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      Roundabout September



 

 

roundabout september

1 DO THE HANKY PANKY

"Das Verdienst der Dekonstruktion besteht heute nämlich genau darin, daß sie den ganzen Text der Tradition als Geltung ohne Bedeutung auffaßt, die im wesentlichen auf der Unentscheidbarkeit beruht, und auch gezeigt hat, daß eine solche Geltung, wie die Tür des Gesetzes in Kafkas Parabel, absolut unüberwindbar ist. Doch gerade über den Sinn dieser Geltung (und den Ausnahmezustand, den sie eröffnet) gehen die Meinungen auseinander. Unsere Zeit steht in der Tat vor der Sprache wie in der Parabel der Mann vom Lande vor der Tür des Gesetzes."
Giorgio Agamben, Homo sacer. S.64f. Italien. Orginalausgabe von 1995; deutsche Erstausgabe (ed. suhrk.) 2002.

I WANNA BE SEEN IN PUBLIC WITH YOU
singende haben es leichter: meist gibt es vorgegebene melodien, an denen sie sich entlang hangeln können: freiluftig der orale kontakt zum mikrofon. nette menschen im hintergrund geben den beat an. vor ihnen wiegen sich verlaufene ... anders hingegen sprechende: oder gar vorlesende: die gefahr, den diktator zu machen, ist groß. das auditorium nimmt übel: falsche betonungen, übergewichtige prononcierungen, variablen der lautstärke. erklärte ich claudia. & umgarnte sie mit der see; hielt privatvorlesungen in meiner koje; bekochte sie mit verlangen. auf die sterne im kabel pfiff ich, denn jetzt hatte ich meine eigene, private sirene. das dach kam noch ohne sie aus, meine eierschalenwände & die promenade schon nicht mehr.
milky wimpshake, i wanna be seen in public with you
RENÉ HAMANN


2 TRADITION UND SPRACHE

"Unsere Zeit steht in der Tat vor der Sprache wie in der Parabel der Mann vom Lande vor der Tür des Gesetzes."
Vgl. zu dieser Frage auch:
"Ich sehe diese Errungenschaften der Moderne mit großer Achtung, wie man etwa auch ein Bild von Malewitsch betrachtet. Da hängt das schwarze Quadrat, und man weiß: durch dieses Nadelöhr müssen alle immer wieder hindurch. / Wie aber, wenn man schon so genau weiß, daß es da ist, kommt man durch das Nadelöhr? / Wenn man in den Raum gestellt ist. Wenn man in diesen Raum hineingezwungen wurde, bleibt einem als Künstler offenbar nichts als durch dieses Nadelöhr hindurchzugehen. Da gibt es Tausende Strategien: das reicht vom Tanz ums Nadelöhr bis zum Vorbeischielen. Manche blähen sich mitten im Nadelöhr, beim Durchqueren auf. Und manche gehen glatt durch, drehen sich noch mal um und machen Winkewinke." (In: "Die Durchquerung des Nadelöhrs", Gespräch von Durs Grünbein und Helmut Böttiger, Frankfurter Rundschau, 24.11.1999.)

Paul CELAN, Gisèle CELAN-LESTRANGE: Correspondance.
"Mon Poète chéri, je voudrais tant pouvoir lire tout ce que tu as écrit. Mais ne crois-tu pas que j'y resterai toujours un peu étrangère?"

Zum Grab von Paul Celan gelangt man so:
Man lese in der Chronologie des Kommentarbandes seiner Correspondance mit Gisèle Celan-Lestrange zum Jahr 1970 den Eintrag: "12 Mai / Enterrement laïque au cimetière parisien de Thiais, où est inhumé son fils François." Daraufhin studiere man einen Pariser Stadtplan und finde den besagten Friedhof nicht. Später gebe man "cimetiere de thiais" in eine Suchmaschine ein und werde der dazugehörigen Adresse auch hier nicht fündig. Man lasse die Maschine alsbald "cimetieres de paris" schlucken und finde beim ersten Verweis die Adresse "261 av. de Fontainebleau / 94320 Thiais". Man wisse nun, dass der Friedhof sich extra muros befindet. Schließlich lasse man sich auf der Internetseite der Pariser Verkehrsbetriebe RATP eine Wegbeschreibung mit Karte ausdrucken. Man beschließe, am Wochenende dorthin zu fahren. Dieser Beschluss werde am nächsten Samstag morgen in die Tat umgesetzt. Man wandere zur Metrostation "Richard Lenoir", habe seine Uhr vergessen und lasse die Zeit gezwungener Maßen einen lieben Mann sein. Am "Place d'Italie" steige man in die Linie 7 um und fahre weiter südlich bis zur Endstation "Villejuif Luis Aragon". Man steige in die Buslinie 285 um und an der sechsten Haltestelle, "Cimetière de Thiais", aus.
Thiais ist eine Pariser Vorstadt - scheint aber auf den ersten Blick nicht akut gefährlich zu sein. Ich frage mich, warum Celan mit Frau und Kind in dieser Vorstadt im Süd-Osten von Paris begraben ist, wo er doch immer intra muros gewohnt hat und seine letzte Adresse 6 rue Emile Zola im 15. Arrondissement von Paris war. Wir müssen Umwege einkassieren, um eine vielbefahrene doppelspurige Straße zu überqueren. Die Fäden laufen zusammen. Die Sonne scheint, Septembersonnen, letzte, vermutlich. Man hatte die Friedhofsmauern schon vom auf die Haltestelle zusteuernden Bus aus gesehen. Der Weg führt an arabischen Restaurants vorbei, zwischen denen ein Leichenbestatter Handel treibt. Essen wie Gott in Frankreich. Zwei alte Männer sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe - das schreibe ich jetzt, aber heute morgen, als die Männer hinter mir gingen und sprachen, dachte ich sofort, dass dies arabisch sei. Man findet sich schließlich vor dem Eingangsportal, ohne Wächter. Die hohen grauen Mauern haben etwas monumentales und erinnern in ihrer Wucht an die babylonischen Tempelreste im Louvre. Sie durchschreitend, tritt man großen Wiesenflächen entgegen, ein plötzlicher Wechsel von Grau zu Grün - hier ist noch viel Platz vorhanden, und der Friedhof macht den Eindruck eines riesigen, aber verlassenen Parks, menschenleer. Das ist unheimlich, vor allem, wenn man Pariser Parks bei Sonnenschein kennt. Man empfand ähnliches zuletzt in "Abran los ochos", darin ein Mann morgens durch Barcelona fährt, nach und nach erst bemerkend: er ist allein in einer Millionenstadt - ohne Millionen.
Hinter dem Portal macht sich eine Friedhofswärterin dann doch vernehmlich, und zwar durch ein Geräusch, das man mangels Gegenbeweis als anatomisch männliches qualifiziert hatte. Sie scheint nicht viel zu tun zu haben, fühlte sich wohl alleine und so höre ich zum ersten Mal, wie eine Frau Rachenschleim in die Mundhöhle hinaufzieht. Ordnung ist nur das halbe Leben, und deshalb weist der Friedhofsplan auch frappierende Ähnlichkeit mit dem Stadtplan, sagen wir, Manhattens auf: es handelt sich um einen enormen Acker, quadratisch gefurcht; kein Vergleich auch mit den Prunkbauten, Luft- und Marmorschlössern des Père Lachaise, alles schlicht gehaltene Plattenbauten, grau-grüne Öde, aber wesentlich heller als Jim Morrisons Anwesen, weil weniger Bäume vorhanden sind. Wenn Père Lachaise das Versailles unter den Gottesäckern ist, dann verkörpert dieser Friedhof architektonischen Realsozialismus. Diese weiten Rasenflächen haben etwas bedrohliches - man muss an Verdun und CNN denken - und zugleich beruhigendes: Die Stadt mit ihrem Lärm und ausgewrackten, abgebrannten Autoruinen auf dem Friedhofsparkplatz bleibt vor dem großen Eingangsportal, es ist ruhig und eine Illusion von Landschaft mit Elstern und Kolkraben befällt einen.
Glücklicherweise hatte der Friedhofsplan eine Prominentenliste anbei. Da steht unter anderen: "Paul Antschel dit Paul Celan, poète autrichien, 31ème Division". Verwunderung, dass Paul Antschel, lange staatenlos, seit den fünfziger Jahren französischer Staatsbürger, geboren in Czernowitz, heute ukrainisch, 1920, zu seiner Geburt, rumänisch, seit 1919 aber schon nicht mehr habsburgisch, als Österreicher diffamiert wird. - Wir laufen auf jeden Fall erst einmal an der 31. Division vorbei - trotz der idiotensicheren Schachbrett-Aufteilung. Es ist ein längerer Spaziergang, Friedhof, soweit das Auge reicht.
Es gibt jüdische und christliche Divisionen. Die 31. ist eine christliche, was mich zuerst verwirrt, sich aber in der Erinnerung aufklärt, dass François als erster tot und Sohn einer nicht-jüdischen Mutter war. Nach längerem Suchen findet sich inmitten der Parzelle eine bläulich-graue Steinplatte mit vielen Kieseln darauf. Man liest: "François Antschel-Celan [sic!] 1951 / Paul Celan 1920 - 1970 / Gisèle Celan-Lestrange 1927 - 1991". Ich hatte schon vorher einen Löwenzahn gepflückt und einen Kiesel ausgesucht, lege den ersteren neben das große P und beschwere ihn mit dem Stein. Ich betrachte den heiter bis wolkigen Himmel über uns, die Sonne scheint immer noch. Ich betrachte das Loch, welches am Fußende die Grabplatte säumt und neugierig macht. Ich betrachte die verschiedenen Steine, Ton- und Spiegelscherben auf dem Grab. Man sagt statt eines Gebetes das Gedicht Fadensonnen auf. Und denkt des weitern an: Lieder, verstummt. Elstern, im Friedhofsstaub. Fadensonnen, über der grau-grünen Ödnis. Sie bleiben zu besingen. Ein junger sächsisch-stämmiger Dichter sagte 1999 in einem Interview: "Celan aber hat [...] vor allem etwas mit der Verstrahlung der Worte durch Geschichte zu tun, durch die Vernichtung von Menschen. Daran führt nichts vorbei, das ist völlig klar. Ich bin mir bewußt, in welchem Spannungsfeld die Worte stehen seit 1945, wie sie buchstäblich bedrohlich wurden seither." Der Holocaust als Supergau, und die Halbwertzeit der Wörter. Weiter unten dann: "Wahrscheinlich gehöre ich auch zu der aussterbenden Spezies Autor, die versucht, so gut es geht alles [i.e. die Tradition] noch mal in sich einsickern zu lassen. Denn mittlerweile zeichnet sich Ignoranz als deutliche Strategie ab - übrigens bei den Besten, den Begabtesten." Man hat so was weit hinten im Kopf, muss es aber später nachlesen.
Leicht erschöpft lässt man sich auf einer Sonnenbank nieder. Unter der schwarzen Baumwolle staut sich die Hitze auf der Brust. Ein Mann kommt gefahren, hält an und fragt, wo der jüdische Teil des Friedhofs sei, er habe sich verfahren und suche das Grab seiner Mutter, die nun ein Engel sei; eigentlich sei dies heute, am Sabbat, übrigens verboten, er wolle aber trotz des Verbotes seine Mutter sehen, die nun - er besteht darauf - ein Engel sei. Ich weise in die Richtung, aus der er gekommen ist. Er streckt zum Abschied seine Hand aus, die ich nach einem kurzen Zögern nehme, worauf er mir "Bonheur" wünscht. Warum kam dieser Mann zu uns, wo doch eine jüdische Division hinter ihm liegt, in der Richtung, aus der er kam und in die er nun zurückfährt? Wurde er von Juliettes nackten Beinen angezogen, die sie in die Sonne hielt, heute, am Sabbat und auf einem Friedhof? - Warum denke ich schlecht von den Menschen? Ich hatte Juliette ja durchaus auf die problematische Verbindung von Nacktheit und kultischem Ort verwiesen. Sie aber gab mir zur Antwort, die Toten könne das wohl nicht stören, und wir lachten, lange und zärtlich. Wie sie sich jetzt der Sonne entgegen räkelt, mit ihrem jungen festen Fleisch, macht mich sicher: wir leben.
CHRISTIAN JANSEN


3 FRIEDHOFHOPPING

erst spät zieht das bild auf die beine der jungen frau. man hätte schwören können, der mann war allein unterwegs. null spur von begleitung oder kommunikation, außer mit dem judengrabsucher und dem blick auf die die nase hochziehende frau. warum? "die problematische Verbindung von Nacktheit und kultischem Ort" - ich muss grinsen. was sind mir friedhöfe? "kultische orte"? schon wieder textbelege weggeworfen - jetzt hätte man mit den surrealisten kommen können, die gesprächsrunden, die diskutierte frage, ob geschlechtsverkehr in kirchen zu erstreben sei?

in der unbeheizten kühle der kathedrale

geht das licht aus. die orbikularen augen
der wände glupschig & leuchtend
schauen in richtung des beichtstuhls & wir
denken an frösche & springen heraus

statt drin zu bleiben, damals, als tatsächlich irgendwoher lust anflog es zu treiben in diesem beichtstuhl. ein klischee, klar. meine katholische erziehung, die mich zögern ließ? friedhöfe: keine vergleichsmomente, nur das üblich pubertäre: von der party auf den friedhof: sich auf "Gesine Jansen 1902-1986" gesetzt & erstmal kräftig einen durchgezogen & dabei gequatscht. gelegentlich kerzen geklaut. und sie gruftie-/hippie-mäßig und auf provo machend zu hause aufgestellt. problematische verbindung?

YEAH YEAH YEAH.
ich mag es, wenn ich zuhause einen guten track im radio oder im musikfernsehen gehört habe & er mir danach wie kokain im kopf rotiert ... sich hin & her rollt, abspult, immer wieder von vorne beginnt ... manche leute mögen keine "ohrwürmer", sie beschweren sich über "die flöhe", die man ihnen "ins ohr gesetzt" hat; ich hingegen liebe es, wenns rollt. claudia stopft sich wachs in die ohren, weil sie das nicht hören will: das schiff meines lebens ... taumelt nach mehreren cocktails der toilette entgegen ... als ich es singen höre, mein innerer plattenspieler legt eine single nach der anderen auf, will ich nicht mehr ausgehen. das wachs tropft die kerze runter, verläuft sich auf dem tisch. bildet rillen.
the beatles, she loves you
RENÉ HAMANN


4 ETWAS KOMMT ZU SEINEM ENDE

da wo das blech rauskommt, wo reingestanzt wird, muss, damit es langgezogen wird und plattgequetsch, der druck hoch sein: zwischen wunderlichem pflanzen und dem widerlichen tönen. jetzt soll das blech nicht mehr kommen, wird behauptet, wird nicht mehr gebraucht, sagt der markt, bringt nichts mehr ein, konkretisiert der vorstandssprecher. was dann? die heiteren maschinen äußern äußeres, die wörter bleiben, wo sie einer hingeklebt, es ist öde wie im flüssighimmel oder sonstigem elektroklub. das macht kriminalität wie prohibition und das kann stoff sein. das stell ich mir so vor: der produzent nimmt abstand vom directorposten und produziert jetzt in offiziell; produziert das nicht produkt, das keine in stanzen zu prüfen haben. nur heimlich darf es nicht sein. denn alles was zugrunde geht, ist wert, dass es sich auflöst. blutverteilung ist im gange.

celans fleisch. ein würdiger friedhof. hat man nicht oft das bedürfnis, celan die nackte haut zu zeigen? er kannte sie aber selber. aus verschiedenen zusammenhängen. die zitatwölfe drehen durch und so reden alte und junge aneinander vorbei.
TOBIAS SCHOOFS


(c) The Roundabout 09/02.

 

 

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