mann an und
er wird mir bereitwillig und ausführlich seine Erfahrung vermitteln.
Bei komplexeren Fällen fliege ich sofort hin." Zwei seiner jungen
Wölfe übernehmen und schildern ihre Erfahrung bei McKinsey in
schillernden Farben. Die Studenten beginnen zu träumen, die Augen
färben sich weihnachtlich.
Der zweite Teil der Vorstellung besteht aus einem Gespräch am runden
Tisch. Jeweils ein Consultant pro Kreis. Zu uns gesellt sich Charles,
er trägt einen teuren Anzug, die Krawatte lässt allerdings etwas
an Geschmackssinn vermissen. Ich schätze ihn Anfang dreißig,
er trägt einen goldenen Ehering, das Kinn quillt ihm schon leicht
über den Kragen. Die Standardfrage der französischen Kommilitonen,
welche Schulen er denn besucht habe, beantwortet er mit einem Witz, jedenfalls
denke ich, es müsse wohl witzig gemeint sein: Er habe zwar Sciences
Po besucht, allerdings das Diplom nicht erhalten - Ungläubiges Staunen
- Warum? - Weil er SCHON VOR dem Sciences Po Diplom an der ENA angenommen
worden sei. - Bewunderndes Staunen der französischen Studenten. Um
diesen "Witz" zu verstehen, muss man wissen, dass die meisten
Sciences Po Studenten sich NACH dem Diplom meistens noch ein Jahr lang
auf den Aufnahmetest der ENA vorbereiten.
Zum Firmen-Codex gehört, zuhören zu können: être
toujours à l'écoute du client, nennt man das. Charles ist
allerdings ziemlich monologisch veranlagt. Ich habe mich auf den Abend
vorbereitet und den Aufsatz des HEC Direktors gelesen, der ein année
sabbatique bei McKinsey absolviert hat. Ich wollte einen externen Blick
auf die süßliche Selbstdarstellung. Da liest man denn, dass
zum Firmen-Codex das Prinzip up or out (auch: grow or go) gehört:
Wer nicht spätestens nach drei Jahren aufsteigt, steigt aus. Man
fragt dann: "Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor",
und ist bei der Umorientierung behilflich. Über Auf- oder Ausstieg
entscheidet die Leistung (das nennt man im Firmenjargon meritocracy),
die nach jeder Mission evaluiert wird: BS = below standard, S = standard,
AS = above standard, O = outstanding; zweimal BS oder S = out. Das hört
sich ziemlich rüde an, und mit der nicht-hierarchischen Arbeitsweise
schwerlich zu vereinbaren. Ich erlaube mir, das schüchtern anzumerken
und werde von Charles lächelnd belehrt, dass ein Consultant nicht
am anderen gemessen wird und deshalb kein Konkurrenzdruck entstehe. Im
Gegenteil werde die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen gefördert
und berücksichtigt. Das sei eben wirklicher esprit d'équipe,
und - er legt väterlich seine Hand auf meinen Unterarm - wer Konkurrenzdenken
verhaftet sei, für den - er wirft mir lächelnd einen Seitenblick
zu - sei bei McKinsey kein Platz. In ein anderes Fettnäpfchen trampelt
mein Tischnachbar: Wie viel man den als Junior bei McKinsy so verdiene?
Das wird übergangen, man hat genug Geld in der Tasche, kein Grund
also, es in den Mund zu nehmen. In dem oben zitierten Aufsatz kommentiert
der Professor lapidar: money is not a problem.
Endlich geht es in die dritte Runde: "lockeren Talk" am Buffet.
Die Studenten freuen sich auf Champagner und feine Häppchen und gehen
zum Nahangriff über: Es gilt, sich in Szene zu setzen und in der
Erinnerung zu verhaken; Lebensläufe werden verteilt, Studentinnen
mit aufregenden Décoltées hängen an den Lippen von
Consultants mit feistem Kopf und Haarausfall.
Als ich im Büro erzählte, dass ich zu einem "Cocktail McKinsey"
geladen sei, glänzten die Augen der jungen Kollegen, die keine Grande
Ecole besucht haben und damit von vornherein ausscheiden: McKinsey, das
sei ein Traum. Sofort wurde ich beraten, wie mich zu kleiden, wie mich
in Szene zu setzen, worüber zu reden. In der nun auftretenden Situation
solle ich möglichst den Kontakt mit weiblichen Mitarbeitern suchen:
Es war genau ein weiblicher Consultant anwesend. Eine große, schlanke,
rothaarige Frau, etwa meines Alters. Hier erfuhr ich, dass eine McKinsey-Woche
normaler Weise zwischen 60 und 70 Stunden zähle, dass, sobald es
dem Ende einer Mission entgegen gehe, allerdings auch schon mal die Nacht
durchgearbeitet werde. An Diplomen hatte sie Sciences Po und ESCP zu verzeichnen,
und mit meinem Décolltée fuhr ich frontal gegen einen Eisberg.
Später am Abend unterhielt ich mich noch mit einem Absolventen von
ESSEC, Sciences Po und ENA, der nach einer kurzen Karriere als Beamter
in der Finanzinspektion in die freie Wirtschaft gewechselt war - mehr
Arbeit, lukrativere Vergütung. Die 60 bis 70 Wochenstunden seien
zwar stressig, aber es gebe immerhin noch die Investment Banker, die ca.
80 Stunden pro Woche zu Gange seien. Verglichen mit denen, sei die Arbeitsfülle
bei McKinsy doch noch ganz human. Wir unterhielten uns nicht sonderlich
lange, weil ein widerlich stiefelleckender Kommilitone sich ziemlich unhöflich
in die Diskussion drängelte. Bei dem Stichwort "ENA" war
er hellhörig geworden - die drei Buchstaben üben auf viele Studenten
eine ungeheure Anziehungskraft aus. Eine vergleichbare Anbiederung hatte
ich tatsächlich selten erlebt: der Drängler quetschte sich frontal
vor den begehrten Consultant (Absätze angeschlagen, Fußspitzen
gespreizt, Oberkörper leicht vorgebeugt, Hände mit den Handflächen
nach oben ineinander gefaltet, Froschmaulgrinsen) und teilte mit, dass
er selbst, Normalien (d.h. Absolvent der Ecole Normale Supérieure)
und nun Sciences Po, sich überlege, ob es denn wohl noch von Vorteil
für seinen beruflichen Werdegang sein könne, das Diplom der
ENA seinem Lebenslauf hinzuzufügen. Ich wäre vor Scham am liebsten
im Holzparkett versunken. Anstatt diesen Schleimer allerdings eiskalt
abzuservieren, stieg der Consultant ein und es folgte eine viertelstündige
Diskussion über die Vorzüge der Ecole Nationale d'Administration.
Ich musste später an Ingo Jacobs schönes Wort von der "Ecole
Infernale de comment on règne" denken: unter welche Menschen
bin ich gefallen? Wer hilft mir in diesem Schneetreiben? Einen Arzt für
diese Leute. Oder einen Henker. Ich nahm meinen Mantel, den Aufzug und
einen Seitenausgang. Es war gegen 21 Uhr, als ich wieder auf die Straße
trat und mich vor dem nun geschlossenen Billigimbiss fand, in dem ich
vorher einen Café getrunken hatte. Ich lief noch ein paar hundert
Meter die Champs Elysées hinab, in einer totalen American-Psycho-Stimmung:
überall Touristen, Weihnachtslichterblitze, die Kälte der Luft,
der Hass in der Metro, die Feindseligkeit der Menschen, ihre verhärmten
Futterneid-Visagen, Nadelstiche in meine Nerven. Meine Lederhandschuhe,
mit denen ich hätte würgen und töten können. Die Sehnsucht
nach Wald und Feldern. Dann Zweifel: lüge ich nicht, wenn ich sage:
Ich bin unter diese Menschen "gefallen"? Habe ich den Wahnsinn
noch unter Kontrolle? Wie lange noch kann ich mir glauben: "Ich schaue
mir das alles mal in Ruhe an"? Hätten sie mir einen Job geboten,
ich hätte ihn genommen und mir in meinem Kopf zurecht gebogen, dass
auch das nur eine Art gut bezahlter Recherche sei.
Tobias Schoofs
heute vormittag habe ich mich genötigt, die tagebücher von saskia
und rené durchzulesen, die im laufe der letzten beiden wochen hier
eingeplätschert sind und an denen ich nach den ersten einträgen
die lust verloren habe. ihnen fehlt der kamm, dafür haben sie viel
gel: young urban mehr oder weniger professionals langweilen sich zu tode
und geben dies zu protokoll. ein kopfschmerz hier und da, ab und an ist
jemand gut drauf. das interessiert den soziologen, wenn er gerade über
leute promoviert, die sich zu tode langweilen. wen interessiert es noch?
wie immer zeigen renés texte, dass an ihnen gearbeitet wurde. wie
immer haben sie geschmack: von dem nicht zu viel und von diesem in ausreichendem
maße. sie gehören in die bewerbungsmappe für das lifestylemagazin.
wie oft zeigen saskias texte, dass an ihnen zu wenig gearbeitet wurde.
"ich schmeiße meine sachen in den postausgang."
christian scheint weniger zu erleben als die beiden. er schreibt für
den ganzen dezember nur einen einzigen eintrag, der sich auch nur auf
einen einzigen abend bezieht. dass sein leben äußerlich mit
dem von saskia und rené verwandt scheint, zeigt der kurze absatz,
in dem es um das büro geht, das seinen alltag ausmacht. den rest
büro, um ehrlich zu sein, kann ich mir denken.
an diesem einzigen abend im dezember hat christian (ich nenne die tagebucherzähler
nach den namen der tagebuchautoren) jedoch um einiges mehr erlebt als
die anderen beiden im ganzen dezember. denn er hat sich die eine oder
andere frage gestellt, die mit ihm persönlich zu tun hat. in seinem
text finden sich elemente der selbstkritik. dadurch wird sein text spannend.
da er sein erleben gleichzeitig mit sehr viel information über die
welt anreichert, in die sein tagebuch gehört, hat man auch das gefühl,
nach der lektüre irgendwie mehr zu wissen als vorher. das ist ein
schöner nebeneffekt: denn irgendwie fühle ich mich befriedigt,
nachdem ich diesen text gelesen habe. das ist doch schonmal was.
Christian Jansen
da laufen sie wieder, jeder in seinem kleinen subjektivitaetsmikrokosmos.
wie haben sie wohl ihren samstag morgen verbracht? im bett, oder im "bett"?
vor dem pc? in ueberfuellten einkaufspassagen - ein hysterischer letzter
samstag vor der geweihten nacht?
und warum kommt kein tagebuch mehr? ist rené beleidigt? und saskia,
ist sie ironisch, selbstironisch, oder einfach gedankenlos / muede, wenn
sie christa wolf zitiert. "es zeigt sich: rückhaltlose subjektivität
kann zum maß werden für das, was wir (ungenau, glaube ich)
>objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann, wenn das
subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern aktiven
umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. (...)"? da sollte man
nicht schlafen, sondern hellhoerig werden.
wenn ich das, was ich von deutscher literatur und literaturkritik noch
mitbekomme, richtig verstanden habe, dann wirft man der jungen dt. lit.
NABELSCHAU vor.
nabelschau, leere selbstbespiegelung des subjekts also. und genau das
ist es, was tobias den tagebuchtexten von rené und saskia vorwirft.
ich neige dazu, seine auffassung zu teilen: was in diesen texten fehlt,
ist der "aktive umgang mit gesellschaftlichen prozessen", wenn
ich mal gerade wolfs holzklotzsprache benutzen darf. ohne jetzt wieder
die leidige grundsatzdebatte "l'art pour l'art oder lit. engagée"
lostreten zu wollen - mache ich es also lieber am konkreten textmaterial
fest:
1) René
das sind kompositionen auf sprachlich hohem niveau. allerdings wuerde
ich mir auf diesem niveau ein plus an inhalt wuenschen. soweit schoofs-text.
warum dieser in sich und seine reflektion der aussen- und innenwelt eingekapselte
erzaehler? der einzige "dialog" ist der mit einem nena zitat
aus der zeitung. ein NENA zitat! hey leute, gibt es in deutschen zeitungen
gerade nichts aufregenderes zu lesen? wenig dialog also, wenig austausch.
- ansonsten treten koerper in jogginganzuegen auf. warum koerper? steckt
da kein mensch drin? wenn ron winkler, der einzige mensch mit vollem namen,
eingefuehrt wird, erfahre ich, dass er ein "sehr netter mensch"
ist - punkt. warum ist er nett? was heisst das, "nett". wie
und was schreibt denn dieser "schreiber"? - ich habe - nennt
man das zufall? - die magisterarbeit dieses herrn winkler gelesen und
fuer meine eigene benutzt. ich waere neugierig darauf, ihn kennen zu lernen.
renés text laesst mich enttaeuscht. oder ist das seine strategie
- seine leser zu enttaeuschen? wir haben es doch mit einem reisenden zu
tun - koeln - frankfurt - regensburg: gibt es da nicht berichtenswerteres
als die lichter auf der autobahn?
schoen die beschreibung des jungen wohnens; dagegen positioniert sich
der scheiber in mittelaltem wohnen. ist das kritik? wie sieht mittelaltes
wohnen denn aus? ist es besser als junges? und wenn ja, warum?
auch komfortabel zu lesen der blick auf die familien, die sich am sonntag
"zeigen" (super!) und ihren - NATUERLICH! - KLEINwagen im parkhaus
abgestellt haben. so klein wie der wagen der geist. diese art kritik erinnert
mich an meine letzte stuckrad-barre lektuere, muss wohl "deutsches
theater" gewesen sein: da macht sich dieser schnoesel ueber die fernsehsendung
"scheibenwischer" lustig. ich fand das scheisse und dachte mir,
dass man sich tatsaechlich ueber alles lustig machen kann, sogar ueber
letzte inseln in einem meer aus merde. das mag auch eine lebenshaltung
sein - und ich neige ihr zuzeiten zu - allerdings nervt mich bei den meisten
dieser leute die nicht vorhandene selbtkritische oder wenigstens: -ironische
haltung. konkret: sich ueber kleinbuerger mit kleinen autos oder kolleginnen,
die ihren wohlfuehlpark ausbreiten (grossartig gesagt!) lustig machen
ist eine sache (mitunter auch eine GEMUETLICH zu lesende) - sich dann
aber im selbstmitleid suhlen, die nicht sehr komfortable situation des
nicht-bestseller-schreibers zu schildern, ein schmerz im ohr hier, kreislaufprobleme
da, die weinerliche demut ob des schreiber-mikrokosmos (und, zwischen
den zeilen: ausbleibenden erfolges), so klein der kreis (nebenbei: ist
das elitismus? - elitaer von exlegere: ausLESEN), die gereifte freude
ob der kleinen gemeinsamkeiten, man ist keine 18 mehr, vorbei das stuermen
und draengen, man wird realistischer, man hat sich eingerichtet im eigenen
kleinen wohlfuehlpark, - - ist das nicht auch komisch, wert, einer kritik,
polemie oder wenigstens ironie unterzogen zu werden?
2) Saskia
vieles, was ich an kritischem zu 1) schrieb, gilt hier. es gilt auch,
was tobias schreibt: die texte sind weniger bearbeitet, sie wirken in
der tat wie in den rechner gehauen und "in den postausgang geschmissen".
das problem: die oft geaeusserte muedigkeit der erzaehlerin breitet sich
leider oft auf die qualitaet des textes aus.
dabei gaebe es doch interessante themen in diesem von muedigkeit durchzogenen
leben zwischen referendariat, examensstress, buero und party: "ich
plane meine berufliche zukunft eher weniger." warum das alles? warum
so leben und nicht anders? welche "gesellschaftlichen prozesse"
wirken auf eine jurastudentin? sind sieben punkte in der revisionsklausur
eine gute oder schlechte note? warum schmeckt ihr becks besser als frueh-koelsch?
welche bedeutung hat die italienische fussballiga fuer die erzaehlerin,
warum ist sie noch in c. verliebt? ist mark kein guter freund? warum diese
leere selbstspiegelung? nach 20maligem hoeren muesste die botschaft doch
angekommen sein: stand up, and tell yourself: be strong!
oben
roundabout
dezember
René
Hamann
Sonntag, 1. Dezember, Köln.
Wunsch, auf dem Land zu leben. Eine gemütliche, blauäugige Beziehung.
Die bayerische Volksmusik. Der erste Advent. Eine blattschwere Luft, nicht
die benzingetränkte der Stadt. Und hinter den Gleisen, als ich nachmittags
mich selbst spazieren führe: Sieht man das Verbaute, Kopf und Herz,
das unschlüssig Stehende, die sich nach hinten verzogene Dienststelle
der Polizei. Unter dem Rhein mag ich sein.
Jemand, mit dem es sehr oft sehr gut funktioniert: der GRUNDIG SUPER COLOR,
mindestens mein Jahrgang, dank Schrittmacher und Beatmungsgerät toppfit.
Getragen von einem unbekannten Holzstuhl, verziert durch ein Metronom
und ein Stimmgerät. Als er die amerikanische Produktion einer Zukunftsserie
mit hohem Albernheitsgrad für meine Erbauung und vorabendliche Hirnleere
darbietet, tritt ein mit Jogginganzug bekleideter Körper ein und
offeriert mir ein Telefon. Es ist der Gewinner, der vom Beschallen einer
Bar des Abends spricht und von den Abenteuern der Zeugung, die im Hintergrund
plärren.
Gedrucktes gab es auch. Ein blaues Buch mit einem Gewässerfoto, das
ostbelgische Gedichte sein eigen nennt, ein nikotingelbes Taschenbuch
mit den Vorlesungen eines im Exil verstorbenen Wiener Psychoanalytikers.
Durch einiges konnte man schwimmen, anderes kam als Schiff. Eine Verschnürung
löst sich, eine Erleichterung macht sich auf. Ein ruhiges, warmes
Wasser mag ich sein.
Montag, 2. Dezember, Frankfurt.
Lichter in der Kälte. Sind hier die Lichter aus Büroräumen
abends, Lichter der Straßenlampen, Lichter der Autos auf der Autobahn.
Scheinwerferlicht in Kontrasten: Die Lichtflächen der Architektur,
dieser hingehauenen Pompösität des Monitären, die bestrahlten
Tannenbäume und Stromleitungen über den Einkaufspassagen, das
bunte Licht auf das schwarze Holz einer Kleinkunstbühne in einer
Kellerbar der Innenstadt.
Lichtjockeys. Gelbes Licht im chinesischen Imbiss, weißes Licht
in hessischen Raststätten, in denen nachts kein Bier verkauft werden
darf. Ein kleines Licht über meinen Kopf auf dem Kissen, das ich
spät nachts ausschalten darf, um dem Inneren ohnmächtig zu folgen.
Dienstag, 3. Dezember, Köln.
Die Wände werden kahl. Gelernt habe ich: Dass Angst entsteht, wenn
die Libido gestört ist oder keine Befriedigung findet. Dass, wenn
ich weinen muss, nichts als ein Krampf dabei herauskommt.
Der härteste Tag des Jahres. Ein Tag, an dem ich nicht arbeiten muss.
Mittwoch, 4. Dezember, Köln.
Gehört habe ich: Das Klackern der Tastern, den dumpfen Aufprall einer
Taube an einer Windschutzscheibe, das Klopfen an ein Seitenfenster, die
eigene verstärkte Stimme.
Ich sehe dich, wenn du's nicht siehst.
Donnerstag, 5. Dezember, Köln.
"Was ich in diesem Leben noch erreichen möchte, ist, in einer
Partnerschaft bedingungslos zu lieben. Das habe ich das erste Mal erfahren,
als ich Kinder hatte. Liebe ohne Erwartungen oder Bedingungen, die von
den Kindern kommt und die man auch als Mutter empfindet", sagt Nena
in der Zeitung. Rührt Kinderwunsch daher? Ist "bedingungslose
Liebe" nicht selbst in einem Mutter-Kind-Verhältnis eine Illusion?
Erinnerung an Abiturfeiern. Der einzige Wisch mit offiziell anerkannter
Bedeutung. Mattblau. Als Frau verkleidet, als Frau Drabert, Englischlehrerin,
mit Perücke, Haarklammern, Rock, Strumpfhosen. Es gibt ein Video
davon, dass ich noch nie gesehen habe. Auch die Klausuren habe ich nie
abgeholt. Abitur: Eine große Zeit, von der ich damals wusste, dass
es bis dahin die größte war.
Nachtrag zu Gestern, Zeit für die Klatschspalte. Ron Winkler kennengelernt,
sehr netter Mensch und bereits der zweite Berliner Schreiber, von dem
ich das sagen kann. Lesung war gut gewesen, wenn auch brutalst unterbesucht
(volles Rohr Minderheitenprogramm, auch dies nichts neues). Die Freunde,
ein Trost - scheint sich was geändert zu haben, Missgunst und Neid
sind gegenseitiger Sympathie, Kollegenschaft, Unterstützung gewichen.
Vielleicht, weil es so klein ist. Vielleicht weil man als Schreiber inzwischen
nach den kleinen Gemeinsamkeiten sucht und sich freut, davon so viele
zu finden plötzlich.
Selbst das anschließende Slam-Spektakel im Sonic Ballroom konnte
keinen Ärger mehr verursachen. Der durchweg schlichte Textaufbau,
die madige, durchsichtige Konzeption, die Vulgärmethodik - geschenkt.
Jemand wie Jan Off kann auch einfach lustig sein. (Eventuell Slam Poetry
oder wie man das Kind sonst getauft haben möchte einfach als Genre
behandeln? Eine Art Parallelcomedy, eigenes Universum, immer mit Blick
auf Bildzeitung, Privatfernsehen, Boulevard, damit natürlich das,
was "volksnah" genannt wird. Auch kommerzielles Comedy kann
man lustig finden - wie das, was gemeinhin Popliteratur genannt wird,
unterhaltend).
Über Frauen schreibe ich hier nichts (heute morgen Traum von F. Sanft,
betörend, mutig).
Freitag, 6. Dezember, Köln.
In höherem Auftrag unterwegs. Weshalb ich nicht zum Schreiben komme.
Was ein wenig stört. Was oft stört. Heute geht es ok, da es
Spaß bereitet, Erfüllung bringt, Abwechslung, soziales Klima.
Sogar mit angehängtem Ende auf einem Balkon, in einem fremden Wohnzimmer,
an einem fremden Esstisch. Einblicke, Zublicke.
Hold on it hurts: Mach weiter, es tut weh. Heim flüstert der Fernseher.
Samstag, 7. Dezember, Regensburg.
Dezemberlarmoyanz. Ein neues Taxi wartet, wird weggeschickt. Ein Mietwagen
zieht über bundesdeutsche Autobahnen an einen Ort, an dem es keine
Rückzugsmomente gibt. Rückenschmerzen bis 14 Uhr, ab 18 Uhr
leichte Kreislaufprobleme, Überreiztheit, ab 19 Uhr im linken Ohr
ein stechender Schmerz. Taschentuch. Später, dank reichlichem Alkoholkonsum,
gut, besser. Nachts jedoch: Kaum Schlaf. Trotz Ohropax.
Sonntag, 8. Dezember, Regensburg.
Junges Wohnen: Ein Appartment am Rande der Innenstadt einer Kleinstadt,
Neubau, viele Fenster, Auslegeware. Junges Wohnen: Junggesellentum, d.h.
nahezu leerer Kühlschrank, die Suche nach Kaffee ein Abenteuer, an
den Wänden Plakate von Lieblingsbands, Halsbänder von besuchten
Konzerten, ein gigantischer Fernseher thront im Raum, darauf Stapel mit
Videokassetten, DVDs, darunter die zugehörigen Abspielgeräte,
rechts der Wand CD-Meter. Junges Wohnen: Helles Holz, ein junges Wohnen-Katalog-Bett,
ein bestellbares Ecksofa mit undefinierbarem, aber schrecklichem Muster,
ein Hellholztisch, darauf veraltete Fernsehzeitschriften, immer aktuelle
Musikzeitschriften (die wichtigen, die unwichtigen), abgepackte Schokolade,
ein Kerzenkranz mit grünem Tannenimitat, die freilich roten Kerzen
von Feuer unberührt. Junges Wohnen: Eine große Glasvitrine
mit Hellholzschale, ein Regal mit nie benutzten, verzierten Gläsern,
die restlichen Regale mit CDs belegt. Neben der Vitrine zwei Reihen Schallplatten,
der Ältere schaut nach Vergleichen, findet drei Gemeinsamkeiten.
Junges Wohnen: Ein natürlich prima aufgeräumtes, hygienisch
korrektes Bad, Stehdusche, Plastiktaschen für Haarspray, Zahnpasta
(aronal & elmex), Kamm, kein Gel. Durch das Tor in die Altstadt, es
ist ein Sonntag, die Familien zeigen sich. Wandern durch die Einkaufsbühne,
deren Zugänge verschlossen sind. Die Kleinwagen im Parkhaus gelassen.
Das Lieblingsgesicht des vergangenen Abends bedient im heutigen Frühstückscafé
(halb zwei, Müsli, Milchkaffee), das tatsächlich "Bett"
heißt, Anlass für Wortspiele bietet, schön. Servantilismus
Return. Aber die Zeit ist eine andere, die Umstände auch, im anschließenden
Mietwagen geht es dieselbe Strecke über die Autobahn zurück,
dabei werden vertonte Kindheitsziffern belauscht, dunkle Momente der Jugend
(Tanzkurs) beleuchtet, man denkt sich Personen aus, die die anderen erraten
müssen. Zuhause, im mittelalten Wohnen: Telefongestotter, kranke
Musik, wieder Fernsehlicht. Viel und gut geschlafen.
Montag, 9. Dezember, Köln.
Von D. geträumt. Zwischen ihm und J. in einer Runde gesessen, sie
haben sich in meinem Rücken miteinander unterhalten. Gewusst, dass
D. tot ist, gewusst, dass es sich um eine Erinnerung, einen zwar nie erlebten,
aber vergangenen Moment, handelt. D. irgendwas sagen wollen. Pelzmäntel,
Silberschuhe, im Büro zieht in eine neue Mitarbeiterin ein, packt
gleich ihren Wohlfühlpark aus, schmückt das Büro. Nach
außen verlegte Innerlichkeit, Absteckung des eigenen Terrains, Überwindungsversuch
entfremdeter Arbeit? Warum stimmt die Rechnung: Dass es sich dann grundsätzlich
um Kitschutensilien handelt, eine Holzlok als Stifthalter, ein mit Diddle-Figuren-verunstalteter
Wandkalender? Daneben drei Fotos: Das erste zeigt einen roten Rennwagen,
das zweite ein Stillleben mit Palmen, das dritte einen orientalischen
Tempel.
J. lügt nicht, J. verdeckt die Einzelheiten, J. klammert aus. Dachte
kurz, es ist wieder nur meine Paranoia, aber meine Paranoia hat meistens
Recht: E. erzählt mir abends am Telefon, dass sie auf einem Konzert
war, das Konzert war klasse, anschließend ist sie mit J. im Sonic
Ballroom gewesen, auf dem Weg dorthin dem Schlagzeuger über den Weg
gelaufen. Ein Abend mit Ansage: Lange Nacht, früher Morgen, rumgeknutscht.
Wir sind frei und dürfen uns die Freiheit nicht nehmen lassen, verklickert
mir anschließend I. im nachbarlichen Kubus. Ich bin froh, das zu
hören, denn ich weiß, er hat Recht. Das gilt für alle.
Dienstag, 10. Dezember, Köln.
Ich schreibe um mein Leben. Hier fällt der schwere Regen. Trennungs-
und Trauerphase, gewaltige Phantomschmerzen kommen auf, und die Gedanken
sind graue Hasen. Ich klammere mich an die Mittagspause, Subroutinen laufen
ab, andere entpuppen sich als gestört, abends verlässt man sich
auf die Stimmen, die eigene, die andere(n), Gesang der Sirenen, Tinnitus.
Viel Grübeltext, alles ganz finster, aber Sitcoms retten mein Leben,
zumindest für einen kurzen Moment.
Albert Camus:
"Künstler und Kunstwerk. Das wahrhafte Kunstwerk ist das an
Worten sparsamere. Es besteht ein ... Verhältnis zwischen der Gesamterfahrung
eines Künstlers, seinem Denken + seinem Leben (seinem System - wenn
wir beiseite lassen, was dieses Wort an Systematik enthält) und dem
Werk, das diese Erfahrung widerspiegelt. Dieses Verhältnis ist schlecht,
wenn das Kunstwerk die gesamte, literarisch verbrämte Erfahrung wiedergibt.
Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück
ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet,
ohne sich einzuschränken. Im ersten Fall herrscht Überladenheit
und Literatur. Im zweiten ein fruchtbares Werk, weil es so viel unausgesprochene
Erfahrung enthält, deren Reichtum man errät.
Das Problem besteht darin, jene Lebenskunst (...) zu erwerben, die über
die Schreibkunst hinausgeht. Und letzten Endes ist der große Künstler
vor allem einer, der lebt (wobei leben hier über das Leben nachdenken
heißt - ja, es bedeutet die feine Beziehung zwischen der Erfahrung
und dem Bewusstsein, das man von ihr gewinnt)."
Sattelschlepper und Leichenzüge. Ich schließe die Augen und
sehe sie.
Mittwoch, 11. Dezember, Köln.
Thunder, Corruption & Lies. Da fiel der Satz: Dass Seifenopern die
Realität nachahmen, nicht umgekehrt. Zurück zum Muster. Befall.
Dieser volle Losercore hier. Der geringe Abstand zwischen den Satelliten
der Schrift und der erdigen Aufgewühltheit ist der einzige, der im
Moment möglich ist. "Nun müßte ich positiv sein wie
eine offene / Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd"
etc. Statt dessen: Dieses mürrische Lied von der Zeit, dem besten
Handwerker.
I Want Out of the Circus. Auf der Galerie. Lahmes Kümmern, Ausgangssuche.
Für diese Zeit möchte ich blind sein, die gereihten Bilder nicht
sehen, die apokalyptischen Reiterinnen, die ihre Pirouetten drehen über
dem Sand, die Hörner und Tiergeräusche der Beach Boys Zirkusband
nicht hören, obwohl es die Musik der Stunde ist, Radio Orpheus mit
den immer gleichen Ansagen (Film von Cocteau) ...
Freitag, 13. Dezember, Köln.
Das kalte Blinzeln der Bohéme. Position: Unklar. A. hat Geburtstag.
Ich habe A. sehr lange nicht gesehen, ich hatte noch nie viel zu tun mit
A., die als Szenegirl par excellance durchgeht, ein mädchenhaftes
Gesicht, hohe Lächelfrequenz, blonde Haare, rundlich und selbstsicher
mit eingebauter Falltüre zur Unsicherheit, sie ist gut im Projektionsfläche
sein. Männerreihen, die ihr den Hof fegen, dabei ist sie zurückhaltend,
ausblendend, bestimmt von Privatdogmen und Eigenpräferenzen. Gleichsam
ein obskures Objekt der Angst, wie ich I. sage, dass ich nie einer von
denen sein wollte, die hinter ihr her rennen. Serial Girlfiend.
Und auf A.s Party, die in einer riesenhaften Ehrenfelder Wohnung abgeht,
Schläuche und Säle, lauter alte Bekannte, Abteilung junger Popjournalismus,
Plattenmacher, Chefaufleger, Frei- wie VollzeitjournalistInnen, Lokalredakteure,
Medienproletariat, gleichsam die sich selbst einbildende Elite, Diskurshöflinge,
Spexfans, LangzeitstudentInnen, die bessere Seite, in allen Facetten,
ich liege knapp unterhalb des Altersdurchschnitts. Freude. Leute, ich
war eine Weile weg, untergetaucht in meinem Privatschlamassel, hiermit
kündige ich mein langsames Comeback an. Cool, okay, Small-Talk-Freude,
Bier steht auf dem Balkon, alles klar. C. kommt, vier Tage vor Deadline,
Magisterarbeit, kurze Hektik, verschwindet wieder. K. ist da, erzählt
von ihrem Job als Sekretärin fürs WDR Morgenmagazin, Studium
abgebrochen, kleiner Austausch über C.s These von frei machender
Arbeit, das Konto ist sicher usw., andererseits die Routinen, das Unerquickliche
eines 40-Stunden-Jobs, Einschnitte ins Privatleben etc. Frage nach der
Schreiberei, Zeugin eines anderen Tagebuchs, gemeinsame Bekannte auch
in diesem Raum, A.W. nämlich, der jetzt endlich ein Stipendium in
Berlin antreten darf, vollste Mitfreude. These der Christbaumkugeln, denen
man mit Angeln nachhelfen muss, dass sie fallen. P., auch recht rundlich
inzwischen, berichtet aus der Hauptstadt, in der sie einem Logopädinnenjob
nachgeht an einer Geriatrie, aber eigentlich wollte sie immer Holzfällerin
werden, jetzt sucht sie nach ihrem Platz im Medienbetrieb, den sie dank
Plan B auch finden wird.
Schließlich sind noch J. und A.L. anwesend, deren Privatschlamasselzenit
noch nicht überschritten ist, kurzer Bericht über den Stand
der Undinge, S., schwerstes Opfer einer selbst zubereiteten Hölle,
dabei hochgeradig verschnürt, nervt mit überflüssigen Gegendiskursen,
als Wham!s Last Christmas läuft und ein Wiederfinden tröstlicher,
subjektiver Kollektivität statt hatte. Plattenmacher R.W. findet
sich auch für ein kurzes Gespräch, Lob der abgesungenen Band,
Gegenlob des Franzosenpopsamplers, den er mitstemmte. Usw. usw.
Wo bleibe ich? Ich streue mich unter, sehe alte Bezüge funkeln, die
ich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen baumeln ließ,
zu viel Zweifelmaschine statt einem ordentlichen Let-Go. Selbst ins Eck
gestellt und mich da eingerichtet, jetzt muss ich aus dem Staub, und teste
das Wasser, fußzahm. Ja, ein Holzfäller! - Und was ist mit
meinem Vogel?
Samstag, 14. Dezember, Köln.
Mein eigenes privates Lifestylemagazin. Sabine Scho: "ach gott, dachte
ich, was für einen anstrengenden beruf habe ich gewählt! tag
aus, tag ein am schreibtisch. die geschäftigen aufregungen, ohne
mich vom fleck zu bewegen, und außerdem ist mir noch diese plage
des grübelns auferlegt, die sorge, ob es die anstrengung lohnt, das
unregelmäßige essen, ein immer wechselnder, nie andauernder,
nie herzlich werdender menschlicher verkehr."
Und klar ist das banal, und klar ist das langweilig, leider aber gerade
das über dem Bett kurbelnde Schwert, das die Luft umwälzt. Ein
herzliches Merry-Go-Round.
Und was ich erlebe: Ist davon getragen. Und ja, ich bin eingespannt, umwickelt
im eigenen Kokon. Und den schleppe ich mit zur Freundin J., und ich schleppe
ihn mit in einer verstört-verzweifelten Tournee durch die Bars ab
vier Uhr, auf der Suche nach was? Einer Zeitmaschine" Selbstkritik
ist ein Luxus. Und mein Konto ist so leer wie mein Bett. "angst,
das kalte laken."
Donnerstag, 18. Dezember, Köln.
Die Nerven liegen also außen. Von hier aus finde ich nicht weiter.
Plötzlich kommen Vermählungswünsche auf. Die Schattenseiten
des R.H. als Falschspieler, Mogelpackung, Paranoiker. Die Bezüge
sind alle verdreckt, müssten dringend in die Waschmaschine, aber
leider kann ich nur meine eigenen Hälften dorthin tragen. Absetzung
der Substanzen, um mich als Held zu fühlen, andere brauchen etwas,
was ich nicht brauche. Gleichsam ist Trennung vom geliebten Objekt nichts
anderes als härtester Drogenentzug. Was nicht schmeichelhaft ist:
Das Objekt als Beruhigungsmittel. Übertriebene Analogie? Mitnichten:
Das Gefühl ist zuvorderst ein körperliches, auf der anscheinend
doch vorhandenen rationalen Ebene laufen Begleitprozesse, die wieder nach
Zusammenhängen suchen, Ursachenforschung betreiben. Auch nicht falsch.
Körperlich: Ausschüttung ungeheuerer körpereigener Substanzen,
was genau? Adrenalin? Ich fühle mich wie amputiert: Ein Teil von
mir fehlt. Einsatz von Gegengiften, Substituten, Betäubungshämmer,
nutzen nichts. Ich will die Droge zurück. Daneben die Therapeuten,
die von der Zeit sprechen, von der Geduld, von einem entfernt liegenden
Zustand, den man erreicht, wenn der Entzug vorbei ist. Und wann ist er
vorbei, kann man ihn beschleunigen? Nein, kann man nicht. Der nächste
Käse, durch den man durch muss, dabei liegt noch der erste schwer
im Magen. Für und Wider der Fluchttendenzen: Ja, man gebe mir bitte.
Montag, 23. Dezember, Köln.
Vollpanik. Das psychotische Summen. Von einem Arzt zum anderen, da natürlich
alle heute ihren ersten Weihnachtsferientag haben, schließlich nach
zweistündigem Fußmarsch bei Dr. Mondorf, dem Karnevalsprinzen
und Hausarzt für Randexistenzen, gelandet. Vom seit gestern eingesetzten
Johanniskraut gesprochen, das nur lähmt und runterzieht. Ein Arzt,
dem die Apotheken vertrauen: Verschreibt ein ähnliches Mittel, das
ich zwar kaufe, aber nicht nehme. Vom Ohrensausen erzählt, er lässt
die Assistentinnen ran, die mir die Hörgänge freispülen
mit warmem, klaren Wasser.
Er saß auf dem schalen Stuhl des Wartezimmers und überlegte:
Sollte er zu seinem Vater fahren, um sich zurückzuziehen, gute Luft
atmen, die Stille des Landes genießen, sich bekümmern lassen
zu können? Und sich Preis zu geben als Opfer der Geschehnisse? Sollte
er dem verständnislosen Arzt von seinen Depressionen erzählen,
seinen Selbstzweifeln und Ängsten, seiner verloren gegangenen Liebe?
Plötzlich kam er sich lächerlich vor. Klarer Fall von Überreiztheit,
nervlicher Anstrengung, diagnostisierte er sich selbst auf dem Weg zur
U-Bahn, leider fiel ihm die Therapie nicht ein, zunächst einmal sind
Spaziergänge zu verschreiben. Aufbrechen des Umfelds.
Dienstag, 24. Dezember, Köln.
A Day to Remember. KAPUTTE SZENE. Wie war das gleich bei Goetz? Feierte
er das nicht ab? Egal. Männerrunde, Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs,
die Wissenschaft, das Rumgeklüngel, die Frauen. Egal, das alles,
jetzt. Blut, Schweiß & Tränen, aber jede weitere Weiterbeschreibung
wäre nur einerseits eine Überhöhung der emotionalen Geschehnisse,
andererseits eine Verharmlosung, drittens nicht fair, den Deckel machen
wir jetzt mal wieder zu. Privatkacke, halt.
- Die unterste Schublade sollte man nicht aufmachen.
- Ja, genau.
Auch die BILDER DES JAHRES spart er sich. Sie differieren von den öffentlich
kursierenden, denn bei den öffentlich kursierenden hat er nicht viel
gefühlt, hier und dort ein wenig Panik und Angst, Befremden, aber
vor allem: Entertainment. Die Entertainmentmaschine, die alle Tasten bedienen
kann. Nur ein Bild wird frei und schwimmt, bildet Blasen, wird zäh.
Ihr eigenes privates Nevermind. Es ist dieses hier:

David H.W. Leder 1968-2002. In memoriam.
Dienstag, 31. Dezember, Köln.
Briefe schreiben, sie nicht abschicken. Frauen kennenlernen, nicht mit
ihnen schlafen. Biere trinken, nicht blau werden. Fachlektüre lesen,
nicht die Parallelen sehen, sondern die Unterschiede (High Fidelity).
Billige Tricks und rotblonde Aussichten. Charme geht anders. Popzitate,
von Haus aus allein, your own personal Jesus, Listenterror (bitte in SPEX
nachlesen).
- Lass uns gehen.
- Warum?
- Eifersucht.
Narzissmus regiert wieder. Das ist der erste Ausblick. Ein letztes Mal
schauen wir zurück im Zorn, ganz nach Freud; um den Stachel des Verdrängten
zu ziehen, mussten wir noch einmal da durch. Ab morgen beginnt ein neues
Jahr, also greifen wir diesen kollektiv konstruierten Zyklus auf, warum
auch nicht. Der Postkartenblick von der Dachterrasse des Ehrenfelders
Hauses (die Wohnung, in der die Party stattfand, nutzte einst der WDR,
um WG Europa o.s.ä. zu drehen) ist zwar eigentlich der falsche, im
Prinzip der vertauschte, denkt er, denn er steht an einer Stelle, an der
jemand anderes stehen sollte, die jetzt an seiner Stelle steht, aber das
ist wurscht, und auch nur ein Ausblick. Ein Ausblick auf einen neuen Zyklus,
der gewiss noch durchtränkt sein wird vom Geschehenen in 2002, dem
schlimmsten Jahr seines Lebens. Trotzdem wird es ein neuer Zyklus sein.Saskia
Mackeben
02.12.2002
..die stadt ist auch schön und mild und weihnachtlich. alle arbeiten
bei agilent (american company). ich spreche drei sätze spanisch und
ein wort katalanisch: perdone. ich glaube, jenny bleibt hier.
wir essen um halb elf zu abend, jetzt (17.40 h) ist es schon bald dunkel.
heizung muss kein luxus sein (werbung). in der wohnung ist mosaikboden,
und es gibt drei balkone. andi spielt den ganzen tag playstation (fußball).
astrid ist vor ihren problemen aus berlin geflohen. überraschung,
hier ist es auch nicht besser für sie. lo siento.
jemand, den man anschaut, lächelt und sagt: hola. gestern brachte
carlos zum frühstück klebrige croissants und schnecken (in köln
würde man sagen: teilchen) mit. am strand war es bewölkt, wir
sprachen über die vielen zuwanderer aus dem zusammengebrochenen argentinien.
wer ein europäisches (eu) elterteil hat, darf ins land.
mir gelingt, die kellnerin zu rufen (hola). der kuchen ist mit mandel
und kaneel. in köln gibt es gar keine kaneelbrötchen. bei uns
zu hause schon: mohn, sesam, kaneel (standardauswahl in den zeiten vor
vollkornbrötchen).vielleicht wegen des hafens in bremen. kaneel als
exportschlager.
ich habe ein paar schöne schallplatten gekauft. herbie mann. jenny
mag keinen jazz, weil das die musik ist. die ihr vater immer hört.
chers version von needles and pins. + ein spanisches da doo ron ron.
ich muss die plaza catalunya gleich wiederfinden, wenn ich zur wohnung
zurück will.
i picture myself. wie heißt das auf deutsch? ich stelle mir vor,
wie ich aussehe? jenny: die sagrada familia ist unter konstruktion.
5.12.02
es ist wohl immer noch nicht kalt, aber ich bin müde, im liegen geistern
noch die gestalten von letztem dezember als wiedergänger herum, ich
träume auch einen schatten von jemand wichtigem. ich muss noch nicht
ins büro, erst recherchieren.
die bibliothek ist im 14. stock, eine schöne aussicht auf eine hässliche
stadt, kopieren, quittung, fertig.
ich fahre durch köln, durch die SCHÖNEN viertel, sülz,
lindental, irgendjemand weiss bestimmt, woher der name sülz kommt.
wohnen hier (lindental) die oberen zehntausend? ich sehe einen kronleuchter.
t. hat geerbt, jetzt schrieb er mir eine mail. natürlich (moral)
macht ihn die kohle nicht glücklich.
ich versuche, die ergebnisse in den rechner zu hacken, verabrede mit jörg,
heute abend pizza zu essen. dieser fall muss heute fertig werden (betriebskostenabrechnung),
am besten auch noch die herausgabeklage. der tag wird gar nichts mehr.
7.12.02
der wecker ist falsch gestellt, heute ausschlafen. es ist schneewetter.
ich soll meine top-five-des-monats aufstellen, deshalb lese ich wieder
high fidelity, aber ich überblättere die hälfte. meine
mutter schickt seasonal decoration.
abends gehe ich einen film schauen."jeans". er erinnert an videoclips.
nicolette krebitz klettert in einem minirock auf einen baum und lässt
sich dabei von unten filmen. verkrampfter versuch, unabsichtlich sexy
zu sein. es bleibt vom film nicht viel in erinnerung. einer der hauptdarsteller
erinnert mich an einen bekannten, der auch seinen persönlichen ehrgeiz
darauf richtet, jede frau ins bett zu quatschen. es gibt keine anzeichen
dafür, dass der film von einer frau gemacht wurde. jasmin tabatabai
hat zum glück nur eine sehr kleine rolle, in der sie nicht nerven
kann.
ich gehe auf die party, frage mich, warum ich so müde bin. die feier
zieht so vorbei. es ist heiß und rotes licht (i´ll be your
seven day fool), ich denke an c., der nie hier sein würde. gedanken
werden irreal.
8.12.02
zuviel, das wochenende ist zuviel. auf der zülpicher straße
treffe ich eine kollegin, die bei hemmer den crashkurs zivilrecht macht.
ich fühle noch nicht mal examenspanik, wahrscheinlich bin ich zu
müde.
später ärgere ich mich, dass ich dieses wochenende keine klausur
geschrieben habe. vielleicht morgen? bis wann muss die denn zur korrektur
eingeschickt werden?
freundinnen zum kaffe. schöne ablenkung, wir sind alle gut drauf,
es gibt anekdoten.
dann bin ich wieder 14, höre dasselbe lied 20mal (why can´t
i stand up, and tell myself: be strong).
9.12.02
ich werde beim schlafen ständig geweckt, durch das telefon- und türklingeln.
auf dem weg zu hanna finde ich es unerträglich kalt. es ist immer
noch alles besser als letztes jahr. montag halt.
10.12.02
die arbeit geht mir wieder gut von der hand, markus will mit mir eine
rauchen, wir planen die weihnachtsfeier, ich plane meine berufliche zukunft
eher weniger.
ich überlege schwachsinn, z.b., dass ich c. die platte zurückschicken
könnte, die er mir geschenkt hat. der andere referendar ist ein unglaublich
typischer jurist, ein netter, konservativer soldat, der nicht zur weihnachtsfeier
kommen kann, weil er jagen geht. er hätte auch lieber eine freundin,
sagt er.
ich schmeiße meine sachen in den postausgang.
14.12.02
um neun uhr kommt constanze, ich sitze und warte darauf. die cds und platten
von donnerstag liegen noch ungeordnet herum, wir haben getanzt und alle
hits gehört. als ich marion das lied mit dem zitat vorspielte, hatte
sie angst, dass sie weinen muss. wir fanden es aber dann nur schön.
constanze ruft an und fragt: beck´s oder kölsch. beck´s
natürlich. ich mache mir unruhige/paranoide gedanken, weil ich immer
allen leuten alles erzählen muss. ich frage mich, wie das wirkt.
die klausur heute: straßenverkehrsdelikte und beweisverwertungsverbote.
15.12.02
entspannter tag. germar kocht uns heiße schokolade. ein ruhiger
abend in der scheinbar. ich erzähle, dass c. angerufen hat und mark
verdreht die augen. aber hauptsache, roma gewinnt gegen turin.
16.12.02
ich bin so müde, der tag ist eine einzige dämmerung (metereologisch).
die deutsche bahn hat neue fahrpläne, ich habe sieben punkte in der
revisionsklausur.
später lese ich maxie wander "guten morgen, du schöne".
meine augen kippen beim lesen manchmal weg, ich konzentriere mich so schwer,
dass ich an meiner urteilsfähigkeit zweifle. wander erstellte nach
aufgezeichneten, von ihr geführten interviews portraits von 19 frauen.
(protokolle nach tonband -> untertitel) sie schreibt: "ich habe
nicht nach äußerer dramatik gesucht oder nach persönlicher
übereinstimmung. ich halte jedes leben für hinreichend interessant,
um anderen mitgeteilt zu werden."
christa wolf schreibt im vorwort: "es zeigt sich: rückhaltlose
subjektivität kann zum maß werden für das, was wir (ungenau,
glaube ich) >objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann,
wenn das subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern
aktiven umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. das subjekt treibt
sich selbst heraus, wenn es dazu beitragen kann, aus den gegebenen verhältnissen
das äußerste herauszuholen. es wird in sich zurückgetrieben,
wenn es auf entfremdete, destruktive strukturen, auf unüberwindliche
tabus in entscheidenden bereichen stößt."
ich werde darüber nachdenken, wenn ich wieder wach bin.
19.12.02
es ist immer schlimm, wenn ich mich zurückgesetzt fühle. wenn
ich das gefühl habe, oder weiß: für eine andere hat er
das getan, und für mich macht er das nicht.
ich war gestern ganz normal, bei amely, beim adventsplätzchenbacken
und glühweinkochen. das hat gepasst.
24.12.02
blitzeis. die äste sind wie in glas getaucht (frosting). alle bleiben
zu hause.
ich bin noch wie zerschlagen von der klausur gestern.
25.12.02
ganz extreme träume. das ist bestimmt nur übertragung. die zugverbindungen
sind sowieso still. selbst wenn ich fahren wollte. abwarten.
familie. oma erzählt geschichten, die ich noch nicht kannte. wie
sie das bernsteinzimmer gesehen hat, und hans albers. nicht gleichzeitig,
natürlich. später bei bianca + mit meinem cousin samt aufriss
im "rosige zeiten" (just another fool), dann im römer:
der idiot, der hässliche, der dicke + der filmvorführer geben
sich die ehre. szenetypen aus biancas leben. sie kommt schlecht drauf,
aber die machen hier jetzt auch sowieso zu.
28.12.02
zurück nach köln. die schmerzen (physisch) vom letzten jahr
kommen wieder. die schöne landschaft zieht vorbei, furchen auf den
feldern, es spiegelt sich etwas in den pfützen, tiefgrüne wiesen.
ich bin also nicht zu c. gefahren. ich habe nicht gefragt, und er...
c.: am sonntag ist unser konzert. ich habe die ganzen texte vergessen.
ich: das wird schon.
c.: ja, man darf sich nur nichts anmerken lassen.
ich: genau.
pause
ich: neulich war ich auf einem konzert von der band, von frank, meinem
ex.
von denen der sänger spinnt auch. also, so meine ich das jetzt nicht.
ich
meine: der spinnt halt. auf dich bezog sich das jetzt nicht.
c.: nee, klar.
und so weiter. hera lind könnte mitschreiben.
später sage ich zu bianca: kennst du das, wenn man den hörer
auflegt und denkt: ich habe die ganze zeit nur scheiße geredet.
ich höre die fast perfekte kassette. wenn ich durchs zweite examen
falle, werde ich djeuse.
draußen jetzt: eine landschaft von nachtwanderungen und moorwanderungen
und somit von nostalgischem interesse. wie das rasierwasser desjenigen,
der jetzt auf dem platz vor mir sitzt. issey miyake - thomas. wir werden
uns wohl silvester sehen.
später videoschauen mit jörg (zur sache, schätzchen = film).
ich bin mir sicher, das beck´s schmeckt in bremen anders. vielleicht
liegt es an den kleineren flaschen.
es geht mir so unglaublich viel besser als vor einem jahr.
Rainer Junghardt
Eine Industriebrache
Sie sind nicht mehr da. Die Arbeiter kommen nicht mehr morgens um sechs
an meinem Pförtnerhaus vorbei und rufen "Morgen!" oder
schweigen, die Angestellten kommen nicht mehr um acht oder neun durch
mein Pförtnerhaus in die Verwaltung und grüßen oder grüßen
nicht. Niemand grüßt mehr. Die Vorstellung aber bedient sich
ebenso gern der Erinnerung und Gewohnheit wie des Wissens und der Wahrnehmung,
und lange hatte ich, während ich das Werk versicherungshalber weiter
bewachte, das unbestimmte Gefühl, es müssten noch Menschen darin
sein.
So hatte ich auch nach Wochen noch auf meinen Rundgängen den Eindruck,
aus dieser oder jener Tür müssten jetzt Herr Boldt und Herr
Esser stolpern. Die beiden waren als Mitarbeiter von Werkssicherheit und
Instandhaltung ständig im Werk unterwegs und das so hastig, dass
sie sich, obwohl nur zu zweit, vor jeder Tür zu stauen schienen,
der eine den anderen geradezu anschob, während der öffnete.
Sah man sie irgendwo herauskommen, so schien es, als müssten sie,
da sie fast zugleich herausdrängten, stecken bleiben oder straucheln
und fallen. Diese Auftritte wirkten um so unbeholfener, als Herr Boldt
zwei Meter groß und überaus dick, Herr Esser aber ungefähr
zwei Köpfe kleiner, mager und ausgezehrt war. Und eben weil ihr Auftauchen
durch ihre Hast oft etwas überraschend es gehabt hatte, hätte
es jetzt hierher gepasst, weil hier nun jedes Erscheinen überraschend
sein musste.
Aus anderem Grund meinte ich gelegentlich, wenn ich meine Zeit so lesend
und schreibend herumbrachte, eine marokkanische Auszubildende, die einer
anderen Frau ziemlich ähnlich sah, und deren beider Vornamen netterweise
mit den gleichen beiden Buchstaben begannen, die auch die einzige war,
die nie "Mahlzeit" sondern immer "hi" sagte, und ich
antwortete "hi", müsse gleich hereinkommen, weniger nämlich
aus Gewohnheit als weil ich die Erinnerung an jene vermisste.
Allmählich gewöhnte sich meine Vorstellung daran, dass hier
niemand mehr anzutreffen war, und wenn sie mir doch noch einmal diesen
Eindruck aufdrängte, so griff sie auf Begegnungen zurück, die
auch damals schon selten und unwahrscheinlich gewesen waren, und machte
ihn damit wenn auch nicht glaubhaft, doch zumindest in dieser Hinsicht
stimmig. Herr Scherdorf, der Werksleiter war fast nie zu sehen gewesen.
Er fuhr morgens schnell an meinem Häuschen vorbei auf seinen rückwärtigen
Parkplatz, kam durch den hinteren Eingang in die Verwaltung und verschwand
sofort in seinem Büro. Waren alle anderen Angestellten immer wieder
im Werk unterwegs, nahmen Dinge in Augenschein und trafen ihre Entscheidungen
vor Ort, so gab er lediglich knappe telefonische Anweisungen. Nur kurz
sahen ihn ein paar leitende Angestellte bei der mittäglichen Besprechung.
Ansonsten schaute seine Sekretärin von Zeit zu Zeit in sein Büro,
sich zu vergewissern, dass er immer noch da saß und nicht jemand
anderes sich eingeschlichen hätte und heimlich von seinem Anschluss
aus Anweisungen gäbe. Sehr spät noch, als der Zerfall schon
überall deutlich sichtbar war, glaubte ich noch einmal, er werde
mich gleich anrufen. Erst wenn auch solche versteckten, schattigen Existenzen
nicht mehr darin vermutet werden, ist ein Ort endgültig verlassen,
auch in der Vorstellung.
Von da an braucht es Anlässe für solche Wiederläufer der
Einbildung. Ein Fremder hat die Erlaubnis, ein paar vergessene Ziegel
aus einer Halle zu holen. Mit seiner Schubkarre fährt er gegen einen
Türrahmen und stürzt. So fällt Herr Boldt doch noch über
Herrn Esser.
Dann wird der Zerfall unumkehrbar. In den feuchten Büros fällt
meterbreit die Tapete herunter und überlässt die Wände
schwarzem Stock. Überall regnet es herein, in der Verwaltung wellen
sich die Teppiche und faulen, in den Hallen steht das Wasser, schließlich
dürfen sich nicht mehr betreten werden. Eine Brücke zwischen
zwei Hallen bricht ein. Die Trümmer werden nach einer Woche zur Seite
geschoben, oben klafft ein zwei Mann hohes Loch, die Stümpfe diverser
Wasser-, Druckluft- und Abluftrohre und Strom- und Telefonleitungen ragen
heraus wie Sehnen und Adern.
Durch den Zerfall werden abgelegene, dunkle Ecken, in denen Ausschuss
und Reste abgestellt wurden, noch trostloser, verrotten um so mehr, hellere
Winkel, in denen Bäume stehen und eine Bank, auf der man früher
einmal in der Pause gesessen hat, werden fried-lich von Efeu und Moos
überzogen um so angenehmer.
Es bleiben die Ablösungen. Klaus sitzt bereits im Wagen, wenn ich
hereinfahre, hebt die Hand zum Gruß und fährt. Löst er
mich ab, so sagt er, ich solle machen, dass ich fortkomme und noch etwas
habe vom Tag. Arnold bleibt gern noch eine halbe Stunde und erzählt
vom Urlaub und vom Einkaufen. Ich antworte ähnlich. Franz sehe ich
nur sonntags. Er hat ein paar Illustrierte dabei, und wir machen Pförtnerwitze
über Aufregung und Chancen im Beruf, die die Horoskope verheißen.
Georg erzählt mir von Programmen und Anschlüssen seines Laptops,
ich kenne weniger davon. Er macht eine ähnliche Weiterbildung wie
ich und gelegentlich gehen wir ein paar Unterlagen durch. Entspanntes
Rauchen, entspannte Übergabe.
14.12.
q&c. kommt h. abreißen. lange s. gesucht, der sich nicht blicken
lassen wollte. dann das hallentor mit einem schraubenzieher geöffnet,
damit q&c.s leute an ihre maschinen kommen. von der halle steht schnell
nur noch ein geäst von stahlträgern, falzblechwände liegen
wie laub an allen seiten ausgebreitet. von einer hebebühne aus zertrennt
q&c die dachkrone mit einem schneidbrenner.
ich mache meinen rundgang auch um die arbeitenden herum und schaue die
riesige pfütze an, die sich in einer senke auf dem parkplatz gebildet
hat, vielleicht 5 mal 7 meter, vielleicht 40 cm tief, seit zwei jahren
unverändert, bei heißem wetter wenige tage einmal ausgetrocknet,
bei regen fließt ihr das wasser des halben parkplatzes zu, und was
immer darauf verrottet, reste von blättern und blechen, abwechselnd
von schauern gespült klar und von algen getrübt, auf ihrem grund
ein fladiger grüner verseuchter morast, nun zum ersten mal in diesem
jahr gefroren.
ich tippe mit der schuhspitze an das eis von pf., ein riss entsteht mit
einem knacken. "der winter ist nur eine große desinfektionskampagne."
das hat w. mir einmal gesagt. das macht mich traurig.
q&c. macht mit seinem kran einen weiteren stahlträger von h.
sin-ken.
Dann kommt das Wachstum. Pflanzen breiten sich aus, ein Fasanenpaar siedelt
sich an. Früher gleichmäßig zurückgeschnittene Hecken
sprießen mühelos meterbreite Wege in einem halben Jahr zu und
Bodendecker lassen ihre endlosen langen Ausleger über die Werksstraßen
wachsen. Immer wieder stehen Unkräuter isoliert auf dem Asphalt wie
aufgesetzt, erst wenn man sich tief zu ihnen hinabbeugt erkennt man den
feinen Riss in der Fahrbahndecke, der ihnen genügt, sich dort zu
ernähren. Eine Birke wurzelt in mehreren Metern Höhe im bloßen
Mauerwerk. Jetzt reduziert der Winter die Vielfalt der Arten und Farben
der Vegetation auf ähnliche Rückzugsformen von bloßen
Stielen und Zweigen, demnächst aber beginnt wieder ihre genügsame
und wuchernde Entfaltung.
Christian Jansen
Paris, im Dezember 2002.
McKinsey & Company ist laut Eigendarstellung der "Rolls Royce"
unter den Unternehmensberatern. Dem BWL-Studenten müsste die nach
diesem Kabinett benannte Matrix (neben der der Boston Consulting Group)
ein Mindest-Begriff sein. McKinsey verfolgt zwecks Rekrutierung seines
Nachwuchses eine Politik der Annäherung gegenüber bestimmten
Pariser Universitäten. Und das geht so:
Der Rolls Royce bat an einem frostigen Donnerstag abend zu einem "Cocktail
McKinsey" in sein Bureau auf den Champs Elysées. Die anderen
Unternehmensberater (Pricewaterhouse Coopers, KPMG, Doilette & Touche,
Andersen (als noch existent),...) sind regelmäßig auf den einschlägigen
Forums des Entreprises vertreten - nicht so McKinsey. Hier bemüht
man sich nicht selbst - man lässt bitten. Eine gelungene Marketing
Strategie. Nachdem schriftlich und mit Anlage des Lebenslaufes das Ansuchen
geäußert worden war, einen Cocktail auf den Champs Elysées
schlürfen zu dürfen, kam einige Tage später das OK unserer
Berufsorientierungs-Beauftragten: Rendez-vous um 17.45 Uhr vor Nummer
79, Avenue des Champs Elysées. Ich war 10 Minuten zu früh,
hatte keine Lust, vor dem Eingangsportal zu frieren und verzog mich in
eine Seitenstraße, wo ich in einem billigen Stehcafé die
Zeit mit einem Espresso hinunter spülte. Als ich pünktlich wieder
vor Nummer 79 ankam, stand schon ein Pulk von ca. 40 Studenten in der
eisigen Pariser Winterluft. Ich erkannte niemand auf den ersten und nur
einen einzigen Typen auf den zweiten Blick. Erleichterung und Small Talk.
Wo absolviert dieser und jener sein Praktikum? Kommunikation für
St. Gobain, Marketing für RTL, d'accord. Mein Name wird auf einer
Liste abgehakt.
Man ließ bitten - man lässt warten. Schließlich werden
wir von einem Livrierten durch einen Messing- und Marmorkorridor in die
Messing- und Marmoreingangshalle gebeten. Alles riecht nach Diskretion.
Außen war nicht einmal ein Firmenschild angebracht: Entweder, man
weiß, WER hier logiert, oder man gehört eben nicht dazu. In
Grüppchen zu sechst werden wir in die Aufzüge und bis zur siebten
und letzten Etage befördert. Marmor, Messing, Palmen. Weitere Gänge,
Büros, PCs, schließlich Menschen. Wir münden in einen
Versammlungsraum: Ausblick auf die weihnachtsbeschmückte, hell belichterte
Champs Elysées und den Arc de Triomphe, die aus der Pariser Nacht
herausstechen: das ist wohl integraler Teil des Marketing-Konzeptes. Auf
einem Tisch liegen Namensschilder, alphabetisch aufgereiht. Christian
Jansen ist auch dabei und ich stecke mich mir ans Revers.
Thibault ist Directeur associé, verheiratet, 2 Kinder, 7 Jahre
Investment Banking, seit 5 Jahren bei McKinsey, diplômé HEC
und Sciences Po. Die Diplome - das ist so ein Tick bei diesen Leuten;
genauer: das ist so ein Tick in Frankreich. Wer weit nach oben will, benötigt
dazu das Diplom einer (besser: mehrerer) Grandes Ecoles. Man kann diese
Kaderschmieden, fast alle in Paris, an zwei Händen abzählen:
Für die wirtschaftliche Richtung gibt es HEC (Hautes Etudes de Commerce),
ESSEC (Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales)
und ESCP (Ecole Supérieure de Commerce de Paris). Für die
im weitesten Sinne mathematisch-technische Ausbildung sind die renommierten
Ingenieursschulen zuständig: Polytechnique, Ecole Supérieure
des Mines und Ecole Centrale de Paris. Das sind jeweils die großen
Drei. Die intellektuelle Elite der Geisteswissenschaften wird an der Ecole
Normale Supérieure (drei Abteilungen: Rue d'Ulm in Paris; Cachan;
Lyon) gezüchtet. Wer hier studiert, wird vom Staat dafür bezahlt.
Sciences Po, d.i. das Institut d'Etudes Politiques de Paris, bezieht eine
Sonderstellung zwischen den Grand Ecoles de Commerce und den Elite-Ingenieursschulen.
Hier werden Allgemeinwissenschaftler herangezogen, von denen ein Großteil
sich in wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen spezialisiert. Außerdem
gilt das Diplom Sciences Po als Königsweg für die Aufnahme an
DER Kaderschmiede der administrativen Eliten Frankreichs: die Ecole Nationale
d'Administration, kurz: ENA, die 60 Leute pro Jahrgang diplomiert. Die
politische Klasse Frankreichs hat fast ausnahmslos diese Schule durchschritten.
Sciences Po liefert jedes Jahr 90% der an der ENA Aufgenommenen. Die "Enarques",
wie man ihre Diplomanden leicht abfällig (weil neidisch) nennt, besetzen
- nach einem Parcours im öffentlichen Dienst - auch Schlüsselpositionen
in der französischen Wirtschaft. Die meisten Leute, die GANZ oben
ankommen, haben oft mehrere dieser Eliteschulen besucht: Jacques Chirac
ist diplômé Sciences Po und ENA, Jean-Marie Messier, der
Ex-Chef von Vivendi Universal, hat Polytechnique und ENA absolviert, usw.
Man muss den Klüngel der Diplomanden der verschiedenen Schulen verstehen,
die ein Netzwerk bilden, soziale Kasten, die die Schlüsselpositionen
des französischen Machtapparates besetzen und sich gegenseitig zuarbeiten.
Bestimmte Firmen rekrutieren nur Absolventen dieser oder jener Grande
Ecole - je nachdem, welche dieser Schulen die Entscheidungsträger
des Unternehmens besucht haben. Ohne entsprechendes Diplom "Zutritt
verboten". Wer das nicht weiß oder nicht zur Kenntnis nehmen
will, der kann die französische Gesellschaft nicht verstehen.
In Deutschland ist der Irrglaube verbreitet, die Sorbonne sei der Hohe
Tempel des französischen Bildungssystems. Das muss von Professor
Sartre und einer langen Tradition herrühren. In Wirklichkeit blicken
Schüler der Grandes Ecoles auf Kommilitonen der Universités
herab - Sorbonne oder nicht: die Universités sind für den
Pöbel, hier studiert der Rest. Auf der Party einer Kommilitonin (es
waren fast nur Studenten von Sciences Po und Polytechnique anwesend) war
diese Studentin, die Komplexe hatte, weil sie "nur" an der Sorbonne
immatrikuliert war, und sich unter all diesen Grands Ecoliens mickrig
vorkam.
Thibault, der Directeur associé des Pariser Büros, hat also
HEC und Sciences Po absolviert - so wird ein Mann in Frankreich gestempelt:
Das ist wie eine soziale Durchmarschbescheinigung. Ein Kommilitone nannte
das Diplom der ENA einmal eine Lebensversicherung. Entsprechend lesen
sich auf McKinsey's Webseite die Mitarbeiterprofile: Marc, 28, Mines de
Paris; Sandrine, 28, HEC; Jacques, 30, Mines de Paris, ENA; Alexandre,
24, Polytechnique. Thibault macht auf kontaktfreudig und schüttelt
einigen Studenten, die sich zu viert oder fünft um runde Tische versammelt
haben, die Hände. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen und ihre
Namensschilder angesteckt haben (weiß für die Scienes Po Studenten,
blau für die McKinsey Mitarbeiter), stellen sich die blau Bekarteten
der Reihe nach vor, und das geht so: "Guten Abend, ich heiße
Jean-Baptiste, bin seit 3 Jahren bei McKinsey und diplômé
ESSEC und Sciences Po. Letztes Jahr habe ich einen MBA in den Staaten
gemacht. Was ich bei McKinsey so schätze ist, dass wir wirklich im
Team zusammen arbeiten und es dabei absolut keine Hierarchie gibt. Jeder
sagt offen, was er denkt. Dazu sind wir sogar verpflichtet: obligation
to dissent, nennen wir das." So geht es weiter. Die meisten McKinsey
Consultants haben Scienes Po und noch eine andere Grande Ecole absolviert,
sind alle witzig, loben die tolle Arbeitsatmosphäre und hohe Professionalität.
Es folgt eine Powerpoint Presentation, deren erster Teil von Thibault
übernommen wird. McKinsey, das sind die besten ihrer Spezies, bilden
ein Weltweites Netz: "Wenn ich eine Problemstellung habe, konsultiere
ich zuerst unser riesiges Archiv. Da sehe ich, wer in der Welt schon an
ähnlichen Fällen gearbeitet hat. Dann rufe ich den Mann an und
er wird mir bereitwillig und ausführlich seine Erfahrung vermitteln.
Bei komplexeren Fällen fliege ich sofort hin." Zwei seiner jungen
Wölfe übernehmen und schildern ihre Erfahrung bei McKinsey in
schillernden Farben. Die Studenten beginnen zu träumen, die Augen
färben sich weihnachtlich.
Der zweite Teil der Vorstellung besteht aus einem Gespräch am runden
Tisch. Jeweils ein Consultant pro Kreis. Zu uns gesellt sich Charles,
er trägt einen teuren Anzug, die Krawatte lässt allerdings etwas
an Geschmackssinn vermissen. Ich schätze ihn Anfang dreißig,
er trägt einen goldenen Ehering, das Kinn quillt ihm schon leicht
über den Kragen. Die Standardfrage der französischen Kommilitonen,
welche Schulen er denn besucht habe, beantwortet er mit einem Witz, jedenfalls
denke ich, es müsse wohl witzig gemeint sein: Er habe zwar Sciences
Po besucht, allerdings das Diplom nicht erhalten - Ungläubiges Staunen
- Warum? - Weil er SCHON VOR dem Sciences Po Diplom an der ENA angenommen
worden sei. - Bewunderndes Staunen der französischen Studenten. Um
diesen "Witz" zu verstehen, muss man wissen, dass die meisten
Sciences Po Studenten sich NACH dem Diplom meistens noch ein Jahr lang
auf den Aufnahmetest der ENA vorbereiten.
Zum Firmen-Codex gehört, zuhören zu können: être
toujours à l'écoute du client, nennt man das. Charles ist
allerdings ziemlich monologisch veranlagt. Ich habe mich auf den Abend
vorbereitet und den Aufsatz des HEC Direktors gelesen, der ein année
sabbatique bei McKinsey absolviert hat. Ich wollte einen externen Blick
auf die süßliche Selbstdarstellung. Da liest man denn, dass
zum Firmen-Codex das Prinzip up or out (auch: grow or go) gehört:
Wer nicht spätestens nach drei Jahren aufsteigt, steigt aus. Man
fragt dann: "Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor",
und ist bei der Umorientierung behilflich. Über Auf- oder Ausstieg
entscheidet die Leistung (das nennt man im Firmenjargon meritocracy),
die nach jeder Mission evaluiert wird: BS = below standard, S = standard,
AS = above standard, O = outstanding; zweimal BS oder S = out. Das hört
sich ziemlich rüde an, und mit der nicht-hierarchischen Arbeitsweise
schwerlich zu vereinbaren. Ich erlaube mir, das schüchtern anzumerken
und werde von Charles lächelnd belehrt, dass ein Consultant nicht
am anderen gemessen wird und deshalb kein Konkurrenzdruck entstehe. Im
Gegenteil werde die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen gefördert
und berücksichtigt. Das sei eben wirklicher esprit d'équipe,
und - er legt väterlich seine Hand auf meinen Unterarm - wer Konkurrenzdenken
verhaftet sei, für den - er wirft mir lächelnd einen Seitenblick
zu - sei bei McKinsey kein Platz. In ein anderes Fettnäpfchen trampelt
mein Tischnachbar: Wie viel man den als Junior bei McKinsy so verdiene?
Das wird übergangen, man hat genug Geld in der Tasche, kein Grund
also, es in den Mund zu nehmen. In dem oben zitierten Aufsatz kommentiert
der Professor lapidar: money is not a problem.
Endlich geht es in die dritte Runde: "lockeren Talk" am Buffet.
Die Studenten freuen sich auf Champagner und feine Häppchen und gehen
zum Nahangriff über: Es gilt, sich in Szene zu setzen und in der
Erinnerung zu verhaken; Lebensläufe werden verteilt, Studentinnen
mit aufregenden Décoltées hängen an den Lippen von
Consultants mit feistem Kopf und Haarausfall.
Als ich im Büro erzählte, dass ich zu einem "Cocktail McKinsey"
geladen sei, glänzten die Augen der jungen Kollegen, die keine Grande
Ecole besucht haben und damit von vornherein ausscheiden: McKinsey, das
sei ein Traum. Sofort wurde ich beraten, wie mich zu kleiden, wie mich
in Szene zu setzen, worüber zu reden. In der nun auftretenden Situation
solle ich möglichst den Kontakt mit weiblichen Mitarbeitern suchen:
Es war genau ein weiblicher Consultant anwesend. Eine große, schlanke,
rothaarige Frau, etwa meines Alters. Hier erfuhr ich, dass eine McKinsey-Woche
normaler Weise zwischen 60 und 70 Stunden zähle, dass, sobald es
dem Ende einer Mission entgegen gehe, allerdings auch schon mal die Nacht
durchgearbeitet werde. An Diplomen hatte sie Sciences Po und ESCP zu verzeichnen,
und mit meinem Décolltée fuhr ich frontal gegen einen Eisberg.
Später am Abend unterhielt ich mich noch mit einem Absolventen von
ESSEC, Sciences Po und ENA, der nach einer kurzen Karriere als Beamter
in der Finanzinspektion in die freie Wirtschaft gewechselt war - mehr
Arbeit, lukrativere Vergütung. Die 60 bis 70 Wochenstunden seien
zwar stressig, aber es gebe immerhin noch die Investment Banker, die ca.
80 Stunden pro Woche zu Gange seien. Verglichen mit denen, sei die Arbeitsfülle
bei McKinsy doch noch ganz human. Wir unterhielten uns nicht sonderlich
lange, weil ein widerlich stiefelleckender Kommilitone sich ziemlich unhöflich
in die Diskussion drängelte. Bei dem Stichwort "ENA" war
er hellhörig geworden - die drei Buchstaben üben auf viele Studenten
eine ungeheure Anziehungskraft aus. Eine vergleichbare Anbiederung hatte
ich tatsächlich selten erlebt: der Drängler quetschte sich frontal
vor den begehrten Consultant (Absätze angeschlagen, Fußspitzen
gespreizt, Oberkörper leicht vorgebeugt, Hände mit den Handflächen
nach oben ineinander gefaltet, Froschmaulgrinsen) und teilte mit, dass
er selbst, Normalien (d.h. Absolvent der Ecole Normale Supérieure)
und nun Sciences Po, sich überlege, ob es denn wohl noch von Vorteil
für seinen beruflichen Werdegang sein könne, das Diplom der
ENA seinem Lebenslauf hinzuzufügen. Ich wäre vor Scham am liebsten
im Holzparkett versunken. Anstatt diesen Schleimer allerdings eiskalt
abzuservieren, stieg der Consultant ein und es folgte eine viertelstündige
Diskussion über die Vorzüge der Ecole Nationale d'Administration.
Ich musste später an Ingo Jacobs schönes Wort von der "Ecole
Infernale de comment on règne" denken: unter welche Menschen
bin ich gefallen? Wer hilft mir in diesem Schneetreiben? Einen Arzt für
diese Leute. Oder einen Henker. Ich nahm meinen Mantel, den Aufzug und
einen Seitenausgang. Es war gegen 21 Uhr, als ich wieder auf die Straße
trat und mich vor dem nun geschlossenen Billigimbiss fand, in dem ich
vorher einen Café getrunken hatte. Ich lief noch ein paar hundert
Meter die Champs Elysées hinab, in einer totalen American-Psycho-Stimmung:
überall Touristen, Weihnachtslichterblitze, die Kälte der Luft,
der Hass in der Metro, die Feindseligkeit der Menschen, ihre verhärmten
Futterneid-Visagen, Nadelstiche in meine Nerven. Meine Lederhandschuhe,
mit denen ich hätte würgen und töten können. Die Sehnsucht
nach Wald und Feldern. Dann Zweifel: lüge ich nicht, wenn ich sage:
Ich bin unter diese Menschen "gefallen"? Habe ich den Wahnsinn
noch unter Kontrolle? Wie lange noch kann ich mir glauben: "Ich schaue
mir das alles mal in Ruhe an"? Hätten sie mir einen Job geboten,
ich hätte ihn genommen und mir in meinem Kopf zurecht gebogen, dass
auch das nur eine Art gut bezahlter Recherche sei.
Tobias Schoofs
heute vormittag habe ich mich genötigt, die tagebücher von saskia
und rené durchzulesen, die im laufe der letzten beiden wochen hier
eingeplätschert sind und an denen ich nach den ersten einträgen
die lust verloren habe. ihnen fehlt der kamm, dafür haben sie viel
gel: young urban mehr oder weniger professionals langweilen sich zu tode
und geben dies zu protokoll. ein kopfschmerz hier und da, ab und an ist
jemand gut drauf. das interessiert den soziologen, wenn er gerade über
leute promoviert, die sich zu tode langweilen. wen interessiert es noch?
wie immer zeigen renés texte, dass an ihnen gearbeitet wurde. wie
immer haben sie geschmack: von dem nicht zu viel und von diesem in ausreichendem
maße. sie gehören in die bewerbungsmappe für das lifestylemagazin.
wie oft zeigen saskias texte, dass an ihnen zu wenig gearbeitet wurde.
"ich schmeiße meine sachen in den postausgang."
christian scheint weniger zu erleben als die beiden. er schreibt für
den ganzen dezember nur einen einzigen eintrag, der sich auch nur auf
einen einzigen abend bezieht. dass sein leben äußerlich mit
dem von saskia und rené verwandt scheint, zeigt der kurze absatz,
in dem es um das büro geht, das seinen alltag ausmacht. den rest
büro, um ehrlich zu sein, kann ich mir denken.
an diesem einzigen abend im dezember hat christian (ich nenne die tagebucherzähler
nach den namen der tagebuchautoren) jedoch um einiges mehr erlebt als
die anderen beiden im ganzen dezember. denn er hat sich die eine oder
andere frage gestellt, die mit ihm persönlich zu tun hat. in seinem
text finden sich elemente der selbstkritik. dadurch wird sein text spannend.
da er sein erleben gleichzeitig mit sehr viel information über die
welt anreichert, in die sein tagebuch gehört, hat man auch das gefühl,
nach der lektüre irgendwie mehr zu wissen als vorher. das ist ein
schöner nebeneffekt: denn irgendwie fühle ich mich befriedigt,
nachdem ich diesen text gelesen habe. das ist doch schonmal was.
Christian Jansen
da laufen sie wieder, jeder in seinem kleinen subjektivitaetsmikrokosmos.
wie haben sie wohl ihren samstag morgen verbracht? im bett, oder im "bett"?
vor dem pc? in ueberfuellten einkaufspassagen - ein hysterischer letzter
samstag vor der geweihten nacht?
und warum kommt kein tagebuch mehr? ist rené beleidigt? und saskia,
ist sie ironisch, selbstironisch, oder einfach gedankenlos / muede, wenn
sie christa wolf zitiert. "es zeigt sich: rückhaltlose subjektivität
kann zum maß werden für das, was wir (ungenau, glaube ich)
>objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann, wenn das
subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern aktiven
umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. (...)"? da sollte man
nicht schlafen, sondern hellhoerig werden.
wenn ich das, was ich von deutscher literatur und literaturkritik noch
mitbekomme, richtig verstanden habe, dann wirft man der jungen dt. lit.
NABELSCHAU vor.
nabelschau, leere selbstbespiegelung des subjekts also. und genau das
ist es, was tobias den tagebuchtexten von rené und saskia vorwirft.
ich neige dazu, seine auffassung zu teilen: was in diesen texten fehlt,
ist der "aktive umgang mit gesellschaftlichen prozessen", wenn
ich mal gerade wolfs holzklotzsprache benutzen darf. ohne jetzt wieder
die leidige grundsatzdebatte "l'art pour l'art oder lit. engagée"
lostreten zu wollen - mache ich es also lieber am konkreten textmaterial
fest:
1) René
das sind kompositionen auf sprachlich hohem niveau. allerdings wuerde
ich mir auf diesem niveau ein plus an inhalt wuenschen. soweit schoofs-text.
warum dieser in sich und seine reflektion der aussen- und innenwelt eingekapselte
erzaehler? der einzige "dialog" ist der mit einem nena zitat
aus der zeitung. ein NENA zitat! hey leute, gibt es in deutschen zeitungen
gerade nichts aufregenderes zu lesen? wenig dialog also, wenig austausch.
- ansonsten treten koerper in jogginganzuegen auf. warum koerper? steckt
da kein mensch drin? wenn ron winkler, der einzige mensch mit vollem namen,
eingefuehrt wird, erfahre ich, dass er ein "sehr netter mensch"
ist - punkt. warum ist er nett? was heisst das, "nett". wie
und was schreibt denn dieser "schreiber"? - ich habe - nennt
man das zufall? - die magisterarbeit dieses herrn winkler gelesen und
fuer meine eigene benutzt. ich waere neugierig darauf, ihn kennen zu lernen.
renés text laesst mich enttaeuscht. oder ist das seine strategie
- seine leser zu enttaeuschen? wir haben es doch mit einem reisenden zu
tun - koeln - frankfurt - regensburg: gibt es da nicht berichtenswerteres
als die lichter auf der autobahn?
schoen die beschreibung des jungen wohnens; dagegen positioniert sich
der scheiber in mittelaltem wohnen. ist das kritik? wie sieht mittelaltes
wohnen denn aus? ist es besser als junges? und wenn ja, warum?
auch komfortabel zu lesen der blick auf die familien, die sich am sonntag
"zeigen" (super!) und ihren - NATUERLICH! - KLEINwagen im parkhaus
abgestellt haben. so klein wie der wagen der geist. diese art kritik erinnert
mich an meine letzte stuckrad-barre lektuere, muss wohl "deutsches
theater" gewesen sein: da macht sich dieser schnoesel ueber die fernsehsendung
"scheibenwischer" lustig. ich fand das scheisse und dachte mir,
dass man sich tatsaechlich ueber alles lustig machen kann, sogar ueber
letzte inseln in einem meer aus merde. das mag auch eine lebenshaltung
sein - und ich neige ihr zuzeiten zu - allerdings nervt mich bei den meisten
dieser leute die nicht vorhandene selbtkritische oder wenigstens: -ironische
haltung. konkret: sich ueber kleinbuerger mit kleinen autos oder kolleginnen,
die ihren wohlfuehlpark ausbreiten (grossartig gesagt!) lustig machen
ist eine sache (mitunter auch eine GEMUETLICH zu lesende) - sich dann
aber im selbstmitleid suhlen, die nicht sehr komfortable situation des
nicht-bestseller-schreibers zu schildern, ein schmerz im ohr hier, kreislaufprobleme
da, die weinerliche demut ob des schreiber-mikrokosmos (und, zwischen
den zeilen: ausbleibenden erfolges), so klein der kreis (nebenbei: ist
das elitismus? - elitaer von exlegere: ausLESEN), die gereifte freude
ob der kleinen gemeinsamkeiten, man ist keine 18 mehr, vorbei das stuermen
und draengen, man wird realistischer, man hat sich eingerichtet im eigenen
kleinen wohlfuehlpark, - - ist das nicht auch komisch, wert, einer kritik,
polemie oder wenigstens ironie unterzogen zu werden?
2) Saskia
vieles, was ich an kritischem zu 1) schrieb, gilt hier. es gilt auch,
was tobias schreibt: die texte sind weniger bearbeitet, sie wirken in
der tat wie in den rechner gehauen und "in den postausgang geschmissen".
das problem: die oft geaeusserte muedigkeit der erzaehlerin breitet sich
leider oft auf die qualitaet des textes aus.
dabei gaebe es doch interessante themen in diesem von muedigkeit durchzogenen
leben zwischen referendariat, examensstress, buero und party: "ich
plane meine berufliche zukunft eher weniger." warum das alles? warum
so leben und nicht anders? welche "gesellschaftlichen prozesse"
wirken auf eine jurastudentin? sind sieben punkte in der revisionsklausur
eine gute oder schlechte note? warum schmeckt ihr becks besser als frueh-koelsch?
welche bedeutung hat die italienische fussballiga fuer die erzaehlerin,
warum ist sie noch in c. verliebt? ist mark kein guter freund? warum diese
leere selbstspiegelung? nach 20maligem hoeren muesste die botschaft doch
angekommen sein: stand up, and tell yourself: be strong!
oben
roundabout
dezember
René
Hamann
Sonntag, 1. Dezember, Köln.
Wunsch, auf dem Land zu leben. Eine gemütliche, blauäugige Beziehung.
Die bayerische Volksmusik. Der erste Advent. Eine blattschwere Luft, nicht
die benzingetränkte der Stadt. Und hinter den Gleisen, als ich nachmittags
mich selbst spazieren führe: Sieht man das Verbaute, Kopf und Herz,
das unschlüssig Stehende, die sich nach hinten verzogene Dienststelle
der Polizei. Unter dem Rhein mag ich sein.
Jemand, mit dem es sehr oft sehr gut funktioniert: der GRUNDIG SUPER COLOR,
mindestens mein Jahrgang, dank Schrittmacher und Beatmungsgerät toppfit.
Getragen von einem unbekannten Holzstuhl, verziert durch ein Metronom
und ein Stimmgerät. Als er die amerikanische Produktion einer Zukunftsserie
mit hohem Albernheitsgrad für meine Erbauung und vorabendliche Hirnleere
darbietet, tritt ein mit Jogginganzug bekleideter Körper ein und
offeriert mir ein Telefon. Es ist der Gewinner, der vom Beschallen einer
Bar des Abends spricht und von den Abenteuern der Zeugung, die im Hintergrund
plärren.
Gedrucktes gab es auch. Ein blaues Buch mit einem Gewässerfoto, das
ostbelgische Gedichte sein eigen nennt, ein nikotingelbes Taschenbuch
mit den Vorlesungen eines im Exil verstorbenen Wiener Psychoanalytikers.
Durch einiges konnte man schwimmen, anderes kam als Schiff. Eine Verschnürung
löst sich, eine Erleichterung macht sich auf. Ein ruhiges, warmes
Wasser mag ich sein.
Montag, 2. Dezember, Frankfurt.
Lichter in der Kälte. Sind hier die Lichter aus Büroräumen
abends, Lichter der Straßenlampen, Lichter der Autos auf der Autobahn.
Scheinwerferlicht in Kontrasten: Die Lichtflächen der Architektur,
dieser hingehauenen Pompösität des Monitären, die bestrahlten
Tannenbäume und Stromleitungen über den Einkaufspassagen, das
bunte Licht auf das schwarze Holz einer Kleinkunstbühne in einer
Kellerbar der Innenstadt.
Lichtjockeys. Gelbes Licht im chinesischen Imbiss, weißes Licht
in hessischen Raststätten, in denen nachts kein Bier verkauft werden
darf. Ein kleines Licht über meinen Kopf auf dem Kissen, das ich
spät nachts ausschalten darf, um dem Inneren ohnmächtig zu folgen.
Dienstag, 3. Dezember, Köln.
Die Wände werden kahl. Gelernt habe ich: Dass Angst entsteht, wenn
die Libido gestört ist oder keine Befriedigung findet. Dass, wenn
ich weinen muss, nichts als ein Krampf dabei herauskommt.
Der härteste Tag des Jahres. Ein Tag, an dem ich nicht arbeiten muss.
Mittwoch, 4. Dezember, Köln.
Gehört habe ich: Das Klackern der Tastern, den dumpfen Aufprall einer
Taube an einer Windschutzscheibe, das Klopfen an ein Seitenfenster, die
eigene verstärkte Stimme.
Ich sehe dich, wenn du's nicht siehst.
Donnerstag, 5. Dezember, Köln.
"Was ich in diesem Leben noch erreichen möchte, ist, in einer
Partnerschaft bedingungslos zu lieben. Das habe ich das erste Mal erfahren,
als ich Kinder hatte. Liebe ohne Erwartungen oder Bedingungen, die von
den Kindern kommt und die man auch als Mutter empfindet", sagt Nena
in der Zeitung. Rührt Kinderwunsch daher? Ist "bedingungslose
Liebe" nicht selbst in einem Mutter-Kind-Verhältnis eine Illusion?
Erinnerung an Abiturfeiern. Der einzige Wisch mit offiziell anerkannter
Bedeutung. Mattblau. Als Frau verkleidet, als Frau Drabert, Englischlehrerin,
mit Perücke, Haarklammern, Rock, Strumpfhosen. Es gibt ein Video
davon, dass ich noch nie gesehen habe. Auch die Klausuren habe ich nie
abgeholt. Abitur: Eine große Zeit, von der ich damals wusste, dass
es bis dahin die größte war.
Nachtrag zu Gestern, Zeit für die Klatschspalte. Ron Winkler kennengelernt,
sehr netter Mensch und bereits der zweite Berliner Schreiber, von dem
ich das sagen kann. Lesung war gut gewesen, wenn auch brutalst unterbesucht
(volles Rohr Minderheitenprogramm, auch dies nichts neues). Die Freunde,
ein Trost - scheint sich was geändert zu haben, Missgunst und Neid
sind gegenseitiger Sympathie, Kollegenschaft, Unterstützung gewichen.
Vielleicht, weil es so klein ist. Vielleicht weil man als Schreiber inzwischen
nach den kleinen Gemeinsamkeiten sucht und sich freut, davon so viele
zu finden plötzlich.
Selbst das anschließende Slam-Spektakel im Sonic Ballroom konnte
keinen Ärger mehr verursachen. Der durchweg schlichte Textaufbau,
die madige, durchsichtige Konzeption, die Vulgärmethodik - geschenkt.
Jemand wie Jan Off kann auch einfach lustig sein. (Eventuell Slam Poetry
oder wie man das Kind sonst getauft haben möchte einfach als Genre
behandeln? Eine Art Parallelcomedy, eigenes Universum, immer mit Blick
auf Bildzeitung, Privatfernsehen, Boulevard, damit natürlich das,
was "volksnah" genannt wird. Auch kommerzielles Comedy kann
man lustig finden - wie das, was gemeinhin Popliteratur genannt wird,
unterhaltend).
Über Frauen schreibe ich hier nichts (heute morgen Traum von F. Sanft,
betörend, mutig).
Freitag, 6. Dezember, Köln.
In höherem Auftrag unterwegs. Weshalb ich nicht zum Schreiben komme.
Was ein wenig stört. Was oft stört. Heute geht es ok, da es
Spaß bereitet, Erfüllung bringt, Abwechslung, soziales Klima.
Sogar mit angehängtem Ende auf einem Balkon, in einem fremden Wohnzimmer,
an einem fremden Esstisch. Einblicke, Zublicke.
Hold on it hurts: Mach weiter, es tut weh. Heim flüstert der Fernseher.
Samstag, 7. Dezember, Regensburg.
Dezemberlarmoyanz. Ein neues Taxi wartet, wird weggeschickt. Ein Mietwagen
zieht über bundesdeutsche Autobahnen an einen Ort, an dem es keine
Rückzugsmomente gibt. Rückenschmerzen bis 14 Uhr, ab 18 Uhr
leichte Kreislaufprobleme, Überreiztheit, ab 19 Uhr im linken Ohr
ein stechender Schmerz. Taschentuch. Später, dank reichlichem Alkoholkonsum,
gut, besser. Nachts jedoch: Kaum Schlaf. Trotz Ohropax.
Sonntag, 8. Dezember, Regensburg.
Junges Wohnen: Ein Appartment am Rande der Innenstadt einer Kleinstadt,
Neubau, viele Fenster, Auslegeware. Junges Wohnen: Junggesellentum, d.h.
nahezu leerer Kühlschrank, die Suche nach Kaffee ein Abenteuer, an
den Wänden Plakate von Lieblingsbands, Halsbänder von besuchten
Konzerten, ein gigantischer Fernseher thront im Raum, darauf Stapel mit
Videokassetten, DVDs, darunter die zugehörigen Abspielgeräte,
rechts der Wand CD-Meter. Junges Wohnen: Helles Holz, ein junges Wohnen-Katalog-Bett,
ein bestellbares Ecksofa mit undefinierbarem, aber schrecklichem Muster,
ein Hellholztisch, darauf veraltete Fernsehzeitschriften, immer aktuelle
Musikzeitschriften (die wichtigen, die unwichtigen), abgepackte Schokolade,
ein Kerzenkranz mit grünem Tannenimitat, die freilich roten Kerzen
von Feuer unberührt. Junges Wohnen: Eine große Glasvitrine
mit Hellholzschale, ein Regal mit nie benutzten, verzierten Gläsern,
die restlichen Regale mit CDs belegt. Neben der Vitrine zwei Reihen Schallplatten,
der Ältere schaut nach Vergleichen, findet drei Gemeinsamkeiten.
Junges Wohnen: Ein natürlich prima aufgeräumtes, hygienisch
korrektes Bad, Stehdusche, Plastiktaschen für Haarspray, Zahnpasta
(aronal & elmex), Kamm, kein Gel. Durch das Tor in die Altstadt, es
ist ein Sonntag, die Familien zeigen sich. Wandern durch die Einkaufsbühne,
deren Zugänge verschlossen sind. Die Kleinwagen im Parkhaus gelassen.
Das Lieblingsgesicht des vergangenen Abends bedient im heutigen Frühstückscafé
(halb zwei, Müsli, Milchkaffee), das tatsächlich "Bett"
heißt, Anlass für Wortspiele bietet, schön. Servantilismus
Return. Aber die Zeit ist eine andere, die Umstände auch, im anschließenden
Mietwagen geht es dieselbe Strecke über die Autobahn zurück,
dabei werden vertonte Kindheitsziffern belauscht, dunkle Momente der Jugend
(Tanzkurs) beleuchtet, man denkt sich Personen aus, die die anderen erraten
müssen. Zuhause, im mittelalten Wohnen: Telefongestotter, kranke
Musik, wieder Fernsehlicht. Viel und gut geschlafen.
Montag, 9. Dezember, Köln.
Von D. geträumt. Zwischen ihm und J. in einer Runde gesessen, sie
haben sich in meinem Rücken miteinander unterhalten. Gewusst, dass
D. tot ist, gewusst, dass es sich um eine Erinnerung, einen zwar nie erlebten,
aber vergangenen Moment, handelt. D. irgendwas sagen wollen. Pelzmäntel,
Silberschuhe, im Büro zieht in eine neue Mitarbeiterin ein, packt
gleich ihren Wohlfühlpark aus, schmückt das Büro. Nach
außen verlegte Innerlichkeit, Absteckung des eigenen Terrains, Überwindungsversuch
entfremdeter Arbeit? Warum stimmt die Rechnung: Dass es sich dann grundsätzlich
um Kitschutensilien handelt, eine Holzlok als Stifthalter, ein mit Diddle-Figuren-verunstalteter
Wandkalender? Daneben drei Fotos: Das erste zeigt einen roten Rennwagen,
das zweite ein Stillleben mit Palmen, das dritte einen orientalischen
Tempel.
J. lügt nicht, J. verdeckt die Einzelheiten, J. klammert aus. Dachte
kurz, es ist wieder nur meine Paranoia, aber meine Paranoia hat meistens
Recht: E. erzählt mir abends am Telefon, dass sie auf einem Konzert
war, das Konzert war klasse, anschließend ist sie mit J. im Sonic
Ballroom gewesen, auf dem Weg dorthin dem Schlagzeuger über den Weg
gelaufen. Ein Abend mit Ansage: Lange Nacht, früher Morgen, rumgeknutscht.
Wir sind frei und dürfen uns die Freiheit nicht nehmen lassen, verklickert
mir anschließend I. im nachbarlichen Kubus. Ich bin froh, das zu
hören, denn ich weiß, er hat Recht. Das gilt für alle.
Dienstag, 10. Dezember, Köln.
Ich schreibe um mein Leben. Hier fällt der schwere Regen. Trennungs-
und Trauerphase, gewaltige Phantomschmerzen kommen auf, und die Gedanken
sind graue Hasen. Ich klammere mich an die Mittagspause, Subroutinen laufen
ab, andere entpuppen sich als gestört, abends verlässt man sich
auf die Stimmen, die eigene, die andere(n), Gesang der Sirenen, Tinnitus.
Viel Grübeltext, alles ganz finster, aber Sitcoms retten mein Leben,
zumindest für einen kurzen Moment.
Albert Camus:
"Künstler und Kunstwerk. Das wahrhafte Kunstwerk ist das an
Worten sparsamere. Es besteht ein ... Verhältnis zwischen der Gesamterfahrung
eines Künstlers, seinem Denken + seinem Leben (seinem System - wenn
wir beiseite lassen, was dieses Wort an Systematik enthält) und dem
Werk, das diese Erfahrung widerspiegelt. Dieses Verhältnis ist schlecht,
wenn das Kunstwerk die gesamte, literarisch verbrämte Erfahrung wiedergibt.
Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück
ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet,
ohne sich einzuschränken. Im ersten Fall herrscht Überladenheit
und Literatur. Im zweiten ein fruchtbares Werk, weil es so viel unausgesprochene
Erfahrung enthält, deren Reichtum man errät.
Das Problem besteht darin, jene Lebenskunst (...) zu erwerben, die über
die Schreibkunst hinausgeht. Und letzten Endes ist der große Künstler
vor allem einer, der lebt (wobei leben hier über das Leben nachdenken
heißt - ja, es bedeutet die feine Beziehung zwischen der Erfahrung
und dem Bewusstsein, das man von ihr gewinnt)."
Sattelschlepper und Leichenzüge. Ich schließe die Augen und
sehe sie.
Mittwoch, 11. Dezember, Köln.
Thunder, Corruption & Lies. Da fiel der Satz: Dass Seifenopern die
Realität nachahmen, nicht umgekehrt. Zurück zum Muster. Befall.
Dieser volle Losercore hier. Der geringe Abstand zwischen den Satelliten
der Schrift und der erdigen Aufgewühltheit ist der einzige, der im
Moment möglich ist. "Nun müßte ich positiv sein wie
eine offene / Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd"
etc. Statt dessen: Dieses mürrische Lied von der Zeit, dem besten
Handwerker.
I Want Out of the Circus. Auf der Galerie. Lahmes Kümmern, Ausgangssuche.
Für diese Zeit möchte ich blind sein, die gereihten Bilder nicht
sehen, die apokalyptischen Reiterinnen, die ihre Pirouetten drehen über
dem Sand, die Hörner und Tiergeräusche der Beach Boys Zirkusband
nicht hören, obwohl es die Musik der Stunde ist, Radio Orpheus mit
den immer gleichen Ansagen (Film von Cocteau) ...
Freitag, 13. Dezember, Köln.
Das kalte Blinzeln der Bohéme. Position: Unklar. A. hat Geburtstag.
Ich habe A. sehr lange nicht gesehen, ich hatte noch nie viel zu tun mit
A., die als Szenegirl par excellance durchgeht, ein mädchenhaftes
Gesicht, hohe Lächelfrequenz, blonde Haare, rundlich und selbstsicher
mit eingebauter Falltüre zur Unsicherheit, sie ist gut im Projektionsfläche
sein. Männerreihen, die ihr den Hof fegen, dabei ist sie zurückhaltend,
ausblendend, bestimmt von Privatdogmen und Eigenpräferenzen. Gleichsam
ein obskures Objekt der Angst, wie ich I. sage, dass ich nie einer von
denen sein wollte, die hinter ihr her rennen. Serial Girlfiend.
Und auf A.s Party, die in einer riesenhaften Ehrenfelder Wohnung abgeht,
Schläuche und Säle, lauter alte Bekannte, Abteilung junger Popjournalismus,
Plattenmacher, Chefaufleger, Frei- wie VollzeitjournalistInnen, Lokalredakteure,
Medienproletariat, gleichsam die sich selbst einbildende Elite, Diskurshöflinge,
Spexfans, LangzeitstudentInnen, die bessere Seite, in allen Facetten,
ich liege knapp unterhalb des Altersdurchschnitts. Freude. Leute, ich
war eine Weile weg, untergetaucht in meinem Privatschlamassel, hiermit
kündige ich mein langsames Comeback an. Cool, okay, Small-Talk-Freude,
Bier steht auf dem Balkon, alles klar. C. kommt, vier Tage vor Deadline,
Magisterarbeit, kurze Hektik, verschwindet wieder. K. ist da, erzählt
von ihrem Job als Sekretärin fürs WDR Morgenmagazin, Studium
abgebrochen, kleiner Austausch über C.s These von frei machender
Arbeit, das Konto ist sicher usw., andererseits die Routinen, das Unerquickliche
eines 40-Stunden-Jobs, Einschnitte ins Privatleben etc. Frage nach der
Schreiberei, Zeugin eines anderen Tagebuchs, gemeinsame Bekannte auch
in diesem Raum, A.W. nämlich, der jetzt endlich ein Stipendium in
Berlin antreten darf, vollste Mitfreude. These der Christbaumkugeln, denen
man mit Angeln nachhelfen muss, dass sie fallen. P., auch recht rundlich
inzwischen, berichtet aus der Hauptstadt, in der sie einem Logopädinnenjob
nachgeht an einer Geriatrie, aber eigentlich wollte sie immer Holzfällerin
werden, jetzt sucht sie nach ihrem Platz im Medienbetrieb, den sie dank
Plan B auch finden wird.
Schließlich sind noch J. und A.L. anwesend, deren Privatschlamasselzenit
noch nicht überschritten ist, kurzer Bericht über den Stand
der Undinge, S., schwerstes Opfer einer selbst zubereiteten Hölle,
dabei hochgeradig verschnürt, nervt mit überflüssigen Gegendiskursen,
als Wham!s Last Christmas läuft und ein Wiederfinden tröstlicher,
subjektiver Kollektivität statt hatte. Plattenmacher R.W. findet
sich auch für ein kurzes Gespräch, Lob der abgesungenen Band,
Gegenlob des Franzosenpopsamplers, den er mitstemmte. Usw. usw.
Wo bleibe ich? Ich streue mich unter, sehe alte Bezüge funkeln, die
ich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen baumeln ließ,
zu viel Zweifelmaschine statt einem ordentlichen Let-Go. Selbst ins Eck
gestellt und mich da eingerichtet, jetzt muss ich aus dem Staub, und teste
das Wasser, fußzahm. Ja, ein Holzfäller! - Und was ist mit
meinem Vogel?
Samstag, 14. Dezember, Köln.
Mein eigenes privates Lifestylemagazin. Sabine Scho: "ach gott, dachte
ich, was für einen anstrengenden beruf habe ich gewählt! tag
aus, tag ein am schreibtisch. die geschäftigen aufregungen, ohne
mich vom fleck zu bewegen, und außerdem ist mir noch diese plage
des grübelns auferlegt, die sorge, ob es die anstrengung lohnt, das
unregelmäßige essen, ein immer wechselnder, nie andauernder,
nie herzlich werdender menschlicher verkehr."
Und klar ist das banal, und klar ist das langweilig, leider aber gerade
das über dem Bett kurbelnde Schwert, das die Luft umwälzt. Ein
herzliches Merry-Go-Round.
Und was ich erlebe: Ist davon getragen. Und ja, ich bin eingespannt, umwickelt
im eigenen Kokon. Und den schleppe ich mit zur Freundin J., und ich schleppe
ihn mit in einer verstört-verzweifelten Tournee durch die Bars ab
vier Uhr, auf der Suche nach was? Einer Zeitmaschine" Selbstkritik
ist ein Luxus. Und mein Konto ist so leer wie mein Bett. "angst,
das kalte laken."
Donnerstag, 18. Dezember, Köln.
Die Nerven liegen also außen. Von hier aus finde ich nicht weiter.
Plötzlich kommen Vermählungswünsche auf. Die Schattenseiten
des R.H. als Falschspieler, Mogelpackung, Paranoiker. Die Bezüge
sind alle verdreckt, müssten dringend in die Waschmaschine, aber
leider kann ich nur meine eigenen Hälften dorthin tragen. Absetzung
der Substanzen, um mich als Held zu fühlen, andere brauchen etwas,
was ich nicht brauche. Gleichsam ist Trennung vom geliebten Objekt nichts
anderes als härtester Drogenentzug. Was nicht schmeichelhaft ist:
Das Objekt als Beruhigungsmittel. Übertriebene Analogie? Mitnichten:
Das Gefühl ist zuvorderst ein körperliches, auf der anscheinend
doch vorhandenen rationalen Ebene laufen Begleitprozesse, die wieder nach
Zusammenhängen suchen, Ursachenforschung betreiben. Auch nicht falsch.
Körperlich: Ausschüttung ungeheuerer körpereigener Substanzen,
was genau? Adrenalin? Ich fühle mich wie amputiert: Ein Teil von
mir fehlt. Einsatz von Gegengiften, Substituten, Betäubungshämmer,
nutzen nichts. Ich will die Droge zurück. Daneben die Therapeuten,
die von der Zeit sprechen, von der Geduld, von einem entfernt liegenden
Zustand, den man erreicht, wenn der Entzug vorbei ist. Und wann ist er
vorbei, kann man ihn beschleunigen? Nein, kann man nicht. Der nächste
Käse, durch den man durch muss, dabei liegt noch der erste schwer
im Magen. Für und Wider der Fluchttendenzen: Ja, man gebe mir bitte.
Montag, 23. Dezember, Köln.
Vollpanik. Das psychotische Summen. Von einem Arzt zum anderen, da natürlich
alle heute ihren ersten Weihnachtsferientag haben, schließlich nach
zweistündigem Fußmarsch bei Dr. Mondorf, dem Karnevalsprinzen
und Hausarzt für Randexistenzen, gelandet. Vom seit gestern eingesetzten
Johanniskraut gesprochen, das nur lähmt und runterzieht. Ein Arzt,
dem die Apotheken vertrauen: Verschreibt ein ähnliches Mittel, das
ich zwar kaufe, aber nicht nehme. Vom Ohrensausen erzählt, er lässt
die Assistentinnen ran, die mir die Hörgänge freispülen
mit warmem, klaren Wasser.
Er saß auf dem schalen Stuhl des Wartezimmers und überlegte:
Sollte er zu seinem Vater fahren, um sich zurückzuziehen, gute Luft
atmen, die Stille des Landes genießen, sich bekümmern lassen
zu können? Und sich Preis zu geben als Opfer der Geschehnisse? Sollte
er dem verständnislosen Arzt von seinen Depressionen erzählen,
seinen Selbstzweifeln und Ängsten, seiner verloren gegangenen Liebe?
Plötzlich kam er sich lächerlich vor. Klarer Fall von Überreiztheit,
nervlicher Anstrengung, diagnostisierte er sich selbst auf dem Weg zur
U-Bahn, leider fiel ihm die Therapie nicht ein, zunächst einmal sind
Spaziergänge zu verschreiben. Aufbrechen des Umfelds.
Dienstag, 24. Dezember, Köln.
A Day to Remember. KAPUTTE SZENE. Wie war das gleich bei Goetz? Feierte
er das nicht ab? Egal. Männerrunde, Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs,
die Wissenschaft, das Rumgeklüngel, die Frauen. Egal, das alles,
jetzt. Blut, Schweiß & Tränen, aber jede weitere Weiterbeschreibung
wäre nur einerseits eine Überhöhung der emotionalen Geschehnisse,
andererseits eine Verharmlosung, drittens nicht fair, den Deckel machen
wir jetzt mal wieder zu. Privatkacke, halt.
- Die unterste Schublade sollte man nicht aufmachen.
- Ja, genau.
Auch die BILDER DES JAHRES spart er sich. Sie differieren von den öffentlich
kursierenden, denn bei den öffentlich kursierenden hat er nicht viel
gefühlt, hier und dort ein wenig Panik und Angst, Befremden, aber
vor allem: Entertainment. Die Entertainmentmaschine, die alle Tasten bedienen
kann. Nur ein Bild wird frei und schwimmt, bildet Blasen, wird zäh.
Ihr eigenes privates Nevermind. Es ist dieses hier:

David H.W. Leder 1968-2002. In memoriam.
Dienstag, 31. Dezember, Köln.
Briefe schreiben, sie nicht abschicken. Frauen kennenlernen, nicht mit
ihnen schlafen. Biere trinken, nicht blau werden. Fachlektüre lesen,
nicht die Parallelen sehen, sondern die Unterschiede (High Fidelity).
Billige Tricks und rotblonde Aussichten. Charme geht anders. Popzitate,
von Haus aus allein, your own personal Jesus, Listenterror (bitte in SPEX
nachlesen).
- Lass uns gehen.
- Warum?
- Eifersucht.
Narzissmus regiert wieder. Das ist der erste Ausblick. Ein letztes Mal
schauen wir zurück im Zorn, ganz nach Freud; um den Stachel des Verdrängten
zu ziehen, mussten wir noch einmal da durch. Ab morgen beginnt ein neues
Jahr, also greifen wir diesen kollektiv konstruierten Zyklus auf, warum
auch nicht. Der Postkartenblick von der Dachterrasse des Ehrenfelders
Hauses (die Wohnung, in der die Party stattfand, nutzte einst der WDR,
um WG Europa o.s.ä. zu drehen) ist zwar eigentlich der falsche, im
Prinzip der vertauschte, denkt er, denn er steht an einer Stelle, an der
jemand anderes stehen sollte, die jetzt an seiner Stelle steht, aber das
ist wurscht, und auch nur ein Ausblick. Ein Ausblick auf einen neuen Zyklus,
der gewiss noch durchtränkt sein wird vom Geschehenen in 2002, dem
schlimmsten Jahr seines Lebens. Trotzdem wird es ein neuer Zyklus sein.Saskia
Mackeben
02.12.2002
..die stadt ist auch schön und mild und weihnachtlich. alle arbeiten
bei agilent (american company). ich spreche drei sätze spanisch und
ein wort katalanisch: perdone. ich glaube, jenny bleibt hier.
wir essen um halb elf zu abend, jetzt (17.40 h) ist es schon bald dunkel.
heizung muss kein luxus sein (werbung). in der wohnung ist mosaikboden,
und es gibt drei balkone. andi spielt den ganzen tag playstation (fußball).
astrid ist vor ihren problemen aus berlin geflohen. überraschung,
hier ist es auch nicht besser für sie. lo siento.
jemand, den man anschaut, lächelt und sagt: hola. gestern brachte
carlos zum frühstück klebrige croissants und schnecken (in köln
würde man sagen: teilchen) mit. am strand war es bewölkt, wir
sprachen über die vielen zuwanderer aus dem zusammengebrochenen argentinien.
wer ein europäisches (eu) elterteil hat, darf ins land.
mir gelingt, die kellnerin zu rufen (hola). der kuchen ist mit mandel
und kaneel. in köln gibt es gar keine kaneelbrötchen. bei uns
zu hause schon: mohn, sesam, kaneel (standardauswahl in den zeiten vor
vollkornbrötchen).vielleicht wegen des hafens in bremen. kaneel als
exportschlager.
ich habe ein paar schöne schallplatten gekauft. herbie mann. jenny
mag keinen jazz, weil das die musik ist. die ihr vater immer hört.
chers version von needles and pins. + ein spanisches da doo ron ron.
ich muss die plaza catalunya gleich wiederfinden, wenn ich zur wohnung
zurück will.
i picture myself. wie heißt das auf deutsch? ich stelle mir vor,
wie ich aussehe? jenny: die sagrada familia ist unter konstruktion.
5.12.02
es ist wohl immer noch nicht kalt, aber ich bin müde, im liegen geistern
noch die gestalten von letztem dezember als wiedergänger herum, ich
träume auch einen schatten von jemand wichtigem. ich muss noch nicht
ins büro, erst recherchieren.
die bibliothek ist im 14. stock, eine schöne aussicht auf eine hässliche
stadt, kopieren, quittung, fertig.
ich fahre durch köln, durch die SCHÖNEN viertel, sülz,
lindental, irgendjemand weiss bestimmt, woher der name sülz kommt.
wohnen hier (lindental) die oberen zehntausend? ich sehe einen kronleuchter.
t. hat geerbt, jetzt schrieb er mir eine mail. natürlich (moral)
macht ihn die kohle nicht glücklich.
ich versuche, die ergebnisse in den rechner zu hacken, verabrede mit jörg,
heute abend pizza zu essen. dieser fall muss heute fertig werden (betriebskostenabrechnung),
am besten auch noch die herausgabeklage. der tag wird gar nichts mehr.
7.12.02
der wecker ist falsch gestellt, heute ausschlafen. es ist schneewetter.
ich soll meine top-five-des-monats aufstellen, deshalb lese ich wieder
high fidelity, aber ich überblättere die hälfte. meine
mutter schickt seasonal decoration.
abends gehe ich einen film schauen."jeans". er erinnert an videoclips.
nicolette krebitz klettert in einem minirock auf einen baum und lässt
sich dabei von unten filmen. verkrampfter versuch, unabsichtlich sexy
zu sein. es bleibt vom film nicht viel in erinnerung. einer der hauptdarsteller
erinnert mich an einen bekannten, der auch seinen persönlichen ehrgeiz
darauf richtet, jede frau ins bett zu quatschen. es gibt keine anzeichen
dafür, dass der film von einer frau gemacht wurde. jasmin tabatabai
hat zum glück nur eine sehr kleine rolle, in der sie nicht nerven
kann.
ich gehe auf die party, frage mich, warum ich so müde bin. die feier
zieht so vorbei. es ist heiß und rotes licht (i´ll be your
seven day fool), ich denke an c., der nie hier sein würde. gedanken
werden irreal.
8.12.02
zuviel, das wochenende ist zuviel. auf der zülpicher straße
treffe ich eine kollegin, die bei hemmer den crashkurs zivilrecht macht.
ich fühle noch nicht mal examenspanik, wahrscheinlich bin ich zu
müde.
später ärgere ich mich, dass ich dieses wochenende keine klausur
geschrieben habe. vielleicht morgen? bis wann muss die denn zur korrektur
eingeschickt werden?
freundinnen zum kaffe. schöne ablenkung, wir sind alle gut drauf,
es gibt anekdoten.
dann bin ich wieder 14, höre dasselbe lied 20mal (why can´t
i stand up, and tell myself: be strong).
9.12.02
ich werde beim schlafen ständig geweckt, durch das telefon- und türklingeln.
auf dem weg zu hanna finde ich es unerträglich kalt. es ist immer
noch alles besser als letztes jahr. montag halt.
10.12.02
die arbeit geht mir wieder gut von der hand, markus will mit mir eine
rauchen, wir planen die weihnachtsfeier, ich plane meine berufliche zukunft
eher weniger.
ich überlege schwachsinn, z.b., dass ich c. die platte zurückschicken
könnte, die er mir geschenkt hat. der andere referendar ist ein unglaublich
typischer jurist, ein netter, konservativer soldat, der nicht zur weihnachtsfeier
kommen kann, weil er jagen geht. er hätte auch lieber eine freundin,
sagt er.
ich schmeiße meine sachen in den postausgang.
14.12.02
um neun uhr kommt constanze, ich sitze und warte darauf. die cds und platten
von donnerstag liegen noch ungeordnet herum, wir haben getanzt und alle
hits gehört. als ich marion das lied mit dem zitat vorspielte, hatte
sie angst, dass sie weinen muss. wir fanden es aber dann nur schön.
constanze ruft an und fragt: beck´s oder kölsch. beck´s
natürlich. ich mache mir unruhige/paranoide gedanken, weil ich immer
allen leuten alles erzählen muss. ich frage mich, wie das wirkt.
die klausur heute: straßenverkehrsdelikte und beweisverwertungsverbote.
15.12.02
entspannter tag. germar kocht uns heiße schokolade. ein ruhiger
abend in der scheinbar. ich erzähle, dass c. angerufen hat und mark
verdreht die augen. aber hauptsache, roma gewinnt gegen turin.
16.12.02
ich bin so müde, der tag ist eine einzige dämmerung (metereologisch).
die deutsche bahn hat neue fahrpläne, ich habe sieben punkte in der
revisionsklausur.
später lese ich maxie wander "guten morgen, du schöne".
meine augen kippen beim lesen manchmal weg, ich konzentriere mich so schwer,
dass ich an meiner urteilsfähigkeit zweifle. wander erstellte nach
aufgezeichneten, von ihr geführten interviews portraits von 19 frauen.
(protokolle nach tonband -> untertitel) sie schreibt: "ich habe
nicht nach äußerer dramatik gesucht oder nach persönlicher
übereinstimmung. ich halte jedes leben für hinreichend interessant,
um anderen mitgeteilt zu werden."
christa wolf schreibt im vorwort: "es zeigt sich: rückhaltlose
subjektivität kann zum maß werden für das, was wir (ungenau,
glaube ich) >objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann,
wenn das subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern
aktiven umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. das subjekt treibt
sich selbst heraus, wenn es dazu beitragen kann, aus den gegebenen verhältnissen
das äußerste herauszuholen. es wird in sich zurückgetrieben,
wenn es auf entfremdete, destruktive strukturen, auf unüberwindliche
tabus in entscheidenden bereichen stößt."
ich werde darüber nachdenken, wenn ich wieder wach bin.
19.12.02
es ist immer schlimm, wenn ich mich zurückgesetzt fühle. wenn
ich das gefühl habe, oder weiß: für eine andere hat er
das getan, und für mich macht er das nicht.
ich war gestern ganz normal, bei amely, beim adventsplätzchenbacken
und glühweinkochen. das hat gepasst.
24.12.02
blitzeis. die äste sind wie in glas getaucht (frosting). alle bleiben
zu hause.
ich bin noch wie zerschlagen von der klausur gestern.
25.12.02
ganz extreme träume. das ist bestimmt nur übertragung. die zugverbindungen
sind sowieso still. selbst wenn ich fahren wollte. abwarten.
familie. oma erzählt geschichten, die ich noch nicht kannte. wie
sie das bernsteinzimmer gesehen hat, und hans albers. nicht gleichzeitig,
natürlich. später bei bianca + mit meinem cousin samt aufriss
im "rosige zeiten" (just another fool), dann im römer:
der idiot, der hässliche, der dicke + der filmvorführer geben
sich die ehre. szenetypen aus biancas leben. sie kommt schlecht drauf,
aber die machen hier jetzt auch sowieso zu.
28.12.02
zurück nach köln. die schmerzen (physisch) vom letzten jahr
kommen wieder. die schöne landschaft zieht vorbei, furchen auf den
feldern, es spiegelt sich etwas in den pfützen, tiefgrüne wiesen.
ich bin also nicht zu c. gefahren. ich habe nicht gefragt, und er...
c.: am sonntag ist unser konzert. ich habe die ganzen texte vergessen.
ich: das wird schon.
c.: ja, man darf sich nur nichts anmerken lassen.
ich: genau.
pause
ich: neulich war ich auf einem konzert von der band, von frank, meinem
ex.
von denen der sänger spinnt auch. also, so meine ich das jetzt nicht.
ich
meine: der spinnt halt. auf dich bezog sich das jetzt nicht.
c.: nee, klar.
und so weiter. hera lind könnte mitschreiben.
später sage ich zu bianca: kennst du das, wenn man den hörer
auflegt und denkt: ich habe die ganze zeit nur scheiße geredet.
ich höre die fast perfekte kassette. wenn ich durchs zweite examen
falle, werde ich djeuse.
draußen jetzt: eine landschaft von nachtwanderungen und moorwanderungen
und somit von nostalgischem interesse. wie das rasierwasser desjenigen,
der jetzt auf dem platz vor mir sitzt. issey miyake - thomas. wir werden
uns wohl silvester sehen.
später videoschauen mit jörg (zur sache, schätzchen = film).
ich bin mir sicher, das beck´s schmeckt in bremen anders. vielleicht
liegt es an den kleineren flaschen.
es geht mir so unglaublich viel besser als vor einem jahr.
Rainer Junghardt
Eine Industriebrache
Sie sind nicht mehr da. Die Arbeiter kommen nicht mehr morgens um sechs
an meinem Pförtnerhaus vorbei und rufen "Morgen!" oder
schweigen, die Angestellten kommen nicht mehr um acht oder neun durch
mein Pförtnerhaus in die Verwaltung und grüßen oder grüßen
nicht. Niemand grüßt mehr. Die Vorstellung aber bedient sich
ebenso gern der Erinnerung und Gewohnheit wie des Wissens und der Wahrnehmung,
und lange hatte ich, während ich das Werk versicherungshalber weiter
bewachte, das unbestimmte Gefühl, es müssten noch Menschen darin
sein.
So hatte ich auch nach Wochen noch auf meinen Rundgängen den Eindruck,
aus dieser oder jener Tür müssten jetzt Herr Boldt und Herr
Esser stolpern. Die beiden waren als Mitarbeiter von Werkssicherheit und
Instandhaltung ständig im Werk unterwegs und das so hastig, dass
sie sich, obwohl nur zu zweit, vor jeder Tür zu stauen schienen,
der eine den anderen geradezu anschob, während der öffnete.
Sah man sie irgendwo herauskommen, so schien es, als müssten sie,
da sie fast zugleich herausdrängten, stecken bleiben oder straucheln
und fallen. Diese Auftritte wirkten um so unbeholfener, als Herr Boldt
zwei Meter groß und überaus dick, Herr Esser aber ungefähr
zwei Köpfe kleiner, mager und ausgezehrt war. Und eben weil ihr Auftauchen
durch ihre Hast oft etwas überraschend es gehabt hatte, hätte
es jetzt hierher gepasst, weil hier nun jedes Erscheinen überraschend
sein musste.
Aus anderem Grund meinte ich gelegentlich, wenn ich meine Zeit so lesend
und schreibend herumbrachte, eine marokkanische Auszubildende, die einer
anderen Frau ziemlich ähnlich sah, und deren beider Vornamen netterweise
mit den gleichen beiden Buchstaben begannen, die auch die einzige war,
die nie "Mahlzeit" sondern immer "hi" sagte, und ich
antwortete "hi", müsse gleich hereinkommen, weniger nämlich
aus Gewohnheit als weil ich die Erinnerung an jene vermisste.
Allmählich gewöhnte sich meine Vorstellung daran, dass hier
niemand mehr anzutreffen war, und wenn sie mir doch noch einmal diesen
Eindruck aufdrängte, so griff sie auf Begegnungen zurück, die
auch damals schon selten und unwahrscheinlich gewesen waren, und machte
ihn damit wenn auch nicht glaubhaft, doch zumindest in dieser Hinsicht
stimmig. Herr Scherdorf, der Werksleiter war fast nie zu sehen gewesen.
Er fuhr morgens schnell an meinem Häuschen vorbei auf seinen rückwärtigen
Parkplatz, kam durch den hinteren Eingang in die Verwaltung und verschwand
sofort in seinem Büro. Waren alle anderen Angestellten immer wieder
im Werk unterwegs, nahmen Dinge in Augenschein und trafen ihre Entscheidungen
vor Ort, so gab er lediglich knappe telefonische Anweisungen. Nur kurz
sahen ihn ein paar leitende Angestellte bei der mittäglichen Besprechung.
Ansonsten schaute seine Sekretärin von Zeit zu Zeit in sein Büro,
sich zu vergewissern, dass er immer noch da saß und nicht jemand
anderes sich eingeschlichen hätte und heimlich von seinem Anschluss
aus Anweisungen gäbe. Sehr spät noch, als der Zerfall schon
überall deutlich sichtbar war, glaubte ich noch einmal, er werde
mich gleich anrufen. Erst wenn auch solche versteckten, schattigen Existenzen
nicht mehr darin vermutet werden, ist ein Ort endgültig verlassen,
auch in der Vorstellung.
Von da an braucht es Anlässe für solche Wiederläufer der
Einbildung. Ein Fremder hat die Erlaubnis, ein paar vergessene Ziegel
aus einer Halle zu holen. Mit seiner Schubkarre fährt er gegen einen
Türrahmen und stürzt. So fällt Herr Boldt doch noch über
Herrn Esser.
Dann wird der Zerfall unumkehrbar. In den feuchten Büros fällt
meterbreit die Tapete herunter und überlässt die Wände
schwarzem Stock. Überall regnet es herein, in der Verwaltung wellen
sich die Teppiche und faulen, in den Hallen steht das Wasser, schließlich
dürfen sich nicht mehr betreten werden. Eine Brücke zwischen
zwei Hallen bricht ein. Die Trümmer werden nach einer Woche zur Seite
geschoben, oben klafft ein zwei Mann hohes Loch, die Stümpfe diverser
Wasser-, Druckluft- und Abluftrohre und Strom- und Telefonleitungen ragen
heraus wie Sehnen und Adern.
Durch den Zerfall werden abgelegene, dunkle Ecken, in denen Ausschuss
und Reste abgestellt wurden, noch trostloser, verrotten um so mehr, hellere
Winkel, in denen Bäume stehen und eine Bank, auf der man früher
einmal in der Pause gesessen hat, werden fried-lich von Efeu und Moos
überzogen um so angenehmer.
Es bleiben die Ablösungen. Klaus sitzt bereits im Wagen, wenn ich
hereinfahre, hebt die Hand zum Gruß und fährt. Löst er
mich ab, so sagt er, ich solle machen, dass ich fortkomme und noch etwas
habe vom Tag. Arnold bleibt gern noch eine halbe Stunde und erzählt
vom Urlaub und vom Einkaufen. Ich antworte ähnlich. Franz sehe ich
nur sonntags. Er hat ein paar Illustrierte dabei, und wir machen Pförtnerwitze
über Aufregung und Chancen im Beruf, die die Horoskope verheißen.
Georg erzählt mir von Programmen und Anschlüssen seines Laptops,
ich kenne weniger davon. Er macht eine ähnliche Weiterbildung wie
ich und gelegentlich gehen wir ein paar Unterlagen durch. Entspanntes
Rauchen, entspannte Übergabe.
14.12.
q&c. kommt h. abreißen. lange s. gesucht, der sich nicht blicken
lassen wollte. dann das hallentor mit einem schraubenzieher geöffnet,
damit q&c.s leute an ihre maschinen kommen. von der halle steht schnell
nur noch ein geäst von stahlträgern, falzblechwände liegen
wie laub an allen seiten ausgebreitet. von einer hebebühne aus zertrennt
q&c die dachkrone mit einem schneidbrenner.
ich mache meinen rundgang auch um die arbeitenden herum und schaue die
riesige pfütze an, die sich in einer senke auf dem parkplatz gebildet
hat, vielleicht 5 mal 7 meter, vielleicht 40 cm tief, seit zwei jahren
unverändert, bei heißem wetter wenige tage einmal ausgetrocknet,
bei regen fließt ihr das wasser des halben parkplatzes zu, und was
immer darauf verrottet, reste von blättern und blechen, abwechselnd
von schauern gespült klar und von algen getrübt, auf ihrem grund
ein fladiger grüner verseuchter morast, nun zum ersten mal in diesem
jahr gefroren.
ich tippe mit der schuhspitze an das eis von pf., ein riss entsteht mit
einem knacken. "der winter ist nur eine große desinfektionskampagne."
das hat w. mir einmal gesagt. das macht mich traurig.
q&c. macht mit seinem kran einen weiteren stahlträger von h.
sin-ken.
Dann kommt das Wachstum. Pflanzen breiten sich aus, ein Fasanenpaar siedelt
sich an. Früher gleichmäßig zurückgeschnittene Hecken
sprießen mühelos meterbreite Wege in einem halben Jahr zu und
Bodendecker lassen ihre endlosen langen Ausleger über die Werksstraßen
wachsen. Immer wieder stehen Unkräuter isoliert auf dem Asphalt wie
aufgesetzt, erst wenn man sich tief zu ihnen hinabbeugt erkennt man den
feinen Riss in der Fahrbahndecke, der ihnen genügt, sich dort zu
ernähren. Eine Birke wurzelt in mehreren Metern Höhe im bloßen
Mauerwerk. Jetzt reduziert der Winter die Vielfalt der Arten und Farben
der Vegetation auf ähnliche Rückzugsformen von bloßen
Stielen und Zweigen, demnächst aber beginnt wieder ihre genügsame
und wuchernde Entfaltung.
Christian Jansen
Paris, im Dezember 2002.
McKinsey & Company ist laut Eigendarstellung der "Rolls Royce"
unter den Unternehmensberatern. Dem BWL-Studenten müsste die nach
diesem Kabinett benannte Matrix (neben der der Boston Consulting Group)
ein Mindest-Begriff sein. McKinsey verfolgt zwecks Rekrutierung seines
Nachwuchses eine Politik der Annäherung gegenüber bestimmten
Pariser Universitäten. Und das geht so:
Der Rolls Royce bat an einem frostigen Donnerstag abend zu einem "Cocktail
McKinsey" in sein Bureau auf den Champs Elysées. Die anderen
Unternehmensberater (Pricewaterhouse Coopers, KPMG, Doilette & Touche,
Andersen (als noch existent),...) sind regelmäßig auf den einschlägigen
Forums des Entreprises vertreten - nicht so McKinsey. Hier bemüht
man sich nicht selbst - man lässt bitten. Eine gelungene Marketing
Strategie. Nachdem schriftlich und mit Anlage des Lebenslaufes das Ansuchen
geäußert worden war, einen Cocktail auf den Champs Elysées
schlürfen zu dürfen, kam einige Tage später das OK unserer
Berufsorientierungs-Beauftragten: Rendez-vous um 17.45 Uhr vor Nummer
79, Avenue des Champs Elysées. Ich war 10 Minuten zu früh,
hatte keine Lust, vor dem Eingangsportal zu frieren und verzog mich in
eine Seitenstraße, wo ich in einem billigen Stehcafé die
Zeit mit einem Espresso hinunter spülte. Als ich pünktlich wieder
vor Nummer 79 ankam, stand schon ein Pulk von ca. 40 Studenten in der
eisigen Pariser Winterluft. Ich erkannte niemand auf den ersten und nur
einen einzigen Typen auf den zweiten Blick. Erleichterung und Small Talk.
Wo absolviert dieser und jener sein Praktikum? Kommunikation für
St. Gobain, Marketing für RTL, d'accord. Mein Name wird auf einer
Liste abgehakt.
Man ließ bitten - man lässt warten. Schließlich werden
wir von einem Livrierten durch einen Messing- und Marmorkorridor in die
Messing- und Marmoreingangshalle gebeten. Alles riecht nach Diskretion.
Außen war nicht einmal ein Firmenschild angebracht: Entweder, man
weiß, WER hier logiert, oder man gehört eben nicht dazu. In
Grüppchen zu sechst werden wir in die Aufzüge und bis zur siebten
und letzten Etage befördert. Marmor, Messing, Palmen. Weitere Gänge,
Büros, PCs, schließlich Menschen. Wir münden in einen
Versammlungsraum: Ausblick auf die weihnachtsbeschmückte, hell belichterte
Champs Elysées und den Arc de Triomphe, die aus der Pariser Nacht
herausstechen: das ist wohl integraler Teil des Marketing-Konzeptes. Auf
einem Tisch liegen Namensschilder, alphabetisch aufgereiht. Christian
Jansen ist auch dabei und ich stecke mich mir ans Revers.
Thibault ist Directeur associé, verheiratet, 2 Kinder, 7 Jahre
Investment Banking, seit 5 Jahren bei McKinsey, diplômé HEC
und Sciences Po. Die Diplome - das ist so ein Tick bei diesen Leuten;
genauer: das ist so ein Tick in Frankreich. Wer weit nach oben will, benötigt
dazu das Diplom einer (besser: mehrerer) Grandes Ecoles. Man kann diese
Kaderschmieden, fast alle in Paris, an zwei Händen abzählen:
Für die wirtschaftliche Richtung gibt es HEC (Hautes Etudes de Commerce),
ESSEC (Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales)
und ESCP (Ecole Supérieure de Commerce de Paris). Für die
im weitesten Sinne mathematisch-technische Ausbildung sind die renommierten
Ingenieursschulen zuständig: Polytechnique, Ecole Supérieure
des Mines und Ecole Centrale de Paris. Das sind jeweils die großen
Drei. Die intellektuelle Elite der Geisteswissenschaften wird an der Ecole
Normale Supérieure (drei Abteilungen: Rue d'Ulm in Paris; Cachan;
Lyon) gezüchtet. Wer hier studiert, wird vom Staat dafür bezahlt.
Sciences Po, d.i. das Institut d'Etudes Politiques de Paris, bezieht eine
Sonderstellung zwischen den Grand Ecoles de Commerce und den Elite-Ingenieursschulen.
Hier werden Allgemeinwissenschaftler herangezogen, von denen ein Großteil
sich in wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen spezialisiert. Außerdem
gilt das Diplom Sciences Po als Königsweg für die Aufnahme an
DER Kaderschmiede der administrativen Eliten Frankreichs: die Ecole Nationale
d'Administration, kurz: ENA, die 60 Leute pro Jahrgang diplomiert. Die
politische Klasse Frankreichs hat fast ausnahmslos diese Schule durchschritten.
Sciences Po liefert jedes Jahr 90% der an der ENA Aufgenommenen. Die "Enarques",
wie man ihre Diplomanden leicht abfällig (weil neidisch) nennt, besetzen
- nach einem Parcours im öffentlichen Dienst - auch Schlüsselpositionen
in der französischen Wirtschaft. Die meisten Leute, die GANZ oben
ankommen, haben oft mehrere dieser Eliteschulen besucht: Jacques Chirac
ist diplômé Sciences Po und ENA, Jean-Marie Messier, der
Ex-Chef von Vivendi Universal, hat Polytechnique und ENA absolviert, usw.
Man muss den Klüngel der Diplomanden der verschiedenen Schulen verstehen,
die ein Netzwerk bilden, soziale Kasten, die die Schlüsselpositionen
des französischen Machtapparates besetzen und sich gegenseitig zuarbeiten.
Bestimmte Firmen rekrutieren nur Absolventen dieser oder jener Grande
Ecole - je nachdem, welche dieser Schulen die Entscheidungsträger
des Unternehmens besucht haben. Ohne entsprechendes Diplom "Zutritt
verboten". Wer das nicht weiß oder nicht zur Kenntnis nehmen
will, der kann die französische Gesellschaft nicht verstehen.
In Deutschland ist der Irrglaube verbreitet, die Sorbonne sei der Hohe
Tempel des französischen Bildungssystems. Das muss von Professor
Sartre und einer langen Tradition herrühren. In Wirklichkeit blicken
Schüler der Grandes Ecoles auf Kommilitonen der Universités
herab - Sorbonne oder nicht: die Universités sind für den
Pöbel, hier studiert der Rest. Auf der Party einer Kommilitonin (es
waren fast nur Studenten von Sciences Po und Polytechnique anwesend) war
diese Studentin, die Komplexe hatte, weil sie "nur" an der Sorbonne
immatrikuliert war, und sich unter all diesen Grands Ecoliens mickrig
vorkam.
Thibault, der Directeur associé des Pariser Büros, hat also
HEC und Sciences Po absolviert - so wird ein Mann in Frankreich gestempelt:
Das ist wie eine soziale Durchmarschbescheinigung. Ein Kommilitone nannte
das Diplom der ENA einmal eine Lebensversicherung. Entsprechend lesen
sich auf McKinsey's Webseite die Mitarbeiterprofile: Marc, 28, Mines de
Paris; Sandrine, 28, HEC; Jacques, 30, Mines de Paris, ENA; Alexandre,
24, Polytechnique. Thibault macht auf kontaktfreudig und schüttelt
einigen Studenten, die sich zu viert oder fünft um runde Tische versammelt
haben, die Hände. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen und ihre
Namensschilder angesteckt haben (weiß für die Scienes Po Studenten,
blau für die McKinsey Mitarbeiter), stellen sich die blau Bekarteten
der Reihe nach vor, und das geht so: "Guten Abend, ich heiße
Jean-Baptiste, bin seit 3 Jahren bei McKinsey und diplômé
ESSEC und Sciences Po. Letztes Jahr habe ich einen MBA in den Staaten
gemacht. Was ich bei McKinsey so schätze ist, dass wir wirklich im
Team zusammen arbeiten und es dabei absolut keine Hierarchie gibt. Jeder
sagt offen, was er denkt. Dazu sind wir sogar verpflichtet: obligation
to dissent, nennen wir das." So geht es weiter. Die meisten McKinsey
Consultants haben Scienes Po und noch eine andere Grande Ecole absolviert,
sind alle witzig, loben die tolle Arbeitsatmosphäre und hohe Professionalität.
Es folgt eine Powerpoint Presentation, deren erster Teil von Thibault
übernommen wird. McKinsey, das sind die besten ihrer Spezies, bilden
ein Weltweites Netz: "Wenn ich eine Problemstellung habe, konsultiere
ich zuerst unser riesiges Archiv. Da sehe ich, wer in der Welt schon an
ähnlichen Fällen gearbeitet hat. Dann rufe ich den Mann an und
er wird mir bereitwillig und ausführlich seine Erfahrung vermitteln.
Bei komplexeren Fällen fliege ich sofort hin." Zwei seiner jungen
Wölfe übernehmen und schildern ihre Erfahrung bei McKinsey in
schillernden Farben. Die Studenten beginnen zu träumen, die Augen
färben sich weihnachtlich.
Der zweite Teil der Vorstellung besteht aus einem Gespräch am runden
Tisch. Jeweils ein Consultant pro Kreis. Zu uns gesellt sich Charles,
er trägt einen teuren Anzug, die Krawatte lässt allerdings etwas
an Geschmackssinn vermissen. Ich schätze ihn Anfang dreißig,
er trägt einen goldenen Ehering, das Kinn quillt ihm schon leicht
über den Kragen. Die Standardfrage der französischen Kommilitonen,
welche Schulen er denn besucht habe, beantwortet er mit einem Witz, jedenfalls
denke ich, es müsse wohl witzig gemeint sein: Er habe zwar Sciences
Po besucht, allerdings das Diplom nicht erhalten - Ungläubiges Staunen
- Warum? - Weil er SCHON VOR dem Sciences Po Diplom an der ENA angenommen
worden sei. - Bewunderndes Staunen der französischen Studenten. Um
diesen "Witz" zu verstehen, muss man wissen, dass die meisten
Sciences Po Studenten sich NACH dem Diplom meistens noch ein Jahr lang
auf den Aufnahmetest der ENA vorbereiten.
Zum Firmen-Codex gehört, zuhören zu können: être
toujours à l'écoute du client, nennt man das. Charles ist
allerdings ziemlich monologisch veranlagt. Ich habe mich auf den Abend
vorbereitet und den Aufsatz des HEC Direktors gelesen, der ein année
sabbatique bei McKinsey absolviert hat. Ich wollte einen externen Blick
auf die süßliche Selbstdarstellung. Da liest man denn, dass
zum Firmen-Codex das Prinzip up or out (auch: grow or go) gehört:
Wer nicht spätestens nach drei Jahren aufsteigt, steigt aus. Man
fragt dann: "Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor",
und ist bei der Umorientierung behilflich. Über Auf- oder Ausstieg
entscheidet die Leistung (das nennt man im Firmenjargon meritocracy),
die nach jeder Mission evaluiert wird: BS = below standard, S = standard,
AS = above standard, O = outstanding; zweimal BS oder S = out. Das hört
sich ziemlich rüde an, und mit der nicht-hierarchischen Arbeitsweise
schwerlich zu vereinbaren. Ich erlaube mir, das schüchtern anzumerken
und werde von Charles lächelnd belehrt, dass ein Consultant nicht
am anderen gemessen wird und deshalb kein Konkurrenzdruck entstehe. Im
Gegenteil werde die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen gefördert
und berücksichtigt. Das sei eben wirklicher esprit d'équipe,
und - er legt väterlich seine Hand auf meinen Unterarm - wer Konkurrenzdenken
verhaftet sei, für den - er wirft mir lächelnd einen Seitenblick
zu - sei bei McKinsey kein Platz. In ein anderes Fettnäpfchen trampelt
mein Tischnachbar: Wie viel man den als Junior bei McKinsy so verdiene?
Das wird übergangen, man hat genug Geld in der Tasche, kein Grund
also, es in den Mund zu nehmen. In dem oben zitierten Aufsatz kommentiert
der Professor lapidar: money is not a problem.
Endlich geht es in die dritte Runde: "lockeren Talk" am Buffet.
Die Studenten freuen sich auf Champagner und feine Häppchen und gehen
zum Nahangriff über: Es gilt, sich in Szene zu setzen und in der
Erinnerung zu verhaken; Lebensläufe werden verteilt, Studentinnen
mit aufregenden Décoltées hängen an den Lippen von
Consultants mit feistem Kopf und Haarausfall.
Als ich im Büro erzählte, dass ich zu einem "Cocktail McKinsey"
geladen sei, glänzten die Augen der jungen Kollegen, die keine Grande
Ecole besucht haben und damit von vornherein ausscheiden: McKinsey, das
sei ein Traum. Sofort wurde ich beraten, wie mich zu kleiden, wie mich
in Szene zu setzen, worüber zu reden. In der nun auftretenden Situation
solle ich möglichst den Kontakt mit weiblichen Mitarbeitern suchen:
Es war genau ein weiblicher Consultant anwesend. Eine große, schlanke,
rothaarige Frau, etwa meines Alters. Hier erfuhr ich, dass eine McKinsey-Woche
normaler Weise zwischen 60 und 70 Stunden zähle, dass, sobald es
dem Ende einer Mission entgegen gehe, allerdings auch schon mal die Nacht
durchgearbeitet werde. An Diplomen hatte sie Sciences Po und ESCP zu verzeichnen,
und mit meinem Décolltée fuhr ich frontal gegen einen Eisberg.
Später am Abend unterhielt ich mich noch mit einem Absolventen von
ESSEC, Sciences Po und ENA, der nach einer kurzen Karriere als Beamter
in der Finanzinspektion in die freie Wirtschaft gewechselt war - mehr
Arbeit, lukrativere Vergütung. Die 60 bis 70 Wochenstunden seien
zwar stressig, aber es gebe immerhin noch die Investment Banker, die ca.
80 Stunden pro Woche zu Gange seien. Verglichen mit denen, sei die Arbeitsfülle
bei McKinsy doch noch ganz human. Wir unterhielten uns nicht sonderlich
lange, weil ein widerlich stiefelleckender Kommilitone sich ziemlich unhöflich
in die Diskussion drängelte. Bei dem Stichwort "ENA" war
er hellhörig geworden - die drei Buchstaben üben auf viele Studenten
eine ungeheure Anziehungskraft aus. Eine vergleichbare Anbiederung hatte
ich tatsächlich selten erlebt: der Drängler quetschte sich frontal
vor den begehrten Consultant (Absätze angeschlagen, Fußspitzen
gespreizt, Oberkörper leicht vorgebeugt, Hände mit den Handflächen
nach oben ineinander gefaltet, Froschmaulgrinsen) und teilte mit, dass
er selbst, Normalien (d.h. Absolvent der Ecole Normale Supérieure)
und nun Sciences Po, sich überlege, ob es denn wohl noch von Vorteil
für seinen beruflichen Werdegang sein könne, das Diplom der
ENA seinem Lebenslauf hinzuzufügen. Ich wäre vor Scham am liebsten
im Holzparkett versunken. Anstatt diesen Schleimer allerdings eiskalt
abzuservieren, stieg der Consultant ein und es folgte eine viertelstündige
Diskussion über die Vorzüge der Ecole Nationale d'Administration.
Ich musste später an Ingo Jacobs schönes Wort von der "Ecole
Infernale de comment on règne" denken: unter welche Menschen
bin ich gefallen? Wer hilft mir in diesem Schneetreiben? Einen Arzt für
diese Leute. Oder einen Henker. Ich nahm meinen Mantel, den Aufzug und
einen Seitenausgang. Es war gegen 21 Uhr, als ich wieder auf die Straße
trat und mich vor dem nun geschlossenen Billigimbiss fand, in dem ich
vorher einen Café getrunken hatte. Ich lief noch ein paar hundert
Meter die Champs Elysées hinab, in einer totalen American-Psycho-Stimmung:
überall Touristen, Weihnachtslichterblitze, die Kälte der Luft,
der Hass in der Metro, die Feindseligkeit der Menschen, ihre verhärmten
Futterneid-Visagen, Nadelstiche in meine Nerven. Meine Lederhandschuhe,
mit denen ich hätte würgen und töten können. Die Sehnsucht
nach Wald und Feldern. Dann Zweifel: lüge ich nicht, wenn ich sage:
Ich bin unter diese Menschen "gefallen"? Habe ich den Wahnsinn
noch unter Kontrolle? Wie lange noch kann ich mir glauben: "Ich schaue
mir das alles mal in Ruhe an"? Hätten sie mir einen Job geboten,
ich hätte ihn genommen und mir in meinem Kopf zurecht gebogen, dass
auch das nur eine Art gut bezahlter Recherche sei.
Tobias Schoofs
heute vormittag habe ich mich genötigt, die tagebücher von saskia
und rené durchzulesen, die im laufe der letzten beiden wochen hier
eingeplätschert sind und an denen ich nach den ersten einträgen
die lust verloren habe. ihnen fehlt der kamm, dafür haben sie viel
gel: young urban mehr oder weniger professionals langweilen sich zu tode
und geben dies zu protokoll. ein kopfschmerz hier und da, ab und an ist
jemand gut drauf. das interessiert den soziologen, wenn er gerade über
leute promoviert, die sich zu tode langweilen. wen interessiert es noch?
wie immer zeigen renés texte, dass an ihnen gearbeitet wurde. wie
immer haben sie geschmack: von dem nicht zu viel und von diesem in ausreichendem
maße. sie gehören in die bewerbungsmappe für das lifestylemagazin.
wie oft zeigen saskias texte, dass an ihnen zu wenig gearbeitet wurde.
"ich schmeiße meine sachen in den postausgang."
christian scheint weniger zu erleben als die beiden. er schreibt für
den ganzen dezember nur einen einzigen eintrag, der sich auch nur auf
einen einzigen abend bezieht. dass sein leben äußerlich mit
dem von saskia und rené verwandt scheint, zeigt der kurze absatz,
in dem es um das büro geht, das seinen alltag ausmacht. den rest
büro, um ehrlich zu sein, kann ich mir denken.
an diesem einzigen abend im dezember hat christian (ich nenne die tagebucherzähler
nach den namen der tagebuchautoren) jedoch um einiges mehr erlebt als
die anderen beiden im ganzen dezember. denn er hat sich die eine oder
andere frage gestellt, die mit ihm persönlich zu tun hat. in seinem
text finden sich elemente der selbstkritik. dadurch wird sein text spannend.
da er sein erleben gleichzeitig mit sehr viel information über die
welt anreichert, in die sein tagebuch gehört, hat man auch das gefühl,
nach der lektüre irgendwie mehr zu wissen als vorher. das ist ein
schöner nebeneffekt: denn irgendwie fühle ich mich befriedigt,
nachdem ich diesen text gelesen habe. das ist doch schonmal was.
Christian Jansen
da laufen sie wieder, jeder in seinem kleinen subjektivitaetsmikrokosmos.
wie haben sie wohl ihren samstag morgen verbracht? im bett, oder im "bett"?
vor dem pc? in ueberfuellten einkaufspassagen - ein hysterischer letzter
samstag vor der geweihten nacht?
und warum kommt kein tagebuch mehr? ist rené beleidigt? und saskia,
ist sie ironisch, selbstironisch, oder einfach gedankenlos / muede, wenn
sie christa wolf zitiert. "es zeigt sich: rückhaltlose subjektivität
kann zum maß werden für das, was wir (ungenau, glaube ich)
>objektive wirklichkeit< nennen - allerdings nur dann, wenn das
subjekt nicht auf leere selbstbespiegelung angewiesen ist, sondern aktiven
umgang mit gesellschaftlichen prozessen hat. (...)"? da sollte man
nicht schlafen, sondern hellhoerig werden.
wenn ich das, was ich von deutscher literatur und literaturkritik noch
mitbekomme, richtig verstanden habe, dann wirft man der jungen dt. lit.
NABELSCHAU vor.
nabelschau, leere selbstbespiegelung des subjekts also. und genau das
ist es, was tobias den tagebuchtexten von rené und saskia vorwirft.
ich neige dazu, seine auffassung zu teilen: was in diesen texten fehlt,
ist der "aktive umgang mit gesellschaftlichen prozessen", wenn
ich mal gerade wolfs holzklotzsprache benutzen darf. ohne jetzt wieder
die leidige grundsatzdebatte "l'art pour l'art oder lit. engagée"
lostreten zu wollen - mache ich es also lieber am konkreten textmaterial
fest:
1) René
das sind kompositionen auf sprachlich hohem niveau. allerdings wuerde
ich mir auf diesem niveau ein plus an inhalt wuenschen. soweit schoofs-text.
warum dieser in sich und seine reflektion der aussen- und innenwelt eingekapselte
erzaehler? der einzige "dialog" ist der mit einem nena zitat
aus der zeitung. ein NENA zitat! hey leute, gibt es in deutschen zeitungen
gerade nichts aufregenderes zu lesen? wenig dialog also, wenig austausch.
- ansonsten treten koerper in jogginganzuegen auf. warum koerper? steckt
da kein mensch drin? wenn ron winkler, der einzige mensch mit vollem namen,
eingefuehrt wird, erfahre ich, dass er ein "sehr netter mensch"
ist - punkt. warum ist er nett? was heisst das, "nett". wie
und was schreibt denn dieser "schreiber"? - ich habe - nennt
man das zufall? - die magisterarbeit dieses herrn winkler gelesen und
fuer meine eigene benutzt. ich waere neugierig darauf, ihn kennen zu lernen.
renés text laesst mich enttaeuscht. oder ist das seine strategie
- seine leser zu enttaeuschen? wir haben es doch mit einem reisenden zu
tun - koeln - frankfurt - regensburg: gibt es da nicht berichtenswerteres
als die lichter auf der autobahn?
schoen die beschreibung des jungen wohnens; dagegen positioniert sich
der scheiber in mittelaltem wohnen. ist das kritik? wie sieht mittelaltes
wohnen denn aus? ist es besser als junges? und wenn ja, warum?
auch komfortabel zu lesen der blick auf die familien, die sich am sonntag
"zeigen" (super!) und ihren - NATUERLICH! - KLEINwagen im parkhaus
abgestellt haben. so klein wie der wagen der geist. diese art kritik erinnert
mich an meine letzte stuckrad-barre lektuere, muss wohl "deutsches
theater" gewesen sein: da macht sich dieser schnoesel ueber die fernsehsendung
"scheibenwischer" lustig. ich fand das scheisse und dachte mir,
dass man sich tatsaechlich ueber alles lustig machen kann, sogar ueber
letzte inseln in einem meer aus merde. das mag auch eine lebenshaltung
sein - und ich neige ihr zuzeiten zu - allerdings nervt mich bei den meisten
dieser leute die nicht vorhandene selbtkritische oder wenigstens: -ironische
haltung. konkret: sich ueber kleinbuerger mit kleinen autos oder kolleginnen,
die ihren wohlfuehlpark ausbreiten (grossartig gesagt!) lustig machen
ist eine sache (mitunter auch eine GEMUETLICH zu lesende) - sich dann
aber im selbstmitleid suhlen, die nicht sehr komfortable situation des
nicht-bestseller-schreibers zu schildern, ein schmerz im ohr hier, kreislaufprobleme
da, die weinerliche demut ob des schreiber-mikrokosmos (und, zwischen
den zeilen: ausbleibenden erfolges), so klein der kreis (nebenbei: ist
das elitismus? - elitaer von exlegere: ausLESEN), die gereifte freude
ob der kleinen gemeinsamkeiten, man ist keine 18 mehr, vorbei das stuermen
und draengen, man wird realistischer, man hat sich eingerichtet im eigenen
kleinen wohlfuehlpark, - - ist das nicht auch komisch, wert, einer kritik,
polemie oder wenigstens ironie unterzogen zu werden?
2) Saskia
vieles, was ich an kritischem zu 1) schrieb, gilt hier. es gilt auch,
was tobias schreibt: die texte sind weniger bearbeitet, sie wirken in
der tat wie in den rechner gehauen und "in den postausgang geschmissen".
das problem: die oft geaeusserte muedigkeit der erzaehlerin breitet sich
leider oft auf die qualitaet des textes aus.
dabei gaebe es doch interessante themen in diesem von muedigkeit durchzogenen
leben zwischen referendariat, examensstress, buero und party: "ich
plane meine berufliche zukunft eher weniger." warum das alles? warum
so leben und nicht anders? welche "gesellschaftlichen prozesse"
wirken auf eine jurastudentin? sind sieben punkte in der revisionsklausur
eine gute oder schlechte note? warum schmeckt ihr becks besser als frueh-koelsch?
welche bedeutung hat die italienische fussballiga fuer die erzaehlerin,
warum ist sie noch in c. verliebt? ist mark kein guter freund? warum diese
leere selbstspiegelung? nach 20maligem hoeren muesste die botschaft doch
angekommen sein: stand up, and tell yourself: be strong!
oben
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