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Stan
Lafleur
Belgiernachschlag
HEL
Olaf Karnik
About Multitude
Interview mit Michael Hardt
Benedikt Geulen
Das Phänomen Houellebecq
Alexander Kunz
Katja Kunz
Der Supposé-Verlag:
Das Projekt Anti-Hörbuch
Kevin Healy
Eine durchaus kompakte
Einführung in die irische Literatur
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Alexander
Kunz:
DER SUPPOSÉ-VERLAG: DAS PROJEKT ANTI-HÖRBUCH
Warum sogenannte
Hörbücher momentan einen Boom erleben, ist eine Frage, die Klaus
Sander und seinen Supposé-Verlag erst mal nicht betreffen. Denn
bei genauerem Hören der Veröffentlichungen ist das Abgrenzungskriterium
offensichtlich. D.h. hier ist nicht ein weiterer Verlag, der vorgelesene
Bücher präsentiert, eine langweilige und zugleich bequeme Angelegenheit,
bei der der Hörer eigentlich auch nur dann auf seine Kosten kommt,
wenn der Text gut rezitiert wird und das können oft die Autoren selbst
am wenigsten.
Die Stimme, der Vortrag, der Kampf zwischen gesprochener Sprache und Schrift,
ein Kampf, der letztendlich jeden Hörbuchverlag tangieren müßte.
Dies ist aber nicht der Fall, weil eben Hör-Verlage die bequeme Tour
fahren: kann der Schriftsteller seine eigenen Texte nicht annehmbar in
die richtige Tonlage bringen, muß ein Schauspieler her, am besten
einer vom theatralischen Format eines Oskar Werner oder Bruno Ganz. Nun
gut, das sind also die 1:1-Übertragungen von Buch zu Tonträger,
die Intonation ändert daran nicht viel, eher im Gegenteil, sie versucht
noch den letzten Rest an subjektiver Erfahrung des Lesenden ins Hörbare
zu transportieren, indem die Theatralik des Rezitierenden, Emotionen jedweder
Art wiederzugeben versucht. Wäre da nicht mal langsam eine Geste
nötig, so in Richtung Straub/Huillet, also allerkärgste monotone
Textwiedergabe am besten noch von Laien gesprochen?Vielleicht, ist aber
nicht so nötig, wenn es Verlage wie den von Klaus Sander gibt. Da
sind wirklich Stimmen drin, keine künstlichen, sondern der authentischste,
aristotelische Ausdruck der ureigenen Stimme.
Klaus Sander erzählte uns, welche Vorüberlegungen zur Gründung
dieses Verlages führten. Am Anfang war da nämlich wer
hätte es gedacht? - das Wort. Genauer das von Villem Flusser. Klaus
Sander kannte ihn damals Ende der 80er, genauso wie Kittler, aus seiner
Studienzeit, die in Köln und Bochum stattfand. Ende der 80er, als
die Diskurse aufeinanderprallten, aber vor allem als die Liebe zu den
Diskursen ihren Höhepunkt fand (war auch damals gerade hier in Köln
gut mitzubekommen). Kittler war ja bekannt für seine Vorlesungen,
aber wohl vor allem, weil da immer der Souverän vorne am Pult saß,
der mit dem Anzünden einer Zigarette seiner Jüngerschaft signalisierte,
daß sie jetzt auch rauchen darf. Hab´s leider nie selbst miterlebt.
Flusser war aber entscheidend und seine Vorträge/seine Stimme sind
heute so was wie der Blueprint des Verlages. Klaus Sander nannte dieses
Initiationserlebnis, Flusser zu hören, auch, negativ gewendet, das
Spüren eines Mangels: Warum keine Tondokumente von Flusser? Es wurde
auf jeden Fall Zeit für Veröffentlichungen dieser Art, eben
weil das gesprochene Wort bei Flusser den Text erweitert um ein ganz eigenes
Medium.
Die Stimme als anderes Transportmedium. Oder auch als Instrument, dies
wird deutlich bei allen Veröffentlichungen aus dem Supposé-Verlag.
Hier, bei Flusser, Cioran oder Heinz von Foerster, unbearbeitet, rein
als aufgenommene rohe Sprache, die aber ihren Effekt erzielt durch Eigenheit,
durch Andersartigkeit und Performanz, dort, bei Oswald Wiener, Jannis
Kounellis, der Agentur Bilwet und auch wieder Cioran durch die Bearbeitung
mittels Musik. So durften wir leider nur aus zweiter Hand erfahren, wie
toll doch die Veranstaltung mit Oswald Wiener im Kölner Mediapark
gewesen sein muß, zu der auch so manche Lichtgestalt der Kölner
Elektronik- und A-Musik-Szene eingeladen war. Nicht nur weil dieses Meeting/diese
Party eines der schönsten Produkte des Verlages hervorbrachte, eine
dada-artig wirkende Hommage-CD zu Wieners 65. Geburtstag, bei der Wieners
Postulat vom keine-Angst-vor-Peinlichkeiten" schön zur
Geltung kommt. Nein, sondern auch, weil Rückkoppelungseffekte vor
und nach der Veranstaltung zeigten, daß sich moderne Musik und Theorie
(von Veteranen wie Wiener) treffen können, vorher durch Interesse
an dem was passiert bei den Musikern, nachher weil sich neue Horizonte
eröffnen, konkret hier vor Ort, in Köln. Der Überdruß
an Elektronik, der einem in Köln jetzt so nach 2-3 Jahren überkommt,
ist dann für einen Moment wieder weg und man findet das wieder toll.
Mir hat Thomas Brinkmanns Bearbeitung eines Interviewes mit Jannis Kounellis
wirklich Spaß gemacht, mit seinen reinen Musik-Sachen konnte ich
nie so viel anfangen (und ebenso wenig mit Kounellis´ Arte Povera).
Cut-Ups, Loops, Repeat-Taste-drücken, Überlagerungen.
Ähnlich
bei musikalischen Beiträgen zur Wiener-Hommage-CD, Mouse On Mars
gefallen wieder (trotz permanentem Hype) und Wolfgang Müller (Tödliche
Doris) nervt auch nicht. Der zweite Effekt ist nicht minder schön,
vor allem weil unvorhergesehen: daß nämlich Elektroflokati-Teens
über den Umweg Kölner Elektronik in die wunderbare Welt der
Philosophie eingeweiht werden, die kaufen dann neben der neuen Mouse on
Mars gleich die Vorträge von Heinz von Foerster (2x2 = grün)
mit.
Was im Interview so nicht explizit gesagt wurde, worüber aber stillschweigendes
Einverständnis herrschte: die Leute sollen das Sich-Anstrengen nicht
verlernen. Und damit nicht den Erkenntnisgewinn verlieren. Bio-Politics,
Quantentheorie und Neo-Darwinismus schön und gut, aber bitte schaut
doch demnächst auch mal wieder bei Theweleit rein, der hat zum Thema
RAF sicher Erhellenders zu bieten als sagen wir der Roman von Leander
Scholz Rosenfest". Und bei E.M. Cioran muß man auch nicht
zwingend depressiv und selbstmordgefährdet werden, Klaus Sander meinte
vielmehr, die springende Hektik seiner Rede wäre eine echte Überraschung
gewesen , ist man doch eher Mega-Düsternis seiner Aphorismen gewohnt.
Desweiteren hat Klaus Sander vor in den schier unerschöpflichen Hubert
Fichte-Archiven zu kramen, was auch mehr als begrüßenswert
ist, zumal eine Wiederentdeckung des großen Ethnologen und großen
Schwulen der deutschen Literatur längst fällig ist, erst Recht,
wenn junge Talente wie Michael Roes, aber eben auch die Hamburger Pudels-Club-Leute
mit ihren Werken Fichte ihre Reverenz erweisen. Aufregend und extratrocken
zugleich hört sich das geplante Projekt von Oswald Wiener an. Der
nämlich wohnt mit seiner Frau immer mal wieder in den Wäldern
von Kanada (?/oder war´s Alaska?) und verfolgt dort schon seit einiger
Zeit die Gesänge der Schlittenhunde und diese wir es dann auch bald
auf CD geben. Es bleibt dem Leser/Hörer überlassen, ob er sich
nun eher an die Gesänge der Wale" erinnert oder eher an
Wolfgang Müllers BAT"-LP, da waren dann gut 40 Minuten
Fledermäuse zu hören. Was wir nicht wußten, war das Wolfgang
Müller auch die Ursonate" von Kurt Schwitters als Cover-Version
von Staren aus dem Vorgarten hat einspielen lassen. Der DuMont-Verlag
rief angeblich kurz danach an und wollte Tantiemen, worauf Müller
wohl meinte, sie sollten sich doch bitte an die Stare wenden.
Ich bin jetzt doch wieder wo anders gelandet, bei anarchischem Humor und
bei kuriosen Ideen, vielleicht ist dies aber der gemeinsame Nenner der
bei Supposé vertretenen Autoren, eine Gemeinsamkeit, die mir Klaus
Sander nicht nennen konnte.
Alexander
Kunz
Die
CDs des Supposé-Verlages
2 : 3
/ Oswald Wiener zum 65. Geburtstag
Eine
Hommage-CD der besonderen Art. Hier geben sich Musiker, Künstler
und Dichter ein Stelldichein, bei der die Prämisse des Keine
Angst vor Peinlichkeiten" herrscht. Teils in musikalischer, teils
in vortragender, am Text orientierter Form. Wenn ich den Grundgedanken
verstanden habe, wird hier der Versuch unternommen, Oswald Wieners Gedanken
in die dem interpretierenden Künstler je eigene Art umzusetzen, wodurch
ein Katalog möglicher Interpretationen entsteht. Das Ergebnis reicht
von Folkloristischem (Attersee, Mario Subassis, Rolf Graf) über Krach
(Mouse On Mars, Nihilist Spasm Band) und typischen Wiener Schule-Produkten
(Gerhard Rühm, H.C. Artmann, Ingrid Wiener/Valie Export) bis hin
zu eher akademisch orientierten Vorträgen (Ira G. Wool, Hubert Fichte,
Franz Josef Czernin). Die ganz intimen Ehrerbietungen fehlen freilich
auch nicht (Michel Würthle, Wolfgang Müller, Thomas Brinkmann/Marcus
Schmickler, Rosa Pock).
BST
Viosilence
Endlich das seit ca. 30 Jahren bestehende Free Jazz-Ensemble von Klaus
Theweleit auf Tonträger. Hier: kein Wort, nur Musik. Hat was leicht
verstaubtes, so wie heute das Revolutionary Ensemble hören. Oder
AMM. Aber dennoch radikal gut.
Hubert
Fichte St. Pauli Interviews"
Wichtig: diese CD nachmittags hören, durchaus auch zu Beschäftigungen
wie Aufräumen, Hausputz u.ä., keinesfalls abends als Äquivalent
zum guten Buch" benutzen, denn diese Aufnahme hat Feature-Charakter.
Hier sind Interviews mit Beteiligten des Hamburger Stricher-Millieus der
60er Jahre versammelt, mal tieftraurig, mal eher erheiternd wie bei dem
Proust-Fragebogen-Test mit Wolli, der später dann Protagonist von
Fichtes Wolli Indienfahrer" wurde. Die Themenbreite ist enorm:
Angefangen bei ökonomischen Grundlagen des Puffbetriebes, über
eher Dandyistisches wie das Kultivieren der Langeweile" (im
Hintergrund läuft Miles Davis in seiner Cool Jazz-Phase) werden auch
existentielle Fragen über Angst", Kinderkriegen",
Schamgefühl" beantwortet. Highlight sind die supercoolen
Antworten der Hure Sandra.
Ester
Brinkmann Der Übersetzer Il Traduttore"
Der Kölner Techno-Künstler und Dekonstruktivist Thomas Brinkmann
bearbeitet ein Interview mit dem Arte Povera-Künstler Jannis Kounellis,
ein Unternehmen, welches indutrial-krachig mit etlichen cuts und Störgeräuschen
beginnt und ganz langsam in den minimal techno-Sektor hinübergleitet.
Ich höre die CD jetzt zum dritten Mal und verfalle wieder voll dem
Sound, also auch dem Sound der Stimme, sei es der von Kounellis, sei es
der des Übersetzers Edward Winklhofer. Meine Vermutung: der Einstieg
in die Welt des Künstlers Kounellis gelingt vielleicht erst beim
nächsten Mal, vielleicht aber auch erst, wenn die CD zum zehnten
Mal gehört wurde, dann aber auf eine intensivere Art, als sagen wir
ein gut geschriebener Beitrag in Texte zur Kunst".
Gotthart
Günther Lebenslinien der Subjektivität Kybernetische
Reflexionen":
Sich
hinzusetzen und Gotthart Günther zuzuhören vermittelt eine intime
Atmosphäre, fast so als würde er gerade zu einem persönlich
sprechen, auch wenn die Aufnahme des Vortrags Transzendentalphilosophische
Grundlagen der Kybernetik" aufgrund der Tonqualität und der
Art und Weise Günthers Ausdrucks eindeutig in den 60er Jahren zu
datieren ist. Die durch die Stimme vermittelte Nähe" ist
im Falle Günthers aber schnell dahin, wenn man, wie ich, nichts von
Transzendentalphilosophie versteht, und man beim Hören eben doch
alleine bleibt mit dem Wort. Weder kann man Rückfragen stellen noch
sich mit Anmerkungen, etc. wie beim Lesen kleine Hilfen bauen. Natürlich
kann man den Vortrag ständig unterbrechen oder bestimmte Stellen
ständig wiederholt hören, doch (ordentlich erzogen) lässt
man meist den Sprecher erst zu Ende reden. Beruhigend ist von Heinz von
Foerster über Gotthart Günther (1989) zu erfahren, dass Günther
schon früher als derjenige galt, den niemand verstand. So ging es
mir, auch bei den folgenden Aufnahmen Ontologische Überlegungen
zu einer Theorie der Subjektivität und des Dialogs" und Todeslinien"
(beide 1984) - aber für Andere ist diese CD sicher eine Bereicherung.Zum
Inhalt also nur soviel: Günther fordert ernst die deutsche Wissenschaft
auf, die Formalisierung Hegels weiterzuführen, damit der deutschen
Wirtschaft nicht große finanzielle Verluste durch das Nicht-Wahrnehmen
von Kybernetik-Lizenzgebühren drohen. Günther ist vielleicht
aktueller als viele so glauben.
Agentur
Bilwet 1000 Fehler":
Keine
Theorie, sondern eine Theoriepraxis bietet Geert Lovink in sieben gesprochenen
Fragmenten medientheoretischer Kritik. Die Texte sind gemeinsam von der
Agentur Bilwet oder zu zweit, von Geert Lovink und Pit Schultz geschrieben
worden. Dieses Medienverfahren bildet so etwas wie eine third mind",
d. h. gemeinsam wird bei den Autoren wie bei den Rezipienten etwas ganz
anderes produziert als jeder für sich selbst produziert. Der Eindruck,
dass es sich hier um eine Form von Gedankenexperimenten handelt wird dadurch
verstärkt, dass die Audio-CD (abgesehen von den vier englisch gesprochenen
Tracks) mit elektronischen Improvisationen der Kölner Brüsseler
Platz 10a-Musik abgemischt ist. Dieses Arrangement hinterlässt sowohl
auf inhaltlicher wie auf auditiver Ebene einen nicht gerade beruhigenden
Eindruck hinsichtlich unserer schönen, neuen Netzwelt, bleibt aber,
glücklicherweise, fern jeden Kulturpessimismus wie man ihn z. B.
bei Virilio an verschiedenen Stellen findet.Zusätzlich noch mal vier
Tracks auf Englisch.
neue cds:
hubert fichte: gott ist ein mathematiker
paul feyerabend: stories from paolino's tapes
klaus theweleit: das raf-gespenst
klaus theweleit: ekstasen der zeitenmischung
berger/schaeffer/theweleit: viosilence
supposé
verlag + label
kleiner griechenmarkt 28-30
50676 köln
germany
tel ++49.221.66079-06
fax ++49.221.66079-07
(Katja Kunz/Alexander
Kunz)
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