| Christian
Jansen: Im Thunfischnetz. Zu Tobias Schoofs' Gedicht ALBA (rdbt okt.)
wer spricht in dem 13-zeiligen text mit zeilen meist zu drei hebungen?
dass es sich um einen männlichen autor handelt, lasse ich beiseite.
trotzdem habe ich den eindruck, dass es sich um einen spezifisch männlichen
blick handelt, und ich habe mich lange gefragt, woran das liegen kann.
zwei bilder interessieren mich besonders: das trockne sperma der 1. und
das lächeln "wie ein delphin im meer" der 2. strophe. zunächst
aber natürlich, daran komme ich nicht vorbei, die alba:
die alba evoziert wie immer den morgen, und der leser wird nicht enttäuscht.
die folgende situation passt reibungslos ins bild. vielleicht ein wenig
zu reibungslos. wo ist im bunde der dritte, die dritte "hebung"
der zeile, die wächterfigur der tradierten alba, die das paar nach
der liebesnacht vor dem entdecktwerden (volkstümliche tradition der
alba) bzw davor warnt, dass licht (= christus) des herannahenden tages
nicht zu verschlafen (religiöse tradition der alba), ist sie einfach
ausgespart worden? oder ist es die angst der 6. zeile, die sich unvermittelt
in eine harmonische eingangssituation stiehlt? sehr unvermittelt, je näher
man hinsieht, denn sie kontrastiert allzu plötzlich mit den harmonisch
aufgeladenen ersten 5 zeilen: das ich wacht nicht alleine auf, wie in
der alba-adaption eines 1995 büchnerpreisgelobhudelten götterlieblings,
im gegenteil ist sehr bald vom "wir" die rede.
auch handelt es sich nicht um eine kurzlebige begegnung. dagegen spricht
das regelmäßigkeit evozierende "oft" der 2. zeile,
und - etwas subtiler vielleicht - der fakt, dass trockenes sperma im bett
den gebrauch von kondomen ausschließt. die beiden partner der körperlichen
liebe sind sich also so vertraut, dass sie vor sida etc keine "angst"
haben. von 2en, die sich kennen, wacht also einer in getrockneten körpersäften
auf und konstatiert trocknes sperma. ich finde die situation beruhigend
und vertrauenerweckend. übrigens beginnt hier der männliche
blick. warum eigentlich nur getrocknetes sperma? - entweder haben zwei
jungs gefickt, dann ist der blick ohnehin männlich, - im heterosexuellen
falle aber wird die weibliche geschlechtsflüssigkeit vernachlässigt.
warum? - gab es keine? hatte die frau wenig spaß bei der sache?
wurde nicht penetriert? wurde gewichst? fellationiert? und warum laufe
ich in diese falle? und schon vorher in eine erstere: warum gehe ich davon
aus, dass es vorwiegend der männliche blick ist, der trockensperma
konstatiert, warum nicht eine frau? weil ich ein egoistisches männliches
ich annehme?
wieso plötzlich angst? die antwort folgt in der zentralen strophe
des gedichts: es ist die "angst / verlorn zu gehn". warum verlorn?
es ist die angst, verlassen zu werden: weil "du vom reisen träumst
/ das sieht man/ denn du lächlst wie ein delphin im meer". gemeinsames
reisen kommt offenbar nicht in frage. die reise des du als angstmachende
gefahr für das ich. die reise im traum. die wunschvorstellung eines
anderen. das nicht-kontrollieren-können der träume des anderen.
"reisende soll man nicht aufhalten", "lieben heißt
loslassen-können" - wir alle kennen diese idealisierenden sprichwörter,
denen man (frau, mensch) im ernstfalle doch nie gewachsen ist - und: soll
man dem überhaupt gewachsen sein? wer sagt das?
"lächlst" - mit 5 endenden konsonanten. es zieht das lächeln
etwas zusammen, für meinen geschmack. wie ist das lächeln eines
delphins im MEER? meines wissens haben delphine zumindest kein ausgeprägtes
minenspiel. und bestimmt ist es schöner als das eines delphins im
engen becken des aquariums. der freie delphin und die erträumte freiheit
des du. man weiß ja, dass delphine ziemlich ausgewachsene gehirne
haben usw, und dass sie über ein ziemlich raffiniertes echolot-kommunikationssystem
verfügen. ja, die kommunikation. findet sie "im schlaf"
statt? ein lächeln ist vielsagend, je nach situation. dennoch schläft
das du, aber das reicht nicht für die freiheit. es handelt sich um
ein ich, das besitzen will, das sich in die gedanken des du schleichen
kann / zu können glaubt, das jede regung auf der oberfläche
des geliebten körpers zu lesen versteht / verstehen glaubt, so gut
kennen sie sich / kennt "ich" "du", so paranoisch
ist "ich".
paranoia und angst in 13 zeilen: muss man das interpretieren? - nein,
dass MUSS man nicht. der blick, mit dem der leser konfrontiert wird, macht
selbst angst. wer will so besessen werden? wer will so, nach dem drücken
der schlummertaste, umfasst werden? es sind die arme des kraken, die da
kommen, es ist das thunfischnetz, in dem sich der freie delphin verfängt,
es ist die paranoia, die jeder kennt, der - und wer hat das nicht? - besitzen
und lieben schonmal vermischt hat. und ich sage: vermischt, nicht verwechselt!
*
Saskia
Mackeben: in katrins wohnung
im hinterhof
geranien auf jedem balkon.
schlachterpalme, sagt meine mutter dazu.
alle menschen, die ihre
blumen gießen
und in familie leben,
jede familie eine wohnung
und einen bepflanzten balkon.
ich bin allein
in einer fremden wohnung
und gieße wasser
in den aschenbecher,
damit es nicht brennt,
wenn ich jetzt gehe.
*
Ingo Jacobs: WAHRE LIEBE
eine junge frau in ihrem bett,
in der hand ein leises summen -
pornografie mag sie eigentlich
nicht. der aufnahmeleiter musste
grinsen, der beitrag war zu schrottig;
das russische model denkt wohl nicht
mehr an die männer da draußen,
mit ihren schwänzen in ihrem bett
vermutet er und denkt an eine junge
frau. ich habe gar keine stimme,
wispert sie leise & zufrieden.
*
René Hamann: Check 18
interessante
parallelen in den neuen texten von tobias, saskia, ingo: die neue vorsicht
waltet. behaglichkeiten, unbehaglichkeiten, das kleine private wird zum
kleinen gedicht. kleine würfe statt große. schön auch,
dass es gelingt, wörter wie sperma und schwänze relativ leicht
in die texte einzubauen: keine wuchtige vulgarität um der vulgarität
selbst willen. noch schöner allerdings, dass die einfachheit selbst
benutzt wird, um kleine risse ins bild zu setzen: gelöschte brände
in aschenbechern. tröstende schlummertasten (nebenbei bemerkt, laufen
schlummertasten i.d.r. neun, nicht fünf minuten). geflüsterte
o-töne in gespielten szenen (das fernsehen tritt ja merkwürdig
zurück in "wahre liebe", das gedicht selbst nimmt seine
position ein). probleme gibt es natürlich auch in den texten. christian
hat bei alba schon einiges geleistet. und ich warte die ganze zeit auf
remixfähige opfer: kommen einfach nicht. was für die gedichte
spricht: sie erscheinen in sich geschlossen.
*
Ingo Jacobs: EIN ANDERES BLAU
meinen Ellbogen wollte ich
an jenem Abend einem Passanten
ins Gesicht rammen, einfach so,
ich sah schon deutlich ein Blut
aus seiner Nase tropfen & nicht
eine Spur von Gewissen, die sich
in sein Erstaunen hätte mischen
können. wie leicht es mir gefiel.
er lächelt mich an: richtig, junger
Mann, sie brauchen einen neuen
Krieg. was für ein Dauerbeschuss,
denke ich mir, und gehe weiter in
kein anderes Blau.
*
René Hamann: 25 Lieder. Ein Prosagesang (2)
THERE WAS
A TIME WHEN ALL OF MY MIND WAS LOVE.
die hölle, aus der ich gestiegen war, war öde & abwechslungslos
& bot keinen gesellschaftlichen umgang. über mir grimmige, kalte
gottheiten. ich wage es noch heute nicht, rätsel zu lösen. fährt
man mir über den fuß, werde ich vielleicht wütend, doch
kille ich niemanden. ich musste woanders hin. das ließ sich nicht
vermeiden. jetzt gibt es eine liste: von namen, die die blase getragen
hat: ein leichenkonzert. ich stimme gelegentlich ein, bei sentimentalitäten,
aber was ich finde, reicht oft nicht: überall spuren von bedingungen,
sozialen kapazitäten, schwammigem zeugs.
(depeche mode, love in itself)
*
Achim Wagner: bully (berlin.blücherstrasse)
der kneipenhund schläft
am tresen
sprechen bärtige biertrinker
über skatregeln
meine finger zittern klamm
zum pott kaffee
oldies aus radioboxen
die schnarren
wie die rauchunterlegte stimme
eines alten stammgastes
*
René Hamann: 25 Lieder (3)
NOW I FIND THAT MOST OF THE TIME LOVE'S NOT ENOUGH IN ITSELF.
während dieser zeit schlurfte ich in rollschuhen über die parkplätze
der mietskasernen; hangelte mich über stangen vor spielplätzen;
fuhr kettcar durch wendemöglichkeiten. schokolade brachte mich nicht
in die gesellschaft hässlicher nicht-sängerinnen, die geburtstag
hatten; ich erinnere alles. so auch sandstädte in zugeordneten kisten;
entworfene schlüssel in späterhin bebauten feldern; versehentlich
ungespülte fäkalien. die blase in meinem kopf hatte noch keinen
namen.
(depeche mode, love in itself)
*
Saskia Mackeben: lebende materie
es riecht
nach suppengrün
und gekochtem vanillepudding,
eine braune, wie schokoladig glasierte tasse
steht, es ist lau.
in einer weiten hose fühlen sich
die hüften rund an
und die beine schlaksig.
der geruch, wie bei den nachbarn meiner eltern,
die kleine dicke tochter, jasmin, mit den blonden zöpfen,
das haus ist inzwischen verkauft.
wir sitzen jetzt ganz woanders,
und diese ecke von köln erinnert
dich an berlin.
ich bestelle noch eine orangina.
*
Ingo Jacobs: EXCLUSIV
cohle, luxus, coole lyrics
zupft sich der student
aus seinem ziegenbart
unglaublich dieses gold
in der deko, dazu dieses
überzüchtete trashgesicht
wie es aus dem fernsehen
schreit sagt mit blick auf
die zuschauer-emails
der redakteur so lallt
es auch wieder hinein
irgendwie so etwas
popmäßiges ergänzt
sich der student
*
René Hamann: 25 Lieder (4)
BARELY REAL.
eine zeitlang kaufte ich platten von bands, die sich nach rauschmitteln
benannten, statt selbst welche zu nehmen: wie auch die enttäuschung
über die suizidalen gruppen stets groß war, denn umgebracht
haben sich schließlich andere ... es gab aber kaum eine band, die
sich nach alkoholika benannt hätte: pharmazeutisches, ja, flüssiges:
kaum. sollte ich jemals eine band gründen, beschloss ich damals,
würde ich sie COGNAC nennen. oder WEINBRAND (dunkles metalgeschmetter).
doch ich gründete keine, saß stattdessen oft allein zuhause
und sang einen blumentopf an. die welt um mich war grad noch real, als
ob ich ständig aus schwimmbädern gekommen wäre. mit meinem
spiegelbild spielte ich wer zuerst wegschaut, hat verloren. nur in der
küche erlebte ich manchmal ein kleines glück: ich fingerte in
gläsern.
(codeine, barely real)
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