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Kevin Healy,
Shane Hoey,
Alexander Kunz
Verlegung des
Bloomsday 2004
Literaturmanifest
der Stuckisten
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LITERATURMANIFEST
DER STUCKISTEN
Die Stuckisten
sind die einzige Gruppe zeitgenössischer Maler und Autoren in England,
die es geschafft haben, sich überregional zu profilieren und zwar
ohne die Unterstützung von Institutionen, wohlhabenden privaten Förderern
oder der Schleimscheißerei von rückgratlosen Kritikern, von
denen nicht ein einziger die Umsicht besaß, auch nur die Existenz
der Stuckisten zur Kenntnis zu nehmen. Billy Childish, Künstler,
Autor, Musiker und Aufrührer, und Charles Thomson sind Mitbegründer
der Stuckisten und legen hier ihr Manifest zur modernen Literatur vor.
1.
Die Stuckisten sind eine unabhängige Gruppe von Malern und Autoren.
2. Ziel des Stuckismus ist es, das Ende des Postmodernismus herbeizuführen,
die inflationäre Preisstruktur in der Britart zu unterwandern und
eine spirituelle Renaissance in der Kunst, der Literatur und der Gesellschaft
im allgemeinen zu initiieren.
3. Die neue Epoche heißt Re-Modernismus.
4. Wie die meisten Menschen, haben die Stuckisten die Nase voll
von der ungesunden Beschäftigung der Kunst mit Bedeutungslosigkeiten
und manischem Materialismus. Der Stuckismus tritt ganz entschieden für
die Malerei ein, da sie die vitalste Form von bildender Kunst und ein
Gegengift gegen den aktuellen kommerziellen Krebs ist. Der Stuckismus
engagiert sich gleichermaßen stark in der Literatur. 5.
Damien Hirsts Fisch im Aquarium ist eine Mischung aus blöder
Poesie und schlechter Taxidermie, nichts als ein Werbegag und ausgesprochen
nutzlos als Kunst oder Literatur.
6. Die Kritiker halten den Bestseller- oder Flughafen-Roman für
Trash. Die Werke von Pseudo-Intellektuellen sind dagegen bei den Kritikern
sehr beliebt, wir halten sie aber für noch schlimmeren Trash.
7. Postmoderne Literatur ist feige und reizlos, weil Dreck eher
langweilig als bemerkenswert ist.
8. Der "Cappuccino Writer", z.B. Will Self, Martin Amis und Ian
McEwan, so genannt wegen ihrer Vorliebe für Cappuccino im Gegensatz
zu Tee oder Kaffee, sind der Inbegriff der gegenwärtigen Schwülstigkeit.
Ihre Literatur ist sich auf schmerzhafte Weise ihrer selbst bewußt,
ihr Stil künstlich und beleidigend selbst für eine durchschnittliche
Intelligenz und ihre Sprache ist flach. Wir raten allen, sie nicht zu
lesen.
9. Der Cappuccino Writer ist kein Außenseiter.
10. Es ist erbärmlich anzusehen, wie sich wohlhabende und
gefeierte mainstream Autoren als Märtyrer des Undergrounds ausgeben.
11. Existenzialismus war immer schon fade, auch als er noch neu
war.
12. Das Erwähnen von Arschfickereien macht den Cappuccino
Writer weder gefährlich noch zum Popstar. Autoren sollten gewarnt
sein, daß die meisten Frauen in Situationen des wirklichen Lebens
nicht automatisch auf Analsex bestehen.
13. Charakteristisch für den Cappuccino Writer ist, daß
er Intimität im Stil der stinkenden und taktlosen Phantasie eines
12jährigen Internatsschülers beschreibt.
14. Autoren, die eine modische Haltung einnehmen wollten, werden
immer durch die Grenzen und die Gespreiztheiten, die diese Mode ausmachen,
behindert werden. Das gilt in gleicher Weise für Underground- oder
Kultmoden, wie für die gemäßigteren Spielarten. Wahre Literatur
ist ein Zerfleddern solcher Beschränkungen, nicht das sich ihnen
Anpassen, wie wir es bei den erbärmlichen Schaumschlägern aus
der Drogenkultur in England beobachten.
15. Das Suhlen in schlappem Sex, Shopping, Drogen und coolen, nihilistischen
Posen macht das Ausweichen vor dem eigenen Selbst und echten Gefühlen
leicht. Leben und Tiefe beginnen dort wo jene aufhören.
16. Der Cappuccino Writer ist betrübt, weil er nicht den gleichen
Status bei den Medien hat wie sein Pendant in der Britart. Er gibt vor,
ein bißchen gefährlich und ein bißchen wagemutig zu sein,
aber die größte Gefahr, die der Cappuccino Writer eingeht ist,
nicht zu den richtigen Parties eingeladen zu werden.
17. Eines der schlimmsten Dinge, die ein Autor tun kann, ist sich
selbst während des Schreibens als Autor zu entwerfen. Die beste Literatur
wird von Menschen geschrieben. Außerdem welcher Idiot wollte etwas
anderes sein als ein Mensch? (das gilt ganz besonders für Dichter
und Dichterinnen).
18. Bei näherem Hinsehen scheint es in der zeitgenössischen
Literatur weniger Probleme als in der zeitgenössischen bildenden
Kunst zu geben, aber beide haben das Problem, daß sie spirituell
bankrott sind. Außer der Lyrik, die im allgemeinen das Problem hat
ausgesprochen langweilig zu sein.
20. Was macht große Literatur aus? Einerseits Verständlichkeit
und die Bereitschaft des Autors zu glauben, daß der Leser nicht vollkommen
unter seiner Würde ist. Zweitens der Wille etwas zu schreiben, das
es wert ist, verstanden zu werden. Das macht große Literatur groß.
21. Bedeutsame Literatur ist subjektiv.
22. Objektivität braucht nur der Autor, um sich selbst in
der eigenen Subjektivität betrachten zu können und ein Abgleiten
in Selbstvergessenheit zu verhindern. Und schließlich auch, um einem
einsamen und elenden Tod in Hastings zu entgehen.
23. Der Autor muß mutig und mitfühlend sein.
24. Das reflexhafte Rekurrieren der Postmoderne auf eine Haltung
der Unverletztbarkeit macht Gefühle blutleer. Wenn man das Leben
nicht leidenschaftlicher erlebt nachdem man ein Stück Literatur gelesen
hat, dann ist diese Literatur ein bedauernswerter Fehlschlag. Hat man
das Gefühl, die eigene Seele sei entleert nach der Lektüre eines
Textes, kann man sicher sein, daß der Autor in der South Bank Show
auftreten wird.
25. Manchmal führt grausame Wahrheit in der Literatur dazu,
daß sich der Leser vor Entsetzen betäubt fühlt: das ist
die Befreiung der Seele von den Verkrustungen der Selbstgefälligkeit.
Das ist gute Literatur. Sie kommt in der South Bank Show nicht vor.
Als Ehrenmitglieder
der Stuckisten werden vorgeschlagen: Nikolai Gogol, Fjodor Dostojewski,
Mark Twain, Herman Melville, Knut Hamsun, John Fante
website:
www. stuckism.com
Billy Childish
und Charles Thomson 5. 5. 2000
(Aus dem Englischen von Conny Lösch)
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