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besten Bücher 2003 Olaf Karnik
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Achim Wagner HAVANNA, BUCHMESSEN, SEX UND PEDRO JUAN Vom 07.
- 17. Februar 2002 fand die XI Feria Internacional Del Libro De La
Habana statt. Dem Besucher bot sich ein idyllisches Bild, sobald
er das Gelände betrat, auf dem die Buchmesse stattfand: Untergebracht
waren die Verlagsstände in den Räumlichkeiten eines im 18.
Jahrhundert errichteten Forts, auf einer Anhöhe mit Blick auf die
Seefront Havannas gelegen. Fidel
Castro eröffnete die Buchmesse mit einer fünfstündigen
Ansprache, in der er zwar zurecht darauf hinwies, dass die kubanische
Revolution den Analphabetismus besiegt habe, jedoch blieb er in seinen
Ausführungen beinahe ausschließlich der Vergangenheit verhaftet.
Kein Wort über die Schwierigkeiten, mit denen die kubanischen Verlage
in der Gegenwart zu kämpfen haben. Die Verlagsprogramme sind der
Zensur unterworfen, teilweise werden sie diktiert. Weiter haben die
Verlage mit schweren bürokratischen Hindernissen zu kämpfen,
wollen sie ihr Programm dem so wichtigen Markt in Mittel- und Südamerika
zugänglich machen; zwei Gründe, weshalb sich etliche zeitgenössische
kubanische Autoren zumindest um einen Zweitwohnsitz im Ausland bemühen,
so sie nicht komplett mit dem System brechen, und emigrieren. Ein Schriftsteller, der mehr oder minder mit dem System brach, aber noch auf Kuba, in Havanna, lebt und schreibt, ist Pedro Juan Gutiérrez, Jahrgang 1950. Sein episodenhafter Roman "Schmutzige Havanna Trilogie" erschien 2002 in deutscher Übersetzung im Verlag Hoffmann und Campe, und sorgte - es sei vorweg genommen - zurecht für euphorische Besprechungen in den hiesigen Feuilletons und Kultursendungen. Fesselnd beschreibt Gutiérrez das Leben in der kubanischen Haupstadt während der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme des Ostblocks hat katastrophale Auswirkungen auf die Witschaft der Zuckerrohrinsel. Castro ruft die período especial aus. Pedro Juan (gleichsam Vorname und Alter ego des Autors) verliert seinen Job als Journalist, versucht sein Glück als Müllmann, Schwarzhändler, landet zwischenzeitlich im Gefängnis, lebt von den Einnahmen seiner Gefährtin, die als eine von vielen Prostituierten die Straßen Havannas säumt. An zwei weitere große Bücher fühle ich mich durch diese Lektüre erinnert: 1. "Wem die Stunde schlägt" von Hemingway - ebenso minutiös wie dieser versteht es Gutiérrez wuchtige Bilder in einfache Worte zu kleiden, man erkennt die Sprachschule des Journalisten, und 2. "Der Mann mit der Ledertasche" von Bukowski. Die "Schmutzige Havanna Trilogie" ist aus Sicht des Underdogs geschrieben, da ist kein Platz für Schönfärberei, es geht im besten Sinne zur Sache: "Sex ist nichts für Weichlinge. Sex ist ein Austausch von Flüssigkeiten, Säften, Atem und strengen Gerüchen, Urin, Samen, Scheiße, Schweiß, Mikroben, Bakterien. Oder es ist kein richtiger Sex. Wenn es nur bei Zärtlichkeiten bleibt und ätherischer Spiritualität bleibt, ist es nur eine sterile Parodie dessen, was es sein könnte, also nichts." Pedro Juan fickt und trinkt. Er fickt oft und trinkt viel, in diesem Buch. Zwischen den Zeilen aber, und das ist vielleicht das stärkste Element an diesem Werk, schimmert immer wieder die Poesie im kubanischen Alltagsleben durch. Man beginnt zu verstehen, warum der Ich-Erzähler diese Stadt, dieses Land nicht verlassen will; bei aller Brutalität und Zukunftslosigkeit, von der hier berichtet wird. Gutiérrez beschreibt die Schönheit, den Stolz der kubanischen Frauen, erzählt über die beständige Improvisation, welche die verschiedensten und widersprüchlichsten menschlichen Charakterzüge zum Vorschein bringt. Nach einer sechseinhalbstündigen Zugfahrt, von Köln nach Leipzig, auf dem Weg zur diesjährigen Buchmesse, klappe ich Gutiérrez' Roman zu. Es bleibt das anhaltende Gefühl, ein Stück außergewöhnlicher Literatur gelesen zu haben, wie es viel zu selten in den zeitgenössischen Programmen deutschsprachiger Verlage auffindbar ist. (Pedro Juan Gutiérrez, Schmutzige Havanna Trilogie, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2002.) (Anm.: Der Rezensent ist Verfasser des Buches "Kubanische Tage - ein Roman aus/in Havanna".)
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