| Archiv | x | ||
|
Olaf Karnik Stefan
Heuer Axel Dielmann Adrian
Kasnitz adrian
kasnitz Adrian Kasnitz Die
besten Bücher 2003 Olaf Karnik
|
Catherine
David, Gregor Gysi, Daniel Libeskind, Richard Sennett u.a. Rowohlt Verlag, 254 S., DM 34,90,-
Vor dem 11. September erschien ein interessantes kleines Buch zum Thema Definitionsprobleme von Arbeit heute. Neun Vorträge auf Einladung des Hamburger Schauspielhauses im Jahre 2000, gehalten von unterschiedlichsten Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik. So extrem unterschiedlich Ausgangslage und Zielrichtung der Vorträge sind, sie alle kreisen um das uneitle Nachdenken über eine entscheidende Voraussetzung, die sinnerfülltes, eingebundenes und zufriedenes Leben erst ermöglicht: Arbeit zu finden, in Anwendung der eigenen kreativen und intellegiblen Kräfte. Daniel Libeskind, der auf sehr eigenständige Weise Architekur als kulturellen Lebensraum erfahrbar macht und der für seinen Entwurf des Jüdischen Museums in Berlin den Deutschen Architekturpreis 1999 erhielt, schrieb in seinem Vortrag in inzwischen zweideutiger Voraussicht: "Wenn heute Berliner oder New Yorker aus ihren Wolkenkratzern herausschauen, dann denken sicher nur die wenigsten von ihnen, dass ihre Welt jemals verschwinden könnte." Der Glaube an eine unangreifbare Beständigkeit unserer Grundwerte ist seit dem 11. September sicherlich stark erschüttert worden. Angriffe auf die Beständigkeit unserer Lebens- und Arbeitswelt kommen aber schon längere Zeit aus vielen Richtungen, sie werden zu Reizworten der Politiker, die aufgrund der nicht abzusehenden technischen Innovationen und der globalen ökonomischen Entwicklungen ihrerseits das Ziel Vollbeschäftigung nicht mehr versprechen möchten. Da ist es naheligend, Begriffe wie Arbeit, Beschäftigung und selbstgewählte, kreative Tätigkeit auch von den kulturellen Institutionen aus näher zu hinterfragen und Veränderungen der Gesellschaft zu untersuchen. Was bedeutet Arbeit jenseits der bezahlten Lohnarbeit, fragt die Herausgeberin des Buches und von Beruf her Dramaturgin Stefanie Carp weiter, und wohin geht die Energie der Arbeitsvermögen, wenn sie für die gesellschaftliche Produktion immer weniger gebraucht wird? Diese Frage, die von den Vortragenden nicht beantwortet wird - und wahrscheinlich auch nicht beantwortet werden kann -, verharmlost die ökonomischen Zwänge der Arbeitssuchenden. Der Soziologe Richard Sennett ortet die Problemzonen (einmal mehr) bei den durch neue Technologien, die globalen Märkte und den Wandel der Organisation von Arbeit durcheinander gewirbelten Zeiterfahrungen der Menschen: "Ein junger Mann oder eine junge Frau mit einem mittleren Universitätsabschluss kann heute davon ausgehen, im Laufe eines Arbeitslebens mindestens zwölfmal den Arbeitgeber zu wechseln" und mindestens dreimal komplett umzulernen. Man kann nun darüber streiten, ob sich durch flexible Organisation von Arbeit tatsächlich der persönliche Einsatz verringern wird oder in Zukunft immer weniger Menschen immer mehr arbeiten werden. Führt das nun zu gesellschaftlichen Spaltungen und Unzufriedenheit? Weniger Loyalität und weniger Identifikation mit einer Firma oder Arbeit muss zwar der Karriere nicht hinderlich sein, kann aber zu erheblichen Orientierungsproblemen führen. Gregor Gysi betreibt zunächst eine weitergehende Differenzierung und historische Herführung des Begriffs Arbeit und beschreibt schliesslich die Entkoppelung von einem identifizierenden Berufsbild: "Wer bin ich eigentlich, welches Ziel verfolgt meine Biographie?" Man kann sich eben nicht mehr so ohne weiteres über den Beruf definieren, wenn man ihn öfter wechseln muss. Die titelgebende Frage "Alles Kunst?" zielt bei den meisten Vorträgen auf eine allumfassende Verselbständigung des Arbeitsbegriffs. Da kann dann plötzlich irgendwie alles Arbeit sein, oder zum Design eines neu zu generierenden Berufsbildes taugen. Der ökonomische Zwang, Arbeit als Lohnarbeit zu begreifen, verliert an Profil. Glaubwürdig ist das nicht, insofern keine Alternativen aufgezeigt werden, wie Lebenssicherung und Kultur anders finanziert werden könnten. Zu unterscheiden von dieser Entgrenzung der Begriffe ist der in mehreren Vorträgen augenfällige Kulturkonservativismus. Der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma beharrt beispielsweise auf der vermeintlich positiven Unfähigkeit der Kunst als Kommunikationsmittel direkter gesellschaftlicher und politischer Inhalte: Kunst als Reservat der Symbolbildung. So ermögliche uns die Symbolisierungsfähigkeit der Kunst Dinge zu erfahren, die man sonst nicht sehen könnte - oder in Anlehnung an die Systemtheorie: sich beim Beobachten selbst zu beobachten. Ein individueller oder gesellschaftlicher Nutzen ergibt sich aber erst aus der weiteren Interpretation der in den Symbolen verankerten Realitätsinterpretationen. So wird es zur Aufgabe des Literaturwissenschaftlers, uns zu erklären, wie die Kunst die Welt sieht. Man befindet sich im Zirkel der kulturellen Elite, die beispielsweise bildungsfähige Hochkunst von Pop zu unterscheiden vermag. Doch der Dirigent Ingo Metzmacher weiss zu stoppen oder stellt zumindest die bremsende Frage: "Ist es selbstverständlich, dass sich die Menschen mit mehr Freizeit automatisch auch mehr mit Kunst beschäftigen?" Nein, wie er selbst anfügt, die Freizeittrends der letzten Jahre gehen eindeutig in andere Richtungen, zum Sport, zur Party und zum PC. Hier kann
dann gleich der Soziologe und Journalist Matthias Greffrath mit seiner
Analyse der Theaterstückes "Shoppen und Ficken" zum Zuge
kommen, denn das "Wahre und Schöne und subtil Geträumte
ist vor allem zum Geldverdienen gut", und, wie ihm kürzlich
der Chef von McKinsey-Deutschland sagte, zur letzten wirklich Arbeitsplätze
versprechenden Wachstumsbranche geworden: Entertainment Industry. Also
doch nur: "Geld ist Zivilisation, Zivilisation ist Geld",
wie es in Shoppen und Ficken heisst. Ansonsten wird nach dem postmodernen
Pillenknick des Großen-Geschichten-Erzählens nur noch partikular
rumgedoktert, kleine Geschichten, für jeden eine. Das macht einsam.
Auf der Ebene eines durch den ökonomisch-technischen Wandel erweiterten
Arbeitsbegriffs und im Hinblick auf eine eher allgemeine Produktion
des menschlichen Handelns - wo sind heutzutage beispielsweise die Grenzen
zwischen Bildung, Weiterbildung und Arbeit ? -, greift Catherine David
ein. Die Chefin der letzten documenta in Kassel spricht gar von einer
Verschmelzung "der Gesten der Kunst mit der allgemeinen Produktion".
So kann nach David die Arbeit der Künstler, Kritiker und Kuratoren
zwar weiterhin als Ausgangspunkt für die Standortbestimmung und
die Konfiguration der "zeitgenössischen Möglichkeiten"
genutzt werden. Aber wo bleibt da die Trennschärfe, wenn sie weitergehend
vorschlägt, in diesem Sinne nicht mehr von Künstlern, sondern
von "zeitgenössischen, ästhetisch tätigen Urhebern"
zu sprechen. Damit wäre das Problem erneut aufgezeigt, nämlich
eine allgemeine Vorstellung von Arbeit einerseits, eine zielgerichtete
ökonomische Produktion andererseits und schließlich eine
sich selbst definierende künstlerische Produktionsweise nicht klar
unterscheiden zu können. An dieser mangelnden Differenzierung leiden
die meisten Vorträge des Buches.
|