Isabella
Löhr
GILBERT
ADAIR
DER TOD DES AUTORS
Der
Tod des Autors
Nie ist der Autor lebendiger als in dem Moment, in dem seine Erzählung
zu einem Rätsel über seine eigene Präsenz und Absenz
im Text wird, das nicht vollends auflösbar scheint. Die Rede über
den Tod des Autors ist spätestens seit den 60er Jahren mit dem
gleichnamigen und berühmten Aufsatz von Roland Barthes zu einem
geflügelten Wort geworden, das sich nicht nur in der Literaturtheorie
reger Aufmerksamkeit erfreut, sondern auch in der Philosophie und Psychoanalyse
von Autoren wie Julia Kristeva, Michel Foucault, Jean Paul Sartre und
anderen vielfach aufgenommenen wurde. Es ist kein Zufall, dass alle
Autoren, die sich bei Fragen der Textinterpretation für eine Abwertung
der Autorfigur zugunsten der Eigenständigkeit des Textes einsetzten,
dem französischsprachigem Ausbildungssystem entspringen. Die Vehemenz
und Leidenschaft, mit der beispielsweise Roland Barthes für den
Text eintritt und den Autor als mögliche interpretationsleitende
Kategorie unbedingt abweist, wird verständlich, wenn man erwägt,
dass bis in die 60er Jahre hinein in französischen Schulen und
Universitäten das Lesen von Texten einzig aus einem geradezu vorbildhaft
hermeneutischem Nachspüren und Aufdecken DER Autorintention bestand,
die zum obersten Primat jeden Textverständnisses erklärt wurde.
Versuchten französische Intellektuelle hier mit Hilfe von Strukturalismus,
Dekonstruktion und Diskursanalyse in den 60er und 70er Jahren den Nachweis
zu erbringen, dass eine solche Engführung der Textlektüre
nur auf Irrewege führen kann, wurde die gleiche Diskussion in Deutschland
mit weit weniger Schärfe aufgenommen, da die Hermeneutik seit der
Kritik des Historismus in den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts
schon länger ihre Position als Mastertheorie eingebüßt
hatte und sich als ein Theorieansatz unter Andere einreihte.
Eine neue Qualität gewann die Diskussion um Rolle und Bedeutung
von Autoren, Lesern und Texten mit der Erfindung neuer Kommunikationsmöglichkeiten
Anfang der 90er Jahre, da nun einerseits der sich über Hyperlink
selbst schreibende und seinen Schreiber vergessende Text und andererseits
die Aussicht auf ein kulturelles Hypergedächtnis in Memex und Xanadu
den Autor tatsächlich abzulösen schienen. Vor diesem Hintergrund
weckt ein Roman mit dem Titel "Der Tod des Autors" eine Neugier
mit noch unbestimmten Ausgang: Erwartet wird eine Geschichte, die, wenn
sie nicht ganz einfältig sein will, unbedingt diese schon lange
andauernden Auseinandersetzungen über Rolle und Bedeutung des Autors
für einen Text einbeziehen muss. Zugleich wirkt aber genau diese
Aussicht auf einen Theorie reflektierenden Roman auf jede allzu freudige
Erwartung einer klugen und spitzfindigen Lektüre dämpfend.
Mit anderen Worten: Kann man einen Roman über eine bekannte, in
diesem Fall auch noch selbstreflexive Theoriedebatte schreiben, ohne
in simple Analogien und Veranschaulichungen zu fallen?
Gilbert Adair kann es, jedoch nur um den Preis einer undurchsichtigen
Beziehung zwischen Autor und Text, die den Leser von vornherein aus
der Arena auf den Zuschauerrang verweist und die sich nicht des Verdachtes
erwehren kann, schelmisch den Zeigefinger zu schwenken, um darauf hinzuweisen,
dass das ganze Theorie-Gerede über das Dreieck von Autor, Text
und Leser ein wenig zu viel des Guten bedeutet.
Autobiographie
eines Autors - verfasst nach seinem Tode
Ein Ich-Erzähler berichtet über ein Treffen mit einer jungen
Frau, die ihm irgendetwas vorschlägt, bei dem sie sicher davon
ausgeht, dass der Ich-Erzähler es ablehnen wird, er jedoch schon
seit Jahren wartete, dass jemand ihm genau diesen Vorschlag unterbreitet
und zum Erstaunen der Frau sofort einwilligt, jedoch nicht ohne dass
der Leser sofort über seine Zweifel und Skepsis gegenüber
dem Vorhaben erfährt. Der Textabschnitt endet mit dem Ich-Erzähler,
der sich an seinen Computer setzt und einen Text verfasst, der aus den
"vier Seiten [besteht], die Du Leser, soeben gelesen hast".
Leopold Sfax, der Erzähler, fährt mit einem Lebensbericht
über seinen Weg aus dem kriegsgeplagten Paris fort, dass er 1945
in Richtung USA verlässt, wo er nach und nach zu einem bekannten
Literaturkritiker und -professor aufsteigt und schließlich mit
seiner immer nur als die Theorie' bezeichneten Theorie über
das bedeutungsleere Eigenleben von Texten und den damit einhergehenden
Tod des Autors zum wichtigsten und umstrittensten Literaturtheoretiker
der USA wird. Diese Lebensgeschichte endet mit der im Wortlaut identischen
Anfangsepisode der ihn um etwas bittenden jungen Frau, die im Verlauf
der vorangestellten Geschichte als Doktorandin seines Kollegen eingeführt
wurde, die immer mehr der Theorie und Person des Leopold Sfax anheim
fällt. Nur sind es nun nicht mehr vier Seiten, die Sfax am Ende
der Episode zu schreiben beginnt und die der direkt von Sfax angesprochene
Leser gerade gelesen hat, sondern 47.
Der folgende Abschnitt beginnt mit einer Beichte an den Leser, die die
beiden vorhergehenden Versionen der Geschichte des Ich-Erzählers
um eine dritte, umfassende Version ergänzen: Die vorhergehende
Lebenserzählung war eine Lüge. Und, so fährt er fort,
größtenteils ist alles, was er auf Englisch verfasst ein
lügenhafter Versuch seiner Vergangenheit zu entkommen, sie nichtig
zu machen oder sie umzuschreiben. Sfax ist aus Paris ausgewandert, weil
er dort als junger Mann Anfang zwanzig unter dem Pseudonym "Hermes"
eine Unmenge die Nazis hochlobender Zeitungsartikel verfasste. Vor lauter
Sorge im Paris der Nachkriegszeit mit Hermes identifiziert zu werden,
bricht er in die USA auf, nicht ohne eine lange Rede über seine
Sympathie mit der Résistance, deren Lob und Unterstützung
eigentlicher Inhalt seiner Texte gewesen sei. Nur da er seine Bewunderung
für den Widerstand nicht habe explizit aussprechen können
ohne schwerwiegende Konsequenzen fürchten zu müssen, habe
er unter dem Deckmantel einer ungebremsten Sympathie zu den Nationalsozialisten
seine Kritik spitzfindig verborgen, so dass alle seine kollaborierenden
Zeitungsartikel von einer grundsätzlichen Zweideutigkeit durchzogen
gewesen seien, die unter den gegebenen politischen Umständen nur
leider schwer erkenntlich gewesen sei, dennoch aber unbedingt gegenwärtig
war. Vor diesem Hintergrund erklärt er seine Karriere als Literaturwissenschaftler,
seine vehementen theoretischen Bemühungen den Autor vom Text abzuschneiden
mit dem innigen Wunsch, sich seiner Vergangenheit, der kollaborierenden
Artikel zu entledigen und sie für sein Leben in den USA als erfolgreicher
Literaturtheoretiker für immer loszuwerden. Sfax erzählt die
Geschichte seiner Karriere noch einmal. Nur anstelle des vorher nonchalanten
Tons selbstgewissen, sich bedeckt haltenden Erfolges tritt Angst um
Entdeckung, strategische Doppelbödigkeit und das permanente Gefühl
des Eigenverrates. Die Episode der in sein Büro tretenden jungen
Frau ist nun inmitten des Textes. Die Frau möchte nichts anderes
als seine Biographie schreiben. Er willigt ein in der Hoffnung, damit
die "Flucht nach vorn" anzutreten und ihren Nachforschungen
über seine Pariser Jugendzeit zu entkommen. In diesem dritten Anlauf
der Erzählung tritt Astrid Hunnecker, die junge Frau als eigenständige
Figur in den Roman. War der Roman bis dahin eine mehr oder weniger gelehrte,
müßig geschriebene literaturtheoretische und mit dem Leser
über die Frage der Autorschaft Katz und Maus spielende Abhandlung,
so wandelt sich die dritte Erzählung zu einem Kriminalroman, der
ganz der Versessenheit von Astrid Hunnecker für Kriminalgeschichten
gerecht wird: Es sterben einige Menschen, darunter die designierte Biographin
selbst, und schließlich der Autor, der von seinem eigenen Schüler
in konsequenter Anwendung seiner eigenen Theorie vom Tod des Autors
erschossen wird. Trotz des nun toten Ich-Erzählers fährt dieser
ganz im Duktus eines allwissenden Erzählers mit dem Roman fort
- Leopold Sfax erzählt dem Leser über seine eigene Ermordung,
die nachfolgenden polizeilichen Ermittlungen und schließlich über
die Debatten um seine Biographie und um seinen Tod, die in der literaturwissenschaftlich
interessierten Öffentlichkeit und unter seinen Kollegen ausbrechen.
Wie
konstruiere ich eine literarische Fiktion?
Kann ein Ich-Erzähler einen Roman über eine hitzige Theoriedebatte
schreiben, wenn genau diese Debatte nichts mehr wünscht, als die
Assoziation des Ich-Erzählers mit der tatsächlich lebenden
Person des den Text schreibenden Autors zu zerbrechen und die Vorstellung
eines Autors, der den Textzusammenhalt über das Schreiben überhaupt
erst stiftet, aufzulösen?
Adair nimmt von Beginn an die Frage nach der Rolle und Bedeutung eines
Autors für den Text in seinen Roman auf, indem er sich explizit
an den Leser des Buches wendet, diesen im Stil eines klassischen Verfremdungs-Effektes
anspricht und damit scheinbar so etwas wie literarische Fiktion aufbricht.
Aber eben nur scheinbar. Denn das zentrale Thema aller autorkritischen
Theorien, die Autorperson und ihr Stellenwert für die Analyse eines
Textes, bleibt von Adair unangetastet: Der Roman verbirgt seinen Autor
nicht hinter seinen scheinbar kritischen Attributen an die weltweite
Rezeption der Theorien vom Tod des Autors, sondern er spielt vielmehr
den Autor gegen den Leser aus. Dies geschieht durch die dreiteilige
Gliederung des Romans, in der der Leser viele Andeutungen, aber nur
schrittweise Information erhält und entsprechend schleppend die
erzählte Geschichte zu verstehen beginnt. Ganz ähnlich funktionieren
die regelmäßigen Ansprachen des Ich-Erzählers an den
Leser: Dieser wird immer nur angesprochen, um ihm mitzuteilen, dass
es der Erzähler ist, der letztlich als einziger den Blick vor und
hinter die Kulissen hat und dass dem Leser, will er auch mehr wissen,
nichts anderes bleibt als weiterzulesen. In diesem Akt scheinbarer Verfremdung
vollzieht Adair eine doppelte Aufrechterhaltung der literarischen Fiktion:
Erstens liefert er den Leser dem Autor aus, weil der Leser bis weit
in den Roman hinein nur mit Teilinformationen ausgestattet ist und auf
die erzählerischen und kompositorischen Fähigkeiten des Autors,
den Roman sinnvoll zu Ende führen zu können, vertrauen muss.
Damit bekräftigt er zweitens die literarische Fiktion, indem er
trotz ihrer Offenlegung den Leser der Erzählführung des Autors
aussetzt. Das heißt, wir wissen zwar um den fiktionalen Charakter
von Literatur, aber das hält nicht davon ab Geschichten zu erzählen,
die dem Leser immer einen Schritt vorauseilen und ihm etwas vorenthalten.
Den Leser, den die autorkritischen Theorien als mit mehr Umsicht und
Rezeptionsfähigkeit ausgestattet annehmen, wenn er sich der Dominanz
von Darstellung und Erzählweise eines Textes entzieht und seine
eigene Interpretation dem Aufspüren von Autorintentionen vorzieht,
führt Adair in derart ad absurdum.
Ein
Text ist ein Text und hat einen Autor
Richtet sich Adair in diesem strukturellen Dementi direkt gegen die
Theorien vom Tod des Autors, zeigen viele Details des Romans, dass er
sich nicht nur gegen die Vertreter des Autortodes wendet, die biographische
Bezüge zwischen Text und Autor negieren, sondern besonders gegen
die radikalen Vertreter, die zugleich mit der schreibenden Person jeden
sozialen, kulturellen und historischen Bezug, auf die Texte aufgrund
von Zeit und Raum ihrer Entstehung referieren können, tilgen möchten.
Diese Theorie intertextueller Selbstbezüglichkeit von Texten, bei
der es ähnlich einem abgeschlossenen Universum ungerechtfertigt
ist den Text in ein Verweissystem außertextlicher Bezüge
einzuordnen, führt Adair auf den letzten Seiten seines Romans einem
Gnadenstoss gleich und durchaus humorvoll in die Abgründe der Sinnhaftigkeit.
Nachdem Leopold Sfax von seinem Schüler ermordet wurde, versucht
dieser den Mord als Selbstmord zu tarnen, indem er die Geschichte von
Sfax Pariser Kollaborationsjahre in dessen Computer tippt und sie zu
einer enormen Gewissenslast ausweitet, die Sfax nicht länger habe
ertragen können und sich deswegen umgebracht habe. Aufgrund des
nur schlecht nachgeahmten Schreibstils von Sfax fliegt der Mörder
schnell auf und wird verhaftet. Zwischen den Anhängern und Gegnern
der einflussreichen Sfaxschen Literaturtheorie beginnt eine große
Debatte um Sfax Vergangenheit, die Integrität seiner Person und
um die Frage, inwieweit die von dem Mörder getippte Biographie
Glaubwürdigkeit besitzt. Zur Rettung ihres Lehrers versuchen Sfax'
Schüler mit Hilfe der Theorie' den Texten jede inhaltliche
Richtigkeit abzuerkennen, indem sie das chronologisch richtige Argument
hervorholen, dass Sfax seine eigene Ermordung, wie sie der Leser des
Romans liest und wie sie als Text offensichtlich bei den polizeilichen
Ermittlungen auf dem Computer von Sfax gefunden wurde, nicht aufschreiben
konnte, da er schließlich irgendwann tot war. In Verbindung mit
dem Argument, dass in Texten generell keine Aussage über außertextliche
Wirklichkeiten gefunden werden bzw. dass diese als solche nicht qualifizierbar
seien, wird dies zum zentralen Argument, dass keiner einzigen Aussage
in den gefundenen biographischen Texten, egal ob sie vom Mörder
oder von Sfax geschrieben wurden, irgendeine inhaltliche Wahrheit zukommen
kann.
So richtig diese Beobachtung auf dem ersten Blick scheint, entzieht
sie in ihrer Konsequenz jeder Rezeptionstheorie über die Intertextualität
und Selbstbezüglichkeit von Texten den Boden unter den Füßen,
weil vor diesem Hintergrund Texte überhaupt bedeutungs- und aussagenlos
werden. Das heißt, egal was sie enthalten, es verbietet sich sie
außerhalb sprachlicher Selbstbezüglichkeit als sinnvoll anzunehmen.
Wieso dann überhaupt noch Texte schreiben? Neben dieser argumentativen
Verabschiedung aller Versuche, den Autor eines Textes für unwichtig
zu befinden, richtet Adair mit dieser zum Schluss des Romans einen Höhepunkt
an Verwickelung erreichenden Gleichzeitigkeit von theoretischem und
realem Tod des Erzählers, mit dem scheinbar über den Geschehnissen
schwebenden, aber zugleich in sie verstrickten allwissenden Erzähler
und mit der immer mehr verwischenden Linie zwischen Erzähler-Biographie
und Fiktion ein solches Durcheinander an, dass man als Leser jede Theoriebildung
über Autorschaft am liebsten wegschließen würde. Dass
der Autor Sfax dann nicht nur literaturtheoretisch ausgeräumt wird,
sondern narrativ-real stirbt und in der Folge - ganz theorieimmanent
- seine biographischen Texte zu einem geschlossenen, schwebenden Universum
werden, die ohne Biographie sind, weil diese real und literaturtheoretisch
verstorben ist, führt die Theorien vom Tod des Autors schlussendlich
in die Bedeutungslosigkeit.
Es war
einmal ein Autor, der lebte in Paris.
Was von diesem Roman bleibt, ist sein Autor und das Gefühl des
Lesers, dass die Achterbahn durch die Theorielandschaft von Autorschaft,
Text und Leser gerade entgleist ist. Und mit einem lauten Knall bricht
das so behutsam unter großen Sicherheitsmaßnahmen konstruierte
Gestänge der Achterbahnanlage gleich mit zusammen, sobald man den
kleinen Hinweis erhält, dass Leopold Sfax ein von Adair eingesetztes
alter ego von Paul de Man ist, der tatsächlich unter dem Pseudonym
Hermes im NS-besetzten Paris kollaborierende Artikel schrieb, nach Kriegsende
in die USA auswanderte und dort zu einem bekannten Literaturtheoretiker
avancierte, der sich mehr als kritisch mit der Bedeutung der Autorbiographie
für Textinterpretation auseinandersetzte. Bei aller skeptischen
Zurückhaltung diesem Roman und seinem Versuch gegenüber, die
Theorien vom Tod des Autors im überspitzenden Tonfall vernichten
zu wollen, zeigt sich spätestens hier, dass trotz aller gegenläufigen
Behauptungen die Präsenz des Autors für den Text physisch
und theoretisch relevant ist und dass es entsprechend doppelt sinnlos
ist, den Autor unbedingt sterben lassen zu wollen.
Auf einer sehr basalen Ebene zeigt der Roman erstens, dass alle Bemühungen
die strukturelle und inhaltliche Prägung eines Textes durch seinen
Autor verneinen zu wollen nicht funktionieren können, weil Texte
nun einmal einen Autor haben. Als Schreiber von Wortfolgen, die der
Leser erst noch lesen muss, ist der Autor immer präsent und jeder
Versuch dies zu leugnen kommt dem Rennen gegen eine Mauer gleich. In
diesem Sinn fliegt der Mörder von Leopold Sfax auf, weil er eben
den Stil seines Opfers, die Typik der Kombination von Wort- und Gedankenäußerungen
nicht nachahmen kann und so als falscher Autor' enttarnt wird.
Ergänzend zu diesem Beharren auf der unbedingten Erkennbarkeit
des Autors führt der Roman auf der Ebene der Erzähltechnik
vor, dass der Autor alleine schon als derjenige, der dem Leser erst
etwas zu lesen gibt, allgegenwärtig ist: Einander abfolgend enthüllt
er unterschiedliche Versionen der Biographie von Sfax und lässt
den Ich-Erzähler auch nach seinem Tod über die eigene Beerdigung
und Nachrufe erzählen, ohne dass der Leser sich gegen diese Erzählweise
sperren kann - legt er das Buch nicht gleich ganz weg.
Viel wichtiger aber ist der zweite Aspekt: Durch die direkte Parallele
der Romanfigur zu den tatsächlichen Geschehnissen um und mit Paul
de Man führt Adair die Dimension der Autorintention wieder in die
Diskussion und damit auch in den Text ein. Mit dem Autor bekommt jeder
Text eine Intention, die Grund seiner Entstehung ist. Das heißt
nichts anderes, als dass ein Text in Reaktion auf und Diskussion mit
anderen Texten entsteht, für etwas plädiert und sich auch
gegen etwas richtet. Will man dies nun aber nicht als puren und dumm-polemischen
Revisionismus verstehen, der das Text-Lesen auf die Suche nach dieser
ursprünglichen Autorintention reduzieren will, ist es sinnvoll
die Unterscheidung zwischen der Präsenz des Autors im Text als
seiner Möglichkeitsbedingung und die Berücksichtigung dieser
Präsenz in der Textrezeption einzuführen. Denn es sind zwei
verschiedene Dinge ein Wissen um die Absicht und die Gegnerschaft eines
Textes zu haben und den Text in einem zweiten Schritt auf seinen tatsächlichen
Inhalt hin zu analysieren (bzw. auf das, was der Interpret jeweils als
drinstehend behauptet). Das heißt, als Leser kann ich mir über
außertextliche Haltungen des Autors, die in den Text eingeflossen
sind, bewusst sein und diese suchen und, wenn sie meinem Anliegen förderlich
sind, in meiner Analyse kritisch einbeziehen. Aber ich muss es nicht.
Das befreit mich als Leser von der Pflicht den Autor als intentionalen
Kompositeur im Blick halten zu müssen, ohne dass ich ihn zugleich
zwingend verabschieden müsste. Genau diese Offenheit in der Berücksichtigung
des Autors, die den Leser gegenüber dem Autor insofern ermächtigt,
als es seinem Urteilsvermögen überlassen bleibt, inwieweit
er Autor, Autorbiographie und vermeintliche Autorintention berücksichtigt,
praktiziert der Roman in seiner Gesamtanlage. Leopold Sfax interpretiert
seine Karriere als Versuch seine Biographie von seinem gegenwärtigem
Theoretikerdasein abzuschneiden in einem Tonfall der Müßigkeit
und Belanglosigkeit, der an der Aufrichtigkeit des Gesagten Zweifel
erweckt. Wenn man dann noch beachtet, dass diese Geschichte biographische
Bezüge zu Paul de Man hat, landet man inmitten einer unwiderruflichen
Abgründigkeit: Kann man Leopold Sfax/ Paul de Man unterstellen,
dass sie berühmte Theoriemörder des Autors wurden, weil sie
ihre Vergangenheit als Nazi-Autor loswerden wollten oder ist das nur
purer Zufall und muss man unbedingt das Denken eines Menschen von seinen
anderen täglichen Verrichtungen abkoppeln? Und was bedeutet es
für das Leseerlebnis, wenn man gar nicht weiß, dass der Roman
nicht nur Roman ist, sondern einen historisch rekonstruierbaren Fall
aufnimmt? Darauf weiß ich als Leser keine Antwort, Adair als Autor
genauso wenig, aber wild spekulieren können wir alle Male und Adair
kann dem noch einige abgründige Verwirrungen hinzufügen, die
seine Kollegen von der Theorie nicht ins beste Licht rücken. Was
bleibt, sind zwei Dinge: Zum einen die Ahnung, dass man Aussagen über
Absichten von Texten mit Bedacht äußern sollte. Zum anderen
die sinnvolle Unterscheidung zwischen Person und Funktion des Autors.
Auch wenn beide in einen Text einfließen, kann über das Gewicht
der ersten im Text nur spekuliert werden. So bleibt für die Rezeption
eines Textes nur die Funktion eines erzählenden, Zusammenhänge
herstellenden Schreibers in dem sehr einfachen Sinn bedeutsam, dass
der Text dadurch Lesbarkeit, Kohärenz und einen thematischen Ausschnitt
erhält, mit dem der Leser arbeiten kann - das Einstellen des Textes
in übertextuelle Verweis- und Ordnungssysteme bleibt einzig beim
Leser und zwar bei jedem Leser anders.