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Roundabout September

Stan Lafleur, 02.09.01

lieber ingo,
mir war schon klar, dasz das ausm aerger entstanden ist, & bin auch nicht sauer, aber ich muszt doch was dazu sagen/richtigstellen, denn so konnte das nicht stehen bleiben - & kann dazu noch, weil ich ja aehnlich pauschal geantwortet hab wie du polemisiertest, achims detailliertere aeuszerungen nur bekraeftigen, die weitgehend auch von mir so haetten stammen koennen. abgesehen davon, dasz achim meines wissens nie ausgewiesener trasher war.

lieber rainer,
was du sagst, da ist schon was dran & ich verfolge die pop-geschichte weiter, um sie auf meine mythen-sache anzuwenden, hab aber im moment nichts weiter dazu zu sagen, auszer fragen. das liegt auch an deiner befuerchtung: der begriff pop ist so weit gefaszt, dasz es schon ein wunder waere, wenn nicht ganz verschiedene sichtweisen/ansaetze dazu bestuenden. was ist pop/ulaer/kultur/lit? ab 100, 1000, 4723, 10.000, 100.000, 1.000.000 rezipienten? gibt es inhaltliche eingrenzungen? es fiel das wort (ich glaube von achim), surrealismus koenne unter pop gewertet werden. wegen der bekanntheit? der inhalte? muessen wir die gesamte lit-geschichte bemuehen, rueckwirkend seit dem auftauchen des begriffes pop? shakespeare? der junge werther? ich hab fuer den mythenbegriff eine kurze pauschale historische ableitung (immerhin) bemueht. ingo macht auch nichts weiter, als sich aus dem bevoelkerten leeren (diesen begriff hab ich fuer meinen mythenansatz gebraucht) was zusammenzuklauben. wo ist der unterschied zw pop & mythos? in der flachheit? wo macht man das im einzelnen fest? um einen (vagen) argumentationsstandpunkt zu haben, hab ich das vernichtend aufgegriffen, was derzeit zur pop-debatte steht. wie will ingo (wenn er wieder zurueck ist, kann ers ja auch selber beantworten) es vermeiden populaer zu werden beim pop machen? mit ner residents-maske? bisher ist mir das alles zu schwammig.

wertes roundabout, hab ich, um noch einen nachzuschieben, jetzt ein zweites mal in ruhe gelesen & mir kommt sofort der begriff "trash", den ingo angegriffen hat, in den sinn dabei. & in diesem trash-kontext wuerd ich das eher unter mittelmasz einordnen. zu pop-gedichten faellt mir weiterhin einer ein: erich kaestner, der verstaendlich, moralisch-kritisch, metrisch mal holpernd, mal paszgenau, aber fast durchweg originell, seine lyrik so ziemlich im sinne heines geschrieben hat (in dieser tradition seh ich mich nebenbei auch, was einen groszteil meiner gedichte angeht, wenn auch leicht verzerrt) & das wurde zu kaestners zeit als "gebrauchsdichtung", wegen der popularitaet eben, beschrieben & teils natuerlich auch verschrien. kaestners gedichte find ich meist nicht hochpoetisch, manchmal schon, den "intellektuellen" wahrscheinlich zu direkt. ich schaetze diese sachen. "gebrauchslyrik" ist ein schlagwort, das in zeiten unverkaufbarer gedichtbaende & der verallgemeinerung/flachhei!t des begriffs "pop" vielleicht wieder ausgekramt werden koennte. gedichte/lieder, die sich lesen/singen lassen, dabei deutlich getunt sind, was eine politisch-moralische ausrichtung angeht, eine allgemeinverstaendliche. heimat-, volksdichtung, das musz ja nicht gleich schwachsinn implizieren. das gute von dem, was wir gelernt haben, hervorkramen, damit nicht alles im groszen "egal" untergeht. pfloecke in die erde hauen, in deren schatten man ausruhen kann. was das "gute" ist bleibt jedem selbst ueberlassen. weg aus dem elfenbeinturm, da stimme ich ingo, wenn ich ihn recht verstehe, zu. das krude zeug, das ich auch produziere, das kann einem liebhaberkreis vorbehalten bleiben, als intellektuelle geniestreiche fuer einen heiszen kleinen kreis. hadayatullah huebsch hat ein beruehmtes gedicht gemacht, das nur aus den vier worten essen! schlafen! drogen! arbeiten! bestand, die er litaneihaft in verschiedenen konstellationen wiederholt. jeder kapiert das & macht sich seine gedanken dabei. ist das pop?, trash?, gebrauchslyrik? es ist groszartig, weil es wirkt. & untergrund geblieben in diesen zeiten. diese vier worte schlagen jeden pop-roman. vehemenz, (ironische) anklage, zustandsbeschreibung, alles was zwischen den zeilen steht bleibt einem selbst ueberlassen, aber man wird auf die grundlagen zurueckverworfen, solang man das hoert. es ist einfach wie kaum was, voller kraft (dazu braucht man den vortrag), dumm & genial zugleich (GENIE&ALLTAG heiszt mein label). & so sind wir doch? huebsch ist ein weltverbesserer, das hat er selbst gesagt. mir ist mal der weltverbesserer, mal der dandy lieber, das haengt von der politischen gesamtsituation ab. der autor als einer, der immer das untergewicht anmahnt, um das gleichgewicht nicht aus den augen zu verlieren...
hier haeng ich mich in einer schlaufe auf, erinnere mich grad dran, wie ich mich dem roundabout vorgestellt hab. im groben hat sich an meiner haltung seitdem nichts geaendert, in feinheiten konnt ich dank eurer kommentare/(dezidierten) meinungen dazulernen. endet also in einer kleinen bestandsaufnahme nach acht monaten.

schoene gruesze, stan


Tobias Schoofs, 06.09.01

liebes roundabout,
leider war ich eine woche unterwegs, so dass ich mich an der pop-debatte nicht beteiligen konnte. ich sehe im thema jedoch einige möglichkeiten, nicht nur zu polemisieren, sondern auch, einige punkte mal klar zu benennen. ich möchte versuchen, weitgehend auf polemik zu verzichten und möglichst sachlich zu bleiben.

1. was ist pop?
unter pop verstehe ich, anders als achim und stan, nicht v.a. die literarischen erzeugnisse jüngeren datum à la stckrd_brr oder chrstn krcht, sondern vielmehr die musik- film- und drumherum kultur - sowie INDUSTRIE - die sich seit dem ende des letzten weltkriegs entwicklt hat. vorläufer gibt es natürlich und ich sehe als vorläufer v.a. die afroamerikanische bzw. afroamerikanisch beeinflusste unterhaltungsmusik aus amerika (wozu ich nicht nur jazz und blues, also die nordamerikanische variante, sondern auch die mittel- und lateinamerikanische musik zähle). als beginn der modernen popkultur würde ich demnach r'n'r ansetzen. von anfang an wurde der popkultur nachgesagt, sie sei rebellisch, was wohl auch oft stimmt. dennoch war sie von anfang an politisch ambivalent. das gilt durch alle epochen und stilrichtungen des pops hindurch: soul und funk, rock, hard rock, heavy metal, punk, disko (vielleicht so etwas wie pop im engeren sinne), die elektronische musik seit den 80er jahren und schließlich hip hop, techno, grunge, brit pop usw. usf.
ich weiß nicht genau, seit wann es die begriffsfügung pop-literatur gibt. auch sie ist aber keinesfalls ein phänomen der 90er jahre. bereits in den 70ern gab es den ansatz, pop-kultur und litertur zu kreuzen (auf brinkmann wurde hingewiesen, wichtig sicher auch hubert fichte, hübsch, jandl, später kling u.a. - zumindest schon mal für den deutschsprachigen raum und nur von der literarischen seite) .
schwer aus der lamäng zu formulieren, ist, worin das poppige an der pop-literatur besteht. grundsätzlich denke ich, dass es darum geht, formen und themen der popkultur aufzugreifen, neben literarischen und "realistischen" bezügen, auch poptexte zu zitieren und schließlich (was ich sehr wichtig finde): sich mit den produktionsbedingungen von pop, d.h. mit der unterhaltungsindustrie auseinander zu setzen.

2. warum pop?
hierfür möchte ich zwei ein halb begründungstränge versuchen:
a) pop ist die dominierende kulturform, es ist die sprache, die gresprochen wird. ein modernes sprechen kommt ohne pop nicht aus. (begründung 0,5)
b) die starke prägung unserer kultur durch pop bedeutet auch, dass eine kritische auseinandersetzung an pop nicht vorbei gehen kann. die analyse der gegenwart aus intellektueller perspektive wird immer auch über pop sprechen müssen. das wäre der analyse teil, den auch ingo angesprochen hat, (begründung 1), es gibt daneben noch eine persönliche begründung
c) pop hat auch sehr stark mich selbst geprägt (und da, denke ich, bin ich nicht der einzige). michael jackson kannte ich lange vor hölderlin und die liebeslyrics von prince haben mir etwas bedeutet, bevor mir das buch der lieder von h.h. etwas bedeutet hat. auch trat mir die literatur, zumindest zum ersten mal, in der schule entgegen, während ich pop jenseits von allen zwangsveranstaltungen wie schule und eltern kennengerlernt habe. pop prägt noch heute stark alles, was mit hedonismus - und den dingen "unter der oberfläche" zu tun hat.

3. was ist trash?
trash scheint mir eine spielart von pop zu sein. wenn ich es richtig sehe: eine folge von punk, vielleicht "punkliteratur"? das ahnenverhältnis, das stan konstruiert, pop als schwache nachwehe von trash, kann ich nicht nachvollziehn. - um nicht missverstanden zu werden: ich habe nichts gegen trash, doch muss die große bewegung - so klingt es bei stan an - an mir vorbei gegangen sein. trash ist eine spielart (des pop) unter vielen. ihre bedeutung wurde in der diskussion m.e. stark überschätzt. (wenigstens in klammern eine polemik: dass trash und pop verwandt sind, zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass die mythenbildung ähnlich funktioniert: die anthologien von reclam und rohwolt - ich nehme an, es sind die poetry slam geschichten gemeint) haben den trash, so verstehe ich stan, populär gemacht und verwässert - wie schon punk von der bösen plattenindustrie der garaus gemacht wurde (dass bereits 77 die sex pistols bei emi unter vertrag waren und ihr "riot" von diesem major finanziert wurde, wird dabei oft und gerne übersehen)).

4. kleine literatur
zum vorläufigen abschluss und speziell für rainer: "man kann kleine literatur machen, aber ich weiß nicht, warum man muss":
- jeder kann machen, was er will, eine allgemeinverbindliche poetik gibt es nicht mehr (außer der vielleicht, dass es keine allgemeinverbindliche mehr gibt). das fehlen eines großen gemeinsamen projekts hat selbst schon eine verkleinerung der erzeugnisse zur folge.
- für mich bedeutet der begriff ein ablassen von den großunternehmen à la suche nach der verlornen zeit, mann ohne e oder zauberzwerg. auch ein ablassen von den festen überzeugungen (sowohl religiöser als auch nationaler und imperialer aber auch allzu utopischer).
- er bedeutet experiment: nicht, wie in der avantgarde, das experiment einer "neuen sprache" oder der "zerstörung der sprache", sondern ein üben der sprache: warum passt dieses bild zu jener sache, wie stelle ich jenes geschehen dar, was hat mein gefühl mit dieser tatsache zu tun etc. also: ein schreiben nah an der oberfläche, ein schreiben, das vom eigenen, vom eigenen gefühl - vom privaten wenn man so will - ausgeht; natürlich: ein schreiben, das das selbstverständliche, mit dem dies alles, den zusammenhang wie das gefühl und geschehen bezweifelt, sondern es sucht.
alles, was ich seit 2 jahren versuche, folgt im grunde diesem plan der "kleinen literatur". mir scheint, da ist etwas, das ich mir sagen will - die alten poetischen masken habe ich aber alle durchschaut. die alten masken wirken wie pädagogen, die selbstgedrehte rauchen, um den jugendlichen möglichst ähnlich zu sehen. ich will die masken daher ablegen, ich will mein sprechen verstehen.

so weit und in der hoffnung auf widerspruch
tobias

Stan Lafleur, 06.09.01

lieber tobi,
ich moechte dir nur auf deinen punkt drei antworten, der deutlich zeigt, dasz trash tatsaechlich an dir vorbeigelaufen ist (wie uebrigens im groszen & ganzen an fast allen, da es auch keine wirklich gute textsammlung dazu gibt in meinen augen, was nicht heiszt, dasz es sie nicht geben koennte). es gab ueberall in deutschland autoren, die ab ende der achtiger (ein paar aeltere sogar noch frueher) & lange ohne voneinander zu wissen, ganz aehnliche ansaetze beim schreiben hatten. unter den trash-autoren, die sich unter diesem etikett veroeffentlichen lieszen, gab/gibt es grundlegend verschiedene ansaetze, enno stahl hat diesen begriff fuer eine weitgefaszte, aber durch ihre "antiliterarische" grundhaltung leicht erkennbare literaturform gepraegt, abgeleitet natuerlich vom schon laenger so benannten musikstil (im vorwort der ersten trash-anthologie "german trash" bei galrev). musikhoeren hat tatsaechlich bei fast allen einen starken einflusz auf diese art lit ausgeuebt. mit pop als nachwehe von trash meine ich das, was heute popliteratur genannt wird. das heiszt eben erst seit ende der neunziger offiziell so (vom bundesamt fuer kulturelle angelegenheiten bestaetigt, gestempelt, abgeheftet), genau wie trash erst seit mitte der 90er trash heiszt. ich finde, das wurde hier zu verwaessert dargestellt. man musz sich schon auf begriffsfelder einigen. sonst koennte man natuerlich auch sagen: 1000 jahre pop-literatur! der uebergang von trash- zu pop-lit ist leicht nachzuvollziehen, wenn man die entsprechenden buecher gelesen hat, bzw der szene angehoert hat. unwissenheit schuetzt vor schwierigkeiten des nachvollziehens nicht. trash hat aber seine wurzeln nicht in pop-lit, zumindest gab es diese bezeichnung ja ueberhaupt nicht, sondern in den europaeischen & us-amerikanischen avantgarden bzw untergrundbewegungen der letzten rund hundert jahre zum einen, zum andern in der kohl-aera & ihren kulturellen auswirkungen (da als klare gegenmasznahme), der durchmedialisierung & der zunahme des kunststoffs als lebensumgebung. stand punk nahe, das stimmt. auch pop-musik im weitesten sinne. (ich hab zb immer hüsker dü gehoert & viele bands, von denen ich mich an keinen namen mehr erinnern kann.) brinkmann wird hier immer wieder erwaehnt, enno wollte ihn fuer die trasher vereinnahmen, ihr fuer eure pop-theorien. ich denke, beides wuerde brinkmann selber ablehnen. die baende von reclam & rowohlt heiszen "trashpiloten" &, aeh, tja schon vergessen, kann sein, dasz es tatsaechlich was mit slam war (in dem fall waeren schon die grundbegriffe durcheinander gebracht), was nun wirklich nichts macht, denn dort waren nur ganz wenige trasher, die den namen verdienen, vertreten. verwaessert haben diese unnuetzen veroeffentlichungen den begriff, die verlagskonzepte gingen nicht auf, die macher, darunter heiner link, haben die idee der trash-lit garnicht verstanden. trash-lit an sich wurde nie wirklich populaer, auch nicht durch diese buecher, die eben grottenschlecht zusammengestellt waren. insofern kann man das mit den sex pistols nicht vergleichen. denn das war von vorne bis hinten clever gemacht. dennoch messe ich dieser epoche groszes gewicht bei, denn eine andere literarische bewegung solchen bundesweiten ausmaszes aus einem zeitgefuehl heraus gab es unter jungen literaten in dieser zeit sonst nicht, es kam dann social beat, was ja keine eindeutige literarische ausrichtung war & wo auch ein paar trasher beheimatet waren, aber meist talentlose autoren, was unter den trashern eben nicht der fall war. diese trash sachen waren in meinen augen auch das lebendigste, was in dieser zeit entstand. es gab da diesen uebervater rainald goetz & dann erstmal lange nichts. eigentlich ueberhaupt nichts, bis auf trash. die kritik hat das verrissen, die buecher kamen zu einer zeit, wo viele der trash-autoren sich bereits gesagt hatten: das ist vorbei, es musz jetzt was neues kommen. die wahrnehmung kam am ende der epoche & sie wuszte nicht damit umzugehen. die tatsaechliche geschichte der trash-lit ist weitgehend ungeschrieben. in deinen augen wird das ueberschaetzt, du hast auch nichts davon mitgekriegt. ich war voll dabei & halte das nicht fuer das groszartigste, was je passiert ist, aber doch fuer unterschaetzt. & vor allem: es ist vorbei.

schoene gruesze, stan

René Hamann, 06.09.01
endlich, na endlich hat sich der ton wieder normalisiert, jetzt kann ich mich wieder hervor wagen ohne mit schlamm beschmissen zu werden, hoffe ich. ich weiß, dass stan unser experte für die sache trash ist, und als nicht-trasher kann ich wie tobias der sache nichts hinzufügen, aber über die so genannte pop-literatur hätte ich dann doch noch was zu sagen, da gehts dann wieder um den trash, allerdings wird er bei mir ausgeklammert, ich sehe den anfang der jetzigen so genannten popliteratur nicht im trash, auch nicht wirklich in brinkmann, verästelungen, seitenlinien, sondern in christian krachts roman faserland, immerhin schon 1995 geschrieben und veröffentlicht, und dementsprechend naturgemäß in der zeitschrift tempo, die ich von ca 1988 bis 1993 mehr als regelmäßig gelesen habe und in der natürlich kracht und andere vertreter/innen der heutigen so genannten popliteratur veröffentlicht haben, und darüberhinaus natürlich in der anglo-amerikanischen literatur, nicht so sehr im so genannten underground, sondern eben im von rowohlt & kiwi übernommenen overground, also bret easton ellis allen voran (ich erinnere, wie ich meine damalige freundin im kölner bahnhof abgeholt habe mit diesem frischgekauften 'american psycho' in der hand, ein weihnachtsgeschenk an mich selbst, das war 1991), dann noch douglas coupland, nicholson baker und wenn man so will paul auster, aus den usa kommende hermann hesses, wenn man so will, denn mit ihren büchern musste man sich als teenie oder twen nicht blasiert vorkommen, wie mit thomas mann vielleicht, und nicht endblöd wie mit eva heller oder so, es war also so genannte anspruchsvoll daher kommende literatur mit zielgruppe, die über das leben in der popkultur, also musik & alles was damit zusammen hing, handelte, also im endeffekt über einen selbst, auch wenn gewisse teile der tatsächlichen popkultur wie der in d sehr beliebte underground tatsächlich nicht vorkamen. - nach kracht kam natürlich nick hornby und damit b. von s.-b., das wissen ja alle, da brauche ich nicht mehr weiter zu erzählen.

im grunde ist popkultur, so folge ich tobias, etwas sehr amerikanisches, das zieht sich durch alle kulturanalysen seit 1945, wenn man so will, fängt die popkultur in d am genau den 9.5.1945 an, natürlich schickte sich diese amerikanische kultur schnell an, global zu werden, sie wurde bspw. nach england geschickt & kam in einer arbeiterklassenversion (die beatles, die stones) wieder zurück usw. usf. - und über hollywood fang ich jetzt mal gar nicht an, das würde zu weit führen und bringt auch nichts.

doch genug mit der geschichtskrittelei und den fragen, wer oder was jetzt an dem ganzen schuld ist, hart und merkwürdig fand ich dann doch diese offen gelegten antipathien gegenüber einer a. von h.-l., die sich wie von männern halt bekannt entweder in gewalt- oder in sexfantasien darlegten, vielleicht kann sie persönlich ja gar nix dafür, dachte ich, ich habe ihre bücher nicht gelesen, relax mal angefangen, aber es interessierte mich nicht weiter, weil es zu offensichtlich war, und das reicht mir dann auch, ich brauche so was nicht als feindbild, dazu ist es doch viel zu harmlos und nicht rechts genug. und dann habe ich mich gewundert, dass es heutzutage kleine schreiber kleiner literatur aus kleinen großstädten sind, die imaginär ihre fernsehkisten aus hotelzimmerfenstern werfen, und habe mich gequält, ob ich weiter öl ins feuer oder besser klappe halten, bis endlich, na endlich der ton dank stan und tobias wieder sachlicher wurde. und gestern nacht dann, das ist jetzt kein witz, schalte ich zufällig ins nachtstudio, zdf, und wer sitzt da und hampelt und gestikuliert, das ist doch der rainald goetz, und ihm gegenüber sitzt endlässig und trocken der moritz von uslar, und beide sind mir sofort noch sympathischer, aber was machen die da im fernsehen, die reden tatsächlich über fernsehsendungen, raab, gestrandet, abenteuer wissen, und ich muss lachen + mich freuen, denn neben dem goetz sitzt dann tatsächlich die erwähnte a. von l.-h., auch sie entspannt + selbstsicher, und ganz und garnicht blöd oder affektiert, der einzige negativfaktor ist der moderator, der ständig versucht dagegen zu steuern, das gewissen des fernsehens als moderator darzustellen, nur weil alle gestrandet im prinzip ok finden, abenteuer wissen oder das sündige mädchen dagegen scheiße, und der goetz sagt ein paar typische sachen und versteht sich prima mit dem uslar, und die von l.-h. lacht dazu, und ist alles in allem ziemlich normal, wie alle eigentlich, und ich könnte mir vorstellen, mich mit ihr (trotz der haare) im sixpack bei einem bier zu unterhalten. das denke ich alles und habe dieses grundrauschen der debatte hier dabei im hintergrund laufen, und finde fernsehen höchst prima, weil enorm anregend, nicht nur wegen diesem nachtstudio, sondern natürlich auch wegen dieser sitcoms, die ich jahrelang geschaut hab (hätte ich thefife zu ende studiert, und wäre nicht dreimal durch die einführungsklausur gerasselt, hätte ich meine magisterarbeit über 'cheers' geschrieben), oder dem fußball oder harald schmidt oder den ganzen filmen, die ich im fernsehen gucken konnte, und die nie im kino liefen, das fernsehen kann also so anregend sein wie ein gutes buch, ein guter text, eine schallplatte, ein film, ein eis, ein gespräch beim bier, ein sex oder ein flirt, und all den anderen dingen, die gut sind.

und jetzt fahre auch ich sicherheitshalber schnell in den urlaub, die popkultur machts möglich, hinterlasse aber kein angebliches popgedicht mit regenbogenthema, in malta gibt es keine monarchie. aber vielleicht gibt es im hotel eine fernsehkiste, die ich allerdings nicht zum fenster, sondern vielleicht mal anmachen, könnte ja was laufen, dann freu ich mich. bis dahin:
rené

Stan Lafleur, 06.09.01
& nochmal: ich gebe rené recht, dasz auch die sogenannten zeitgeistautoren (tempo) naehrboden fuer pop geliefert haben. sicherlich sogar staerker als die trasher. schon, weil sie staerker beachtet wurden. was kein wunder ist, schlieszlich saszen sie ja auch in redaktionen, mkonnten sich gegenseitig pushen. der smarte ansatz. fuer die trasher ists ja auch teils fuerchterlich zu sehen, wie sich das entwickelt hat. ich habe nicht gemeint, dasz pop-lit direkt aus trash-lit entstanden ist, sondern habe ebenfalls von einem naehrboden gesprochen. auch die buecher/autoren aus uebersee, die rené anfuehrt, scheinen mir als vorbilder zu passen. was trash angeht, so musz ich annehmen, dasz die juengeren pop-literaten das garnicht kennen, es gab & gibt allerdings schon popliteraten, die sich in diesem umfeld bewegt haben, je nachdem, was man jetzt zu pop & trash zaehlt & was nicht. ist aber jetzt auch wirklich nicht so wichtig, da nur nebenschauplatz in der debatte. alles, was ich wollte, war das mal vor augen zu fuehren, damit nicht einfach aus kenntnisarmen annahmen heraus trash bewertet wird.
ich folge tobis & renés aussagen zu popkultur, ich wuerde das weitgehend genauso ordnen.
rené: was du wieder hart fandst, gewaltfantasien oder dergleichen: a) bezog sich das auch auf die maenner (watschen) & b) hab ich das comichaft gemeint, nix weiter als sprueche & reaktion auf ingos sprueche. mach dir keine sorgen, meine faeuste sitzen nicht so locker wie bisweilen meine zunge. zu alexa musz ich sagen, dasz ich sie im tv bisher nur immer als gradezu unertraeglich dummes inventar wahrgenommen habe. natuerlich ist sie nicht zufaellig in diesen sendungen gelandet. sie kann schon was dafuer.
aber mal ab davon: was heiszt das alles fuer eine moeglicherweise intelligente pop-lit? intelligent meine ich nicht im sinne von verkaufsstrategien, dafuer sind werbemechanismen zustaendig. diese grundfrage ingos sehe ich nicht beantwortet. wenn rené hier schon paul auster anfuehrt, was ist dann mit helmut krausser? ich denke, die grenzen liegen da, wo man sich selbst einem label/etikett zugehoerig bezeichnet bzw nicht dagegen wehrt, so eingeordnet zu werden. an diesem punkt nochmal ein kleiner exkurs zu untergrund: ich war jahrelang gezwungenermaszen untergrund. niemand aus etablierten kreisen wollte mich zu lesungen einladen oder veroeffentlichen. in meinen experimentellen anfaengen schon gar nicht & auch nicht recht in der trash-fase. im untergrund dagegen hatte ich viel erfolg. nahezu selbstverstaendlich, dasz man da einen gewissen auszenseiterstolz entwickelt. mir ist aber vor jahren schon aufgegangen, dasz ich auch anderes als untergrund-publikum mit meinen texte erreichen kann & auch will. was man hier so untergrund nennt, da gibt es ja puristen & welche, die das eher lockerer sehen, das war in deutschland seit den sechzigern spaetestens in anlehnung an die amerikanischen jugendbewegungen immer ganz wichtig fuer die jeweilige jugend. ist ein stueck deutscher geschichte. ich will mich nicht im untergrund verstecken. die 68er sind heute an der regierungsmacht. nachfolgende generationen wurden immer unpolitischer, bis auf die hausbesetzer/antifas & konsorten. heut hat man ein paar versprengte linke, einen breiten rechten untergrund & die grosze masse sind die love parade-hedonisten, deren "literatur" in stuckrad-barre besteht. sicher kann man das nicht so einfach verwerfen. aber gut finden? jeder, der mit seinem ansatz scheitert, musz sich das zu einem gutteil selbst anrechnen. aber etwas gutheiszen, nur weil es sich durchgesetzt hat? nein, selbst wenn meine lesungen/texte sich unter dem etikett "pop" besser verkaufen wuerden: ich will damit nichts zu schaffen haben, weil es belegt ist in einer weise, fuer die ich mich staendig schaemen/rechtfertigen mueszte, das etikett ist zu stark, die texte treten vor dem marketing label "pop" in den hintergrund.
ansonsten scheinen mir hier immer mehr vor der popdebatte ins ausland zu fluechten. vielleicht steht bis zu deren rueckkehr ein neues thema an?

schoene gruesze aus mauenheim, stan

Rainer Junghardt, 07.09.01
Hallo Roundabout,

speziell Tobias und Stan:
ungemein aufschlussreiche Erläuterungen zu Pop und Trash. Fand ich sehr hilfreich.

Gestern habe meinen Fernseher nach drei Wochen repariert zurückbekommen. Ich wollte dazu irgendwas schreiben im Bezug auf das, was Stan und René über das Fernsehen gesagt haben, aber in Wahrheit folgt nicht wirklich etwas daraus.

Noch ein paar Überlegungen zur Popliteratur. Dass ich geschrieben habe, ich sei in der Diskussion darüber nicht so drin bin, war kein ein rhetorischer Kniff, sondern es ist einfach so. Ich denke immer, ich könnte das noch lesen und das...

Was ich gelesen habe:
Z.B. Kracht, Faserland. Diverse Partys, gegliedert nach der deutschen Geografie von Sylt zum Bodensee, zuletzt noch außerhalb in Zürich. Ich fands nicht schlimm, aber auch nicht richtig interessant. Außer eben das letzte Kapitel, in dem der Erzähler kurz mal anhand von Zürich sich ein nicht vom Krieg zerstörtes Deutschland vorstellt. Da wirds mal kurz spannend.

Stuckrad-Barre: Remix. Gesammelte Geschichten, Artikel etc. 96-99. Einige Sachen sind ganz nett, ¯Kassettenmädchen® z.B., aber nachher frage ich mich auch, was solls. Ich denke der Punkt ist, dass diese Bücher versuchen, selbst Teil der Popkultur sein zu können. Eingängig, leicht. Was ja nicht immer verkehrt ist, aber hier schon beschränkt wirkt.

Ziemlich gut gefallen hat mir dagegen Rave von Goetz. Die Umgebung, die beschrieben wird, die Art wie, die Überlegungen dazu. Es scheint aber mehr über Pop zu sprechen als es selbst zu sein.

Auf eine verwandte Perspektive läuft glaube ich auch Tobias' Ansatz über 'das Poppige'; an der Popliteratur hinaus. Hierher kommt glaube ich auch die Kluft, die ich aus Ingos poetologischen Sätzen gelesen habe. Von woher wird dabei über Pop geschrieben? Vermutlich von einem intellektuellen Punkt aus, der einiges an Begriffen und Reflektion mitbringt, das nicht so recht Pop sein kann. Für mich ist Popkultur kein bevorzugtes Thema, aber wenn, dann würde ich lieber so was darüber lesen.

Nebenher, wieweit kann Pop über sich selbst reflektieren. In Fußnoten, sag ich mal. Mir fällt dazu ein Madonna-Video ein, Don't tell me. Es gibt sicher bessere Beispiele. In einer Prärielandschaft steht eine Leinwand, auf der ein Film läuft, in dem Madonna in Cowboy-Kluft tanzt. Der Track (das Wort muss ich jetzt bringen) enthält bereits einige Breaks (wäre jetzt furchtbar peinlich, wenn ich diese Worte falsch verwende) die absolut unüblich zu den Country-Melodien sind. Es ist also schon etwas Gebrochenes daran, ein Ausweis, das Video legt offen, das Country ein Zitat ist, etwas
Verwendetes. Es ist ein Hinweis aus Überlegungen, die außerhalb stattfinden, sie dürfen sich in etwas, das Pop sein will, nicht vor die Eingängigkeit stellen. Spätestens da müsste die Grenze sein des Sprechens über Pop im Pop. (Ich komme ins Schwafeln, oder? Ich hab eigentlich gar keine Ahnung davon.)

Wohlgemerkt, das Popliteratur nicht mein Ding ist, liegt nicht daran, dass darin zu wenig reflektiert würde. Mir ist da nicht genug Raum für Ausführlichkeit. Vielleicht liegt es an so was.

Tobias,
zu dem speziell für mich.
>jeder kann machen, was er will
Klar. Ich will am Ende auch nicht viel mehr sagen, als so machst Du das, so mach ich das, aha. Aber man kann sich das ja noch erläutern.
>das fehlen eines großen gemeinsamen projekts hat selbst schon eine verkleinerung der erzeugnisse zur folge.

Wäre richtig, wenn wir vorher Gemeinschaftsprojekte gehabt hätten oder Romane, die sich aus einer gemeinsamen Programm ableiteten. Das gilt aber kaum für die beiden Beispiele. Für den Mann ohne Eigenschaften ist es gerade die Voraussetzung, dass ein allgemein anerkannter Rahmen nicht mehr da ist. Ambitionierte Projekte müssen keine gemeinsamen sein. Sind es wohl auch kaum
mal gewesen.

>für mich bedeutet der begriff ein ablassen von den großunternehmen à la suche nach der verlornen zeit, mann ohne e oder zauberzwerg. auch ein ablassen von den festen überzeugungen (sowohl religiöser als auch nationaler und imperialer aber auch allzu utopischer). Bei dem, was nach dem „uch“ steht, bin ich völlig mit dir einverstanden. Besonders das „allzu“ hätte geradezu von mir sein können. Zwar bergen Utopien Gefahren, aber ich mag diese Möglichkeit nicht ganz ausschließen. Aber was vor dem auch steht, hängt nicht unbedingt damit zusammen. Ich vermute mal, dass diese Bücher zum Teil gerade deshalb kompliziert und weitschweifig sind, weil die Überzeugungen darin eben nicht „fest“ sind. Und eine gewisse Unbescheidenheit bei solchen Projekten ist mir ganz lieb.

>er bedeutet experiment: nicht, wie in der avantgarde, das experiment einer "neuen sprache" oder der "zerstörung der sprache", sondern ein üben der sprache:... ich will die masken daher ablegen, ich will mein sprechen verstehen.

Überaus sympathischer Plan. Aber mir wäre: „sondern vielmehr die musik- film- und drumherum kultur - sowie INDUSTRIE“ (Schoofs, Tobias: Was ist Pop, roundabout 06.Sep.2001) nicht das rechte Mittel, eher auch eine ziemliche „Maske“.

>so weit und in der hoffnung auf widerspruch

Immer wieder gern.

Ich beschalle mich übrigens gerade mit PeterLicht „meide, meide die Popkultur...“)

Grüße

Rainer


Tobias Schoofs, 08.09.01

liebes roundabout, lieber rainer,
du hast mit fast allem recht, was du sagst: mit dem angenehm lyotard'schen postidoelogie und wir sind alle glücklich mache ich mir das schon etwas einfach. präziser wäre in abgrenzung von musil, mann, proust und wie sie alle heißen, von der umwelt zu reden, in denen ihr schreiben stattfand. nämlich, dass ihre (ideologische) unentschlossenheit, kritik, vorsicht in einer umweltder extremen und extremen verhärtung erarbeitet war, während der pluralismus heute selbstverständliche grundlage ist. den unterschied zur klassischen moderne kennzeichnet eher, dass es keinen großen ideologischen gegner mehr gibt, den man bekämpfen oder von dem man sich absetzen müsste. die entscheidenden fragen haben ehr praktische als theoretische relevanz. um zum pop zurückzukommen: in nuce, könnte man sagen, hat hier eine ähnliche entwicklung stattgefunden. vor 20 jahren wäre ein begriff von pop, so wie ich ihn verwende, rundweg abgelehnt worden (für punk wäre pop ein hassbegriff gewesen, ähnlich, wie er als hassbegriff für stan fungiert.) zumindest ich habe mich aber sehr daran gewöhnt, alle diese untergrund- und jugendkulturbewegungen mit dem sammelbegriff pop zu belegen. auch ton steine scherben würde ich als pop bezeichnen (das relativiert den einschnitt zu "könig von deutschland"). damit einher geht die problemlosigkeit mit bestimmten parallelen: ein kritisches verhältnis zur unterhaltungsindustrie zu pflegen und gleichzeitig einen fernsehabend genießen zu können, ein phänomen wie "no logo" und den seattle-mann schätzen zu können, ohne mir verbieten zu müssen, mich für börsennachrichten zu interessieren. etc.

was mir dabei in den sinn kommt, sind die diskussionen in den 80ern, frühen 90ern. (als fußnote und erwiderung auf stans nachhilfeunterricht: mag sein, dass es in den 80er jahren eine millionenköpfige schar von trashpiloten gab, es gab jedoch auch damals schon eine abarbeitung am begriff pop. die namen, die damit verbunden sind, führen mich zu dem verdacht, dass auch diese diskussionen nicht ohne einfluss waren. namen, die mir spontan einfallen: rainald goetz, dietrich diedrichsen, marcel beyer, thomas meynecke, die gesamte spex-redaktion uvm.) die diskussionen, die ich meine, stellen m.e. die abkehr von bestimmten vorstellungen der vorgenerationen v.a. politisch motivierter autoren, künstler etc. dar. es ist dabei egal, ob diese vorgenerationen wirklich jemals so waren, wie sie von den pop-befürwortern gezeichnet wurden. ihre vorstellung entwarf ein bild von profirevolutionären i.d.r. männlichen geschlechts mit kritischer oder ablehnender haltung gegenüber allem was spaß macht: unterhaltung, konsum, gefühl, privatem, hedonismus. gleichzeitig mit der tendenz zur flucht aus dem gesellschaftlichen leben und mit der tendenz die eigenen verhältnisse nicht oder unzureichend zu beobachten - kurz: der "linke spießer", der typische bewohner einer msb-spartakus wg ende der 70er anfang der 80er jahre. die diskussionen zeichneten dagegen einen anderen typus: spaßorientiert, gut gekleidet, kurze oder noch besser gar keine haare, (pop)kulturkompetenz, gleichzeitig selbstkritisch (oder besser: selbstironisch) und v.a. immer mit einem zitat eines frz. philosophen auf den lippen. also: der dandy. natürlich sind beides karikaturen, aber davon ab: worum es mir geht, ist, dass es szenen gab, in köln, noch mehr in hamburg, die über ihre diskussionen und unbedingt aufgrund ihrer offenheit gegenüber dem popdiskurs, zwar keine hegemonie, aber durchaus einfluss gewinnen konnten. es ist ein unterschied zwischen tocotronic oder den sternen und irgendeiner x-beliebigen popband. und das was diesen unterschied ausmacht, ist, was ich unter ingos appell verstehe, etwas "zurückzuerobern". es handelt sich dabei eben nicht nur darum, die sprache "der massen" zu sprechen, um seine inhalte besser an den mann zu bringen (also um bloße agit p(r)op), sondern darum - und ich finde, dass rené das in seiner fernseh-mail sehr gut auf den punkt bringt - was WIRKLICH WICHTIG IST. es ist nicht wichtig, ob trash oder tempo. es ist auch nicht wichtig, ob elektronisch oder gitarre (was "damals" auch mal heiß diskutiert wurde.) wichtig ist auch nicht, ob da jemand ans geld glaubt oder an einen sonstwie begründeten "sinn". wichtig hingegen sind die "gesellschaftlichen differenzen", von denen ingo redet, wenn er sagt, dass sie von der popoberfläche nivelliert oder ignoriert werden. um es auf einen slogan zu bringen (der angreifbar und diskutierbar ist), es geht um die abschaffung aller beeinträchtigungen von freiheit und gleichheit. wenn wir über literatur reden heißt das v.a.: wie formuliere ich das. (und ingos popansatz verstehe ich als einen vorschlag, sich an der massenkultur zu orientieren.)

was mich immer noch am typ des dandys interessiert, ist, dass er sich für nichts als hedonismus interessiert. d.h. er führt keine grabenkämpfe, er macht nicht "politik" um des "politik machens" willen - "was mich am sozialismus stört, sind die vielen abendtermine, die man für ihn verschwenden muss" sagt vize-dandy-chef Oscar Wilde - sondern, wenn man schon den spaß-rythmus unterbrechen muss, um etwas von belang zu sagen, dann, wenn es relevant ist. die kultur, die dieser dandy produziert und konsumiert, könnte man pop nennen.
gruß
tobias

Saskia Mackeben, 10.09.01
liebes roundabout,pop als aus dem amerikanischen (mein wissen beschränkt sich hier auf den norden des kontinents) stammendes, das sehe ich auch so. mir fallen in diesem zusammenhang allerdings noch kerouac und andere beatniks ein. bei denen finde ich, außer der propagierung eines bestimmten - im nachhinein hippiesk zu nennenden - lebensstils vieles, was meiner definition von pop-literatur nahe kommt: das eigene, alltägliche lebensumfeld beschreiben, inklusive details, die dem was überkommen als bemerkenswert genug für kunst galt, nicht entsprechen. einen weiteren ansatz dessen, was zu pop gehört, sehe ich in der pop-art, die ich auch stark mit us-amerika verbinde: gebrauchsgegenstände, marken, comics, werbung, abfall als gegenstand von kunst. inwieweit gefühle wie melancholie in die pop-lit. gehören (siehe coupland) betrachte ich eher als teil des persönlichen stils des autors und nicht als merkmal eines bestimmten genres, in den 90ern entsprach es natürlich aber auch sehr dem zeitgeist, das erklärt dann die große popularität. ich habe die letzten beiträge jetzt nur einmal gelesen, und hoffe, dass ich tobias nicht falsch wiedergebe mit: ich versuche auf eine bestimmte art und weise zu schreiben, und diese verfolgt auch teilweise die jetzt in dieser diskussion unter pop subsumierten vorgaben, ob es sich jetzt pop nennt oder nicht ist mir egal. sollte das so ungefähr gemeint sein, würde ich mich dem anschließen. bei der kritik an einer autorin gleich unter die gürtellinie zu zielen, finde ich niveaulos, aus diesem grund spare ich mir auch eine retourkutsche.
zu stan möchte ich noch anmerken: der "gute" mensch ist wohl eher nicht an seinem musikgeschmack zu erkennen. ich hatte viel spaß auf der love-parade, zu zeiten als benny noch keinen buchstaben veröffentlicht hatte. gerne auf parties zu gehen und zu musik ohne schlaue texte zu tanzen, macht einen wohl kaum zu einem oberflächlichen menschen, der nur doofe bücher liest.
herzlichst,
saskia

Stan Lafleur, 10.09.01
liebe roundies,
um das nochmal klarzustellen: was meine aversionen gegen den begriff "pop" angeht, bezog sich einzig & allein auf die sog "popliteratur", & nicht etwa auf den popbegriff, wie er inzwischen hier genreuebergreifend zur debatte steht & das tut er ja, wie tobi ganz richtig sagt, nicht erst seit gestern. ich hab nix gegen coole popsongs, auch ausgewaehlte uncoole, im gegenteil. bei dt popsongs hat es mich immer sehr interessiert, wenn etwas auszergewoehnliches mit der sprache (text) angestellt wurde, ndw & hamburger "diskursrock" zb. ansonsten kann ich den eingegangenen mails nahezu komplett zustimmen.
exkurs (nochmal trash/tobi): was du ueber die spexler/szene hh/k etc sagst, das stimmt alles mehr mehr als weniger. interessant fuer mich hierbei: in ddorf war ich anfangs in eine linke/hausbesetzer-szene eingebunden, da waren auch einige leute eher street (oder wollten es sein) & andere eher am theoretisieren, aber man hat sich gegenseitig, trotz dissonanzen aus der herkunftsgeschichte & dem wollen-wohin fuereinander interessiert. ganz selbstverstaendlich hatte ich zb neben anderen ein forum in der dortigen linken presse, die gerade waehrend meiner zeit dort entstand. heiszt, die haben meinen aktionen auch mal artikel eingeraeumt. gesagt: geht dahin! (war auch sonst nicht viel los, bzw die szenen nicht so zersplittert. k kann man schon als groszstadt bezeichnen im vergleich dazu.) in koeln war das, seit ich 94 hierhinkam, ueberraschenderweise ganz anders. die sprechecke als ausgemacht basisdemokratisches forum zb, das nahezu ausschlieszlich von eher bis radikal linken redne!
rn/autoren genutzt wird, hat ihre einzige schlechte kritik ausgerechnet von der stadtrevue bekommen. das aergert mich nicht, erstaunt mich nur. sicher war auch von den ueberwiegend ausgemacht linken trashern ein schwieriges verhaeltnis zur (linken) presse da, wohl weil man sich nicht auf den diskurs der redaktionen eingelassen hat. bzw die trash-stilistik/en nicht als eigenstaendig erkannt wurde/n. die einzig vernichtenden urteile kamen ausschlieszlich von der linken presse (taz). im uebrigen genauso (zu) spaet wie die um wertfreiheit bemuehten urteile der buergerlichen presse. das halt ich fuer exemplarisch, auch wenn es hier nicht darum gehen sollte. sorry, dasz ich nochmal drauf zu sprechen komme. grad fruehe blumfeld/sterne, spaeter tocotronic schaetz ich sehr in der dt musiklandschaft. mir ging es, vielleicht hab ich mich miszverstaendlich ausgedrueckt, einzig um pop-lit.
die zuletzt eingegangenen mails verbreitern den pop-begriff ja mehr ins allgemeine. das ist alles (zumindest mir) bekannt & geht, auszer dem, was rainer gewohnt praezise sagt, auch wenn es wohl notwendig schien, fuer mich zu sehr weg von einer debatte lit heute. auch wenn die grundlagen mal geklaert werden muszten. ich kann tobis statements nachvollziehen, mein impuls geht derzeit richtung politisierung. generell folge ich auch ingos gedanken vom einzelnen als zoon politikon. sich raushalten ist auch eine (politische) haltung.
saskia: ich will dir nicht absprechen, dasz auch auf der love parade ein paar intelligente menschen rumlaufen/tanzen. wirklich nicht. aber bei meinem pauschalurteil bleibe ich, solange die buecher & tv-berichte keine anderen statements als "alles geil hier" zu tage foerdern bzw ich von kennern der love parade eines besseren belehrt werde. sicherlich ist die love parade auch keine diskussionsveranstaltung, wogleich als demo angemeldet, ein notwendiger trick. bei dir klingt auch an, dasz du zw der fruehen & jetzigen veranstaltung differenzierst. ich war auch mal auf den fruehen rave-veranstaltungen, aber das hat mir nie so besonders gefallen. die beatniks haben sich anfangs aus der bebop-szene rekrutiert. die hippies kamen wesentlich (ca 20 jahre) spaeter, ginsberg zb ist spaeter zum hippie konvertiert, burroughs schon immer seinen weg gegangen, einige der beatniks waren von haus aus kriminelle wie neal cassidy, der held "dean moriarty" aus "on the road", von dem auch eigene t!
exte ueberliefert sind. die beatniks waren eine bewegung, die sich als avantgarde in die us-litgeschichte eingeschrieben hat. sie wollten sich mit dem herrschenden system nicht anfreunden & haben spaeter ganze jugendgenerationen beeinfluszt. das geht nicht allein durch tanzen, getanzt wurde schon immer.

schoene gruesze, stan

Achim Wagner, 11.09.01
allgemeines: stimmt, stan, ich war nie ausgewiesener trasher, es gibt ableitungen, sicherlich, dazu ist auch mir der trash eine zu wichtige bewegung gewesen, um sie ausser acht lassen zu können... an dieser stelle sei mal der reader "kaltland beat" hg. von boris kerenski & sergiu stefanescu - im ithaka verlag erschienen - empfohlen... beat: nein, da sehe ich keine wurzel des pop, eher in den creative writing kursen an us-amerikanischen hochschulen, behütetes schreiben... wobei es schnittstellen geben mag: alltagsbeobachtungen: ja... aber aus welcher sicht, mit welcher intention??... bei den beats (beatniks ist ein von "oben" aufgesetzter begriff, siehe auch hübschs anmerkungen dazu) war immer der entwurf des alternativen lebensstils wesentliches merkmal, das lässt sich in den hervorbringungen der pop-literatur an keiner stelle finden... auf die weiteren unterschiede in der sozialen + politischen betrachtung einzugehen, scheint mir unnötig... dürfte bekannt sein (bogen: die verfolgung grasrauchender menschen war durch eine wesentlich grössere hartnäckigkeit gekennzeichnet als die der ecstasy-schlucker heutiger zeit, allein daraus zu begründen, dass man bei kiffern immer von staatsfeinden ausging, wohingegen im anderen fall das systemkonforme nicht nur wohlwollend unterstellt wird, sondern auch so vorhanden ist). die letzten hervorbringungen von ginsberg (auf der hydrogen jukebox von glass) & burroughs (spare ass annie and other tales gemeinsam mit diversen rap-bands) fallen mir in diesem zusammenhang ein... der ungebrochene glaube an die eigenen positionen wider das obrige... ob michael chabon auch nur im ansatz zu so etwas fähig wäre, steht mehr als zu bezweifeln...

ad ingo: den einfachen satz schreiben zu dürfen (bzw. zu können... siehe: hemingway), themen der oberfläche aufgreifen zu dürfen: aber ja... dabei das dünne eis zu kennzeichnen...

herzlichst
achim, fragmentarisch

Saskia Mackeben, 17.08.01
lieber achim, nur kurz als antwort: ich fühle mich überhaupt nicht persönlich angegriffen. meine fresse, so weit geht meine, wenn vorhandene, identifikation mit schreibenden frauen nicht, dass ich mich bei einer kritik an irgendeiner schriftstellerin betroffen fühle. ich finde auch völlig okay, wie du in deiner letzten mail beschreibst, was dich an dieser frau stört, nervt, was du kritisierst. vor diesem hintergrund kann ich auch die aussage, du würdest gerne mit ihr ficken, anders verstehen. ohne diesen hintergrund allerdings klingt es wie: respektieren kann ich sie nicht, ich finde sie als autorin auch richtig schlecht, ich würde höchstens sex mit ihr haben. diese aussage ist vielleicht nicht besonders erschreckend oder erstaunlich, aber -mit verlaub- niveaulos, und im rahmen einer diskussion über literatur auch fehl am platz. ich verstehe die aussage jetzt aber als auf-die-spitze-treiben deiner kritik an der art und weise, wie sie sich darstellt und vermarktet. got the point. war so von dir aber sehr missverständlich.

saskia

Acbim Wagner, 12.09.01

radio läuft durch... mythos (stan): dies ist ein wiederbelebter... die usa von der nicht westlichen (also "unzivilisierten") welt als modernes bablyon gesehen (siehe auch bob marley: babylon by bus - live lp einer usa-tour)... das world trade center als neuer turm zu babel, der gefällt wurde... ich denke, das steckt als bild auf jeden fall in dieser aktion... weiter: da sagte vorhin jemand, journalist in der wdr 5 sendung liliputs zu den zuhörenden kinder, dass terror nur von schwächlingen ausgeführt werde, da sie angst davor haben, den usa direkt gegenüber zu treten (er meinte wohl die offene schlacht)... mir fiel dabei arminius ein, die schlacht (der hinterhalt/das abschlachten) im teutoburger wald gegen varus + dessen legionen (deutscher mythos... heldendenkmal für hermann den cherusker) ...der kampf gegen das überlegene system mit den eigenen möglichkeiten... natürlich der kampf der weissen siedler gegen die herrschende kultur....auch die umkehrung des unsichtbaren kampfes (von den usa über die nicht ortbaren stealth bomber eingeführt)... die entführten boeings waren gleich den stealth bombern unsichtbare waffen, erst kenntlich in dem zu späten moment... die anzahl der opfer/zivilsten war in der menschheitsgeschichte noch nie ein punkt in den vorfeldüberlegungen der aus welcher (idiotischen) sicht aus welch (idiotischen) motiven auch immer aktionen planenden (wahnsinnigen)... siehe auch thora/altes testament: die blinde "rache" eines "gottes" gegen ganze völker gerichtet... immerhin die grundlage der jetzt vielbeschworenen "zivilisierten welt" (inkl. der islamischen, für die die thora auch gültigkeit besitzt)...

rauchfahnen

die abzüge der bilder
einer vertrauten zeit
in der jackentasche
auf dem weg zu dir
in jeder kneipe
eingeschaltetes tv
zur geschäftszeit
die gleichen szenen
auf allen kanälen
vorgetragene betroffenheit
ein augenzeuge wird
katastrophenprominent
& du riechst so gut wie immer

das world trade center
steht nicht mehr

beste grüsze
achim

Achim, Wagner, 12.09.01

ad saskia:
yep... du hast recht: klingt missverständlich (wenn ich's selbst nochmal durchlese) ... bin ab und an zu flapsig... werde mich bemühen... künftig... achim

Stan Lafleur, 12.09.01
ich moechte achims vorschlag nochmal bekraeftigen & etwas differenzieren, fuer alle hier, die sich (evtl durch den verlauf der debatte) dafuer naeher interessieren ein bild davon zu bekommen, was in den letzten jahren in der dt social beat-, lit-untergrund- & auch trash-szene tatsaechlich gelaufen ist. der band "kaltland beat" bei ithaka, stuttgart (1999), dessen titel ich zwar etwas bloed gewaehlt finde, ist DAS nachschlagwerk dazu. war fuer den kleinen idealistischen verlag auch ganz zurecht ein durchschlagender erfolg. eine mordsleistung in meinen augen, dieser waelzer (der aber kaum einmal langweilig wird), wenn ich mir die szene so betrachte. enthaelt essays & kuerzere wissenschaftliche arbeiten zu den themen social beat, slam, von leuten, die sich auskennen, das miterlebt haben, auch stimmen der vorangegangenen generationen (chotjewitz schrieb das vorwort zb), sowie viel kurzprosa & lyrik, eine sammlung, die sich weit abhebt von allem, was sonst dazu publiziert wurde, in!
punkto qualitaet & vielfalt, einen guten ueberblick vermittelt & auch die eine oder andere literarische perle zutage foerdert, zumal von leuten, die diesen "szenen" nicht explizit angehoert haben, aber in deren sinne texte verfaszt. es ist sicher KEINE trash-anthologie, auch wenn einige texte drin vorkommen, die deutlich trash sind. natuerlich bin ich auch nicht mit allem einverstanden, was da steht, jede anthologie hat ihre textlichen schwaechen, & haette mir auch einen anderen text von mir dort lieber gewuenscht, habe aber einen sehr hohen respekt vor dieser hrsg-leistung von boris kerenski & sergiu stefanescu, aus deren hause auch die sehr zu empfehlende zs "text" (in buchform) kommt (demnaechst wieder eine neue)..
so, natuerlich gibt es derzeit ein wichtigeres thema. das roundabout schweigt bisher dazu. ich mache dazu auch nicht den anfang, wogleich ich praezise gedanken zum anschlag auf die usa habe. mich das alles nicht so wundert wie die meisten derzeit scheints, wogleich der ueberraschungseffekt deutlich gewirkt hat. (grad hoer ich aus dem radio, dasz die reaktionen inzw skurrilere zuege annehmen, dasz zb die kongreszabgeordneten sich auf die treppe vorm kongresz gestellt haben & gemeinsam "god bless america" gesungen haben - das macht mir mehr angst, als alles vorangegangene).

haltet durch & meldet euch! stan

Rainer Junghardt, 14.09.01

Hallo Roundabout,
Tobias,
die Beschreibung stimmt offensichtlich, dass Pluralismus heute eine selbstverständliche Grundlage ist, und die Manns und Musils in anderer Umwelt geschrieben haben. Aber ich nehme deshalb die Literatur nicht von vornherein auf eine „kleine“ zurück. Angenommen in den drei Beispielen geht es u.a. um Ethik, Gesellschaftsordnung, derlei. Dafür braucht man keine Ideologie als eigene oder Gegner. Es reicht, entsprechende Fragen zu stellen, und die finde ich in einer Umgebung ohne verbindliche Weltanschauung genauso interessant. Und das kann immer noch recht ausgreifend werden.

Grüße
Rainer

Ingo Jacobs, 20.09.01

hallo liebe freunde,
mittlerweile bin ich wieder aus italien heimgekehrt. es war schön dort mit großem interesse zwar, aber leider auch konzentrationsgeklemmt wegen eines eingehemmten nervs im schulterbereich, habe ich mir eure mails zum thema durchgelesen. die diskussion hat sich ja teilweise zu einer auch für mich durchaus erhellenden darstellung der geschichte von pop- v.a. aber trash-lit entwickelt (i.d.t. sah ich dann das trasherbe bei z.b. bvsb; obwohl ich mittlerweile eigentlich denke, der mann schreibt schlicht mittelprächtige und bishin auch gute satire; mit popliteratur hat das vielleicht gar nicht so viel zu tun - außer, dass es populär ist). alles in allem kann ich aber sagen, dass tobias' definitionen den meinigen am nächsten kommen. popliteratur soll sich mit den erzeugnissen von popkultur befassen (und mit dem begriff, ich möchte es noch einmal wiederholen, meine ich nicht das von der buchindustrie und der kritik benutzte label.) man spricht ja auch von nachkriegsliteratur, erotischer literatur, usw. o.ä.; das bedeutet für mich konkret: anlass des schreibens evtl. ein erzeugnis der popkultur, per tv, radio, internet, plakatwerbung, cd, videokassette etc. vermittelt. das ist eigentlich alles. mithin war das schon immer mein interesse; bisher habe ich aber noch nie für mich selbst genau ausformuliert, worum es mir im genauen geht (sowohl inhaltlich: richtung, als auch formal: wie kann ich das umsetzen), sondern immer so aus der lamE4ng produziert. deshalb wollte ich - das war mein ansinnen - das mal vor und gegebenenfalls mit euren augen und buchstaben durchdenken.
um noch einmal zu wiederholen (die diversen punkte aus meiner ersten mail zum thema werde ich demnächst noch einmal aufnehmen): "es geht mir nicht primär um die ästhetik der oberfläche, sondern vielmehr um das phänomen, bzw. um die brinkmannsche einsicht, dass sich unter der oberfläche eine menge tiefe verbirgt, die von einem, sagen wir mal delirierenden subjekt als unbewusstes gefördert werden soll (im sinne von bergbau). es geht mir, genau, vielleicht um das unbewusste der popkultur - eigentlich schon immer. nimmt man sich die texte aus meinem letzten band, könnte man sagen, dass ich diesen ansatz ja eh schon verfolgt habe (in meinen alten texten: lauter fernsehgeräte, plakate, auch musik), z.b. in "der tod durch abtasten", wo ich mich mit sexuell aufgeladenen werbeflächen beschäftigt habe. dieser text ist aber schon so hermetisch / verschlüsselt, dass dies schon fast in den hintergrund rückt. der text ist schon fast zu ästhetizistisch... das andere, vielleicht weitaus gewichtigere problem: ist mein unbewusstes exemplarisch?"

dass mein beispieltext, wirklich ein schnellschuss, nur "mittelmäßiger trash" ist: aha. das ist natürlich keine besonders dezidierte kritik. aber da es kaum reaktionen auf den text gab, nehme ich mal an, dass er ziemlich scheiße war... es fehlt auch der verweis auf's fernsehen. vielleicht sollte per medium eine bestimmte form gewählt, die die herkunft markiert? ...

... spät ... müde ... morgen weiter machen ...

in der hoffnung nicht zu langweilen:

liebe grüße

ingo

Tobias Schoofs, 20.09.01
Kubanische Götter

ELEGGUÁ

voran schritt durch die straßen havannas:
ein dollar. im gefolge: mojitos
mit charme und arsch von gringos
ergaunert ich selbst an seidenen fäden
umgeben von ¯perlen®; die nähre
betrachtung: von motten. in den
taschen: kohle wie ehe das
licht war: ein jeder diamant.
alles ist schön und musik und natürlich:
verstand.

CHANGÓ I

mir auf die haut gepinslte
straßen und namen von bars -
eine sehr schöne frau, eine
schwarze, begleitete uns. eine
weniger schöne lag am ende
in meinem bett wie das kam
weiß ich nicht mehr. es
war von diesem einen dollar alles
verdeckt und schwamm in rum
in zigarrennebel ich sehe
nichts mehr als die von
mir herabbaumelnden glieder und
einen lidschlag lang: das meer.

OCHÚN

in grund und boden schämt sich der kürbis.
es war nämlich in einem grünen kürbis
feld wo yemayá ihre schwester er
wischte wie diese mit deren gatten
bumste. seitdem wird der kürbis
runder und runder der früher (am
kongo) noch einen waschbrettbauch
besaß. ochún ist ein löwe aus
honig: das katzengold säumt den weg
nach el cobre dort wo sie wohnt.

CHANGÓ II

ich bin geliebter ochúns ihr vater
ihr sohn ihre tochter. meine
wirkliche mutter ist yemayá
die göttin der salzgewässer.
sie ruderte mich aufs meer
die zuckerinsel versank ich aber
konnte nicht schwimmen kann es
auch heute noch nicht. dann sprang
yemayá ins wasser, weg war sie.
folgendes habe ich jetzt zu bedenken:
1. ich sitze immer noch hier und
betrachte mein spiegelbild auf dem
wasser 2. das mit dem boot dem meer
und der mutter ist mit freud ganz gut
zu erklärn 3.ochún steht im louvre
aus stein und ist durch nichts zu
erweichen.

BACCHUS

busfahrer bacchus: blöde bescherung.
einen tag frei den andern be
soffen. trotzdem nagen nur
die kakerlaken und mäuse am
hungertuch den rest d.h.
was zum verhungern fehlt
das macht man mit tausch
oder handel am apparat
vorbei und durch ihn hindurch
derselbe apparat der das aller
letzte verhindert und das
ist gut. wo bliebe sonst
bacchus.

BABALÚ AYÉ

babalú ayé der mich auf krücken gestützt
durch matanzas führt: zwischen
den zeilen spricht er nicht von den sitten
sondern von: stellungen. seine hunde
die uns umschwärmen illustrieren die
sätze und heben ein bein an
jedem syntaxbaum. am abend medi
tiert der alte mann über einem
erotikon. mir gibt er kargere kost:
politische schriften.

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