| Roundabout
Mai: Selbstmord
C. Jansen
5.5.
ich kenn
jemanden, der jemanden kennt, der zwei von Tobias' Texten kommentiert
hat (UNKONZENTRIERTES GEDICHT MIT CLAUDIA SCHIFFER und EIN GLEICHES).
er schrieb dazu:
"Schweizer
Linguisten-Käse
Als ich siebzehn
war - ich hatte noch nie mit einer Frau geschlafen -
erzählte mir ein unangenehmer Typ meines Alters, total besoffen,
in der
Dorfdisko meiner Heimat eine Geschichte. Der zufolge hatte ihm jemand
erzählt, dass diesem ein dritter erzählt habe, ein Kumpel eines
Freundes
seines Bruders habe seinen ersten Geschlechtsverkehr (oh, wie wir ihn
alle herbeisehnten!) mit zwei saftigen rohen Steak-Hälften gelebt,
die er
zwischen die Ritzen eines Heizkörpers geklemmt hatte. Das Fenster,
vor dem er stand, war geöffnet und er blickte in die Küche seiner
Nachbarin, die er so unheimlich geil fand, dabei sein sekundäres
Geschlechtsorgan zwischen den beiden rohen und durch den Heizkörper
angenehm auf Körpertemperatur erwärmten Steak-Hälften hin-
und herbewegend.
Es gibt viele
Geschichten. Es gibt weniger Geschichten als Fantasien. Es
gibt weniger wahre Begebenheiten als Geschichten und noch weniger als
Fantasien.
In Tobias
"Unkonzentriertes Gedicht mit Claudia Schiffer" "vögelte"
ein "ich" "claudia schiffer von vorn / von hinten von seitlich
von überall / her!
sie hat so viele löcher - man wundert / sich dass da noch was zu
fotografieren / bleibt!" Claudia Schiffer als Schweizer Käse.
Wer erinnert
nicht "Asterix bei den Schweizern", in dem Obelix sich beschwert,
dass bei
den ganzen Löchern nichts zu essen bleibe. Obelix hat recht. Ich
mag
Schweizer Käse auch nicht. Welche Frau aber könnte zu viele
Löcher haben? Das Gedicht lebt von der Fantasie, die den meisten
Männern als nicht unangenehm erscheinen mag: einmal Claudia Schiffer
so richtig heidewitzka von vorn und hinten und seitlich und oben und unten
und rechts und links und überall her... die männliche Potenz
kennt in ihrer Fantasie keine Grenzen. Und die Realität?
Ich kenne
jemanden, der jemanden kennt, dessen großer Bruder mal mit zwei
Frauen gleichzeitig geschlafen hat. Es war das sexuelle Erlebnis seines
Lebens, big deal, aber als es zur Sache ging - Alkohol war auch reichlich
geflossen - da hatte der junge Mann im Überschwange seines Glückes
erst mal Probleme mit der Standfestigkeit: so etwas war ihm ja doch wohl
noch nie passiert!
Das Gedicht
lebt weiterhin davon, dass Großmaul-"ich" vom Fick seines
Lebens mit ziemlicher Lässigkeit und ohne jede Begeisterung erzählt.
Die häufigen Digressionen sind dafür bezeichnend. Ein blöder
Angeber also. Was bleibt? Die Einsicht, dass ein Mensch da benutzt wird,
nicht einmal wie die zwei oben erwähnten Steak-Hälften, sondern
nur noch als Loch, besser: als Leerstelle. Claudia Schiffer als Folie,
darauf männlicher Wahn und krankhafte Egozentrik sich projizieren.
Claudia Schiffer als ZEICHEN entseelt und entkörpert, dem neuer SINN
zugeSCHRIEBEN, zugeDICHTET wird. Und so ist das Gedicht formal natürlich
alles andere als "unkonzentriert", 14 Zeilen und ein ebenfalls
für das Sonett typische, zwischen 11 und 10 Silben alternierendes
Metrum, stehen dafür ein.
Jetzt hat
Tobias, sich recht unbescheiden in eine Traditionslinie mit einem
schon verstorbenen Geheimrat stellend, SEIN "Ein Gleiches" angehangen.
Aber dieses ist überhaupt nicht gleich. Die Großmaul-Stimme
wird durch einen Melancholiker ersetzt, der dem Stern hinterher trauert,
der über seinem Leben stand: Claudia Schiffer. War sie im ersten
Gedicht implizit zur Fickfantasien-Folie reduziert, wird hier explizit
genannt, worum es geht, worum es oft in Tobias' Texten geht: "zeichen.
/ ein netz in dem ihr bild gefangen ist / oder ich. vermessene höllen.
verweise. // die konnotationen ich weiß es hören nicht auf
/ als wenn sie mehr gewesen wär als mode".
Zeichen, Konnotationen: im dunklen Zeichenwald ist Claudia Schiffer ein
Zeichen unter vielen Zeichen, Zeichen, die ein (Thunfisch!)Netz bilden,
in
dem sich bald die Zeichen selbst, bald ihr Betrachter verfangen: chiffrieren
und dechiffrieren, eine de Saussure'sche Hölle.
Das Zeichen allein ist dabei gar nichts. Ein Tisch ist nicht ein Tisch,
weil
man vier Beine unter eine Holzplatte nagelt (man könnte ihn umdrehen
und zu Wasser lassen, dann wäre er ein Floß), und die Lautfolge
"stimmloser alveolarer Plosivlaut" plus "hoher vorderer
Vokal" plus "stimmloser palatoalveolarer Reibelaut" macht
noch weniger einen Tisch. Claudia Schiffer wird nicht Claudia Schiffer,
weil sie vielleicht schärfer geschnittene Kurven oder mehr Löcher
als andere Exemplare ihrer Gattung hat. Der Tisch wird zum Tisch, weil
der Betrachter / Benutzer ihm die entsprechende BEDEUTUNG beimisst, und
weil ein gesellschaftlicher Konsens besteht, der diese Bedeutung untermauert.
So wird entsprechend eine siebzehnjährige Oberstufenschülerin
zu Claudia Schiffer, weil man ihr die Bedeutung "Topmodel" zuweist.
Wieso aber
ist die gealterte Fickfolie plötzlich der ewige Stern zu
Bethlehem? Es ist leicht, die biblische Zeichenflut, mit der wir leben
müssen zu kritisieren. Vor allem ist es eine bekannt Kritik
("Reizüberflutung"). Es ist hingegen schwieriger sich einzugestehen,
dass
die Zeichen, die heute unausweichlich zu unserer Welt gehören, diese
"vermessene[n] höllen" aus signifiant und signifié,
auch einen
stimulierenden Effekt haben: Sie können der Fantasie, die sich einen
Weg aus dem Dunkel des Körpers bahnen muss, als Folie einen großen
Dienst erweisen, manchmal zur Kritik, manchmal als Muse, manchmal als
Stern."
A. Kasnitz 5.5.
Geschichten
von Typen, die jemand kennt
Meistens
sind solche Geschichten aus einem anderen Medium, diese F-Geschichte mit
den zwei Frauen und dem Fleisch hab ich jedenfalls als Filmszene aus dem
kanadischen Film "Leolo" enttarnt.
Eine ähnliche
Geschichte habe ich vor nicht allzulanger Zeit bei jemandem
erlebt, denn ich kenne. Er erzählte mir eine wahre Begebenheit, die
er selbst in einem Vietnamesen-Shop auf der Schönhauser Allee in
Berlin erlebt habe (Inhalt: alle Produkte sind in diesem Shop nach Verpackungen
sortiert, nicht nach ihrer Art, bezahlt wird nach Verpackungsgröße,
und er habe ein richtiges Schnäppchen gemacht). Jedenfalls zeigte
er beim Erzählen dieser Geschichte in eine relativ unbestimmte Richtung,
wo es tatsächlich eine Geschäftszeile gab.
Wenig später las ich jedoch in Wladimir Kaminers "Schönhauser
Allee"
ebendiese Geschichte, die jemand erlebt haben soll, den Kaminer kennt.
Jetzt frage
ich mich, ob ich jemanden kenne, den auch Wladimir kennt, oder ob ich
einfach nur verarscht wurde.
S. Lafleur 5.5.
1996 wars
wohl, als ich das elektropansen spécial "claudia schiffer"
herausbrachte, in das ich tobis gedichte bedenkenlos aufgenommen haette.
kurz hab ich damals ueberlegt, ob ich nicht auf einen schlag durch die
gesamte deutsche & evtl europaeische boulevard-presse damit rauschen
soll, ganz einfach, indem ich das heftchen claudias management zuschicke,
das seinerzeit jegliche auch nur ansatzweise verunglimpfung des jeden-zweiten-tag-seite-eins-maedchens
scharf verfolgte, was sich im falle, dasz kuenstler ungefragt sich des
themas annahmen, unweigerlich in der yellow press breit & heftig niederschlug.
die haetten in elektropansen ordentlich nahrung gefunden. allerdings war
mir das thema letztlich zu billig, zu lustig oder sonstwie zu unpassend/unwert,
um darauf meinen evtl voruebergehenden ruhm als volksfeind nr eins (darauf
waers rausgelaufen) auf teufel komm raus zu gruenden. andererseits hatte
claudi diese reaktion in form einer elektropansen-ausgabe wiederum v!
erdient, eine frau, die sich von ihrem management immerhin ein image bilden/ueberstuelpen
liesz, das ihr jegliche statements zu irgend erdenklichen themen verbot,
bzw die presseleute schon danach aussuchte, dasz sie nach nichts weiter
fragten, als was claudis geldvermehrung/werbung in augen ihres managements
nuetzte. das war sozusagen der mega-fehdehandschuh fuer jeden, der wert
auf selbstaendiges denken legt, wenn einen jeden tag eine & diegleiche
frau an jeder ecke der stadt anstiert, die das genaue gegenteil davon
vermittelt/verkoerpert im wahrsten sinne des wortes/unter die massen streut.
getoppt wurde das nur noch davon, als ich im EXPRESS die ankuendigung
las, claudia habe ein buch ueber ihr (damals ca 24-26jaehriges) leben
geschrieben oder wolle dies tun, was so ziemlich auf dasgleiche hinausgelaufen
sein duerfte.
ein biszchen nostalgie, schlieszlich nahm das fertigen des heftchens gut
drei monate in anspruch & in jener zeit hing haeufig ein claudia-schiffer-bild
bei meinen lesungen auf der buehne, ueberkam mich bei tobis gedichten.
& auch verwunderung. das erste ist ja purer trash, etwas, wovon ich
bisher dachte, dasz es an tobi spurlos voruebergegangen sei. & das
zweite ist ja nineties-nostalgie pur. insofern natuerlich ein ungeheuerer
vorgriff bei der derzeit schwaerenden eighties-revival-stimmung. wobei
ich sagen musz, uschi obermaier war, ist & wird zeitlebens & darueber
hinaus ungleich staerker up-to-date sein als claudia schiffer ever. nicht
zuletzt deswegen kann ich christians kaesemail als nichts weiter als einen
durchaus gelungenen spasz auffassen, ebenso wie tobis gedichte - denn
heuer stehn wirklich andere themen als top-models zur debatte.
T. Schoofs
9.5.
das thema
des monats will nicht recht in gang kommen. deshalb versuche
ich es mit einem kleinen rätsel über zwei autoren. der erste
schnitt
sich die pulsadern auf und schrieb mit dem eigenen blut theatralisch
sein letztes gedicht:
"Lebe
wohl, mein Freund! Es gilt zu scheiden.
Teurer, den ich schloss an meine Brust!
Vorbestimmte Trennung macht uns beiden
Wiedersehns Verheißungen bewusst.
Lebe wohl,
mein Freund! Kein Wort! Kein Händegeben!
Runzle nicht die Brauen, mach dich hart!
Keine neuen Tode kennt dies Leben,
doch auch lebt sichs nicht auf neue Art."
anschließend
erhängte er sich am lüster seines hotelzimmers.
der zweite
autor kommentierte dies zunächst dahingehend, dass es doch
wohl besser gewesen wäre, hätte sich der erste autor für
die steigerung
der tintenproduktion engagiert, nahm ihn jedoch auch mit den worten
"besser ein tod im alkohol als in langeweile" in schutz. nur
fünf jahre
später schrieb auch der zweite autor sein abschiedsgedicht:
"Wie
man sagt:
Der Fall ist erledigt,
die Liebesbarke
am Leben zerschellt,
dem Leben blieb ich nichts schuldig.
Überflüssig ist es,
aufzuzählen
die Leiden,
Schmerzen
und Bitternisse des Daseins.
Lebt wohl!"
Dann schoss
er sich in die Brust.
Wer waren
die beiden?
S. Lafleur 9.5.
Kölnkrimi
Nur wenige
Minuten später. Drei Hubschrauber kreisten über dem Rheinabschnitt
zwischen Mülheimer Promenade & Cranachwäldchen. Rettungsboote
schwärmten aus. Zackig. Das Ballett der Suchenden zu Luft & Wasser
änderte den Rhythmus der Passanten. Alle Schalter umgelegt auf Gaffen.
Wie wäre es, diese Szene aus dem Weltgeschehen auszuschneiden, hinter
eine gigantische Vitrine zu bannen & museal weiterwirken zu lassen?
Bis in alle Ewigkeit - zumindest die ersten paar Dekaden davon.
ERTRINKENDER,
vermutlich suizidale Absicht. (Köln 2002)
Gestiftet vom Volke selbst.
Ich hatte
den Mann nicht ohne Grund über das Brückengeländer gehievt.
Er hatte mich wütend gemacht. Jetzt mischte ich mich unter die Gaffer.
Schon um nicht aufzufallen. Neben mir stand eine korpulente Frau mit wallendem
Haar & Sackkleid. Natürlich so einen kleinen undefinierbaren
Hund an der roten Schnappleine. "Das ist jetzt schon das dritte Mal
dieses Jahr." "Sie bringen den Menschen Unglück",
antwortete ich.
Wenn der Drecksack überlebte, stände es nicht gut um mich. Ich
hatte ohne Maskierung gehandelt. Ich hatte etwas Alltägliches getan.
Im Schutze der Transparenz war diese heikle Arbeit gelungen. Aber er kannte
mich. Hatte es sogar voll drauf angelegt.
Froschmänner glitten in die Fluten. Der ganze Tag glich bereits einem
Wal, der langsam ins Meer abtaucht. Die Sonne, die Luft, das Vogelgezwitscher,
die Geräusche der Frachter & irgendein ferner Baulärm.
Was ihn wohl dazu getrieben hatte? Eine solch blöde Frage fehlte
gerade noch. Als ob es uns etwas nützte, wenn wir über die Motive
Bescheid wüßten. Ihr wollt es dennoch wissen? Wahrscheinlich
war es Jesus selbst, aus dem Dom entlaufen. Die Jahreszeit paßte
genau, Ostern &soweiter. Er wollte mir weismachen, daß er besser
sei als ich. Wie es auf dem Rheingrund wohl aussah? Ich hatte davon gehört,
daß es eine Brigade gibt, die in Druckluftkammern trockenen Fußes
den Fluß durchquert, um die Fahrrinne von sperrigem Abfall zu säubern.
Nichts im Leben würde ich lieber tun!
Ich konnte sie riechen, die Geister des Flusses. Eines Tages würde
ich auch mit ihnen sprechen. Sie aus ihren Halbexistenzen befreien &
wenn nötig, mir untertan machen. Sie sollten Jesu Leib speisen. Da
unten würde er nur unappetitlich aufquellen & wieder nach oben
treiben. Der saubere Herr.
"Wir machen jetzt Schluß." Ich kannte die Stimme der Wärterin.
Das aralblaue wadenlange Uniformkleid betonte ihre sexy Gestalt. Sie hatte
sich mit Lippenstift einen Kußmund gemalt, der eine halbe Handbreit
vor ihrem Gesicht waberte. Ihre Stimme klang warm & rauh. Sie lullte
mich ein mit ihrem Schlafzimmerblick. "Ich muß Sie bitten,
jetzt nachhause zu gehen, falls Sie eins haben." War das Mitleid?
War das Anmache? Ich hatte schon meine Faust um den Schlüsselbund
geballt, um ihr mit dessen Enden eins über die Fresse zu ziehen,
als ich mich noch rechtzeitig besann. Wir kannten uns seit Wochen. Seit
das Museum eröffnet hatte. Sie hatte diesen Satz witzig gemeint.
Das stand nun fest. Ihr Humor ließ zu wünschen übrig,
aber vielleicht konnte sie andere Sachen besser. Ich ging wortlos an ihr
vorüber.
Das Museum der lebensechten Situationen war zum Mittelpunkt all meiner
Aktivitäten geworden. Ich verbrachte jeden Öffnungstag vom ersten
Einlaß bis zum Schließen in der Selbstmörderabteilung.
Ich sah all dieses Unglück. Das Scheitern. Ich besah es mir sehr
genau. Es gab nichts mehr zu tun. Ich hatte die Lage im Griff.
S. Mackeben 10.5.
Zwischen
hier und zuhause
Meine Eltern
wohnen in einer 4-Zimmer-Wohnung. Naja, es sind eher 3 1/2 Zimmer. Das
halbe Zimmer ist für Getränkekisten. Sprudel, Wasser, Punica.
Die anderen Zimmer: Schlafzimmer, Wohnzimmer, mein Zimmer. Seit ich da
nicht mehr wohne, ist es ein zweites Fernsehzimmer, falls meine Eltern
mal was Unterschiedliches gucken wollen. Meine Eltern würden gern
in einem Haus wohnen, nicht in einer Wohnung. Das lohnt sich jetzt natürlich
nicht mehr. Außerdem dürfte es kein Reihenhaus sein. Das wäre
kein richtiges Haus. Es müsste freistehend sein. Ein frei stehendes
Haus.
Meine Mutter
sagt, früher war Geld auch nicht so wichtig. Da hatte keiner
was, und alle Kinder haben die Sachen von Verwandten aufgetragen. Oder
Selbstgenähtes. Die kannten gar keine Markensachen.
Sie hat manchmal ein Kleid für sich genäht, und aus dem Rest
noch eins für mich.
Ich habe
eine Freundin, der ich gern aus meiner Kindheit erzähle, und sie
mir aus ihrer. Wir gehen dann Weizenbier trinken, und essen vielleicht
noch ein Baguette. Ihre Eltern wohnen in einem Haus, in dem das Wohnzimmer
80 Quadratmeter hat. Offensichtlich ein freistehendes Haus. Aber ihre
Eltern waren sehr vernünftig mit den Kindern. Die mussten auch die
Sachen ihrer älteren Geschwister auftragen. Und auf ein humanistisches
Gymnasium gehen, das hat sich wirklich gelohnt, sagt sie, das war eine
sehr wertvolle Erziehung.
Spät abends erzählt sie mir einmal, dass sie vom Dach ihres
Elternhauses
gesprungen ist, um zu sterben. Sie ist auf dem Rasen gelandet, und hat
sich nur den Fuß umgeknickt. Ich bin trotzdem etwas erschüttert
von der Geschichte.
Bei uns im
Haus ist auch einmal jemand gesprungen, ein Mädchen, die aber auf
eine andere Schule gegangen ist. Als sie gesprungen ist, oder gefallen,
wie ihre Familie behauptet, ist sie aber nicht mehr zur Schule gegangen,
da war sie schon rausgeflogen. Immer wenn ich auf der Straße an
ihr vorbeigegangen war, sagte sie so Sachen wie: ey, guckst du mich an?
Du hast mich doch angeguckt, oder? Einer Freundin von mir hat sie mal
in der Fußgängerunterführung ein Bein gestellt, und ihr
dann den Kopf gegen die verpissten Kacheln gedrückt, und sie auch
wegen irgendetwas angemacht. Ich weiß nicht mehr, weswegen. Die
ist auch nicht gesprungen, weil sie Sorgen hatte, oder Probleme, die dachte
bestimmt wirklich, sie kann fliegen, auf ihrem Trip. Eine Drogenabschreckungslegende
für die nachfolgende Generation.
Meine Eltern waren damals von diesem Ereignis sehr getroffen. Obwohl ich
sowas jawohl nie nehmen würde, oder? Nein.
Die anderen
Eltern, die in dem freistehenden Haus, haben gar nicht
mitbekommen, dass ihre Tochter gesprungen ist. Aber wie sollten sie auch.
Sie ist einfach aufgestanden, um das Haus herumgegangen, durch die Eingangstür,
und leise wieder in ihr Zimmer. Da hat sie dann irgendwie befreit gelacht,
und sich den Fuß mit Sportsalbe eingerieben.
Heute kann sie das auch nicht mehr verstehen, daß sie gesprungen
ist, sagt sie leise. Manchmal hat sie schon noch diese dunklen Momente.
Alle zwei
bis drei Wochen besuche ich meine Eltern. Meine Mutter kauft
Kuchen, und mein Vater deckt den Tisch. Im Sommer auf dem Balkon.
Nach dem Kaffee hilft meine Mutter mir, den Ansatz nachzublondieren. Alleine
ist das immer so ein Schmierkram. Mein Vater guckt dann meistens Fußball,
weil Samstag ist. Manchmal ist auch Sonntag. Bei meinen Eltern zu sein,
ist immer eine schöne Abwechslung.
A. Stoll 13.5.
Hast du den
kellerkokon erinnere dich !
bist du zu hause ? den keller wandrand voll
gefüllt und überfließt dich der schwall, erinne
re dich, bist du - nicht wie das letzte mal da
war schnee und liegengebliebene kälte im
raupenzuhause- in deinem keller nun
angewärmt aufgegangen - ? einmal stehen
wasser ! werden ! sein ! von einer über dir
hereingebrochnen tiefen überschwemmung in
frühlingshaftem rauschen über müde alle
letzte male weit hinaus in deinem ausge
breiteten geschoss ! erinnere dich dann ! nie
mehr loses plätscherrauschen zwischen allzu stolz
gestapelten kokongesteinen, gewölbe
raupen. raupe aus bist du zu hause - aus
dem schnee . . . . nach hause gekommen ?
C. Jansen 13.5.
Paris, Donnerstag,
14. März 2002, 11h47.
Es war ein guter Morgen mit einem schlechten Buch. Seit einigen Wochen
hat sich unser Leben geändert. Der einzige Störfaktor war der
Verkehrlärm, der bis zu uns hinauf in den fünften Stock dringt;
die Fenster ließen den Wind durch. Dann kam das Doppelglas und eine
glückliche neue Zeit schien heranzubrechen. Seit einigen Wochen hat
sich unser Leben geändert. Sie heißt Barbara Carlotti, ist
von Beruf Sängerin und hat die Wohnung unter uns bezogen; sie übt
jeden Tag. Zwei Stunden. Es beginnt mit summenden Aufwärmübungen,
gefolgt von Tonleitern, zu denen sie die Laute "Oui-o-oui-o-oui-o-oui-o-oui"
bildet; Tonhalteübungen, kompliziertere Tonwechselessays, dann ganze
Stücke; gestern sang sie gar auf deutsch: "La-aise driiiiiiiiiiiiiin-gen
ma-aine Liiiiiiii-deer duuuurch die Na-acht zu Diiiiir!" - kein Witz.
Ich bin überzeugt, sie hat herausgefunden, dass ich Deutscher bin
und macht das absichtlich.
Ich habe viel versucht: Wagners Wallküren, Chopin und Beethovens
Fünfte; danach griff ich zu härteren Mitteln, legte die alte
Angel-Dust-Platte noch mal ein und drehte auf bis zum Rand (sie kann dabei
ihr eigenes Singen eigentlich nicht mehr gehört haben) - es half
alles nichts. - Dann haben wir kurz geredet. Jetzt singt sie zwischen
11 und 14h. Heute fing sie um 11h10 an, ich habe noch einige Minuten weiter
gegen das schlechte Buch und ihre furchtbaren Aufwärmübungen
gekämpft, - und dann kapituliert. Ohrstöpsel helfen nicht. Es
ist die Hölle. Ich bin gezwungen, die Arbeit zu unterbrechen und
alte Platten wieder aufzulegen.
"King for a day - fool for a lifetime", - das ist die Platte
meiner besten Jugendzeit. Eine Zeit, die ich A. verdanke. Alles was ich
bin, verdanke ich Freunden. Hätte A. mich nicht vom Schachbrett weggezerrt,
damals, als ich siebzehn war, ich spielte heute vielleicht in der Bundesliga
- und wäre wahrscheinlich immer noch Jungfrau. [...]
"King for a day - fool for a lifetime", - das war unsere beste
gemeinsame Zeit: "It is not a good day, if you are not looking good
/ This ist the best paty that I've ever been to / Today I asked for a
god to pour some wine in my eyes / Today I asked for someone to shake
some salt on my life [...] This is the best party I've been to / Don't
let me die with that silly look in my eyes..." Im Frühling 1995
kam die Platte raus, da machten wir grad unser Abitur. Im Sommer hatten
wir das Abitur in der Tasche und fuhren zum Faith No More Konzert nach
Dortmund: Michel Patton war Gott und er hat uns tüchtig Wein in die
Augen gekippt. Danach noch in den Club. Da erzählte mir einer, dass
C. von der Talsperrenmauer gesprungen sei. Er hatte sich im Zimmer seines
Wohnheims die Pulsadern aufgeschnitten. Das hatte wohl nicht gereicht,
weshalb er sich noch ins Auto gesetzt und zur zehn Kilometer entfernten
Talsperre in H. gefahren war. Er parkte den Wagen sauber ein, stieg zur
Mauer hinauf und sprang herunter. Es gab viel Wind, Drogenrazzien, auch
mein Name tauchte in Polizeiakten auf, der EXPRESS brachte irgendwas über
Satanskult in der Eifel, - alles Idioten. C. war tot. Ich war der Oberidiot
und kam wieder mit seiner Schwester zusammen, für ein paar Wochen,
dann war auch das tot, endgültig. "What a day, what a day /
If you can look it in the face / And hold your vomit."
R. Hamann 14.5.
aus den kühlfächern
der erinnerung
kandidat
1 hatte liebeskummer. seine freundin hat ihn stehen gelassen und ist gleich
mit einem anderen los. der kandidat verließ heulend die party seiner
erkenntnis und ließ sich auch von seinen vermeintlichen freunden
nicht trösten. lieber rastete er ein wenig aus, demolierte eine fensterscheibe
und ließ sich von der aufgescheuchten örtlichen bullenstreife
nach bedburg-hau in die landesklinik chauffieren. er gehöre dahin,
er brauche psychologische hilfe, und zwar sofort, war sein statement.
dumm nur,
dass es bereits mitten in der nacht war und die aufnahme nur noch aus
einer nachtschwester bestand. die ärzte schliefen ihre wohlverdienten
räusche aus. die schwester wies ihm ein zimmer, in dem er sich erstmal
ausruhen solle, morgen früh käme dann ein arzt und kümmere
sich um ihn. ok, prima, ein bett, eine lampe, gute nacht.
der kandidat, der außer dem ärger mit freundin ärger mit
einer geliebten
ganz anderer natur hatte, dem staat nämlich, bzw. ganz konkret der
bundesausländerbehörde, die ihn wegen fehlender pässe,
anträge und sonstiger unterlagen sowie fortlaufender arbeitslosigkeit
doch gebeten habe, möglichst bald das land in richtung vermeintlicher
heimat zu verlassen (irgendwas in südamerika). selbstverständlich
zog es den vollwaisen da nicht gerade hin. ihn zog es zur lampe, an der
er sich mit seinem hosengürtel erhängte. die nachtschwester
merkte nichts, die ablöse fand ihn am nächsten morgen, baumelnd.
kandidat 2 konnte von liebeskummer nur träumen. anfang zwanzig und
noch immer jungfrau, sonst eigentlich ein freundlicher spund mit einer
gesunden vorliebe für ska musik. zuweilen nahm er mich in seinem
gemütlichen saab aus der großen stadt mit in die kleine, mickrige,
aus der wir gekommen waren. er studierte regionalwissenschaften, nach
dem er mit ach und krach das abi geschafft hatte: und zwar auf bafög-basis.
als er zum zweiten mal durch die diplomsprüfung gefallen war, kaufte
er sich einen strick und hängte sich an einem baum im volksgarten
(!) auf. dass es auch da dauerte, ihn zu entdecken, hat mich sehr gewundert.
kandidat
3 litt schon immer an einer schwäche für pathos und an dem tod
seiner mutter. eine sehr fürchterliche geschichte, die auch mit dem
selbstmord seines besten freundes in der ostwestfälischen kleinstadt
zu tun hat. seinem vorbild, das sich wagemütig von einer brücke
runter und vor die maschine eines lokführers werfen musste. die ganze
klasse war auf der beerdigung und heulte.
kandidat drei also verschloss sich erstmal für ein ganzes jahr in
seinem
unicenter-appartement, überließ sich ansonsten dem fernseher
und seinen
treuen freunden, die ihm gelegentliche einkäufe brachten. ein draußen
gab es nur noch in form von verhassten zuschauern: für ihn wurde
die vorstellung zur hölle, dass die geliebten programme auch für
andere ausgestrahlt wurden. seinen abschiedsbrief schrieb er als .doc-datei.
er beinhaltete einen einzigen satz: "irgendwann wird einem klar,
dass es wichtigeres gibt als das leben." er hat sich dann, an einem
saukalten januarabend übrigens, aus dem zwölften stock gestürzt.
nicht ohne vorher, auf seinem balkon, noch eine abschiedszigarre geraucht
zu haben.
T. Schoofs 14.5.
zu saskias
prosa:
wie auch andere - und auch schon von anderen texten - bin ich angetan.
allerdings möchte ich doch auf ein, zwei sachen aufmerksam machen.
der
text lebt, wie christian schon angemerkt hat, vom ton, der keine plots
und groben brüche erwarten lässt, sondern "taktvoll"
voranschreitet.
auch inhaltlich gibt es keine brüche, alles hält sich im bekannten
- man
hat das gefühl, die dinge selbst so oder ähnlich erlebt zu haben.
manchmal aber gleitet diese belanglosigkeit ab; die dinge werden so
belanglos, dass es übertrieben wirkt, die "masche" sichtbar
(und ALS
masche sichtbar) wird: "Wir gehen dann Weizenbier trinken, [!] und
essen
vielleicht noch ein Baguette." "Wir gehen dann ein Bier trinken
und
essen vielleicht was" hätte es doch sicher auch getan. oder
steht das
WEIZENbier hier für sommer, sonne, ferien? ein ähnliches problem
hat der
satz: "Manchmal hat sie schon noch diese dunklen Momente." das
ist die
sprache der kommödie. texte wie "Zwischen hier und zuhause"
sind ein leichtes opfer der ironie. es wäre deshalb ratsam, alles
zu lassen, was nur ansatzweise komisch wirken könnte und jeden satz
dahingehend zu beäugen, ob er nicht gerne schon mal zum drüberlustigmachen
verwandt wird. ebenfalls jenseits der
schmerzgrenze empfinde ich den letzten satz, der einem die moral des
ganzen nochmal aufs auge drückt. würde dieser letzte satz fehlen,
wäre das ende wirklich sehr schön - und im angesprochenen wochenende
ist die abwechslung bereits deutlich genannt.
renés
text kam mir ganz ähnlich gestrickt vor. zumindest geht er das
thema ganz ähnlich an: die bekannten dinge, die, die alle so
oder ähnlich erlebt haben, das belanglose wird erzählt. im unterschied
zu saskia gibt sich der text dieser belanglosigkeit aber nicht hin,
sondern ist bemüht, drüber zu stehen. die makaberen wendungen
machen das deutlich: die "kandidaten", "dumm nur"
usw. ich hoffe, es ist nicht
allzu gewagt, wenn ich sage: saskia unterscheidet sich von renés
"kühlfächern der erinnerung" (ein sehr starkes bild
nebenbei) durch den
gleichmäßigen herzschlag, den die erinnerung bei ihr hat -
und der die
erinnerung am leben erhält. "Zwischen hier und zuhause"
scheint somit
auch "humaner" als renés kalte aufzählung der kandidaten.
allerdings
hatte ich bei saskia den eindruck, dass dieser humane ton auf kosten der
selbsmörderin geht, die aus der welt heiler familien, die der text
erzählt, ausgeschlossen bleibt. und zwar nicht nur, weil die realität,
die erzählt wird, so ist, sondern weil auch der text sich aktiv um
diesen ausschluss bemüht. er stellt uns die springerin als dumme
prüglerin dar, die irgendwelche "drogen" nimmt. sonst erfahren
wir
nichts. der zynische ton, in dem von dem latino erzählt wird, den
es zur
lampe zieht, erweist sich als humaner: von ihm, der ausgeschlossen
werden soll, erzählt der text - und schiebt ihn damit eben nicht
einfach
ab.
T. Schoofs 15.5.
St Valentin
am tag der
verliebten rutschte ich
auf dunklen hügeln aus
und stürzte ins wasser wo
ich mich stieß weil es flach war.
oder war
es nur fallsucht?
sie jedenfalls,
eine bäuerin, stocherte
in allem herum in dem ein pflänzchen zu
wenig luft bekam und erntete ab
was abzuernten war. nie aber
verletzte sie wurzeln. sie weckte
fernweh, es war eine schöne
romanze. am abend stand sie
am straßenrand unter diesem ver
maledeiten hinweisschild guan
tánamo: 10km' an dem ich
mir dem kopf einrannte bevor
ich erneut zu boden ging.
R. Hamann 16.5.
habe eine
etwas andere übersetzung des gedichtes von Wladimir
Majakowskij, der gesuchten person nr. 2, gefunden, eine, die mir etwas
besser gefällt:
Wie man so
sagt:
der Fall ist jetzt erledigt,
das Boot der Liebe
ist am Sein zerschellt.
Ich bin mit dem Leben quitt,
es ist noch nicht nötig,
daß man sich Not
und Qual
entgegenhält.
Den Hinterbliebenen Glück.
Wladimir Majakowskij
12/IV-30
E. Stahl 16.5.
das ist ja
nun ein guter abgang. aber warum? das ist das raetsel...
tatsaechlich deshalb, weil der gute sich nicht entsprechend gewuerdigt
sah? oder aus allgemeinem stalinismus? zu dieser zeit kaum moeglich.
war doch m. teil von lef, der offiziellen lit.zs./-richtung der zeit.
was ist selbstmord? uebergang? oder s.o.: ab-...
was passiert im moment des verscheidens: dasselbe wie beim normalen
sterben?
gibt es einen moment der erloesung?
gibt es (notwendig) einen moment des wunsches zur revision?
gibt es (notwendig) einen moment des einverstaendnisses?
in diesem sinne mitten aus dem eis- u. schwimmmstadion, wo nichts nach
selbstmord aussieht, obwohl, wenn ich ueber eine bruecke gehe wie ueber
jene, welche die innere kanalstr. quert, ist es schon immer doch etwas...
A. Stoll 16.5.
ich muss
einen schwerkranken mann in ein gehirnzentrum hieven, weil er
selber vor schmerzen sich die kugel geben will. tragischerweise will er
vorher noch seinen keller ausräumen, wozu er zu schlapp ist.
machen 17 jahre höllenschmerzen aus einem menschen einen menschen?
das frage ich.
R. Hamann 18.5.
eine ganz
andere, nicht mehr wiederzuerkennende version des gedichtes von lösung
1 lautet wie folgt:
Freund, leb
wohl. Mein Freund auf Wiedersehen.
Unverlorener. Ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so war´s, du weißt, dies Gehen.
Da´s so war: ein Wiedersehen versprichts.
Hand und
Wort? Nein, lass - wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben -, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.
gefällt
mir ebenfalls besser. hier noch ein link zu einem foto und nachruf:
http://www.langewiesche-brandt.de/jessenin.html
am schluss
heißt es da:
"Jessenin schrieb am 27. November 1925 sein Abschiedsgedicht, mangels
Tinte mit Blut. Am 28. November nahm er sich in einem Leningrader Hotelzimmer
das Leben." also nicht anschließend, sondern einen tag später.
und von wegen tintenproduktion - wo man zu arm war für tinte, konnte
man auch das plansoll nicht erfüllen. majakowskij, mir übrigens
völlig unsympathisch, schrieb in seinem gedicht JUBILARISCHES ein
jahr zuvor (1924):
Jessenin,
nun, die dorfbübische Meute.
Zum Lachen! Eine Kuh
in Handschuhen aus Samt.
Einmal gehört ...
Das ist ja Dorfgeläute!
Ein Balalaikamusikant!
Ein Dichter
muß im Leben auch
ein Könner sein.
Hart sind wir
wie der Sprit, der in Poltawa hüben.
usw. jaja,
ein dichter muss im leben auch, kotz. hart sind wir, doppelkotz.
"aus allgemeinem stalinismus" wäre übrigens eine lustige
begründung. W.M., geb. sowieso, nahm sich am 12.41930 aus allgemeinem
stalinismus das leben. doch zurück zu jessenin:
auf einer anderen seite, nämlich
http://www.neuenachricht.de/A556D3/nena/NENA_NEU.nsf/BookAll/6236?OpenDocument,
heißt es über jessenin:
Sergiej Jessenin
wurde in der Weltliteratur als Russlands größter Dichter
nach Puschkin proklamiert, was nicht unbestritten ist. Für diesen
Bauersohn, geboren im damaligen Gouvernement Rjasan (heute Georgien) standen
in den 20er Jahren des XX Jahrhunderts die literarischen und gesellschaftlichen
Salons von Petersburg und Moskau offen. Mit Politik hat er sich eher nicht
befasst. In einem drei Jahre vor seinem Tod geschriebenen Lebenslauf bemerkt
er zynisch, dass er nie ein Mitglied der RPK (Russlands Kommunistische
Partei) gewesen sei, weil "ich gefühlsmäßig viel
weiter links stehe". Die politische Sympathie fand nur sehr selten
ein Echo in seiner Poesie. Es gab für ihn mehr Möglichkeiten,
die Menschen zu provozieren. Ein Beispiel dafür ist seine zweite
Ehe im Jahre 1921 mit der achtzehn Jahre älteren amerikanischen Tänzerin
Isadora Duncan, die einen gesellschaftlichen Skandal auslöste. Eine
andere Dimension "sich-aussprechen-zu-können" bat ihm die
Poesie an, die seienr Meinung nach mit keiner Schule und keiner Richtung
zu verbinden sei. Ein Dichter kann sich nicht auf eine bestimmte Schule
richten, weil die Poesie nicht gebunden werden kann. Die Kunst, das Wort
hervorzubringen, vermag nur ein freier Künstler, für den sich
Jessenin lebenslang hielt. Trotz provokativem Leben und Aussagen über
die Natur der Poesie und ihre Anhänger ("Die besten Anhänger
unsere Dichtkunst sind Prostituierte und Banditen"), sind seine Gedichte
voll von Leidenschaft, Traurigkeit und Zärtlichkeit.
isadora duncan
hat ihn übrigens kurz vor seinem freitod verlassen.
T. Schoofs 21.5.
GENOSSINNEN
UND GENOSSEN,
1) der genosse
hamann wird zum held der enträtslung ernannt.
2) der übersetzer der von ihm beigebrachten übersetzungen wird
ausgezeichnet. sein plansoll wird erhöht, das wird sein revolutionäres
herz mit der verbissenen freude der aktion erfüllen.
3) zu diesem thema würde der genosse schoofs gerne mehr sagen, doch
der muss heute noch hinaus zu den sowjets, um fragen der lesenden arbeiter
und bauern zu beantworten. daher später.
4) der genosse stahl erhält aufklärung. der genosse majakowski,
der sich
in der frühen phase der revolution um selbige verdient gemacht hatte,
fiel in ungnade, sobald sich die wogen geglättet hatten. bei aller
heldenhaftigkeit müssen wir wohl einräumen, dass der größte
teil der
revolutionären verwaltungsbeamten einen ziemlich bürgerlichen
kulturgeschmack bewahrt hatte. sie waren froh, ihn fallen lassen zu
können. auch der große genosse lenin hatte wenig gefallen an
ihm. der
noch größere genosse stalin konnte ihn überhaupt nicht
leiden. zudem
hatte der genosse majakowski das talent, sich durch arroganz überall
unbeliebt zu machen. zum zeitpunkt seines selbstmords hatte er praktisch
keine auftrittsmöglichkeiten mehr. zudem wird gemunkelt, er solle
im
letzten lebensjahr impotenz festgestellt haben. ein bürgerliches
motiv
für einen selbstmord, aber immerhin: ein motiv.
5) über den genossen majakowski gedenken wir, uns noch weiter auszulassen.
6) auch über den genossen jessenin gedenken wir, uns noch auszulassen.
das aber muss jetzt warten.
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