Stan
Lafleur (Autor der Rheinischen Brigade)
JÜRGEN
TEIPEL: VERSCHWENDE DEINE JUGEND
1987 zog
ich nach dem Abitur von Karlsruhe nach Düsseldorf und hörte
dort erstmals krude Geschichten über Bands wie Plan, S.Y.P.H.,
KFC oder Minus Delta t. In Karlsruhe, wo sich Nachrichten über
interessante Begebenheiten in der Regel bereits zwei bis fünf Jahre
nach Erscheinen herumsprachen, hatten bis dato nicht einmal die Punkmusiker
von ihren Wegbereitern gehört.
Kaum war ich in Düsseldorf angekommen, schlossen zwei legendäre
Punkläden, das Okie Dokie in Neuss und der Ratinger Hof in der
Altstadt, ihre Pforten - deutliche Zeichen, dass eine Ära vorüber
war. Dennoch gab es fortan immer wieder Revival-Abende, die Toten Hosen
traten dabei unter Decknamen auf, was insofern witzlos war, als sich
das Gerücht in Windeseile durch die gesamte Region verbreitete
und diese Konzerte stets binnen kürzester Zeit ausverkauft waren.
In der Stadt rankten sich zahlreiche Legenden um die alten Helden. Verrückte,
witzige und auch traurige Geschichten. Der Geist von 77 wurde von den
zehn Jahre Jüngeren konsumiert, hoch gehalten und gleichzeitig
verspielte die Generation X weitgehend ihre eigenen Möglichkeiten:
Es gab eine breite, unbeachtete Szene von experimentellen Musikern und
Bands, die sich nicht so recht aus den Fußstapfen ihrer Vorgänger
lösen konnte.
Vor ein paar Monaten legte nun Jürgen Teipel mit "Verschwende
Deine Jugend" die längst überfällige Doku über
die Anfangsjahre von Punk und New Wave in Deutschland, hier besonders
Düsseldorf, Berlin und Hamburg, vor. Sein geschicktes Patchwork
aus Interviewsequenzen enthält meist klare, manchmal erschreckend
hirnrissige, dann wieder ziemlich originelle Statements der Punkrocker,
Punk-Avantgardisten und Spaßpunker der ersten Stunde. Teipels
Trick, die unterschiedlichsten Stimmen gegeneinander zu stellen, geht
voll auf. Die Schnitttechnik erzeugt Reibung, enthält sich jeden
Kommentars. Teipel verwendet nur Antworten, Fragen tauchen im Text nicht
auf. Die rückblickenden Äußerungen der Protagonisten
entfalten dadurch ein stimmiges, weil kontroverses Sittenbild des Punk.
Gewalt(fantasien), Kunst-Bestreben, Straightness und Hängertum,
sowie die dazu passenden Drogen(geschichten) - alles wird miteinander
verquirlt, gleichzeitig gegeneinander abgesetzt. Diese Art der Wortplastik
vermittelt ein Gefühl, als sei man selbst mittendrin im rekapitulierten
Geschehen.
Besonders interessant zu sehen ist, wie Leute, die Ende der 70er gegen
das nach wie vor bestehende Hippietum auf der einen, das bürgerliche
Establishment auf der anderen Seite aufbegehrten, vollkommen banal erklären,
was sie damals dazu veranlasst hat. Thomas Schwebel: "In Solingen
wird man entweder Alkoholiker oder man zieht weg. In den 70ern gab es
da nichts." In anderen Sätzen manifestiert sich die Schwäche
von Punk als Gesellschaftsutopie. "Etwas" den herrschenden
Zuständen entgegensetzen: Aber ja! Nur was das genau sein sollte,
darüber wurden sich die verschiedenen Protagonisten nie so richtig
einig. Eine frische Alternativ-Szene explodierte nach englischem Vorbild
mitten in die deutsche Langeweile, um dann, wie in solchen Fällen
üblich, an den Grenzen des Erfolgs auszufasern und nach und nach
zu verpuffen.
Die chronologische Ordnung (Sommer 76 bis heute) läßt kaum
Fragen nach der Entwicklungsgeschichte offen. Teipel hat gründlich
recherchiert. Mit "Verschwende Deine Jugend" versteht er,
eine Zeit wieder aufleben zu lassen, die viele Anstöße beinhaltet,
wie eine Kulturrevolution heuer aussehen könnte. Und ebenso wichtig:
Wie besser nicht.
Jürgen
Teipel: Verschwende Deine Jugend (Suhrkamp Taschenbuch 3271)
Weitere
Informationen zu "Verschwende Deine Jugend" unter:
www.gesellschaftsinseln.de