Adrian
Kasnitz
SPORT
IST MORD
Bei einer
Paddeltour auf der Mecklenburgischen Seenplatte möchte man nicht
an Todesfälle denken. Sie sind jedoch niemals zufällig, sondern
herbeigeführt durch eine sichere Hand. Man kann es auch eine Kette
von Umständen oder eine Reihe nutzlos vertaner Tage nennen. Wochen
des Schindens. Monate des Drills. Am Ende von alledem soll Erfolg stehen,
das Besteigen des obersten Treppchens, die gehisste Fahne während
eine Blaskapelle die Hymne verhunzt. Dann blitzt die Nation auf und
rasselt der Staat.
Das Einzelschicksal des Sportlers geht selbst auf dem obersten Treppenabsatz
in Höherem auf. Von den leer ausgehenden Konkurrenten und anderen
Verlieren ganz zu schweigen. Das Training ist jedoch nicht leicht erkauft:
die gleiche Disziplin, dasselbe Trainingslager, strenge Ernährungsvorschriften
inmitten einer Familie aus Sportfunktionären, Ärzten und buhlenden
Sportsfreunden gilt für Sieger und Verlierer gleichermaßen.
Die privaten Rückschläge im DDR-Sportmilieu schildern eine
mecklenburgische und eine sachsen-anhaltinische Autorin. Die 28-jährige
Julia Schoch widmet dem Rudersport die Titel gebende Geschichte ihres
Erzählungsbandes (der sonst in den besseren Stücken nach Rumänien
führt). In dem streckenweise schlitternden Roman "Moskauer
Eis" der zehn Jahre älteren Annett Gröschner gilt ein
Kapitel der Jugendspartakiade und dem Schwimmtraining für die 1980er
Olympiade zu Moskau. Ein Kapitel eines Buches, das eine DDR-Biographie
als Kühlzelle entwirft.
Beide Autorinnen suchen die DDR auf. Bei der Älteren ist es noch
die eigene Erfahrung und die Rekonstruktion des (groß)väterlichen
Lebenslaufs. Der väterliche bleibt von staatlich beschränkten
Arbeitsmöglichkeiten als Kühlwissenschaftler und dem Treuhand
verschuldeten Tod (oder Mord?) gerahmt. Die jüngere Schoch kann
das kommunistische Osteuropa nur noch als metaphysische Verbindung zwischen
Menschen, hier Ostdeutschen und Rumänen, aufrufen, die quasi über
einen (post)sozialistischen Background verfügen, selbst wenn auch
diese Verbindung nicht spannungsfrei ist: "Viel zu früh war
es, daß ich mich an meine Kindheit erinnern mußte, als lägen
fünf Staaten und nicht nur einer zwischen uns, als könnte
ich es mir leisten, von einer Kindheit zu träumen, der ich doch
gerade erst entkommen war" (S. 111). Selbst wenn auch hier die
Suche nach den Brüchen im Leben nicht immer überzeugen mag,
ist diese doch um ein Vielfaches interessanter als das, was die westdeutsche
Nutella-Generation zu bieten hat.
Annett
Gröschner: Moskauer Eis. Roman, Aufbau Verlag, Berlin 2002, 288
S. (Taschenbuch)
Julia Schoch: Der Körper des Salamanders. Erzählungen, Piper
Verlag, München 2002, 172 S.