| *Ingo
Jacobs 06.10.01
leider hängt die motivation furchtbar durch. mache mir gedanken,
weiß nicht weiter. ist lyrik doof? vom innersten her? ist nur eine
bestimmte lyrik doof, vom innersten her? muss es prosa sein? lese (sehr)
alte gedichte (92 - 96 ca.) und denke: oh, gott, was für unglaubliches
delir. kann gar nicht glauben, was ich da geschrieben habe: verstehe kein
wort, verstehe wirklich kein einziges wort, mir bleibt nur eine psychologische
deutung. wirr. sehr wirr. hat jemand bvsb mtv-sendung gesehen... technik,
thema, form, inhalt. wie weiter?
hier ein älterer text, nie veröffentlicht. kommt dem von mir
theoretisch gemeinten nah, ist aber auch noch sehr / zu kryptisch.
PARTIKELGENERATOR
I
"Heute nacht" (Magazin)
1
bin dünkel draußen. drinnen ist
es licht und Röhre, flim-flim.
oder kehrt um.
ich gehe nicht mehr
aus, heut nacht. ich komme nicht mehr
raus, heut nacht.
warum auch & wie?
2
das Ferngerät hat sich im Einschlaf
heimlich wieder eingeschallt & koppelt
an die Nerven. PULSIERT. PULSIERT.
PULSIERT den Strom durch wirre
Bahnen.
reize Verirrung! Stichwort?
Summ, summ, ZOOM: ich heize Star-Kultur
& gebe daher Interviews. die Spezialisten
von der Spurensuche präsentieren ihre
Ausbeute. ich drücke FERN BEDIEN.
da kullern Augen aus den Augen.
II
Ich baue eine Frau
1
also im Sessel sitzen, sich bestrahlen lassen.
die Kehle Rauch, der Hals die Zigarettung.
bin Hypochonder, verfüg über Verstärkung
des Bewußtseins für Signale dieses Körpers.
danach bin ich die Frau:
denn Männer sterben mit den
Fünfzig an dem Herz in Fakten - sie sammeln sie
& stapeln sie in ihren Kammern. ein alter Film,
der leider nie zurückläuft, bis zum Anfang.
2
da brüllt der O-Held:
die Hure, diese, diese Hure, sechs
weitere ziehen sie in Richtung: Meer! ihn zieht
es hin zum Land. wird wohl aussagen nicht
können, diese Frau, heut nacht.
ein Machtkampf, spricht
derweil ein Popstar, the whole thing about
pop culture is struggle for power.
"§6: Ohne Gehirn erleben wir Nichts"
III
SCHWARZER STERN
habe vor
lauter Neuronen keiner Verhältnis
mehr. wozu auch? sin' Telefondinger über
all in Dunkelheit, die Dinge gehen ständig in
einander über. wenn sie mit den Rändern klingeln,
in den Zimmern, in den Zimmern, im Hotel. zuviel
im HotTel.
de facto kitzelte
ich wieder in meinem großen Monoloch. in dem
glomm das letzte Licht die Helligkeit nieder.
Ein Laut, ein Streichholz, oder Stromkorn,
nah am Atmen.
IV
Stromkorn
"bekomme beim Lesen eine Gänsehaut", immer
das Verstehen anderen gegenüber: open Ed
& ab. manchmal so neocortical overload, ver
mutlich von diesem virtuellen Metafernsehn.
jetzt gerinnen Wörter im Geschlechtsorgan:
SPASS DURCH DEN DRAHT. es wird
(Etwas) fürs Auge geboten.
da sie sagte im
Telewahn: "habe Gott als Korn in mir", sie
nennt sich jetzt Genetikerin oder substanz
weise Erbmasseuse, gelebtes ursprüngliche
Nichts. man braucht keine Drogen zu
nehmen, um Züge zu sehn.
Tobias Schoofs, 08.10.01
die phase der neulektüre von texten zwischen 92 und 96 habe ich gott
sei dank schon letztes jahr hinter mich gebracht. das war wenig erquickend.
mein diesjähriges projekt ist ja eher die revision der texte von
97-jetzt. und das kommt nur schleppend voran, zum einen, weil ich mich
von vielem trennen muss, das mir persönlich lieb geworden ist, aber
einem kritischen blick kaum standhält. zum andern, weil - eh in einer
phase der neuorientierung - ich mit sachen konfrontiert werde, die stempel
tragen, die ich nicht mehr mit mir herumschleppen will. ich habe früher
immer gedacht, norbert hummelt übertreibt mit seinen: "löst
euch doch mal von euren einflüssen!", aber einfluss ist schon,
was mir entgegenfließt, wenn ich mich in meine textflüsse begebe.
lyrik, na ja, das ist ja so oft gesagt worden: ist auf sehr kleine rezeptionszirkel
begrenzt. das ist schon seltsam, wenn selbst die gattung eine sprache
ist, die keiner spricht. ein trost: prosa ist viel mehr arbeit und wird
auch nicht gelesen.
was das gedicht
"PARTIKELGENERATOR" soll, erkennt man schnell (auch die einflüze).
es hapert etwas am krypt, mehr aber am stockenden atem. vielleicht würde
ich fast empfehlen wollen, es zu bearbeiten. und zwar in richtung auf
ein gezielteres vorgehen. vielleicht wäre es nicht dumm, sich ein
paar neue subtexte zu suchen und sich an ihnen abzuarbeiten.
pop ist
- zumindest unter diesem label - nicht unbedingt mein ding. habe mich
den opo, nein pop-debatten immer etwas von außen nähernd gefühlt.
ähnlich wie den "medientheorien", die ich eher immer etwas
an allgemeinheit und langeweile leiden sah. mir scheint aber, dass es
berührungspunkte in einigen problemstellungen gibt, z.B.: das allgemeine
und das individuelle, der augenblick und das aufgeschobene, das große
medium und das kleine ich.
habe gerade einen text über william carlos williams auf dem herd,
der eigentlich über catull gehen sollte, aber dann sagte rené,
ich sollte lieber über william carlos williams, das sei interessanter.
wird in den nächsten tagen fertig, kommt dann ins roundabout. vielleicht
nähern wir uns dem heißen brei auf grauen katzen.
*René Hamann, 15.10.01
revision alter gedichte, leidiges thema, seitdem ich an diesem "manuskript"
eines gedichtbandes herumarbeite, das von niemandem bestellt und von niemandem
gewollt ist. aber zum glück ist man ja selbst der motor des im nichts
schreibens: ich schreibe gedichte, ja, wieso, weiß ich nicht mehr
wirklich, aber es macht spaß, es ist eine lustfrage, & ich will
dass die gedichte gut sind, deswegen arbeite ich dauernd daran, und mit
und durch die eigenen gedichte gehe ich durch die lektüren anderer,
und diese wieder durch die eigenen gedichte, das ist das wichtige. &
ein paar leute werden dann einfach mit den sachen belästigt, auf
einer lesung, oder hier im roundabout oder über die post oder eine
zeitschrift, und es ist nicht auszuschließen, dass das ganze doch
noch ein buch wird irgendwann, denn das will ich ja schon und das will
ich auch unbedingt. ich glaube, das geht allen so hier.
an einen nobelpreis denkt ja keiner, auch berühmt sein möchte
man nicht unbedingt, weil man dann seine fresse im fernsehen zusehen muss,
wie sie den unsinn verzapft, der in einer interview oder talkshow situation
halt nur möglich ist. aber kritik zu bekommen, d.h. wahrgenommen
zu werden durch fremde, das macht schon spaß, so schlecht oder aberwitzig
eine kritik auch sein mag. zudem ist da das wissen, es auch zu können,
mindestens so wie 95 % der fürs bücherschreiben bezahlten und
davon leben könnenden autoren, aber so lange das nicht geht, geht
das halt nicht, auch das ist klar, seitdem man sich von größenwahnsinnigen
geniegedanken verabschiedet hat (bei mir war das 1992 in der autorenwerkstatt).
form, inhalt, delir & krypt: man weiß ja im prinzip genau, wann
ein gedicht nicht funktioniert, oder wann es einfach noch nicht genügend
durchgearbeitet ist, auch ingo weiß das, vielleicht sogar besser
als andere hier. dass er kein wort versteht, aber dann doch genau weiß,
wie er das geschriebene zu deuten hat, nämlich psychologisch, sagt
was aus über den schreibansatz, der den gedichten innewohnt. aber
das können wir nicht nachvollziehen, denn er bringt ja nur ein gedicht
hervor, das nicht unbedingt psychologisch zu deuten ist, da es ähnlich
arbeitet wie das gelungene gedicht, das er "kriegserklärungen"
genannt hat und das noch immer das beste gedicht ist, das im roundabout
in diesem jahr gestanden ist.
in "partikelgenerator" (blöder titel) sind zunächst
techniken aus der wortspielhölle erkennbar: "bin dünkel
draußen", "oder kehrt um", "eingeschallt",
"ich heize star-kultur" usw. verdrehungen zwecks subjektivierung
von objekten, sozusagen: das ich wird ans außen angeschlossen bzw.
umgekehrt. ein leitmotiv, die sich in II/1 ins platte radikalisiert, dort
übernimmt das ich die selbst-identifizierung: "bin Hypochonder...",
"danach bin ich die frau..." etc. "wirr. sehr wirr"
wird es dann tatsächlich in II/2, was aber weniger an einer verschlüsselten
psychologie liegen kann, die sehe ich nämlich nicht, sondern vielmehr
an einer schlecht montierten sprache, die einfach nicht mehr weiß,
wer spricht: die frau, das ich, der mann?, und einer nicht nachvollziehbaren
figurenmotivik: was sollen denn die huren da, wo kommen sie her? was hat
das fernsehen (im text) mit den realfiguren (im text) mit dem popstar
zu tun? "Partikelgenerator": die partikel verkommen zu klumpen,
die die zentrifuge verstopfen. und leider wird allerorts zu viel behauptet
und zu wenig davon im text eingelöst: "habe vor lauter Neuronen
kein Verhältnis mehr", "die Spezialisten/ von der Spurensuche
präsentieren ihre/ Ausbeute", "die Dinge gehen ständig
in/ einander über." zu grunde liegende wirrnis, die hauptsächlich
wirrnis produziert: da entsteht nichts, der text als ordnende kraft verweigert
seine leistung. und es wird zuviel geprunkt und geprotzt im text: wortspiele,
hohl bleibende begriffe (popstar, hypochonder, metafernsehen), doofes
fachenglisch, unklar bleibende wissenschaftsklötze: fernsehen, neurologie,
genetik, psychodelik (drogen). da halst sich der text zuviel auf - platz
wäre gewesen, die im hintergrund stehenden theoreme (welche eigentlich
genau?)lyrisch aufzudröseln oder zu evaluieren. am gelungensten erscheint
da noch I/1, denn hier wird mit einfachen mitteln der einfache umstand
besungen (sic!), dass man keinen bock mehr hat, auszugehen und lieber
zuhause bleibt, um etwas fernzusehen: "ich gehe nicht mehr/ aus,
heut nacht. ich komme nicht mehr/ raus, heut nacht./ warum auch &
wie?".
*Ingo Jacobs, 17.10.01
renés bemerkungen sind durch die bank zutreffend und vereinfachen,
wo es zu vereinfachen gilt: der von mir als beispiel für meine popliteraturzugewandte
seite versandte, schon ältere textzyklus "partikelgenerator"
- nicht ohne grund auch nie nirgends veröffentlicht - krankt i.d.t.
hauptsächlich an "wortspielen, hohl bleibenden begriffen (popstar,
hypochonder, metafernsehen), doofem fachenglisch, unklar bleibenden wissenschaftsklötzen:
fernsehen, neurologie, genetik, psychodelik (drogen)". im grunde
genommen getrieben vom bösen zwang zur stets vollkommen originellen
wendung - die man ja bekanntlich sparsam einsetzen sollte; "da halst
sich der text zuviel auf".
dieser text
war aber, so wie ich ihn in meine letzte mail platziert hatte, in gewisser
weise an stan und "the haters of everything where there is the word
pop in it" gedacht. zur illustration bisheriger (gescheiterter) versuche.
nach einem recht kurzen gespräch mit tobias und rené im null3
und der lektüre von johannes ullmaiers dokumentation "von acid
nach adlon. eine reise durch die deutschspachige popliteratur" (empfehlenswert,
v.a. wegen der sehr ausführlichen bibliografie) ist mir aber auch
klar geworden, das der begriff popliteratur in einem breitaus weiteren
umfang determiniert ist, als mir vorher klar war. ist das nun ein typisches
charakteristikum eines oberbegriffes oder eine große schwäche?
- wissenschaftsacker, hier nicht zu bestellen! jedenfalls ist eine weitere
diskussion unter diesem oberbegriff eigentlich obsolet geworden - was
ich allerdings noch tun könnte, wäre mich (jetzt wo ich vollends
aufgeklärt bin) z.b. im ullmaierschen merkmalsraster zu verorten.
von da aus kann es dann weitergehen.
betonen möchte
ich noch einmal, dass die pop-avance motiviert war/ist durch den ärger
über die besetzung des oberbegriffs durch die derzeit üblichen
verdächtigen; vielleicht wird auch das obsolet, wenn man das oberbegriffliche
des begriffes er- und anerkennt.
letztlich geht es sehr konkret um schreibtechnik, die ermöglichen
würde, trotz derzeitiger äußerer vollbeschäftigung
einen einmal begonnen arbeitsfaden ohne schwere und schwer dissoziierende,
wirrnis erzeugende reflektionsanfälle, jederzeit wieder aufnehmen
zu können.
*Stan Lafleur, 19.10.01
ja, ingo, wenn dein text "in gewisser weise" auch an mich gerichtet
war: ich kann mich renés kritik & deiner selbsteinschaetzung
nur anschlieszen, ich fand einige ausgemacht doofe wendungen/aufgesetzt
klingende wortspiele drin, die mir dann schnell den text & die naehere
auseinandersetzung damit verleidet haben. ich brauche fuer gedichte immer
etwas zeit, aber fuer das wollt ich sie mir nicht nehmen. das war ja auch
eher pop veraetzend als pop pur, oder?
das buch von ullmaier hab ich bisher nicht gelesen. ich hab mit ihm telefoniert,
nachdem tom toys mich auf ihn hingewiesen hat, dasz sein alter juelicher
kumpel johannes an dem buch arbeite. tom hat das alles aber mir gegenueber
anders dargestellt, als das, was ullmaier wollte. ullmaier hat mich dann,
nachdem die miszverstaendnisse geklaert waren, stundenlang ausgefragt,
weil er von mir auf vieles gestoszen wurde, was er nicht oder nicht so
richtig kannte, ich hab ihm viele adressen rausgesucht & er sagte
dann aber, das buch stehe schon kurz vor abschlusz & er koenne diese
infos wohl kaum mehr aufnehmen. vom begriff pop hat ullmaier, wenn ich
mich recht erinnere, auch eher sehr differenziert gesprochen am telefon.
das ergebnis seiner arbeit kenn ich nicht.
& ich denke: mit pop sind wir vorerst so ziemlich durch, wie die poplit
mit sich selbst hoffentlich allmaehlich auch. ich frage mich: was brauchen
wir diesen begriff "pop"? durch eine aeuszere klassifizierung
wird ein text auch leicht seines inhalts beraubt. hauptsache, man kann
den in irgendeine ecke stellen... (beinhaltet auch selbstkritik.)
*Saskia Mackeben, 20.10.01
im roundabout geht es um viel theoretisches, texte über literatur,
die ich nicht gelesen habe, da mir auch zeit und energie fehlen. ich würde
mich freuen, ein bisschen mehr texte von euch zu lesen und etwas dazu
sagen zu können. gut finde ich die idee, (fortlaufende) prosatextchen
ins roundabout zu stellen. gedichte über tv-sendungen möchte
ich hingegen nicht lesen. das ist geschmacksache, aber mir verursacht
schon der gedanke brechreiz. ich finde das thema einfach uninteressant,
auch diese tv-mythos geschichte, und ach das böse fernsehen, was
macht es bloß mit uns und den ganzen armen anderen, einfachen zuguckern.
wie gesagt, es gibt bestimmt viele leute, die das interessiert, ich gehöre
nicht dazu. ich möchte jetzt auch keine kritik hören, das ganze
thema müsse man differenzierter betrachten. ich unterstelle keinem
oberflächlichkeit im umgang mit dem thema tv. ein gedicht ist für
mich bloß keine vernunftsache, ich mag es halt eher, wenn ich das
thema interessant oder ungewöhnlich, überraschend finde. fazit:
ein gutes gedicht über tv fände ich schlechter als ein gutes
gedicht über ein anderes thema.
weltlage: eigentlich würde ich intuitiv sagen: gehört nicht
hierher. allerdings lese ich in meinen notizen vom 10. oktober: "jemand
niest in ein buch, noch jemand niest, ich denke an biologische waffen."
das thema bahnt sich seinen weg, es wird seinen niederschlag daher wohl
zumindest bei mir finden. allerdings will ich das hier nicht inhaltlich
diskutieren, aber auch nicht verdrängen, dass es da ist. durch eine
äußere klassifizierung wird ein text leicht seines inhaltes
beraubt, schreibt stan. kann ich auch bei längerem nachdenken nicht
finden. wenn der text die lesenden so wenig von der etikettierung abbringt,
kann er wohl nicht so viel. für mich haben diese klassifizierungen
eher etwas von jugendbewegungsähnlichem zusammencliquen und sind
ansonsten eine marketinggeschichte.
*Christian Jansen, 20.10.01
HANDKE UND ICH
Gestern traf
ich Peter Handke. Jetzt erst mal für alle, die nicht wissen, wer
Peter Handke ist: Peter Handke ist ein deutscher Dichter, der in Paris
lebt. Was weiß ich über Peter Handke? Zunächst einmal,
dass ich mich trotz abgeschlossenen Germanistikstudiums nie eingehend
mit ihm auseinander gesetzt habe. Mit ihm, das heißt natürlich:
mit seinem Oeuvre. Von diesem hab ich nur die Publikumsbeschimpfung gelesen,
das ist ungefähr drei oder vier Jahre her, und ich habe ehrlich gesagt
auch nicht mehr davon im Kopf behalten, als man anhand des Titels schon
ahnen kann: Dass also in dem besagten Theaterstück das Publikum beschimpft
wird. Dafür habe ich natürlich umso mehr ÜBER Peter Handke
gelesen. Überhaupt habe ich weit mehr ÜBER deutsche Dichter
gelesen, als VON ihnen.
Dass Handke als zorniger junger Wilder ziemlich wild und zornig war und
unter den Talar der Gruppe 47 mal so richtig frischen Wind geblasen hat,
das habe ich zum Beispiel über ihn gelesen. Und dass er der jüngste
Büchnerpreisträger ist, jünger noch als Enzensberger und
Grünbein. Und dann hat er offenbar vor eher kürzerer Zeit so
einiges über Serbien geschrieben, was viele Leute, vor allem in Anbetracht
der damaligen politischen Lage, nicht so ganz politisch korrekt fanden.
Und in der ZEIT hab ich mal einen Artikel im Feuilleton gelesen, der war
von Peter Handke. Da schrieb er über irgendeinen deutschen, noch
lebenden Maler, dessen Namen mir jetzt gerade entfallen ist. Und dass
er mit Anselm Kiefer in einem Pariser Kino war, oder so ähnlich.
Ich glaube auch diesem Artikel entnommen zu haben, dass er in einem Pariser
Vorort wohnt.
Dies war mein Wissensstand bezüglich Peter Handke, als ich gestern
am frühen Abend, den 13. September 2001 gegen 18 Uhr 20 das Institut
de Sciences Politiques de Paris verließ und beschloss, die kurze
Wegstrecke bis zur Metro-Station Odéon zu Fuß zurück
zu legen.
Jetzt erst mal für alle, die nicht wissen, was das Institut de Sciences
Politiques de Paris ist: Die Ecole libre de sciences politiques wurde
1872 von Monsieur Emile Boutmy gegründet. Auch Hippolyte Taine zählt
zu ihren geistigen Vätern. Die Zielsetzung war, nach dem fatalen
Verlust des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 eine Hochschule
zur Formierung der politischen, wirtschaftlichen und administrativen Eliten
des Staates zu schaffen. Nach dem zweiten Weltkrieg schuf der General
de Gaulle aufgrund ihrer Bedeutung für die Formierung der höchsten
Beamten der Republik die Fondation National de Sciences Politiques und
verstaatlichte die Schule.
Das intellektuelle Niveau wird durch einen überaus anspruchsvollen
Eingangstest (Concours) sichergestellt. Von den circa viertausend Studenten
sind ein Viertel Ausländer. Alle heutigen namhaften Politiker und
hohen Beamten des Landes haben die heiligen Hallen durchschritten, so
zum Beispiel der amtierende Präsident der Republik und der Premierminister,
aber auch Größen der Kultur-, Kunst- und Medienwelt wie der
gegenwärtige Herausgeber der Tageszeitung Le Monde Jean-Marie Colombani
oder der Modeschöpfer Christian Dior. Von den ausländischen
Studenten, aus denen etwas geworden ist, wäre noch der ehemalige
UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali zu nennen.
Der Lehrplan ist in hohem Maße pluridisziplinär. Wer das Abschlussexamen
besteht, hat profunde Kenntnisse in den Domänen Recht, Wirtschaft,
Politik und mindestens zwei Fremdsprachen.
Diese Marginalie
bezüglich des Bildungsinstitutes, welches ich frequentiere, wurde
hier eingeschoben, damit der Leser sich einen ehrfurchtsvollen Eindruck
vom Erzähler dieser Geschichte machen kann. Wenn Sie als Leser Zeit
opfern, um diese Geschichte zu lesen, Ihnen also im wirtschaftswissenschaftlichen
Sinne des Wortes KOSTEN entstehen, dann bin ich der festen Überzeugung,
dass Sie ein Recht darauf haben zu erfahren, WER Ihnen diese Kosten verursacht,
mit anderen Worten: wer ich bin.
Ich bin deutscher Staatsbürger, 25 Jahre alt, habe an den Universitäten
von Freiburg, Moskau und Cambridge innerhalb von fünf Jahren den
akademischen Titel eines Magister Artium in den Disziplinen Politikwissenschaft,
Geschichte und Germanistik erworben, stehe politisch links der Mitte,
habe 1998 meine Erststimme der SPD und die Zweitstimme den BÜNDNIS
90 / GRÜNEN gegeben, bin entschlossener Anhänger der Wirtschaftstheorien
Keynes', überzeugt von der Idee eines föderativ organisierten
Europas (wobei ich in meinen diesbezüglichen Ansichten weitgehend
mit denen des derzeitigen Bundesaußenministers, wie dieser sie in
seiner Berliner Rede vom 12. Mai dieses Jahres skizziert hat, konform
gehe), aktives Mitglied der Menschenrechtsorganisation Amnesty International
und vor einem Jahr, aufgrund eines vorzüglichen Dossiers und ganz
außerordentlich vorteilhafter Gutachten zweier namhafter Freiburger
Professoren im vierten Jahr des Institut de Sciences Politiques de Paris
zugelassen worden.
Zur positiven Entscheidung der Jury mag auch beigetragen haben, dass mein
Vater Diplomat ist und ich diesem Umstand längere Aufenthalte während
meiner Kindheit und Schulzeit in Sana (Jemen) und Tokio verdanke, wo ich
1996 mein Abitur abgelegt habe. Neben den Muttersprachen Deutsch und Russisch
(meine Mutter ist Russin, mein Vater Deutscher) spreche ich fließend
Englisch, Französisch und Japanisch und verfüge außerdem
noch über solide Kenntnisse im Spanischen. Ich bedaure einzig, dass
ich während meines Aufenthaltes im Jemen noch zu jung war, um ausreichend
Arabisch zu lernen.
Im Oktober beginnen die Lehrveranstaltungen des fünften und letzten
Jahres, sodass ich im Juli nächsten Jahres über zwei Hochschulabschlüsse
und sieben Sprachen verfügen werde (Arabisch hole ich theoretisch
an Sciences Po und stärker praxisbezogen mit Hilfe zweier Söhne
eines jemenitischen Freundes meines Vaters nach, denen ich im Gegenzug
ein wenig Russisch beibringe. Dieser Freund meines Vaters, ein hoher Diplomat
in der jemenitischen Botschaft in Paris, war mir übrigens auch bei
der Wohnungssuche - hier im siebten Arrondissement nicht ganz einfach
- sehr behilflich). Meiner Karriere in der internationalen Politik oder
Wirtschaft sollten nach einem derartigen Parcours keinerlei Hindernisse
mehr im Wege stehen.
In vorfreudiger
Erwartung eines ruhigen Kinoabends und einer nachfolgenden sexuellen Entspannung
schlenderte ich langsam und in tiefster Selbstzufriedenheit den Boulevard
Saint Germain herunter und meiner Verabredung zum Kino mit einer reizenden
Französin entgegen. Die schwarze Ledertasche, gefüllt mit geliehenen
Büchern und Vorlesungsmitschriften schaukelte im Takt meiner Schritte,
der Verkehr ergoss sich den Boulevard hinab, ich ließ den Bettler
- der sich übrigens JEDEN Nachmittag mitten auf das Trottoir vor
der Sonia-Rykiel-Boutique nach dem Vorbild eines deutschen Bundeskanzlers
in Polen hinkniet und den Leuten, die nach einem harten Arbeitstag ihre
gottverdammte wohlverdiente RUHE vor Elend, Jammer und Leid haben wollen,
sein dämliches "J'ai faim!"-Pappschild vor die Augen zwingt
- wie immer und aus Prinzip links, also auf der dem Boulevard zugewandten
Seite, liegen und hatte das Gefühl, dass alle Bewegung an diesem
Septemberabend nur einer einzigen Richtung folgte, und zwar der Richtung
des Einbahnstraßen-Boulevards, also gen Osten. Ich kann mich an
niemanden erinnern, der mir entgegen kam, und also den Boulevard hinauf,
nach Westen, lief.
Das stimmt nicht ganz, und ich korrigiere mich sofort: Es gab immerhin
den Bettler, der, kniend, ein stehendes Hindernis war. Er bemühte
sich dabei sichtlich, ein möglichst leidendes Gesicht aufzusetzen,
was aber aufgrund mangelnder schauspielerischer Qualitäten nur dümmlich
wirkte. Allerdings hatte er eine Richtung, in die er sich WANDTE, und
das war eindeutig die falsche, nämlich mir zugewandte und damit der
allgemein vorherrschenden Laufrichtung entgegengesetzte.
Nachdem ich also den knienden Bettler links liegen gelassen und einige
Überlegungen zur Ostpolitik Willy Brandts und ihrer Bedeutung für
die Geschichte der Bundesrepublik angestrengt hatte, bin ich, wenn ich
mir meinen Weg heute, einen Tag später, auf dem Stadtplan vergegenwärtige,
noch ziemlich genau vier Zentimeter auf der Karte, also vierhundert Meter
in Wirklichkeit, weitergelaufen, immer dem allgemeinen Bewegungsstrom
der Menschen und Autos Richtung Osten folgend, bis ich auf das nächste
Hindernis stieß.
Dieses Hindernis
war Peter Handke. Er kam mir allerdings nicht frontal, sondern von schräg
links vorne, aus der Rue de Montfaucon, entgegen. Ich erkannte ihn sofort.
Er sah genau so aus wie auf den Zeitungsfotos, die ich vor ein paar Monaten
von ihm gesehen hatte: groß und hager, schulterlange, leicht gewellte
graue Haare, kurzer Oberlippenbart, kleine rundliche Intellektuellenbrille,
ein allgemein etwas hängender Gesichtsausdruck, dazu Hose, Hemd und
Schlabbersakko und vor allem, das fiel mir sofort auf: mindestens drei
Zeitungen unter dem Arm. Ich starrte ihm unverwandt in die Augen, in eine
Art Trance-Zustand versetzt ob der unerwarteten Begebenheit und der Heftigkeit
ihrer Erscheinung. Er erwiderte den Blick kurz, dann aber ließ er
die Augen sofort wieder dahin zurück fallen, wo sie hergekommen waren,
wobei er seinen Weg mit ungebremster Geschwindigkeit fortsetzte und den
Boulevard Saint Germain überquerte.
Nach einem kurzen Moment der Unentschlossenheit änderte ich - nachdem
ich einen Blick auf meine Armbanduhr geworfen hatte, der mir verriet,
dass bis zum verabredeten Zeitpunkt noch sechzehn Minuten verblieben,
was mir abzüglich der schätzungsweise noch zurückzulegenden
fünf Minuten Wegstrecke bis zum Kino ein Zeitpolster von elf Minuten
verschaffte - meinen Weg und folgte Peter Handke über den Fußgängerstreifen
der Ampel zur anderen Straßenseite des Boulevards. Handke setzte
seinen Weg allerdings nicht sehr weit fort, sondern trat zielbewusst mit
seinen Zeitungen unter dem Arm ins unmittelbar hinter der Ampel liegende
Café Mabillon ein.
Die Breite des Trottoirs hatte es zugelassen, dass die zahlreichen Cafés,
die übrigens ausschließlich auf dieser, der linken Seite liegen,
Tische in die laue Abendluft gestellt hatten, die allerdings allesamt
von ignoranten Amerikanern besetzt waren, die - über die Fremdsprachenkenntnisse
der Amis ist man ja unterrichtet - The New York Harold Tribune lasen.
Handke schien auch keinen Platz an der Sonne anzustreben, sondern ging
ins Café hinein und stellte sich an die Bar. Er stellte sich tatsächlich
an die Bar!
Dazu muss dem Leser, der vielleicht mit den französischen Verhältnissen
nicht im Detail vertraut ist, erläutert werden, dass es in einem
französischen Café drei verschiedene Preisklassen für
jeweils dasselbe Produkt gibt. Auf der Terrasse sind alle Produkte am
teuersten, an einem Tisch innerhalb des Cafés erwartet den Besucher
eine mittlere Preiskategorie und an der Bar schließlich, im Stehen,
pflegen gemeinhin Arbeiter, Studenten und sonstige sozial benachteiligte
Personen ihre Getränke zu sich zu nehmen - dort sind sie nämlich
am billigsten.
Handke also, der deutsche Dichterfürst, stellte sich an den Tresen,
breitete seine Zeitungen vor sich aus, sprach kurz mit dem Barkeeper und
begann zu lesen. All das hatte ich von draußen, langsam an der großzügigen
Glasfront des Cafés vorbeischlendernd, beobachtet. Ich fragte mich,
ob der Barmann wohl wisse, mit welch einer berühmten Person er da
soeben gesprochen hatte. Sartre, der seinerzeit im drei Zentimeter auf
der Karte gleich dreihundert Meter in Wirklichkeit weiter oben gelegenen
Café de Flore seine Jüngerinnen und Jünger um sich versammelte,
hatte seine philosophischen Thesen mit Sicherheit nicht am Tresen, sondern
an einem zurückgezogenen Tisch erörtert. Ich habe diesen Gedanken
im nachhinein auch zu belegen versucht, in meiner Sartre-Biographie von
Annie Cohen-Solal (Gallimard, 1985) aber leider keine aufschlussreichen
Informationen bezüglich Sartres Sitzplatzgewohnheiten in diesem Café
in Erfahrung bringen können.
Um nicht durch meine allzu gemächliche Gangart Aufsehen zu erregen,
entfernte ich mich recht kopflos vom Café und überschritt
sogar, mich fortwährend umschauend, eine weitere, in Richtung Kino
führende Ampel, hielt vor einem Zeitungskiosk, sah mir durch die
Glasscheibe verstohlen Handkes Rücken an und verschwendete wertvolle
Sekunden mit der Überlegung, ob die verbleibenden schätzungsweise
zehn Minuten ausreichen würden, um mich neben Handke an den Tresen
zu stellen und einen Kaffee zu ordern. Ich dachte krampfhaft darüber
nach, wie ich wohl mit Peter Handke ins Gespräch kommen und welchen
Verlauf ein solches Gespräch wohl nehmen könne. Ich nahm also
meine restlichen neun ein halb Minuten und überquerte die Ampel wieder
zum Café hin, überlegte nur kurz, was wohl jemand von mir
denken musste, der mein scheinbar zielloses Hin- und Herirren beobachtet
hatte, unterdrückte diesen Gedanke aber sofort, indem ich mich davon
überzeugte, dass zumindest Peter Handke von meinem Spießrutenlauf
nichts gemerkt hatte.
Ich trat ins Café ein, stellte mich neben Peter Handke an die Theke,
der sich jedoch dadurch nicht von der Lektüre der - jetzt konnte
ich es genau sehen - Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland
abhalten ließ, und bestellte einen Kaffee.
- Guten Tag,
sind Sie auch Deutscher?
- Nein, wieso?
- Ach, entschuldigen Sie bitte, ich sah nur gerade zufällig, dass
Sie da die Frankfurter Allgemeine lesen, die lese ich nämlich auch
immer, wenn ich mir im Ausland eine deutschsprachige Zeitung kaufe. Hat
nämlich meiner Meinung nach den besten Feuilleton, auch wenn man
die Leitartikel natürlich wegen der verheerenden Rechtslastigkeit
nicht lesen darf, nicht wahr? Ich selbst lese sie allerdings nur noch
sehr selten, weil ich mir doch meistens Le Monde kaufe, die ist zwar etwas
schlanker im Format aber was die Qualität der Informationsaufbereitung
und die Bandbreite des Meinungsspektrums angeht, mindestens gleichwertig.
Montags und Mittwochs lese ich allerdings nicht Le Monde, sondern Libération
bzw. Le Figaro. An den besagten Tagen gibt's die nämlich umsonst
am Institut de Sciences Politiques, wo ich studiere. Ich gehe davon aus,
dass Sie das besagte Institut und seine Bedeutung kennen. Übrigens
liegen dort auch das Wallstreet Journal Europe und die Financial Times
jeden Morgen kostenlos aus. Mit weniger als zwei Zeitungen gehe ich nicht
nach Hause. Heute habe ich allerdings doch wieder Le Monde gekauft, weil
in der Freitagsausgabe, die am Donnerstag Nachmittag rauskommt, die Literaturbeilage
enthalten ist. Aber das wissen Sie ja selbst. Sie lesen ja auch tüchtig
Zeitung, wie ich das so sehe. Klar, steht ja gerade auch mehr drin als
sonst, was? Passiert Ihnen das eigentlich oft, dass Sie in der Öffentlichkeit
von fremden Leuten angesprochen werden? Entschuldigen Sie bitte, wenn
ich Ihnen das mal so ehrlich sage, aber da sind Sie ja eigentlich selber
Schuld daran! Wenn Ihnen das nicht passt, dann müssen Sie eben keine
Fotos von sich in den Zeitungen und Anthologien abdrucken lassen. Sie
erwarteten wohl, wenn Sie sich aus Deutschland davon stehlen, in so eine
Millionen-Stadt wie Paris, dass Sie da unerkannt bleiben, was? Wissen
Sie eigentlich, wie viele Deutsche hier in dieser Stadt leben? Mehr als
einhunderttausend! Und wenn ich "leben" sage, dann meine ich
damit nicht den riesigen Anteil der deutschen am jährlichen Gesamtvolumen
von sechs Millionen Touristen, die in die Stadt dringen. Wenn von den
einhunderttausend ständig in Paris lebenden Deutschen nur fünf
Prozent den Namen Peter Handke schon einmal gehört haben, und ein
Prozent, sagen wir mal, noch dazu ab und an das Feuilleton durchblättert,
dann kennen mindestens tausend Deutsche in dieser Stadt Ihr Gesicht, und
diese Schätzung dürfte weit unter der tatsächlichen Zahl
liegen. Tausend auf zwei Komma eins fünf zwei Millionen Einwohner
intra muros mag Ihnen vielleicht nicht gerade viel erscheinen, aber wenn
Sie dann noch bedenken, dass die Deutschen natürlich zumindest mehrheitlich
keine armen Schlucker sind und sich nur durchs Barbès-Viertel wagen,
um zum Montmartre raufzurennen, und sich in anderen Stadtvierteln, sagen
wir mal, um Clignancourt herum, gar nicht blicken lassen, - wenn Sie dann
noch bedenken, dass Saint Germain ein ziemlich angesagtes Viertel für
bestimmte Kreise ist (womit ich vor allem die fetten Kapitalistensäcke
über vierzig meine, schüttere Wölfe in der Midlife-Crisis,
die sich hier auf die Terrassen hocken und für Ihre frischimportierte
Thailändische Lebensgefährtin oder gemietete Gesellschaftsdame
erst mal eine ordentliche Flasche Schampus auf den Tisch stellen lassen,
damit die ihnen nachher, nach einem feinen Fünf-Gänge-Menu mit
tüchtig foie gras und auserlesenem Bordeaux und nach einer als Kulturveranstaltung
verpackten Vorwärm-Fleischbeschau im Crazy Horse oder Mulin Rouge,
nach dem VOLLEN Programm also, ordentlich die Eier auslutscht) - wenn
Sie all dies einmal bedenken, mein lieber Handke, dann wäre es doch
geradezu ein Wunder, wenn an einem solch wunderbar herrlich lauen Herbstabend
kein verdammter deutscher Landsmann Sie erkennen, Ihnen folgen und Sie
belästigen würde. Aber da haben Sie sich getäuscht, mein
Lieber. Da ist Ihre Erwartungshaltung nicht befriedigt worden. Sie dachten
wohl, Sie könnten hier einfach so in Ruhe einen Kaffee trinken und
FAZ, Monde und Times lesen, alle drei auf einmal und noch dazu in Ruhe.
Man muss ja, besonders als Schriftsteller, gut informiert sein, wenn das
einundzwanzigste Jahrhundert so sturzartig beginnt. Sie kommen wohl gerade
aus einem der zahlreichen Verlagshäuser, von denen es hier in diesem
Scheiß-Geldsack-Viertel nur so wimmelt, da haben Sie wohl einen
fetten Vertrag für die Übersetzungsrechte Ihres neuen Schriebs
ausgehandelt, Sie alter Fuchs. Ja, mit Vertragsrecht kennen Sie sich natürlich
aus, Sie haben ja auch Jura studiert, wie alle großen Schriftsteller.
Erst mal Jura studieren, damit man später bei der Vertragsaushandlung
nicht übers Ohr gehauen wird, was? Das muss man sich überhaupt
einmal ausdenken: Da kommt der große Dichterfürst frisch vom
Vertragsabschluss, hat gerade wieder ein paar Millionen verdient und stellt
sich dann hier an die Theke. An die Theke! Schämen Sie sich eigentlich
nicht, Handke? Haben Sie kein Gewissen? Der Platz hier ist für Studenten
und Arbeiter reserviert, nicht für etablierte Fuzzis der Kulturindustrie,
Sie satter, selbstzufriedener Kapitalistensack! Und überhaupt Ihre
Nummer mit Serbien, glauben Sie eigentlich, dass ich das nicht durchschaut
hätte? Immer schön den bösen Buben und Provokateur mimen,
da verkauft man sich besser und bleibt im Gespräch. Was Sie machen,
ist also keine Kunst, sondern ein Produkt. Sie verkaufen ein Produkt.
Und diese Idioten vom Feuilleton spielen natürlich mit, Sie spielen
sich gegenseitig in die Hände. Verriss oder Lobhudelei, das spielt
keine Rolle, immer schön im Gespräch bleiben, damit die Verkaufszahlen
stimmen. Aber ich hab Sie durchschaut, Handke, mir können Sie nichts
vormachen. Da haben Sie vor fünfunddreißig Jahren dieses Stück
geschrieben, ein Knaller, und dann noch einen medienwirksamen Auftritt
bei der Tagung der Gruppe 47 hingelegt, und schwups!, waren Sie im Geschäft!
Da kann man dann auch dreißig Jahre später nach Serbien reisen,
alles gar nicht so schlimm finden und über Bäume reden. New
York kommt Ihnen als Kulturproduzent natürlich wie gerufen. Sie haben
sich mit Zeitungen eingedeckt und analysieren die Stimmung. Klicke-ti-klicke-ti-klicke-ti-klick!
Ich kann's hören wie's rumort, oben im Handkeschen Dachstübchen:
Wie kann ich jetzt hier mal wieder den bösen Buben spielen, damit
Zeit und FAZ meine Böse-Buben-Nummer drucken, damit ich im Gespräch
bleibe, damit sich meine Produkte besser verkaufen? Ich seh' Ihren Artikel
schon vor mir, Handke. Sie werden den Terror als Waffe der von der Supermacht
Geknechteten analysieren, trocken und sachlich im Stil, damit Sie sich
weit von dem allgemeinen Betroffenheitskanonaden distanzieren. Dann werden
Sie den Bombenhagel, der bald kommen wird, arg verurteilen; allerdings
müssen Sie damit schnell sein, Sie müssen das veröffentlichen,
bevor der Hagel anfängt, jetzt, wo die Betroffenheit auf dem Höhepunkt
ist, wo alle Welt sogar eine Atombombe auf Kabul gerecht finden würde,
seien Sie schnell, Handke, sonst nehmen Ihnen nachher, wenn es hagelt
und stürmt in Afghanistan und die Zivilopfer vor den Kameras erscheinen,
die Gutmenschen von Links Ihre Argumente weg! Jetzt können Sie noch
politisch unkorrekt sein, Handke, was stehen Sie noch hier am Tresen rum?
Hopp hopp an den Schreibtisch, Handke! Schreiben Sie eigentlich immer
noch mit Bleistift? Übrigens dies auch eine sehr subtile Taktik,
so wird ein Image gemacht, herzlichen Glückwunsch, Handke! Und noch
eins - das wollte ich Ihnen überhaupt immer schon mal gesagt haben:
Dass Sie Ihre Schimpftiraden aufs Publikum unter anderem John Lennon gewidmet
haben, find ich überhaupt am allerverdorbensten. John Lennon, oh
Mann! Was habe Sie sich eigentlich dabei gedacht? Das ist doch peinlich,
aber hochgradig! Ein 24-jähriger Jura-Student in Graz schreibt 1966
ein Theaterstückchen und widmet es John Lennon! - Handke, was soll
ich Ihnen sagen? Sie widern mich an! Für Leute wie Sie gibt es keine
Rettung mehr. Ich geb' Ihnen einen gutgemeinten Rat: Erschießen
Sie sich!
Handke lächelte
mir mit seinen schalen Lippen und seinem hängenden Gesicht etwas
ungläubig entgegen und spuckte mir dann plötzlich ins Gesicht.
Offenbar ein Eingeständnis der Niederlage! Ich hatte es ihm gezeigt,
diesem Dinosaurier der 68-Literatur, ich hatte ihn fertig gemacht, in
seine Einzelteile auseinandermontiert und wieder zusammengesetzt. Ich
wogte im Triumphgefühl meines Sieges zur Tür hinaus und stürzte
in den geradezu unendlichen Strom des Boulevards Saint Germain, der mich
augenblicklich aufnahm und mitriss. Handke rief mir noch etwas hinterher,
doch was er sagte, hörte ich schon nicht mehr...
*Stan Lafleur, 21.10.01
peter handke blutbesudelt (für old shatterhand)
(1990)
da hatter
mich ganz arg gehauen. finger splitterten rissig an meinen wangenknochen
& standen wie fahle herbstbäume im raum. der bluterguß
zog sich vom faradayschen käfig das starkstrom-strangulierkabel entlang
bis zum rechten auge, blau rot so. & ehrlich. oder war es das linke?
ich wollte nicht in den spiegel schauen. sobald ich in den spiegel schaute,
war wieder alles verkehrtrum & frauen mit kultischen ohrringen liefen
zu rasch vorbei & stießen schrille hochtönende schreie
aus. ich bin dann vor die tür, weil ich mich letzten endes nicht
für solche fänomene interessiere.
aber eins muß ich noch erzählen: peter handke war nämlich
auch im dschungel oder zumindest einer, den wir dafür hielten. jedenfalls
haben ihn die psychs ziemlich aufs korn genommen & ihm übel mitgespielt.
zuerst hat der mit der rauhen haut (sid) ihm die schreibhand (handke kindisch
heulend: das ist meine schreibhand, bitte nicht die schreibhand!) mit
der stirn auf dem tresen zerquetscht & dann mit einem riesen rambomesser
mit sechs, sieben schnitten abgetrennt. darauf hat simon, als wenn es
noch nicht genug wäre, handkes bleistift (zufällig weiß
ich, daß peter handke seine manuskripte grundsätzlich nur mit
bleistift verfaßt) in vier gleichlange stücke zerbrochen &
ihm symbolisch augen & hoden damit gespickt. peter handke war blut-be-su-delt.
schließlich hat ihn die ganze bande mit seinen eigenen büchern
aus dem dschungel gekloppt. als wenn sie gewußt hätten, daß
er da auftaucht, hatten sie ne menge von seinen älteren suhrkamp-bändchen
dabei. handke war fertig. ich hätte gern noch mit ihm geredet, aber
die ambulanz hat ihn direkt weggeschafft. ansonsten war es ein ziemlich
melancholischer abend, wie üblich, an dem ich mit dose noch das traditionelle
damenfahrradwettrennen nach hause veranstaltete, reichlich lustlos über
all die roten ampeln hinweg.
*Ingo Jacobs, 21.10.01
zu christians text: ich habe ja zuerst gedacht, der text sei nicht halbfiktional
sondern ein voll total authentischer erlebnisbericht. wie kann ich das
wissen? indem ich nachfrage! ist es wichtig? autobiografische einschübe
in texten sind immer ein problem; den letztlich gehen wir immer davon
aus, dass wer spricht - siehe oben. dat berühmte foucaultsche "wer
sprischt?". es interessiert - und sei es noch so text. egal.
lasse ich diese frage einmal beiseite, nehme ich also den text als text,
der nicht immer auf einen mir bekannten autor rückverweist, interessiere
ich mich also nicht mehr für die frage, ob die selbstauskünfte
des autors der wahrheit entsprechen (was ich eben dann umso mehr tue,
wenn ich ihn physisch kennenlernte), ergibt sich meinerseits folgende
lesart inklusive ratschlag:
die passage über den jungen mann, der in paris nun an der berühmten
"école infernale des sciences de comment on reigne" sein
studentisches zelt aufschlagen darf, um sich zu rüsten für leitende
und lenkende aufgaben, sollte noch ein bisschen länger sein; sie
sollte den studentischen alltag, geprägt von konkurrenzdenken, geprägt
vom gedanken an den sturz der alten (garde, generation) schildern; das,
was an einer solchen institution - so stellt man / so stelle ich es mir
vor - gang und gäbe ist... kollidiert nun diese passage mit den auf
peter handke sich ergießenden hasstirade des erzählers, ergibt
sich das bild einer ewig sich perpetuiernden bewegung, die nicht wirklich
irgendetwas in bewegung bringt, da ihr oberstes ziel das erreichen einer
macht ist, die nur über den "vatermord" erreichbar ist.
die ewige wiederholung des immergleichen nannte auch freud (im anschluss
an nietzsche) kultur.
abgesehen davon ist der text stilistisch gut abgehangen, ein, zwei langsatz-einschübe
lesen sich zäh und könnten satzbautechnisch knapper gefasst
werden.
*René Hamann, 24.10.01
peter handke taucht an ecken auf, an denen man ihn gar nicht vermutet
hätte. in der pop-debatte dagegen fehlte er (auch im acid->adlon-buch).
dabei stellte sein frühwerk (publikumsbeschimpfung, aber vor allem:
die innenwelt der außenwelt der innenwelt - tipp!) für mich
die erste berührung mit "zeitgemäßer" (u.v.d.
pop-) literatur dar. nun wird er blutig gehauen (in stans gutem text)
bzw. blöd angemacht (bei christian). christians story ist dabei eine
nette zeitungsgeschichte, im ganzen gut, allerdings bearbeitungsbedürftig.
man könnte lange interpretationsarbeit von wegen den bewegungsrichtungen
(ostwärts) im hintergrund der "momentanen geschehnisse"
usw. leisten, politische lesarten einführen etc. muss man aber nicht.
"autobiografische einschübe" auszumachen, lieber ingo,
ist allerdings heikel: und ein völlig uninteressanter ansatz (wie
handelst du das z.b. bei achternbusch? überall realnamen. oder bei
der zollstock-lesegruppe-lektüre christiane angot?). "wer spricht"
ist doch völlig klar: ein sich öffnendes, in seiner schwafeligkeit
geradezu exhibitionistisches ich. das sich als bigottes arschloch outet.
elitär studieren geht & einen elitären autor anpöbelt.
womit - auf einer mitzulesenden (meta-)ebene - die anforderung einer bloßstellung
des "immergleichen" doch schon erfüllt wurde. was allerdings
stimmt, ist, dass das kennenlernen dieses ichs nur zum zwecke der handke-passage
unterzogen worden ist. was schade ist: vielleicht will man doch etwas
mehr vom ich kennenlernen. denn für ein handke-bashing oder handke-bashing-bashing
allein hätte es auch ein weniger auserzähltes ich getan (oder
gar eine eher anonym bleibende gruppe von "psychs", wie stans
text beweist).
ingo hat
fortlaufende prosablöcke versprochen. gute idee, mache ich auch.
ich habe hier nämlich noch diesen zyklus mit minitexten zu ähtja
popsongs, den ich jetzt "25 lieder" nenne. ich weiß nicht,
wohin damit, was das ganze noch soll und ob es noch eine perspektive gibt
für diese textchen. vielleicht hilft ja das roundabout ... also los:
1 SAILING.
hier setzt es ein, als erinnerung, die manchmal durch rauchen auf bürobalkonen,
manchmal durch wolkenschau in städtischen grünanlagen hervorgerufen
wird. da betrachte ich die fäden, die sich zusammenknüpfen oder
nebeneinander herlaufen, parallel, wie die fäden eines nicht-restaurierten,
alten films. in diesem film segele ich dann als Odysseus oder nicht-Odysseus
auf üblichen metafern: das leben ein wunschkonzert. auch wenn ich
nicht sehr mit den noten vertraut scheine, weiß ich bescheid. vor
lauter schmerz über das weltgeschehen singe ich weiter: am ende werden
lieder stehen, der gram, der an meiner statur nagte, soll ver/zerschlissen
sein wie mein selbst, mein heiliges. oder ich breche über alle akkorde
zusammen, in zu stickiger luft.
stina nordenstam, sailing
*Tobias Schoofs, 26.10.01
die primärtextliche abstinenz bei gleichzeitigem exzessiven theoriekonsum
der letzten wochen war unübersehbar und kaum zu leugnen. zu solchen
auswüchsen kann es kommen, wenn die heimleitung sich nicht konsequent
um strikte disziplin bemüht. das tut sie aus einem simplen grund
nur selten: es gibt gar keine. die regel im roundabout ist, dass über
das geredet wird, was zum thema gemacht wird. jeder darf sich berufen
fühlen, text über text und text über was anderes als text
hier reinzuwerfen, den anderen zum fraß und die anderen zu fressen.
oder auch in erwartung wechselseitiger freundlichkeit, auch das ist völlig
legitim. es hat daher keinen sinn, über dies und das zu lamentieren.
die einzige chance ist: text einwerfen, dass er aufmerksamkeit erregt.
alles andere ist eine frage von angebot und nachfrage. der text fällt
auf fruchtbaren boden oder nicht. dass ein text untergeht muss nicht immer
am text liegen, es gibt auch so was wie marktversagen. immer falsch ist
allerdings, zu fordern, die mehrheit solle dies oder das tun.
ingo droht
mit texten über fernsichtigkeit. das wären nicht die ersten
der literaturgeschichte. und unter den schon existierenden gibt es jede
menge abfall (für alle?) deshalb aber zu sagen, gute texte über
dieses thema sind weniger zu begrüßen als schlechte über
- sagen wir mal bsp.-weise - bäume, halte ich für irreführend.
die omnipräsenz von medien um andere medien herum, macht die medien
drumherum zum thema für die medien dazwischen. tatsächlich sehe
ich häufiger jan hofer als einen wald. allein deshalb drängt
sich mir der nachrichtenüberblick als thema auf. ein gedicht über
wald wäre schon fast etwas exotistisch. um das auf die spitze zu
treiben: mit afghanistan habe ich mehr zu tun als mit den alpen. warum
nicht über afghanistan schreiben?
leider scheinen
texte über peter handke immer wenig diskutierenswertes zu bieten.
inhalte bleiben grundsätzlich ausgeschlossen, stattdessen regiert
ein mehr oder weniger (und wenn in der entlarvung der entlarver) verklausulierter
erfolgsneid, oder handke wird zur selbst sprachlosen projektionsfläche
von aggressionen - auch wenn sich diese aggressionen (womöglich)
gar nicht gegen ihn richten. ich frage mich: warum muss den n die lautfolge
"handke" in den mund genommen werden, wenn es gar nicht um ihn
geht. wie peinlich wäre das ganze wenn man das nichtssagende "handke"
durch ein genauso wenig sagendes "grass" ersetzte. handke hat
natürlich coolnesspunkte gegenüber grass. themenvorschläge
für handketexte:
a) handkes kritik an der gruppe 47. dabei ist besonders die rezeption
der moderne in der nachkriegsliteratur zu problematisieren. welche unterschiede
/ gemeinsamkeiten gibt es? auf welche autoren bezogen sich i) die gruppe
47 ii) handke.
b) handke und die wiener avantgarde. wo finden sich gemeinsamkeiten, wo
gibt es differenzen? zu welcher gruppe gehörte handke, wie sah handke
das selbst? berücksichtigen sie hierbei insbesondere die diskussionen
um handkes drama "kaspar hauser".
c) handke und das publikum. war das verhältnis konstant - oder änderte
es sich im laufe der zeit? wenn es sich änderte - warum? gehen sie
hierbei auch auf das verhältnis von intellektualismus und alltagsthemen
ein. vergleichen sie die rezeption von "die angst des tormanns beim
elfmeter" und "publikumsbeschimpfung". gehen sie auch auf
den text "ich bin ein bewohner des elfenbeinturms" ein.
d) handke und der krieg auf dem balkan. legen sie in knappen worten handkes
position zur politik der osze sowie der nato dar. worin besteht seine
kritik, insbesondere seine kritik an der deutschen öffentlichkeit?
ist diese kritik berechtigt? bringen sie hierbei auch ihre eigene meinung
ein.
schon angekündigt,
aber noch nicht wahrgemacht: hier findet sich ein kurzer text über
wcw. etwas aus der übung in text über text fiel mir der versuch
nicht ganz leicht. ich habe mich deshalb bemüht, einen möglichst
konventionellen aufsatz zu schreiben, in der hoffnung, das verständlich
wird, was ich sagen will, ohne dabei zu langweilen.
DER INHALT
EINER OBSTSCHALE
James Laughlin,
der Verleger William Carlos Williams', berichtet von einem Zwischenfall
bei dessen Beerdigung, der die Trauergäste teils belustigte, teils
aber - schließlich ist Komik bei einer Beerdigung nicht unbedingt
die willkommenste Beigabe - auch verärgerte. Eine uralte Limousine
fuhr mit lautem Getöse am Friedhof von Rutherford vor und ihr entstiegen,
wie bei einer Bühnennummer, bei der man so viele Leute in einen Kleinwagen
packt, wie nur möglich, zehn in abgenutzte schwarze Anzüge gekleidete
junge Männer. Laughlin kannte die Leute; daher wusste er, was diese
Szene zu bedeuten hatte. Für ihn war sie daher nicht lustig und noch
weniger ein Ärgernis. Für Laughlin war dies ein Fingerzeig.
Denn die da dem Auto entstiegen, Jack Kerouac war darunter, Allen Ginsberg,
auch Kenneth Rexroth, sollten schon wenige Jahre später zu den bekanntesten
amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart zählen, den Autoren
der Beat Generation.
Es war nicht nur Neugier, nicht das Interesse der jungen an einem x-beliebigen
alten Schriftsteller, die sie von New York nach Rutherford herauskommen
ließ. WCW wäre wohl auch das falsche Objekt eines solchen bildungshungrigen
Interesses gewesen, waren er und sein Werk zu dieser Zeit, 1963, in den
USA noch kaum und außerhalb der Grenzen des Landes überhaupt
nicht bekannt. Vielmehr waren es gerade die Beat-Autoren, die ihn populär
machen sollten, "den großen alten Dichter", wie Laughlin
schreibt, "den sie so sehr bewunderten". Für Laughlin war
die Szene auf der Beerdigung "ein beeindruckender Augenblick. Symbolisch
für die Hunderte und Tausende von jungen Dichtern, die Williams in
Zukunft verehren und seinen Einfluss auf ihr Werk anerkennen würden."
Auch ich bin einer von ihnen. Ich habe mich oft gefragt, woran das liegt.
Um ehrlich zu sein, mag ich viele seiner Texte nicht sonderlich. Vieles
ist mir zu kryptisch, anderes erscheint mir banal oder von einer aufdringlichen
amerikanischen Ideologie durchdrungen. Doch es bleibt genug. Ich kann
seine "Collected Poems" aufschlagen, wo ich will, es packt mich
nach meistens nur wenigen Zeilen, spätestens einigen Seiten, ohne
dass ich sagen könnte: Es ist dieser Satz oder der Zusammenklang
dieser beiden Wörter. Es ist etwas anderes, schwerer zu Fassendes.
Ein Brief Williams' an Laughlin führt auf eine Fährte. Zunächst
geht es um Williams Vorbehalte gegenüber Eliot und Pound. Beide kannte
er gut, zu dritt hatten sie in den 10er Jahren die Bewegung der "Imaginisten"
gebildet, von der sie nach ihrer Trennung, an unterschiedlichen Orten,
Pound zunächst in Paris, später in Rapallo und Saló,
Eliot in London, Williams als Landarzt in New Jersey, und auf unterschiedlichsten
Wegen immer weiter entfernt hatten. Pound schätzt er höher ein
als Eliot - "Ich mag ihn immer noch sehr", schreibt er an anderer
Stelle, "er ist inspirierend und hat viel mitzuteilen", wenn
er damit auch "nirgendwo hingelangt". Pound liegt auf Williams'
Sofa und predigt in seinem "üblichen genuschelten Kauderwelsch"
- dieser ist längst, mit den kaum verständlichen, dennoch immer
wieder zu den bedeutendsten Gedichten des 20. Jahrhunderts gezählten
"Cantos", auch sein poetischer Stil geworden. Er muss "die
Nebel des Faschismus aus seinem Hirn vertreiben", kommentiert Williams
die Szene.
Wie wenig Gutes Williams an Eliot lässt, verrät er im vermeintlichen
Lob: "Natürlich akzeptiere ich Eliot als bemerkenswerten Künstler.
Vielleicht ist Eliot großartig". Er ordnet ihn, wie übrigens
auch Pound, einer Kategorie von Künstlern zu, die die traditionelle
Literatur weiterführen. Diese traditionelle Literatur kann großartig
sein. Andererseits ist eine solche Traditionspflege, wie Williams es nennt,
etwas anderem untergeordnet, etwas, mit dem das Interessante, das Eigentliche
der Literatur erst beginnt, "etwas Warmblütigem, das, wenn es
wirklich gut ist, die traditionelle Literatur verwendet und die größten
Meisterwerke der Welt hervorbringt."
Williams kommt oft auf dieses Etwas zu sprechen. Doch niemals gelingt
es ihm, es klarer zu benennen, Es steckt vielleicht - nein: sicher, wie
sollte es bei einem Lyriker anders sein, in den Gedichten. Auch hier meistens
schwer herauszudestillieren - es ist vielleicht nur die Illusion des Duftes,
wenn er über Blumen schreibt, die Illusion des Blau, wo vom Himmel
die Rede ist, die Klarheit der Luft in seinen Wintergedichten.
Nur selten verzichten Williams' Texte auf diese konkreten Details, nur
selten steht ihre Imagintation nicht im Vordergrund. "The Dish of
Fruit" ist ein poetologisches Gedicht, das sich ganz untypisch, rein
im Abstrakten hält:
THE DISH
OF FRUIT
The table
describes
nothing: four legs, by which
it becomes a table. Four lines
by which it becomes a quatrain,
the poem
that lifts the dish
of fruit, if we say it is like
a table - how will it describe
the contents of the poem?
Die Obstschale
ist das Motiv schlechthin. Sie ist sowohl in der klassischen Malerei als
auch in der Moderne das Motiv des Stilllebens. Mit den Obstschalen Bracques
und Picassos hat Williams' Obstschale die Abstraktion gemein: Vier Beine
bilden einen Tisch, vier Zeilen ein Quartett. Mit dem Tisch hat das Gedicht
die Obstschale gemein: Beide halten sie hoch, tischen sie auf. Aber was
hat dieses Formale - es bleibt auch inhaltlich formal - mit dem Inhalt
des Textes zu tun? Jede Auslegung des Textes muss ihren Weg über
die Abstraktion nehmen: Denn Thema des Gedichts bildet die Analogie.
Die Obstschale selbst verwässert dabei, löst sich im Nebel der
Abstraktion auf. Fragen, die man dem Text über die Obstschale und
deren Inhalt stellen könnte, werden nicht beantwortet. Was für
Obst liegt in der Schale? Ist es frisches Obst - oder beginnen die Früchte
zu faulen. Um welche Jahreszeit handelt es sich - eine für die Konsistenz
des Obstes und sowieso, da es sich um einen Text von William Carlos Williams
handelt, nicht unerhebliche Frage - haben wir Sommer, haben sich womöglich
schon Fruchtfliegen über das Obst hergemacht, oder ist es Winter;
dann handelt es sich nicht um heimisches Obst, sondern um weit gereiste
Früchte. Das alles ist der Abstraktion egal - und nicht Inhalt des
Gedichts.
The poem describes nothing. Sein einziges Thema ist die Methode, der Vergleich
von Tisch und Text. Das vergleichbare Dritte, die beiden gemeinsame Eigenschaft,
stellt das Halten der Obstschale dar: Ein Text als Halterung, zu mehr
führt die Kunst der Metapher hier nicht. Die Weiterführung des
"Vierzeilers" am Ende des ersten Quartetts zum "Gedicht"
des zweiten, das als das vorliegende Gedicht selbst interpretiert werden
kann - denn mit ihm hat es "the dish of fruit" gemeinsam - verweist
ins Zentrum des Textes, zu dessen Essenz. Die Essenz bildet eine Darlegung
des Kernstücks der Poetik, der Metapher, die das Gedicht in ihrer
Wesenheit, "aliquid stat pro aliquo", präsentiert. Die
Essenz der Technik der Metapher wird damit vor- und zugleich in Frage
gestellt. Der pure Vergleich, dieses X ist wie Y, Achill ist ein Löwe,
das Gedicht ist wie ein Tisch, führt zu nichts, enthält nichts,
sagt nichts: Wie soll es den Inhalt des Gedichts beschreiben?
Das Zentrum, die Wesenheit, die Essenz - hier hat die Dichtung nichts
zu suchen. Die Poesie interessiert sich weit mehr für das Akzidentielle,
das Konkrete, die Stimmung und die Sinne; immer für die Sinne im
konkreten Augenblick, auch im konkreten Augenblick des Schreibens. Vor
dem Augenblick und seinen zufällig mitgebrachten Eigenschaften vergeht
jedes andere Thema, das sich ihnen nicht beugt. "The Dish of Fruit"
ist demnach ein Ungedicht, es enthält eine Poetologie ex negativo.
Williams unterscheidet sich von Pound durch den Einbruch der konkreten
Wirklichkeit des kreativen Augenblicks in den Text. Pound mag raffinierter
sein als er, seine Bezüge zur Tradition, seine Referenzen auf Außertextliches
intelligenter. Aber er bleibt immer formal. Die Kategorie des "Warmblütigen",
so WCW, "ist weglos und ungemein schwierig. Sie hat es viel schwerer,
weil sie für ihre Inhalte und Formen gewaltige Erfindungen machen
muss." Denn was hier ausgesprochen wird, wurde noch nie ausgesprochen.
Es ist nicht die Haltung des Geliebten in der "Alba", die es
noch einmal, wenn auch in der Sprache des 20. Jahrhunderts, zu formulieren
gilt, sie muss überhaupt nicht noch einmal formuliert werden. Williams
weist die Bedeutung der Tradition nicht zurück. Im Gegenteil: Die
Literatur des "Warmblütigen" verwendet die traditionelle
Literatur. Aber hier liegt auch der Hauptakzent: Sie "verwendet"
sie für sich selbst, für das, was sie aussprechen will - und
das ist etwas, das nur einer aussprechen kann, nämlich der, der es
ausspricht, dieses eine Individuum in diesem einen bestimmten Augenblick.
Die für WCW typischen Themen sind daher auch nicht, wie für
Pound, die antiken, klassischen, sondern die seines amerikanischen Alltags.
Da er uns selbst jedoch zu einem Vergleich mit Pound auffordert, soll
ein Text mit antikem - und noch dazu neuzeitlich ausgiebig belutschtem
- Thema herangezogen werden: Antonius und Cleopatra.
TO MARK ANTHONY
IN HEAVEN
This quiet
morning light
reflected, how many times
from grass and trees and clouds
enters my north room
touching the walls with
grass and clouds and trees.
Anthony,
trees and grass and clouds.
Why did you follow
that beloved body
with your ships at Actium?
I hope it was because
you knew her inch by inch
form slanting feet upward
to the roots of her hair
and down again and that
you saw her
above the battle's fury -
clouds and trees and grass -
for then
you are
listening in heaven.
Das antike
Thema umschließt das Gedicht mit einem Rahmen, in dem wir das Ich
in seinem Nordzimmer sehen. Genau genommen sehen wir das Ich gar nicht.
Wir sehen den Raum. Es ist das Nordzimmer, von dem die Gedichte WCW's
immer wieder erzählen, das den Rahmen setzt, in dem sich neben Antonius
auch das Ich befindet. Es ist das Nordzimmer, Williams' Arbeitszimmer,
in dem es sich befindet. Es ist Morgen, wie in vielen anderen Gedichte,
die sich in Williams' Arbeitszimmer ereignen. Von hier entscheidet das
Ich über den Verbleib des Antonius: Es versetzt ihn in den Himmel,
vorausgesetzt, dieser kannte den geliebten Körper zentimeterweise.
Es genügt nicht zu sagen, Antonius hätte ihn geliebt, nein,
um in den Himmel zu kommen, muss er ihn konkret und "inch by inch"
gekannt haben - denn von Liebe kann jeder sprechen, das ist allgemein
und abstrakt. Diesen konkreten bestimmten Körper zu kennen, heißt
jedoch, ihn sich angesehen, ihn befühlt zu haben. Die delirierende
Stimmung des Gedichtes macht deutlich, was hier geschieht: Das Ich fantasiert;
die Tatsache, dass vor 2000 Jahren ein Römer eine Ägypterin
geliebt haben soll, ist uninteressant und bietet wenig Stoff für
Fantasie: Die Tatsache allein beschreibt nichts. Jedoch sich vorzustellen,
dass er sie von Fuß bis Kopf und wieder hinab befühlt hat,
ist Einladung und Antrieb der Männerfantasie. Es sind die privaten
und privatesten Interessen WCW's, die Antonius und Cleopatra ins Feld
führen, und diese Privatinteressen werden nicht im geringsten geleugnet,
sondern im Gegenteil betont. Es ist eine Gegenleistung des Gedichts für
dessen Auftritt, wenn es Antonius in den Himmel versetzt. So wie nach
einer antiken Theorie, die Aufgabe der Menschen darin besteht, für
die Götter zu fühlen, lässt es die historischen Gestalten
in der Fantasie seines Ichs für sich agieren und belohnt sie wie
ein Gott. Somit bildet auch der abschließende Zweizeiler ein Stück
des einschließenden Rahmens. Denn von der Antike sind wir in das
von dem auch von Wolken reflektierte Licht durchflutete Arbeitszimmer
zurückgekehrt; wie dieser Raum, gehört auch der Himmel zum konkreten
Erlebnishorizont des schreibenden Ichs.
Der interessanteste Aspekt des Gedichts ist sicher die wiederkehrende,
variierte Beschwörung von Bäumen, Gras und Wolken. Funktional
lässt sich schnell sagen, dass sie es ist, die den Text in die eigentümlich
verträumte Stimmung taucht. Das entspricht zunächst der, der
Wiederholung in der klassischen Rhetorik zugeschriebenen Funktion der
Intensivierung. Die Umgebung, in der das Ich Antonius und seine Himmelfahrt
fantasiert, ist von der Landschaft geprägt, von Gras, von Bäumen
und Wolken. Dies hat überhaupt nichts mit dem vorgegebenen Thema
"Gedicht an Mark Anton" zu tun. Das Gedicht verfehlt sein Thema,
jedoch nicht ohne Absicht: Das Äußere, das dem Kern der Sache
Fremde, bricht ein und bestimmt den Stoff; die Essenz, Antonius liebt
Cleopatra, dient nur als Projektionsfläche für das fantasierende
Ich. Es handelt sich um das Textmodell der Marginalie: Am Rande des großen
Textes erscheint ein weiterer Text, dessen Bezug zum Haupttext nicht feststeht
- vielleicht nur eine private Bemerkung, eine Eingebung, eine Stimmung
des Rezipienten, eines der vielen Rezipienten dieses Textes darstellt.
Ein irischer Mönch schreibt an den Rand: "Des schreibens ist
meine hand müde / den gänsekiel halt ich unstet / der scharfe
schnabel der feder / verspritzt tropfen von grüner tinte." Die
Macht des unbedeutenden privaten Augenblicks, auch wenn nur vom Erschöpfungszustand
des Schreibers geprägt wie bei dem irischen Beispiel, verschlingt
den großen Text der Tradition.
Auffallend ist auch die mathematische Formelhaftigkeit der Variation.
Ihre Logik ist allerdings nicht bis zum Ende durchgeführt: es gibt
sechs Möglichkeiten, von denen nur vier realisiert sind. Die Logik
ist lediglich angedeutet. Man mag nach der Logik hinter dieser Logik fahnden,
der Tiefenstruktur, die gerade diese Transformationen determiniert und
keine anderen. Vermutlich wird die Suche ergebnislos sein. Damit verwandelt
sich die mathematische Klarheit plötzlich in etwas Halbsystematisches,
ein System, das rational nicht zur Gänze zu erfassen ist, etwas Magisches,
Schamanenhaftes tritt hinzu. Der schamanische Charakter wird auch durch
die Tatsache verstärkt, dass es sich um Natur handelt, die hier in
ein magisches Schema gefasst wird: Wolken, Bäume, Gras. Und sie reflektieren
das Licht, bestimmen es, betasten die Wände des Nordraums mit den
Lichtstrahlen als verlängerten Fingern, sie verändern, prägen
die Szene. Und sowohl in der Beschwörung des toten Antonius spielt
die Zauberformel eine Rolle als auch bei seiner Seligsprechung. Das Gedicht
hält sich wiederum nicht an sein Thema: Ein antikes Thema war verlangt,
doch dies hier, zwar mythisch, aber nicht antik-europäische Mythologie
kommt zum Tragen, sondern amerikanisch-indianische, ist eine Betrachtung
des als bekannt vorausgesetzten antiken Stoffes durch ein ihm gegenüber
Stehendes, ein ethnologisch Anderes. Der traditionelle Text wird nicht
hingenommen, wie er ist, sondern verfremdet. Eine Kontrollinstanz wird
hinzugefügt, die den "Primärtext" reflektiert. Es
handelt sich aber nicht um eine theoretische Ebene, die als Metasprache
über dem anderen Text anzusiedeln wäre, sondern es werden zwei
gleichberechtigte Welten miteinander konfrontiert. Auch die Antike erhält
bei diesem Zusammentreffen Raum und ist dem ihr entgegengesetzten anderen
Text selbst ein Anderes. Ein solches Verfahren kann als ein Beispiel für
die im Brief an Laughlin erwähnten "gewaltigen Erfindungen"
gelten, die gemacht werden müssen, um das "Weglose" zu
beschreiten.
Mit der Betonung des Individuellen gegenüber dem Allgemeinen, der
Relativierung der Bedeutung der Tradition, dem Kult des Augenblicks sowie
der Einführung magischer Elemente sind wichtige Anliegen, nicht nur
William Carlos Williams, sondern auch der Generationen nach ihm, insbesondere
der Beat Generation, benannt. Williams Selbstbewusstsein und natürlich
seine poetische Kraft versprechen, in ihm einen Anwalt gegen die Übermacht
der immer wieder beschworenen Tradition zu finden und insbesondere gegen
die ständig mit größter Selbstverständlichkeit neu
formulierte Verbindlichkeit und Unumstößlichkeit ihrer Regeln
und Prinzipien. Williams ist ein Bündnispartner gegen die unausrottbaren
Spielarten des Neoklassizismus, für die stellvertretend hier Gustav
Seibt zitiert werden soll:
"Die Situation für einen [...] Lyriker der achtziger Jahre war
ja die, dass man vielleicht im Studium [...] Horaz und Petrarca und Eliot
gelesen hatte, also sehr durchgeformte Gebilde, und aus der Gegenwart
immer völlig formlose Gebilde vorgesetzt bekam; nämlich diese,
um Verse vorzutäuschen, in Zeilen gebrochenen Prosastücke mit
Mitteilungen aus dem Privatleben überwiegend in Wohngemeinschaften
in der Bundesrepublik."
Dieser aggressiven Kulturkritik von konservativer Seite mag folgender
Text entgegen gehalten werden, der nicht nur Williams' Bereitschaft zu
rebellischen Gesten dokumentiert, sondern auch sein souveränes Umgehen
mit den selbstherrlichen Ansprüchen der Tradition:
"Dear Miss Monroe: Provided you will allow me to use small letters
at the beginning of my lines, I submit the following excellent American
poem to you for publication in your paying magazine:
SPIRIT OF
'76
Her father
built a bridge
over
the Chicago River
but she
built a bridge
over the moon.
This, as you will at once recognize, is an excellent poem and very American.
I sincerely hope that no prehistoric prosodic rules will bar it from publication.
Yours,
W.C. Williams"
Dennoch bleibt
ein Unbehagen bei vielen seiner Texte. Stark sind sie, wenn es ihnen gelingt,
dem Stoff ein Anderes entgegen zu setzen, das nicht in den poetologischen
Tautologien aufgeht. Hier gelingen Williams tatsächlich die Erfindungen,
die notwendig sind, um das Weglose außerhalb der vorgezeichneten
Bahnen der überlieferten Rhetorik zu beschreiten, indem er sich selbst
einbringt, den Augenblick jenseits des Textes. Belebend wirkt in "Mark
Anthony", dass dieses Jenseits eine Kontrollinstanz gegenüber
dem Stoff installiert, das gezielt von einem kulturellen oder ethnologischen
Widerpart ausgeht. Das Gedicht wendet sich gegen den Stoff.
Schal aber wird der Gegenwartskult, wenn er auf einem unkritisch hingenommenen
Selbst beruht. Dieses Selbst, wenn es zur Sprache kommt, ist Text. Wie
jeder andere ist auch dieser Text von rhetorisch-literarischen Traditionen
geprägt, die ebenso ausgelatscht und allgemein sind, wie der Stoff,
vor der das Individuum flieht. Es entkommt dem Textapparat nicht dadurch,
dass es ihn leugnet, sondern nur, indem es ihn in Gang setzt. Die einzige
Chance, einen eigenen Weg zu begehen, besteht darin, die Maschine ständig
neu in Gang zu setzen - und zwar so, dass sie sich gegen ihre eigenen
Produkte, gegen den schon produzierten Text richtet. Dann, vielleicht,
werden neue Bücher entstehen, "new books of poetry":
A CORONEL
New books
of poetry will be written
New books and unheard of manuscripts
will come wrapped in brown paper
and many and many a time
the postman will bow
and sidle down the leaf-plastered steps
thumbing over other men's business.
But we ran
ahead of it all.
One coming after
could have seen her footprints
in the wet and followed us
among the stark chestnuts.
Anemones
sprang where she pressed
and cresses
stood green in the slender source -
And new books of poetry
will be written, leather colored oakleaves
many and many a time.
um ein eigenes gedicht abzuliefern:
wenn wieder
alba ist
liegen wir noch oft
im trocknen sperma und
du schläfst - das alte bild
du wirst später duschen
und der rest ist angst
verlorn zu gehn - besonders
wenn du von reisen träumst
das sieht man denn du lächlst
wie ein delphin im meer
ich drück die schlummertaste
und leg mich fünf minuten
noch mal eng an dich.
*Christian Jansen, 27.10.01
tobias fragt ohne fragezeichen:
"leider scheinen texte über peter handke immer wenig diskutierenswertes
zu bieten. (...) ich frage mich: warum muss denn die lautfolge "handke"
in den mund genommen werden, wenn es gar nicht um ihn geht."
dies ist äquivalent dem imperativ: "nimm keine fremden lautfolgen
in den mund, wenn du sie nicht im text logisch konsequent DURCH- oder
AUSFÜHRST!!!" nach toscho'scher logik müssen "texte
über peter handke" etwas "diskutierendswertes [...] bieten",
wobei "inhalte" nicht "grundsätzlich ausgeschlossen"
werden dürfen, INHALTE wie tobias sie für den unwissenden jungautor
didaktisch wertvoll, d.h. mit imperativischen arbeitsaufforderungen, aufbereitet
hat. konkret sollte ein text über peter handke einen der punkte "handkes
kritik an der gruppe 47", "handke und die wiener avantgarde",
handke und das publikum" und/oder "handke und der krieg auf
dem balkan" thematisieren, damit er das prädikat "diskutierenswert"
verliehen bekommt. dazu sage ich entschieden NEIN!
tobias antwortet,
einen tollen aufsatz über wcw schreibend, sich selbst (was christian
besonders diebisch freut):
"Dies [christians text "handke und ich"] hat überhaupt
nichts mit dem vorgegebenen Thema "Gedicht an Mark Anton" ["handke"]
zu tun. Das Gedicht [der text] verfehlt sein Thema, jedoch nicht ohne
Absicht: Das Äußere, das dem Kern der Sache Fremde [das "fantasierende
Ich" (vgl. unten; vgl. auch das konzept des unreliable narrator)],
bricht ein und bestimmt den Stoff; die Essenz, Antonius liebt Cleopatra
[ICH trifft HANDKE (bzw jdn, den es dafür hält) in paris], dient
nur als Projektionsfläche für das fantasierende Ich [jawohl!
jawohl! jawohl!]. Es handelt sich um das Textmodell der Marginalie: Am
Rande des großen Textes [der über-HANDKE] erscheint ein weiterer
Text [ein sehr mittelmäßiges ICH, das sich groß dünkt],
dessen Bezug zum Haupttext nicht feststeht - vielleicht nur eine private
Bemerkung [ist es das, ingo?], eine Eingebung [ist ICH ein genie, rené,
oder nur ein größenwahnsinniger schwafler?], eine Stimmung
des Rezipienten, eines der vielen Rezipienten dieses Textes [...] [ingo:
mehr ich; rené: weniger schwafel; tobias: mehr diskutierenswertes]."
damit komme
ich mir jetzt natürlich ziemlich schlau vor. bin allerdings nicht
so blind, die für mich unangenehmen konsequenzen dabei zu übersehensehen:
zwar wurde erkannt, dass es ums "bashing des bashing" (rené)
bzw. die "entlarvung der entlarver" (toscho) geht. offensichtlich
aber ist die handke passage (projektionsfläche) zu stark (rené)
bzw. die ich-passage nicht genug ausgebaut (ingo), als dass man das, worum
es mir eigentlich ging (INTENSION DES AUDORRS!), hätte ausmachen
können. daher ist der text in seiner damaligen fassung gescheitert,
aber nicht rettungslos verloren.
*Stan Lafleur, 29.10.01
christians klammerwirtschaft war mir streckenweise zu hoch, aber tobias'
mail hab ich wohl verstanden. gut, passend & hilfreich, dasz er die
roundabout-regeln nochmal darstellst, denn saskia kannte die vielleicht
noch nicht so recht. auch mich hat saskias "tv-gedichte koennt ich
kotzen, interessiert mich nicht" eher unangenehm beruehrt. grad wo
manche mit generellem desinteresse schon weit gekommen sein sollen. dieses
"interessiert mich nicht" war ja auch an einer stelle in meinem,
ich moechte nochmal betonen: 11jahre-alten, handke-text, eher in einem
ironischen kontext (wie der ganze text zu lesen ist, diese gratwanderung
zw ernst & ironie, das ist bis heute meist mein ding geblieben), auch
wenn mich als anfang bis mitte 20jaehrigen vieles definitiv nicht interessiert
hat, auch oder gerade wenn ich es nicht kannte, was ich heut als fehler
ans(a)ehe. was tobi weiter zu den handke-dingen schreibt, er fordert da
ja einen beinahe lehrerhaft konstruktiven ansatz, das teile ich (aehnlich
christian) nicht so ganz. der trasher in mir. wohl aber wahr, dasz damals
eine portion neid mitgespielt hat, warum der jetzt mit seinen heftigen
texten bekannt ist & ich nicht. es war eine zeit, in der ich viel
handke las: gut, nein: hervorragend!: die innenwelt der auszenwelt der
innenwelt, kaspar hauser, schlecht: versuch ueber die jukebox. es war
meine rotzige zeit & ich dachte, wenn der handke draufhaut, kann man
auch auf ihn draufhauen. das hat damals, um 1990, fuer mich ausgereicht.
ich hatte keine kohle, zeitweise keine wohnung, feindbilder standen fuer
mich zu dutzenden an jeder ecke. ich hab mich dann fuer worte entschieden
& gegen faeuste, scheiben einschlagen (groesztenteils) oder distanzwaffen.
& einen gewissen galgen/humor gewahrt.
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